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"...auf alles Fleisch" Geschichte und Auftrag der Pfingstbewegung

Eigentümerhinweis

Impressum ISBN 3-85645-046-7 Best.-Nr. 148518 © Copyright 2013 by Jakob Zopfi Umschlaggestaltung: Xaver Bisig Gesamtherstellung eBook: Asaph AG, Schweiz


Vorwort

I. Die Entstehung der Pfingstbewegung 1. DIE PFINGSTBEWEGUNG - EINE WELTWEITE FREIKIRCHE 2. ZUM SELBSTVERSTÄNDNIS DER PFINGSTBEWEGUNG: VON DER DEFORMATION ZUR REFORMATION 2.1. Eine verheerende Deformation der Urgemeinde ... 2.2. ...und eine sehr langsame Reformation

3. IM VORFELD DER PFINGSTBEWEGUNG 3.1. „Pfingstliche" Kundgebungen durch alle Jahrhunderte

4. AUF- UND DURCHBRUCH DER PFINGSTBEWEGUNG 4.1. Geburtsland USA

5. DIE PFINGSTBEWEGUNG KOMMT NACH EUROPA 5.1. Christiania 5.2. Deutschland

II. Die Pfingstbewegung in aller Welt 1. DEUTSCHLAND 2. SCHWEIZ 3. ÖSTERREICH 4. FRANKREICH 5. BELGIEN 6. ITALIEN 7. HOLLAND 8. GROSSBRITANNIEN


9. NORWEGEN 10. SCHWEDEN 11. DÄNEMARK 12. FINNLAND 13. UdSSR 14. DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK 15. RUMÄNIEN 16. UNGARN 17. CHILE 18. BRASILIEN 19. KOREA 20. SÜD-AFRIKA 21. NORDAMERIKA 22. KANADA

III. Internationale Pfingstkonferenzen 1. DIE WELT-KONFERENZEN 1.1. Die Welt-Pfingstkonferenzen 1.2. WORLD PENTECOST MAGAZINE

2. DIE EUROPA-KONFERENZEN 2.1. Weshalb diese Konferenzen so wichtig sind

IV. Lehre - Glauben - Leben der Pfingstbewegung - ein Überblick 1. DIE BIBEL 2. GOTT


3. DIE SÜNDE 4. JESUS ALLEIN! 5. BUSSE BEKEHRUNG UND WIEDERGEBURT 6. DIE GLÄUBIGENTAUFE 7. DIE GEISTESTAUFE 8. DIE GABEN DES HEILIGEN GEISTES 9. DIE FRUCHT DES HEILIGEN GEISTES 10. GÖTTLICHE HEILUNG 11. DIE GEMEINDE JESU CHRISTI 12. DIE ZUKUNFT

V. "Pfingstliche" Positionen 1. DIE TAUFE IM HEILIGEN GEIST 1.1. Wiedergeburt 1.2. Die Geistestaufe

2. HILFEN ZUR GEISTESTAUFE 2.1. Buße 2.2. Reinigung 2.3. Glaube 2.4. Gebet 2.5. Gehorsam 2.6. Jesus ist der Täufer 2.7. Beten im Geist 2.8. Die herrlichen Folgen

3. ZUR PERSONALITÄT DES HEILIGEN GEISTES


3.1. Zur Person des Heiligen Geistes 3.2. Zur Prüfung der „Geister"

4. KRAFT? 4.1. Abnehmen 4.2. Zunehmen 4.3. Und das „Charismatische"?

5. ZU DEN GEISTESGABEN 5.1. Geistesgaben - Geistesfrüchte 5.2. Die Gnade 5.3. Geistes- oder Gnadengaben 5.4. Gabe, nicht „Habe" 5.5. Geistesgaben und Gemeinde 5.6. Sind Geistesgaben von unserem Willen abhängig? 5.7. Vom Zungenreden

6. ZU DEN GOTTESDIENSTEN 6.1. „Pfingstliche" Gottesdienste 6.2. Öffentliches Zungenreden 6.3. Führt der Heilige Geist in die Stille? 6.4. Ist das nicht „seelischer" Gottesdienst? 6.5. Öffentliche Heilungsversammlungen

VI. Spannungen 1. ANFECHTUNGEN - SPALTUNGEN - TRENNUNGEN 2. NEGATIVE ZEUGNISSE 2.1. Es gibt (auch) in der Pfingstbewegung negative Erscheinungen. 2.2. Objektivität und Ehrlichkeit


2.3. Verallgemeinerungen 2.4. Und die positiven Zeugnisse? 2.5. Lasst uns Zeugen Jesu sein!

3. DIE CHARISMATISCHEN BEWEGUNGEN 3.1 Die neo-pentacostale Bewegung 3.2. Die katholische Erneuerungsbewegung 3.3. Versuch einer Beurteilung

VII. GANZ! - Anliegen der Pfingstbewegung 1. DAS GANZE LAND 1.2. Damals! 1. 3. Heute!

2. EIN GANZER DURCHBRUCH: DREI TAUFEN (Hebr. 6,2) 2.1. Jesu Taufe(n) - Matth. 3,13-17 2.2. Unsere Taufen...

3. DIE GANZE SCHRIFT 3.1. Das Wort 3.2. Der Heilige Geist 3.3. Die Gemeinde

4. GANZER GLAUBE! 4.1. Was heißt denn nun: „Ich glaube"? 4.2. Zum Glauben kommen 4.3. Stets wachsender Glaube 4.4. Hilfen zum Wachstum des Glaubens

5. GANZE HEILIGUNG 5.1. Ihre erstrangige Bedeutung


5.2. Ihr heutiger Stellenwert... 5.3. Ihre Ersatztosigkeit 5.4. Ihr eigentliches Wesen 5.5. Heiligung als Bereitschaft

6. EIN GANZER DIENST! 6.1. Ein Dienst des Buchstabens (Vers 6) 6.2. Ein Dienst des Geistes (Vers 6) 6.3. Ein Dienst der Herrlichkeit (Vers 9ff)

7. GANZE GEMEINDE 7.1. Pfingsten heißt Gemeinschaft in der Lehre (Vers 42) 7.2. Pfingsten bedeutet Gemeinschaft im Brechen des Brotes (Vers 43) 7.3. Pfingsten bedeutet Gemeinschaft im Tempel (Vers 46) 7.4. Pfingsten bedeutet Gemeinschaft in materiellen Gütern (Verse 44.45) 7.5.. Pfingsten bedeutet Gemeinschaft in Gottesfurcht (Vers 43) 7.6. Pfingsten bedeutet, dass die Außenstehenden nicht gleichgültig bleiben (Vers 47) 7.7. Pfingsten bedeutet Wachstum (Vers 47) 7.8. Pfingsten heißt Gemeinschaft mit Wundern und Zeichen (Vers 43) 7.9. Pfingsten heißt Gemeinschaft in den gemeinsamen Gebeten (Vers 42)

8. GANZE MISSION 8.1. Biblische Mission ist gemeindebezogen 8.2. Biblische Mission ist charismatisch: 8.3. Biblische Mission ist lehrmäßig orientiert: 8.4. Biblische Mission beruht auf persönlicher Berufung 8.5. Biblische Mission ist ein Vorstoß in Gebiete des Okkultismus 8.6. Biblische Mission bringt Schwierigkeiten von außen 8.8. Biblische Mission bringt viel Frucht


8.9. Biblische Mission braucht ermutigende Heimurlaube

9. GANZE ERWECKUNG 9.1. ...dass Jesus aufgeweckt wird 9.2. ...dass Gottes VerheiĂ&#x;ungen erweckt werden 9.3. ...dass die Gaben des Heiligen Geistes erweckt werden 9.4. ...dass die Dienste erweckt werden 9.5. ...dass andere erweckt werden 9.6. ...dass wir die Auferstehung erleben

10. WIE KOMMT ERWECKUNG? 11. AUF ALLES FLEISCH! 11.1. Und es wird geschehen... 11.2. ...in den letzten Tagen 11.3. Da werde ich ausgieĂ&#x;en von meinem Geist... 11.4. ...auf alles Fleisch! 11.5. Der pfingstliche Appell

Quellennachweis und Zitate


Vorwort „... auf alles Fleisch!" „Und es wird geschehen" in den letzten Tagen -spricht Gott - „da werde ich ausgießen von meinem Geist über alles Fleisch ..." Apg. 2,17. Die Pfingstbewegung versteht sich als Teil der Erfüllung dieser Prophetie, die Petrus am Pfingsttag ausgesprochen hat. Ihr gilt die vorliegende Darstellung. Zwei Vorbemerkungen sollen sie begleiten: Die Bezeichnungen „Pfingstbewegung", „pfingstlich" und ähnliches kommen oft vor - manchem zu oft. Nun soll das weder Stall-Verliebtheit noch -blindheit sein. Denn die Pfingstbewegung weiß sich sehr wohl eingebettet als Teil der Gesamtgemeinde Jesu Christi. Leser und Leserinnen mögen mir diese Einseitigkeit nachsehen: Hier geht es ausschließlich um die Darstellung der Pfingstbewegung. Und was noch wichtiger sein könnte: Der Heilige Geist wird oft, der Name Jesu weniger erwähnt. Uns ist bewusst, dass alles, was mit Pneumatologie zu tun hat, zur Christologie führen muss. Für uns aber sind Jesus und der Heilige Geist untrennbar. Wenn immer der Heilige Geist erwähnt ist - und die Pfingstbewegung versteht sich als Wirkung des Heiligen Geistes -, sehen wir darin eine Verherrlichung Christi. Und dieser Heilige Geist ist ein Feuer. Die vorliegende Arbeit begleitet das Gebet, dass Herzen durch sie warm werden. Jakob Zopfi


I. Die Entstehung der Pfingstbewegung 1. DIE PFINGSTBEWEGUNG - EINE WELTWEITE FREIKIRCHE Wie Leben und Dienst Jesu auf Erden in der Krippe, und wie auch die Geburt der Gemeinde Jesu mit einer Handvoll Jüngern recht armselig begann, so ist auch - nach menschlichen Maßstäben - der Beginn der Pfingstbewegung anfangs dieses Jahrhunderts nicht eben strahlend gewesen. Heute allerdings ist die Pfingstbewegung alles andere als eine unscheinbare Winkelangelegenheit. Sie ist nichts weniger als eine der dynamischsten christlichen Kräfte überhaupt. Vergleicht man sie zahlenmäßig mit protestantischen Kirchen und Freikirchen, ist sie weltweit die stärkste Gruppierung. Sie ist dazu, wieder im ganzen gesehen, die am schnellsten wachsende christliche Denomination. Natürlich haben Zahlen nur relativen Aussagewert. Und doch sagen sie etwas aus, gleich wie die Zahlen in der Bibel -und übrigens auch Zahlenwerte jedes Organismus. Um eine der starken Pfingstbewegungen als Beispiel zu erwähnen: In ihrem Ursprungsland, den USA, unterhalten die Assemblies of God in Springfield/Miss. ein „Hauptquartier", in dem in einem hellen, großen Trakt siebenhundert vollzeitliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter emsig arbeiten. 19841 zählte die Bewegung 2.036.453 Zugehörige, auf ihren 115 Missionsfeldern weitere 12.854.346. Nebst vielen evangelistischen und missionarischen Tätigkeiten unterhält sie 250 Bibelschulen, in denen Tausende von jungen Männern und Frauen auf ihren Dienst vorbereitet werden. Ihr jahrelanger Generalsuperintendent, Dr. Thomas Zimmermann, betreute zudem während vielen Jahren das Vorbereitungskomitee der WeltPfingst-Konferenz und ist in vielen leitenden evangelikalen Gremien als markante geistliche Persönlichkeit geschätzt. Um bei Zahlen zu bleiben: Die drei größten protestantischen Kirchen der Welt sind Pfingstkirchen. Da ist die „Zentralkirche des vollen Evangeliums" von Dr. Yonggi Cho auf der Yoido-Halbinsel in Seoul/Korea. Es ist jedermann zu gönnen, die dortigen mitreißenden Gottesdienste zu erleben. Bei einem monatlichen Zuwachs an Mitgliedern von acht- bis zehntausend Gläubigen werden Angaben laufend überholt. 1981 waren es 165.000, 1982 250.000, heute um 400.000. Die nächstgrößte ist die Jotabeche Church in Santiago/Chile mit 80.000, dann die Congregacao Crista Sao Paulo/Brasilien mit 61.250 Mitgliedern.2 Auch in Europa gibt es heute über eine Million „Pfingstler". In Ländern wie Frankreich, Spanien und Portugal ist die Pfingstbewegung die stärkste nichtkatholische Denomination (man kann Pfingstbewegungen nicht als protestantische Kirchen bezeichnen), in andern europäischen Ländern - vor allem in Skandinavien - die stärkste freikirchliche Gruppierung. Die Pfingstbewegung ist auch in allen osteuropäischen Staaten anzutreffen. Rumänien zählt 150.000, Russland mindestens 700.000 Mitglieder. Da steht schon die Frage im Raum, weshalb denn in einer Zeit, in der so viele Kirchen abnehmen, die Pfingstkirchen in der ganzen Welt dermaßen zunehmen. Yonggi Cho kommentiert dies knapp, und wer seine vornehme Persönlichkeit kennt, weiß, dass dies nicht nur so dahergeredet ist: „Wir sind die größte Kirche der Welt aufgrund der Taufe in den Heiligen Geist, die die Leute fähig macht, die Verlorenen zu gewinnen!"3 Wie geradezu atemberaubend ein solches Wachstum sein kann, illustriert ein anderes Beispiel. Die „Church of God in Christ", eine Pfingstbewegung unter den Farbigen Amerikas, zählte 1964 noch 425.000 Gläubige. 1983 waren es 3.709.861, ein Zuwachs von 824 Prozent in zwanzig Jahren! (Auffallend übrigens, wie genau in solchen Bewegungen die Administrationen funktionieren!)4


Eine solch explosive Entwicklung in der denominationellen Landschaft blieb natürlich aufmerksamen Beobachtern nicht verborgen. So bezeichnete 1953 Bischof Lesley New Begin in seinem Buch „Der Haushalt Gottes" die Pfingstbewegung neben der katholischen und protestantischen Tradition als „dritter Strom" der Christenheit, der die Gaben des Heiligen Geistes neu belebe. Ähnlich lautet die Beurteilung von Henry P. Van Dusen, dem Präsidenten des Princeton. Theological Seminary, der in einem Artikel „Die dritte Kraft im Christentum" der Pfingstbewegung das Zeugnis ausstellt, sie verändere das Antlitz der Christenheit im 20. Jahrhundert.5 Und noch ein Zitat aus einem Strauß von Beurteilungen: In einem auch im deutschen Sprachraum erschienenen Handbuch „Die Geschichte des Christentums" äußert sich James Dunn so: „In den siebzig Jahren seit der Erweckung in der Azusa Street hat sich die Pfingstbewegung über die ganze Welt verbreitet. Es ist wichtig, dass wir in dieser Bewegung nicht nur eine protestantische Kirche oder Sekte sehen. Tatsächlich handelt es sich um die vierte große Form des Christentums, neben der Orthodoxie, dem Katholizismus und dem Protestantismus. "6 Wie immer, ob nun dritte oder vierte Kraft, sicher ist, dass die Pfingstbewegung das Antlitz der heutigen Christenheit weltweit wesentlich mitprägt. 2. ZUM SELBSTVERSTÄNDNIS DER PFINGSTBEWEGUNG: VON DER DEFORMATION ZUR REFORMATION Zum besseren Verständnis, wie sich die Pfingstbewegung innerhalb der christlichen Bekenntnisse versteht, vorerst ein Exkurs: 2.1. Eine verheerende Deformation der Urgemeinde ... Schon bald nach der apostolischen Zeit begann eine verhängnisvolle Deformation der Urgemeinde. Anzeichen davon finden wir schon in den Sendschreiben der Offenbarung. Immerhin, vor 250 n. Chr. gab es zum Beispiel noch keine Trennung zwischen Priestern und Laien. So konnte der zu den „apostolischen Vätern" zählende Irenäus (gest. 202 n. Chr.) noch sagen: „Alle Gerechte haben priesterlichen Rang". Und Tertullian: „Sind nicht auch wir Laien Priester?" Aber bald setzt die Entstellung des ursprünglichen Zustandes ein: aus dem „Presbyteros" (griech. Ältester) wird schließlich der Priester; die Gemeinde erfährt die unbiblische Aufspaltung in heilsspendende Priester und heilsempfangende „Laien" (von laos = Volk). Gleichzeitig tritt anstelle des persönlichen Glaubens, der Glaubensentscheidung und Glaubenserfahrung mehr und mehr das heilsspendende Sakrament. Zum Beispiel: Anstelle der persönlichen Entscheidung zur Bekehrung und der daraus folgenden Wiedergeburt tritt das Taufsakrament, anstelle der Geistestaufe das Sakrament der Firmung. Damit entwickelt sich schließlich die unbiblische Volks-und Staatskirche. War der römische Cäsar Diokletan (284 -305) noch grausamer Christenverfolger, erlässt einer seiner Nachfolger, Konstantin der Große, im Jahre 313 ein sogenanntes „Toleranzedikt", welches das Christentum erlaubte. Und schließlich erhebt Theodosius der Große (378 - 395) das Christentum zur Staatsreligion. Jetzt werden gar diejenigen verfolgt, die der Zwangstaufe zum Christentum (!) widerstehen. Welch eine Deformation dessen, was die Bibel als Gemeinde Jesu Christi zeigt! 2.2. ...und eine sehr langsame Reformation Nur sehr, sehr langsam kam es im Laufe der Jahrhunderte zur Wiederentdeckung und -belebung biblischer Wahrheiten. Wir wenden uns nicht einzelnen Aufbrüchen im Laufe der langen Jahrhunderte der Kirchengeschichte zu, wie sie in begrenztem Rahmen immer wieder geschahen. Wir wenden uns vielmehr Durchbrü-


chen zu, wie sie schwerpunktmäßig eine besondere Wahrheit in besonderer Weise zum Bewusstsein der allgemeinen Christenheit und der Gemeinde brachten - und als deren Miterben sich auch die Pfingstbewegung versteht. Hier einige Schwerpunkte ihres Selbstverständnisses: - reformatorisch Die Namen Martin Luther (1483 - 1546), Huldreich Zwingli (1484 - 1531) und Johannes Calvin (1509 - 1564) stehen für die Reformation. Ihren Dreiklang - Sola Scriptura, Sola Gratia, Sola Fide - betrachtet auch die Pfingstbewegung als ihre eigentliche Basis: die Bibel als Urkunde, die Gnade als Grundlage und der Glaube als Bedingung des Heils. - täuferisch Gleichzeitig mit der Reformation entstand - wenn auch unter blutigster Verfolgung, die Zehntausende von Täufern das Leben kostete - die Täuferbewegung. Am 21.1.1525 taufte Konrad Grebel in Zürich Jörg Blaurock, beide ehemalige Anhänger Zwinglis, während die Reformatoren bei der Säuglingstaufe und damit auch im Denken der unbiblischen Volkskirche steckenblieben. Von der Schweiz aus breitete sich die Täuferbewegung mächtig aus, nach Deutschland, Österreich, Holland und so weiter. - Die Pfingstbewegung ist in diesem Sinn täuferisch. - pietistisch Betonte die Reformation vor allem die Lehre, so stand im Pietismus die Praxis des christlichen Lebens im Mittelpunkt. Diese Gewichtsverlagerung wirkte ähnlich revolutionierend wie die Reformation selbst. Man unterschied zwischen toter Rechtgläubigkeit und christlicher Lebendigkeit, zwischen Bekehrten und Unbekehrten und sprach von der persönlich zu erfahrenden Wiedergeburt. Aus vielen anderen ragen zwei Gestalten heraus, die den Pietismus prägten: Philipp Jakob Spener (1635 - 1705), elsässischer Theologe, der die sogenannte „Collegia pietatis" (Versammlung der Frömmigkeit) begann und mit seiner Schrift „Pia desideria" (Fromme Wünsche) die große pietistische Bewegung auslöste. Der zweite ist August Hermann Francke (1663 - 1727), ein Gesinnungsgenosse Speners. Er war Pfarrer und zugleich Professor an der Universität Halle, erlebte 1687 seine Bekehrung und wurde später Gründer und Leiter einer Armenschule, verschiedener pädagogischer Anstalten, eines Waisenhauses (darum „Waisenvater"), der Bibelanstalt und einer Buchhandlung, einer Apotheke und der Dänisch-Hallischen Mission in Indien. - Die Pfingstbewegung sieht sich darin völlig im Erbe des Pietismus. - weltmissionarisch Zu einem eigentlichen Durchbruch zur Weltmission kam es durch Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 - 1760), der im Todesjahr Franckes die Brüdergemeinde gründete. Zinzendorf war ein „Eroberer, desgleichen es wenige und im 18. Jahrhundert keinen wie ihn gegeben hat". Ein „fliegender Generalstab" begleitete diese „originellste und bedeutendste Persönlichkeit, die die Geschichte der christlichen Frömmigkeit im 18. Jahrhundert aufweist in Deutschland"', 24 Jahre lang auf Missionsreisen in Europa und Amerika. Wie könnte sich die Pfingstbewegung ihrerseits nicht der Weltmission verpflichtet sehen! Tausende ihrer Missionare und Missionarinnen arbeiten in allen Teilen der Welt. - Naherwartung Mit manchen Zeitgenossen betonte John Nelson Darby (1800 -1882) nicht nur die persönliche Glaubenserfahrung, den reinen Wandel, die gesunde Lehre, sondern auch die Bereitschaft zur Wiederkunft Jesu Christi. - So kennt auch die Pfingstbewegung in der Wiederkunft Jesu eine Zentralaussage der Heiligen Schrift.


- Die praktische Heiligung John Wesley (1703 - 1791) wurde zum Bahnbrecher des Methodismus. Nebst seiner geistesmächtigen Evangelisationstätigkeit betrachtete er es als wichtigste Aufgabe der Methodisten, „schriftgemäße Heiligung über die Lande zu verbreiten", mit dem Ziel, dankbar für das Geschenk der Rechtfertigung und das Zeugnis des Heiligen Geistes für die Gotteskindschaft „der Heiligung nachzujagen" und den Stand völliger Liebe zu erreichen. - Die Pfingstbewegung betrachtet sich in einer Linie mit der Heiligungsbewegung. - evangelistisch William Booth (1829 - 1912), 15jährig bekehrt, wird 23jährig Prediger und beginnt Erweckungsfeldzüge: 1861 bekehren sich 7000 Menschen in 18 Monaten; man spricht von der „Fabrik der Bekehrungen". Bezeichnet man sich 1877 noch als „Halleluja-Armee", gründet William Booth 1878 die Heilsarmee mit Kriegsrat, Rängen, Blut- und Feuerfahne, Kriegsartikeln -alles mit dem Ziel, Menschen zu retten. - So versteht sich auch die Pfingstbewegung als eine „Heilsarmee": In der Evangelisation und der Seelenrettung sieht sie eine ihrer vordringlichen Aufgaben. 3. IM VORFELD DER PFINGSTBEWEGUNG Die Pfingstbewegung sieht sich also eingebettet in die Geschichte und in den Leib der Gesamtgemeinde Jesu Christi - ohne dass bis jetzt das „spezifisch Pfingstliche" erwähnt ist. Bevor es geschildert werden kann, soll auf zwei Tatsachen hingewiesen werden: 3.1. „Pfingstliche" Kundgebungen durch alle Jahrhunderte Christian Hugo Krust schreibt in „50 Jahre Deutsche Pfingstbewegung": „Die Pfingstbewegung ist kein plötzlich entstandenes, geschichtsloses Gebilde. Ihr Zeugnis, dass Jesus Christus durch den Heiligen Geist im Christen wohnen will, lässt sich, angefangen von der Urgemeinde bis in unsere Zeit, durch die ganze Kirchengeschichte hindurch nachweisen." Allerdings sollte es auch darin vorerst zu einer „Deformation" kommen. Als Reaktion auf das baldige Nachlassen eines offensichtlichen Wirkens des Heiligen Geistes in der nachapostolischen Zeit kam es um 200 n. Chr. zur „montanistischen" Erweckungsbewegung, die die Gnadengaben in der erstarrten Kirche wieder beleben wollte. Gewisse Überbetonungen -Montanaus stellte prophetische Kundgebungen den Heiligen Schriften gleich führten wiederum zu Überreaktionen. Augustinus sollte die Weichen der klassischen Theologie in diesem Bereich für Jahrhunderte stellen, als er sagte: „Warum, wird gefragt, erscheinen die Wunder heute nicht mehr, so wie sie in der alten Zeit erfahren wurden? Sie waren damals nötig, bevor die Welt zum Glauben kam, und sie waren dazu da, den Glauben der Welt zu gewinnen."8 So wurde allmählich theologisch begründet, was in der Praxis zum Rinnsal geworden war. In der Folge beschränkte die römisch-katholische Kirche Wunder auf einzelne „Heilige". Später argumentierten die Reformatoren auf ihre Weise, so zum Beispiel Martin Luther: „Als die Kirche gesammelt und durch die ersten Zeichen bestätigt war, war es nicht mehr nötig, dass sich die sichtbare Sendung des Heiligen Geistes fortsetzte. "8 Luther, der einmal meinte, die Schrift sei das Licht, die kirchliche Tradition lediglich die Laterne, ist hier offensichtlich selbst Laternenlicht zum Opfer gefallen. Immerhin, der klare Bach versiegte nie ganz. Dazu nochmals Christian H. Krust: „So wird bezeugt, dass das Verborgene offenbar werde, dass alle Gnadengaben reichlich zu haben seien, dass viele geheilt und von unreinen Geistern befreit werden, wobei vor allem die Gabe der Zungenrede und des Weissagens Erwähnung fanden." Diese Linie ist nachzuführen bis zu Bernhard von Clairvaux (1150) und Franz von Assisi (1220). Auch unter den Waldensern traten im 12. Jahrhundert geistliche Gaben in Erscheinung. Es wären dann zu nennen die Camisarden-Bewegung (um 1700), die Inspirationsbewegung (um 1710), die Erweckung um


den jungen Gardeoffizier Gustav von Below, in der Schweiz die Erweckungsbewegung um Pfr. David Spleiss (um 1820) und andere! Gerade die Inspirationsbewegung, ausgelöst durch Edward Irwing, einen Pastor der Presbyterianischen Kirche Londons und einer der bekanntesten Prediger seiner Tage, weckte die Erwartung eines „neuen Pfingsten". Es war nichts Ungewöhnliches, wenn der „König der Prediger" Charles H. Spurgeon (1834 1892) in einer Predigt über „Die Kraft des Heiligen Geistes" dieser Erwartung Ausdruck gab: „Ein weiteres großes Werk des Heiligen Geistes, das noch nicht vollendet ist, ist das Kommen der Herrlichkeit der letzten Tage. In einigen Jahren - ich weiß nicht wann, ich weiß nicht wie - wird der Heilige Geist in einem völlig anderen Stil als heute ausgegossen. Die Prediger von heute sind in eine trockene Routine geraten, immerfort predigend - predigend - predigend - und wenig wird vollbracht. Meine Augen entzünden sich am Gedanken, dass ich es noch erlebe, wenn der Heilige Geist ausgegossen wird, und ,Eure Söhne und Töchter weissagen werden, und Eure Jünglinge Gesichte sehen und Eure Ältesten Träume träumen' " (Apg. 2,17)10. Und tatsächlich hatte ein weiterer Grundstrom des Heiligen Geistes, ohne den die Pfingstbewegung nicht denkbar wäre, bereits eingesetzt. 3.2. Die Heiligungsbewegung Bereits 1857 hatte in den USA eine mächtige Erweckungsbewegung begonnen, die im Laufe eines einzigen Jahres alle Staaten und die meisten Städte der USA erfasste und sich dann innerhalb weniger Jahre über Irland, Schottland, Wales, England, Süd-Afrika, Skandinavien, die Schweiz und viele andere Länder ausbreitete. Später setzten in England Konferenzen ein, deren segensreiche Auswirkungen über die ganze Erde hin zu verspüren waren. Vom 29.8. bis 7.9.1874 fand in Oxford eine dieser Konferenzen statt, 1875 in Brighton, zu der sich 8000 Christen aus allen Ländern der Erde zusammenfanden. 1876 versammelten sich 600 Teilnehmer in Keswick, und auch diese Konferenz war von großer Auswirkung. Es wurden Brüder und Schwestern „aus allen Gebieten der Christenheit" eingeladen: der Heilige Geist habe ein Hungern und Dürsten nach persönlicher Heiligkeit wachgerufen. Ein Berliner Theologe bezeugt: Luther habe in einer Zeit des Widerstandes mit Kreide auf die Tafel geschrieben: „Jesus lebt!" Er aber gehe nach Hause mit einer neuen Erfahrung: „Jesus lebt in mir!" Es ist spannend, anhand von Erkenntnissen und Erfahrungen geistesmächtiger Gottesmänner Beginn und Prägung der sogenannten Heiligungsbewegung zu verfolgen: John Wesley (1703 - 1791) John Wesley, der Gründer der Methodistenkirche, bezeugte einen „zweiten Segen", den er allerdings als Heiligungserfahrung verstand. Nach seiner Bekehrung beim Anhören von Luthers Vorrede am 24.5.1738 bezeugt er eine weitere tiefe Erfahrung im Januar 1739: „Ungefähr um drei Uhr morgens, als wir anhielten im Gebet, kam die Kraft Gottes mächtig auf uns nieder, so dass viele von uns vor überströmender Freude laut schrieen und auch zu Boden fielen. Sobald wir uns von der Furcht und Verwunderung ob der Gegenwart seiner heiligen Majestät ein wenig erholt hatten, brachen wir mit einer Stimme aus: Wir preisen Dich, o Gott, wir bekennen, dass Du der Herr bist!"12 John Wesley predigte von da an noch gewaltiger als vorher. Die Menschen wurden dabei von ihren Sünden überführt, schrieen laut und fielen zu Boden.


Wesley kannte also eigentliche richtige „Pfingstversammlungen"! Es geschahen auch auffallende Heilungswunder in seinem Dienst. Starken Einfluss übte auch ein Mitarbeiter Wesleys, John Fletcher, aus, der bereits die „Taufe im Heiligen Geist" lehrte. Charles Finney (1792 - 1875) Ein weiterer Vater der „Geistestaufe", wie sie sich nun stark ausbreitete, war Charles Grandison Finney. Er hatte sich 1821 als Rechtsanwalt bekehrt und wurde der erste eigentliche Berufs-Evangelist. Er war dazu ausersehen, unvergleichlich segensreiche „Feldzüge" durchzuführen, nachdem er die Geistestaufe wie folgt bezeugt: „Ich empfing eine mächtige Taufe mit dem Heiligen Geist. Ohne die geringste Erwartung, ohne auch nur einen Gedanken gehabt zu haben ... kam der Heilige Geist auf mich hernieder in einer Weise, dass es mich nach Leib und Seele zu durchdringen schien ... wie Fluten flüssiger Liebe ... wie der Odem Gottes ... keine Worte können die Liebe schildern, die in mein Herz ausgegossen wurde. Ich weinte laut vor Freude und Wonne und musste meinen Gefühlen schließlich durch lautes Schreien Ausdruck geben... "13 Finney war die eindrucksvollste Persönlichkeit unter den amerikanischen Evangelisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man schätzt die Zahl der durch ihn Erweckten auf eine halbe Million. Der kritische Theologe Dr. L. Becher beurteilt Finneys Wirken als „die größte religiöse Erweckung, die man jemals während einer so kurzen Zeit erlebte!" Dwight L. Moody (1837 - 1899) In den USA war es vor allem Dwight L. Moody, der berühmteste Evangelist seiner Tage, der die Lehre von der „Taufe im Heiligen Geist" von Küste zu Küste verbreitete. Obwohl schon ein geistesmächtiger Evangelist, wurde er in Chicago ermutigt, um die Taufe im Heiligen Geist zu beten. Obwohl vorerst nicht begeistert, bat er die beiden Mitglieder der Freien Methodistischen Kirche, die ihn auf die Geistestaufe angesprochen hatten, für ihn zu beten. Wie er in einer dramatischen Gebetsstunde 1871 im Heiligen Geist getauft wurde, berichtet Moody so: „Ich meinte zwar, ich hätte Kraft. Ich hatte die größte Zuhörerschaft in Chicago, und es gab viele Bekehrungen ... Doch dann entstand in meiner Seele ein großer Hunger. Ich wußte nicht, was es war. Ich begann zu Gott zu schreien ... und seufzte die ganze Zeit, dass Gott mich mit seinem Geist erfüllen möchte. Da, eines Tages, mitten in der Stadt New York ... ich kann es nicht beschreiben ... es ist fast eine zu heilige Erfahrung ... ich kann nur sagen, dass Gott sich mir offenbarte ... ich hatte ein solches Erlebnis seiner heiligen Liebe, dass ich ihn bitten musste einzuhalten Ich möchte jetzt für nichts in der Welt dorthin zurückkehren, wo ich vor dieser gesegneten Erfahrung gestanden habe.`"4 1889 gründete er übrigens das Moody Bible Institute in Chicago. Dr. R.A. Torrey 1902 begannen die beiden amerikanischen Evangelisten R.A. Torrey und Charles Alexander in Australien ihre Evangelisationsreisen, 1903/4 waren sie in England. R.A. Torrey war der erste Präsident des Moody Bible Instituts. Man sagt, es hätten sich durch die Zeugnisse dieser beiden Männer an die 80.000 Menschen in den verschiedenen Ländern für Jesus entschieden. Dr. Torrey vertrat dieselben Anschauungen über die Geistestaufe wie Finney. Er lehrte, dass man erst durch die Geistestaufe mit Kraft und Vollmacht für die Arbeit des Herrn ausgerüstet werde. Hier einige seiner entscheidenden Sätze:


„Es ist eine Sache, wiedergeboren zu sein durch den Heiligen Geist, es ist eine andere Sache, die noch hinzukommen muss, getauft zu sein mit dem Heiligen Geist. Dies geht klar aus dem fünften Vers im ersten Kapitel der Apostelgeschichte hervor. Jesus sagt ihnen: ‚Ihr sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden nicht lange nach diesen Tagen.' Es ist ganz klar, dass sie in dieser Weise bis dahin noch nicht getauft waren. Sie waren aber durch die Kraft des Heiligen Geistes wiedergeboren. Denn Christus sagt zu denselben Männern in Johannes 15,3: ,Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.' Was meint nun aber ,rein durch das Wort'? Wir finden die Antwort in 1. Petrus 1,23, wo wir lesen, dass der wahre Christ wiedergeboren ist, nicht aus vergänglichem Samen, sondern aus unvergänglichem Samen, durch das Wort Gottes. Demnach waren nach des Herrn Jesu eigener Erklärung diese Männer wiedergeboren, aber sie waren noch nicht mit dem Heiligen Geist getauft. Wir lesen in 1. Kor. 11, dass es ein Geist sei, aber eine große Mannigfaltigkeit von Gaben. Jedoch wird in jedem einzelnen Fall Kraft da sein. Ich könnte auch hier von vielen Männern und Frauen erzählen, die aus einem Zustand der Schwachheit herausgetreten sind in einen Zustand der Kraft im Dienste Gottes, einfach dadurch, dass sie die Gabe, die ihnen verheißen war, in Anspruch nahmen.' '15 Kein Wunder, wenn das Wort „pfingstlich" - längst vor der Entstehung der Pfingstbewegung - zum allgemeinen Sprachgebrauch unter den Gläubigen geworden war. Um die Jahrhundertwende erwartete nicht nur die Heiligungsbewegung ein „neues Pfingsten", sondern auch katholische und protestantische Führer äußerten ihre Erwartung, dass ein neues Pfingsten die Zeichen und Wunder, die die erste Gemeinde ausgezeichnet hatten, wiederbringe. Jetzt geschah eine weitere einschneidende Erweckung, die die ganze christliche Welt aufhorchen ließ: Die Erweckung von Wales (Süd-England)16 1904 war plötzlich eine Erweckung da, die an Tiefe und Ausdehnung alles bisher auf diesem Gebiet Erlebte übertraf. Im verborgenen war sie allerdings längst vorbereitet worden: Im Rondatal waren es drei Frauen, die jahrelang jede Woche zusammenkamen, um eine Ausgießung des Heiligen Geistes zu erflehen, bis eines Tages eine von ihnen die Stimme des Heiligen Geistes hörte: „Stehe auf, denn es rauscht, als wollte es regnen." Drei Tage danach brach die Erweckung aus. Auch anderen kleinen Gebetskreisen soll es ähnlich ergangen sein. 1903 hatte der greise Dekan Howell geschrieben: „Achtet auf das, was ich euch sage. Denn dies mag die letzte Botschaft sein, die ich an meine Landsleute in ganz Wales richte, ehe ich zur Rechenschaft gezogen werde, während schon das Licht der Ewigkeit mir entgegen strahlt. Das, was unser Land bedarf, ist eine geistliche Erweckung durch eine besondere Ausgießung des Heiligen Geistes." Ein besonderes Werkzeug der walisischen Erweckung war Evan Roberts, der schon mit 12 Jahren seines Vaters rechte Hand in der Kohlengrube war und wenig später selbst Bergmann wurde. Man sah ihn nie ohne seine Bibel, die er in den Pausen zwischen der Arbeit studierte. Später, als junger Erweckungsprediger, betonte er den Unterschied zwischen dem Werk des Heiligen Geistes bei der Bekehrung und der Geistes-taufe, die der Gläubige empfängt. Als die Erweckung ausbrach, spielten sich oft unbeschreibliche Szenen in den Gottesdiensten ab. Manchmal schien ein wahrer Sturm von Gebeten oder Lobgesängen loszubrechen. Hunderte lieferten sich Gott aus, worauf alle Anwesende jubelnde Dankeslieder anstimmten. Das besondere Anliegen Evan Roberts blieb immer „die Kirche". „Beuge die Kirche und rette die Welt", das war der Schrei seiner Seele zu Gott. Häufig geschah es, während die Menge vor Gott in stillem Gebet gebeugt war, dass sich eine glockenreine Stimme erhob, um lieblich, wie eine Nachtigall, ein Lied zur Ehre Gottes erschallen zu lassen. Die Erweckung konnte in der Tat eine „singende" genannt werden. Langausstehende Schulden wurden bezahlt, gestohlene Güter zurückgegeben. Preisfechter, Spieler, Schankwirte und andere Leute, die selten im gewöhn-


lichen Leben vom Wort Gottes erreicht werden, kamen zum Herrn. Magistratspersonen schenkte die Stadt nach dortigem Brauch weiße Handschuhe, weil es keine Rechtsstreitigkeiten mehr zu schlichten gab. Die Wirtshäuser waren leer. Man hörte keine Flüche mehr, so dass behauptet wurde, die Pferde in den Bergwerken würden die Sprache ihrer Lenker nicht mehr verstehen. Das Lesen leichter Romanlektüre hörte auf, und überall wurde die Bibel studiert. Die Vorräte an Bibeln und Neuen Testamenten waren häufig ausverkauft. Fußballklubs wurden aufgelöst. Eine Theatergesellschaft musste abziehen aus Mangel an Zuschauern. Bis Ende Dezember 1904 schätzte man die Zahl der Bekehrten auf 70.000, und gegen Ende März 1905 zählte man 85.000. In den walisischen Erweckungsversammlungen wurde betont: „Es gibt kein Pfingsten, wenn nicht ein Golgatha vorausgeht." Im Mittelpunkt blieb die Offenbarung des Kreuzes. Männer und Frauen erhoben sich inmitten der Versammlung, tief erschüttert von dem Schmerz und dem Triumph von Golgatha. Es dominierte nicht eine fest gefügte Liturgie, und auch nicht irgendwelche persönlichen Leiter, sondern das Chorgebet der Gemeinde, die Erwartung der Geistestaufe und der Leitung der Versammlung durch den Heiligen Geist. Reporter der christlichen und weltlichen Presse spitzten die Feder. Pastoren und Prediger aus allen Richtungen reisten nach Wales. Die Erweckung in Südengland löste eine Grundwelle aus, die bis in die entferntesten Missionsgebiete alle christlichen Kreise beschäftigte. Elektrisierend breiteten sich die Fragen aus: Warum nur in Wales? Warum nicht auch bei uns? Warum nicht eine weltweite Erweckung? 4. AUF- UND DURCHBRUCH DER PFINGSTBEWEGUNG 4.1. Geburtsland USA Gewöhnlich stehen an der Wiege bedeutender Erweckungen, Kirchen- und Gemeindebewegungen außerordentliche Männer und Frauen - Martin Luther als Reformator, John Wesley als Führer der methodistischen Erweckungsbewegung, William Booth als General der Heilsarmee und so weiter. - Nicht so bei der Pfingstbewegung. An der Wiege der Pfingstbewegung stehen folgende zwei Ereignisse: Topeka/Kansas USA Charles Fox Parham (1873 - 1929), ein Erweckungsprediger der Heiligungsbewegung, leitete in Topeka die Bethel Bible School. In vielen Städten zu großen Versammlungen unterwegs, gab er den Bibelschülern den Auftrag, in seiner Abwesenheit im Neuen Testament Zeichen der Geistestaufe zu erarbeiten. Sie gelangten zu dem Resultat, dass der „biblische Beweis für die Taufe im Heiligen Geist das Reden in Zungen war, so wie der Geist auszusprechen gibt" (Apg. 2,4). Nun wurde allerdings schon früher in Zungen geredet: bei den ersten Quäkern (1654), bei den ersten Methodisten (1739), innerhalb der seit 1803 in Schweden hervorgetretenen pietistischen Laienbewegung der „Läsare" (das heißt „Leser", nämlich der Bibel und lutherischer Schriften), in den irischen Erweckungen um 1858 und in der Irvingianischen Bewegung in England um 1830/32. Die in Topeka erworbene Erkenntnis sollte nun aber eine der Grundlagen der Pfingstbewegung des 20. Jahrhunderts werden. In Topeka sollte es nicht nur bei der Erkenntnis bleiben. Die 18jährige Bibelschülerin Agnes N. Ozman erlebte in der Nacht auf den 1.1.1901 die Geistestaufe nach der Erkenntnis, wie es die dortigen Bibelschüler formuliert hatten. Sie bezeugt dies so: „Ich kam 1900 nach Topeka zur Bibelschule. Wir studierten dort die Bibel und arbeiteten auch in der Gemeinde. In einem als Gebetskämmerlein bestimmten Raum wurde Tag und Nacht inständig gebetet. Ich hatte gesegnete Gebetsstunden in der Nacht in diesem Raum. Einmal, anlässlich einer erneuten, tieferen Hingabe an den Herrn, hatte ich mit anderen gedacht, ich hätte eine Geistestaufe empfangen; aber als ich


gelernt hatte, dass der Heilige Geist in größerer Fülle ausgegossen wurde, hungerte mein Herz nach dem verheißenen Tröster, und ich begann, um ein Erfülltwerden mit der Kraft aus der Höhe zu bitten. Manchmal hungerte mich mehr danach als nach leiblicher Nahrung. Oft hatte ich des Nachts größeres Verlangen nach ihm als nach Schlaf. Am Silvesterabend hatten wir einen gesegneten Gottesdienst und beteten um Segen für das kommende Jahr. Während des ersten Tages des Neuen Jahres 1901 war der Herr ganz besonders unter uns wirksam und machte unsere Herzen ganz still. An diesem Abend lagerte sich über uns der Geist des Gebets. Es war am 1. Januar elf Uhr nachts, als mein Herz mich trieb und ich bat, man möchte mir die Hände auflegen, damit auch ich eine Taufe des Heiligen Geistes empfange. Da war es, als legten sich Hände auf mein Haupt - es waren die Hände der Leitung der Bibelschule - und der Heilige Geist fiel auf mich, ich sprach in neuen Zungen und pries den Herrn. Mein Herz war mit langersehnter Freude erfüllt, und die wunderbare Gegenwart des Herrn erfüllte mein Herz in bisher unbekannter Weise. Es war, als ob Ströme lebendigen Wassers aus meinem Innersten hervorbrächen. " 1 7 In den kommenden Tagen erlebten auch Parham und die meisten der Bibelschüler die pfingstliche Erfahrung. Bald wurde auch in neuen Zungen gesungen, und es gab „Botschaften" in Zungen, die dann ausgelegt wurden. In den kommenden fünf Jahren reiste Parham mit seinen Bibelschülern durch die südwestlichen Staaten Amerikas und gewann in dieser kurzen Zeit nicht weniger als 25.000 Anhänger. Längst hatten sich auch die Zeitungen der ganzen Sache bemächtigt. In der Topeka-Tageszeitung wurde das Zungenreden lächerlich gemacht. Andere Zeitungen entsandten Berichterstatter, so dass die Ereignisse im ganzen Land bekannt wurden. Und doch kam es nie zu einem eigentlich zündenden Funken. - Dies sollte dem nächsten Ereignis vorbehalten sein. Los Angeles Ein Schüler Parhams, der Negerprediger William James Seymour (1870 - 1929), wurde von der Predigerin einer Heiligungsgemeinschaft von Schwarzen, Neeley Terrey, nach Los Angeles eingeladen. Seymour predigte über Apg. 2,4: „Wer nicht in Zungen redet, ist nicht mit dem Heiligen Geist getauft", obschon Seymour selber die Geistestaufe mit Zungenreden noch nicht empfangen hatte. Die älteren Glieder der Heiligungsgemeinschaft aber hatten schon seit Jahren das Erlebnis der Geistestaufe für sich in Anspruch genommen. Und nun kam da ein hergelaufener Prediger und sagte ihnen, dass sie noch nicht einmal „geheiligt", geschweige denn mit dem Geist getauft seien. Das konnten sie nicht ertragen. Die Predigerin jagte Seymour fort, worauf er Versammlungen in Privathäusern hielt, Am 9. April 1906 fiel das Feuer in einer Gebetsversammlung an der Bonnie Brae Street. Es scheint, dass der erste Geistgetaufte ein Knabe von acht Jahren war. Viele erlebten nun die Geistestaufe. Seymour mietete eine alte Methodistenkirche an der Azusa Street 312, für viele der eigentliche Ausgangspunkt der weltweiten Pfingstbewegung. Während drei Jahren fanden hier ununterbrochen Gebetsversammlungen statt. Zwei Augenzeugen geben einen Einblick in diese Erweckung: „Drei Tage und drei Nächte jauchzten sie. Es war an Ostern. Von überall her kamen die Leute. Am andern Tag war es unmöglich, in die Nähe des Hauses zu kommen. Wer trotzdem ins Haus gelangen konnte, fiel unter die Kraft Gottes; die ganze Stadt war aufgewühlt. Sie jauchzten, bis die Fundamente des Hauses wankten, aber es wurde niemand verletzt." Pastor Frank Bartleman, der auch eine der Schlüsselpersonen in der Verbreitung der Erweckung werden sollte, war persönlich zugegen:


„Am 26. März ging ich zu einer Hausversammlung in der Bonnie Brae Street in Los Angeles. Weiße und Farbige waren dort zum Gebet versammelt. Hier begegnete ich zum ersten Mal W.J. Seymour. Er war ein farbiger Mann, sehr einfach, voll Geistes und demütig. Wir erfuhren, dass am 9. April 1906 in der kleinen Hütte an der Bonnie Brae Street ,der Geist gefallen' sei. Eine Handvoll farbiger und weißer Gläubiger hatten um die Osterzeit täglich betend gewartet. Eine Anzahl hatten dort ,in Zungen' gesprochen. Ich ging am Nachmittag zur Bonnie Brae Versammlung und fand, dass Gott dort mächtig am Werk war. Da war ein Geist der Demut in der Versammlung offenbar. Donnerstag, den 19. April, saßen wir mittags in einer Versammlung in der Pnielhalle zusammen. Plötzlich fing der Boden an, sich unter uns zu bewegen. Eine schwer zu beschreibende Empfindung ging durch den Raum. Wir saßen da voller Furcht. Ich ging nach Hause und hatte nach einer Zeit des Gebets den ernsten inneren Eindruck vom Herrn, in die Azusa Street zu gehen. Hier hatten sie ein altes Gebäude gemietet, eine frühere Methodistenkirche. Es waren dort etwa ein Dutzend Gläubige versammelt; etliche weiß, etliche schwarz. Br. Seymour war hier im Amt. Ich gab bei diesem ersten Besuch eine Botschaft. Zwei der Gläubigen sprachen in Zungen. Viel Segen schien diese Reden zu begleiten. Es wurde bald verbreitet, dass Gott in ,Azusa` an der Arbeit wäre. Alle Schichten der Menschen begannen in Haufen zu den Versammlungen zu ziehen. Die Zeitungen fingen an, die Versammlungen lächerlich zu machen und zu schmähen, was für uns freie Reklame bedeutete. In der Azusa Mission hatten wir eine wunderbare Zeit. Die Gläubigen demütigten sich, Die ganze Atmosphäre des Himmels war hier. Bald liefen die Versammlungen Tag und Nacht. Es kamen mehr Weiße als Schwarze. Großer Nachdruck wurde auf die Kraft des Blutes Jesu Christi gelegt zur Reinigung von allen Sünden. Eine hohe Richtschnur wurde für ein reines Leben aufrecht erhalten. In den Versammlungen war die Liebe Gottes offenbar. Sie hätte kein unfreundliches Wort gegen ihre Widersacher und die Kirchen erlaubt. Die Liebe der ersten Christen war zurückgekehrt. Das Wort Gottes entschied in allen Beschlüssen. Die Gottesdienste waren fast ununterbrochen. Suchende Seelen konnten beinahe zu jeder Stunde unter der Kraft gefunden werden. Die Stätte war nie geschlossen noch leer. Die Leute kamen, um Gott zu begegnen. In jenem alten Gebäude mit seinen niedrigen Querbalken überwältigte Gott starke Männer und Frauen und bereitete sie zu für seine Ehre. Stolz oder Selbstbeherrschung, Selbstbedeutung und Selbstgefälligkeit konnten hier nicht länger leben. Auch galt kein Ansehen der Person. Der Reiche und Gebildete war derselbe wie der Arme und Unwissende. Alle waren gleich. Wir anerkannten nur Gott. Das waren ,Heilig-Geist-Versammlungen`, vom Herrn geleitet! Die Versammlungen liefen selbsttätig, freiwillig in Zeugnissen, Lobpreis und Anbetung. Und im allgemeinen je kürzer, desto besser. Es waren wahrhaftig wunderbare Tage! Dämonen fuhren aus, Kranke wurden gesund, und viele wurden gerettet, zurückgebracht und mit dem Heiligen Geist getauft." Von Azusa breitete sich die Bewegung über die ganze Erde aus. Missionare waren dort versammelt von Afrika, von Indien; Prediger und Reichsgottesarbeiter kamen von weit her nach Los Angeles. Was in der primitiven Kirche begann, deren Boden mit Sägemehl bestreut und deren Bänke aus über leere Nagelkisten gelegte Bretter bestanden, sprang nun als „Flamme pfingstlicher Erweckung mit einer ungeheuren Geschwindigkeit über den ganzen Erdball - so rasch, dass man manchmal im Zweifel sein kann, ob die Pfingsterscheinungen in andern Ländern Wirkungen amerikanischer Einflüsse oder selbständige Bewegungen waren, die in einer geheimnisvollen Gleichzeitigkeit aufbrachen" (Kirchenrat Dr. K. Hutten). Die Pfingstbewegung hatte begonnen.


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