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Tina Willms

Erdennah Himmelweit lesepro

Ein Jahresbegleiter zu den WochensprĂźchen Andachten, Gedichte und Gebete

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Vorwort

Leseprobe © 2014 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn Alle Rechte vorbehalten Umschlaggestaltung: Britta Rungwerth, Düsseldorf, unter Verwendung eines Bildes von © iStockphoto.com/judywatt und © iStockphoto.com/kassandra Lektorat: Marlene Fritsch, March DTP: Breklumer Print-service, Breklum Verwendete Schriften: Sabon, Sansation Gesamtherstellung: FINIDR Printing House, Cesky Tesin Printed in Czech Republic ISBN 978-3-7615-6104-1 Print ISBN 978-3-7615-6105-8 E-Book

Erdennah – himmelweit: Anders kann ich Gott nicht denken. Erdverbunden, ein Mensch wie wir, nah, an unserer Seite. Und doch größer als alles, was wir über ihn sagen und denken können. Himmelweit in seiner Liebe. Erdennah – himmelweit: So möchte ich glauben. Bodenständig, hinschauend, fragend, begleitend, zweifelnd. Und doch offen und weit, hoffend, staunend und träumend. Aufmerksam will ich bleiben, will das Leben erkunden und Hinweise entdecken, wie Himmel und Erde, Gott und Mensch miteinander verbunden sind. Beharrlich möchte ich sein und mich hineinziehen lassen in einen Glauben, der die Erde verändert. Und ich wünsche mir Worte, die lebendig sind, die neue Wege und Weisen finden, um von und mit Gott zu sprechen. Aus dieser Sehnsucht heraus ist dieses Buch entstanden, das Sie in den Händen halten. Wie schön wäre es, wenn es Sie begleiten dürfte, Woche für Woche und zu den besonderen Anlässen des Kirchenjahres! Erdennah – himmelweit: Vielleicht liegt das Buch aufgeschlagen an einem Platz in Ihrer Wohnung. Im Vorbeigehen schauen Sie ab und zu hinein, und es ergeben sich Beziehungen zwischen den Texten und Ihrem Alltag. Vielleicht blättern Sie manchmal darin wie in einem Lesebuch und Sie entdecken eine Verbindung zu Ihrem Leben. Oder Sie werden mithilfe des Registers fündig, wenn Sie etwas zu einem bestimmten Thema oder einer Bibelstelle lesen möchten. Die Formen in diesem Buch sind vielfältig, sie möchten anregen: sich selbst auf Spurensuche zu begeben, eine eigene Sprache zu finden, zu erzählen oder zu fragen, zu dichten oder zu beten. Das wünsche ich mir: dass wir, Sie und ich, mit unseren Worten und unserem Leben von und zu dem sprechen, der ganz nah ist und der uns zugleich den Himmel öffnet.

www.neukirchener-verlage.de 7


Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sacharja 9,9)

1. Advent Als habe einer gewartet Sie drückt die Klinke hinunter und öffnet die schwere Tür. Lange schon ist sie nicht mehr hier gewesen. Jetzt betritt sie leise den Kirchenraum. Langsam geht sie nach vorn, Schritt für Schritt, schaut auf das runde Fenster über dem Altar, das im Sonnenschein bunte Lichtflecken in den Raum wirft. Es kommt ihr vor, als sei die Kirche kleiner geworden. Sie setzt sich in die zweite Bank. Da hat sie als Konfirmandin immer gesessen. Eigentlich ist sie damals ganz gern hergekommen. Sie mochte besonders die Lieder. Und den Segen zum Schluss. Aber das durfte man natürlich nicht sagen. Sie schaut auf den Adventskranz, der neben dem Altar hängt. Drei neue Kerzen, eine angebrannte. Es geht im Eiltempo auf Weihnachten zu. Sie ist schon lange nicht mehr in einer Kirche gewesen. Keine Zeit. Im Advent schon gar nicht. Da ist ja so viel zu tun. Nein, eigentlich ist es nicht nur die Zeit, die fehlt. Ehrlich gesagt war sie auf den lieben Gott in den letzten Jahren nicht gut zu sprechen. Die Trennung von ihrem Mann, das war hart. Und dann noch der Tod ihrer Mutter, der so plötzlich kam. Tränen steigen ihr in die Augen. Sie vermisst sie noch immer. Manchmal hat sie sich gefragt, wo da Gott wohl geblieben ist. Ob er sie vergessen hat? Ihr Blick fällt auf das Bild über dem Altar: Maria, Josef und das Kind. Ein Säugling, gerade erst geboren. Doch von seiner Krippe geht ein Lichtschein aus. Sie spürt ihre alte Sehnsucht wieder, nach einem, der Licht in dunkle Zeiten bringt. „Ich habe Gott aus den Augen verloren“, denkt sie. Sie nimmt das Gesangbuch, das hat wohl einer in der Bank liegen gelassen. Lied Nummer eins steht an der Anschlagtafel. Neugierig schlägt sie es auf. Das erste Lied im Gesangbuch ist ein Adventslied: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Sie denkt daran, wie sie vorhin die schwere Kirchentür geöffnet hat. Zum ersten Mal seit langem. Sie ist froh, dass sie gekommen ist. Es ist, als habe hier einer auf sie gewartet.

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Guter Gott, wie schwer ist das: den Riegel zurückzuschieben, den Schlüssel zu drehen, die Tür zu öffnen. Wie viel Mut kostet es, den Zaun abzubauen, die Mauern zu öffnen, die Grenzen zu weiten. Mach uns empfänglich für deine Weise, zu uns zu kommen. Damit wir dich willkommen heißen mit offenem Herzen und sanftem Mut.

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Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. (Johannes 1,14)

Christfest und 1. Sonntag nach dem Christfest Die Macht des Wortes Worte treffen ins Mark, gehen unter die Haut. Worte prägen und formen Menschen. Sie wirken in den Körper hinein, nehmen Gestalt an, werden Fleisch. „Das schaffst du doch sowieso nicht“, hört einer wieder und wieder. Und er lässt den Kopf hängen, seine Gesten werden zurückhaltend und verzagt. „Du hast es gut gemacht“, hört eine andere, und sie schaut einem strahlend ins Gesicht. Aufrecht und beschwingt geht sie ihren Weg. Gottes Wort ist Fleisch geworden. Man kann es sehen und berühren in einem Menschen, in Jesus, der über die Erde gegangen ist. Seine Herrlichkeit war seine Niedrigkeit. Und seine Kraft war die Liebe. Geschichten erzählen davon und zeigen es mir: Da sehe ich den kleinen Zachäus (Lukas 19,1–9). Klein nicht nur wegen seiner Körpergröße, nein, auch wegen der Verachtung, die ihn trifft, und den Worten, die ihm nachgeworfen werden. Klein, weil er genau weiß, er tut anderen Unrecht. Dann kommt Jesus und sieht ihn an. Zachäus schaut sich durch seine Augen selbst ins Gesicht. Jesus heißt nicht gut, was er getan hat. Aber er verachtet ihn nicht. Er zeigt ihm, wie er als aufrechter Mensch leben kann. Auch in anderen bewirkt Jesus Veränderungen in Seele und Körper. Blinden öffnet er die Augen durch seine Worte. Einem, der starr und unbeweglich ist, gibt er Muskelkraft und Geschmeidigkeit zurück, ja, er weckt sogar ein totes Mädchen auf, indem er zu ihr sagt: „Steh auf.“ Gottes Wort ist Fleisch geworden. Da ist nichts, was weit weg ist, vertagt auf später. Es ist schon da: Mit Jesus ist es in die Welt gekommen. Es ist unter uns Menschen und verändert etwas in Körper und Seele. Es öffnet mir die Augen und macht mich beweglich, es ruft mich ins Leben und schenkt mir einen aufrechten Gang. Ich will es weitergeben mit meinen Händen, weitersagen mit meinem Mund. Die Welt wird sich verändern durch dieses Wort, wenn es durch uns, unsere Menschenmünder, Menschenherzen, Menschenhände geht.

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Heilige Nacht Ein Wort nimmt Gestalt an in diesem Kind. Geht über die Erde, teilt sich aus: sättigt und heilt, befreit und belebt. Wandert durch die Zeiten vom Damals ins Heute, sucht eine Wohnung in dir und mir.

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Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. (Psalm 103,8)

Altjahrsabend Silvester Silvester, der letzte Tag des Jahres. Mithilfe der Zeitungen und Fernsehsendungen konnten wir es noch einmal an uns vorbeiziehen lassen. Mir tut es gut, am Ende eines Jahres auch für mich selber Bilanz zu ziehen. Dabei hilft mir mein altmodischer Kalender aus Papier. Ich lege ihn neben den neuen. Sie kommen mir vor wie die Jahre selbst: abgegriffen und verbraucht der eine, weiß und nagelneu der andere. Seite für Seite blättere ich um und übertrage Geburtstage und Jahrestage. Mein persönliches Jahr zieht dabei noch einmal an mir vorbei. Die Höhepunkte: ein schöner Urlaub, ein fröhliches Fest, lange Abende auf der Terrasse mit guten Freunden. Aber auch die schweren Tage, das, was mühsam oder traurig war: ein Mensch, von dem ich Abschied nehmen musste, ein Plan, der gescheitert ist. Ich überlege: Was war wichtig für mich? Was habe ich gelernt? Was möchte ich mitnehmen in das nächste Jahr? Und auch das fällt mir ein, was ich zurücklassen möchte. Manches davon kann ich aus der Hand geben. Anderes wird mir erhalten bleiben, weil es untrennbar zu mir gehört. Und dann gibt es noch das eine oder andere, von dem muss ich mich verabschieden, auch wenn ich es gar nicht will. Wie mag es Ihnen gehen, wenn Sie zurückblicken auf Ihr Jahr? Was überwiegt: das Schöne oder das Schwere? Lassen Sie dieses Jahr gern zurück? Oder würden Sie es lieber festhalten und ein wenig verlängern? Ja, mir tut es gut, am Ende des Jahres Rückblick zu halten und Bilanz zu ziehen. Im Jahresschlussgottesdienst gebe ich dann in Gedanken das Jahr zurück an den, der meine Zeit in den Händen hält. In seine barmherzigen Hände lege ich das, was vergangen ist, und bitte ihn, etwas Gutes daraus zu machen.

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Ewiger Gott, ich stehe hier zwischen Gestern und Morgen, zwischen Abschied und Neubeginn, zwischen Zweifel und Zuversicht. Ich stehe an der Schwelle zum neuen Jahr und möchte mich einen Moment an dich lehnen, an dich und dein verlässliches Wort. Dann gehe ich weiter in neue Tage, im Rücken eine wärmende Hand und im Ohr ein Versprechen: Ich bin da.

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Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. (Psalm 66,5)

4. Sonntag nach Epiphanias Im Nachhinein Noch ist der Sturm nicht still. Noch wirbelt der Wind das Wasser auf, dass es schäumt. Noch werfen die Wellen das Boot hin und her. Schon läuft es voll, immer wieder schwappt das Wasser über die Seiten. Die durchgeschüttelten Jünger geraten in Panik. Und Jesus? Er schläft. Noch ist die Krise nicht ausgestanden. Noch stehen die letzten Untersuchungsergebnisse aus. Die Ungewissheit beutelt mich, rüttelt mich durch. Es ist, als bestünde ich nur noch aus Angst und würde mich darin verlieren. Und Gott? Ist ganz weit weg. Das Staunen über die wunderbaren Werke Gottes, es entsteht meist erst im Nachhinein. Wenn der Wind sich gelegt hat und das Meer glänzend und still in der Sonne liegt. Wenn die Krise durchschritten ist und hinter mir liegt. Dann wird das Leben noch einmal auf Anfang gestellt. Dann gehe ich in den Tag, als sei es das erste Mal. Die Welt öffnet sich neu. Nichts ist mehr selbstverständlich. Staunend laufe ich durch die geschenkte Zeit und drehe verwundert das Leben in meinen Händen. Und manchmal, längst nicht immer, aber doch hin und wieder, wenn ein neuer Sturm kommt, dann erinnere ich mich. Er ist ja da, mit mir im Boot. Das garantiert mir nicht, dass es gut ausgeht. Aber es gibt mir die Sicherheit, nicht allein zu sein. Dann lehne ich mich an ihn, an seine Gegenwart. Stelle meine Fragen, schreie ihm meine Angst entgegen, weine meine Tränen in seine Hand. Und spüre: Er bleibt.

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Mitten im Sturm Mitten im Sturm trau ich den Worten nicht mehr, schüttelt in Wellen die Angst mich durch und ich gehe in Zweifeln fast unter. Mitten im Sturm halt ich mich fest am Hoffnungslicht, such in der Ferne ein Ufer und sehne mich nach einer Stimme, die spricht: Ich bin bei dir, mitten im Sturm.

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Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. (Daniel 9,18)

Septuagesimae Barmherzige Gerechtigkeit Das Leben ist ungerecht. Das nehme ich vor allem dann wahr, wenn ich mich mit anderen vergleiche. Und meistens empfinde ich es besonders stark, wenn sich die Ungerechtigkeit gegen mich selbst wendet. Ich strenge mich an und trotzdem misslingt das, was ich mir erträumt hatte. Dem Nachbarn jedoch, der viel weniger dafür tut als ich, fällt es in den Schoß. Vergleichen ist ein guter Weg, um sich selbst unglücklich zu machen. Ich werde neidisch und nörgelig, ich missgönne den anderen Menschen ihr Glück. Manchmal sehe ich dabei mein eigenes nicht mehr. Denn es ist ja nicht so, dass ich immer zu schlecht wegkomme. Oft komme ich viel zu gut weg. Ich stelle mir vor, dass einer der Arbeiter im Weinberg (aus dem Evangelium für den Sonntag, Matthäus 20,1–16a) sich das vor Augen führt: „Ich habe nicht nur den Lohn bekommen, der mir zusteht“, denkt er und dreht das Silberstück zwischen den Fingern. „Ich bin noch dazu kräftig und gesund. Ich musste mich nicht den ganzen Tag darum sorgen, ob ich meiner Familie heute etwas zu essen kaufen kann.“ Sein Blick wandert über den Weinberg, der jetzt im Abendlicht liegt. „Und auch morgen werde ich Arbeit finden“, denkt er. „Die anderen aber, die müssen mit dem Geld von heute vielleicht die ganze Woche auskommen, weil morgen keiner da ist, der sie einstellen wird.“ Wenn es mir gelingt, auf das zu schauen, was mir geschenkt wird, wenn ich manchmal vielleicht sogar sagen kann: „Es ist genug“ oder gar: „Es ist zu viel“, dann spüre ich, dass ich dankbar werde. Ich rebelliere nicht mehr gegen mein eigenes Leben, gegen meine Biografie. Ich werde frei und kann den Blick von mir selbst abwenden. Stattdessen wende ich mich dem anderen zu und versuche, ihn mit Gottes Augen zu sehen. Dann frage ich nicht mehr zuerst danach, was er verdient hat, sondern danach, was notwendig für ihn ist. In mir wächst eine Form der Gerechtigkeit, die einhergeht mit Barmherzigkeit und Solidarität. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Weg ist, auf dem nicht nur ich zu einem glücklichen Menschen werde.

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Schenk Frieden Darum wohl haben wir zwei Hände: damit wir auch mit uns selbst Frieden schließen können. Damit die Linke bejahen kann, was die Rechte tut, und die Stimmen in uns zusammenklingen. Und wenn eine Hand die andere nimmt, wenn sie sich verbinden und wir einig sind mit uns selbst, dann liegt darin ein Dankgebet.

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Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele. (Matthäus 20,28)

Judika Der ganz andere Gott Gottes Sohn: kein Held, sondern ein Diener der Menschen. Mit ihm lässt sich nicht prahlen, keine Angst machen und schon gar nicht Macht ausüben. Die Bilder, die wir von diesem menschgewordenen Gotteskind in der Passionszeit sehen, sind nicht schön: Er wird angefeindet, bespuckt, geprügelt, verhöhnt. Er wird verraten, gefangen genommen und schließlich ans Kreuz geschlagen. Und er selbst? Er gibt nicht den gepanzerten Helden, den das alles nicht berühren kann. Im Gegenteil: Er weint, er ist verzagt und zittert vor Angst. Er hadert mit Gott und schreit seinen Schmerz an den Himmel. Der Gottessohn ist zugleich ganz Menschensohn. Nichts lässt er aus von dem, was unser Menschsein ausmacht. Er gibt sich hin, aus Liebe. So zeigt er uns, wo Gott seinen Platz gewählt hat, um sein Zelt aufzuschlagen: nicht im Himmel weit weg, in sicherem Abstand zu uns, sondern auf der Erde, neben uns Menschen. Hier lebt er mit uns, weint unsere Tränen und teilt unseren Schmerz. Nein, Angst macht so ein Gottessohn nicht. Stattdessen lässt er uns solidarisch werden mit denen, die leiden. Macht ausüben und andere bedrohen kann man mit ihm nicht. Aber man kann sich wie er der Liebe hingeben und in ihr leben. Wer ihm folgt, gerät in eine zärtliche Haltung zur Welt, er wird seine Haut durchlässig halten, wird berührbar, ja verwundbar bleiben, auch wenn es schmerzt. Und zugleich wird er wissen: Gott lässt uns Menschen nicht allein. Er hat als Menschensohn alles durchgemacht, was das menschliche Leben ausmacht, ohne darin ganz aufzugehen und darin unterzugehen. Dieser Menschensohn teilt auch seine Lebenskraft mit uns, er zeichnet uns in Gottes bleibende Hände und schreibt unsere Namen in ein Gedächtnis, das länger währt als unsere Zeit.

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Gott, für alle, die schreien wie Jesus, für alle Verlassenen bitten wir, für Menschen, die gequält oder gefoltert werden, für solche, die misshandelt oder geschlagen werden, für jene, die missbraucht oder geschunden werden. Hilflos halten wir sie dir hin, all diese Menschen, für die wir nichts anderes tun können als zu beten. Wir klammern uns an die Hoffnung, dass du ihre Schreie aufnimmst und ihre Tränen sammelst, dass du keinen von ihnen verloren gibst und selbst durch den Abgrund für sie einen Weg ins Leben findest.

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Christus spricht: Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung des Johannes 1,18)

Osterfest Maria Maria kam morgens zum Grab, in ihrer Hand ein kleiner Blumenstrauß: drei Osterglocken aus seinem Garten, die ersten in diesem Frühling. Fast ein Jahr war sie nun ohne ihn. Am Anfang hatte sie nicht gewusst, wie sie leben sollte. Es war, als riefe das Grab ihren Namen: „Maria, komm, komm auch zu mir.“ Der Schmerz machte sich über sie her, riss Löcher in ihren Alltag, brannte und höhlte sie aus. Überall lauerte er wie ein unersättliches Tier: wenn sie den Tisch decken wollte und ihr einfiel, er kommt nicht mehr. Wenn ihre Worte kein Gegenüber fanden, nur die Wände sie anstarrten, kalt und leer. Auf dem Friedhof aber lockte das Grab. „Maria“, rief es. „Komm doch, ich hole dich zu ihm. Ihr werdet eins sein. Und dein Schmerz wird nicht mehr sein. Komm!“ Es folgte ein endloser Sommer, wochenlang lag ein Azorenhoch über Europa. Sie aber fror. Die Kälte in ihr: ein Klotz, der nicht taute. Sonnenstrahlen erreichten sie nicht. Es war, als scheine das Licht nur für die anderen. Sie aber schlang die Trauer um sich wie einen Mantel. Immer noch war sie täglich an seinem Grab. So viel konnte man gar nicht gießen. Die Blumen dorrten wie das, was darunter lag, sein vergangenes Leben. Ihr eigenes kam ihr so armselig vor. Ihn nicht halten zu können, als er krank war. Zusehen zu müssen, wie er dahinschwand. Seinen Schmerz ertragen, seine Angst aushalten. Sie hatte verhandelt mit dem Unsichtbaren, hatte Versprechen gegeben, hatte gehofft und war verzweifelt daran. Am Ende war sie erschöpft bis auf den Grund. Dann ging der Herbst über das Land. Jedes fallende Blatt erzählte von Einsamkeit. Manchmal schob sie das welke Laub vor sich her, manchmal trat sie es, wütend, wirbelte es in die Luft. „Wie konntest du gehen?“, schrie sie ihn an. „Ich kann es nicht, ich schaffe es nicht ohne dich.“ Dann erkannte sie sich selbst kaum noch, wusste nicht, wer sie war ohne ihn. In der Stadt meinte sie, ihn zu sehen, seinen Rücken, den wiegenden Gang. Doch wenn er sich umdrehte, blickte sie in ein fremdes Gesicht. Als verhöhne sie einer und triebe ein böses Spiel mit ihr. Der Winter war fast eine Wohltat gewesen. Klar und kalt hatte er ihr entgegengehalten: Er ist nicht mehr, er ist tot. Nun taute endlich der Klotz in ihr, 60

sie weinte oft, aber manchmal lachte sie auch. Sie blickte den Tatsachen ins Gesicht. An manchen Tagen schwieg das Grab unter dem Schnee. Stille, kein Rufen nach ihr. „Wo bist du?“, fragte sie ihn. „Warum bist du gegangen? Ich bin so allein!“ Dann wieder spürte sie seine Worte in sich. Es war, als lege er seine Arme um sie. Sie nahm sich vor, Christrosen zu pflanzen. Im Februar streckten sich endlich die Schneeglöckchen dem Licht entgegen. Wochen später die Osterglocken, die er gepflanzt hatte. Zwiebel für Zwiebel hatte er sorgsam in die Erde gelegt. Nun reckten sich die Stängel ins Licht und begannen zu blühen. Drei der frischen Blüten hatte sie abgepflückt heute Morgen. Die wollte sie ihm bringen, ihn beschenken damit. Sie gewann langsam zurück, was er für sie war: sein Lachen. Seine stärkenden Worte. Seine Stimme klang wieder in ihr. Auf dem Friedhof schräg über dem Grab die Morgensonne, sie hüllte den Morgen ins Licht wie ein glänzendes Kleid. „Was suchst du den Lebendigen bei den Toten?“, sagte eine Stimme, „er ist nicht hier.“ Maria blinzelte. Niemand zu sehen. Doch die Stimme blieb, hallte nach: „Er ist nicht hier.“ Maria blickte auf das Grab, das ihr jetzt fremd vorkam, sie stellte die Osterglocken in eine Vase vor den Stein. Dann stand sie auf und drehte sich um, um zu gehen.

Ostern Im Dunkel wartet ein Engel auf dich. Und Trauernde trifft ein tröstendes Wort. Einer sagt: Die Toten sind ausgeflogen, ihre Höhlen bleiben für immer leer. Über den Gräbern schimmert schon Hoffnung: Gott hebt uns auf, wenn der Tod uns fällt. Er ruft unsere Namen in neues Leben und empfängt uns in einem Haus aus Licht. 61


Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! (2. Korinther 6,2)

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres Gehalten Ein schlafendes Kind. Ganz still, ganz entspannt ist sein Gesicht. Der Arm hängt locker vom Körper hinab. Es schläft auf dem Arm der Mutter und hat den Kopf an ihre Schulter gelehnt. Die Mutter hält ein Taschentuch in der Hand. Immer wieder wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Und ab und zu streicht sie ihrem Kind sanft über den Rücken. Ich sehe die beiden von meiner Kanzel aus. Sie sitzen vorn in der Friedhofs­ kapelle unter den Angehörigen des Verstorbenen, den wir beerdigen müssen. Ich sehe sie, während ich von der Kanzel die alten biblischen Worte lese. Tau­ sendmal wohl schon habe ich sie gelesen. Und heute noch einmal neu: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“, steht da. „Da ist die Hütte Gottes bei den Menschen gebaut. Und Gott wird ihr Gott sein. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein. Noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“ (Offenbarung 21,3.4). Ich lese und sehe die Mutter, die sich die Tränen abwischt. Und auf ihrem Arm das vollkommen ruhige Kind. Es versteht noch nicht, dass der Opa nun nicht mehr bei ihnen ist. Vielleicht spürt es, wie traurig die anderen sind. Und trotz­ dem ist es geborgen, kann sich fallen lassen in den Schlaf. Die beiden rühren mich an, sie wecken eine Sehnsucht in mir. Ja, das wäre schön: Gehalten zu werden, gerade, wenn man traurig ist. Sich bergen an einer Schulter, eine zärt­ liche Hand im Rücken spüren. Und dann die biblischen Worte dazu. Sie lassen das möglich erscheinen. Sie lassen mich ahnen, dass da ein Größerer hinter uns ist. Er reicht weiter als un­ ser Leben, unsere Gedanken, der Schmerz, die Zeit. Kein über alles erhabener Gott ist das, von dem da erzählt wird, sondern einer, der sich berühren lässt. Vielleicht ist er so zärtlich wie diese Mutter, die ihrem Kind über den Rücken streicht. Und sein neuer Himmel beginnt hier, in dieser Kapelle, mitten unter uns.

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Sternenzelt Als habe einer Löcher gerissen ins dunkle Todestuch der Zeit: Durch die fällt leise nun und leuchtend ein Hoffnungsschimmer Ewigkeit.

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Die Leseprobe ist entnommen aus:

Tina Willms Erdennah — Himmelweit

Ein Jahresbegleiter zu den Wochensprüchen Andachten, Gedichte und Gebete gebunden, 13 × 20,5 cm, ca. 144 Seiten, Lesebändchen, Fadenheftung ca. € 12,99 (D) / € 13,40 (A) / sFr 19,50 ISBN 978-3-7615-6104-1 Best.-Nr. 156 104 Erscheint voraussichtlich im Februar 2014


In kraftvollen Bildern und poetischer Sprache bringt Tina Willms in diesem Buch Gottes Gegenwart im Alltag ins Wort. Ihre kurzen Andachten zu allen Wochensprüchen des Kirchenjahres und den wichtigsten Feiertagen machen deutlich: Es sind sowohl die alltäglichen Begebenheiten als auch die besonderen Begegnungen und Augenblicke, in denen Ewiges aufscheint. Die Texte regen dazu an, sich selbst auf Spurensuche zu begeben und eine neue Sprache zu finden, zu erzählen oder zu fragen, zu dichten oder zu beten. So wird es möglich, in eigenen Worten von und zu dem sprechen, der ganz nah ist und der uns zugleich den Himmel öff net. Ein inspirierender Jahresbegleiter mit Texten, Gebeten und Impulsen, die dazu einladen, neu über den Glauben nachzudenken und ihn ins Leben zu holen.

Die Autorin: Tina Willms, geboren 1963, wuchs in Ostfriesland auf. Nach ihrem Theologiestudium arbeitete sie zunächst als Krankenhausseelsorgerin und Pastorin in einer Kirchengemeinde, heute ist sie freie Autorin. 2003 erhielt sie den ökumenischen Predigtpreis für die beste Morgenandacht im Radio.

ISBN 978-3-7615-6104-1

9 783761 561041


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