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HERIBERT HABERHAUSEN

Die Botschaft der Krippe

Heribert Haberhausen

Die Botschaft der Krippe

Geschichten einer heiligen Zeit

Ein Lesebuch für Advent und Weihnachten

Die Botschaft von Weihnachten: Es gibt keine größere Kraft als die Liebe. Sie überwindet den Hass wie das Licht die Finsternis.

MARTIN LUTHER

Leseprobe

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: XXXX

Lektorat: Susanne Roll, Illustrationen: Dr. Michael und Ilka Gieß

Mitarbeit: Dagmar Diadok

DTP: Magdalene Krumbeck, Wuppertal

Verwendete Schriften: Garamond Pro Gesamtherstellung: XXXXX

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Vorwort

An Weihnachten ist in der Kirche noch immer Hochsaison. Fast alle Gemeinden bemühen sich, in die vielen Feiern eine Weihnachtsgeschichte einzubauen.

Dazu bietet Heribert Haberhausen in seinem neuen Buch »Die Botschaft der Krippe« ein reichliches Angebot: Geschichten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die den Kern von Weihnachten treffen und nicht um Nebensächliches kreisen: manchmal nachdenklich, dann wieder ungeschminkt und aufrüttelnd.

Es sind Kurzgeschichten, die in einer Adventsoder Weihnachtsfeier, ebenso in einer Predigt das Wunder von damals begreiflich machen und besonders in schwierigen Zeiten Hoffnung, Trost und Vertrauen spenden können, kurz: Licht in manche Dunkelheit bringen.

Menschlichkeit ist angesagt, und was wollte Gott mehr sagen, als er uns seinen Sohn schenkte: Bleib Mensch, dann wird das Göttliche in dir sichtbar!

Willi Hoffsümmer

Advent

1 Der Bote der Liebe

Vier dicke rote Kerzen stehen auf einem Adventskranz. Die erste sagt: »Ich bin Bote des Friedens. Aber die Menschen bemühen sich nicht um mich. Im Gegenteil! Sie steigern jährlich ihre Rüstungsprodukte. Rivalisierende Stämme, völkische Vereinigungen kämpfen um Vormachtstellungen, Bodenschätze oder Grenzziehungen. Verbrecher töten skrupellos, Machthaber festigen mit Waffengewalt ihre Positionen, Terroristen erzwingen mit Bomben ihre Forderungen. Selbst in den engsten, kleinsten, privatesten Kreisen herrscht Unfrieden, Zank und Streit in den Familien und unter den Angehörigen, in Nachbarschaften und Betriebsgemeinschaften. Darum brenne ich nicht, vergeude an diese Welt nicht mein wärmendes, erleuchtendes und friedliches Licht.«

Die zweite Kerze behauptet von sich: »Ich bin Bote der Ehrlichkeit. Sie bleibt überall auf der Strecke. In den Medien häufen sich die Falschmeldun-

gen, in den sozialen Netzwerken bösartige Fakes. Politiker belügen das Volk, zeichnen sich aus durch Bestechlichkeit. Ehrliche Verbrecher gibt es nicht, aber unehrliche viele. Diebstähle, Einbrüche und Gewalttaten nehmen von Jahr zu Jahr zu. Selbst steinreiche Menschen bestehlen die Allgemeinheit, indem sie ihre Steuererklärung fälschen oder sich sogar vor dem Obolus an den Staat gänzlich drücken. Auch unter Bekannten, Freunden und Angehörigen wird geschmeichelt, gelogen, die Wahrheit verdreht. Darum erleuchte ich niemanden mehr, darum brenne ich nicht.«

Die dritte Kerze stellt sich so vor: »Ich bin Bote des Glaubens. Aber die Menschen kehren der christlichen Lehre, religiösen Vereinigungen, den großen Kirchen mehr und mehr den Rücken zu, beten stattdessen den schnöden Mammon an. Die kirchlichen Feste sind zu kommerziellen Veranstaltungen verkommen, haben ihren Sinn verloren.

Die meisten Zeitgenossen betreten die Gotteshäuser nur drei Mal, nämlich: wenn man sie mit ihren kleinen Füßen hineinträgt, wenn sie in diese auf eigenen Füßen in Hochzeitsgewändern schreiten und wenn man sie mit den Füßen voran hinausträgt. Gegen diese Dunkelheit komme ich nicht an, darum brenne ich nicht mehr.«

Die vierte Kerze meint schließlich resignierend: »Ich bin Bote der Hoffnung.« Kaum ein Mensch

hat das Vertrauen, den Glauben, die Zuversicht daran, dass sich an dem, was ihr vorgetragen habt, das Geringste ändern wird. Viele wollen es auch gar nicht, sind mit dem Unfrieden, der Unehrlichkeit und Hoffnungslosigkeit eine Symbiose eingegangen. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont ist nicht in Sicht. Darum brenne ich nicht.«

Am 24. Dezember leuchten am Weihnachtsbaum unzählige Kerzen. Sie sagen von sich: »Wir sind Boten der Liebe. Unser Licht, unsere Helligkeit, unser Strahlen werden euch anstecken und mitreißen, werden euch positives Denken schenken. Denn die Liebe erträgt alles! Ist friedfertig, glaubt alles, hofft alles! Sie hört niemals auf! Schon gar nicht in der Advents- und Weihnachtszeit.«

2 Licht Gottes

Lina bindet mit feinem Draht knorrige Wurzeln zusammen, sodass sie ein Viereck bilden. Dann befestigt sie Tannengrün daran und wickelt darum rotes Schleifenband.

»Das ist der originellste und schönste Adventskranz, den ich je gesehen habe«, staunt die Mutter. »Jetzt müssen wir nur noch die Kerzen darauf stellen.«

Als die erste Kerze brennt, fragt Lina nach dem Sinn des adventlichen Lichterglanzes.

»Licht«, sagt die Mutter, »hat für alle Menschen eine besondere Bedeutung.« Beide setzen sich, und die Mutter erzählt:

»Am Fuße eines aktiven Vulkans auf Java, einer großen Insel im Indonesischen Archipel, liegen zwei Dörfer. Die Bewohner schauen mit Ehrfurcht und Angst auf den Vulkan in ihrer Nähe. Er bedeutet für sie Leben und Segen, aber auch Leid und Sorgen. Wenn dunkle Wolken aus seinem Inneren treten, dann sagen die Alten: ›Er spuckt bald wieder.‹ Und Alt und Jung bringen sich in Sicherheit. Die Menschen fliehen vor der glühenden Lava, die in den nächsten Tagen den Berg herunterrinnen wird. Erst wenn der Vulkan zur Ruhe gekommen ist, kehren sie in ihre Dörfer zurück. Jedes Mal erleben sie dann einen Anblick des Grauens. Die Hütten sind zerstört, die Straßen verwüstet und die Brücken weggerissen. Der mühevolle Wiederaufbau beginnt. Und doch brauchen die Menschen den Vulkanausbruch. Die Lava schenkt dem Boden Minerale, wertvolle Minerale, die ihn fruchtbar und ergiebig machen.

Einmal nun grollte der Vulkan wieder fürchterlich. Schwarzer Qualm stieg in den Himmel und senkte sich dann auf das Land. In die Rauchschwaden zischelte Feuer wie Schlangenzungen. Und

dann explodierte der Berg! Glut wurde in die Luft geschleudert, kilometerhoch, Steine folgten, tonnenschwere Lavamassen wälzten sich zu Tal, Bäume und Sträucher mit sich reißend. Die Menschen beobachteten aus respektvoller Entfernung das Inferno. Tagelang wütete der Berg.

Als die Anwohner wieder in ihre Dörfer zurückkehren konnten, erlebten sie eine Überraschung. Ein Wunder war geschehen! Die Häuser, die Straßen und die Brücken waren gänzlich unzerstört. Die Lavamassen hatten sich um die Dörfer herumgewälzt oder waren zwischen ihnen hindurchgeflossen.

In ihrer Freude und Dankbarkeit beschlossen die Ältesten, eine kleine Kirche auf halbem Wege zwischen den Dörfern zu errichten, um Gott im Himmel für seine Güte zu danken. In beiden Dörfern lebten vornehmlich Muslime, die aber Gedankengut des Hinduismus in ihren Glauben mit aufgenommen hatten. Aber es gab auch Christen und Buddhisten dort. Darum überlegten die Ältesten, was sie denn nun als Symbol aufstellen sollten: das Rad der Lehre oder die Lotosblume als Symbol der Heiligkeit, das gespaltene Tor als Zeichen der Unvollkommenheit wie bei den Buddhisten und Hinduisten oder aber das Kreuz der Erlösung, wie es die Christen haben.

›Es ist besser‹, sagte ein Weiser, ›ein Symbol zu wählen, in dem alle Religionen sich wiederfinden.‹

›Das gibt es nicht‹, argumentierten alle anderen. Da holte der alte Mann eine Öllampe aus seinem Gewand hervor, stellte sie in die Mitte und zündete den Docht an. Dann sagte er: ›Gott ist das Licht der Welt. Das Licht erinnert die Menschen aller Religionen an den Allmächtigen. Darum soll es Tag und Nacht in unserer Kirche brennen.‹ »Siehst du«, sagt die Mutter und beendet ihre kleine Geschichte, »das ist der Sinn! Das Licht schenkt uns das Leben.«

Von der Geburt des Erlösers

3 Das Unsichtbare sehen kurz vor Weihnachten

Liebe Nichte, du fragst mich, ob es das Christkind wirklich gibt. Du schreibst, deine Freunde behaupten, es sei eine Erfindung der Erwachsenen, um einmal im Jahr ein wenig Romantik und Sentimentalität aufkommen zu lassen.

Ich versichere dir, liebe Nichte, deine Freunde irren, und es wäre um uns Menschen schlecht bestellt, wenn sie sich nicht irren würden. Es gibt das Christkind, aber es hat keine lockigen Haare auf dem Kopf und kein immerwährendes Lächeln im Gesicht. Nein, es ist Gottes Sohn, den du nur mit deinem Herzen findest.

Ich weiß, wir Menschen haben uns mehr und mehr daran gewöhnt, nur das zu glauben, was wir sehen und anfassen können oder was wir erforscht

haben. Die Fortschritte der Wissenschaften sind auch zu enorm und verführen zu dieser Denkweise. Ich habe gehört, dass sich das Wissen der Menschheit in fast allen Bereichen jedes Jahrzehnt verdoppelt, auf einigen Gebieten, wie dem medizinischen, erreicht man das sogar alle fünf Jahre. Darum neigen viele dazu, nur noch das Beweisbare als gegeben anzuerkennen.

Aber es gibt Dinge, die man nicht messen kann, die man nicht anfassen und sehen kann. Und sie sind doch da, man muss sie nur sehen wollen. Du hast mir erzählt, dass du sehr traurig warst, als im letzten Jahr dein Hund gestorben ist und der Trost, den dir dein Vater spendete, eine große Hilfe war. Trauer und Trost hast du empfunden. Sie waren da, du konntest sie nicht sehen und doch hast du sie gespürt.

Als du uns im vergangenen Jahr auf unserem Bauernhof besucht hast, spieltest du deiner Tante und mir fast jeden Abend eine Melodie auf deiner Blockflöte vor. Die Flöte ist nur ein Stück Holz mit ein paar Löchern. Deine Melodien aber wärmten unsere Herzen. Auch wenn du das Instrument auseinandernimmst, die Melodien siehst du nicht. Doch waren sie da und erfreuten uns. Wie groß war deine Freude, als ich dir zum Dank beim Abschied eine Klarinette schenkte. Dieses Glück hast du im Herzen empfunden.

Oder denke an die Liebe deiner Eltern. Anfassen und sehen kann man sie nicht. Aber wenn du willst, spürst du sie jeden Tag. So ist es auch mit Gottes Liebe zu uns, seinen Geschöpfen. In seinem Sohn wird sie erkennbar. Aber nur, wenn du dich zur Krippe hingezogen fühlst, du musst an das Christkind glauben.

Das Christkind ist also nicht, wie deine Freunde sagen, eine sentimentale Erfindung, sondern Gottes Sehnsucht nach uns Menschen, seine immerwährend ausgestreckte, unsichtbare Hand, die wir ergreifen dürfen. Darum wird man dieses Fest immer feiern, denn es beweist Gottes Liebe zu uns, zu jedem Einzelnen von uns.

In Liebe

Dein Onkel Paul

4 Gott ist Mensch geworden

Wer in der Weihnachtszeit die Dorfkirche in Altenmarkt im Pongau betritt, der kann kaum die Krippe übersehen, die vor dem linken Seitenaltar aufgebaut ist. Auf den ersten Blick gleicht sie den unzähligen Krippen, die in dieser Zeit überall aufgestellt sind, überall, wo man sich zum christlichen Glauben bekennt.

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