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N ATA L I E M E Y ER • Wenn das Leben mir Zitronen schenkt


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N ATA L IE ME Y ER

Wenn das Leben mir Zitronen schenkt Wie ich lerne, das mit der Limo Gott zu überlassen


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abruf bar. © 2020 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Agentur 3Kreativ, Essen, unter Verwendung eines Bildes von © Talirina (shutterstock.com) Lektorat: Anja Lerz, Duisburg DTP: Magdalene Krumbeck, Wuppertal Verwendete Schrift: Scala Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o. Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-6738-8 Print ISBN 978-3-7615-6739-5 E-Book www.neukirchener-verlage.de


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Inhalt Vorwort (André Meyer, Pastor des Leipzigprojekts)

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Ein paar Worte zu Beginn

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1.

Strenge Blicke

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2.

»Wovon wollt ihr leben?«

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3.

Gebundene Hände

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4.

Mein Feind, der Prüfer

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5.

Traumjob in Gefahr

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6.

Mut zur Ruhe

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7.

Nagende Ungewissheit

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8.

Kleine Kinder, kleine Sorgen

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9.

Schritte ins Ungewisse

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10. Wunderbar gemacht?!

107

11.

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Unter Leuten und dennoch allein

12. Ich bin nicht eingeladen

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13.

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Gedanken von der Seitenlinie

14. Widrige Umstände

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Ein paar Worte zum Schluss

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Danke

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Quellen

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Vorwort von André Meyer, Pastor des Leipzigprojekts

Man tri¤t sie nicht mehr häufig – gläubige Menschen. Sie sind sozusagen etwas Besonderes geworden. Und für die meisten, die ich tre¤e, ist der Glaube oft eine besondere Angelegenheit. Nicht zwangsläufig besonders in dem Sinne, dass er besonders wichtig wäre. Eher besonders, weil der Glaube an Gott besondere Orte und Zeiten hat. Das Gottvertrauen hat am Sonntag von 10 bis 12 Uhr einen Termin auf der Kirchenbank. Wir wissen, wo wir Gott finden, sollten wir ihn mal brauchen. Aber wir erwarten ihn nicht außerhalb der üblichen Tre¤punkte. Natalie Meyer schreibt von etwas ganz anderem. Von einem Glauben, der besonders ist, weil er eben nicht besonders ist. Ein Gottvertrauen, das seltsamerweise alltäglich ist. Der Gott, dem Natalie ihr Vertrauen schenkt, ist zu allen Zeiten und in jeder Lage Teil ihres Lebens. Ich kenne Natalie seit ungefähr 14 Jahren und weiß, dass ihr Glaube in jedem Lebensbereich eine Rolle spielt. Ihre Beziehung zu Gott ist so erfrischend, weil sie so normal und selbstverständlich für Natalie ist. Das, wovon sie schreibt, ist alltagstauglich. In den folgenden Kapiteln sind daher keine Heldengeschichten oder großen Wunderberichte zu erwarten, die jedem die Sprache verschlagen. Enttäuscht wird auch jeder, der eine Anleitung dafür sucht, wie man über Wasser läuft. Vielmehr berichtet dieses Buch von einer echten Beziehung 7


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mit dem Gott, der unser ganzes Vertrauen verdient. Natalie erzählt authentisch davon, wie sie immer wieder (und immer noch) lernt, in jeder Situation im Glauben einen Schritt mit Jesus zu gehen. Es gibt andere ergreifende Bücher darüber, wie Gott seine Kinder auch in unvorstellbarem Leid nicht allein lässt oder darüber, wie Glaube sich angesichts aussichtloser Situationen dennoch spektakulär behauptet hat. Die folgenden Kapitel sind jedoch nicht deshalb wichtig, weil die darin beschriebenen Ereignisse so einmalig sind. Vielmehr sind sie wichtig, weil sie anwendbar sind. Gott zu vertrauen ist nicht nur in seltenen Ausnahmesituationen wichtig. Tatsächlich ist heldenhafter Glaube nur dort zu finden, wo er vorher im ganz normalen Leben eingeübt wurde. Es ist der Glaube, der Gott bei Problemen auf der Arbeit, bei Fragen der normalen Lebensplanung, bei der Kindererziehung oder beim Umgang mit alltäglichen Konflikten sucht und auf den ein Mensch in den bedeutenden Momenten zurückgreifen kann, wenn es darum geht, Berge zu versetzen. Eben weil dieser Glaube stetig gewachsen ist und dadurch auf eine Fülle von Beweisen für Gottes Treue zurückgreifen kann. Insofern sollte man sich beim Lesen dieses Buches in Acht nehmen: Gerade weil die Situationen, von denen Natalie schreibt, jeden von uns betre¤en können, fordern sie uns heraus, über unser eigenes Glaubensleben nachzudenken. Gott zu vertrauen bedeutet, die ganze Welt mit völlig neuen Augen zu sehen, weil man versteht, wer diese Welt in der Hand hat. Es bedeutet, das ganze Leben neu auszurichten, weil nicht mehr alles an einem selbst, sondern an Ihm hängt. Dieser Glaube ist kein Wunschdenken, sondern ein Vertrauen auf den, der mit einem geht. Dieser Glaube verändert alles, weshalb niemals auf ihn verzichtet werden kann. Dieser Glaube sollte normal sein und ist darum etwas ganz Besonderes. 8


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Ein paar Worte zu Beginn »Vertrauen ist die stillste Art von Mut.«1

Mit dem Vertrauen ist es so eine Sache. Manch einer mag der Überzeugung sein, Vertrauen sei gut, Kontrolle jedoch besser. Ist ein Mensch, der vertraut, naiv? Schaltet man seinen Verstand aus, sobald man sich für Vertrauen entscheidet? Ich würde behaupten, dass jeder von uns in seinem täglichen Leben auf irgendetwas oder jemanden vertraut. Der Autofahrer vertraut darauf, dass die Bremsen funktionieren. Der Angestellte vertraut Jeder von uns setzt sein Vertraudarauf, dass sein Arbeitgeber mo- en in Dinge oder Menschen. natlich das vereinbarte Gehalt zahlt. Jeder von uns setzt sein Vertrauen in Dinge oder Menschen. Täten wir dies nicht, würde unser alltägliches Leben unnötig kompliziert. Dennoch kann es passieren, dass unser Vertrauen enttäuscht wird. Dinge funktionieren vielleicht nicht wie erwartet oder Menschen brechen ein Versprechen, das sie einst gegeben haben. Aber wie stehen wir zur Frage, ob Gott vertrauenswürdig ist? Ich habe einen sehr gemischten Freundes- und Bekanntenkreis. Manche von ihnen würden sich diese Frage überhaupt nicht stellen. Entweder existiert Gott für sie nicht oder er spielt 9


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(bisher) keine Rolle in ihrem Leben. Andere können auf diese Frage keine eindeutige Antwort (mehr) finden, weil sie womöglich Dinge erleben mussten, die ihren Glauben an einen guten Gott erschüttert haben. Wieder andere meiner Freunde würden klar bejahen, dass sie Gott vertrauen können. Ich kenne jeden dieser Zustände. Mehrere Jahre meines Lebens interessierte ich mich nicht für Gott. Eines Tages jedoch begab ich mich auf die Suche nach ihm und machte schließlich eine Erfahrung, die sowohl mein Gottesbild als auch mein ganzes Leben auf den Kopf stellte. Von einem Moment auf den anderen entschied ich mich, meine Ho¤nung und mein Vertrauen auf Jesus zu setzen. Diese Entscheidung erforderte eine gewisse Portion Mut und änderte alles. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich die Frage, ob Gott vertrauenswürdig ist, mit Ja beantworten. Seitdem sind knapp zwanzig Jahre meines noch recht jungen Lebens vergangen, in denen vieles schön, aber nicht alles rosarot war. Ein bekannter Spruch lautet: »Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, dann mach Limonade draus!« Manche Lebensumstände fühlten sich tatsächlich an wie saure Zitronen, in die ich lieber nicht beißen wollte. Ich habe mich des Öfteren gefragt, ob Gott mich trotzdem liebt und ich ihm wirklich vertrauen kann. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass manch anderer in dieser Hinsicht viel stärker herausgefordert war als ich. Und dennoch bin ich überzeugt, dass Gott vertrauenswürdig ist. Vielleicht bist du Christ und ebenfalls dieser Meinung. Möglicherweise geht es dir jedoch ähnlich wie mir und du beobachtest trotz dieser Überzeugung eine Diskrepanz: Obwohl ich theoretisch glaube, dass ich Gott vertrauen kann, passt meine alltägliche Praxis häufig nicht zu dieser Überzeugung. Wenn ich mit Schwierigkeiten konfrontiert bin, die mir wie ungenießbare Zitronen erscheinen, oder wenn am Ende die süße »Limo10


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nade« ausbleibt, komme ich schnell ins Zweifeln: »Wieso lässt du das zu, Gott?« Ich hinterfrage Gottes Allmacht oder seine Liebe zu mir. Zur gleichen Zeit weiß ich theoretisch, dass ich Gottes gute Wege manchmal schlichtweg nicht verstehen kann. Wie gehe ich mit dieser Diskrepanz und meinen Zweifeln um? Kann ich Gott auch dann vertrauen, wenn er anders handelt, als ich es mir wünsche? Ist es möglich, ihm jeden Lebensumstand anzuvertrauen und wenn ja, wie? In diesem Buch beschreibe ich ehrlich mein persönliches Ringen um Gottvertrauen in verschiedenen Situationen meines Lebens. Hierbei empfand ich Vertrauen nie als etwas Passives, sondern stets als einen »entschlossenen Akt der Seele«, der Mut erfordert und mich immer wieder an meine eigenen Grenzen gebracht hat und immer noch bringt. Ich musste feststellen, dass mein Vertrauen in den meisten Fällen nicht ausreicht. Aber gleichzeitig durfte ich erleben, dass Jesus darüber nicht überrascht oder gar enttäuscht ist, sondern mich mit o¤enen Armen empfängt. Mein Gebet ist, dass dieses Buch dich ermutigt, dein Vertrauen gemeinsam mit mir auf diesen Jesus zu setzen. Zum ersten oder zum hundertsten Mal. Ihm zu vertrauen, erfordert Mut: Sind wir bereit, ihm die Entscheidung zu überlassen, aus den sauren Zitronen unseres Lebens entweder süße Limonade zu machen oder uns stattdessen etwas anderes zu geben? Ich bin überzeugt, dass Jesus gern bereit ist, uns diesen Mut zu schenken, wenn wir ihn aufrichtig darum bitten.

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1. Strenge Blicke »All unser Bemühen muss zu jenem entscheidenden Augenblick führen, in dem wir uns Gott zuwenden und sagen: ›Du musst es tun! Ich kann es nicht!‹« 2

Ich sitze allein auf dem Sofa. Alles sieht aus wie immer. Das Wohnzimmer meiner Eltern ist aufgeräumt. Die unzähligen Zimmerpflanzen, deren sattes Grün ich so mag, sorgen für eine gemütliche Atmosphäre. Doch in meinem Inneren ist überhaupt nichts aufgeräumt. Ich bin aufgewühlt. Es muss dringend etwas passieren! Von den anderen werde ich als ausgeglichener und lebensfroher Teenager wahrgenommen. Innerlich jedoch fühle ich mich unvollständig. Ich habe den Eindruck, in einer Art Isolation zu leben. Nicht getrennt von Menschen, aber von Gott. Meine Eltern besuchen regelmäßig einen Gottesdienst. Seit meiner Einschulung nehmen sie mich mit. Sonntag für Sonntag sitze ich dort zwischen Erwachsenen, denn ein spezielles Programm für Kinder oder Teenager gibt es nicht. Vom Gesagten verstehe ich nur wenig. Ich glaube theoretisch, dass es einen Gott gibt. Doch wenngleich ich seine Existenz nicht prinzipiell anzweifle, habe ich keine konkrete Vorstellung von ihm. Vielmehr schwirren di¤use Bilder von Gott in meinem Kopf 13


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umher. Meiner vagen Vorstellung nach könnte er der Schöpfer dieser Welt sein, der ihren Werdegang von Zeit zu Zeit kritisch beäugt und sich anschließend wieder zurückzieht. Vielleicht irre ich mich aber auch, mag sein, denn wenn ich ehrlich bin, kenne ich Gott schlichtweg nicht. Habe ihn bisher nirgends getro¤en – weder im Gottesdienst noch in meinem Elternhaus. Was ich aber kenne, sind einige biblische Geschichten. Speziell die Erzählungen von Jesus lassen mich vermuten, dass dieser eine besondere Person gewesen sein muss. Vielleicht war er sogar Gott? Wir leben gewissermaßen nebeneinander her, dieser Gott und ich. Und das ist auch vollkommen in Ordnung für mich. Bis ich mit dreizehn plötzlich Fragen habe. Viele Fragen: Was für ein Gott ist das? Ist er gut? Hat er irgendetwas mit mir persönlich zu tun? Ist meine Gleichgültigkeit ihm gegenüber legitim? Eine innere Stimme drängt mich, tiefer zu graben und nach Antworten zu suchen. Deshalb habe ich mir vor einigen Wochen eine Bibel geschnappt. Ich muss einfach wissen, was es wirklich mit diesem Gott auf sich hat und ob er etwas mit meinem Leben zu tun haben könnte. So fange ich an, zu lesen. Am Anfang der Bibel erfahre ich, dass Gott die beiden ersten Menschen schuf und sie in einen Garten setzte. Dieser war ein perfekter Ort und ihr Zuhause, denn Gott wohnte bei ihnen. Ich lese, dass Gott ihnen erlaubte, von allen Bäumen zu essen, mit Ausnahme eines einzigen. Doch statt all das Gute zu sehen, zweifelten die ersten Menschen an Gottes Liebe: »Wie kann er uns etwas vorenthalten? Wir wollen selbst entscheiden, was gut für uns ist und unabhängig sein!« Sie beschlossen, Gott und seiner liebevollen Fürsorge nicht zu vertrauen. Indem sie die verbotene Frucht aßen, nahmen sie ihr Leben stattdessen selbst in die Hand. Dieser Verstoß gegen Gottes Regel hatte jedoch gravierende Folgen. Gott vertrieb die 14


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ersten Menschen aus dem Garten. Sie verloren ihr Zuhause und bekamen, was sie verlangt hatten: ein Leben ohne die Gemeinschaft mit Gott. Von nun an waren sie getrennt von ihrem Schöpfer und somit Heimatlose. Obwohl ich diese Erzählung bereits kenne, sehe ich sie plötzlich mit anderen Augen. Mir wird klar, dass diese Geschichte meine eigene ist. Denn ebenso wie die ersten Menschen lebe auch ich frei und unabhängig von meinem Schöpfer. Ich gehe davon aus, ihn nicht zu brauchen, und verhalte mich ihm gegenüber gleichgültig. Gott spielt keine Rolle in meinem Leben. Doch eben diese Unabhängigkeit und meine vermeintliche Freiheit sind der Grund für die Isolation, die ich aktuell spüre. Nach und nach fügt sich das Gelesene mit meinen Erfahrungen zu einem stimmigen Bild zusammen. Ich bin tatsächlich von Gott getrennt. Wenn die Bibel wahr ist und er mich gescha¤en hat, macht meine Unabhängigkeit mich zum Waisenkind. Ich bin heimatlos. Meine gefühlte Isolation ist Realität! Wenn diese Geschichte ganz am Anfang der Bibel steht, kann sie noch nicht das Ende sein!, denke ich. Und wirklich: Beim Weiterlesen erfahre ich, dass Gott derjenige ist, der die Initiative ergreift und den Menschen immer wieder nachgeht. Der sie nicht aufgibt, sondern die zerbrochene Beziehung wiederherstellen möchte. So gibt er ihnen unter anderem viele Jahre später Regeln Beim Weiterlesen erfahre ich, für ein gutes Leben an die Hand. dass Gott derjenige ist, der die Ernüchtert muss ich jedoch fest- Initiative ergreift und den Menstellen, dass es mir ebenso wenig schen immer wieder nachgeht. wie den Menschen der damaligen Zeit gelingt, alle Regeln zu befolgen. Obwohl ich keine besonders schlimmen Dinge getan habe, scheine ich in Gottes Augen dennoch kein guter Mensch zu sein. Jedes böse Wort oder sogar 15


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der kleinste Gedanke des Neides sind bereits Regelverstöße. Diese Erkenntnis beunruhigt mich zunehmend. Zudem gibt es in der Kirche, die ich mit meinen Eltern besuche, unzählige zusätzliche Regeln, die sich insbesondere auf Äußerlichkeiten beziehen wie beispielsweise die Kleidung. Die Sinnhaftigkeit dieser Regeln kann ich in den meisten Fällen nicht erkennen und doch wird ihre Einhaltung von einigen besonders strengen Menschen genauestens kontrolliert. Bisher fühlte ich mich nur sonntags beobachtet und von ihren prüfenden Blicken verfolgt. Kam ich vom Gottesdienstbesuch nach Hause, war ich wieder frei. Jetzt sehen sie mich nicht mehr!, dachte ich dann oft und schlüpfte erleichtert aus meinem Sonntagskleid. Meine Erfahrungen in der Kirche haben mir also ein spezielles Gottesbild vermittelt. In meiner Vorstellung ist er ein mindestens ebenso strenger und akribischer Regelhüter wie die entsprechenden Menschen in unserer Kirche. Bei meiner Suche nach Antworten erkenne ich nun, dass der Gott der Bibel tatsächlich in einer gewissen Weise streng ist. Da jede einzelne seiner Ich beginne zu verstehen, dass sich dieser Gott nicht für Äußer- Regeln sinnvoll und gut ist, kann ihm ihre Missachtung nicht lichkeiten interessiert, sondern für meine Gedanken und Motive. gleichgültig sein. Gott ist zudem von seinem Wesen her gerecht. Moralisch vollkommen. Daher kann er weder Ungerechtigkeiten noch unmoralisches Verhalten tolerieren. Ich beginne zu verstehen, dass sich dieser Gott nicht für Äußerlichkeiten interessiert, sondern für meine Gedanken und Motive. Dieser Gedanke beunruhigt mich fast so sehr wie die Tatsache, dass diesem Gott laut der Bibel nichts entgeht. Er sieht mich, auch wenn ich den prüfenden Blicken von Menschen schon längst ent16


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schwunden bin. Gott kennt sogar meine leisesten Gedanken und damit jeden Abgrund meiner Seele. Diese Erkenntnis erschreckt mich und erschüttert meine Welt: Ich stehe nicht nur sonntags unter Beobachtung, sondern jede Sekunde. Wenn Gott gerecht ist und zudem alles weiß, dann habe ich ein Problem! Seit einigen Wochen kämpfe ich nun mit genau dieser Angst. Sie beraubt mich meiner Freude und will mir die Luft zum Atmen nehmen. Ich fühle mich beobachtet und immer wieder auch ertappt. Ertappt und verurteilt wegen meiner Unfähigkeit, den hohen Ansprüchen eines gerechten Gottes zu genügen. All meine Versuche, gut zu sein, sind gescheitert. Ich fühle mich schlechter und ungenügender als jemals zuvor in meinem Leben: »Niemand weiß, wie schlecht er ist, bevor er nicht ernsthaft versucht hat, gut zu sein.«3 Diese Worte von C. S. Lewis bringen meinen derzeitigen Zustand auf den Punkt. Und hier sitze ich nun. Auf dem Sofa, nur umgeben von Zimmerpflanzen. Allein und verzweifelt aufgrund der Erkenntnis, dass der gerechte Gott mit meiner Leistung kaum zufrieden sein kann. Ich starre auf den Bibelvers in einer dünnen Zeitschrift. Kann es wahr sein, was ich da lese? »So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.« 4 Das alte Deutsch klingt sonderbar, aber unter »Verdammnis« kann ich mir dennoch etwas vorstellen. Wie ein tonnenschweres Gewicht spüre ich sie seit Wochen auf mir lasten. Ich fühle mich verdammt. Vom gerechten Gott zu Recht verurteilt aufgrund dessen, was ich getan oder unterlassen habe. Aber will mir dieser Bibelvers etwa sagen, dass es möglich ist, dieser Verdammnis zu entgehen? Gibt es tatsächlich eine Chance, befreit zu werden? Ohne Angst zu leben? Was heißt es, »in Christus Jesus zu sein«? Ich muss das unbedingt herausfinden!

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Aber woher kommt eigentlich diese Zeitschrift in meinen Händen? Ich weiß, dass meine Großmutter sie kürzlich abonniert hat. Seither schickt eine Hamburger Kirche ihr die Heftchen kostenlos nach Hause. Meine Großmutter muss diese Ausgabe meinen Eltern zugesteckt haben, die sie wiederum auf den Wohnzimmertisch legten. Nun bin ich darin auf eine abgedruckte Predigt gestoßen. Das vorangestellte Verdammnis-Zitat hat mein Interesse geweckt. Neugierig beginne ich zu lesen. Die Predigt scheint wie für mich geschrieben. Gott habe hohe Ansprüche an uns Menschen. Uns gelinge es nicht, seine Regeln einzuhalten. Aufgrund dessen haben wir eine Verurteilung und sogar Strafe verdient. Beim Lesen dieser Worte ist sie wieder ganz real: Meine Furcht vor dem gerechten Gott lässt mich innerlich erzittern. Gleichzeitig halte ich die Luft an, denn ich ahne, dass diese Botschaft nicht das traurige Ende vom Lied ist. Sie könnte vielmehr wie die Diagnose eines Arztes sein: erschütternd, aber dennoch von großer Wichtigkeit und Bedeutung. Vielleicht muss ich erst das ganze Ausmaß meiner »Krankheit« erkennen, um ein passendes Heilmittel zu finden. Ich werde immer unruhiger. Wenn der Bibelvers vom Anfang wahr ist, könnte es tatsächlich Ho¤nung geben. Einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit, der etwas mit Jesus zu tun hat. Und dann lese ich von ihm. Davon, dass dieser Jesus genau das tat, woran ich kläglich scheitere: Im Gegensatz zu mir hat er jede Forderung Gottes erfüllt. Ist jedem Anspruch gerecht geworden, indem er ein moralisch einwandfreies Leben führte. Indem er stets das Richtige tat. Damit ist Jesus so anders als ich. Meine Neutralität ihm gegenüber beginnt einer gewissen Bewunderung zu weichen. Wieso ist Jesus so anders?

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Beim Weiterlesen erfahre ich, dass er kein gewöhnlicher Mensch war, sondern vollkommen Mensch und vollkommen Gott. Zur gleichen Zeit. Ich verstehe nicht, wie das möglich ist, lese aber dennoch weiter. Da Jesus Gott ist, konnte er im Gegensatz zu mir alle Jesus ist derjenige, der WaisenRegeln Gottes erfüllen. Zugleich kinder sucht und nach Hause war er aber auch ein Mensch, wo- bringen möchte. durch er sich mit uns Menschen identifizieren kann. Mit mir. Jesus versteht meine Kämpfe. Mir stockt der Atem. Bisher habe ich ihn in erster Linie für einen vorbildlichen Menschen gehalten. Wenn Jesus allerdings auch Gott ist, muss ich mein Gottesbild noch mehr korrigieren. Der Gott der Bibel ist dann nicht ausschließlich streng und furchteinflößend. Ich erkenne plötzlich, dass Jesus in besonderer Weise die Liebe und das Mitgefühl Gottes verkörpert. Er ist derjenige, der Waisenkinder sucht und nach Hause bringen möchte. Kann er das auch für mich tun? Und wenn ja, wie? Ich lese, dass dieser Jesus ans Kreuz genagelt wurde, obwohl er unschuldig war. Davon habe ich bereits gehört. Neu ist für mich jedoch die Aussage, dass er dort stellvertretend für Menschen gestorben ist. Um ihre Schulden zu übernehmen – die vergangenen wie die künftigen. Um die Verdammnis zu tragen, die ich seit Wochen spüre. Durch sein perfektes Leben war Jesus ohne Schuld. Schuld-los. Sein Lebenskonto weist ein Plus auf, meins hingegen ein dickes Minus. Somit ist er als Einziger in der Lage, meine Schulden zu übernehmen. Für alles zu bezahlen, was ich verschuldet habe. Für mein Versagen, Gottes Ansprüchen gerecht zu werden. Für mein Desinteresse an meinem Schöpfer. Für meinen Wunsch nach Unabhängigkeit. Voller Staunen lese ich, dass Jesus nicht nur theoretisch hierzu in der Lage war, sondern es auch tat. Am Kreuz ließ er 19


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sich stellvertretend für all jene verurteilen und bestrafen, die an ihn glauben. Freiwillig und aus Liebe bezahlte Jesus für die Schuld all derer, die ihm vertrauen. Ich spüre, wie die tonnenschwere Last der Verdammnis auf meinen Schultern ins Wanken gerät. Es gibt tatsächlich Ho¤nung! Wenn Jesus meine Schulden bezahlen würde, wäre mein Konto ausgeglichen. Ich müsste keine Verdammnis oder Strafe mehr befürchten, denn: Ein gerechter Gott kann eine beglichene Schuld nicht erneut einfordern. Ich werde immer aufgewühlter. Was muss ich also tun, damit Jesus meine Schulden übernimmt? Die Antwort verblü¤t mich: »Wenn hingegen jemand, ohne irgendwelche Leistungen vorweisen zu können, sein Vertrauen auf Gott setzt, wird sein Glaube Jesus zu vertrauen kostet Mut ihm als Gerechtigkeit angerechund Überwindung. Ich muss net, denn er vertraut auf den, der meinen Stolz überwinden. uns trotz all unserer Gottlosigkeit für gerecht erklärt.«5 Ich muss nur glauben und vertrauen. Ist das alles? Brauche ich ansonsten nichts zu tun? Diese Antwort klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Zu einfach. Aber vielleicht ist genau das der springende Punkt. Bevor ich meinen Glauben und mein Vertrauen auf Jesus setzen kann, muss ich mir meiner Schulden bei dem gerechten Gott bewusst werden. Ich muss zudem meine Unfähigkeit anerkennen, diese selbstständig zu begleichen. Diese Erkenntnis ist schmerzlich und kommt einer Kapitulation gleich. Jesus zu vertrauen, kostet Mut und Überwindung. Ich muss meinen Stolz überwinden. Aber hier auf dem Sofa bin ich erstmalig und felsenfest davon überzeugt, dass dieser Weg der einzig richtige ist. Dass Jesus der einzige Weg ist. Ich sehe ihn zweifellos als Ausweg aus 20


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meinem Verdammnis-Problem und aus meiner Isolation von Gott. Er allein kann mich wieder nach Hause bringen. Ich lese die Predigt zu Ende. Am Seitenrand stoße ich auf einen Kasten. Dieser enthält einen Vorschlag für ein Gebet. Fremde, vorformulierte Worte, die dennoch ziemlich genau ausdrücken, was ich in diesem Moment empfinde. Und so mache ich sie zu meinen eigenen. Ich spreche sie laut und ernst und richte sie direkt an Jesus. Es fühlt sich ungewohnt an, das zu tun. Dieses ist wohl mein erstes richtiges Gebet. Denn im Gegensatz zu manch einem Stoßgebet in der Vergangenheit ist das hier von echter Bedeutung. Für mich geht es um alles. Mit diesem Gebet vertraue ich Jesus mein Leben an und somit das Wertvollste, was ich habe. Ich vertraue es ihm an und ho¤e dabei inständig, dass er wirklich hält, was er verspricht. In meinem Gebet drücke ich aus, dass ich nicht länger aus eigener Kraft versuchen möchte, Gottes Forderungen zu erfüllen. Ich kapituliere und setze stattdessen all meine Ho¤nung auf Jesus. Ich vertraue darauf, dass er meine Schulden begleicht. Als ich das Gebet mit einem Amen beende, passiert das Unglaubliche: Urplötzlich fällt die quälende, erdrückende Last von meinen Schultern. Jene, die mich seit Wochen quält. Meine Angst vor Verdammnis und die Furcht vor dem prüfenden, strengen Blick Gottes sind verschwunden. Stattdessen spüre ich eine tiefe Ruhe. Ich bin erfüllt von einem inneren Frieden, den ich bisher nicht kannte. War ich zuvor ein Waisenkind, bin Dessen Existenz ich nicht einmal ich nun eine geliebte Tochter erahnt habe. In diesem Moment Gottes. bin ich mir ganz sicher: Jesus enttäuscht mich nicht! Ihm kann ich wirklich vertrauen. Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran, dass meine Schulden ein für alle Mal beglichen sind. Erstmalig fühle ich mich im Reinen 21


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mit Gott und kann diese Versöhnung fast physisch spüren. Jesus beendet meine Isolation und bringt mich nach Hause. War ich zuvor ein Waisenkind, bin ich nun eine geliebte Tochter Gottes. Von diesem Tag an fühle ich mich angekommen. Endlich zu Hause. Ich habe den Eindruck, innerlich heil zu werden. Heil und vollständig, so als hätte ein Teil von mir auf meine Rückkehr zu meinem Schöpfer gewartet. All die Jahre hielt ich mich für frei und unabhängig. Nun erkenne ich jedoch, dass ich all das in Wirklichkeit gar nicht war. Plötzlich finde ich echte Freiheit in meiner neuen Abhängigkeit von Jesus. Weil er es gut mit mir meint, kann ich ihm vertrauen. Und so wird er mein engster Vertrauter. Diese einschneidende Erfahrung auf dem Sofa meiner Eltern bleibt nicht mein einziges Erlebnis mit Jesus. Sie ist vielmehr der Startpunkt einer Reise, die meine Erwartungen bei Weitem übertre¤en wird. Denn Jesus ist so viel mehr, als ich jemals erwartet habe.

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2. »Wovon wollt ihr leben?« »Verlass dich nicht auf deinen eigenen Verstand, sondern vertraue voll und ganz dem HERRN! Denke bei jedem Schritt an ihn; er zeigt dir den richtigen Weg und krönt dein Handeln mit Erfolg.«6

Ihre Worte tre¤en mich direkt und unerwartet. Dabei hätte ich mir denken können, dass irgendjemand diesen Punkt zur Sprache bringen wird. Ihre Blicke sind ernst und besorgt. Wir befinden uns mitten in einem Krisengespräch. Reden über ein Problem, welches keines ist. Zumindest nicht für uns. Ich versuche, mich zusammenzureißen. Fang jetzt bloß nicht an zu weinen!, befehle ich mir. Aber es ist zu spät. Ich kann die Tränen nicht länger zurückhalten und ärgere mich über mich selbst. Warum bin ich immer so emotional? Mein Tränenschleier lässt ihre Gesichter verschwimmen. Wie durch einen Nebel nehme ich ihre eindringlichen Worte wahr. Sie scheinen sich diese gut zurechtgelegt zu haben. Der Versuch, ein Schluchzen zu unterdrücken, macht alles nur noch schlimmer. Mir wird heiß. Ehrlich gesagt kann ich es nachvollziehen, dass wir in ihren Augen noch sehr jung sind, Jonathan und ich. Direkt nach dem Abitur heiraten zu wollen, ist wirklich ungewöhnlich früh. Ich kenne nicht viele Menschen, die zu ihrer Hochzeit noch keine zwanzig Jahre alt waren; aber diese wenigen haben es nicht bereut. 23


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Was genau ist eigentlich der Sinn und Zweck dieses Gesprächs? »Wovon wollt ihr leben als so jung verheiratete Studenten?«, fragen unsere Bekannten, und ich habe den Eindruck, sie wollen uns unsere Hochzeit ausreden. Oder uns zumindest zu einem Aufschub bewegen. Unsere Eltern hingegen akzeptieren unsere Entscheidung und unterstützen uns in unseren Heiratsplänen. Wir sind in der Tat jung und ohne große finanzielle Mittel. Durch Nebenjobs haben wir ein wenig Geld angespart, aber große Sprünge können wir damit nicht machen. Nach der Hochzeit wollen wir studieren. Ich an einer staatlichen Universität, Jonathan hingegen im dualen System. Sein Arbeitgeber wird ihm ein Ausbildungsgehalt zahlen, womit wir ho¤entlich eine günstige Wohnung mieten können. Ich möchte weiterhin jobben und unsere Eltern haben zugesagt, uns das Kindergeld auszuzahlen. Jonathan und ich werden tatsächlich mit wenig Geld auskommen müssen, betrachten dies aber nicht als Problem. Vielmehr blicken wir unserer gemeinsamen Zukunft freudig entgegen und glauben, dass wir nicht auf uns allein gestellt sind. Denn wir wollen uns das Ja-Wort geben und Gott mit hineinnehmen in diesen Bund. Jonathan und ich gehen bereits einzeln mit ihm durchs Leben. Wir lieben einander und haben die feste Absicht, zusammenzubleiben. Anstatt jedoch als Paar weiterhin in einer eher unverbindlichen Beziehung zu sein, möchten wir Nägel mit Köpfen machen. Wir betrachten die Ehe als einen heiligen Bund, der auf einen weitaus bedeutsameren hinweist: Aus Liebe geht Gott mit seinen Kindern ebenfalls ein Bündnis ein und verpflichtet sich selbst zu dessen Einhaltung. Seine Treue motiviert Jonathan und mich, einander ebenfalls bedingungslose Liebe und Treue zu versprechen, indem wir 24


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heiraten. Mit unserer Verlobung und der baldigen Hochzeit wollen wir uns das Versprechen geben, von nun an gemeinsam und mit Gott an unserer Seite durchs Leben zu gehen. In guten wie in schlechten Zeiten. In Zeiten mit wenig Geld und in Zeiten finanzieller Sicherheit, sofern Gott diese für uns vorgesehen hat. Wir meinen es ernst. Trotz unserer Jugend und obwohl wir knapp bei Kasse sind. Denn wir vertrauen darauf, dass unser Gott uns mit allem Nötigen versorgen wird. In meinen Augen gibt es kein besseres Argument für unsere Hochzeitspläne. Der Grund für meine Tränen und Enttäuschung ist nicht in erster Linie, dass ich mich kritisiert fühle. Natürlich werde ich nicht gern für zu jung gehalten, was mich aber noch viel mehr aufwühlt, sind ihre impliziten Zweifel an unserem Gott. Glauben sie wirklich, dass er uns im Stich lässt? Ich bin davon über- Unser Gott ist durch und durch ein zeugt, dass er dazu gar nicht im- liebender und treuer Versorger! stande wäre. Dass dies seinem Wesen widersprechen würde. Unser Gott ist durch und durch ein liebender und treuer Versorger! All diese Argumente haben Jonathan und ich bereits vor meinem Tränenausbruch angeführt. O¤ensichtlich vergebens. An diesem Abend fahre ich aufgewühlt und mit sehr gemischten Gefühlen nach Hause. Ich ahne, dass sie nicht die einzigen bleiben werden, die unsere Hochzeitspläne kritisieren oder gar missbilligen. Diese Vorstellung gefällt mir nicht. Ich selbst bin sehr glücklich und dankbar, dass Jonathan und ich uns schon so früh gefunden haben. Vielmehr finden durften. Für mich ist es ein großes Geschenk, dass wir trotz unserer Jugend fest entschlossen sind, zu heiraten und ein Leben lang zusammenzubleiben. Wenngleich viele Menschen aus unserem Umfeld 25


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unsere Freude teilen, so gilt dies o¤ensichtlich jedoch nicht für alle. Ist unser Vorhaben vielleicht wirklich naiv? Sollten wir mit der Hochzeit lieber warten, bis wir finanziell besser abgesichert sind? Oder geht es unseren Kritikern eigentlich um etwas anderes? Halten sie uns womöglich für zu jung, um so eine wichtige Entscheidung wie die Wahl des Ehepartners zu tre¤en? Während mir all diese Fragen und Zweifel durch den Kopf gehen, kommt mir immer wieder diese eine Sache in den Sinn: Gott verspricht in der Bibel unzählige Male, dass auf ihn Verlass ist. Dass er seine Kinder versorgt. Habe ich nicht bereits erlebt, dass ich ihm vertrauen kann? Ich fange an zu beten und schütte Gott mein Herz aus. Mit meinen ehrlichen Fragen konfrontiere ich ihn und ho¤e inständig auf Antworten. Während ich bete, kommt mir plötzlich ein Bibelvers in den Sinn. Ich habe ihn kürzlich gelesen und jetzt erscheint er mir wie eine Ermutigung Gottes inmitten meiner Verunsicherung: »Verlass dich nicht auf deinen eigenen Verstand, sondern vertraue voll und ganz dem HERRN !«7 Ist es das, was unsere Kritiker befürchten? Dass wir unseren Verstand ausschalten und uns ohne nachzudenken in eine junge Ehe und ein Leben am Existenzminimum stürzen? Ich atme tief durch und beginne, mich zu entspannen. Denn dieser Bibelvers beruhigt mich. Gott fordert mich eben nicht dazu auf, meinen Verstand auszuschalten. Ich soll mich nur nicht auf ihn verlassen. Weder auf ihn noch auf ein geregeltes Einkommen. Selbst wenn Jonathan und ich noch einige Jahre mit der Hochzeit warten würden, wäre ein höheres Einkommen dennoch keine Garantie für ein sicheres Leben. Zu jeder Zeit können unvorhergesehene Dinge geschehen. Das Leben ist schön, aber zugleich auch ungewiss, selbst wenn uns viele vermeintliche Sicherheiten etwas anderes suggerieren wollen. In meinem 26


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Kopf laufen verschiedene Szenarien wie ein Film ab: Wir könnten von einer Wirtschaftskrise überrascht werden und über Nacht den besten Job verlieren. Wir könnten von heute auf mor- Mein Leben liegt nicht in meiner, gen erkranken oder uns als Paar sondern in Gottes Hand. Zu jeder auseinanderleben. Nichts davon Zeit und in allen Dingen bin ich wünsche ich mir und nichts davon von ihm abhängig und auf ihn kann ich voraussehen, während ist Verlass. ich heute in meinem Auto nach Hause fahre. Diese ernüchternde Erkenntnis lässt mich jedoch nicht verzweifeln, sondern macht mir vielmehr Mut: Mein Leben liegt nicht in meiner, sondern in Gottes Hand. Zu jeder Zeit und in allen Dingen bin ich von ihm abhängig und auf ihn ist Verlass. Ob Jonathan und ich mit viel oder wenig Geld leben müssen. Ob wir gute Jobs haben oder nicht. Ob wir gesund sind oder nicht. Gott garantiert uns kein gutes, einfaches Leben. Aber er verspricht uns als seinen Kindern, immer für uns zu sorgen. Uns nicht allein zu lassen. Zu jeder Zeit meint er es gut mit uns. Mit mir. Ich darf mir Gottes Liebe ganz sicher sein. Dieser Bibelvers ermutigt mich somit, bei unserer Entscheidung zu bleiben. Da Jonathan und ich diesem Gott vertrauen können, dürfen wir das vermeintliche Risiko wagen und schon nach dem Abitur heiraten. Innerlich ruhiger und zuversichtlicher, bitte ich ihn, uns zu helfen, an ihm und seinen Versprechen festzuhalten, selbst wenn andere Menschen uns hierfür belächeln sollten. Insbesondere innerhalb der Jugendgruppe unserer Kirche finden wir Unterstützer. In jener Kirche, deren Zeitschrift ich als Dreizehnjährige im Wohnzimmer meiner Eltern fand. Hier gibt es Leute, die Jonathan und mich gut kennen, die unseren Glauben teilen und uns immer wieder auf unserem persön27


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lichen Weg mit Jesus ermutigen und inspirieren. Sie haben miterlebt, wie ich als Fünfzehnjährige immer häufiger in die Gottesdienste kam, um den Gott der Bibel besser kennenzulernen. Sie waren dabei, als ich irgendwann Jonathan kennenlernte, der gewissermaßen in dieser Kirche aufgewachsen ist. All diese Leute haben mitbekommen, wie wir zunächst befreundet waren und schließlich ein Paar wurden. Die meisten von ihnen können nachvollziehen, dass wir auf Gottes Versorgung vertrauen. Neben unserem Jugendpastor ermutigt uns insbesondere ein befreundetes Ehepaar zu unseren Heiratsplänen. Auch sie haben Gott und seiner Versorgung vertraut, jung geheiratet und diese Entscheidung nicht bereut. Die beiden werden unsere Vorbilder, enge Vertraute und später unsere Trauzeugen. Die Hochzeit rückt immer näher. Wegen unserer begrenzten finanziellen Mittel planen wir eine nicht zu kostspielige Feier. Natürlich wünschen wir uns einen schönen Hochzeitstag, aber in erster Linie geht es uns um die gemeinsamen Jahre danach. Bei unserer Suche nach einer geeigneten Location stellen wir fest, dass die Preise in Hamburg sehr hoch sind. Wir werden schließlich im Hamburger Umland fündig und wählen ein gutbürgerliches Restaurant für unsere Feier. Die Stühle dort haben keine Hussen und auch sonst ist das nicht die typische Adresse für eine Hochzeit. Aber das Essen ist lecker und auch der Service sehr gut. Wir freuen uns über das Gute, ohne das Beste herbeizusehnen. Besonders dankbar sind wir, als unsere Eltern uns mitteilen, dass sie die Kosten der abendlichen Feier für uns übernehmen werden. Was braucht man darüber hinaus für eine Hochzeit? Natürlich dürfen Fotos nicht fehlen. Da ein professioneller Hochzeitsfotograf für uns als Abiturienten zu teuer ist, suchen wir nach einer 28


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kostengünstigen Alternative. Wir engagieren einen Bekannten, der professionell Schmuck fotografiert, und ho¤en auf ein paar gute Bilder. Als ich gemeinsam mit meiner Trauzeugin eine Hochzeitsmesse besuche, verliebe ich mich in ein wunderschönes Kleid. Leider sprengt dieses jedoch mein Budget. Während ich noch etwas enttäuscht in der Anprobe stehe und auf das Preisschild starre, berichtet meine Freundin mir plötzlich von einer lieben, älteren Dame aus unserer Kirche. Diese habe bereits unzählige Brautkleider genäht, unter anderem das meiner Freundin. Vielleicht könne sie auch meines schneidern. Begeistert von der Idee lerne ich die ältere Dame nur wenige Tage später kennen. Sie hat bereits mehr als 70 Brautkleider genäht – dabei hat sie den Schneiderberuf nie professionell erlernt, sondern sich als junges Mädchen nach dem Zweiten Weltkrieg eigenständig das Nähen beigebracht. Gewissermaßen aus der Not heraus. Dass sie heute Brautkleider schneidert, bezeichnet sie als ein Geschenk Gottes. Und genau das ist diese ältere Dame auch für mich. Denn sie erklärt sich freudig bereit, mir zu einem guten Preis ein Brautkleid nach meinen Vorstellungen zu nähen. Ganz nebenbei erfahre ich, dass sie bereits das Hochzeitskleid meiner zukünftigen Schwiegermutter geschneidert hat und sogar das von Jonathans Großmutter. Ich freue mich auf ein speziell auf mich zugeschnittenes Kleid mit einer noch spezielleren Geschichte. Mir wird deutlich, dass es sich hierbei um ein Geschenk Gottes handelt, das von seiner liebevollen Fürsorge mir gegenüber zeugt. Bei unseren Tre¤en und auf den Fahrten zu den verschiedenen Stoºäden sprechen die ältere Dame und ich nicht nur über mein Kleid. Sie bestärkt mich darüber hinaus sehr in der 29


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Entscheidung, jung zu heiraten. Genau wie ich war sie am Tag ihrer Hochzeit erst 19 Jahre alt. Voller Überzeugung und aufgrund von lebenslanger Erfahrung kann sie mir versichern, dass Gott immer gut und vertrauenswürdig war. Sowohl in den Höhen als auch in den Tiefen des Lebens hat er für sie und ihren Mann gesorgt. Noch heute sind die beiden nach vielen gemeinsamen Jahren glücklich verheiratet. Für mich ist meine betagte Schneiderin der lebende Beweis, dass auch ich diesem Gott vertrauen kann. Nach jedem Besuch bei ihr gehe ich ermutigt und innerlich gestärkt nach Hause und denke des Öfteren: Gott hat dieses einst ganz junge und nun ältere Ehepaar nie im Stich gelassen. Er wird auch Jonathan und mich versorgen. Als ich schließlich mein wunderschönes und zugleich erschwingliches Brautkleid abhole, ist es für mich weit mehr als bloß ein Kleid. Bereits in all den letzten Wochen habe ich von jedem meiner Besuche so viel mitgenommen. Ermutigung. Anteilnahme. Liebe. Ich bin meinem Gott von Herzen dankbar für diese außergewöhnliche Schneiderin, die er mir geschickt hat. Doch während es mit den Hochzeitsvorbereitungen gut vorangeht, gestaltet sich die Wohnungssuche schwieriger als erwartet. Jonathan und ich leben noch zu Hause bei unseren Eltern. Mit der Hochzeit wollen wir eine erste gemeinsame Wohnung beziehen. Da unsere monatlichen Einkünfte als Studenten jedoch sehr gering sein werden, benötigen wir eine Sozialwohnung. Einige Monate vor unserer Hochzeit werden wir deshalb Mitglieder einer Genossenschaft, die über entsprechende Wohnungen verfügt. Leider informiert man uns, dass alle bereits vermietet sind. So lassen wir uns auf eine Warteliste setzen und beten, dass rechtzeitig zu unserer Hochzeit eine passende Wohnung frei wird. Doch obwohl wir beten und hoffen, warten wir monatelang vergebens. 30


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Bereits in wenigen Wochen werden wir heiraten und dann offensichtlich keine Wohnung beziehen können. Das hatte ich mir anders vorgestellt. In manchen Momenten frage ich mich, ob Gott unsere Gebete nicht gehört hat. Warum schenkt er uns keine Bleibe, wenngleich er die Möglichkeit hierzu hätte? Während dieser Zeit wende ich mich besonders häufig im Gebet direkt an Jesus. Ich schütte ihm mein Herz aus und teile ihm meine Fragen und Bedenken mit. Wiederholt bitte ich ihn gemeinsam mit Jonathan oder allein, uns zu versorgen. Ich erinnere ihn gewissermaßen an sein Versprechen. Dadurch wird mein besorgtes Herz ruhiger. Bete ich jedoch längere Zeit nicht, türmen sich die Sorgen in meinem Inneren wie ein Berg auf. Wochenlang erhalten wir keine positiven Nachrichten von der Genossenschaft. Allmählich drängt die Zeit. Schließlich versorgt Gott uns aber doch, denn meine Schwiegereltern machen uns einen Vorschlag: Bis wir eine eigene Wohnung haben, dürfen wir übergangsweise auf ihrem Dachboden wohnen. Wenngleich wir uns den Start in unsere Ehe anders vorgestellt haben, nehmen wir dieses Angebot dankend Ich erinnere ihn gewissermaßen an. Wir sind schließlich jung und an sein Versprechen. flexibel und haben schlichtweg keine andere Option. Einen Vorteil sehen wir darin, dass wir hierdurch einige Monatsmieten sparen können. Somit betrachten wir diese Übergangslösung als Gottes Weg für uns und konzentrieren uns nun ganz auf die bevorstehende Hochzeit. Wenige Wochen nach dem Abitur und kurz vor Beginn unserer Studien geben Jonathan und ich uns schließlich im September 2007 das Ja-Wort. Da wir dies auch vor unserem Gott tun möchten, bedeutet uns insbesondere die kirchliche Trauung sehr viel. Wir feiern sie mit insgesamt fast vierhundert Men31


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schen: unseren Familien, Freunden und Bekannten. Viele von ihnen haben für unser anschließendes Bu¤et gebacken und so warten siebzig Torten und Kuchen darauf, im Anschluss an die Trauung verspeist zu werden. Unsere Hochzeit ist nicht pompös, aber dennoch schön und besonders. Kostbarer als teurer Blumenschmuck sind für uns die kleinen, unbezahlbaren Momente, die uns noch lange im Gedächtnis bleiben werden. So überrascht Jonathan mich beispielsweise im Traugottesdienst mit einem selbstgeschriebenen Liebeslied, und auch ich habe heimlich ein Lied für ihn vorbereitet. Zum Abendessen und zur anschließenden Feier im Restaurant fahren wir gemeinsam mit zirka achtzig Gästen. Der Tag unserer kirchlichen Trauung ist ein unvergesslicher Start in unsere gemeinsame Zukunft und wir fühlen uns reich beschenkt. Durch die großzügigen Geldgeschenke können Jonathan und ich mit einem finanziellen Plus in unsere Ehe starten, wofür wir sehr dankbar sind. Auch dadurch erleben wir ganz praktisch Gottes Versorgung. Auf Flitterwochen verzichten wir vorerst und wollen diese nachholen, wenn unser Geldbeutel etwas mehr hergibt. Doch wir werden von unseren Eltern überrascht, die uns einen Kurzaufenthalt in einem nahegelegenen Wellnesshotel schenken. Direkt nach unserer Hochzeit fahren wir dorthin, und auch, dass ich während dieses Urlaubs krank werde, kann unsere Stimmung kaum trüben. Wir freuen uns einfach sehr auf unsere gemeinsame Zukunft. Weder meine Erkrankung noch unser schmaler Geldbeutel können daran etwas ändern. Nach unserer Rückkehr richten Jonathan und ich uns auf dem Dachboden meiner Schwiegereltern ein. Guten Mutes starten wir in unsere gemeinsame Zukunft und beginnen unsere Studien. Wir sind überzeugt, dass Gott uns segnen und versorgen wird und erwarten sein Handeln voller Spannung. 32


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3. Gebundene Hände »Der entscheidende Zweck des Betens besteht nicht darin, Gott meinen Willen aufzudrängen, sondern meinen Willen von seinem formen zu lassen.«8

Ich bin unglaublich froh und erleichtert. Fünf schöne, aber auch anstrengende Jahre liegen hinter mir. Zehn Semester, in denen ich mit einem klaren Ziel vor Augen studiert habe: Lehrerin für Mathematik und Deutsch will ich werden. Meinen Masterabschluss habe ich nun also in der Tasche. Endlich! Das erste große Teilziel meiner Ausbildung ist damit erreicht. Nun trennt mich noch das Referendariat davon, eine staatlich anerkannte Lehrerin zu sein. In Hamburg dauert dieser praktische Teil der Ausbildung weitere anderthalb Jahre. Besonders dankbar bin ich dafür, dass ich mein Studium sehr gut abschließen konnte. Hierdurch erho¤e ich mir gute Chancen auf einen der begehrten Referendariatsplätze. Diesen Erfolg verdanke ich zweifellos Gott. Zwar habe ich gelernt und mein Bestes gegeben, doch dass all diese Bemühungen erfolgreich waren, ist sein Geschenk. Schließlich habe ich während meines gesamten Studiums für unseren Lebensunterhalt mehrere Nebenjobs gleichzeitig gehabt. Dass dennoch alles zu scha¤en war, ist nicht selbstverständlich. Und so feiern Jonathan und ich meinen Abschluss. 33


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Wir danken Gott im Gebet für seine Hilfe während dieser Zeit und bitten ihn, mir einen Referendariatsplatz zu schenken. Einige Tage später fülle ich die Onlinebewerbung aus und klicke anschließend aufgeregt und voller Vorfreude auf »absenden«. Stehe ich tatsächlich schon bald als Referendarin vor einer Klasse? An welcher Schule werde ich unterrichten? Wie werden meine Ausbilder sein? Es mischen sich jedoch auch Bedenken ein: Werde ich den Herausforderungen als »lehrender Prüfling« gewachsen sein und die hohen Ansprüche der Prüfenden erfüllen können? Bleibt noch Zeit für mein Privatleben? Ich versuche, mein besorgtes Herz daran zu erinnern, dass mich all diese Fragen nicht beunruhigen müssen: Mein Gott ist es doch, der die Fäden in der Hand hält! Er sorgt für mich. Nun habe ich erst einmal meine Bewerbung abgeschickt – für den Moment ist das genug. Ich will Ich versuche, mein besorgtes Herz ihm vertrauen, dass er alles Weitedaran zu erinnern, dass mich all re in die Wege leiten wird. Ob Zusage oder nicht: Gott meint es gut diese Fragen nicht beunruhigen mit seinen Kindern und somit müssen. auch mit mir. Ich wende mich an Jesus und sage ihm ehrlich, was mich beschäftigt. Teile ihm meine Sorgen mit und bitte ihn, sich um alles zu kümmern. Danach danke ich ihm, dass er versprochen hat, genau das zu tun. Ich fühle mich erleichtert und möchte Gott wirklich vertrauen, indem ich all diese Dinge aktiv loslasse. Bei jedem erneuten Anflug von Sorge will ich mich daran erinnern, dass Beunruhigung mich nicht weiterbringt und dass es vielmehr Jesus ist, der erfolgreich für mich »Sorge trägt«.

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In den kommenden Tagen und Wochen gelingt mir das mal besser und mal schlechter. Als zwei Studienfreundinnen mir von ihren Zusagen berichten, steigt Unruhe in mir auf. Mich überkommt das ungute Gefühl, vergessen worden zu sein. Warum haben sie schon Referendariatsplätze, während ich noch warten muss? Woran könnte das liegen? Ich bin unfähig, mich aufrichtig mit den beiden zu freuen. Ich grüble und vergleiche und spüre dennoch keine Erleichterung. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass es mir an Vertrauen mangelt: Anscheinend zweifle ich daran, dass Gott mich im Blick hat und zur richtigen Zeit für mich sorgen wird. Würde ich ihm vertrauen, könnten mich diese guten Nachrichten meiner Freundinnen wohl kaum so aus der Ruhe bringen. »Gott, bitte hilf mir, dir zu vertrauen! Bitte hilf mir, wirklich zu glauben, dass du für mich sorgst!«, bete ich in den nächsten Tagen immer wieder. Wenig später erhalte ich ebenfalls die Zusage für einen Referendariatsplatz in Hamburg und freue mich sehr. In wenigen Monaten wird es also tatsächlich losgehen! Ich bin unglaublich dankbar. Anderthalb Jahre lang werde ich vieles lernen, neue Erfahrungen machen und auch unzählige Prüfungen ablegen. Aber an welcher Schule werde ich mein Referendariat machen? Die Ausbildungsschulen werden den Referendaren normalerweise von der Behörde zugeteilt. Alternativ ist es jedoch möglich, von einer Schule direkt angefordert zu werden. Da ich sehr gern Einfluss auf die Wahl meiner Ausbildungsschule nehmen würde, mache ich mich in Eigeninitiative auf die Suche nach einer guten Schule in meiner Nähe. Ich schreibe viele E-Mails, führe Telefonate und bitte Gott um eine o¤ene Tür. Mehrere Wochen lang bete ich und gebe mein Bestes, doch ohne Erfolg: Entweder ist meine Fächerkombination ungünstig, die Schulen bilden zum nächsten Termin niemanden aus oder sie haben 35


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ihre freien Plätze bereits an Referendare vergeben, die sie aus früheren Praktika persönlich kennen. Ich bin enttäuscht. Meine Unterrichtsstunden habe ich bisher ausschließlich an weit entfernten Schulen gehalten. Für mein Referendariat würde ich mir deshalb keine von ihnen aussuchen. Zu Schulen in meiner Nähe hingegen fehlt mir der persönliche Kontakt oder eine Empfehlung. Anstatt mir also eine nahegelegene Ausbildungsschule aussuchen zu können, bin ich nun doch auf eine willkürliche Zuteilung durch die Behörde angewiesen. Ich kann nichts mehr tun. O¤ensichtlich sind mir die Vielleicht bindet Gott mir Hände gebunden. Enttäuschung meine Hände, damit ich meine und Frustration machen sich in Hoffnung nicht länger auf das meinem Inneren breit. Ich mag es falsche Pferd setze. nicht, machtlos und untätig zu sein! Es kommt mir vor, als hielte ich Zitronen in meinen Händen, aus denen ich trotz großer Anstrengungen keine Limonade machen kann. Aber mitten in meinem Ärger schießt mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: Vielleicht schiebt Jesus meinen eigenen Möglichkeiten einen Riegel vor, um mich in meinem Aktionismus zu stoppen. Um zu mir durchzudringen. Vielleicht bindet er mir meine Hände, damit ich meine Ho¤nung nicht länger auf das falsche Pferd setze. Damit ich nicht vergebens auf mich selbst und meine eigenen Anstrengungen ho¤e, sondern auf ihn allein, weil dies das Beste ist, was ich tun kann. Mir wird plötzlich klar: Auch wenn ich selbst nichts ausrichten kann, so gilt dies nicht für meinen Gott. Ihm sind niemals die Hände gebunden! Er ist es, der aktiv Einfluss auf die Zuteilung der Ausbildungsschulen nimmt. In Wirklichkeit bin ich der Behörde überhaupt nicht willkürlich ausgeliefert, denn Gott beeinflusst ihre Entscheidungen ähnlich wie den Lauf ei36


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nes Flusses: »Des Königs Herz ist in der Hand des HERRN wie Wasserbäche; er lenkt es, wohin er will.«9 Betrachtete ich meine gebundenen Hände bisher als einen Fluch, der mich zur Passivität verdammt, scheinen sie mir nun lautstark zuzurufen: »Wende dich an Jesus! Er wird für dich eintreten. Vertraue ihm!« Meine eigene Machtlosigkeit treibt mich in die Arme Jesu. Im Gegensatz zu mir sind ihm alle Dinge möglich. Ich kann meine gebundenen Hände aktiv zum Gebet falten und sie zu meinem Gott erheben. Und genau das tue ich nun. Ich berichte ihm von meiner Sorge, an eine weit entfernte Schule zu kommen und täglich lange dorthin zu pendeln. Ihm erzähle ich auch von meiner Befürchtung, an eine Grundschule geschickt zu werden, obwohl ich viel lieber in der Mittelstufe unterrichten würde. Plötzlich kommt mir ein Bibelvers in den Sinn: »Befiehl dem HERRN dein Leben an und vertraue auf ihn, er wird es richtig machen.«10 Den ersten Teil habe ich o¤ensichtlich bereits erledigt: Ich habe Gott meine Sorgen und mein Leben anbefohlen. Nun muss ich mein Vertrauen auf ihn setzen und wirklich glauben, dass er eine gute, ja sogar die beste Entscheidung für mich tre¤en Ich kann meine gebundenen wird. Aber werde ich ihm auch Hände aktiv zum Gebet falten dann vertrauen, wenn er aus mei- und sie zu meinem Gott erheben. nen Zitronen nicht die erho¤te Limonade macht? Wenn ich beispielsweise an eine weit entfernte Schule geschickt werde? Ich bete, dass er mir diesen Glauben und dieses Vertrauen schenken möge, die mir o¤ensichtlich fehlen. Und während ich ihn darum bitte, scheint Jesus dieses Gebet bereits zu erhören: Mir wird neu bewusst, dass er den Überblick über jedes einzelne Puzzleteil meines Lebens hat. Weil er 37


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Gott ist, weiß er im Gegensatz zu mir, was ich wirklich brauche. Es wäre anmaßend, ihm vorzuschreiben, wie er zu handeln habe. Vielleicht benötige ich nicht in erster Linie eine Schule in meiner direkten Nähe, weil Gott mich woanders haben möchMein besorgtes Herz findet Ruhe te. Auch wenn es sich riskant und in dem Wissen um seine Fürsorge wie ein Schritt ins Ungewisse anund Allmacht. fühlt, bitte ich ihn, dass in diesen ganzen Dingen sein Wille geschehe. Nicht meiner. Ich erinnere mich, dass es in Wirklichkeit überhaupt nicht riskant ist, Gott zu vertrauen, weil ich sein geliebtes Kind bin. Er ist mein Vater, der nur das Beste für mich möchte. Mein besorgtes Herz findet Ruhe in dem Wissen um seine Fürsorge und Allmacht. Zwar bin ich immer noch gespannt und aufgeregt. Aber ich fühle mich zunehmend beruhigt, da ich meine Sorgen und Zweifel mit der Größe und Liebe meines Gottes konfrontiere. Ihm kann ich wirklich vertrauen! Schließlich ist es so weit und ich erhalte eine E-Mail mit der mir zugeteilten Ausbildungsschule. Aufgeregt tippe ich die Adresse in meinen Computer und finde heraus, dass es sich um eine Grundschule handelt, die ich mit ö¤entlichen Verkehrsmitteln in einer knappen Stunde Fahrzeit erreiche. Also überhaupt nicht, was ich mir gewünscht habe! Die süße Limonade bleibt tatsächlich aus. Ich werde weder in der Mittelstufe unterrichten, noch die Schule schnell erreichen können. Obwohl mir meine Gefühle etwas anderes einflüstern wollen, schenkt Jesus mir auf eine übernatürliche Weise die Zuversicht, dass diese Schule dennoch die richtige für mich ist. Auch wenn ich auf eine andere Gebetserhörung geho¤t habe, kann ich sie als Gottes Antwort auf meine Gebete betrachten. Mein normales, natürliches Verhalten ist das nicht. 38


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Ich komme ins Nachdenken: Warum bin ich üblicherweise enttäuscht, wenn Gott meine Gebete nicht in meinem Sinne erhört? Worauf setze ich meine Ho¤nung und mein Vertrauen? Sehne ich mich nach den Gaben, die Gott mir geben kann, oder nach Gott selbst? Wenngleich ich es immer wieder aus den Augen verliere, glaube ich eigentlich, dass Jesus alles ist, was ich brauche. Ich bin überzeugt, dass es nichts gibt, was mir so eine Freude und Erfüllung schenken kann wie Jesus selbst. Mehr als seine Gaben brauche ich ihn höchstpersönlich. Dies habe ich erstmalig erlebt, als ich Jesus mit 13 Jahren auf dem Sofa mei- Ich bin überzeugt, dass es nichts ner Eltern um Vergebung meiner gibt, was mir so eine Freude und Schuld gebeten habe. Als ich mei- Erfüllung schenken kann wie ne Ho¤nung ganz auf ihn setzte Jesus selbst. Mehr als seine und ihm mein Leben anvertraute. Gaben brauche ich ihn höchstIch durfte erleben, wie er die Iso- persönlich. lation von meinem Schöpfer beendete. Er überwand meine Heimatlosigkeit, indem er mich mit Gott versöhnte und mich nach Hause brachte. Jesus selbst ist mein Zuhause geworden. Dennoch nehme ich immer wieder an, dass ich darüber hinaus noch etwas anderes brauche, um zufrieden zu sein. Anstatt meine Freude ganz in Jesus zu suchen, setze ich meine Ho¤nung in andere Dinge oder Umstände, indem ich denke: Wenn ich nur dieses oder jenes hätte oder wäre, dann würde mich das glücklich machen. Tatsächlich ist das jedoch nie geschehen. Weder Erfolg im Studium noch die Ehe mit meinem Mann oder etwas anderes können meine Sehnsucht nach Erfüllung stillen. Wenngleich ich mich sehr auf mein Referendariat freue, weiß ich, dass auch dieses mich nicht glücklich machen wird. Ebenso wenig wie eine Ausbildung an einer sehr guten Schule in meiner direkten Nähe oder eine zukünftige Anstellung als 39


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Lehrerin. All diese guten Dinge sind ähnlich wie eine prickelnde Limonade: Sie können mir vorübergehende Freude schenken. Von Dauer wird diese aber nicht sein. Im Gegensatz dazu durfte und darf ich wiederholt erleben, dass meine Suche nach mehr im Leben, meine dauerhafte Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit in Jesus ein Ende finden. Nichts auf dieser Welt ist in der Lage, mir das zu schenken, was Jesus mir geben kann: Vergebung und somit Frieden mit Gott, der unerschütterlich ist und unabhängig von meinen Lebensumständen. »Wirklich glücklich werden wir allerdings nur, wenn wir Gott mehr lieben und mehr bewundern als irgendetwas anderes auf der Welt.«11 Auch wenn ich diese Tatsache immer wieder vergesse, bleibt sie dennoch wahr. Aus diesem Grund bitte ich Jesus nun darum, während meines Referendariats mit mir zu sein. An meiner weit entfernten Grundschule, die ich mir niemals ausgesucht hätte. Aber letztlich muss meine Zufriedenheit nicht von meinen Umständen abhängen. Ich benötige weder Zitronen noch Limonade. Es ist Jesus, den ich mehr brauche als alles andere. Anschließend vereinbare ich einen Termin für ein erstes Kennenlernen und fahre ein paar Tage später in meine Ausbildungsschule. Von meinem Besuch bin ich positiv überrascht. Sowohl die Schule als auch das Kollegium und meine Mentorinnen hinterlassen einen guten Eindruck bei mir. Ich spüre Vorfreude: Das ist nun »meine« Schule und hier werde ich bald unterrichten. Die Erkenntnis, dass Jesus mich genau hier haben möchte, sickert immer tiefer in mein Herz und lässt mich zuversichtlich auf die Zeit meines Referendariats blicken.

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