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Christina Herr
Erzähl ich von früher … Geschichten und Erinnerungen
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Bildnachweis: Alle Fotos sind mit freundlicher Genehmigung dem Privatarchiv von Dr. Wolfgang Vreemann entnommen. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2018 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: mm design, mario moths, Marl unter Verwendung folgender Bilder: zwei Bilder oben © Christina Herr, Bild unten © Elzbieta Sekowska, shutterstock.com Lektorat: Laura Hirschberg, Neukirchen-Vluyn DTP: Magdalene Krumbeck, Wuppertal Verwendete Schriften: Adobe Garamond Pro Gesamtherstellung: Finidr, s.r.o. Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-6487-5 www.neukirchener-verlage.de
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Inhalt
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Vorwort
Damals waren wir noch jung Kindheit und Jugend 15 Astrid Lindgren: Gedanken über die Kindheit 17 Ein Kinderstreich 19 Von Jagdhunden, Kassler und Klavierkonzerten 20 Wir waren zufrieden 22 Ein kleiner Tierfreund 23 Zweigleisige Erinnerungen 25 Erich Kästner: Mein erster Schultag 30 Eine gute Lehrerin 35 Als Mädchen in der Schule 37 Leidenschaft für Spielzeugautos 39 41 Ein Herzenswunsch Mein zehnter Geburtstag 43 Willi Fährmann: Lauter Lügen 45 Astrid Lindgren: Leseabenteuer 50 51 Noch ein neues Buch? Mein erster Blick galt immer den Büchern 53 Die Bedeutung von Büchern 55 Humor eines Pfarrers 57 Eine Kindheit und Jugend auf dem Dorf 58 5
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Das Heimweh trieb mich nach Hause Lehre statt Schule Spätes Verständnis
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Im Kreise unserer Lieben Das Leben in der Familie Gäste und Geburtstage Eine neue Wohnung Samstags war immer Badetag Heizen kann gefährlich sein Bei uns zu Haus »Alles ihm befehle« – Unser Glaube an Gott Meine Mutter war eine Sammlerin Liter für Literatur Eine schöne Familientradition Unsere Familienabende
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Trotz allem waren wir behütet Kriegsjahre 97 Richtige Angst kannte ich nicht 99 Von englischen Fliegern überrascht 102 Man war einfach dabei 104 Aus Anne Franks Tagebuch: 105 Mittwoch, 8. Juli 1942 Von Verdunklung und Wertmarken 110 Von Solberfleisch und einem unflätigen Lehrer 113 Wir blieben unversehrt 116 Im Bunker ohne den Bruder 120 6
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Aus Anne Franks Tagebuch: Dienstag, 7. März 1944 Brief eines Vaters an seine Tochter Kriegserinnerungen eines Kindes Die Amerikaner kommen! Panzer auf der Autobahn Munition und Chewing gum Das weiße Betttuch Aus Anne Franks Tagebuch: Samstag, 15. Juli 1944
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Langsam ging es wieder bergauf Die Nachkriegszeit 139 Überleben nach dem Krieg – Loki Schmidt im Gespräch mit Reinhold Beckmann 140 Ein besseres Leben? 145 Ein Lied auf gebrochenen Saiten 148 Ab 1948 ging es aufwärts 152 Tauschgeschäfte und kaputte Schuhe 154 Endlich zurück! 157 Büro oder Kochtopf? 159 Wunderschöne Buntstifte 161 Ein besonderer Urlaub auf Baltrum 163 164 Der Schatz der Hausfrau Ernst Haß: Willis Heimkehr 165
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Von Fortschritt, Veränderung und Vergangenheitsbewältigung Die Fünfziger und Sechziger 173 175 Aus Alt mach Neu – der »New Look« Meine Freundin aus Amerika 177 Lederhose, Elvis-Tolle und Miniröcke 180 Mein erstes Auto – eine Isetta! 183 Der erste große Erfolg – die WM 1954 187 Vom Osten in den Westen – ein großer Schritt 188 Der Tag, an dem die Mauer gebaut wurde 194 Darüber wurde nicht gesprochen 196 Corrie ten Boom: Liebet eure Feinde 198 Quellenverzeichnis
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Für meinen Vater Wolfgang Vreemann, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich mich liebend gern an meine Kindheit erinnere. Später einmal werde ich meinen Enkeln viel Schönes von früher erzählen können. Und dafür danke ich dir, Papa!
»Gott schenkt uns Erinnerungen, damit wir Rosen haben im Dezember.« S I R J A M E S M AT T H E W B A R R I E
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Vorwort Liebe Leserin, lieber Leser, »Erzähl doch mal von früher!« Mit dieser Aufforderung bat ich als Kind oft meine Oma oder meine Eltern, mir eine Geschichte aus ihrem Leben zu erzählen. Mit großen Augen und gespitzten Ohren lauschte ich dann ihren Erlebnissen, Erinnerungen und Erzählungen von damals. Schnell merkte ich, dass es jede Menge zu berichten gab, dass ihre Kindheit und Jugend reich an persönlichen Geschichten waren. Mittlerweile weiß ich: So verhält es sich mit der Lebensgeschichte eines jeden Menschen. Jeder Mensch, der ein reifes Alter erreicht hat, trägt einen wertvollen Schatz an eigenen Geschichten und Erinnerungen in sich. Geschichten und Erinnerungen, die erzählenswert sind, die es wert sind, weitergetragen und geteilt zu werden. In diesem Buch finden Sie solche Geschichten und Erinnerungen. Sie stammen zum einen aus der Feder einiger bekannter Persönlichkeiten wie Loki Schmidt, Astrid Lindgren, Erich Kästner und Anne Frank und zum anderen – größten Teil – aus dem Erfahrungsschatz von Frauen und Männern, die auf ein erlebnisreiches Leben zurückblicken können. Diese Menschen waren so freundlich, ihre Lebensgeschichten mit mir – und letztendlich mit Ihnen, 11
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liebe Leserin, lieber Leser – zu teilen. Sie erzählten mir von ihrer Kindheit und Jugendzeit, von Begebenheiten in der Schule und im Familienkreis, von Alltagspflichten und Freizeitbeschäftigungen, von Ängsten und Bewahrungen während des Krieges, von Neuanfängen und Veränderungen. Es sind Geschichten, die von Dankbarkeit und Zufriedenheit zeugen, aber auch von schmerzvollen Erfahrungen, die ebenso Teil vieler Lebensgeschichten sind. Eines jedoch ist allen Frauen und Männern, mit denen ich mich unterhielt, gemein: Sie erinnern sich gern an früher. Und es bereitete ihnen eine große Freude, noch einmal in ihre Vergangenheit einzutauchen und über ihre Erinnerungen zu sprechen. An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich für ihre Offenheit und Erzählfreude bedanken. »Je älter ich werde, desto mehr lebe ich in der Erinnerung«, »Gerade wenn man älter wird, wird die Zeit der Kindheit wieder lebendiger und füllt mehr und mehr die Gedanken« – diese Sätze fielen, als ich mit meinen Gesprächspartnern über ihr Leben sprach. Kennen Sie das auch, dass Sie immer häufiger an Kindheitserlebnisse zurückdenken? Dass Sie sich gern in Ihre Zeit als junger Mensch zurückversetzen und in Erinnerungen schwelgen? Der Schriftsteller Erich Kästner schreibt dazu: »Die Erinnerungen liegen nicht in Fächern, nicht in Möbeln und nicht im Kopf. Sie wohnen mitten in uns. Meistens 12
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schlummern sie, aber sie leben und atmen, und zuweilen schlagen sie die Augen auf. Sie wohnen, leben, atmen und schlummern überall. In den Handflächen, in den Fußsohlen, in der Nase, im Herzen und im Hosenboden. Was wir früher einmal erlebt haben, kehrt nach Jahren und Jahrzehnten plötzlich zurück und blickt uns an. Und wir fühlen: Es war ja gar nicht fort. Es hat nur geschlafen. Und wenn die eine Erinnerung aufwacht und sich den Schlaf aus den Augen reibt, kann es geschehen, dass dadurch auch andere Erinnerungen geweckt werden.« Dieses Buch möchte Sie anregen, Ihre Erinnerungen an die Kindheit und Jugend – an Ihre Vergangenheit und das vergangene Jahrhundert – aufzuwecken, um somit ein Stück Zeitgeschichte und Ihre persönliche Geschichte wieder lebendig werden zu lassen. Weiterhin sollen die Texte dieses Buches Sie ermutigen, ebenfalls von früher zu erzählen – ihren Enkeln oder Kindern, der jungen Nachbarin oder anderen Menschen aus Ihrem Bekanntenund Verwandtenkreis. Ich bin mir sicher, dass auch Sie eine Menge an Erinnerungen und Geschichten haben, die es sich zu erzählen lohnt, die es wert sind, erzählt zu werden! In diesem Sinne wünsche ich Ihnen nun viel Freude mit dem Buch »Erzähl ich von früher …«! Herzlich, Christina Herr 13
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Damals waren wir noch jung Kindheit und Jugend »Bist du erst groß, dann siehst du ein, wie schön es war, ein Kind zu sein. Die Jugend ist die schönste Zeit, nur sie hat wahres Glück. Stets sei dein Herz voll Fröhlichkeit, denkst du an sie zurück.« AUS DEM POESIEALBUM EINER ZEITZEUGIN
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Gedanken über die Kindheit
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n meiner Erinnerung ist meine Kindheit ein Zustand. Alles ist so nah gewesen, als man noch Kind war. Man erlebte die Umwelt so greifbar. Die Telefonmasten sangen – es klang so traurig –, ich erinnere mich an alle Gerüche ringsum. In unserem alten Kremser wohnte ein Sommerduft. Man fuhr darin und die Sonne brannte auf das Leder. Der Winterduft kam mit dem Schnee und wenn Mama den Backofen für die Weihnachtsbäckerei sauber fegte. Alle Kindheitsdüfte sind lustbetont. Das ist sonderbar, aber so ist es nun mal in meinem Kindheitsland. Astrid Lindgren in »Svenska Dagbladet«, 24. Dezember 1967
*** weierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist – Geborgenheit und Freiheit. Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im Übrigen aber frei und unbeschwert auf dem wunderbaren Spielplatz, den wir in dem Näs unserer Kindheit besaßen, herumtollen ließen. Gewiss wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so
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wie es dazumal Sitte war, aber in unseren Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Astrid Lindgren in »Das entschwundene Land«
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Ein Kinderstreich
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ine meiner ersten Erinnerungen habe ich an eine Begebenheit in meiner Kindheit, als ich im Alter von vier oder fünf Jahren meiner Mutter beim Wäscheaufhängen half. Damals wohnten wir in einer kleinen Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Stadtteil von Wuppertal. Die Wäsche wurde immer auf dem Dachboden zum Trocknen aufgehängt, den wir über eine enge Leitertreppe erreichten. Die hölzernen Wäscheklammern passten wunderbar in die Astlöcher der Bodenbretter und wenn man sie dort hineinsteckte, gab es ein klickerndes Geräusch. Dieses Geräusch gefiel mir so gut, dass ich eine Wäscheklammer nach der anderen aus dem Vorrat meiner Mutter nahm und sie mit einem Klick! in den Dielen versenkte. Irgendwann bemerkte meine Mutter, dass sich ihr Bestand an Wäscheklammern drastisch verringert hatte. Leider kam sie nicht mehr an die Klammern heran, weil diese nämlich unter den Fußbodenbrettern irgendwo in der Tiefe der Decke verschwunden waren. Ich bekam natürlich eine gehörige Strafpredigt, das weiß ich noch. Aber Spaß gemacht hat mir dieser kleine Wäscheklammer-Streich trotzdem. Herr V. aus Marienheide, aufgewachsen in Wuppertal, Jahrgang 1945 19
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Von Jagdhunden, Kassler und Klavierkonzerten
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ch komme aus einer Försterfamilie und bin mit drei Brüdern groß geworden, die als junge Männer ebenfalls den Beruf des Försters ergriffen. Schon meine Vorfahren waren Jäger und Förster gewesen. In unserer Familie waren wir zu sieben Kindern. Das war schön! Außerdem gehörten immer Hunde zur Familie, Jagdhunde. Das empfand ich als weniger schön. Denn die stanken fürchterlich, wenn sie aus dem Wald kamen! Als Kind sagte ich dann zu meiner Mutter: »Alles, nur keinen Hund, wenn ich erwachsen bin!« Jagdhunde sind zwar gescheite Tiere, trotzdem wollte ich später auf keinen Fall einen. Ich konnte sie einfach nicht riechen. Hin und wieder büxte einer unserer Hunde aus. Er lief dann richtig weit weg und mein Vater oder meine Brüder mussten ihn suchen. Eines Abends wunderte sich meine Mutter, wo denn mein Vater bliebe und warum er nicht zum Abendessen komme. Als er schließlich zur Haustür hereintrat, sagte er nur: »Der Hund. Der war wieder mal im Nachbarort.« Zum Glück hatte mein Vater ihn gefunden. Da ich als Kind sehr musikalisch war und ausgesprochen gut singen konnte, durfte ich Klavierunterricht nehmen. Zu Hause hatten wir einen halben 20
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Flügel stehen, auf dem ich üben konnte. Im örtlichen Parkhotel wurde jedes Jahr zu Weihnachten ein Vorspiel-Abend veranstaltet – ein kleines Konzert –, bei dem die Klavierschülerinnen und -schüler den Eltern vorführten, was sie gelernt hatten. Auch ich spielte dann ein Klavierstück und begleitete dies mit meinem Gesang. Ein paar Tage vor dem Konzert wurde extra eine Schneiderin bestellt und ich bekam ein neues Kleid, das aus alten Koltern – alten Decken – genäht wurde. Auf das Kleidchen wurden sogar ein paar Perlen gestickt und in meine langen Zöpfe wurden ebenfalls Perlen geflochten. Was haben wir Mädchen schön ausgesehen! Und was war ich stolz! Das war während des Krieges und heute kann ich sagen, dass es trotz der negativen Erfahrungen auch schöne Zeiten im Krieg gegeben hat. Mein Lieblingsessen früher war Sauerkraut mit Kassler, das esse ich bis heute gern. Außerdem kann ich mich noch an die leckeren Fackelwürstchen aus Speck erinnern. Dazu aß man oft Quellkartoffeln – das ist die hessische Bezeichnung für Pellkartoffeln. Die Kartoffeln schmeckten besonders gut, wenn sie im Herbst frisch geerntet wurden. Ich habe von eh und je in Lich, einer hessischen Kleinstadt, gewohnt. Hier bin ich geboren, zur Schule gegangen und hier verbringe ich nun mein Alter. Frau St. aus Lich, Jahrgang 1932 21
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Wir waren zufrieden
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n meine Zeit als Kind denke ich sehr gern zurück, ich hatte trotz des Krieges eine wirklich schöne Kindheit. Ich wuchs in der Rehau, in Oberfranken, auf. Mein Vater hatte ein kleines Häuschen gekauft, in dem wir wohnten, in einer kleinen Straße. Dort lebten auch etliche Familien mit Kindern. Wir Kinder spielten meist draußen miteinander, das war ideal. Wir spielten auf der Wiese, bauten zum Beispiel einen Verkaufsladen aus Naturmaterialien und verkauften dort Gräser. Während des Krieges gab es ja fast keine Spielsachen. Ich hatte einen Puppenwagen und eine Puppenküche, die an Weihnachten aufgebaut worden war. Einmal bekam ich ein Paar Ski von meiner älteren Kusine. Auch mein erstes Fahrrad stammte von ihr. Wir haben die anderen Spielsachen nicht entbehrt, hatten nicht das Gefühl, dass uns etwas fehlt. Wir waren zufrieden mit dem, was wir besaßen. Frau T. aus Lich, aufgewachsen in Oberfranken, Jahrgang 1934
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Ein kleiner Tierfreund
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a ich ein Nachzögling bin – meine Geschwister sind achtzehn und zwanzig Jahre älter als ich –, wuchs ich eher als Einzelkind auf und musste mich viel für mich allein beschäftigen. Als ich in die zweite Klasse kam, zogen wir an den Stadtrand von Wuppertal auf ein riesiges Grundstück. Plötzlich hatte ich eine große Freiheit. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang besonders an meine Erlebnisse mit den Tieren, die wir zu jener Zeit hielten. Wir hatten unter anderem eine Schar von Graugänsen und mit einer dieser Gänse freundete ich mich richtig an. Diese Gans war so zutraulich, dass sie mir aus der Hand fraß und ihren Hals um meinen Hals legte, wenn ich mit ihr spielte. Auf unserem Grundstück befand sich ein kleiner Teich, ein ehemaliger Entwässerungsgraben eines alten Bunkers. In diesem Tümpel spielten und schwammen die Gänse – und ich mittendrin. Als eines Tages eine Reihe von Gänsen geschlachtet werden sollte, verhinderte ich, dass meine »Freundin« ebenfalls unter das Schlachtmesser kam. Sie überlebte dann als einzige von dieser Schar. Schafe hatten wir auch und die mochte ich ebenso gern. Meistens waren es Einzeltiere, die ein Jahr lang gehalten wurden, um dann als Jungtiere 23
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geschlachtet zu werden. Wenn sie als Lämmer zu uns kamen, freundete ich mich mit ihnen an. Ein Schäfchen – es trug den Namen Lotti – lief auf dem Schulweg oft ein Stückchen hinter mir her und kehrte allein wieder zurück, wenn ich sagte: »Lotti, geh nach Hause!« Dann blieb Lotti stehen und machte sich, nachdem ich ihr mit dem Finger den Weg nach Hause gedeutet hatte, ganz brav auf den Heimweg. Lotti war ein sehr kluges kleines Schäfchen. Herr V. aus Marienheide, aufgewachsen in Wuppertal, Jahrgang 1945 24
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Zweigleisige Erinnerungen
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ch erinnere mich gern an früher, aber zu meiner Kindheit gehören auch die Erlebnisse während des Krieges. Meine Erinnerungen laufen zwei gleisig: Einerseits gibt es schöne Erinnerungen an meine Zeit als Kind, andererseits auch die weniger schönen an den Krieg. Ich bin im sächsischen Vogtland geboren, südlich von Plauen, in der Nähe der tschechischen Grenze. Diese Gegend nennt man auch Musikwinkel, sie ist bekannt für den Musikinstrumentenbau. Mein Heimatort ist Oelsnitz im Vogtland – eine Kleinstadt, die gleichzeitig Sitz der berühmten Teppichfabrik »Koch und te Kock« war. Für diese Firma hatte mein Großvater schon Teppiche entworfen. Ich war die Nachzüglerin in meiner Familie. Meine drei Schwestern waren neunzehn, achtzehn und fünfzehn Jahre älter als ich. Als ich geboren wurde, waren die Zeiten bereits schwierig, auch durch die Inflation. Meine Eltern führten eine Konditorei. Es war ein Café mit Billard und einem Musikschrank mit einer Walze. Das war damals ziemlich modern. Meine ältesten Schwestern spielten alle ein Instrument. Sie wurden oft von den Eltern beauftragt, im Café Musik zu machen und vierhändig Klavier zu spielen. 25
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Als ich sechs Jahre alt war, zogen wir von Oelsnitz weg, da wir das Café aufgeben mussten. Mein Vater begleitete uns nicht, er arbeitete in der Kriegsindustrie an einem weiter entfernten Ort. Das war in der Vorkriegszeit. Auch den ganzen Krieg über war mein Vater nicht bei uns. Meine älteren Schwestern waren ebenfalls ausgezogen. Meine Mutter und ich lebten zu der Zeit in ihrer alten ostthüringischen Heimat, ganz in der Nähe von Altenburg. Altenburg ist vielen ein Begriff wegen des Skatspiels, das dort erfunden und hergestellt wurde. Meine Schulzeit fiel in die Kriegszeit. Es war eine unruhige Zeit in der Schule, da viele Lehrer eingezogen worden waren. Wir wurden überwiegend von älteren Lehrern oder alten »Frolleins« unterrichtet. Außerdem wurden die Klassen oftmals geteilt. Eigentlich hatten wir einen Mädchen- und Jungentrakt, aber die Klassen wurden zusammengelegt oder getauscht. Das brachte den Unterrichtsbetrieb durcheinander und sorgte für Unruhe. Ich kann mich nicht erinnern, einen richtigen, schönen Klassenverband gehabt zu haben. Die alten Lehrer waren – wie man sagte – vom »alten Schlag«. Aber wir machten kleine Spielchen und schrieben Gedichte. Ich weiß noch, dass wir damals das Märchen »Schneewittchen und die sieben Zwerge« aufführten, im Rahmen der schulischen Weihnachtsfeier. Aber ich erinnere mich ebenso daran, als die Sire26
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nen losgingen und wir nach Hause geschickt wurden – zu Fuß. Die Wege waren ziemlich lang und die amerikanischen Flieger fegten bereits über unsere Köpfe hinweg. Es war eine Angstzeit! Wenn ich zu Hause eintraf, trieb mich die Mutter an: »Komm in den Keller!« Wir saßen dann oft stundenlang in diesem unheimlich kalten, dunklen Keller, wo Kartoffeln und Kohlen gelagert waren. Ohne elektrisches Licht. Irgendwann kam die sogenannte Entwarnung von der Sirene und wir durften zurück ins Haus gehen. Diese Ängste in den Kellern, die vergisst man nicht. Trotz des Krieges hatte ich eine abwechslungsreiche Kindheit. Ich bin praktisch auf der Straße groß geworden, denn zum Spielen gingen wir Kinder immer raus. Wie oft haben wir mit Seilen oder Bällen gespielt und Völkerball auf der Straße mit allen Kindern! Häufig saßen wir auch auf der Mauer und spielten Schule. »Stadt, Land, Fluss« war gleichermaßen beliebt. Im Familienkreis sangen wir viel. Unendlich viel. Die Familie meiner Tante wohnte mit uns in einem Mehrfamilienhaus, auf derselben Etage. Wir trafen uns fast täglich. Da hieß es oft am Nachmittag: »Heizt du heute Abend?«, und dann versammelten wir uns in der jeweiligen Wohnung und verbrachten die Nachmittags- und Abendstunden zusammen. Wir machten beispielsweise Gesellschaftsspiele – Dame und Mühle und Quartett, an 27
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Mikado kann ich mich erinnern. Abendelang. Das war wirklich eine sehr schöne Zeit. Und wenn gar nichts mehr ging, hieß es: »Willst du Klavier spielen? Wir singen!« Im Übrigen habe ich recht früh, von 1940 an, im Kinderchor der Kirche gesungen. Mein Klavierlehrer war der Organist und Kantor dieser Gemeinde. Als ich bei ihm Klavierunterricht nahm und dazu singen musste, sagte er: »Du hast eine gute Stimme, du kannst zu uns in die Kurrende kommen!« Eine Kurrende gibt es heute noch, das ist ein protestantischer »Laufchor«. Luther war zum Beispiel ein Kurrendesänger. Zur Lutherzeit zogen sie als Sängerknaben durch die Straßen, trugen dort ihre Lieder vor und hatten außerdem Dienst in der Kirche. Es gab ja keine schriftlichen Gesangsbücher, also fungierten die Kurrendesänger praktisch als Vorsänger. Sie waren stets mit schwarzen Umhängen und Käppchen bekleidet. Zu Luthers Zeiten durften sich ausschließlich Jungen dem Chor anschließen, später, zu meiner Zeit, waren die Chöre dann gemischt. In solch einem Chor habe ich also ab 1940 – als Achtjährige – mitgesungen. Als der Kantor starb, kam ein bekannter Kirchenmusiker in unsere Stadt. Er übernahm alle musikalischen Dienste in der Kirche, unter anderem auch meinen Klavierunterricht. Später, 1950, wurde er zum Kirchenmusikdirektor ernannt. Im Thü28
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ringischen war er ein angesehener Kirchenmusiker und ich konnte viel bei und von ihm lernen. Im Alter von sechzehn Jahren gab ich die Schule aus verschiedenen Gründen auf. Das war im Jahr 1948. Da sagte der Kantor zu mir: »Weißt du was? Du gehörst in die Musik!« Er nahm mich daraufhin als Haustochter auf. Ich half vormittags im Haushalt und mit den Kindern, nachmittags unterstützte ich den Kantor als Assistentin. Ich nahm selbst Unterricht, hörte zu bei seinen anderen Schülern, wenn diese Geige oder Klavier übten, und musste oftmals Noten aufschreiben. All dies lernte ich dort und ich bekam außerdem Orgelunterricht an der großen Kirchenorgel. Das ist später auch mein Beruf geworden: Ich wurde Organistin. Frau Sch. aus Lich, aufgewachsen in Thüringen, Jahrgang 1932
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