Skip to main content

156612

Page 1

Leseprobe

Beiträge zu Evangelisation und Gemeindeentwicklung Praxis Herausgegeben von Martin Reppenhagen im Auftrag des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 1

07.07.21 10:23


Leseprobe

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 2

07.07.21 10:23


Leseprobe

George Lings

Kirche wächst! Gemeinde als Organismus Biblische Grundlagen und Überraschende Potenziale Deutsche Ausgabe Herausgegeben von Sabrina Müller und Patrick TodjeRas Übersetzt von Astrid Quick

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 3

07.07.21 10:23


Leseprobe

Text copyright © George Lings 2017 Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Reproducing Churches bei der Bible Reading Fellowship, Abingdon, England Copyright © The Bible Reading Fellowship 2017 Die Übersetzungen der Bibeltexte sind, soweit nicht anders vermerkt, entnommen aus: Lutherbibel, revidiert 2017 © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2021 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.sonnhueter.com, unter Verwendung eines Bildes von © Marish (shutterstock.com) Lektorat: Ekkehard Starke DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com Verwendete Schrift: Frutiger, Sabon Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o. Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-6612-1 www.neukirchener-verlage.de

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 4

07.07.21 10:23


Leseprobe

Inhalt

Pressestimmen zur englischsprachigen Erstveröffentlichung

7

Vorwort des Herausgebers und der HerausgeberIn zur deutschen Ausgabe 9 Geleitwort zur englischen Ausgabe

11

Einführung: Warum dieses Buch?

13

1  Verschiedene Brillen, verschiedene Auffassungen von der Kirche

23

2  Die Schöpfung und der Auftrag zur Reproduktion als Teil des Gottesbundes

39

3  Das Motiv der Reproduktion im Reich Gottes und in den Evangelien

57

4  Die Trinität und die Kirche als missionarische Gemeinschaft

77

5  Der Blick auf Jesus, den Pionier

99

6  Die Nachfolge Jesu Christi im Sterben zum Leben

121

7  Der Heilige Geist und die Überraschungsmomente bei der Reproduktion

135

8  Das Ausblenden einer reproduzierenden Kirche durch die Christenheit

157

9  Die Reproduktion und die klassischen ‚vier Wesensmerkmale‘ der Kirche

175

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 5

07.07.21 10:23


Leseprobe

10  Die praktische Umsetzung des reproduktiven Motivs

195

11 Die Rehabilitation der Kirche

217

Dank

239

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 6

07.07.21 10:23


Leseprobe

Pressestimmen zur englischsprachigen Erstveröffentlichung

„Nach über zwei Jahrzehnten des Nachdenkens und der detaillierten Forschung stellt der Autor in diesem Buch die Implikationen seiner These dar. Diese lautet, dass bei der Diskussion über die Praxis der Gemeindegründung sprachliche Bilder und Vergleiche aus der Welt der Menschen angemessener sind als solche aus dem Bereich der Botanik. George Lings ist davon überzeugt, dass die Neugründung von Gemeinden als Schnittpunkt zwischen Missionstheologie und Ekklesiologie nicht nur eine Wachstumsstrategie, sondern auch eine Gelegenheit zum Nachdenken über das Wesen und die Prioritäten der Kirche ist. Er macht den bahnbrechenden Vorschlag – der tief in biblischer Exegese und theologischer Reflexion verwurzelt ist –, dass die Multiplikation ein wesentliches und prägendes Merkmal authentischer Ekklesiologie ist. Auf ein solches Buch habe ich lange gewartet, und dieses hat meine Erwartungen nicht enttäuscht.“ Stuart Murray Williams, Studienleiter für Missionswissenschaft, Bristol Baptist College (Baptisten-Hochschule) „Mit seinem analytischen Denken hat George Lings uns verdeutlicht, dass die Kirche in ihrem ganzen Wesen auf Multiplikation hin geschaffen wurde. Dieses Buch ist eine hervorragende Darstellung dieses Themas, die auf Georges Erkenntnissen aus der Bibel, der christlichen Tradition und der Kirchengeschichte beruht. Es ist eine viel diskutierte These, mit der wir uns auseinandersetzen müssen – und zwar in unserem Denken und vor allem auch in unserer missionarischen Praxis.“ Canon Dave Male, Beauftragter der Anglikanischen Kirche für die Entwicklung von Pioniergemeinden „George verbindet großen Weitblick mit tiefen Einsichten und viel Humor in diesem inspirierenden und überzeugenden Buch. Es liest sich zugleich als engagiertes und präzise geschriebenes Ergebnis von vielen Jahren Beobachtung, Forschung und Gebet. Der Leser und die Leserin spürt auch eine milde Frustration darüber, dass die Idee der Multiplikation – die in der Natur, Theologie und in biblischen Studien so selbstverständlich ist und sich in dem Dienst so vieler Pioniergemeinden als wirkungsvoll erwiesen hat – von so vielen Menschen übersehen wird.“ Lucy Moore, Gründerin und Teamleiterin der „Messy Church Bewegung“

7

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 7

07.07.21 10:23


Leseprobe Pressestimmen zur englischsprachigen Erstveröffentlichung

„Dieses Buch ist ein sehr erfreulicher Auszug aus Georges theologischem Nachdenken. Es ist die Zusammenfassung seiner einsichtsvollen Reflektionen über das Wesen der Kirche, über Gott und Mission, gewonnen aus jahrzehntelanger Beobachtung und Forschung. Ich fand es inspirierend und hilfreich.“ Jonny Baker, Beauftragter für Missionarische Ausbildung, Church Mission Society (Kirchliche Missionsgesellschaft) „In diesem aufschlussreichen Buch bietet George Lings eine hilfreiche und gewinnbringende Perspektive, wie Kirche und Mission – die nie hätten getrennt werden dürfen – wieder zusammengebracht werden können. Die Möglichkeit, in einer aufrichtig liebenden, authentischen und christuszentrierten Gemeinschaft innerlich zu wachsen, wird zwar herausfordernd, aber immer auch attraktiv sein und eine missionale Wirkung haben. Dieses Buch ist eine große Inspiration für bestehende Gemeinden, die Gründung von neuen Gemeinden zu erkunden.“ Catherine Askew, Chaplain-in-Residence (Seelsorgerin), Northumbria Community „George Lings ist international für seine Forschungsarbeit über Gemeindegründungen bekannt, die für die Entstehung der Fresh Expressions Bewegung wegweisend war. Dieses Buch bietet eine ekklesiologische Grundlage für neue Ausdrucksformen von Kirche (fresh expression s of Church), die auf der Berufung und der Multiplikationsfähigkeit der Kirche fußt. Charakteristisch für George ist sein bescheidener Schreibstil, der zugleich inspirierend und kühn ist. Wenn die Berufung der Kirche tatsächlich in der Multiplikation liegt, dann hat dies tiefgreifende und weitreichende Implikationen für jede Gemeinde. Allen, die sich ernsthaft mit der Beziehung zwischen Gottes Mission, Kirche und Reich Gottes auseinandersetzen wollen, sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt.“ Sally Gaze, Koordinatorin für Fresh Expressions in der Diözese Norwich und Autorin des Buches: Mission-Shaped and Rural

8

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 8

07.07.21 10:23


Leseprobe

Vorwort des Herausgebers und der HerausgeberIn zur deutschen Ausgabe

Die Übersetzung von „Kirche wächst!“ war uns ein Herzensanliegen. Das Buch ist Teil des mehr als 40 Jahre umfassenden Lebens- und Forschungswerks von Dr. Canon George Lings. Angetrieben von der Leidenschaft, dass Kirche sich verändern kann und dass dies wissenschaftlich begleitet werden muss, begann Lings in den 1970er Jahren neue Ausdrucksformen von Kirche statistisch zu erfassen und zu analysieren. Keine andere Person in der ­Church of England hat so lange und so intensiv zu kirchlichen Veränderungen in der Church of England geforscht. Aus dieser Forschungstätigkeit entstanden unter anderem die Berichte „Breaking New Ground“ (1994) und der weit über England hinaus bekannte „Mission-shaped Church“-Report (2004). In „Kirche wächst!“ fasst Lings zusammen, was er durch biblische Grundlagenstudien, durch sein Promotionsprojekt, im Zuge seiner langjährigen Forschung und seiner Praxis gelernt hat. Lings kommt zu der Einsicht, dass ein Wesensmerkmal von Kirche und Gemeinde darin besteht, dass sie sich kontextuell und vielfältig fortpflanzt. Lings plädiert dafür, dass bestehende Gemeinden lernen müssen, wie sie sich fortpflanzen können. Dazu benötigen die jungen, frisch geborenen und aus der Taufe gehobenen Gemeinden finanzielle Mittel wie auch ekklesiale und rechtliche Anerkennung und Schutz. Für Lings ist Gemeinde ein lebendiger Organismus, in dem sich theologische Tradition und Innovation befruchten und in dem die Zugehörigkeit zur eigenen Denomination genauso eine prägende Rolle spielt wie die jeweiligen kontextuellen Gegebenheiten. Obwohl die kirchliche Situation in England und in Kontinentaleuropa unterschiedlich ist, bietet dieses Buch viele erhellende Einsichten für Studierende, Praktikerinnen und Praktiker und Forschende in Fragen kontextueller und missionaler Kirchen- und Gemeindeentwicklung. Ohne die Unterstützung verschiedener Partnerorganisationen wäre die Buchübersetzung nicht möglich gewesen. Wir bedanken uns herzlich für die unkomplizierte und großzügige Unterstützung beim Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald (IEEG), beim Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung (IGW), bei der Bischöflichen Kanzlei des Bistums St. Gallen und beim Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich (ZKE). Zudem danken wir der Übersetzerin Frau Astrid Quick, die in ihrer Arbeit um Textnähe bemüht war, sowie den KollegInnen für wertvolle Beiträge. 9

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 9

07.07.21 10:23


Leseprobe Vorwort des Herausgebers und der HerausgeberIn zur deutschen Ausgabe

Da eine Übersetzung immer bloß eine Annäherung an ein Sprach- und Denksystem ist, werden einzelne Wörter, die sich nur schwer vom Englischen ins Deutsche übersetzen lassen, in den ersten Kapiteln genauer erläutert. Zürich und Greifswald, zu Pfingsten 2020 Sabrina Müller und Patrick Todjeras

Sabrina Müller, Dr. theol., geb. 1980, ist seit 2021 Geschäftsführerin des Universitären Forschungsschwerpunkts „Digital Religion“ an der Universität Zürich. Patrick Todjeras, Dr. theol., geb. 1983, ist stellvertretender Direktor am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung an der Universität Greifswald. 10

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 10

07.07.21 10:23


Leseprobe

Geleitwort zur englischen Ausgabe

Dieses Buch ist eine Seltenheit. Es wurde von einem durch und durch analytisch denkenden Pfarrer und Forscher verfasst, der selbst aus der Praxis kommt. Der Ausdruck ‚praktizierender Fachmann‘ wird allzu oft für Autoren verwendet, die ein bisschen über ein wenig Lebenspraxis nachgedacht haben. George aber ist ein Mann, der jahrzehntelang über die vielen vielfältigen Erfahrungen pastoraler Arbeit, Kirchenentwicklung und der Pflanzung von Gemeinden nachgedacht hat. Sie halten jetzt die Frucht dieses Nachdenkens in Ihren Händen. Handbücher zum Thema Gemeindewachstum hingegen sind nicht selten, genauso wenig wie Bücher, die uns davon zu überzeugen versuchen, dass eine Ausrichtung auf Gemeindeentwicklung verfehlt oder irrelevant sei. Georges Buch ist aber anders als diese beiden Alternativen, da es mit einer tiefgründigen Analyse beginnt. Er vermittelt uns ein tieferes Verständnis der Heiligen Schrift, der Traditionen und der Wesensmerkmale der Kirche. Und es zeigt uns, dass die Kirche tatsächlich einig, heilig, katholisch und apostolisch sein – und sich dabei vervielfältigen kann. Ich versichere Ihnen, dass George weiß, wovon er spricht. Er hat viele Jahre lang viele Kirchen besucht; er hat vielen Menschen zugehört, viele Fragen gestellt, viele Gemeinden analysiert, gesegnet, beraten und Liebe weitergegeben. Da ich selbst Gemeinden gegründet habe, erinnere ich mich noch sehr gut an Georges Besuch. Wir haben viel gearbeitet, unser Bestes getan, obwohl wir auch nicht immer weiterwussten. Damals gründeten wir eine Gemeinde auf der Basis von Kleingruppenarbeit in einer Schlafstadt in Hampshire. Bei Georges Besuch hatten wir das Gefühl, als würden wir bei unserer anstrengenden Arbeit nun von einem Mann begleitet, der einen Behälter voll kühlen und erfrischenden Wassers öffnete und uns beim Trinken erklärte, dass unsere Arbeit theologisch in den Traditionen der Gesamtkirche verwurzelt und eingebettet und damit sinnvoll und fruchtbar ist. Von Grund auf erfrischt, gingen wir wieder an unsere Arbeit. George kann auch Ihnen beim Lesen des Buches diesen Dienst tun. Sie werden eine neue Sprache zum Weiterdenken lernen, nachdenkenswerte Modelle kennenlernen, Bibelstellen und Beispiele aus der Geschichte reflektieren. Vor allem aber werden Sie einen Blick in das Herz Gottes bekommen – nämlich, dass mehr Menschen Christus kennenlernen sollten und mehr von Gottes Gerechtigkeit in der Welt sein sollte. George verfolgt diesen Herzschlag Gottes in seinem eigenen Leben und will Ihnen das weitergeben. Seien Sie vorsichtig! Wenn Sie diese Vision übernehmen, dann werden Sie 11

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 11

07.07.21 10:23


Leseprobe Geleitwort zur englischen Ausgabe

Kraft und Mut bekommen, um über den eigenen Kirchturm hinauszublicken und mit Gott in eine schöne, fruchtbare, reproduktive Zukunft zu gehen. Sie werden Abenteuer erleben. Sie werden eine Mission haben. Gott segne Sie auf dieser Reise! Paul Bayes, Bischof von Liverpool

12

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 12

07.07.21 10:23


Leseprobe

Einführung: Warum dieses Buch?

Ich hoffe, dass der Titel dieses Buches Sie neugierig gemacht hat. Wie haben Sie auf den Gedanken reagiert, dass Gemeinden sich vervielfältigen sollten? Waren Sie begeistert, verwundert, erstaunt oder geschockt? Vielleicht wundern Sie sich, wie solch ein Sprachgebrauch zustande kam. Hier ist meine Geschichte.

Woher diese Gedanken? Manche sagen, dass unsere selbstsüchtigen Gene unsere Gedanken steuern. Andere behaupten, dass unsere Erziehung unsere Denkweise bestimmt. Es wird auch die Meinung vertreten, dass reichlicher Käsekonsum beim Abendessen einen starken Einfluss auf unser Denken hat. Es gibt jedoch noch eine weitere Möglichkeit: Ich nenne es Gottes Inspiration. Diese Inspiration muss nicht unabhängig von anderen Einflüssen und Beweggründen erfolgen. Gott erweist sich als bemerkenswert demütig in seiner Kommunikation mit uns. Er weiß, dass wir verschiedenste Motive und nur ein begrenztes Verständnis seines Wesens und seiner Möglichkeiten haben. Momente der Inspiration können auftreten, während wir Gott suchen, oder auch wenn wir uns seiner nicht bewusst sind. Ich habe dieses Buch mit dieser Geschichte begonnen, weil es aus einem Moment entspringt, in dem ich von einem neuen Gedanken überrascht wurde. Ich habe diese Begebenheit mehr als 20 Jahre lang für mich behalten, aber nun wage ich die Veröffentlichung. Jetzt bringe ich also diesen Gedanken, seine Bedeutung und Konsequenzen vor die Leserschaft in der Gesamtkirche. Nun muss ich auf Ihre Einschätzung warten, ob dieses Buch Wahrheit und Wert hat.

Zum Beobachten berufen Der Hintergrund meiner überraschenden Idee liegt in meiner eigenen Biografie mit all ihren Überraschungen und Wendungen. Zu jener Zeit war ich Pfarrer von St. George in Deal, in der Diözese von Canterbury. Meine Familie und ich lebten dort von 1985 bis 1997. Anfang 1992 wurde mir eine Sabbatzeit gewährt. Schon 1984, als ich meinen zweiten Vikariatsdienst leistete, begann ich mich für das Thema Gemeindepflanzung zu interessieren. Damals las ich das erste britische Buch zu diesem Thema: „How to Plant 13

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 13

07.07.21 10:23


Leseprobe Einführung: Warum dieses Buch?

Churches“, herausgegeben von Monica Hill.1 Ich begann, zusammen mit einer kleinen Gruppe Anglikaner und Anglikanerinnen, Praxisbeispiele von Gemeindepflanzungen zu sammeln, und hielt diese in einer kleinen Datenbank fest. Bei der ersten nationalen anglikanischen Konferenz für Menschen, die Gemeinden gründen, die 1987 bei der Holy Trinity Brompton Church (HTB) stattfand, erwähnte ich die 40 uns bekannten Praxisbeispiele. Völlig überraschend wurde ich darauf hin vom Vorsitzenden, Pfarrer John Collins, offiziell damit beauftragt, Daten dieser noch jungen Bewegung zu sammeln. Ich war geschockt und willigte daher widerspruchslos ein. In den nächsten fünf Jahren hatte ich nun, neben meinem Pfarramt, ein neues Hobby: Ich erhielt fragmentarische Informationen aus dem ganzen Land2, analysierte die Muster in den Daten und präsentierte die Ergebnisse bei den Konferenzen in den nächsten Jahren. 1984 hatte ich noch nicht verstanden, dass dies der Anfang einer spezifischen Berufung ist. Zu jenem Zeitpunkt habe ich mich gefragt, ob ich dazu berufen bin, eine Gemeinde zu gründen, und ich war durchaus bereit, dies zu versuchen. Zum Glück verliefen alle diese Optionen im Sand. Denn mittlerweile bezweifle ich, dass ich den notwendigen Unternehmungsgeist, die Vision, den Mut und die Fähigkeit gehabt hätte, eine neue Gemeinde zu gründen und aufzubauen. Rückblickend stelle ich erschreckt und erleichtert fest, wie wenig ich darüber wusste, wie eine solche Aufgabe gut angegangen werden konnte. Heute nennen wir diese Initiativen fresh expressions of Church (neue/frische Ausdrucksformen von Kirche). Nachdem ich 1985 Pfarrer geworden war, schien mir meine Aufgabe weniger in der Neugründung einer Gemeinde zu liegen, sondern vielmehr in deren Beobachtung. Ich versuchte zu verfolgen, welche Strukturen, Variablen und Kräfte in diese neuen Entwicklung am Werk waren, die Monica Hill bereits 1984 komplex und kontrovers nannte. Bis vor wenigen Jahren haben sich viele Christen und Christinnen gegen jede Art von innovativen Gemeindegründungsstrategien gewehrt und einige bekämpfen diese Neuerungen immer noch. Jede neue Ausdrucksform von Kirche, vom Methodismus bis zur Pfingstbewegung, ist in der Vergangenheit auf Ablehnung gestoßen.3 Diese Kontroverse betraf in besonderer und besonders spannungsreicher Weise die Anglikanische Kirche in den Jahren 1991 und 1992. Vier GemeinM. Hill (Hg.), How to Plant Churches (MARC Europe, 1984). Viele Informationen kamen von Pfarrer Bob und seiner Frau Mary Hopkins, die im Reisedienst tätig waren. 3 Hill, How to Plant Churches, S. 9. 1

2

14

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 14

07.07.21 10:23


Leseprobe Was für ein Tag!

depflanzungen hatten innerhalb von zwölf Monaten unbefugt die Grenzen einer Parochie überschritten. Pfarrpersonen, die sich durch eine ‚Invasion‘ bedroht fühlten, protestierten öffentlich. Es wurde befürchtet, dass das gesamte Parochialsystem in Frage gestellt wurde. Nur die Presse hatte Freude an der Auseinandersetzung. Und nun kommen wir zu meiner Sabbatzeit im Jahr 1992. Ich besuchte die vier neu entstandenen umstrittenen Gemeinden. Um einen größeren Blickwinkel zu erhalten, sah ich mir bereits etablierte Gemeindegründungen im Vereinigten Königreich und in Neuseeland an. Zudem las ich auch erste Literatur zu dem Thema. Im Frühling zog ich mich in die Stille unseres Ferienhäuschens in den walisischen Bergen zurück und versuchte, alles aufzuschreiben.

Was für ein Tag! Ausgerechnet am 1. April 1992 geschah es, als ich in einem winzigen Schlafzimmer im Obergeschoss des Ferienhäuschens saß. Ich nutzte die Fensterläden als Schreibtisch und hatte so das Zimmer in ein provisorisches Arbeitszimmer umgewandelt. Ich erinnere mich, dass ich vor dem Computer saß und das Gesehene und Gelesene zu deuten versuchte. In dem Moment wurde mir Folgendes bewusst: Gottes Kirche sollte und kann sich reproduzieren. Warum war das damals ein merkwürdig anmutender Gedanke? Heutigen Lesenden ist vielleicht nicht bewusst, dass die bis dahin entstandene Literatur lediglich die praktischen Fragen von neu gepflanzten Gemeinden behandelte. Sie konzentrierte sich mehr auf die Gründung als auf die Erhaltung von neuen Gemeinden. Die Praxis der Gemeindepflanzung hatte keinen Bezug zur Lehre von der Kirche, und noch weniger ging es um die Diskussion, wie neu gepflanzte Gemeinden wiederum die Ekklesiologie ergänzen könnten. Es war ein neuer Gedanke, dass das eigentliche Wesen der Kirche sowohl die Berufung als auch die Fähigkeit zur Reproduktion einschloss – und hier von einer Neuerung sprechen zu wollen, wäre fast einem theologischen Selbstmord gleichgekommen oder ist doch zumindest immer höchst suspekt. Damals hatte niemand den Anspruch, die Lehre von der Kirche verändern zu wollen. Neue Gemeinden zu gründen, galt nur als kühne, strategische Option im Pfarrdienst vor Ort, die unter Umständen als Antwort auf einen lokalspezifischen Bedarf an Mission eingesetzt werden konnte. Die Pflanzung von Gemeinden wurde noch nicht als Teil kirchlicher Identität verstanden; aber dieses Phänomen4 warf zunehmend Fragen darüber auf, was erlaubt sein Die Anzahl der Gemeindepflanzungen pro Jahr in der Anglikanischen Kirche war von 2 im Jahr 1982 auf 37 im Jahr 1992 gestiegen.

4

15

#21_2015 BEG George Lings - Kirche wächst.indd 15

07.07.21 10:23


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
156612 by Fontis-Shop - Issuu