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S U S A N N E RO L L

Mila aus Angst wird Mut Dietrich Bonhoeffer für junge Leser_Innen

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2018 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Koproduktion mit camino im Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.sonnhueter.com, unter der Verwendung eines Bildes von © Volker Konrad Lektorat: Sarah Vogel, Geithain DTP: Magdalene Krumbeck, Wuppertal Verwendete Schrift: Adobe Garamond Pro, Pinto No_01 Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-6525-4 (neukirchener verlag) ISBN 978-3-7615-6576-6 (Hörbuch) ISBN 978-3-96157-080-5 (camino) www.neukirchener-verlage.de www.caminobuch.de

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Für alle weltbesten Kuschels und Knuschels und für Mariusz: Dziękuję!

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Inhalt

KAPITEL 1 KAPITEL 2 KAPITEL 3 KAPITEL 4 KAPITEL 5 KAPITEL 6 KAPITEL 7 KAPITEL 8 KAPITEL 9 KAPITEL 10 KAPITEL 11 KAPITEL 12 KAPITEL 13 KAPITEL 14 ANHANG 1

ANHANG 2

ANHANG 3

Besuchszeit • 9 Blick in die Vergangenheit • 23 Gegen den Strom • 37 Zeitreise mit Jakob • 45 Frau Sermonts Experiment • 55 Widerstand • 70 Im Nähcafé • 79 Von guten Mächten • 86 Bekennender Glaube • 93 Halal oder koscher? • 100 Schritt für Schritt • 108 Multikulti-Küche • 117 A-Dur und c-Moll • 128 Ein neuer Tag beginnt • 139 Kurzbiografie: Dietrich Bonhoeffer 1906-1945 • 147 Text: Von guten Mächten wunderbar geborgen • 150 Kleines Glossar – alphabetisch • 152

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KAPITEL 1

Besuchszeit

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itte, bitte, zwei Minuten noch«, dachte ich, »oder drei oder fünf … oder noch besser, David Copperfield kommt und zaubert mich weg.« Aber leider passierte so etwas nur in ausgedachten Geschichten. Ich hörte meine Mutter die Treppe heraufkommen und wusste jetzt schon, wie sie gleich in der Tür stehen würde, mit diesem Gesichtsausdruck wechselnd zwischen Ärger, Trauer und Verständnis, unterbrochen von hektischen Blicken auf ihre Uhr. Und da war sie auch schon. »Mila, wirklich«, sagte sie atemlos, »wir müssen los. Jedes Mal machst du ein Tamtam draus, obwohl du weißt, dass du mitgehen musst. Ich würde mir wünschen, dass du wenigstens einmal pünktlich die Treppe herunterkommst und ich nicht jedes Mal zu dir nach oben stapfen muss.« Ich verkniff es mir, die Augen zu verdrehen, das nützte auch nichts und würde Mamas Laune nur noch verschlechtern. Ich stand also auf und folgte ihr nach unten, wo Oma bereits auf uns wartete. Meine Oma wohnte seit dem Tod von Opa Kurt vor fünf Jahren bei uns im Doppelhaus. Mama wollte sie nicht allein lassen. Auch ich hatte, als ich noch klein war, meinen Papa durch einen Unfall verloren.

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Es war schon ganz lange her und manchmal konnte ich mich nicht mehr genau an sein Gesicht erinnern. »Aber er lebt ja in unseren Herzen weiter«, sagte Mama einmal zu mir, »durch die Geschichten, die ich von ihm erzähle und auch in deinem jüngeren Bruder Danny, der genauso aussieht wie er.« Da wir alle jemanden verloren hatten, bot es sich irgendwie an, dass Oma Oliwia zu uns zog. Unten an der Treppe saß Made und wedelte mit dem Schwanz. Made war meine Hündin, groß wie ein Bär und schwarz wie die Nacht. Aber sie war durch und durch lieb. Sie bellte und knurrte nur wenig. In ganz seltenen Fällen, wenn sie jemanden gar nicht mochte, richtete sie auch schon mal die Nackenhaare auf. Doch im Gegensatz zu jedem Klischee liebte Made den Postboten. Das konnte natürlich daran liegen, dass er für sie immer ein Leckerli in der Tasche hatte, aber ich glaube, dass Made einfach eine gute Menschenkennerin ist. Sie riecht förmlich, ob ein Mensch es gut mit ihr meint oder nicht. Made hieß eigentlich Madeleine und sie hielt Einzug in unsere Familie, kurz nachdem ich geboren wurde. Oma hatte mir ihren Namen immer langgezogen und deutlich vorgesprochen: M a d l ä ä ä n und dann anschließend immer gesagt, wobei sie jeden einzelnen Buchstaben betonte: »Das schreibt man M a d e l e i n e, als könnte ich dann besser verstehen, wie man es ausspricht. Aber ich war ja erst zwei Jahre alt, als ich zu sprechen begann. Weil ich den Namen Madeleine also nicht aussprechen und ich mir nur den ersten Teil von Omas langgezogenen Erklärungen merken konnte, als ich noch klein war, riefen

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wir sie alle irgendwann schlicht und einfach Made. Sie war immer da, mein ganzes Leben, die langen zwölf Jahre, die es mich bereits gibt. Ich tätschelte ihr den Kopf und kraulte sie kurz hinter dem linken Ohr, ihre absolute Lieblingsstelle. Dann folgte ich Mama und Oma hinaus in den Vorgarten. Made begleitete uns bis zum Zaun und legte sich dann unter das Amberbäumchen, wie sie es immer tat, wenn sie auf unsere Rückkehr wartete. Heute war ein warmer Spätsommertag und Made genoss augenscheinlich den Schatten. Als wir ins Auto stiegen, sah ich Danny auf dem Fahrrad weiter unter auf der Straße mit seinen Freunden driften üben. Sie rasten los, bremsten dann hart und drifteten mit dem Hinterrad seitwärts über den Schotter. In diesem Sommer hatte Mama bereits den dritten Reifen kaufen müssen und sie hatte Danny ganz deutlich gemacht, dass er das nächste Mal den Fahrradreifen von seinem Taschengeld würde bezahlen müssen, wenn er durch diesen Unsinn wieder platzte. Danny war mein kleiner Bruder, der gerade eingeschult worden war. Bei einem Haushalt von ausschließlich weib­ lichen Bewohnerinnen war er sozusagen der Hahn im Korb. Außerdem war er der Kleinste, auf den man Rücksicht zu nehmen hatte. Bei diesem Gedanken verdrehte ich jetzt doch die Augen, denn spätestens ab seinem vierten Lebensjahr wusste Danny das in vielen Situationen gut auszunutzen. Er war schlau, ein wenig hinterlistig, nervte manchmal, aber er war recht charmant und konnte auch richtig lieb sein. Im Großen und Ganzen kam ich gut mit ihm aus. »Du musst gar nicht die Augen verdrehen«, sagte Mama plötzlich und unsere Blicke trafen sich im Rückspiegel. War

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ja klar, dass sie das gesehen hatte. Mütter hatten ein Gespür dafür und es würde jetzt wahrscheinlich ewig dauern, ihr zu erklären, dass das nicht wegen unserer wöchentlichen Besuchszeit bei Uroma Agata im Altenheim war. Uroma Agata kannte ich eigentlich gar nicht richtig. Babunia wurde sie in unserer Familie von allen genannt. Mama hatte mir erklärt, dass das Polnisch war und Omi hieß. Sie war 92 Jahre alt und bereits seit fünf Jahren im Altenpflegeheim. Sie hatte vorher bei Oma Oliwia und Opa Kurt gewohnt. Aber sie wurde vergesslich und tüdelig, wie Mama es bezeichnete, die Ärzte nannten es dement. Als sie immer öfter nach dem Kochen die Herdplatten angelassen oder den Wasserhahn nach dem Waschen nicht mehr zugedreht hatte, hatten Oma und Opa sie in das Altenpflegeheim gebracht. Oma war das sehr schwergefallen, erzählte Mama, aber als Opa dann kurz darauf starb, war sie doch erleichtert, dass wenigstens Uroma Agata gut versorgt wurde. Allein hätte Oma das alles gar nicht geschafft. Sie war dann bei uns eingezogen und hatte sich um uns genauso gekümmert wie Mama. Danny war gerade zwei Jahre alt geworden und Oma passte auf ihn auf, während Mama wieder arbeiten ging. Eigentlich eine gute Lösung. Oma nähte und machte Handarbeiten und verdiente sich dadurch etwas Geld zu ihrer Rente dazu und außerdem kochte sie himmlisch. Ich liebte ihre Mehlsuppe, die es zu Ostern gab, mit hartgekochten Eiern, weißer Wurst, gebratenen Zwiebeln und Meerrettich. Oder den Geruch von Bigos, von Sauerkraut mit Fleisch und Wurst, das tagelang vor sich hin köcheln musste und das ganze Haus in seinen Duft hüllte.

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Mama startete den Motor. »Bitte schnall dich an, Mila«, sagte sie, dann blinkte sie und fuhr los. Sie winkte Danny kurz zu, als wir an ihm vorbeifuhren und bog dann rechts auf die Hauptstraße ein, die uns durch unser Dorf geleitete und schließlich auf den Weg über die Autobahn ins nächste Dorf brachte. Wir mussten nur ein kleines Stück Landstraße fahren, wieder abbiegen, rein ins Dorf, einmal links, einmal rechts und waren da. Ich kannte den Weg inzwischen auswendig. Es waren nicht mehr als zehn Minuten Fahrt, das ging, aber die zwei Stunden Besuchszeit anschließend waren die reine Ewigkeit. In den ersten Jahren waren Mama und Oma immer allein ins Heim gefahren und hatten Uroma Agata besucht. Aber im letzten Jahr hatten beide darauf bestanden, dass ich sie begleitete. Ich hatte mich gewehrt, hatte argumentiert, dass ich unsere Babunia gar nicht kennen würde und, wenn ich richtig verstanden hatte was Demenz ist, dann kannte und erkannte Uroma Agata mich auch nicht. Wieso also mitfahren? Aber eben genau das war auch das Argument, das Mama vorbrachte. »Wer weiß, wie lange unsere Babunia noch unter uns ist«, sagte sie, »du hast nur noch wenig Zeit, um sie kennenzulernen.« Wie bei allen wichtigen Dingen, die zur Entscheidung anstanden, behielt Mama auch in dieser Sache das letzte und endgültige Wort. Jeden Donnerstagnachmittag Punkt 16 Uhr hieß es also für mich Besuchszeit bei Uroma Agata. So fremd, wie ihr Name, so fremd war mir diese Frau. In unserer Familie hatten alle einen merkwürdigen Namen:

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Meine Mutter hieß Natalia, meine Oma Oliwia, meine Uroma Agata, mein Opa Kurt und mein Papa hieß Olek, mein Bruder, den alle nur Danny riefen, hieß eigentlich Bog­dan und mein Name war Bogumila, kurz Mila. Mama hatte mir erklärt, dass das alles polnische Namen seien, da Uroma Agata aus Polen stammte und Oma Oliwia auch noch dort geboren worden war. Zum Ende des Zweiten Weltkrieges waren sie dann aber aus Breslau geflohen und nach Deutschland gekommen. Bei diesen Geschichten machte ich immer zu. Es war mehr als 70 Jahre her, soweit konnte kein Mensch zurückdenken. »Aber es ist wichtig, etwas über seine Wurzeln zu erfahren«, sagte Mama dann immer. »Bitte, Mila, versuch einfach, nicht so genervt auszusehen, wenn wir unsere Babunia besuchen.« Jedes Mal nahm ich mir genau das fest vor, aber Uroma Agata machte es mir nicht leicht. Sie erzählte von nichts anderem als von ihrer Kindheit, vom Fischen in der Oder mit selbstgebauten Angeln, vom Vergnügen, heißen Grießbrei mit süßen Birnen zu essen, den ihre Oma immer für sie gekocht hatte, erzählte bestimmt zum hundertsten Mal von ihrem Lieblingskreisel, den sie in einem Jahr zu Weihnachten bekommen hatte, von ihrer Freundin Trude, mit der sie in einem Strickkurs gewesen war und dem alten Esel Kacper, dem sie das ein ums andere Mal eine Möhre zugesteckt hatte. Auch vom Krieg erzählte sie ständig und viel, von der Flucht, vom Hunger, von den kalten Füßen und und und … Dabei knetete sie ihre runzeligen Finger ineinander und durch die hunderttausend Falten ihres Gesichtes zog Trauer. Sie sprach vom Verlust ihrer Heimat in Schlesien,

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von Breslau, immer wieder von der Oder, in der sie gefischt hatte. Wenn es ganz schlimm kam, dann faselte sie auf Polnisch, manchmal war es auch Russisch und manchmal auch ein Kauderwelsch aller drei Sprachen. Bisweilen fuhr sie auch aus ihrem Stuhl hoch, sah mich direkt an und fragte mich, wer ich sei, schimpfte dann und zeterte, wieso ein fremdes Mädchen in ihrem Zimmer sitzen würde. Mama und Oma beruhigten sie dann und erklärten geduldig, dass ich ihre Urenkelin sei. Mama hatte mir erklärt, dass das vorkommen könne, dass demente Menschen plötzlich aggressiv werden. Ich sollte versuchen, ruhig zu bleiben, Geduld zu haben, das wäre nur eine vorübergehende kurze Phase, eine Aufwallung, wie sie es nannte. Das würde wieder vergehen. Ich fand das nicht leicht. Ich wollte sowieso nicht hier sein, und Uroma Agata wollte mich in diesen Aufwallungsmomenten offenbar auch nicht hier haben. Irgendwann sackte sie dann urplötzlich wieder in sich zusammen, lächelte verstört und begann aufs Neue, vom Krieg zu erzählen. Spätestens dann, wenn sie wieder ins Polnische verfiel, hing ich meinen eigenen Gedanken nach und ließ ihre Worte an meinem Ohr vorbeirauschen. Polnisch hatte ich nie gelernt, Mama sprach immer deutsch mit uns. Sie selbst konnte noch ein wenig Polnisch sprechen und verstehen, aber das war auch nicht mehr viel. Nur Oma sprach Polnisch noch fließend. Ich dachte an meine Tanzgruppe, die dienstags und donnerstags trainierte und dass ich am Donnerstag nicht dabei sein konnte, weil ich hier sitzen musste. Ich dachte an

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die Mathearbeit in der nächsten Woche, die mir jetzt schon einen Knoten ins Hirn drehte, weil ich absolut nichts verstand. Ich dachte an ein Eis mit extra viel Schokosoße, an mein Kurzreferat in Kunst über Käthe Kollwitz, deren Bilder und Zeichnungen erschreckend waren und mich immer so traurig machten und ich dachte an Made, mit der ich heute Abend ausgiebig kuscheln würde. »Wenn du möchtest, Mila«, drang die Stimme meiner Mutter an mein Ohr und holte mich in die Gegenwart zurück, »kannst du dich draußen jetzt ein wenig umsehen, Uroma Agata wird gewaschen und bekommt ihre Medizin. Es wäre schön, wenn du halb sechs dann wieder hier bist.« Das war die beste halbe Stunde an dieser Besuchszeit, wenn ich den Raum verlassen durfte. Ich hatte es mir angewöhnt, durch den Garten zu schlendern oder mich in den Gemeinschaftsraum zu setzen und eine Cola zu trinken. Um zum Gemeinschaftsraum zu gelangen, musste ich durch einen langen, weißen Flur gehen. Er war zwar hell und lichtdurchflutet, wirkte auf mich aber kalt und steril. Es fehlten eindeutig Bilder oder Blumen oder Farbe. Als ich die Tür zum Gemeinschaftsraum öffnete, fiel mein Blick auf einen Mann, der jede Woche hier war, genau wie ich. Er mochte vielleicht zehn Jahre älter sein als Mama. Ich konnte das schlecht schätzen. Irgendwie sahen für mich alle Erwachsenen über zwanzig gleich alt aus. Außer natürlich die Alten, die waren eben alt. Ich fand aber, dass er gut aussah. Er hatte dunkles Haar, das nur an den Schläfen ergraut war, trug eine coole Jeans und Sneaker und wirkte sehr sportlich. Heute hatte er einen dunkelblauen, eng anliegenden Rollkragenpullover an und

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eine Brille auf der Nase, um besser Lesen zu können. Eine dunkelbraune Lederjacke hing über der Lehne seines Stuhls. Jede Woche saß auch er in dieser halben Stunde hier oder schlenderte durch den Garten. Als ich den Raum betrat, saß er vor dem großen Fenster, trank Kaffee und las in einer Zeitung. Manchmal aber saß er auch einfach nur da und schaute nach draußen. Wahrscheinlich hing auch er seinen eigenen Gedanken nach wie ich. Ich ging zum Getränkeautomaten hinüber und kramte in meiner Hosentasche nach dem Euro, den Mama mir für die Cola in die Hand gedrückt hatte. Ich fand ihn, steckte ihn in den Schlitz und drückte meine Auswahl. Nichts geschah. Ich drückte erneut und noch ein zweites und drittes Mal. Nichts. Auch der Geldwiedergabeknopf funktionierte nicht. »So was Blödes«, nuschelte ich. Ich sah mich verstohlen um, aber es war niemand sonst im Gemeinschaftsraum, außer dem Mann am Fenster hinter seiner Zeitung. Ich wandte mich wieder dem Automaten zu und beschloss, es zu wagen. Ich klatschte mit der flachen Hand gegen seine Seitenwand, wie ich es bei Mama gesehen hatte, und drückte erneut den Knopf. Es rumpelte und quietschte in der Maschine, aber die Cola kam nicht heraus. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass der Mann seine Zeitung sinken ließ und mich ansah. »Brauchst du Hilfe?«, fragte er freundlich und stand auf. Dankbar drehte ich mich zu ihm um und nickte. »Da klemmt was«, sagte ich. Der Mann kam mit federnden Schritten herüber und

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besah sich den Automaten. Er drückte auf den Geldwiedergabeknopf, wie ich es auch schon getan hatte. Dann griff er in seine Hosentasche, zog ein Portemonnaie heraus und suchte einen Euro. Er steckte das Geldstück in den Schlitz und hielt dabei gleichzeitig den Auswahlknopf gedrückt. Wieder rumpelte es im Automaten, dann polterte die Dose in den Auswurf und auch der zweite Euro klöterte wieder heraus. »Manchmal funktioniert dieser Trick«, sagte der Mann und reichte mir die Cola, »manchmal jedoch, wenn du Pech hast, ist auch der zweite Euro futsch.« Wir lächelten uns an. »Danke« sagte ich. »Du bist jede Woche hier, nicht wahr?«, fragte der Mann. Ich nickte und erwiderte: »Ja, ich besuche meine Uroma. Jetzt wird sie gerade gewaschen, deshalb bin ich befreit.« Ich lachte. »Befreit?«, wiederholte der Mann. »Das lässt darauf schließen, dass du nicht gerne hierher kommst.« »Geht so«, sagte ich, »wenn ich ehrlich bin, nein, überhaupt nicht. Ich würde viel lieber mit meiner Gruppe tanzen und finde diese zwei Stunden hier dermaßen überflüssig!« Ich erschrak ein bisschen vor der Heftigkeit meiner Worte und wunderte mich, dass ich sie überhaupt ausgesprochen hatte. Dieser Mann war ein völlig Fremder, was wusste er denn schon. Er würde mich wahrscheinlich für ein verzogenes Mädchen halten, dass auf alte Leute keinen Bock hatte. Aber so war das ja nicht. Meine Oma Oliwia war auch alt, aber die kannte ich wenigstens, sie war cool. Aber zu Uroma Agata hatte ich eben überhaupt keinen Draht.

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Doch der Mann lächelte und sagte: »Ich kann dich gut verstehen. Auch ich genieße die kleine Auszeit.« Er zog die Schultern hoch und meinte: »Doch wir beide sind hier. Du, weil du musst, und ich, weil ich möchte …« »Wen besuchen Sie denn?«, fragte ich. »Ich heiße Jakob«, erwiderte der Mann, »du kannst mich duzen, sonst fühle ich mich so alt. Wenn du magst, setz dich zu mir an den Tisch, dann erzähle ich es dir.« Ich zögerte. Schon in der Grundschule hatten wir gelernt, mit keinem fremden Mann mitzugehen und auch Mama hatte es mir und Danny immer wieder eingeimpft. Aber irgendwie war der Mann ja gar nicht so fremd und ich ging ja nicht mit ihm mit. Ich setzte mich lediglich zu ihm an den Tisch. Und zur Bestätigung, dass hier wirklich nichts passieren konnte, öffnete sich die Tür und eine Frau kam mit ihrem Mann in den Gemeinschaftsraum, um Pause zu machen. Sie grüßten uns und redeten leise miteinander. »Komm«, forderte Jakob mich auf, »komm und erzähle mir von deiner Uroma.« Er ging voran an den Tisch und legte seine Zeitung beiseite. Dann tunkte er seinen Keks in den Kaffee und sah mich aufmunternd an. Ich nippte an meiner Cola. »Ich heiße Mila«, sagte ich, »nun ja, eigentlich Bogumila, aber ich finde den Namen blöd. So heißt doch kein Mensch.« Ich lächelte zaghaft. Jakob lachte schallend. »Nein, wirklich, so heißt kein Mensch. Zumindest nicht hier! Ich kann dich gut verstehen, dass du die Abkürzung wählst. Obwohl dein Name eine wunderschöne Bedeutung hat!«

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Ich sah ihn erstaunt an. Niemand kannte die Bedeutung meines Namens, außer mir natürlich und meiner Familie. Bogumila, so hatte Mama es mir erklärt, hieß übersetzt auf Deutsch: »Die von Gott Geliebte«, während der Name meines Bruders Bogdan »Gottesgeschenk« bedeutete. Jakob lachte wieder, als er mein verblüfftes Gesicht sah. »Weißt du«, begann er, »eigentlich heiße ich Jakub, mit ›u‹. Auch das ist ein polnischer Name. Aber alle hier sagten Jakob und dann bin ich halt dabei geblieben. Du stammst also auch aus Polen?« Ich schüttelte den Kopf. »Nein«, erklärte ich, »ich bin hier geboren, mein Bruder auch und auch schon meine Mutter. Aber meine Oma und meine Uroma …« »… die du hier besuchen musst«, warf Jakob ein. »… die ich hier besuchen muss«, nahm ich den Faden auf, »stammen beide aus Polen.« »Weißt du woher aus Polen?«, fragte Jakob neugierig. »Uroma Agata spricht immer von Breslau, der Stadt an der Oder«, sagte ich. »Breslau«, rief Jakob, »das gibt’s ja gar nicht!« ›Doch bei Roller‹, schoss mir der Werbeslogan durch den Kopf und ich musste unwillkürlich grinsen. Jakobs Gesicht strahlte. »Auch ich stamme von dort. Vielmehr mein Großvater. Weißt du, Breslau bzw. Schlesien war mal ein Teil Deutschlands. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel es dann zu Polen und heißt heute Wroclaw. Geschichtlich gesehen hatte Breslau schon viele Herrscher: Der böhmische König, die Ungarn, die Habsburger bzw. Österreicher, die Deutschen … und auch viele Namen …

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Bretzlaw, Bretlav, Breslow, Wretslaw und viele mehr. Mein Vater sagte oft Brassel.« Ich musste lachen. Eine Stadt, die auch ihren Namen nicht mag und ständig ändert, dachte ich bei mir und sagte es auch laut. Jakob lachte herzhaft. Er war so sympathisch und freundlich. »Als Kind habe ich das auch oft gedacht«, erwiderte Jakob, »es erschien mir fremd und weit weg, wenn mein Großvater davon sprach. Aber wenn meine Oma dann Grießbrei kochte und der Duft von Beerenmus oder heißen Stampfbirnen durch die Küche wehte, dann konnte ich das Wort Heimat fast gänzlich verstehen.« Ich sah Jakob mit großen Augen an. »Grießbrei mit heißen Birnen und Zimt«, flüsterte ich, »oder mit Schokosoße, so essen wir das zu Hause. Und Oma schlägt immer frischen Eischnee darunter.« »Weißt du, Mila, auch wenn dir die Frau in dem Zimmer fremd ist, so ist sie doch keine Fremde. Sie ist Teil deiner Vergangenheit, ein Stück deiner Wurzeln und somit auch ein Teil von dir selbst.« Das Ehepaar vom Nachbartisch stand auf. Das Schieben der Stühle über dem Linoleumboden weckte mich aus meinen Gedanken. Aufbruch. Erschrocken sah ich auf die Uhr an der Wand. Die halbe Stunde war um. Ich trank meine Cola aus und erhob mich. »Ich muss wieder los«, sagte ich fast ein wenig bedauernd. Auch Jakob erhob sich. »Das müssen wir wohl beide«, sagte er und reichte mir die Hand.

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»Es war schön, dich kennengelernt zu haben, Mila. Und wenn du magst, treffen wir uns nächste Woche wieder auf einen Kaffee …« »… und eine Cola«, ergänzte ich. »Vielleicht haben wir noch mehr Gemeinsamkeiten, die es zu entdecken gibt«, sagte Jakob freundlich und hielt mir die Tür auf. Er ging nach rechts und ich nach links. »Cool«, dachte ich bei mir. Es war das erste Mal, dass ich mich freute, wieder hierher kommen zu dürfen. Ich ertappte mich dabei, dass ich Jakob gebannt gelauscht hatte. Wenn er erzählte, dann war Geschichte, und vor allem die eigene, gar nicht mehr so uninteressant. Im Gegenteil, schoss es mir durch den Kopf, ich wollte sogar mehr wissen und erfahren. Beschwingt hüpfte ich durch den weißen Flur, der mir nun schon viel freundlicher erschien, zurück zu Uroma Agatas Zimmer.

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