Skip to main content

156710

Page 1

Leseprobe

S u s a n n e Ro l l Lisa – Im Zeichen der Weißen Rose

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 1

16.06.20 15:24


Leseprobe

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 2

16.06.20 15:24


Leseprobe

S U S A N N E RO L L S u s a n n e Ro l l

Flori – Lisa – Retterin in der Not Im Zeichen der Weißen Rose

001-144_Roll-Flori-Korrektur-02122019.indd 3 #20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 3

04.12.19 09:37 16.06.20 15:24


Leseprobe

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2020 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Koproduktion mit camino im Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de, unter Verwendung eines Bildes von LightField Studios, Hayati Kayhan, Helena-art, AlexHliv, Alica in Wonderland, Oleksandr Molotkovych (shutterstock. com) und Silke Schmidt, www.silkeundich.de (Illustration Sophie Scholl) Lektorat: Anja Lerz, Duisburg DTP: Breklumer Print Service, www.breklumer-print-service.com Verwendete Schriften: Adoba Garamond Pro, Pinto No. 1 Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o. Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-6710-4 (Neukirchener Verlag) ISBN 978-3-96157-155-0 (camino) www.neukirchener-verlage.de www.bibelwerk.de

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 4

16.06.20 15:24


Leseprobe

Für Joni meinen fleißigen und kritischen Testleser

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 5

16.06.20 15:24


Leseprobe

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 6

16.06.20 15:24


Leseprobe

Inhalt

Über mich – Lisa Schubert · 9 Planung der Jubiläumsfeier · 21 Kapitel 2 Kapitel 3 Erpressung · 34 Ideenschmiede · 46 Kapitel 4 Projekt: Fotostory · 55 Kapitel 5 Immer wieder Luca · 62 Kapitel 6 Kapitel 7 Licht und Schatten · 69 Regieanweisungen und Storyboard · 85 Kapitel 8 Die letzten Vorbereitungen · 97 Kapitel 9 Die Weiße Rose blüht wieder · 105 Kapitel 10 Von der Totalen zur Großaufnahme · 111 Kapitel 11 Tag der offenen Tür · 122 Kapitel 12 Kapitel 1

Epilog · 133 Anhang 1

Kurzbiographie: Sophie Scholl · 136

Anhang 2 Lied: · 140

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 7

16.06.20 15:24


Leseprobe

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 8

16.06.20 15:24


Leseprobe

K a pit e l 1

Über mich – Lisa Schubert

Freitag, 22. November 2019:

V

ierzig Jahre! Meine Schule wird vierzig Jahre alt. Vierzig Jahre alt ist auch mein Papa, fast vierzig meine Mama, Uroma Fredi ist mehr als doppelt so alt. Und ich? Ich bin erst 13, naja, fast 14. Ich heiße Lisa – Lisa Schubert – Elisabeth Magdalena Sophia Schubert. Was für ein Name, da haben Mama und Papa in die Vollen gegriffen und einfach alle Namen, die sie schön fanden, aneinandergereiht. Vielleicht hätten sie einfach noch eine Tochter bekommen sollen, aber so etwas kann man ja nicht planen. Was gibt es über mich und meine Familie noch zu sagen? Meine Mama heißt Beate, mein Papa Jürgen und mein zwei Jahre älterer Bruder heißt Johann. Wir beide gehen auf die Schule im Ort, die Sophie-Scholl-Realschule. Johann ist in der zehnten Klasse, ich in der achten. Auch wenn wir erst Ende November haben, lernt Johann schon fleißig für seinen Abschluss. Er ist ein richtiger Streber, der lieber in Büchern liest als YouTubern zu followen, der nach der zehnten Klasse weiter auf das Gymna-

9

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 9

16.06.20 15:24


Leseprobe

sium gehen will, der philosophische Abhandlungen liest, die ich im Leben nicht verstehen würde, der lieber in Büchern von Thomas Mann, Hermann Hesse oder Max Frisch und anderen, die normalen Menschen höchstens als Pflichtlektüre in die Hände fallen, stöbert als in Comics oder Mangas. Aber ich liebe ihn von Herzen, man kann ihn so schön aufziehen und ärgern. Es gab eine Zeit, als ich neu an die Schule gekommen bin, in die fünfte Klasse, und er bereits zwei Jahre dort war, da war ihm das peinlich, wenn ich zu ihm gelaufen kam, um ihn um Hilfe zu bitten, ihn zu ärgern oder einfach nur bei ihm und seinen Freunden abzuhängen. Mittlerweile ist er viel weiser. Bei Ersterem hilft er mir mit einem gönnerhaften Lächeln und bei Letzterem ignoriert er mich oder dreht es so, dass nicht er es peinlich findet, wenn ich mit ihm und seinen Freunden abhängen will, sondern dass es mir peinlich ist. Also lasse ich es inzwischen meistens gleich bleiben. Seitdem kommen wir in der Schule hervorragend miteinander klar. Und auch die Lehrer, die mich und ihn im Unterricht haben, gaben es irgendwann auf, mich mit ihm vergleichen zu wollen. Ich glaube, vom Verhalten bin eher ich der Junge und Johann das Mädchen. Johann ist ordentlich, hat sauber geführte Mappen, auf die ich manchmal wirklich neidisch bin, hat immer – wirklich immer – seine Hausaufgaben, meldet sich freiwillig für soziale und andere Projekte und wurde in diesem letzten Jahr auch noch zum Schülersprecher gewählt. Ich sag ja, ein echter Musterknabe, mein Bruder.

10

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 10

16.06.20 15:24


Leseprobe

Ich habe, wenn es hochkommt, drei verschiedene Mappen in meinem Rucksack. Je nachdem, welches Fach gerade eingesammelt wird, stecke ich die Blätter rein, die ich noch irgendwo in meinem Schulfach oder zu Hause in meinem Zimmer oder völlig zerknittert in meinem Rucksack finde. Die Beschriftung wird dann jedes Mal geändert, kurz bevor ich die Mappe abgeben muss. Bei fast allen Lehrern komme ich damit durch, auch wenn die lose Blattsammlung mir nie mehr als eine Vier einbringt. Manchmal, wenn ich ganz viel Glück habe und mal mehr als drei Blätter in meiner Mappe sind oder ich auf großes Wohlwollen stoße, dann ist auch schon Mal eine Drei drin, allerdings dann immer mit einem Minus. Nur bei Frau Wert bekomme ich eine Fünf zurück, jedes Mal: falsche Mappenfarbe, Zettel nicht durchnummeriert, kein Datum auf den Blättern, kein Deckblatt, kein Inhaltsverzeichnis (Ich bitte euch: ein Inhaltsverzeichnis für die drei Blätter …?). Irgendwann war ich es leid und kaufte mir wenigstens eine Mappe in der richtigen Farbe: Weiß für Religion bei Frau Wert. Von da an wurde es zumindest schon mal eine Vier minus. Die Mappe zählt für die Note am Ende sowieso nicht so viel. Hauptsache, ich mache mündlich ordentlich mit und schreibe einigermaßen gute Arbeiten. Viel lernen brauche ich nie, um überall eine Drei zu schaffen. Ich bin damit ganz zufrieden, auch wenn Frau Wert oft sagt: „Lisa, du weißt anscheinend gar nicht, wie viel Potenzial du hast.“ Potenzial wofür?, frage ich mich dann immer. Ich bin ja zufrieden mit dem, was ich habe, und wenn ich wirklich

11

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 11

16.06.20 15:24


Leseprobe

gut sein will und lerne, wenn mich etwas besonders interessiert, dann schreibe ich tatsächlich auch mal eine Zwei oder sogar besser. Aber das ist mir im Großen und Ganzen egal. Wie gesagt, ich bin zufrieden. Mama sagt immer: „Das kommt sicherlich später noch, wenn dir klar wird, wofür du lernst.“ „Oder wenn ihr klar wird, dass man mit so einem Zeugnis nicht Anwältin werden kann“, stochert Johann dann jedes Mal. Der hat gut reden, Musterknabe Johann. Frau Wert nimmt mich zumindest so, wie ich bin. Sie will mich nicht verändern, faselt zwar ab und zu von dem Potenzial, das angeblich in mir schlummert, lässt mich aber ansonsten zum Glück in Ruhe. Grundsätzlich mag ich Frau Wert. Sie lässt sich eben einfach nicht bestechen und behandelt alle gleich. Sie gibt die Standards vor, und es ist ja jedem selbst überlassen, ob man denen genügen will oder nicht. Hält man sich daran, dann bekommt man auch die richtig guten Noten, hält man sich nicht daran, dann eben die schlechten. Fair und gerecht. Das ist mir lieber, als bei manchen Lehrern mit der Tour „große Hundeaugen“ durchzukommen. Es gibt Lehrer, wenn man die lang genug bequatscht, dann geben sie immer nach, gewähren einem noch Aufschub oder drücken ein oder auch zwei Augen zu, wenn es um die Noten auf dem Zeugnis geht. Bei so einem vorbildlichen älteren Bruder muss doch irgendwo auch etwas Gutes in der jüngeren Schwester schlummern, auch wenn man es noch nicht sieht, bla, bla, bla. Aber ich will mich nicht beklagen: Wenigstens ist mein Zeugnis so zwar nie wirklich berauschend,

12

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 12

16.06.20 15:24


Leseprobe

aber eben auch nicht grottenschlecht. Und ich selbst habe ein bisschen das Gefühl, mit diesem Verhalten auch den Lehrern einen Gefallen getan zu haben, denn jedes Mal, wenn ich mich dann überschwänglich bedanke und sage, was für gute Menschen sie sind, dann fühlen die sich irgendwie auch gut oder sogar besser. So haben dann doch alle gewonnen, oder nicht? Und im Unterricht bei Frau Wert kann ich sogar richtig vom Leder ziehen. Da kann ich meine Meinung sagen. Also, was nicht geht: einfach motzen und plump gegen alles sein, nur weil man gerade in der Stimmung ist oder Spaß daran hat. Frau Wert achtet genauestens darauf, dass wir die Dinge, die wir äußern, auch sauber begründen. Daraus sind manchmal sehr hitzige Diskussionen im Reli-Kurs entstanden, aber ich habe nie eine schlechte Note für das bekommen, was ich sage, sondern nur dann, wenn ich es nicht richtig erkläre oder begründe. So sind Religion und auch Geschichte immer die Fächer, in denen ich mich gern beteilige und mitdiskutiere. Was gibt es noch über mich zu berichten? Ich wohne mit meiner Familie in Neudorf, einer Kleinstadt in der Nähe von Osnabrück. Ich liebe Volleyball, Trampolinspringen und meine Katze Clio. Ich chille gern am Handy, mache bei der Schülerzeitung mit und schaue oft Fernsehen. Clio hat ihren Namen übrigens von der Katze aus dem Film „Der kleine Lord“. Einmal im Jahr, kurz vor Weihnachten, ist dieser Film bei uns in der Familie ein absolutes Muss. Und da unsere Katze so aussieht wie die Katze aus dem Film, wurde sie eben Clio getauft. Ist mir nicht peinlich, ehrlich, auch wenn ich sonst eher Actionfilme und

13

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 13

16.06.20 15:24


Leseprobe

Thriller gucke. Ich liebe diesen Film und ich liebe meine Katze. Und bei der Schülerzeitung mache ich mit, weil man dort alles so schön kritisieren darf, nicht, weil ich mich per se gern engagiere, ich heiße ja nicht Johann. Wir wohnen in einem Haus am Rande des Ortes. In den Rasen eingelassen steht mein Trampolin. Meine beste Freundin war eigentlich lange Zeit ein bester Freund – Luca – der am anderen Ende der Siedlung wohnt und so alt ist wie Johann. Johann hat früher viel mit ihm gespielt, denn die beiden waren zusammen im Kindergarten. Es war also ganz natürlich, dass Luca oft bei uns war – ein echt cooler Typ – schon immer. Doch dann, als sie zusammen auf die neue Schule kamen, hat sich die Freundschaft irgendwie nach und nach aufgelöst. Johann und Luca sind einfach zu unterschiedlich. Während Johann in der Schule weiterkommen will, ist Luca eher auf Krawall gebürstet. Ich jedoch fand und finde ihn mega. Schon als ich eingeschult wurde und Luca das erste Mal in der dritten Klasse mit schwarzen Springerstiefeln in der Schule auftauchte, habe ich ihn angehimmelt. Er hatte sein schwarzes Haar damals extra länger nicht schneiden lassen und trug ein schwarzes, mit Nieten besetztes Armband. In dieser Zeit haben sich Johann und Luca oft getroffen und sich gegenseitig ausgehalten, wie Mama das einmal ausgedrückt hatte, auch als sie zusammen auf die Realschule gekommen waren, haben sie sich noch gegenseitig besucht und manchmal Zeit miteinander verbracht. Aber dann lief das Ganze aus dem Ruder. Luca hatte sich eine Lederjacke gekauft, begann zu rauchen und immer öfter irgendwo im

14

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 14

16.06.20 15:24


Leseprobe

Schatten rumzuhängen. Manchmal sah ich ihn an der Ecke zum Supermarkt lässig an der Wand gelehnt stehen, wie ein lauerndes Raubtier. Ich muss wohl nicht noch einmal betonen, wie mega ich das finde? Johann distanzierte sich jedoch weiter von Luca, er sagte, der spinne doch komplett und er wolle nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er sei brutal zu anderen, gemein, würde lügen und sei „gefährlich“. Was das auch immer heißen sollte. Luca war eben anders. Er piercte sich die Augenbrauen und gelte sich die inzwischen raspelkurzen Haare hoch. Ich traf ihn manchmal, wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fuhr. Ich fand sein Outfit super. Auch verhielt er sich mir gegenüber immer freundlich. „Lisa“, sagte er einmal, „wir sind gleich. Du bist genauso drauf wie ich, Kleine, wirst du schon irgendwann merken!“ Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich wirklich dermaßen stark vom Dunklen angezogen fühle wie Luca, aber wenn ich ehrlich bin, dann habe ich den Hang, in den Graubereich zu schnuppern, das stimmt schon. Nach der vierten Klasse konnte ich es kaum erwarten, auf die Sophie-Scholl-Schule zu gehen, denn da war ja auch Luca. Lisa und Luca, Luca und Lisa, das klang hübsch. Und in Gedanken malte ich ein großes, fettes, rotes Herz um diese Namen. Als ich dann in die fünfte Klasse kam und Luca und Johann in die siebte, da standen sie noch manchmal zusammen, und er war sicherlich der Hauptgrund, warum ich lieber mit Johann und seinen Freunden rumhängen wollte als mit meinen eigenen Klassenkameraden. Außer natürlich Pauline. Sie war und ist das, was man wohl als Busenfreun-

15

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 15

16.06.20 15:24


Leseprobe

din bezeichnen könnte. Johann war jedoch in dieser Zeit mein Alibi, um Luca nahe zu sein. Er war einfach mega cool, ließ sich nichts gefallen, machte sein Ding. Irgendwie hatte ich manchmal das Gefühl, dass auch die Lehrer ein wenig Angst vor ihm hatten. Vielleicht lag diese Vorstellung an meiner überromantisierten Stimmung, denn es dauerte nur ein weiteres halbes Jahr, da gab es Luca an der Schule nicht mehr. Die dritte Klassenkonferenz hatte darüber entschieden, dass er der Schule verwiesen wurde. Ich weiß darüber nichts Genaueres, nur, dass er angeblich in Erpressungsfällen, Mobbing und dergleichen verstrickt war. Ich glaube kein Wort davon. Ich kenne ihn. Er ist anders, ja, aber er ist doch kein Verbrecher! Vielmehr ist er der Anakin Skywalker meiner Träume, ein dunkler Ritter, der sich was traute, der Lehrern und Schule trotzte und nicht so bieder ist wie mein Bruder. Trotzdem: Er wurde also nicht in die neunte Klasse versetzt, sondern flog von der Schule, peng und aus. Zu dieser Zeit hing er manchmal auf dem Spielplatz in unserer Siedlung ab, saß auf der Schaukel, rauchte und hatte immer eine Bierflasche in der Hand. Zu seinem Armband gesellte sich eine teure Uhr von BOSS, seine Lederjacke wurde hochwertiger und auch die übrigen Klamotten waren einfach hip. Hoodys von Vans oder sogar Off-White. Da konnte ein einzelner Pulli auch schon mal locker 500 Euro kosten, die Winterjacke, die er trug, bestimmt sogar über 1000 Euro. Wenn ich ihn dort sitzen sah und nicht gerade mit Pauline verabredet war, ging ich zu ihm rüber, setzte mich auf

16

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 16

16.06.20 15:24


Leseprobe

die andere Schaukel und quatschte mit ihm. Erst waren es nur Plaudereien, doch mit der Zeit erzählte er mehr von sich, dass es ihm richtig gut ginge, dass er viel Geld verdiene, dass er eine coole Truppe von Jungs um sich hätte, deren Anführer er war. Ich fand, dass er gut aussah. Er schien richtig fit zu sein, hatte Muskeln und einen breiten Rücken bekommen. Ich liebte einfach alles an ihm. Heimlich probierte ich irgendwann auch einen Zug von seiner Zigarette und auch von seinem Bier. Beides schmeckte mir aber nicht. Nach dem Zug an der Zigarette musste ich so doll husten, dass ich mich fast übergab und ich rücklings von der Schaukel fiel. Luca lachte und sagte: „Das ist am Anfang so. Da gewöhnst du dich dran.“ Also probierte ich noch einen Zug, aber es wurde nicht besser, sondern schlimmer. So im Nachhinein war das auch gut, denn ich ließ erst mal wieder meine Finger davon. „Das wird schon, meine Schöne!“, sagte Luca und klopfte mir den Sand vom Rücken. Er klopfte mir den Rücken sauber, und mein Herz in meiner Brust klopfte mir bis zum Hals hinauf. Zu diesem Zeitpunkt war ich zwölf Jahre alt und total in Luca verschossen, ja, so war es, ich schwör’s. Erwachsene sagen immer, Kinder oder Jugendliche in meinem Alter wissen noch gar nicht, was Liebe ist, aber das stimmt nicht. Wir wissen es sehr wohl, denn wir lieben ja auch unsere Eltern, das ist das gleiche, starke Gefühl. Keiner soll mir damit kommen, mir zu sagen, ich wüsste nicht, wie sich Liebe anfühlt, nur, weil ich noch nicht zwanzig bin. Außerdem haben sich Mama und Papa auch ken-

17

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 17

16.06.20 15:24


Leseprobe

nengelernt, als sie 14 waren. Mama sagte einmal zu mir: „Papa und ich liebten uns von Anfang an: Erst war alles rosarot mit Schmetterlingen im Bauch, dann wurde es ernster, irgendwie tiefer und mit den Jahren verändert sich die Liebe weiter, wird intensiver, reifer, toleranter. Man ist anders als der Partner aber auch irgendwie wieder nicht. Man wird manchmal tatsächlich ein bisschen wie der andere und der andere wird wie man selbst, man wird gleich, weißt du?“ Gleich werden, gleich sein … das hatte Luca auch gesagt. „Du bist doch genauso wie ich, Lisa. Wir sind gleich.“ Mir war das sowas von klar, dass ich Luca liebte, dass ich jede freie Zeit, wenn ich ihn traf, bei ihm sein wollte. Und das gemalte Herz in meinen Gedanken wurde größer und roter: Luca und Lisa – Lisa und Luca. Blöd nur, dass mein Bruder so wachsam ist. Er sah mich öfter mit Luca dort auf dem Spielplatz abhängen und roch auch an meiner Kleidung den schalen Zigarettenrauch von Luca. „Du solltest dich nicht mit Luca treffen“, sagte er eines Tages zu mir, „es hat schon seinen guten Grund, warum er von der Schule geflogen ist!“ Ich war wütend und erwiderte: „Du steckst Luca doch auch nur in eine Schublade, weil er da so schön reinpasst. Nur weil er sich anders anzieht als die anderen, anders aussieht und sich anders verhält, heißt das noch lange nicht, dass er schlecht ist. Das glauben alle immer nur zu gern.“ Ruhig hatte Johann erwidert: „Nur weil du verliebt bist, heißt das noch lange nicht, dass er nicht schlecht ist.“

18

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 18

16.06.20 15:24


Leseprobe

Damit ließ er mich stehen, behielt mich aber im Blick. Ich hasste das und sprach mit Luca darüber. „Wird Zeit, unseren Treffpunkt zu ändern“, sagte er nur, „ich schicke dir eine SMS.“ „SMS?“, fragte ich. „Nicht WhatsApp?“ „Zu unsicher“, erwiderte er. „Selbst mit meinen Jungs habe ich keine Gruppe, da könnte man uns viel zu leicht auf die Schliche kommen.“ Mit diesen Worten war er aufgestanden und hatte den Spielplatz verlassen. Lange habe ich an diesem Nachmittag noch dagesessen und die pendelnde Schaukel betrachtet. Auf die Schliche kommen? Wem? Und bei was? Aber der Gedanke hielt nicht lange genug, um zu reifen. Ich wischte ihn beiseite. An diesem Abend rief ich Pauline an, die, wie schon gesagt, noch am ehesten so etwas wie eine enge Freundin ist, und erzählte ihr davon. Sie ist sehr vorsichtig, wenn es um Luca geht, das war sie an jenem Abend und das ist sie heute noch, aber ich rechne ihr hoch an, dass sie ihn nicht voreilig verurteilt. „Vielleicht ist er tatsächlich nicht so, wie die anderen sagen“, meinte sie nachdenklich, „aber, wenn ich ehrlich bin, hab ich schon ein bisschen Angst vor ihm!“ „Ach, papperlapapp, Angst“, erwiderte ich, „du musst doch keine Angst vor ihm haben!“ „Du musst keine Angst vor ihm haben“, sagte sie schlicht, „dich mag er. Aber vielleicht solltest du trotzdem vorsichtig sein. Judith hat erzählt, dass ihr Cousin neulich in der Schule von zwei Jungs festgehalten und bedroht wurde. Er musste ihnen alles Geld geben, das er an diesem Tag in

19

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 19

16.06.20 15:24


Leseprobe

den Taschen hatte. Sie haben ihn geschubst und ihm ganz schön Angst gemacht. Björn ist sich sicher, dass diese Typen mit Luca abhängen.“ Solche Aussagen ignoriere ich. Ich will nicht daran glauben, dass Luca schlecht ist. Er ist eben anders, das ist auch schon alles. Ich glaube, jetzt wisst ihr so ziemlich alles, was ihr braucht, um meiner Geschichte zu folgen. Ich kann wieder dorthin springen, wo ich angefangen habe – zur Jubiläumsfeier meiner Schule. Wir haben Ende November 2019, ich bin 13 Jahre alt (fast 14) und gehe in die 8. Klasse der Sophie-Scholl-Realschule in Neudorf, die im Januar 2020 ihr 40-jähriges Jubiläum feiert. Gemeinsam wurde von der Schulleitung, der Elternvertretung und auch von der Schülervertretung festgelegt, dass das angemessen gefeiert werden soll. Im Rahmen des Jubiläums soll es also Projekttage geben, die sich mit dem Bau unserer Schule, ihrem Leitbild, aber auch mit der Namensgeberin Sophie Scholl beschäftigen. Alle Schülerinnen und Schüler wurden aufgefordert, sich Gedanken über mögliche Projektideen zu machen, die dann vor Weihnachten gesammelt und ausgewertet werden. Tja, und genau an diesem Punkt befinden wir uns nun: Gehirn, sei kreativ! Lass dir was Gutes einfallen! ***

20

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 20

16.06.20 15:24


Leseprobe

K a pit e l 2

Planung der Jubiläumsfeier

Sonntag, 24. November 2019:

H

eute Abend kommt meine Freundin Pauline zu mir nach Hause. Wir haben uns bereits am Freitag für heute verabredet, um gemeinsam ein wenig im Internet zu surfen und nach Ideen für die Projekttage zu suchen. Wir wollen uns Projekte anderer Schulen ansehen, aber auch ein wenig über Sophie Scholl recherchieren. Kurz vor sechs, es klingelt an der Haustür. Mama ruft, dann Schritte auf der Treppe. Pauline wieder einmal mehr als pünktlich. „Na, alte Ziege“, sagt sie und grinst. Sie befreit ihr Gesicht aus diversen Schals und Tüchern und streift sich die Mütze vom Kopf. „Kalt ist es“, sagt sie und pfeffert alles auf mein Bett. Wir setzen uns nebeneinander an meinen Schreibtisch, sie auf meinen Schreibtischstuhl, ich auf einen Sitzhocker, und beginnen, im Internet nach interessanten Ideen zu suchen. Das ist schon nach den ersten Minuten mehr als öde und mir fallen spontan zehn andere Dinge ein, die ich an

21

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 21

16.06.20 15:24


Leseprobe

einem Sonntagabend viel lieber machen würde. Das Internet ist voll von hohlen Ideen zur Durchführung von Projekttagen und Präsentationen am Tag der offenen Tür. Da gibt es „Kochkünste aus aller Welt“, (die doch nur Döner oder Pizza interessanter verpacken wollen), „Cocktails mischen“ (wahrscheinlich nur Apfelsaft, Orangensaft oder, wenn es hochkommt, KiBa), das „Herstellen von Badesalzen“, „Honig und Kerzen aus der eigenen Bienenzucht“ verkaufen (na gut, das ist ganz cool und auch noch sinnvoll), „Escape Rooms“ (manche mehr, manche weniger ausgefeilt), es gibt eine „Trampolin-Akrobatik-Show“ (das finde ich ja noch einigermaßen aufregend), einen „Waffelbäckerstand“ (den gibt es gefühlt an jedem Tag der offenen Tür), einen „Malkurs zur Schulverschönerung“ (das ganze Grau bunt machen, klingt zumindest mal cool), da gibt es diverse „Sportangebote“, „Catering der Schülerfirmen“, eine „Einhornliebhabergruppe“, die Einhornplaketten herstellt und Einhörner aus Hartschaum schnitzt und somit die Mädels aus den unteren Klassen bedient, und noch vieles mehr. Ich persönlich habe keine Lust, zu backen, zu kochen, zu basteln, zu malen, zu tanzen oder sonst was. Und auch Pauline kann sich anscheinend für diese Dinge viel weniger begeistern, als ich anfänglich befürchtet habe, denn sie verzieht schon zum dritten Mal ihren Mund und runzelt die Stirn. Irgendwie ist sie trotzdem ein Klischee auf Beinen, sorry, ich mag sie ja, echt, aber sie ist so durch und durch girly, mit allen Eigenarten, die man eben einem Mädchen zuschreibt. „Lass uns mal die Suchanfrage ändern“, schlage ich vor und gebe den Namen Sophie Scholl in die Suchmaske ein.

22

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 22

16.06.20 15:24


Leseprobe

Natürlich wissen alle Schüler unserer Schule so ein bisschen, wer Sophie Scholl war. Bei jeder Einschulungsfeier wird auf die Namensgeberin unserer Schule hingewiesen und welch großen Mut sie im Angesicht des Bösen bewiesen hat. Zumindest wissen Pauline und ich, dass sie gegen Hitler und den Nationalsozialismus gekämpft hat, dass sie mit ihrem Bruder zusammen eine Gruppe gegründet hat, die sie „Weiße Rose“ nannten. Mehr aber auch nicht. Pauline kritzelt gelangweilt Hieroglyphen auf einen Block, malt Kringel und Schnörkel und hat plötzlich einen genialen Geistesblitz. „Eine Zeitskala mit Fotos, Zitaten und Lebensdaten“, sagt sie, „das wäre doch …“ „Langweilig“, ergänze ich ihren Satz und klicke weiter durch die Infos im Netz. Etwas beleidigt sieht sie mich an. Doch ich tue ihr ja schon den Gefallen und google nach Fotos und Infos über Sophie Scholl. „Sophia Magdalena Scholl“, lese ich aus einem Internetlexikon vor, „geboren am 9. Mai 1921 in Forchtenberg.“ „Hey“, ruft Pauline, „die heißt ja fast wie du, nur in umgekehrter Reihenfolge!“ „Stimmt“, sage ich, bin aber wenig beeindruckt. Ich lese weiter: „Sie war eine deutsche Studentin und Widerstandskämpferin gegen Hitler. Zusammen mit ihrem Bruder Hans und einem anderen Mitglied aus der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ wurde sie am 23. Februar 1943 hingerichtet.“ „Sie ist ja nur 21 Jahre alt geworden“, murmelt Pauline vor sich hin, „und sieh doch mal, Lisa! Ist der 23. Februar nicht dein Geburtstag?“

23

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 23

16.06.20 15:24


Leseprobe

Stimmt auffällig. Komisch. Ich klicke weiter und durchforste das Netz. Wir erhalten noch Informationen über ihren Bruder Hans, über die „Weiße Rose“ und nur ganz wenig über ihr eigenes Leben – war ja auch nicht lang – zumindest nicht lang genug, um darüber eine ausführliche Zeitstrahl-Dokumentation machen zu können. Als ich meine Gedanken laut äußere, scheint Pauline enttäuscht, nickt aber. „Du hast recht, das gibt nicht viel her!“, sagt sie gefrustet. So sehr wir auch nachforschen, Pauline und ich werden immer unzufriedener, weil es da eben nicht so viel zu holen gibt. „Lass uns eine Pause machen“, schlage ich also vor. Zumindest werden wir unten in der Küche auf unserer Suche nach Chips und Apfelsaft fündig. Mama und Papa schnippeln gerade Gemüse für den Salat klein, den es zum Abendbrot geben soll. „Esst nicht mehr allzu viel, Mädchen“, sagt Mama, „in einer Stunde gibt es Abendbrot.“ Wir schnappen uns die Chips trotzdem und machen uns damit auf den Weg ins Wohnzimmer. Durch die Glastür sehen wir aber, dass Johann dort auf dem Sofa sitzt und Fernsehen guckt. Das ist ungewöhnlich. Johann guckt nie Fernsehen. Meistens hockt er irgendwo rum und zieht sich seine Bücher rein. Genervt verdrehe ich die Augen. „Dann lass uns wieder hochgehen“, sage ich zu Pauline. Doch Johann hat uns gesehen und winkt uns zu sich. „Kommt her“, ruft er durch die Glastür. Ich schüttle den Kopf und wende mich der Treppe zu, aber Pauline öffnet die Tür und betritt mit einem Lächeln das Wohnzimmer.

24

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 24

16.06.20 15:24


Leseprobe

Ich glaube, sie steht heimlich auf Johann. Oh Mann. Verräterin. Ich folge ihr also notgedrungen, sie hat ja schließlich die Chips in ihrer Hand. „Sagt mal, ihr recherchiert doch für die Projekttage, oder?“, fragt er und drückt den Film auf Pause. Wir nicken. DVD, das ist es also. Hätte mich auch gewundert, dass Johann sich herablässt und schnödes Fernsehen guckt, mit Werbung und allem, der „Volksmanipulation“ schlechthin in Johanns Augen. „Ich recherchiere auch“, sagt er augenzwinkernd und rutscht ein wenig zur Seite, sodass wir uns setzen können. „Beim Fernsehen“, sage ich trocken, „schon klar.“ „Das ist ja nicht irgendein Film“, erklärt Johann. Er beugt sich nach vorn und reicht mir vom Wohnzimmertisch die DVD-Hülle. „Sophie Scholl“, lese ich „die letzten Tage.“ Der Kopf von Julia Jentsch, der Schauspielerin, ist zu sehen. Ich drehe die Hülle um und lese den Infotext. ‚Großartig‘, steht da, ‚… den Zuschauern den Atem stocken lässt … was für eine Frau! Was für eine Zivilcourage! Was für ein Film …‘ „Toll“, sage ich wenig begeistert. Einen Actionfilm hätte ich jetzt gern als Ablenkung gesehen, aber nicht einen, der auch noch drei Mal den deutschen Filmpreis bekommen hat und auf einer zweiten Disc über eben solange wie garantiert langweilige Extras verfügt. „Wollt ihr mitschauen?“, fragt Johann. „Ich habe gerade erst angefangen.“

25

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 25

16.06.20 15:24


Leseprobe

„Nein, danke“, sage ich schnell mit einem Seitenblick auf Pauline, doch nicht schnell genug. „Sehr gern“, sagt sie zeitgleich mit mir, aber lauter, und macht es sich auf dem Sofa noch etwas bequemer. Verräterin, denke ich erneut, muss aber schmunzeln. Der Film beginnt. Wir begleiten Sophie, weg von ihrer Freundin durch geheime und verlassene Gassen, hindurch durch eine geheime Tür, hinein in einen geheimen Keller. Drei Männer sind da und Sophie. Ihr Bruder Hans sitzt am Tisch und tippt auf einer Schreibmaschine, die anderen beiden Männer stehen neben einer Art Presse oder Druckmaschine. Ach ja, richtig, damals gab es noch keine PCs. Wie das wohl gewesen sein musste, alles per Hand schreiben oder mühsam tippen zu müssen? Hans tippte also auf der Schreibmaschine die verbotenen Nachrichten, Aufrufe, Kritiken, zwei Männer vervielfältigten sie auf der Druckmaschine, die noch durch eine Handkurbel zu betreiben war, und Sophie faltete die Zettel, hunderte, tausende und steckte sie in Briefumschläge, dann zukleben und Marken drauf. Dann die Frage, wie man das gefährliche Gedankengut verteilen solle. Überall gab es Spitzel, überall lauerte Gefahr. Wasserdichte Geschichten parat haben, wenn man doch geschnappt wurde, schon im Voraus wissen, was man sagen soll, was man sagen darf. Dann die Idee von Hans, die restlichen Zettel, für die es keine Briefumschläge und Marken mehr gab, per Hand in der Uni München zu verteilen. Sophie, die sofort bereit war, ihm zu helfen. Rausschleichen aus dunklen Gassen, geheimen Räumen und Kellern hinter geheimen Türen, reinschleichen in die

26

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 26

16.06.20 15:24


Leseprobe

Uni, große Halle, Fenster, Säulen. Die letzten Schritte tiefer hinein ins Gebäude, erst noch zögerlich, dann entschlossen, den Koffer mit dem „Gefahrgut“ in der Hand. Die Musik unterstreicht den Herzschlag, dumpf, dunkel, ansteigend mit der Gefahr zu einem wilden Rhythmus. Die Schritte der Geschwister hallen wider, verräterische Töne, doch die Angst wird von Entschlossenheit beiseitegewischt. Dann geht alles ganz schnell. Zettel werden stapelweise ausgelegt, hinter die Säulen, vor die Türen, Treppen hoch, Treppen runter, überall liegen nun die Blätter aus, dann plötzlich ein Stoß und die Zettel aus dem zweiten Stock fliegen von der Balustrade und segeln durch die Luft nach unten. Ich merke erst jetzt, dass ich ganz verbissen zuschaue. Wie bei einem Tiger vor dem Sprung sind sogar meine Bauchmuskeln angespannt. Ich will, dass die beiden Erfolg haben, will, dass sie nicht entdeckt werden, dass sie davonkommen, fliehen können, dass Sophie weitermachen kann, weiterleben kann, älter wird als 21 Jahre. Doch ich weiß ja, was passiert, was jetzt kommen muss … „Kinder, wir können essen“, tönt Mamas Stimme aus der Küche. „Kommt, macht eine Pause. Ihr könnt nachher weitergucken!“ Beim Aufstehen höre ich noch im Film die schnarrende Stimme des Hausmeisters der Universität, der den beiden Geschwistern hinterherschreit, dass er sie erwischt habe, dass sie stehen bleiben sollen. Mir stockt das Herz. Dann schwarzer Bildschirm, Johann hat auf ‚aus‘ gedrückt. Ich fühle mich ganz benommen und merke, dass mir ein Kloß im Hals sitzt. Das hatte ich nicht erwartet. Bei Actionfilmen kann man sich von den Actionszenen berie-

27

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 27

16.06.20 15:24


Leseprobe

seln lassen, bei diesem Film findet die Action in einem drin statt. Pauline neben mir ist ganz rot geworden im Gesicht. Heiße Tränen laufen ihr stumm über die Wangen. Johann hält ihr die Box mit den Taschentüchern entgegen. „Was für ein großer Scheiß das war, damals“, sagt sie leise. Mehr nicht. Wir warten, bis sie sich etwas beruhigt hat, dann gehen wir gemeinsam in die Küche. „Was ist euch denn über die Leber gelaufen?“, fragt Papa, dem unsere Stimmung wohl nicht verborgen bleibt. „Sophie Scholl“, sagt Johann. „Verstehe.“ „Wir sind gerade an der Stelle, wo sie verhaftet wird.“ Wir setzen uns und beginnen zu essen. Mamas Salat mit warmen Hähnchenbruststreifen und frischem Knoblauchbrot dazu ist einfach phänomenal. „Sie war noch so jung“, sagt Mama. „Und trotzdem alt genug, um für ihre Überzeugungen etwas zu tun“, sagt Johann. „Etwas zu tun?“, wiederhole ich kauend. „Etwas zu tun? Das ist ja wohl gehörig untertrieben. Mehr geht ja wohl nicht. Wenn man bereit ist, mit seinem Leben für seine Überzeugungen einzustehen!“ Es war so herausgerutscht. Etwas laut vielleicht und hektisch, aber seitdem der Film begonnen hatte, hatte sich ein Pfropfen auf mein Ventil gesetzt und jetzt explodierte es halt. „Der Film geht jedem an die Nieren, der sich darauf einlässt“, sagt Mama beschwichtigend, „und die schlimmen Stellen kommen erst noch. Schlimm nicht in dem Sinne,

28

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 28

16.06.20 15:24


Leseprobe

dass man Blut sieht oder sich gruseln muss. Aber man hat Teil an einem ganz eigenen, speziellen Grusel, der eben nicht leicht auszuhalten ist.“ Papa nickt. „Warum tut ihr euch das eigentlich an“, fragt er, „nicht gerade ein seichtes Unterhaltungsthema für einen Sonntagabend?!“ „Eigentlich haben wir für die Jubiläumsfeier unserer Schule recherchiert“, erklärt Pauline, „aber der Lebenslauf von Sophie Scholl gibt nicht so viel her. Wir hatten die Idee, eine Zeitskala zu erstellen, mit Fotos, Lebensdaten und Zitaten, aber diese Präsentation wäre dann reichlich kurz.“ Sie grinst, und es scheint ihr wieder besser zu gehen. „Als wir vorhin Pause gemacht haben, haben wir Johann beim Gucken des Films erwischt“, ergänze ich. „Und nett und freundlich wie dein großer Bruder eben ist, hat er euch gleich eingeladen, euch dazuzusetzen und mitzugucken.“ Johann zwinkert mir zu. „Und euch zu bilden!“ Boah, Mann, manchmal kann er wirklich ätzend sein. Ich ignoriere ihn und wende mich wieder an Papa: „Das mit der Zeitskala ist außerdem schwierig, weil man über ihre Kindheit und Jugend gar nicht so viel weiß. So richtig haben sich die Ermittler ja erst in ihren letzten Jahren und vor allem letzten Tagen auf sie konzentriert. Dementsprechend mager sieht es mit Fotos oder Lebensdaten aus.“ Papa grübelt eine Weile nach, dann fragt er: „Habt ihr mal überlegt, die Fotos selbst zu machen? Als Fotostory sozusagen? Szenen, Ereignisse, Gefühle auf einem Foto darzustellen? In ihre Rolle zu schlüpfen?“

29

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 29

16.06.20 15:24


Leseprobe

Ich sehe meinen Papa erstaunt an. Sonst ist eher Mama der kreative Kopf in unserer Familie. „Und dann überlegt ihr euch ein Symbol oder eine Darstellung des ,Bösen‘, gegen das Sophie kämpft“, nimmt sie auch schon den Faden auf. Hätte ich mir denken können. „Es geht ja eher um das Innere von Sophie Scholl, nicht so sehr um ihre Lebensdaten“, fährt sie fort. „Man müsste vielleicht mit Sprech- und Gedankenblasen arbeiten“, meint Papa, „um auch Sophies Gedanken darzustellen, oder man überträgt den Kampf zwischen Gut und Böse auf die heutige Zeit, macht es aktuell.“ „Klingt ja fast wie Star Wars“, lacht Mama, „kämpfe gegen die dunkle Seite der Macht, Luke.“ „Möge die Macht mit dir sein, Schatz!“, lacht Papa und küsst sie auf die Wange. „Hallo? Wir sind auch noch da!“, sage ich. Beide schauen in die Runde und grinsen. Eltern! Aber die Idee finde ich gar nicht schlecht. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich schon mit der Kamera, beziehungweise mit dem Handy in der Hand verschiedene Aufnahmen machen. Großaufnahmen von Details wie dem Koffer, in dem die Flugblätter transportiert wurden oder eine Totale, Sophie vorm Gitterfenster ihrer Zelle, dahinter ein drohender dunkler Schatten, ein Schatten, ja, das ist es… etwas nicht Greifbares, das das Böse symbolisiert … dann die Sprech- und Gedankenblasen dazu, das eine, was man äußerlich wahrnimmt, das andere, was man in Sophies Gedanken interpretiert. Das Problem ist nur, dass weder Pauline noch ich uns besonders gut mit dem Zurechtschneiden von Fotos auskennen. Aber viel-

30

#20_2089 susanne roll - lisa im zeichen.indd 30

16.06.20 15:24


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook