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TA N J A W E N Z

Sophia und das Abenteuer auf dem Klosterberg Hildegard von Bingen für junge Leser_Innen

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2018 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Koproduktion mit camino im Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH, Stuttgart Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Graphikbüro Sonnhüter, www.sonnhueter.com, unter der Verwendung eines Bildes von © Volker Konrad Lektorat: Dr. Susanne Roll, Neuenkirchen-Vörden DTP: Magdalene Krumbeck, Wuppertal Verwendete Schrift: Adobe Garamond Pro, Pinto No_01 Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-6524-7 (neukirchener verlag) ISBN 978-3-7615-6577-3 (Hörbuch) ISBN 978-3-96157-083-6 (camino) www.neukirchener-verlage.de www.caminobuch.de

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Inhalt

KAPITEL 1 KAPITEL 2 KAPITEL 3 KAPITEL 4 KAPITEL 5 KAPITEL 6 KAPITEL 7 KAPITEL 8 KAPITEL 9 KAPITEL 10 ANHANG 1

ANHANG 2

Eine Mutprobe • 7 Der seltsame Fund • 22 In der Schreibstube • 34 Glockenläuten in der Nacht • 49 Visionen der Magistra • 57 Vermischung der Zeiten • 67 Klostergründung • 80 Umzug auf den Rupertsberg • 95 Ein großer Verlust • 106 Eine erstaunliche Entdeckung • 114 Kurzbiografie: Hildegard von Bingen 1098–1179 • 122 Nervenkekse: Rezept nach Hildegard von Bingen • 125

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KAPITEL 1

Eine Mutprobe

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ie dichten Wolken ließen für einen kurzen Moment das Licht des Vollmonds durchscheinen. »Vorsicht! Da vorne geht es steil runter!« Mit einer Hand hielt Sophia ihre Freundin Maya am Arm fest. »Das war knapp!«, ächzte Felix, als er an den Mädchen vorbei den steilen Abhang hinuntersah. »Meine Güte, ist das gefährlich hier! Sophia, du kennst den Weg am besten, geh du voraus.« Die Freunde waren auf dem Weg zur Klosterruine auf dem Disibodenberg, denn dort oben wollten sie für eine Nacht zelten. Felix hatte das vor einigen Tagen vorgeschlagen. Er meinte, dass dies eine tolle Mutprobe sei. Sophia und Maya waren begeistert gewesen. Mit Feuereifer hatten sie den Zeltausflug geplant. Aber jetzt, im Dunkelen, war ihnen doch etwas mulmig zumute. Der Pfad war steil und sehr schmal. An manchen Stellen musste man nur einen falschen Schritt machen, um einige Meter weiter unten im Abhang zu landen. »Vielleicht hätten wir doch mit dem Rad fahren sollen«, schnaufte Maya und wischte sich ihre langen schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sophia verdrehte die Augen.

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»Du meinst auf der Straße, so wie alle Touristen, die keine Zeit haben, um sich dem Kloster in angemessener Weise und in Ruhe zu nähern?« Felix drehte sich um und spottete: »Sophia, manchmal redest du echt geschwollen.« Maya kicherte leise. So war das immer bei ihnen. Sie waren zwar beste Freunde und sie kannten sich schon seit dem Kindergarten, trotzdem waren sie absolut verschieden im Denken und Verhalten. Sophia schnaubte und ging zügig an ihrer Freundin vorbei. Ihr Rucksack war ziemlich schwer und insgeheim musste sie Maya recht geben. Auf den Rädern hätten sie Zelt, Isomatten, Schlafsäcke und Co viel leichter transportieren können, anstatt alles den ganzen Berg hochzuschleppen. Das hätte sie aber nie vor ihren Freunden zugegeben. Bisher war sie immer über diesen Pfad zum Kloster hinaufgegangen. Sie war überhaupt nicht auf die Idee gekommen, die Straße zu nehmen. Nach zehn Minuten kamen sie, schwer atmend, bei einer großen und sehr alten Eiche an. Dunkel ragten die ausladenden Äste über die Freunde hinweg. Ächzend zog sich Maya den schweren Rucksack von den Schultern und lehnte ihn an den Stamm des Baumes. Von hier oben hatte man einen schönen Blick auf Odernheim und die Lichter der Straßenlaternen, die in der Nacht heraufleuchteten. »Odernheim von oben und bei Nacht hat etwas«, meinte Felix. Maya nickte und fügte hinzu: »Ja, es sieht irgendwie gemütlich aus mit den vielen Lichtern.« Sophia hüpfte ungeduldig von einem Fuß auf den anderen und Felix sagte: »Los Maya, wir gehen lieber weiter, Sophia macht mich wahnsinnig.«

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Sophia grummelte ärgerlich und schulterte ihren Rucksack. Maya kicherte wieder leise. An dieser Stelle öffnete sich der Pfad zu einem breiteren Weg und sie konnten nebeneinander gehen. Als es im Wald neben ihnen knackste und wisperte, griff Maya nach Sophias Hand und flüsterte: »Es ist ja schon ein bisschen unheimlich hier im Dunkelen.« Sophia lächelte leicht. Maya war noch nie die Mutigste von ihnen gewesen. »Maya, du warst doch schon öfter hier oben«, wunderte sich Felix. »Ja, aber da schien die Sonne. Außerdem hört sich jetzt alles so anders an, irgendwie fremd.« Sophia drückte Mayas Hand und sagte aufmunternd: »Wir sind ja bald da.« Tatsächlich kamen sie bald darauf an der verfallenen Klosterpforte an. Jetzt, in der Dunkelheit, konnten die Kinder die Sandsteinmauern aber nur erahnen. Sophia schaute nach rechts und bemerkte: »Es ist wirklich ziemlich dunkel. Nicht mal den alten Mönchsfriedhof kann man sehen, dabei haben wird doch Vollmond.« Maya erwiderte kurz angebunden: »Den will ich jetzt auch gar nicht sehen, den finde ich nämlich schon bei Tageslicht richtig gespenstisch.« Wie zur Antwort war der klagende Ruf eines Waldkauzes zu hören. Nun bekam auch Sophia eine Gänsehaut und sie sagte hastig: »Kommt, lasst uns weitergehen. Wir stellen das Zelt auf dem Gelände der alten Klosterkirche auf, da ist der Boden schön flach.« Felix und Maya folgten wortlos ihrer Freundin. Sie würde schon wissen, wo hier oben die beste Stelle zum Zelten war. Kurze Zeit später war das Zelt unter einer stattlichen Rotbuche aufgebaut, und eine Kerzenlaterne verbreitete ihr

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gemütliches Licht im Innern. Felix sah die Mädchen an und fragte: »Und, was machen wir nun?« Sophia pustete sich eine ihrer blonden Locken aus dem Gesicht. Sie überlegte schon die ganze Zeit, ob sie ihren Freunden erzählen sollte, was ihre Großmutter ihr vor einiger Zeit über das Kloster berichtet hatte. Ob ihre Freunde sie auslachen würden? Sie gab sich einen Ruck und räusperte sich. »Also, wenn ihr wollt, gehen wir zu der Frauenklause der heiligen Hildegard von Bingen. Das ist gleich dort drüben.« Sie zeigte mit einem Finger durch den Zelteingang. Felix sah sie erstaunt an und fragte: »Was sollen wir denn da machen?« Er wusste, dass dort Hildegard von Bingen, zusammen mit anderen Nonnen, in dem separaten Anbau zum Kloster der Mönche gelebt hatte. Doch was sollten sie jetzt in der Frauenklause machen, zumal ja nur noch die Grundmauern von dem Gebäude standen? Auch Maya fragte verwundert: »Sag schon, Sophia, was sollen wir da? Es ist stockdunkel und der Mond lässt sich wegen der Wolken auch nicht blicken. Wir werden nicht viel zu sehen bekommen.« Aber Sophia ging es auch gar nicht ums Sehen, sondern um etwas ganz anderes. Die Blätter der Rotbuche rauschten in einer Windbö, sodass Sophia lauter reden musste: »Meine Oma hat gesagt, dass manche Menschen ein Kribbeln unter den Füßen spüren, wenn sie auf der alten Mauer der Klause stehen.« Stille. In dem flackernden Licht der Kerze konnte Sophia mehr erahnen als sehen, dass Felix und Maya Mühe hatten, nicht zu grinsen. Trotzig schaute sie die beiden an und meinte: »Habt ihr etwa noch nie davon gehört?«

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Felix konnte sich nun das Lachen nicht mehr verkneifen. Sein brauner Haarschopf wackelte im Takt mit. »Nein, das habe ich noch nie gehört. Und ganz ehrlich? Ich hätte es auch nicht geglaubt. Ein Kribbeln unter den Füßen, also wirklich.« Felix schaute erwartungsvoll zu Maya. Wie sie wohl darüber denken würde? Auch Maya verzog das Gesicht zu einem Grinsen und sagte: »Also, ich habe das auch noch nicht gehört. Komisch, da wohnen wir direkt unterhalb des Disibodenberges und haben noch überhaupt nichts davon mitbekommen. Selbst als wir mit der Schule hier oben waren, wurde das mit keinem Wort erwähnt.« »Wundert dich das?«, fragte Sophia aufgebracht. »In der Schule geht es nur um Religion und Geschichte, aber nicht um Mystik.« Maya schüttelte den Kopf und erwiderte: »Sophia, manchmal spinnst du echt. Was meinst du denn mit Mystik?« Sophia erwiderte: »Wir haben doch alle die Lebensdaten von der heiligen Hildegard von Bingen im Unterricht durchgekaut, aber ging es auch nur einmal um ihre Visionen? Um das, was sie in ihren Visionen gesehen hatte?« Felix rieb sich mit der rechten Hand hinter dem Ohr, wie immer, wenn er intensiv nachdachte. »Hm, also ich weiß nur, dass Hildegard Visionen gehabt hat, aber nicht, um was es darin ging. Sowieso kann ich mir das mit den Visionen nur schwer vorstellen.« »Aber eigentlich ist das ja auch egal, oder? Die heilige Hildegard hat vor fast 1000 Jahren gelebt. Da kann man ja viel erzählen, was sie gesehen haben soll, aber wissen kann es doch keiner mehr genau«, sagte Maya. »Also meine Oma hat mir oft von ihr erzählt und sie hat

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auch Bücher von Hildegard im Regal stehen. Daher weiß sie einiges«, erklärte Sophia. »Zum Beispiel diese Textstelle aus einem der Bücher. Sie hat sie mir so oft vorgelesen, dass ich sie auswendig weiß: »Als ich drei Jahre alt war, erblickte ich ein Licht, so hell, dass meine Seele erzitterte …«

»Klingt aufregend«, meinte Felix. »Steht das mit der Frauenklause auch darin?«, fragte Maya. »Dummerchen«, antwortete Felix, bevor Sophia überhaupt den Mund aufmachen konnte. Damals stand ja noch das Kloster und Sophia hat gesagt, dass man sich auf die Reste der Grundmauern stellen soll.« Sophia war sich nicht ganz sicher, aber im Schein der Kerze sah es so aus, als würde Maya rot werden. »Okay, das war eine nicht so schlaue Frage«, murmelte ihre Freundin. »Meine Oma hat es bei einer Führung erfahren und auch selbst ausprobiert«, sagte Sophia. »War das eine dieser esoterischen Führungen?«, fragte Felix vorsichtig. »Hast du was dagegen?«, fauchte Sophia ihn an. »Hört auf!«, rief Maya. »Es ist doch egal, woher Sophias Oma das hat. Wisst ihr was? Wir probieren es einfach selber aus.« »Genau das wollte ich ja vorschlagen«, brummte Sophia. Ihre Großmutter war wirklich etwas speziell, aber So­ phia fand es nervig, wenn ihre Freunde darauf anspielten. Er reichte ihr schon, wenn die Nachbarn ihre Oma manchmal schief ansahen. Dabei wusste ihre Oma wirklich viel über Hildegard von Bingen und es war für Sophia immer spannend gewesen, ihr zuzuhören. Sophia hatte sogar schon aus dem dicken Koch- und Backbuch nach Hildegard von

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Bingen einen tollen Dinkelkuchen gebacken. Der war wirklich lecker gewesen. Sie schnappte sich ihre Taschenlampe, öffnete den Reißverschluss des Zeltes und streckte vorsichtig den Kopf raus. »Hast du Angst, dass der Waldkauz dir den Kopf abbeißt?«, fragte Felix kichernd. »Sehr witzig!«, antwortete Sophia und sprang aus dem Zelt. Maya, die ihr folgte, leuchtete mit der Taschenlampe die umstehenden Bäume ab. Der Wind hatte aufgefrischt und Sophia rief: »Bring bitte die Jacken mit.« Felix löschte die Kerze, kam aus dem Zelt und gab jedem Mädchen seine Jacke. »Meine Güte, das ist wirklich kalt geworden«, murmelte er, als er seine anzog. Aufmerksam schaute er sich im Licht der Taschenlampen um. Maya hatte recht, nachts sah es wirklich anders aus hier oben. Das Mondlicht, das immer mal wieder hervortrat, tauchte die alten Mauern in ein milchiges Licht und die Wolken warfen Schatten davor. Licht und Schatten wechselten sich in rasender Folge ab. Manche Ecken blieben vollständig im Dunklen. Was sich dort wohl alles versteckt hielt? Hastig fragte er: »Wo ist denn nun die Frauenklause?« Sophia ging langsam los und leuchtete dabei den Weg vor sich mit der Taschenlampe aus. Maya ging hinter ihr und Felix zum Schluss. Es war nur ein kurzes Stück zu den Ruinen der alten Frauenklause. Das Laub vom Vorjahr raschelte bei jedem Schritt. Als der Waldkauz wieder seinen traurigen Ruf durch den Wald schickte, zuckten diesmal alle drei zusammen. Sie rückten enger zusammen und kamen schon bald bei der Frauenklause an.

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»Schade, dass nur noch so wenige Reste des Gebäudes stehen, ich kann mir nur schlecht vorstellen, wie das hier früher ausgesehen hat«, flüsterte Maya. »Wieso flüsterst du?«, fragte Sophia irritiert. »Ich weiß nicht, es ist so anders, wenn wir in einer Mission hier sind!« Felix lachte leise, aber Sophia verstand sofort, was Maya meinte. Es war wirklich etwas anderes, einfach nur zu zelten oder vor der Frauenklause zu stehen und sich zu fragen, ob sie auch ein Kribbeln unter den Fußsohlen spüren würden. Langsam stieg Sophia in ihren Turnschuhen auf die breite Mauer, die nur noch wenig über den Erdboden herausragte. Felix und Maya taten es ihr gleich. Obwohl es dunkel war, schlossen sie die Augen und fühlten einfach in sich hinein. Bis auf das Rauschen des Windes, war nichts zu hören. Auch der Waldkauz blieb still. So standen sie eine ganze Weile, bis Felix auflachte und sagte: »Also, ich spüre nichts. Gar nichts!« Mit einem Satz sprang er zurück aufs weiche Gras und auch Maya sagte, dass sie nichts spüren würde. Sophia war enttäuscht, dass die beiden schon aufgaben. Sie hielt die Augen geschlossen, während ihre Freunde sich auf die kleine Bank setzten, die ganz in der Nähe stand. Sophia streckte die Arme nach oben, so als würde sie das schimmernde Mondlicht mit den Händen auffangen wollen. Maya rückte näher an Felix heran, denn Sophia sah im Mondlicht echt gespenstisch aus. Ihre langen blonden Haare wurden vom Wind aufgebauscht und leuchteten im Mondlicht fast weiß auf. Wenn sich Maya ein Gespenst vorstellen müsste, würde es ganz sicher genauso aussehen. Da war überhaupt keine Rasselkette mehr nötig. Maya schüttelte sich leicht.

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Felix sah sie forschend an und fragte: »Alles in Ordnung bei dir?« »Ja, alles gut«, sagte Maya leise. Sie schaute wieder zu Sophia, die noch immer auf der Mauer stand und enttäuscht dachte: ›Nichts, ich spüre auch nichts. Oma hat mich bestimmt nur foppen wollen. Sicher hat sie auch nichts gespürt, als sie hier stand. Das Ganze ist bestimmt nur ein Märchen und ich bin voll darauf hereingefallen. Echt peinlich!‹ Sie ließ die Arme wieder sinken und wollte gerade ins Gras springen, als ein warmes Ziehen an den Füßen sie auf der Mauer hielt. Was war das? Sophia fühlte in sich hinein. Bildete sie sich das nur ein? ›Es ist warm unter meinen Füßen, es kribbelt zwar nicht, aber es ist warm und fühlt sich gut an. Was ist das?‹, fragte sich Sophia aufgeregt. Das Gefühl wurde intensiver. Plötzlich bekam sie Angst und sprang mit einem Satz von der niedrigen Mauer. »Hey Sophia, hast du den Geist der heiligen Hildegard von Bingen unter deinen Fußsohlen gespürt?«, fragte Felix. »Sei nicht so sarkastisch. Das nervt«, sagte Maya tadelnd. Felix verdrehte die Augen. Maya war immer schon der Moralapostel gewesen. Sophia wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie war sich nicht sicher, wie sie ihr Erlebnis auf der Mauer der Frauenklause deuten sollte. War das Wirklichkeit gewesen oder nur Einbildung? Sie konnte es einfach nicht einordnen. »Nun sag schon, Sophia, hast du etwas gespürt?«, drängte Felix. »Ich, ich weiß nicht«, stotterte Sophia. »Wie, du weißt nicht? Also hast du ein Kribbeln gespürt?«, fragte Maya staunend.

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»Nein, es war kein Kribbeln. Meine Füße sind ganz warm geworden und es hat sich irgendwie gut angefühlt.« Felix lachte künstlich und meinte: »Aber Visionen hast du keine gehabt?« Sophia merkte, dass sich ihre Freunde nur über sie lustig machen würden, und sagte: »Das war bestimmt nur Einbildung, ist nicht so wichtig.« Dennoch ließ sie der Gedanke nicht los. Er beunruhigte sie. Sie setzte sich zu den beiden auf die Bank und fragte: »Und, was machen wir nun? Gibt es noch andere Vorschläge?« Maya und Felix überlegten. Sie waren nicht so oft auf dem Disibodenberg gewesen wie ihre Freundin. Aber Maya fiel dann doch noch etwas ein: »Ich würde sehr gerne die Marienkapelle bei Nacht sehen. Die hat mich immer schon fasziniert.« Felix und Sophia fanden das eine gute Idee und so gingen alle drei zu der kleinen Kapelle, die sich dicht an die Ruine der Abteikirche schmiegte. Auch hier standen nur noch Reste der Mauern. Vor vielen Jahren wurden einige Grabplatten aus schwerem Sandstein, die man im Boden der Abteikirche und im Kreuzgang gefunden hatte, dort aufgestellt. Die Kapelle wurde an zwei Seiten von hohen Mauern eingefasst und daran lehnten die alten Grabplatten. Auf dem Weg dorthin stolperte Maya über einen im dichten Laub liegenden Steinbrocken. »Au«, stöhnte sie, »es ist nicht nur unheimlich hier oben, sondern auch gefährlich.« »Alles okay?«, fragte Felix. »Ja, geht schon.« In der Marienkapelle angekommen, leuchteten die Grab-

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platten im Licht der Taschenlampen auf. In Ruhe schauten sich die Freunde alles genau an. »Mir hat immer der Ritter am besten gefallen«, sagte Sophia. »Mir auch, er ist auch noch sehr gut zu erkennen und nicht so ausgewaschen wie die anderen Abbildungen«, erwiderte Felix. »Kommt, wir haben genug gesehen. Ich bin müde, lasst uns schlafen gehen«, gähnte Maya nach einer Zeit. »Was, jetzt schon?« Felix war empört, er hatte sich auf eine lange Nacht auf dem Disibodenberg gefreut. Da er aber auch keine andere Idee hatte, lenkte er ein und sagte: »Na gut, dann gehen wir eben ins Zelt.« Sophia ging wieder voran. Sie fand im spärlichen Licht ihrer Taschenlampe nicht auf Anhieb den richtigen Weg. Zwischen den Eichen und Kastanien war das Tapsen vieler kleiner Waldbewohner zu hören, die die Nacht zum Tag machten und auf Futtersuche waren. Plötzlich war direkt neben ihnen ein lautes Rascheln im Laub zu hören, das auf große Pfoten schließen ließ. »Was ist das?«, fragte Maya mit belegter Stimme. »Ich weiß nicht, klingt aber ziemlich groß«, überlegte Felix. Sophia schwenkte mit ihrer Taschenlampe zu dem Geräusch hinüber. Wie aus einem Mund riefen alle drei: »Ein Dachs!« Das schwarz-weiße Tier interessierte sich nicht für die Kinder, lief schnurstracks weiter und verschwand im Gebüsch. Es war auf Futtersuche und ließ sich nicht ablenken. Sophia staunte: »Ich habe noch nie einen Dachs gesehen. Wie niedlich der aussah und wie süß er beim Laufen mit dem ganzen Körper gewackelt hat.« Maya fragte jedoch skeptisch: »Sind die nicht gefährlich?«

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Felix kicherte: »Für Mäuse schon, aber ich glaube, du bist zu groß für ihn. Du passt nicht in sein Beuteschema.« Maya zog Felix an seiner Jacke und sagte: »Vielen Dank für deine Belehrung.« Mittlerweile waren sie am Zelt angekommen und krabbelten nacheinander hinein. »Was ist mit Zähneputzen?«, fragte Maya in die Runde. Doch für diese Frage erntete sie nur ein widerwilliges Grunzen ihrer Freunde. »Okay, dann eben nicht!« Sie quetschte sich zwischen Felix und Sophia und schlief sofort ein. Auch Felix war schon ziemlich müde. An seinen regelmäßigen Atemzügen merkte Sophia, dass auch er schlief. Sie jedoch wälzte sich auf ihrer Isomatte hin und her und fand keinen Schlaf. Der Waldkauz war wieder zu hören und der Wind rauschte in den Baumkronen über ihr. Sie hoffte sehr, dass kein größerer Ast abbrach und auf ihr Zelt fiel. Dann dachte sie an die Frauenklause. ›Ob ich mir die Wärme nur eingebildet habe? War da wirklich etwas unter meinen Füßen zu spüren gewesen? Das kann doch eigentlich gar nicht sein. Felix und Maya haben doch auch nichts gespürt. Bestimmt war das nur Einbildung.‹ Unruhig setzte sie sich auf. Der Gedanke war die ganze Zeit über da gewesen, sie konnte jetzt unmöglich einschlafen. ›Und wenn ich doch etwas gespürt habe? Ich muss es herausfinden! Ich muss noch einmal zur Frauenklause und mich auf die Mauer stellen.‹ Leise zog sie sich ihre Jacke über und krabbelte aus dem

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Zelt. ›Meine Güte, muss der Reißverschluss vom Zelt so laut sein?‹ Zum Glück steckte ihre Taschenlampe in der Jacke. Vorsichtig, um ja keinen Lärm auf den vielen Ästen und Zweigen zu machen, die rings um das Zelt auf dem Boden lagen, schlich sie los. Mittlerweile hatten sich die Wolken verzogen und der Mond schien rund und voll auf sie herab. ›Schön, so brauche ich die Taschenlampe gar nicht.‹ Schnell kam sie bei der Ruine der Frauenklause an. Sophia zitterte leicht, wusste aber nicht, ob vor Aufregung oder Kälte. Ohne ihre Freunde neben sich, fühlte sie sich ziemlich einsam. Etwas unschlüssig stand sie vor der Mauer. Sollte sie, oder sollte sie nicht? ›Ach was, ich probiere es einfach aus.‹ Sophia gab sich einen Ruck, stellte sich mitten auf die Mauer und schloss die Augen. Sie hörte den Wind rauschen und das Knacksen unter den Bäumen. Flüchtig dachte sie an den Dachs und wie schön er gewesen war. Es dauerte nicht lange und Sophia spürte wieder ein leichtes Brennen unter ihren Füßen. Ein Kribbeln und Ziehen. Langsam steigerte es sich zu einem kleinen Feuer. Das Gefühl war noch viel stärker als vorhin, als sie mit ihren Freunden zusammen hier gewesen war. ›Was ist das nur?‹, fragte sie sich. Es machte ihr Angst, denn es fühlte sich sehr real an. »Als würde ich auf glühenden Kohlen stehen. Das gibt es doch nicht«, murmelte sie und schaute verblüfft auf ihre Füße. Sie machte einen Schritt zur Seite und stand nun neben der Mauer, innerhalb der Klause. Langsam ebbte das Brennen ab. Am liebsten hätte Sophia ihre Schuhe ausgezogen und nachgesehen, ob ihre Fußsohlen Brandblasen hatten oder sonst irgendwie in Mittleidenschaft gezogen worden waren. Doch noch während sie darüber nachdachte, verschwand das Brennen und

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Kribbeln und machte einem anderen Gefühl Platz. Obwohl der Wind nochmals aufgefrischt hatte und die Zweige der Bäume und Sträucher hin und her peitschte, stieg eine tiefe Ruhe in ihr hoch. Sie fühlte sich in diesem Augenblick sicher und geborgen. Der Mond strahlte auf eine halbhohe Mauer, die wohl die Begrenzung der Frauenklause zum Mönchskloster gewesen war. Der Fugenmörtel hatte sich an vielen Stellen im Lauf der Jahrhunderte gelockert. Manche Steine ragten aus dem Mauerverbund heraus. Sophia bemerkte, dass sich der Schnürsenkel ihres Turnschuhes gelöst hatte, und band die Schleife neu. Als sie aufstand, sah sie im Mondlicht einen Stein, der anders als die anderen aussah. Neugierig ging sie zwei Schritte zu der Mauer und wackelte daran. »Hey, der lässt sich ja aus der Mauer herausziehen.« Der Stein hinterließ einen kleinen, dunklen Schacht. Sophia holte ihre Taschenlampe heraus und leuchtete hinein. »Irgendwas liegt da hinten, ob ich wohl drankomme?« Vorsichtig steckte sie ihre Hand und dann ihren ganzen Arm hinein. Mit den Fingerspitzen tastete sie auf dem rauen Stein, bis sie an etwas Kühles stieß. Sophia stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte es herauszuziehen. Sie zog und zerrte daran. »Das muss doch irgendwie rausgehen. Es hat sich anscheinend verhakt«, ächzte sie angestrengt. Sie gab nicht auf und tatsächlich, nach kurzer Zeit bekam sie es besser zu fassen und zog eine kleine Metallschatulle hervor. »Was kann das sein?«, fragte sie sich aufgeregt. Als sie es schüttelte, klang es so, als wäre ein großer Gegenstand darin. Vergessen war das Brennen unter den Füßen von vorhin. Sophia

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leuchtete die Schatulle an, aber viel war nicht zu sehen. Sie sah sehr alt aus und war an vielen Stellen verrostet. Sie beschloss, ihren Fund den anderen zu zeigen. Schneller als auf dem Hinweg war sie zurück beim Zelt.

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KAPITEL 2

Der seltsame Fund

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it einem Ruck riss Sophia den Reißverschluss des Zeltes auf. Felix und Maya fuhren aus dem Schlaf hoch und sahen sie mit weit aufgerissenen Augen an. »Spinnst du?«, rief Felix. »Wo kommst du denn jetzt her?« »Meine Güte, Sophia, hast du mich erschreckt«, beschwerte sich auch Maya. Strahlend und die Ausrufe ihrer Freunde völlig missachtend, krabbelte Sophia ins Zelt hinein und schloss den Reißverschluss hinter sich. Aufgeregt hielt sie den Freunden die Schatulle unter die Nase. »Ratet mal, was ich eben gefunden habe?« »Na, du wirst es uns schon verraten«, gähnte Maya müde. »Wieso warst du ohne uns unterwegs und vor allem: Wo warst du?«, fragte Felix empört. »Ich war noch mal bei der Frauenklause und habe mich auf die Mauer gestellt.« »Warum das denn?«, fragte Felix fassungslos. »Na ja, ich habe vorhin doch etwas gespürt und ich wollte sichergehen, dass ich nicht spinne.«

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Im Schein der Taschenlampe sah Sophia, dass ihre Freunde sie mit kugelrunden Augen ansahen. »Und? Hast du wieder etwas gespürt?«, fragte Maya aufgeregt. »Ja, es war aber nicht nur ein Kribbeln, sondern ein ganzes Feuer hat unter meinen Füßen getobt. Es war schon fast ein wenig unheimlich«, erzählte Sophia. Sie sah, dass leiser Spott in Felix Augen sichtbar wurde, und sagte etwas lauter: »Das habe ich mir echt nicht eingebildet. Da war wirklich etwas unter meinen Füßen. Ich kann ja nichts dafür, dass du und Maya nichts gespürt habt.« Maya räusperte sich und erwiderte leise: »Also, Sophia, ich wollte das vorhin nicht sagen, aber ich glaube, meine Fußsohlen wurden auch warm.« »Ach ihr spinnt doch. Das ist alles bloß Einbildung. So etwas gibt es gar nicht«, murrte Felix. Maya sah ihn an und drängte: »Komm, du hast doch bestimmt auch etwas gespürt, willst es aber nicht zugeben. Ist doch in Ordnung, es gibt manchmal Dinge, die man nicht mit dem Verstand erklären kann. Denk mal an deinen Onkel! Der sucht doch auch Unterwasserquellen für die Stadtwerke. Mit der Wünschelrute wohlgemerkt.« Felix war für eine kurze Zeit sehr stumm, dann antwortete er zögerlich: »Also gut, bei mir haben die Füße auch gekribbelt. Zufrieden?« »Mehr als zufrieden«, sagte Sophia mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Also hatte sie nicht gesponnen, das Kribbeln war echt gewesen. »Kommt, lasst uns das hier öffnen, ich bin gespannt, was darin ist.« Sie hielt die Schatulle hoch.

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»Hört ihr das?«, flüsterte Maya. »Der Wind weht nicht mehr so stark, die Bäume haben mit dem Wispern aufgehört, so als würden sie uns zuhören.« »Maya, du wirst mir gerade unheimlich, lass das«, forderte Felix sie auf. Maya beachtete ihn gar nicht und fragte Sophia neugierig: »Wo hast du das denn überhaupt gefunden?« »Genau«, meinte nun auch Felix. »Hat dieses Kästchen einfach da rumgelegen, oder was?« »Nein«, erwiderte Sophia ungeduldig, »es hat in der Mauer der Frauenklause gesteckt.« Erstaunt schauten Felix und Maya sie an, deshalb erklärte sie: »Mein Schnürsenkel war aufgegangen, und beim Zubinden habe ich gesehen, dass ein Stein in der Mauer merkwürdig aussah, einfach anders als die anderen. Deshalb bin ich dahingegangen und habe an dem Stein gezerrt. Er ließ sich ganz leicht rausziehen.« »Und dahinter lag dann dieses Metallkästchen?«, fragte Maya atemlos. »Das ist ja echt spannend. Und überhaupt, was für ein Zufall, dass du es gefunden hast«, staunte jetzt auch Felix. »Ja, das finde ich auch«, erwiderte Sophia. »Aber jetzt lasst uns mal schauen, ob auch etwas Spannendes darin ist«, murmelte sie ungeduldig. Sophia zog und zerrte am Deckel der Schatulle, jedoch vergeblich. »Lass mich mal«, sagte Felix und zog sein Notfallwerkzeug, das er immer auf Wanderungen oder Radtouren dabeihatte, aus der Tasche. »Ach ja, gute Idee, damit geht es ganz sicher«, meinte Sophia, »aber bitte gib mir das Ding. Ich habe die Schatulle gefunden, ich möchte sie auch aufmachen.«

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Sophia sah Felix fest in die Augen und Felix gab ihr sofort das klappbare Werkzeug. Er wusste, diskutieren war hier zwecklos. Geschickt öffnete Sophia das Multifunktionswerkzeug und klappte den Schraubenzieher daran heraus. Sie setzte ihn an die Schatulle und benutzte ihn als Hebel. Maya hielt vor Spannung den Atem an. Das letzte Mal hatte sie einen Schatz bei einem Kindergeburtstag gefunden, und das war gefühlte Lichtjahre her. »Meine Güte, die Schatulle ist hartnäckig«, grummelte Sophia. »Tja, wer weiß, was darin ist, vielleicht der Schatz vom Silbersee?«, fragte Maya. »Mensch, du hast zu viel Karl May geschaut. Was soll denn da schon drin sein«, antwortete Felix trocken. Der Schraubenzieher kratzte immer wieder an dem Metall der Schatulle, bis sich irgendwann eine Ritze bildete und Sophia darin einen richtigen Ansatz für eine Hebelwirkung fand. Aufgeregt murmelte sie: »Ich bin mir sicher, dass etwas Wichtiges darin ist. Das spüre ich. Wieso sonst sollte sich jemand die Mühe gemacht haben, sie dort in der Mauer zu verstecken?« Maya nickte und Felix verdrehte die Augen. Mädchen! »Komm, halt mal«, forderte Sophia ihre Freundin ungeduldig auf. Mit einem sanften Plopp löste sich der Deckel und sprang auf. Die beiden Mädchen starrten darauf und sagten nichts mehr. Felix drängte sich zwischen die beiden. »Papier, da ist etwas in gewachstes Papier eingewickelt.« Er stupste Sophia an. »Los, sieh nach, was es ist.« Mit leicht zittrigen Fingern nahm Sophia das kleine Papierpaket heraus. Es war schwer. Was verbarg sich in

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dem Papier? Es war nicht verklebt und so konnte Sophia das braune Wachspapier ganz einfach abwickeln. Verblüfft schaute Sophia auf das, was zum Vorschein kam. »Ein Buch?«, fragte Maya. »Sieht ganz so aus«, murmelte Sophia. »Es ist noch in ein vergilbtes Stofftaschentuch eingewickelt.« Felix war wie immer der Ungeduldige von ihnen: »Mach es mal ab. Das sieht aus wie ein Notizbuch, nicht wie ein Roman oder so. Und ganz alt kann es ja auch nicht sein, es ist ja schon richtig gebunden und aus Papier. Schlag doch mal die erste Seite auf.« Vorsichtig zog Sophia das Taschentuch ab und klappte den zerfransten Einband auf. Die Seiten waren vergilbt und fühlten sich leicht klebrig an. »Hey, da steht wirklich etwas, in Handschrift, aber lesbar. Ich lese mal vor: »Dies ist die Abschrift einer Abschrift der wahren Geschichte der Nonne Sil­ vana aus dem Jahr 1182, aufgeschrieben auf dem Rupertsberg bei Bingen.«

Ungläubig schaute Sophia ihre Freunde an. »Wie ist das möglich? Wie lange liegt das schon hier oben in der alten Klostermauer versteckt? Wieso hat das nie jemand gefunden?« Maya fielen aber noch ganz andere Sachen ein. »1182, wisst ihr überhaupt, was das bedeutet? Silvanas Geschichte ist eine Geschichte aus der Zeit der heiligen Hilde­gard von Bingen.« »Das kann doch nicht sein, das glaube ich nicht. Und was heißt überhaupt Abschrift einer Abschrift?«, fragte Felix irritiert. Maya war bereits einen Gedankengang weiter und nahm Sophia das Buch vorsichtig aus der Hand. Aufgeregt blätter-

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te sie darin herum. Schließlich schaute sie sich nochmal den ersten Eintrag an. »Hier steht, dass diese Abschrift am 26.06.1964 begonnen wurde, der Text, der abgeschrieben wurde, aber von 1880 stammt und dieser wiederum ist eine Kopie aus dem Jahr 1789.« Felix schüttelte den Kopf. »Wieso macht das jemand? Und dann auch noch handschriftlich. 1964 gab es doch Schreibmaschinen.« Sophia überlegte kurz, dann sagte sie: »Vielleicht sollte der Text geheim bleiben und er wurde immer nur heimlich und handschriftlich weitergegeben. Anscheinend wurde er aber immer wieder abgeschrieben, damit er nicht verloren geht. »Wenn das stimmt, und dieser Text hier eine Abschrift der Geschichte einer Nonne aus dem Kreise der heiligen Hildegard von Bingen ist, besitzen wir wirklich einen Schatz«, meinte Felix. Sophia sah ihn empört an: »Wir besitzen dieses Buch gar nicht, es ist einfach so zu uns gekommen. Es wollte, dass ich es finde.« Felix und Maya sahen sie an, als wäre sie nicht ganz bei Trost. »Du spinnst doch«, meinte Felix. »Jetzt hört doch auf, das hilft jetzt keinem weiter. Mich interessiert eher, wer das geschrieben hat und wann es hier oben versteckt wurde«, rief Maya. »Wenn es wirklich die Geschichte der Silvana ist, dann wurde sie ursprünglich bestimmt auf Latein geschrieben,« fuhr sie fort. »Manche Nonnen konnten Latein lesen und schreiben«, überlegte Felix.

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»Aber worauf, bitte schön?«, fragte Maya. Sie wusste, dass Pergament, also speziell bearbeitete Tierhaut, damals sehr teuer war und Papier gab es noch nicht. Deshalb hatte Hildegard von Bingen ihre Texte zuerst auch in Wachstafeln geritzt. Später wurde die Reinschrift dann auf das wertvolle Pergament übertragen. »Vielleicht steht etwas dazu in diesem Buch. Warum lesen wir es nicht einfach?«, schlug Felix vor. »Das ist endlich einmal eine gute Idee von dir«, zog Sophia ihn auf. Dabei lächelte sie ihn so verschmitzt an, dass Felix ihr nicht böse sein konnte. »Ich dachte, ihr wolltet schlafen?«, fragte Felix. »Sehr witzig!«, sagte Maya. »Nein, ich bin absolut nicht mehr müde. Statt zu schlafen, möchte ich viel lieber wissen, was in dem Buch steht.« Die Freunde setzten sich bequem auf ihre Isomatten und schlugen die Beine übereinander. »Wer fängt an?«, fragte Felix. »Das ist doch klar. Sophia natürlich!«, antwortete Maya. Der Schein der Kerzenlaterne reichte gerade dafür aus, dass Sophia die kleine Schrift lesen konnte. »Zum Glück hatte die Schreiberin oder der Schreiber eine leserliche Handschrift. Sonst hätte ich wirklich Probleme, es zu lesen. Schaut mal, wie klein die Buchstaben sind.« »Sicherlich, weil der Text so lang ist und man seinen ganzen Inhalt in dieses kleine Büchlein bekommen wollte«, erwiderte Felix. »Also, dann fange ich mal an«, murmelte Sophia:

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So soll nun berichtet werden über Silvana und ihre Erlebnis­ se im Kreise der Magistra Hildegard von Bingen. Sie selbst schrieb die Visionen auf und verfasste Schriften, die ihr diktiert wurden. Und auch eigene kleine Schriften, gleich einem Tage­ buch, verfasste sie. Leider war das Pergament teuer und zu­ sammen mit den Wachstafeln nur für die Magistra bestimmt. So musste Silvana sich mit Abfällen begnügen, die anfielen, wenn die wertvollen Schriften der Magistra Hildegard ins Rei­ ne geschrieben worden waren. Auch musste Silvana ihre ei­ genen Gedanken in aller Heimlichkeit aufschreiben. Denn für eine einfache Novizin, die erst in einiger Zeit ein vollwertiges Mitglied der Nonnengemeinschaft sein würde, ziemte es sich nicht, die eigenen Gedanken und Gefühle niederzuschreiben. Da viele ihrer Aufzeichnungen auf Resten und Fetzen geschrie­ ben standen, ging vieles davon verloren. Eine erste Schrift versuchte alles geordnet zusammenzufassen, ihre Gedanken und ihre Geschichten zu gliedern und wiederzugeben. Und jede neue Abschrift davon sollte fortan dazu dienen, ihr Erbe zu erhalten … Dies ist ihre Geschichte: Ach, wie bewunderte Silvana Richardis ihre Mitschwester. Sie durfte jeden Tag bei der Magistra sein und die Arbeit mit ihr teilen. Hildegard ritzte die Texte, die sie von Gott in ihren Visionen erhielt, in Wachstafeln. Richardis und Volmar, der Propst, halfen ihr bei der lateinischen Grammatik. Volmar war der Stellvertreter von Abt Kuno und hatte vielerlei Aufgaben im Kloster. Er stand Hildegard nah und hatte sie schon sehr früh ermutigt, ihre Visionen aufzuschreiben. Manchmal diktierte Hildegard den Text und dieser wurden dann von den beiden in die Wachstafeln geritzt. Später wurde er dann auf Pergament

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übertragen. Manchmal durch Mönche, aber immer öfter nun auch von Richardis und Volmar. So hatten sie jeden Tag viel zu tun.

»Stopp mal«, sagte Maya plötzlich. »Glaubt ihr wirklich, dass es eine Silvana gab?« Sophia überlegte, dann sagte sie nachdenklich: »Also du möchtest gerne wissen, ob der Text wirklich schon so alt ist und es tatsächlich um eine Nonne, besser gesagt Novizin, aus der Zeit der heiligen Hildegard von Bingen ging?« »Wenn das wirklich so ist, wäre das echt verrückt.« Felix gähnte. »Bis jetzt kam ja noch nichts Spannendes darin vor. Es klingt auch nicht sehr alt. Also ich meine, die Sprache klingt nicht altertümlich oder so.« Sophia nickte zustimmend. »Vielleicht wurde der Originaltext ja auch immer wieder verändert und gar nicht wirklich komplett übersetzt.« »Na ja, in bestimmter Hinsicht wäre das ja auch sinnvoll gewesen. Denn damals wie heute, kann kaum ein Mensch Latein lesen und verstehen. Hinzu kommt, dass wir sicher auch manch andere Ausdrücke gar nicht kennen würden.« »Was raschelst du denn da am Rucksack rum?«, fragte Felix genervt und schaute zu Maya hinüber. »Ich habe Hunger und hole mir die Kekse. Was dagegen?« »Nein, ganz im Gegenteil, ich habe auch Hunger.« Sophia grinste und erklärte: »Die Kekse in der blauen Dose sind übrigens von meiner Oma. Es sind die berühmten Nervenkekse nach einem Rezept von Hildegard von Bingen. Davon darf man aber nur drei bis vier Stück am Tag essen.«

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Maya hatte sich schon einen Keks in den Mund geschoben und sagte schmatzend: »Hm, die sind echt lecker. Sie schmecken nach Zimt und Muskat.« Felix holte sich auch einen Keks aus der Dose und fragte dabei: »Wieso darf man davon nur so wenige am Tag essen?« »Weil es Gewürzkekse sind, die man in Maßen essen soll, sagt meine Oma. Sie meint, Hildegard hat sie als Heilkekse gepriesen. Gut für die Verdauung und bei Konzentrationsschwächen.« Felix war irritiert und wollte wissen: »Wieso hast du die überhaupt mitgenommen?« Sophia räusperte sich und antwortete: »Na ja, ich dachte, wenn wir schon als Mutprobe hier oben auf dem Disibodenberg zelten, dann passen die Nervenkekse gut dazu.« Maya schmunzelte und meinte: »Ja, das passt wirklich gut.« »Hört ihr das?«, fragte Felix plötzlich. »Der Wind ist wieder stärker geworden«, nuschelte Maya, die immer noch an einem Keks kaute. »Wie gut, dass wir hier so kuschelig im Zelt sitzen können.« »Kommt, wir lesen weiter!« Sophia war ungeduldig und außerdem gab sie innerlich Felix recht. Bis jetzt war der Text wirklich nicht spannend gewesen. Hoffentlich kam da noch mehr, sonst würde sich der Fund als langweilig erweisen. Sophia legte sich auf den Bauch und kuschelte sich in ihren Schlafsack. Durch den auffrischenden Wind war es auch im Zelt kälter geworden. Sophia suchte die Stelle, an der sie vorhin aufgehört hatte, und las weiter:

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Wie konnte Silvana eine treue Dienerin Gottes sein, eine Braut Christi, wenn sie Neid und Hader in ihrem Herzen trug? Richar­ dis war der Stachel, der in ihrer Seele saß. Dabei liebte sie Richardis wie eine Schwester. Aber es schlugen zwei Herzen in ihrer Brust, denn Silvana liebte Hildegard noch mehr. Wie eine Mutter liebte sie ihre Magistra und würde gerne mehr Zeit mit ihr verbringen. Vor allem aber würde sie gerne etwas über ihre Visionen erfahren. Nach der Prim, dem Morgengebet, das vor der ersten Ar­ beitsstunde der Mönche und Nonnen gebetet wurde, und dem anschließenden Frühstück gingen Hildegard und Richardis in die Schreibstube. Dort wartete schon Volmar auf sie, wie Silva­ na wusste. Der Stachel schmerzte in ihr. Sie ließ es sich nicht anmerken, doch Magdalene, ihre Freundin, nahm sie leise bei­ seite und sprach: »Auch deine Zeit wird kommen. Wir haben alle unsere Aufgaben im Leben und auch du wirst die deine be­ kommen. Sei geduldig und warte ab. Bis dahin sei dem Herrn und unserer Magistra eine treue Dienerin.« Wie recht sie hatte. Ja, sie würde sich auf ihre Pflichten be­ sinnen. Der Herr würde sie sicher nicht vergessen. Es war im Juni des Jahres 1146, als Silvanas Zeit gekommen war. Richar­ dis wurde von einem heftigen Fieber erfasst und konnte ihrer Schreibarbeit nicht mehr nachkommen. Sie wurde von Hilde­ gard und einer ebenfalls heilkundigen Mitschwester, der al­ ten Clementina, aufs Beste versorgt. Richardis bekam Kräu­ terwickel auf die Brust gelegt und kalte Wickel um die Beine. Hildegard vernachlässigte sogar ihre Arbeit an ihrem ersten Visionsbuch, ›Liber Scivias Domini‹.

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Felix hob den Kopf und fragte: »1146? Dann hatte Hildegard von Bingen ja schon einige Jahre an dem Buch geschrieben, oder?« Maya musste nicht lange überlegen und antwortete: »Das stimmt, sie hatte doch Bernhard von Clairvaux von ihren Visionen geschrieben und bat darum, diese auch aufschreiben zu dürfen.« »Soweit ich weiß, hat Hildegard die Genehmigung zur Veröffentlichung aber erst viel später, von Papst Eugen III. bekommen«, überlegte Sophia laut. »Echt, Frau Winkler, unsere Religionslehrerin, wäre stolz auf uns«, war sich Felix sicher. »Wenn die wüsste, was wir noch alles vom Thema Hildegard von Bingen wissen! Es ist schon merkwürdig, einen Text aus der Zeit der Hildegard zu lesen. Auch wenn es bis jetzt noch nicht so spannend ist, finde ich es toll, in diese Zeit einzutauchen. Wenn ich mir vorstelle, wie gefährlich es für Hildegard gewesen sein muss, gerade Bernhard von Clairvaux einen Brief zu schreiben.« Die Freunde hatten im Unterricht erfahren, dass Bernhard von Clairvaux zu seiner Zeit einen großen Einfluss auf die Mächtigen der Zeit hatte. »Wenn er Hildegards Visionen als Lug und Trug angesehen hätte, dann wäre es wohl nichts mit dem Aufschreiben der Visionen geworden. Vielleicht wäre Hildegard sogar der Ketzerei bezichtigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.« Maya schauderte bei diesem Gedanken. Das Mittelalter hatte ganz klar auch seine Schattenseiten. »Lies weiter!«, forderte sie Sophia auf.

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