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Dagmar Petrick Hendrik und der berühmteste Häftling der Welt

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Dagmar Petrick

Hendrik und der berühmteste Häftling der Welt

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Für meinen Vater – beste pa ooit

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Inhalt

Beifall    9 Aufbruch    10 Alter Mann    18 Birnbaum    24 Trotzig    29 Unsichtbar    36 Mit der Bibel und dem Schwert    41 Ein Terrorist,   über den man nicht spricht    47 Denkfabrik    54 Zwei Seiten    58 Rotbuschtee    64 Aufstand    73 In den Rücken    84 Trillerpfeife    87 Boxweltmeister    96

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Ohne Waffe    104 Brief mit Löchern    107 Rechnungen    111 Klavier der Apartheid    114 Ohrfeige    117 Unser aller Präsident    121 Segen    123 Traum vom Regenbogen    134 Lachen    135 Biko    137 Mandelas Möhren    141 Tau    144 Antwort    152 Der berühmteste Häftling der Welt    154 Nelson-Mandela-Tag:   Die Welt ein bisschen lebenswerter machen    157 Kochen wie am Kap: Vetkoek    158 Gib mir den Ball –   ein Spiel aus Südafrika    160 Liste unbekannter Wörter: Glossar    161 Zeitleiste    168 Enkosie, thank you, dankie!    174 Quellen    175

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Beifall

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s ist der 10. Februar 1985, ein Sonntag. Die Ränge im Jabulani Stadion sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine junge Frau betritt die Bühne. Beifall brandet auf. Nobutho Zindziswa Mandela rückt das Mikrofon gerade. Ihre Stimme zittert nicht, als sie zu sprechen beginnt: My father says, sagt sie. „Mein Vater sagt ...“ Ich höre ihr zu. Ich denke an die Worte, die Pa zu mir sagte: „Nelson Mandela ist ein Terrorist. Wir müssen uns vor ihm hüten. Keiner darf jemals erfahren, was er sagt.“ Drei Jahre liegt das zurück. Drei lange Jahre, in denen sich viel verändert hat.

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Aufbruch

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ischt spritzte auf, als die South Star mit einem wehmütigen Tuten vom Murray’s Bay Harbour ablegte und ihren Bug ins Meer schraubte, um die zwölf Kilometer nach Kapstadt zu pflügen. Ein letztes Mal für mich. Wir verließen die Insel. Vor uns lag die Zukunft. Das sagte nicht ich. Das sagte Pa, aber niemand hätte dem mehr zustimmen können als meine Mutter. Ma hat die Insel von Anfang an nicht gemocht. Schon vom ersten Tag an, als Pa seinen Dienst im Maksimum Sekuriteit Gevangenis op Robbeneiland, dem auf Robben Island gelegenen Gefängnis mit der höchsten Sicherheitsstufe, angetreten war, verabscheute sie das kleine Ödland mitten im Atlantik. Und in der Tat fiel es schwer, etwas Liebenswürdiges daran zu entdecken. Die meisten Tage verregneten kalt und grau, und immerzu blies Wind. Der Wind fegte über die Schiefersteine. Er wirbelte Sand ins Haus. Er schob ihn über die Türschwelle, zwängte ihn durch die Fensterritzen. Bald hatte er sämtliche Möbel unter einer hauchdünnen Schicht feingemahlenen Kalkstaubs aus dem nahegelegenen Steinbruch begraben und das Haus in eine Sandkiste verwandelt. Jedenfalls kam es Christie und mir so vor. Denn Ma hätte am liebsten geflucht, wenn sie Vetkoek backen wollte und es ihr gelb aus den Töpfen entgegenrieselte.

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Sie lehnte neben Christie, Pa und mir an der Reling, den Rücken entschieden der Insel abgewandt, den Blick starr nach vorn gerichtet, während der unsägliche Wind an ihrem Kopftuch zupfte, in einem letzten zaghaften Versuch, sie zum Bleiben zu überreden. Als ob er das könnte! Wer Robben Island verließ, entschied nicht das Wetter. Das entschieden Männer wie Pa, die das Sagen hatten. Sie legten fest, wer auf die South Star durfte und wegfuhr. Obwohl der Wind an manchen Tagen die Wellen haushoch türmte, was eine Überfahrt ans Festland zwar nicht unmöglich, aber mindestens zum Ausflug über der Spucktüte machte. Dann blieb man lieber auf der Insel. Freiwillig. Bis zum nächsten Ufer waren es immerhin sieben Kilometer. Nirgendwo im gesamten Atlantik rauschten die Wellen kälter an die Küste. Die Strömung strudelte unberechenbar. Im Wasser wimmelte es von Haifischen. Nur Lebensmüde dachten da an Flucht, wie jener Xhosa-Häuptling Makanda Nxele, den die Engländer gefangen hielten. Nach einer Dreiviertelstunde gab er auf. Er ertrank. Dummer Kerl! Was musste er auch davonlaufen? Nein, lustig war es nicht, auf Robben Island zu leben. Aber eins musste man der Insel lassen: Sie eignete sich hervorragend, um Menschen festzuhalten. Das wussten schon die Niederländer. Als sie vor über 300 Jahren auf Robben Island ankerten, luden sie gleich ihre Verbrecher dort ab wie lästigen Müll. Die Engländer machten es ihnen nach: Sie bauten ein Gefängnis. Einmal setzten sie Leprakranke aus. Die Leprakranken lebten länger als erwartet. Aus dem Schiefer, den sie mit ihren eige-

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nen Händen brachen, errichteten sie die Kirche zum guten Hirten, in der auch ich die Stem van Suid-Afrika und andere Hymnen sang. Wieder wurde Robben Island zur Sträflingsinsel. Diesmal gehörte sie uns Afrikanern. Radelte Pa morgens durch das Tor mit der würdevollen Inschrift Ons dien met trots – „Wir dienen mit Stolz“ –, empfand er genau das: Stolz, weil er unserem Land diente. Die Sonne stach mir in die Augen. Ich legte eine Hand an die Stirn und blickte zurück. Die South Star hatte sich bereits beträchtlich vom Hafen entfernt. Die Insel schrumpfte. Ich erkannte noch die grauen Schieferfelsen. Spärliches Buschwerk und ein paar Bäume säumten den schmalen Strand, an dem ich mit Pa an manchen Tagen Hechtmakrelen geangelt hatte. Vom Gefängnis ragten vier Wachtürme auf, an jeder Ecke einer. Das Letzte, das ich erspähte, war die Spitze des Leuchtturms, der sich wie ein erhobener Zeigefinger in das Blau des Himmels reckte, als wollte er mich an etwas erinnern, aber ich wusste nicht, an was. Er krönte die einzige Erhebung der gesamten Insel. Auf diesem Flecken Erde von fünf Quadratkilometern, kaum größer als vierzig Fußballfelder, hatte ich mein ganzes bisheriges Leben verbracht. „Der Junge hat hier keine Zukunft!“, klagte Ma und wiederholte es so oft, bis auch Pa dazu nickte. Als Kind war er von seinen Eltern in ein Internat geschickt worden. Er wollte nicht, dass ich das Gleiche durchmachen würde wie er. Obwohl ich nicht hätte sagen können, ob das Leben im Internat wirklich derart furchterregend war, wie er es stets ausmalte. Aber selbst mir gefiel die Vorstellung wenig, dass ich Pa und Ma und von mir aus Christie nur in den Feri-

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en sehen würde. Darum fragte ich nicht einmal nach, als sie mir von ihren Umzugsplänen erzählten. „Aufbruch zu neuen Ufern“ nannten sie es, vor allen Dingen Ma konnte es kaum erwarten. „Du wirst sehen, Lief, wenn wir erst in Kapstadt leben, wird so vieles um so vieles leichter werden!“, sagte sie, und dabei dachte sie weniger an meine Zukunft als an ihren Einkauf, der auf Robben Island eine immerwährende Herausforderung darstellte. In dem einzigen Laden auf der ganzen Insel gab es selten frisches Gemüse, spärlich Obst, an manchen Tagen nicht einmal den Sirup für die Koeksisters, vor allem aber niemals Hosen für mich. „Du wächst, dass man dabei zuschauen kann, Hendrik, und wir müssen wieder warten, bis das nächste Schiff zum Festland übersetzt!“, jammerte Ma und schwärmte von Kapstadt, wo sich die Hosen angeblich in den Schaufenstern stapelten wie sonst nur die Sandkörner, die der grässliche Wind unablässig durchs Fenster pustete. Besonders ohne diesen Wind würde das Leben angenehmer werden, „geradezu ein Kinderspiel“. Wie um zu beweisen, dass er auch anders konnte und wir ihn zu Unrecht verunglimpften, legte sich der Wind. Die Wellen verebbten. Das Meer verwandelte sich in eine blanke Fläche, glänzend wie ein Spiegel, der mir meine Gedanken zurückwarf, als ich mich über die Reling beugte und ins Wasser blickte. Ich erschrak, denn was ich sah, gefiel mir nicht. In meinem Schädel verbarg sich offenbar ein Winkel, in dem all das, was ich nicht laut aussprach, nur darauf wartete hervorzukrabbeln, sobald ich nicht aufpasste. Denn wenn ich ehrlich war, musste ich zugeben, dass wir die Insel nicht wegen meiner Hosen verließen. Es lag auch nicht am

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Einkauf oder an der Zukunft, die es nicht für mich gab auf Robben Island. Es lag an Nelson Mandela. Nach 18 Jahren Einzelhaft wurde er nach Pollsmoor ins Hochsicherheitsgefängnis verlegt. Nelson Mandela zog um, wir zogen mit, weil Pa Mandela bewachte. Als würde ein Häftling bestimmen, wo es langging. Die Zukunft lag vor uns, aber ein Gefangener schloss das Tor dazu auf. Das war ein verrückter Gedanke. Der Gedanke war so verrückt, dass ich ihn rasch zurück ins Wasser träufelte. Ich richtete mich auf und rückte die Mütze gerade, als könnte ich mir damit auch die Flausen im Kopf zurechtrücken. Mandela war schließlich nicht irgendwer, keiner der ungezählten Kleingauner wie die grässlichen Tsotsis, die in den Townships herumlungerten. Mandela war der schlimmste Verbrecher, den man sich nur vorstellen konnte, der am meisten gefürchtete Terrorist Südafrikas. Jahrelang hatte die Polizei nach ihm gefahndet. Bis er letztlich doch in ihre Falle tappte. Er hatte sich als Chauffeur getarnt. Das hatte ihm nichts genützt. Und sehr zu Recht! Die Schwarzen hassten die Weißen. Kämen Mandela und seine Handlanger vom ANC frei, würden sie uns ohne Umschweife umbringen. Das sagten jedenfalls alle. „Die Schwarzen wollen dieses Land für sich allein. Niemals werden sie es mit uns teilen. Darum müssen wir es mit allen Mitteln gegen sie verteidigen!“ So hörte man es überall. Jeden Morgen bügelte Pa seine Uniform glatt, bis die Falten stramm standen wie die scharfen Zacken der Drakensberge. War er fertig, schnallte er den Gürtel um und steckte den Schlagstock ein. Oder den Sjambok, der tiefer durch die Haut schnitt, wenn man ihn niederprasseln ließ.

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Obwohl Pa versicherte, er habe die Peitsche aus Nilpferdhaut bislang noch nie gebrauchen müssen. „Die Gefangenen gehorchen mir auch ohne den, ich brauche sie bloß anzusehen, schau, so!“ Und er warf mir einen Blick zu, damit ich sah, wie fürchterlich furchteinflößend er sie anstierte. Dann lachte er. Und ich lachte auch. Am sichersten wäre wohl, man würde alle Schwarzen einsperren. Wie Mandela, der eigentlich hätte aufgehängt werden sollen. Aufgehängt oder Genickschuss, ich wusste nicht, wie sie es machten, wenn sie einen zum Tod verurteilten. Denn Mandela hatte Hochverrat begangen. Das war im Rivonia Prozess - der Staat gegen Nelson Mandela und andere eindeutig bewiesen worden, und auf Hochverrat stand nun mal die Todesstrafe. Hätten unsere Leute Mandela nicht gefasst, er hätte ganz Südafrika ins Verderben gestürzt. Aber der Richter ließ Gnade vor Recht ergehen. Er wandelte das Urteil in lebenslange Haft um. Und so schlugen die Wärter die Stahltür hinter Mandela zu und drehten das Schloss um, einmal, zweimal. Für immer. Uns Afrikaner durfte man beim Wort nehmen. Lebenslänglich bedeutete, was es besagte: Von dem Tag, an dem sie dich wegsperren, bis zu der Stunde, in der du tot umkippst, kommst du nicht wieder raus aus dem Gefängnis, es sei denn, sie tragen dich im Sarg. 1964 verfrachteten sie Mandela nach Robben Island. Im kältesten Winter seit Jahrzehnten. Sie drückten ihm Nadel und Faden in die Hand, und während der Wind über die Felsen pfiff, dass einem das Blut in den Adern gefror, stickte er mit klammen Fingern eine Nummer auf die Jacke, genau an die Stelle, unter der das Herz pochte: 466/64, die Nummer, die ihn die nächsten 18 Jahre begleiten sollte. Auf Ro-

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bben Island zählte man alles und jeden, und Mandela war der 466. Gefangene in jenem Jahr, in dem ich noch nicht einmal geboren war. „Ma, Pa, schaut, dort oben!“ Christie warf einen Arm in die Höhe. Über uns kreiselte eine Möwe. Mit weit aufgespanntem Schnabel bettelte sie kreischend um Brot. „Bitte, darf ich sie füttern?“ Aber Ma verbot es ihr. „Nein, Christie, du behältst, was du hast, hübsch artig für dich. Wir kümmern uns schon genug um andere.“ Das stimmte. Ma kümmerte sich um uns. Pa kümmerte sich um die Gefangenen, und er machte seine Arbeit gut. Darum war er auch befördert worden. Er verdiente auch mehr Geld. Ma würde mir künftig alle Hosen kaufen können, sollte ich noch so wachsen. Wir würden in einem Haus wohnen. Bestimmt gab es einen Swimmingpool im Garten und in der Küche eine Bediende, die Ma zur Hand ging. Das Beste aber war, dass ich endlich ein eigenes Zimmer bekam. Ich musste es nicht länger mit Christie teilen. Denn obwohl ich Christie an manchen Tagen goldig fand, hielt ich sie meistens für die elfte Plage, die der Herrgott noch erfinden müsste, gäbe es nicht meine kleine Schwester schon. Darum zogen wir um. Weil Mandela umzog. Vor allem aber, weil es schöner und leichter werden würde für einen jeden von uns. Weil die Zukunft vor uns lag. Und selbst wenn Mandela das ganze Hin und her verursacht hatte, stand eins doch fest, wie der Tafelberg unverrückbar über Kapstadt thronte: Mandela konnte nicht tun, was er wollte. Er war nicht frei. Wir dagegen schon. Wir schlenderten mal hierhin, mal dorthin, bestaunten die Delfine, die ab und

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an aus dem Wasser schnellten, und die Möwen in der Luft. Uns wehte eine erfrischende Brise um die Nasen, während die Gefangenen unter Deck in faulig beißendem Gestank keuchend um Atem rangen. „Warum dürfen sie nicht raus?“ Christie sah uns mit großen Augen fragend an und schmiegte Estie eng an sich. Nie sah man Christie ohne ihre Puppe. Als wären die beiden aneinander festgewachsen. „Können sie nicht neben uns stehen?“ Das bewies es nur wieder: Christie war wirklich noch sehr klein und dumm. Ma klappte den Mund auf, um es ihr zu erklären, aber ich antwortete schneller. „Das sind Verbrecher, Christie“, sagte ich mit meiner Ich-bin-deingroßer-Bruder-Stimme. „Sie könnten dir etwas antun. Darum gehören sie weggesperrt. Außerdem sind sie schwarz. Schwarze teilen sich keine Plätze mit Weißen.“ Ma klappte den Mund wieder zu, doch sie lächelte, und Pa legte eine Hand auf meine Schulter. Er drückte sie fest. „So habe ich es auch gelernt. So wird es bleiben. Was Gott getrennt hat, darf kein Mensch zusammenführen.“ Ein letztes Mal sah ich zurück: Robben Island war am Horizont verschwunden, und wie ich mich umdrehte, tauchten aus dem Dunst die Umrisse von Häusern und Kaimauern auf. Darüber erhob sich würdevoll der Tafelberg. Ein Tuch aus grauen Wolken hüllte ihn ein. Es war ein umwerfender Anblick. Der noch umwerfender wurde, als die Sonne durch die Wolken brach und ihre Ränder in ein zartes Rosa tupfte. „Vor uns liegt die Zukunft!“, hatten meine Eltern vorhergesagt. Sah sie so aus, standen mir rosige Zeiten bevor.

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Alter Mann

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ie Aussicht in meinem neuen Zimmer prickelte allerdings kein bisschen. Ich blickte geradewegs auf das Veld, kaum mehr als ein Stück brachliegender Wiese, an deren Ende ein Township mit seinen jämmerlichen Hütten aus Blech oder Holz aufragte. Groß war mein Zimmer auch nicht. Wenn ich weiterwuchs – wovon ich ausging – würde ich eines Tages mit den Armen an die Wände stoßen, sobald ich in der Mitte stand und sie ausbreitete. Pa stellte eine Kiste auf den Boden. Er sah sich um. „Ein bisschen erinnert es mich an Mandelas Zelle auf Robben Island. Sie war zwar kleiner, aber nicht wesentlich!“ Er lachte. Dann zuckte er mit den Schultern. „Immerhin gehört dir das Zimmer allein, und das sieht bei Mandela inzwischen anders aus. Was haben die Gefangenen gestaunt, als sie die neue Zelle mit den vielen Betten das erste Mal betraten! Kein Wunder, nach den langen Jahren in Einzelhaft. Das sind sie nicht gewöhnt. Und stell dir nur vor: Anderntags haben sie sich bei mir beschwert, obwohl sie jetzt sogar Matratzen haben! Sisulu schnarcht und Mandela nervt, wenn er Morgensport treibt, Liegestützen, Rumpfbeugen, Laufen auf der Stelle, das ganze Programm. Sie denken wohl, sie könnten Ansprüche erheben, bloß weil sie umgezogen

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sind!“ Pa schüttelte den Kopf. Er grinste, aber ich glaubte, mich verhört zu haben. Wieso nervte Mandela, wo er der gefürchtetste Anführer der gefürchtetsten Untergrundorganisation Südafrikas war? Und überhaupt: „Ist Mandela nicht zu alt für Liegestützen?“, fragte ich. „In der Tat“, sagte Pa, „er hat schon graue Haare.“ „Wie alt ist Mandela eigentlich?“ Mit einem Mal dämmerte mir, dass ich kaum etwas wusste über Pas berühmten Gefangenen, obwohl ich gewissermaßen an der Quelle saß, da Pa Mandela täglich traf. „Und wo ist er geboren?“ „Mmh, lass mich nachdenken!“ Pa kratzte sich am Kopf, als schabte er aus den hintersten Winkeln seines Schädels die Bruchstücke seines Wissens über Mandela zusammen. Es war dann auch nicht viel, was er mir hinwarf: ein Flickwerk kleinster Auskünfte hier und dort, aus denen ich mir ein größeres Bild zusammenzusetzen versuchte. „Mandela kam in der Transkei zur Welt. Das ist ein zerklüftetes Gebiet im Osten des Landes. Und das war ... das war am 18. Juli 1918!“ In Mathe glänzte ich nicht, aber ausrechnen konnte ich es doch. Jetzt schrieben wird das Jahr 1982. Mandela war 1918 geboren. „Dann ist Mandela schon 64 Jahre alt!“. „Ganz genau!“ Pa nickte. „An seinen sechzigsten Geburtstag erinnere ich mich noch gut. Tausend Glückwunschkarten aus aller Welt trudelten ein. Alle für Mandela. Bis auf zwölf haben wir alle verbrannt. Das mussten wir tun, Anweisung von ganz oben. Weil Mandela nur zwölf behalten durfte. Für jeden Monat eine.“ Pa versetzte einer Kiste einen Tritt mit der Schuhspitze.

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Er schob sie näher zu mir hin. Die Unterhaltung war vorbei. „Pack jetzt lieber aus, Hendrik! Deine Ma mag es nicht, wenn das Haus unordentlich aussieht.“ Damit ging er. Nun hätte ich ausräumen oder mir den Kopf darüber zerbrechen können, wie viele Geburtstagskarten den Kamin der Amtsstube auf Robben Island befeuert hatten. Stattdessen stellte ich mich ans Fenster und blickte auf das Feld. Auf der freien Fläche würde Pa Rugby mit mir üben wollen, das war mir bereits jetzt klar. Dabei konnte ich Rugby nicht ausstehen. Aber Pa behauptete, das könne gar nicht sein. „Alle Afrikaner lieben Rugby“, sagte er und legte eine Hand auf meine Schulter. „Es hat noch keinen Afrikaner gegeben, der es nicht mochte, und mein Sohn wird nicht der erste sein!“ Pa bestand darauf, dass wir zusammen spielten, er nannte es ein Vorrecht, es wird dich weiterbringen, wobei er wieder meine Schulter knetete. Vermutlich war das so eine Art Vater-Sohn-Ding, Sachen, die Väter einzig mit den Söhnen anstellten, wofür die Söhne den Vätern dankbar sein mussten. Aber oft sah ich die Ratlosigkeit in seinen Augen flackern, wenn ich mal wieder nicht wusste, wohin mit dem Ball. Bestimmt fragte er sich in solchen Augenblicken, was er mit einem Sohn anfangen sollte, der seine Leidenschaft für diesen Sport nicht teilte, obwohl ich gerne rannte und auch ein guter Läufer war. Aber dazu brauchte ich keinem eiförmigen Lederball hinterherzuhecheln, während mich von allen Seiten wildgewordene Jungen angriffen, bloß damit der Ball über eine Stange torkelte, derweil ich selbst der Länge nach in den Dreck klatschte. Ich drehte mich um. Die Kisten standen unberührt auf dem Boden. Ich öffnete die erste, entnahm ihr meine

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Hemden, faltete sie in den Schrank, die neue Schuluniform hängte ich auf einen Bügel. Die drei Bücher, die ich besaß – ein Wörterbuch Afrikaans, die Bibel und ein Geschichtsbuch von Tante Miems, Südafrikas schillernde Seiten – stellte ich ins Regal. Meine Tekkies, die Turnschuhe, warf ich in die Ecke, den Rugbyball schleuderte ich ebenso achtlos hinterher. Ich hoffte, ich würde ihn nicht so schnell hervorholen müssen. Auch wenn ich Rugby hasste, den Globus liebte ich. Ich stellte ihn neben mein Bett auf die Kommode, damit ich ihn, falls ich nachts mal wieder aufwachte und nicht mehr einschlafen konnte, sofort in meiner Nähe hatte. Der Globus besaß einen Lichtschalter. Knipste ich ihn an, begann es in seinem Inneren zu glühen, als brodelte tatsächlich heißes Magma unter seiner Kruste. Dann drehte ich ihn im Kreis, immer rundherum, bis ich mit dem Zeigefinger zielgenau hinunterstach in das Land, in dem ich lebte, Südafrika, als wäre Südafrika der Nabel der Welt. Dabei baumelte es lediglich als bescheidener Zipfel am Rand eines gewaltigen Kontinents, der es mit dreißig Millionen Quadratkilometern umso vieles überragte. Aber ich kannte nun mal nichts anderes. Robben Island war mein Zuhause gewesen. Fast bildete ich mir ein, ich erspähte die winzige Insel mitten im Ozean. Obwohl da genau genommen nur ein grünlichgrauer Klecks in einer Menge Blau schwamm. Weshalb es auch nichts weiter als ein Häufchen Fliegendreck sein konnte. Tante Miems hatte mir den Globus zu meinem siebten Geburtstag geschenkt. Der lag schon eine halbe Ewigkeit zurück, genauso wie der letzte Besuch von ihr, weil ihre Besuche höchst selten vorkamen und niemals lange dauerten.

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„Dein Pa und ich – wir kommen einfach nicht miteinander aus“, sagte sie und hob entschuldigend die Hände. „Du weißt doch, wie er ist!“ Das wusste ich nicht. Mein Pa war mein Pa, mehr hätte ich auch nicht über ihn sagen können. Aber dass Streit aufflackerte wie Glut im Kamin, wenn man darin herumstocherte, sobald Tante Miems ins Haus trat, wusste ich wohl. Ich kannte es nicht anders. Vermutlich war es immer schon so gewesen, von Kindesbeinen an, denn Tante Miems und Pa waren Geschwister. „Hier, Hendrik, nimm mal ab, ist für dich!“ Tante Miems überreichte mir den Globus mit ausgestreckten Armen. Sie hielt ihn nur mit den Fingerspitzen wie eine Kostbarkeit, die bei zu starkem Druck zerspringen könnte, und als eine solche bewahrte ich ihn seitdem auf. „Damit du nicht vergisst, die Erde ist rund“, sagte Tante Miems. „Ist es nicht seltsam, dass wir nicht ins Weltall purzeln, obwohl wir uns ständig im Kreis drehen? Mal sind wir oben, dann wieder unten. Nun versetz der Erde einen Stups!“ Es war das erste Mal, dass ich den Globus kreiseln ließ. Und während Kontinente und Meere an meinen staunenden Augen vorüberzogen, bis sie in ein Band aus Blau und Grün und Gelb verschmolzen, stimmte ich Tante Miems zu. Es war in der Tat merkwürdig, dass wir nicht herunterfielen, ein Wunder, das ich nicht begriff. Mittlerweile hatte ich von Sir Isaac Newton gehört. Ich kannte sein Gravitationsgesetz. Ich verstand es zwar nicht, wusste aber immerhin, dass es an der Schwerkraft lag, weshalb wir nicht davonsegelten. Kawumm! Mit lautem Rums flog die Tür auf. Christie

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stürmte herein. Sie hetzte an mir vorbei und wühlte durch meine Kisten. Verdutzt sah ich, wie die Sachen, die ich ausräumen sollte, in hohem Bogen auf den Boden segelten. Christie suchte ihre Puppe. Ich hatte Estie aber nicht gesehen. „Hör auf, Christie! Was will ich schon von deiner Puppe?“ „Ach nein, und was ist das?“ Christie tauchte aus einer Kiste auf. In der Hand hielt sie die Puppe. Christies Gesicht glühte. Gleich würde sie mir Estie um die Ohren schlagen. Doch das tat sie nicht. Sie wiegte die olle Puppe im Arm und flüsterte ihr tröstende Worte zu. „Hendrik hat uns angelogen“, wisperte sie. „Aber jetzt ist alles wieder gut. Wir sagen es Ma. Sie wird mit Hendrik schimpfen!“ Schon fegte sie davon und ließ mich verblüfft und sprachlos zurück. Ich ahnte allenfalls, dass ich gleich mächtig Ärger bekommen würde, und all das nur, weil ich ihr großer Bruder war. Manchmal verteilte das Leben seine Karten ungerecht.

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Birnbaum

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ag sein, dass es im Augenblick ein wenig schwierig ist.“ Pa hob das linke Hosenbein hoch. Er begutachtete es streng. Wie jeden Morgen bügelte er seine Uniform, während wir darüber sprachen, wie ich zur Schule kommen sollte. Das heißt, wir sprachen nicht darüber, Pa erklärte es mir. Ernsthaft mitreden durfte ich in der Angelegenheit nämlich wenig. Pa gab den Ton an, ich nickte dazu. Es ließ sich ohnehin nicht ändern. Ich hätte mir zwar gerne mehr Zeit gewünscht, um mich an das viele Neue zu gewöhnen, doch die Schule scherte sich kein bisschen darum, wie es mir ging. Ich musste trotzdem hin. Allerdings begannen die Schwierigkeiten bereits beim Hinweg: Er glich einer Herausforderung. „Die Leute sind ein wenig aufgebracht. Sie regen sich über alles Mögliche auf.“ Pa legte das rechte Hosenbein auf das Bügelbrett und schob das heiße Eisen darüber. Der Stoff knisterte. „Nichts als Kinkerlitzchen, wenn du mich fragst, aber es genügt ja, dass einer einen Stein wirft, schon bricht das Kuddelmuddel los. Deshalb fährst du mit dem Bus, den zwei meiner Kollegen begleiten. Dann habt ihr wenigstens ein paar Waffen dabei. Falls es Ärger gibt.“ Ich fragte Pa nicht, an welche Art von Ärger er dachte,

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und wen er mit „aufgebrachten Leuten“ meinte, konnte ich mir selbst zusammenreimen. Hin und wieder ließ Pa seine Zeitungen auf dem Tisch liegen und ich blätterte heimlich durch Die Burger oder Die Beeld. Obwohl sie eher selten über die Unruhen im Land berichteten, meistens lobten sie Botha, die Groot Krokodil, das große Krokodil. Der Premierminister und Parteivorsitzende hatte die Lage fest im Griff. Doch seit wir in Tokai wohnten, roch ich es an manchen Tagen auch. Der Wind schob den Rauch ans Fenster, wo er gegen die Scheibe drückte, als wollte er anklopfen und mich zum Hinsehen einladen. Spähte ich dann zum Township hinüber, sah ich die dünnen Säulen aus Qualm, die sich in den ansonsten strahlend blauen Himmel ringelten. „Sie verbrennen bloß ihren Müll“, wiegelte Pa ab. „Jedes Township ist eine einzige stinkende Müllhalde. Man sollte alle räumen, genauso wie in Sophiatown.“ Aber ich wusste, es war nicht allein der Müll. Müll stank, wenn man ihn verbrannte. Noch ekelerregender aber rochen die brennenden Autoreifen, die sie benutzten, um die Impimpis zu bestrafen. So nannten sie diejenigen, die mit Weißen zusammenarbeiteten, mit ihnen kollaborierten, obwohl es selten Beweise dafür gab. Das allein hätte mir schon genügt an Aufregung. Doch die Townships lagen immer noch weit genug entfernt, als dass sie mich ernstlich beunruhigten. Auch die Einzelheiten wollte ich gar nicht näher wissen. Die neue Schule plagte mich viel mehr, obwohl keines der „aufgebrachten“ schwarzen Kinder sie besuchte, natürlich nicht, gute Schulen gab es nur für Weiße.

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„Vergiss nicht den Tee, Lief“, sagte Ma und drückte mir mit einem Kuss auf die Wange eine Thermoskanne in die Hand. Ich erwartete keineswegs, dass mein Einstieg in die neue Schule ein Zuckerschlecken werden würde. Ich war nicht gut in Mathe, aber das konnte sogar ich an einer Hand ausrechnen. Neu in eine Schule zu kommen, in der sich alle anderen längst kannten, war ungefähr, als torkelte ein Marsmensch ins Klassenzimmer. Wobei Marsmenschen immerhin noch ungewöhnlich und damit reizvoll waren. Das konnte ich nicht über mich sagen. Bestimmt sah die hochnäsige Kapstädter Jugend in mir nichts weiter als den Langweiler von der Insel, auf der es außer einer Handvoll Wind kaum etwas zu erleben gab. Aber dann fiel mir ein, dass Pa auf den größten Verbrecher Südafrikas achtgab, vor dem sich alle fürchteten, nur mein Pa nicht. Ich straffte die Schultern, strecke die Brust raus und stiefelte durchs Schultor, als zöge ich in eine Schlacht: Hoppla, hier komme ich, und mein Vater ist ein Held! Doch kaum stand ich im Schulhof, wusste ich nicht weiter. Ich blickte mich um. Durch das Gewimmel der Schüler, die alle ähnlich aussahen, weil wir alle in der gleichen Schuluniform steckten, entdeckte ich in einer Ecke des Schulhofs einen Baum. Ob Apfel, Birne oder Pflaume, keine Ahnung. Aber das war nicht wichtig, weil etwas anderes wichtiger war. Denn genauso einzeln wie der Baum dort wuchs, stand ein einzelnes Mädchen darunter, nur sie, nicht verschlungen in Trauben zu fünft oder zu sechst wie die anderen, weshalb ich sie nicht stören wollte. Und wie ich so zum Baum schlenderte und daran vorbei, als wäre

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mir das alles gleichgültig, sprach sie mich tatsächlich an. „He, du!“, sagte sie. „He, du“, sagte ich. Ich blieb stehen und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Das Mädchen trug ihre langen Haare in einem Zopf nach hinten gebunden. Schwer zu sagen, was das für eine Farbe war. Kastanienbraun? Dunkelblond? Bis mir einfiel, was ich sie fragen konnte. „He, du“, sagte ich nochmal. „Ich heiße Hendrik. Weißt du, wo ich das Klassenzimmer von Juffrou Daniels finde?“ Einen Augenblick lang musterte sie mich unverhohlen, als hielte sie mich wirklich für einen Marsmenschen, der in den Pausenhof einfiel. Aber dann sagte sie: „Bist du nicht der Neue, dessen Vater den größten Verbrecher Südafrikas bewacht?“ Schon klar, dass in Schulen Gerüchte schneller garten als Koeksisters in heißem Öl. Aber dass sich Pas Arbeit bereits auf dem Pausenhof herumgesprochen hatte, ehe ich selbst dort stand, verblüffte mich doch. Ich schnappte nach Luft. Fing mich wieder. „Woher weißt du das?“, fragte ich. Darauf bekam ich keine Antwort. Dafür hob sie einen Arm und fuchtelte ins Unbestimmte. „Dritte Tür links im Gang“, sagte sie. Sie grinste. Es sah aus, als würde sie mich auslachen, und vielleicht lag es daran, dass ich jetzt nicht ging, wie ich es vielleicht lieber hätte machen sollen, sondern sagte: „Stimmt. Mein Vater bewacht Nelson Mandela. Er liest sogar seine Briefe.“ Darauf erwiderte sie wieder nichts, ihr Blick sprach umso lauter. Ich könnte noch eine Menge über dich verraten, und ich wollte nicht wissen, was das war. Zum Glück klingelte es. Sie löste sich vom Baum, Apfel, Kirsche oder

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Pflaume, und war fast fort, als ich ihr nachrief: „He, du!“ Sie drehte sich um. „Was ist das für ein Baum?“ Wieder lächelte sie, wobei ihre Unterlippe schräg nach unten rutschte. Aber diesmal wirkte ihr Lächeln warm, sodass ich nicht befürchtete, sie lachte mich aus. „Du kennst dich wohl nicht aus mit Botanik“, spöttelte sie. „Das ist eine Birne!“ Sie drehte sich um, sie ging, und erst als ich nichts mehr von ihr sah, keinen wippenden Zopf, kein schräges Grinsen, merkte ich, dass ich sie etwas gänzlich anderes hatte fragen wollen. Ich hätte gerne gewusst, wie sie hieß. Stattdessen kannte ich nun den Namen des Baums.

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Trotzig

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on der hältst du dich besser fern!“ Drei Jungen aus meiner Klasse hatten sich zu mir gesellt. Der lange Schlaksige mit dem roten Haarschopf, den ich trotzdem noch um einen Kopf überragte, war bestimmt ein Rooinek. Aber lieber Englisch als Indian oder Coloured. Oder gar ein Schwarzer. So unterteilten wir die Menschen in diesem Land. Er reichte mir die Hand. Sein Händedruck war kräftig, wie bei jemandem, der gewohnt war, dass andere taten, was er von ihnen verlangte. „Klasie van Aarde!“ „Hendrik Dippenaar“, sagte ich. Ich hatte mich getäuscht. Klasies Name klang doch eher nach Afrikaner, nicht nach den verdomde engelse, den grässlichen Engländern. „Und das sind Nico de Villiers und Dawie Boorman.“ Klasie wies auf die beiden Jungen an seiner Seite, der eine rundlich und wie zusammengepresst, der andere kantig und muskelbepackt, als stemmte er jeden Tag Hanteln. „Die besten Haudegen, die du an der gesamten Schule finden kannst!“ Wir klatschten ein. Es war Klasie nicht entgangen, dass ich durch das Gedränge im Hof zu dem Baum hinübergeschielt hatte, von dem ich mittlerweile wusste, dass es eine Birne war. Wieder lehnte das Mädchen darunter. Deshalb seine Rüge. Oder

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der freundliche Hinweis. Denn womöglich bewahrte mich Klasie dadurch vor einem der unzähligen Fettnäpfchen, die jeder Schulstart reichlich bot, zumal für einen Grünschnabel wie mich. Und zu den Fettnäpfchen gehörte offenbar auch das Mädchen unter dem Baum. Ich sollte Klasie vermutlich dankbar sein, trotzdem hakte ich nach. „Was ist denn mit ihr? Warum soll ich nicht mit ihr reden?“ Klasie zog eine Augenbraue hoch. „Na, weil sie Donaldsons Tochter ist!“ Das war natürlich keine Antwort, mit der sich etwas anfangen ließ. Ich zuckte die Schultern. Klasie schob seinen Wuschelkopf dicht an mich heran. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, während er mir zuflüsterte, als verrate er ein Geheimnis, das er lieber nicht ausplaudern sollte: „Ihr Vater sitzt im Knast. Deshalb.“ Er richtete sich wieder auf. Laut und deutlich, dass es jeder hörte, grölte er: „Die rote Gefahr, die Südafrika überrollt, macht auch vor den Schulhöfen nicht Halt. Darum hütet euch vor den Kommunisten!“ Die drei prusteten sofort los. Ich begriff nicht, was daran lustig sein sollte, lachte aber vorsichtshalber mit. Vom Dreiklang aus swart gevaar, schwarzer Gefahr, den Schwarzen, rooi gevaar, roter Gefahr, den Kommunisten und der roomse gevaar, römischer Gefahr, womit der Katholizismus gemeint war, hatte ich schon gehört. So stand es auch in den Zeitungen, vor allem wenn es einen Mord unter Schwarzen gegeben hatte. Daran sehe man nur wieder, was geschehe, überließe man den Schwarzen das Land. Mit ihren Pangas schlachteten sie sich kurzerhand gegenseitig ab. Baasskap hier, Baasskap da. Die

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von Gott an die Weißen verliehene Vorherrschaft über die Schwarzen war kein Vergnügen. Man brauchte sie, um die Schwarzen vor sich selbst zu schützen. Sie waren nun einmal die Schwächeren, die Weißen mussten für sie sorgen. Mit den Kommunisten verhielt es sich zwar ein wenig anders, niemand betrachtete sie als Kinder, trotzdem galt der gesamte Osten als Bedrohung. Mit Moskau als Speerspitze. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie uns das Mädchen einen Blick zuwarf. Ob sie mitbekommen hatte, was Klasie tuschelte? Andererseits erschien mir kaum vorstellbar, dass sie nicht ohnehin längst wusste, was über sie gemunkelt wurde. Schulen eigneten sich schlecht, um Geheimnisse zu bunkern. Dafür redeten zu viele zu gerne. Es war nicht nett von mir, trotzdem beschlich mich eine leise Genugtuung, als wären das Mädchen und ich damit wieder quitt. Sie wusste von meinem Pa, dass er Mandela bewachte. Nun wusste ich von ihrem, dass er im Gefängnis saß. Obwohl ich nicht verstand, warum. War er denn ebenfalls ein Staatsfeind wie Mandela? „Es ist doch klar, dass Mandela freiwillig im Gefängnis sitzt“, sagte Klasie prompt. „Mandela könnte jederzeit raus. Aber das will er nicht. Weil ihm lauter Feinde in den eigenen Reihen auflauern.“ „Genau, und wenn er dann in Kapstadt rumläuft, schießen sie ihn, peng, augenblicklich tot!“, stimmte Dawie zu. „Mandela versteckt sich im Gefängnis, wo er es sich gut gehen lässt wie in einem Drei-Sterne-Hotel, und das auf unsere Kosten!“, gab Nico zum Besten. „Derweil nutzt der ANC seine Gefangenschaft aus, um die Regierung schlecht zu machen. So ist es doch, Hendrik, nicht wahr?“

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Die drei sahen mich erwartungsvoll an. Mir wurde warm. Wieder merkte ich, wie kümmerlich meine Kenntnisse über Mandela waren, obwohl Pa ihn seit Jahren bewachte. „Ich weiß nur, dass Mandela am 18. Juli Geburtstag hat!“, stammelte ich. Drei Atemzüge lang sagte niemand etwas. Klasie runzelte die Stirn. Vermutlich fragte er sich, ob ich ihn verspottete. Dann bohrte er mir eine Faust in die Schulter. „Hey, du bist ulkig, Mann!“ Sie lachten. Danach vergaßen sie Mandela und wandten sich Dingen zu, die sie für wichtiger hielten. Die Springbokke hatten ihr letztes Spiel schon wieder verloren. Das war nicht gut, das war sehr schlecht. Unsere Rugby-Mannschaft schlug sich zunehmend stümperhafter. Was wenig verwunderte, weil die internationale Sportgemeinschaft Südafrika seit Monaten ins Abseits drängte. Wer konnte da schon ausreichend üben? Ich aber machte mir in Gedanken eine Liste aller Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte. Ganz oben stand: Herausfinden, wie das Mädchen unter dem Birnbaum heißt! Die zweite Frage galt Mandela: Wenn er gar nicht raus wollte aus dem Gefängnis, wie Klasie behauptete, warum passte Pa dann auf ihn auf? Wieder verhinderte die Klingel, dass ich ins Grübeln versank. Wir hatten Geschichte, die erste Stunde bei Juffrou Daniels. Sie fegte ins Klassenzimmer wie die erfrischende Brise am späten Vormittag, die ich dringend benötigte, weil mich um diese Zeit stets eine Welle bleierner Müdigkeit überrollte. Juffrou Daniels hüpfte vor der Tafel auf und ab, als pulste Koffein in ihren Adern. Ich wurde augenblick-

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lich munter. Aufstehen. Grüßen. Setzen. In schwungvollen Buchstaben schrieb Juffrou Daniels das Thema der nächsten Unterrichtsstunden an die Tafel: „Der große Treck. Wer weiß etwas darüber?“ Alle Hände blieben unten. „Niemand?“ Juffrou Daniels sah uns erstaunt an. „Dabei ist es die Geschichte unseres Landes. Jedenfalls ein Teil davon und auch dieser nur, wie ihn die erzählen, welche die Schlacht am Blutfluss gewonnen haben. Oder habt ihr schon mal einen Toten reden hören? Oder einen, der gefangen war?“ Sie lachte, als wäre es ein Scherz, aber ich dachte prompt an Mandela, zum wievielten Mal bloß an diesem Tag? Es verblüffte mich, wie sich dieser Mensch in meine Gedanken drängte. Andauernd war die Rede von ihm, seit wir die Insel verlassen hatten. 18 Jahre saß Mandela nun schon hinter Gittern. Keines seiner Worte war seither gehört worden. Das würde auch so bleiben, dafür sorgte Pa. Mandelas Sicht der Dinge blieb ungesagt. Und ungehört. Was ich nicht bedauerte. Denn wer sollte schon einem Terroristen Gehör schenken? Falls Mandela überhaupt eine eigene Geschichte besaß – was ich bezweifelte –, handelte es sich eindeutig um eine unerhörte Geschichte. Merkwürdig erschien mir eher, was Juffrou Daniels erzählte. Als wollte sie andeuten, dass unter manchen Worten gewichtigere lauerten, solche, die die vermeintliche Leichtigkeit des Gesagten ins Wackeln brachten. Doch ich konnte nicht weiter darüber grübeln, denn sie hatte mich bemerkt. Sie wippte auf mich zu. Die anderen Lehrer hatten mich begrüßt, wie man einen lästigen Punkt von einer zu lang geratenen Aufgabenliste strich: „Neu

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