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David Wilkerson Das Kreuz und die Messerhelden


David Wilkerson

Das Kreuz und die Messerhelden In Zusammenarbeit mit John und Elisabeth Sherrill


© Copyright 1963 by David Wilkerson. All rights reserved. © Copyright der deutschen Ausgabe 2014 by Asaph-Verlag 38., leicht korrigierte Auflage 2014 Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Cross and the Switchblade Aus dem Englischen übersetzt von Hildegard Zornow Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf Satz/DTP: Jens Wirth Druck: cpibooks Printed in the EU ISBN 978-3-940188-47-2 Bestellnummer 147447

Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: Asaph, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.de – www.asaph.de


Kapitel 1 Das ganze so seltsame Abenteuer begann zu einer späten Nachtstunde, als ich in meinem Arbeitszimmer saß und eine Seite der Zeitschrift Life umblätterte. Auf den ersten Blick schien die Seite nichts zu enthalten, was mich interessieren konnte. Sie zeigte eine Zeichnung von einem Prozess, der in New York geführt wurde, 350 Meilen von mir entfernt [560 Kilometer]. Ich war nie in New York gewesen und hatte auch kein Verlangen, je dorthin zu gehen, und wenn schon, dann höchstens, um die Freiheitsstatue zu sehen. Ich begann, die Seite zu überfliegen. Dabei wurde meine Aufmerksamkeit von den Augen einer der Personen in der Zeichnung gefesselt. Ein Junge. Einer von sieben Jungen, die wegen Mordes vor Gericht standen. Der Zeichner hatte den Ausdruck von Bestürzung, Hass und Verzweiflung in seinen Zügen so meisterhaft eingefangen, dass ich die Zeitschrift noch einmal ganz aufschlug, um mir das Bild genauer anzusehen. Und indem ich es tat, fing ich an zu weinen. „Was ist nur mit mir los!“, sagte ich laut und wischte unwirsch eine Träne weg. Ich betrachtete das Bild noch eingehender. Die Jungen waren alle Teenager. Sie waren Mitglieder einer Bande, die sich die Dragons nannte. Unter der Zeichnung stand die Geschichte, die berichtete, wie sie in den Highbridge-Park in New York gegangen waren und einen fünfzehnjährigen Poliogelähmten namens Michael Farmer brutal angegriffen und getötet hatten. Die sieben Jungen hatten Michael mit ihren Messern siebenmal in den Rücken gestochen und ihm dann mit Armee-Koppeln über den Kopf geschlagen. Beim Weggehen hatten sie sich mit den blutbeschmierten Fingern durchs Haar gestrichen und gesagt: „Den haben wir tüchtig fertiggemacht!“


Die Geschichte widerte mich an. Sie drehte mir den Magen um. In unserem kleinen Bergstädtchen schienen solche Dinge zum Glück unglaublich. Darum war ich sprachlos, als mir plötzlich der Gedanke in den Kopf sprang – so kristallklar wie von anderswo hergekommen: Geh nach New York und hilf diesen Jungen! Ich lachte schallend auf. „Ich? Nach New York gehen? Ein Landprediger soll sich in eine Angelegenheit hineinwagen, von der er weniger als nichts versteht?“ Geh nach New York und hilf diesen Jungen! Der Gedanke war noch immer da – so lebhaft wie im ersten Augenblick und offenbar von meinen Gefühlen und Ideen völlig unabhängig. „Ich wäre ein Narr. Ich verstehe nichts von solchen Burschen. Ich will von ihnen nichts wissen!“ Es hatte keinen Zweck. Der Gedanke wollte nicht weichen. Ich sollte nach New York gehen, und überdies sollte ich es sofort tun, solange der Prozess noch im Gange war. Um verstehen zu können, wie völlig abwegig solch ein Gedanke mir erschien, muss man wissen, dass mein Leben, bis ich jene Seite umwandte, im Voraus festgelegt war – festgelegt, aber zufriedenstellend. Doch ich war ruhelos geworden. Ich fing an, eine Art geistliche Unzufriedenheit zu verspüren, die sich durch einen Blick auf unser neues Kirchengebäude in Philipsburg, Pennsylvania, mit seinen fünf Morgen hoch gelegenem Land, auf die anschwellende Missionskasse oder auf das Gedränge in den Kirchenbänken nicht stillen ließ. Wie man wichtiger Daten im Leben gedenkt, so erinnere ich mich haargenau an den Abend, an dem ich es erkannt hatte. Es war der 9. Februar 1958. An jenem Abend beschloss ich, mein Fernsehgerät zu verkaufen. Es war spät, Gwen und die Kinder schliefen schon. Ich saß vor dem Gerät und schaute die Spätvorstellung an. Irgendwie gehörte zu der Geschichte die übliche Tanzerei mit einer Menge Ballettgirls, die in gerade noch sichtbaren Kostümen umhermarschierten. Ich erinnere mich, dass mir plötzlich der Gedanke kam, wie geistlos das alles ist. „Du wirst alt, David“, sagte ich mir zur Warnung.

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Doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte meine Gedanken nicht mehr zurückbringen auf die abgedroschene Geschichte und das Mädchen – welches war es doch wieder?, dessen Bühnenschicksal Anspruch erhob, jedem Zuschauer Spannung bis zum Herzklopfen abzugewinnen. Ich stand auf, drehte den Knopf und sah die jungen Mädchen in der Mitte des Bildschirms in einem kleinen Fleck verschwinden. Dann ging ich vom Wohnzimmer in mein Arbeitszimmer hinüber und setzte mich auf den braunledernen Drehstuhl. „Wie viel Zeit verbringe ich eigentlich jeden Abend vor dem Bildschirm?“, fragte ich mich. „Wenigstens zwei Stunden. Was würde geschehen, Herr, wenn ich das Fernsehgerät verkaufte und diese Zeit – im Gebet zubrächte?“ Ich war ohnehin der einzige in der Familie, der fernsah. Was würde geschehen, wenn ich Abend für Abend zwei Stunden im Gebet zubrächte? Der Gedanke war erheiternd: Ersetze Fernsehen durch Gebet und sieh zu, was geschieht! Sofort kamen mir Gedanken, die sich dieser Idee widersetzten. Ich war abends müde. Ich brauchte die Entspannung und den Wechsel im Tempo. Fernsehen gehörte zu unserer Kultur; es war für einen Geistlichen nicht gut, wenn er nicht wusste, was die Leute sahen und worüber sie sprachen. Ich stand vom Stuhl auf, drehte das Licht aus und stellte mich ans Fenster, um über die mondhellen Berge zu schauen. Dann legte ich dem Herrn wieder ein Vlies vor, eines, das bestimmt war, mein Leben zu verändern. Ich machte es Gott ziemlich schwer, wie es mir schien, denn ich wollte das Fernsehen gar nicht wirklich aufgeben. „Jesus“, sagte ich, „ich brauche Hilfe, um diese Sache zu entscheiden, darum bitte ich dich um dies: Ich werde wegen des Geräts eine Anzeige in die Zeitung setzen. Wenn du hinter dieser Idee steckst, dann lass sofort einen Käufer erscheinen. Lass ihn innerhalb einer Stunde kommen – nein, innerhalb einer halben Stunde –, nachdem die Zeitung auf der Straße erscheint.“ Als ich Gwen am anderen Morgen von meinem Beschluss erzählte, war sie gar nicht beeindruckt. „Eine halbe Stunde!“, sagte sie. „Das klingt mir, Dave Wilkerson, als ob du gar keine Lust hast, so viel zu beten!“

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Gwen hatte den Kern der Sache getroffen, aber ich setzte die Anzeige trotzdem in die Zeitung. Es gab, nachdem die Zeitung erschienen war, in unserem Wohnzimmer eine komische Szene. Ich saß auf dem Sofa. Von der einen Seite sah mich das Fernsehgerät an, von der anderen Seite sahen mich Gwen und die Kinder an, und meine Augen starrten auf einen großen Wecker neben dem Telefon. Neunundzwanzig Minuten liefen auf der Uhr ab. „Nun, Gwen“, sagte ich, „es sieht so aus, als ob du recht hättest. Ich denke, ich brauche nicht …“ Das Telefon klingelte. Ich nahm langsam den Hörer ab und sah dabei Gwen an. „Sie haben ein Fernsehgerät zu verkaufen?“, fragte eine Männerstimme. „Ja. Ein ,RCA‘ in gutem Zustand. Neunzehn-Zoll-Bildschirm, zwei Jahre alt.“ „Wie viel wollen Sie dafür haben?“ „Einhundert Dollar“, sagte ich schnell. Ich hatte bis zu dem Augenblick noch nicht darüber nachgedacht, was ich fordern wollte. „Ich nehme es“, antwortete der Mann ohne Weiteres. „Wollen Sie es nicht erst ansehen?“ „Nein. Halten Sie es in fünfzehn Minuten bereit. Ich bringe das Geld mit.“ Mein Leben war seitdem nicht mehr dasselbe gewesen. Jeden Abend war ich um Mitternacht, statt wie sonst einige Knöpfe zu drücken, in mein Arbeitszimmer gegangen, hatte die Tür geschlossen und zu beten begonnen. Zuerst war es mir so erschienen, als ob die Zeit nur dahinschlich, und ich war unruhig gewesen. Doch dann hatte ich gelernt, planmäßiges Bibellesen zum Bestandteil meines Gebetslebens zu machen. Ich hatte bis dahin noch nie die ganze Bibel durchgelesen, einschließlich aller Geschlechtsregister. Und ich hatte gelernt, wie wichtig es ist, zwischen dem Bittgebet und dem Lobgebet Gleichgewicht zu halten. Wie wunderbar ist es doch, eine geschlagene Stunde mit nichts als Dankbarsein zu verbringen! Es rückt unser ganzes Leben in eine neue Sicht.

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Während einer dieser späten Gebetsstunden nahm ich die Zeitschrift Life zur Hand. Ich war schon den ganzen Abend seltsam ruhelos gewesen. Ich war allein im Haus; Gwen war mit den Kindern bei den Großeltern in Pittsburgh zu Besuch. Ich hatte eine lange Zeit im Gebet zugebracht. Ich fühlte mich in besonderer Weise Gott nahe, und doch empfand ich aus mir unverständlichen Gründen eine große, schwer lastende Traurigkeit. Sie kam ganz plötzlich über mich, und ich wunderte mich, was sie wohl bedeuten könnte. Ich stand auf und knipste im Arbeitszimmer die Lampen an. Ich hatte ein unbehagliches Gefühl, als ob ich Befehle empfangen hätte und doch nicht ausfindig machen könnte, was für welche. „Was willst du mir sagen, Herr?“ Ich wanderte im Arbeitszimmer umher und versuchte zu verstehen, was mit mir geschah. Auf meinem Schreibtisch lag die Zeitschrift Life. Ich streckte die Hand danach aus und begann sie aufzunehmen, fing mich dann aber. Nein, in diese Falle wollte ich nicht treten: eine Zeitschrift zu lesen, wenn ich beten sollte. Ich nahm meine Wanderung durch das Arbeitszimmer wieder auf, und jedes Mal, wenn ich an den Schreibtisch kam, wurde meine Aufmerksamkeit auf jene Zeitschrift gelenkt. „Herr, ist darin etwas, was du mir zeigen willst?“, sagte ich laut, und meine Stimme dröhnte plötzlich in dem stillen Haus. Ich setzte mich in meinen braunledernen Drehstuhl und schlug mit hart klopfendem Herzen, als ob ich dicht vor etwas stünde, was mein Begreifen überstieg, die Zeitschrift auf. Einen Augenblick später besah ich eine Federzeichnung, die sieben Jungen darstellte, und dabei strömten mir Tränen übers Gesicht. Am nächsten Abend war in der Kirche die Mittwoch-Gebetsstunde. Ich beschloss, der Gemeinde von meinem Zwölf-biszwei-Gebetsexperiment zu erzählen und auch von der seltsamen Anregung, die daraus hervorgegangen war. Der Mittwochabend erwies sich als ein kalter, verschneiter Mittwinterabend. Es kamen nicht viele Leute. Ich denke, die Farmer fürchteten, in der Stadt von einem Blizzard überrascht zu werden. Selbst die zwei Dutzend Stadtleute, die sich hinauswagten, tröpfel-

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ten spät herein und strebten den Sitzen im Hintergrund zu, was für den Prediger immer ein schlechtes Zeichen ist. Es bedeutet, dass er zu einer kalten Versammlung sprechen muss. Ich versuchte an dem Abend nicht einmal, eine Predigt zu halten. Als ich auf der Kanzel stand, bat ich alle, zu mir nach vorn zu kommen. „Weil ich Ihnen etwas zu zeigen habe“, sagte ich. Dann schlug ich Life auf und hielt ihnen die Zeitschrift hinab, damit sie sie sehen konnten. „Sehen Sie sich die Gesichter dieser Jungen genau an“, sagte ich. Und dann berichtete ich ihnen, wie ich in Tränen ausgebrochen war und die klare Weisung bekommen hatte, selber nach New York zu gehen und zu versuchen, jenen Jungen zu helfen. Meine Pfarrkinder blickten mich steinern an. Ich drang überhaupt nicht bis zu ihnen durch und ich konnte auch verstehen, warum nicht. Das natürliche Empfinden eines jeden Menschen für diese Jungen konnte nur Abscheu sein, aber kein Mitgefühl. Ich verstand meine Reaktion selber nicht. Doch dann geschah etwas Erstaunliches. Ich sagte der Gemeinde, ich wolle nach New York gehen, hätte aber kein Geld. Obwohl so wenig anwesend waren und obwohl sie nicht einmal verstanden, was ich vorhatte, kamen meine Pfarrkinder an jenem Abend eines nach dem anderen schweigend nach vorn und legten ein Opfer auf den Abendmahlstisch. Das Opfer machte fünfundsiebzig Dollar aus, ungefähr genug, um mit dem Wagen nach New York und zurück zu fahren. Am Donnerstag war ich zur Abfahrt fertig. Ich hatte Gwen angerufen und ihr – ich fürchte, ziemlich erfolglos – erklärt, was ich mir vorgenommen hatte. „Und du fühlst wirklich, dass dies die Führung des Heiligen Geistes ist?“, fragte Gwen. „Ja, Liebes!“ „Na, dann zieh wenigstens ein Paar warme Socken an.“ Am Donnerstag stieg ich frühmorgens mit Miles Hoover, dem Jugendleiter der Gemeinde, in meinen alten Wagen und fuhr ihn rückwärts die Einfahrt hinaus. Niemand war gekommen, uns „Gute

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Reise“ zu wünschen: wieder ein Zeichen ihres völligen Mangels an Begeisterung für dieses Unternehmen. Und dieser Mangel bestand nicht nur bei den anderen. Ich spürte ihn selber. Ich fragte mich immer wieder, was in aller Welt mich bewog, mit einem ausgerissenen Blatt der Zeitschrift Life in der Hand nach New York zu gehen. Ich fragte mich immer wieder, warum mir der Anblick jener Jungengesichter jedes Mal, wenn ich sie besah, und sogar in diesem Augenblick die Kehle zuschnürte. „Ich habe Angst, Miles“, gestand ich endlich, als wir die Pennsylvania Turnpike entlangfuhren. „Angst?“ „Ja, dass ich im Begriff sein könnte, irgendetwas Törichtes zu tun. Ich wünschte, es gäbe ein Mittel, Gewissheit zu erlangen, dass dies wirklich Gottes Führung ist und nicht etwa eine verrückte Idee von mir.“ Wir fuhren eine Zeitlang schweigend. „Miles?“ „Hm, ja?“ Ich hielt den Blick starr geradeaus gerichtet, denn ich schämte mich, ihn anzusehen. „Ich möchte gern, dass du etwas versuchst. Nimm deine Bibel und schlag sie aufs Geratewohl auf und lies mir die Bibelstelle vor, auf die du den Finger legst.“ Miles sah mich an, als ob er mich anklagte, irgendeine Art abergläubischen Ritus auszuführen, doch er tat, worum ich ihn gebeten hatte. Er griff auf den Rücksitz nach seiner Bibel. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie er die Augen schloss, den Kopf rückwärts neigte, das Buch aufschlug und den Finger entschlossen auf eine Stelle der aufgeschlagenen Seite legte. Dann las er für sich, und ich sah, wie er sich mir zuwandte und mich wortlos anblickte. „Nun?“, fragte ich. Die Bibelstelle war im 126. Psalm, der fünfte und sechste Vers. „Die mit Tränen säen“, las Miles, „werden mit Jubel ernten. Wohl schreitet man weinend dahin, wenn man trägt den Samen zur Aussaat; doch jubelnd kehrt man mit Garben heim.“

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Kapitel 2 Über die Fernstraße 46, die die New Jersey Turnpike mit der George-Washington-Brücke verbindet, kamen wir in die Außenbezirke von New York. Wieder einmal machte die Logik Schwierigkeiten. Was sollte ich tun, wenn ich auf der anderen Seite der Bücke war? Ich wusste es nicht. Wir brauchten Sprit, deshalb fuhren wir an eine Tankstelle, die kurz vor der Brücke lag. Während Miles beim Wagen blieb, nahm ich den Life-Artikel, ging in eine Telefonzelle und rief den Staatsanwalt an, dessen Name in dem Artikel stand. Als ich endlich das richtige Büro erreicht hatte, bemühte ich mich, wie ein würdiger Pastor in einer göttlichen Mission zu klingen. Die Mitarbeiter im Büro des Staatsanwaltsbüros waren nicht beeindruckt. „Der Staatsanwalt duldet keinerlei Einmischung in diesen Fall. Guten Tag, mein Herr!“ Und damit brach die Verbindung ab. Ich verließ die Telefonzelle. Einen Augenblick blieb ich neben einer Pyramide von Ölkanistern stehen und versuchte, das Gefühl wiederzuerlangen, dass ich in einer Mission unterwegs sei. Wir waren 350 Meilen von zu Hause weg, und es wurde dunkel. Müdigkeit, Mutlosigkeit und ein leichtes Angstgefühl grinsten mich an. Ich fühlte mich verlassen. Als ich da im Neonlicht der Tankstelle stand mit der Erfahrung einer Zurückweisung, wie ich sie hatte erwarten müssen, erschien mir die Führung, die ich in der Geborgenheit meines landpastörlichen Arbeitszimmers empfangen hatte, nicht mehr so überzeugend. „He, David!“ Miles rief mich. „Wir versperren hier die Ausfahrt.“ Wir fuhren langsam auf die Autostraße zurück und waren sofort in einen gigantischen Verkehrsstrom eingefangen. Hätten wir umwenden wollen, wäre es doch unmöglich gewesen. Ich hatte noch

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nie so viele Autos gesehen, und alle waren in Eile. Sie fuhren um mich herum und hupten nach mir; die Luftdruckbremsen gigantischer Lastwagen zischten mich an. Und welch einen Anblick die Brücke bot! Rechts ein Strom von rotem Licht – die Schlusslichter der Wagen vor uns –, links das weiße Gleißen des Gegenverkehrs und darüber die gewaltige Silhouette, die uns vor dem Abendhimmel entgegenwuchs. Ich erkannte plötzlich, was für ein Provinzler ich war. „Was machen wir jetzt?“, fragte ich Miles am Ende der Brücke, wo ein Dutzend grüne Wegweiser Autostraßen bezeichneten, deren Namen uns nichts bedeuteten. „Im Zweifelsfalle“, sagte Miles, „folge man dem Wagen vor sich!“ Der Wagen vor uns, so erwies es sich, fuhr nach Upper Manhattan. Wir taten das Gleiche. „Schau!“, sagte Miles, nachdem wir zweimal eine rote Ampel missachtet und beinahe einen Polizisten umgefahren hätten, der uns traurig kopfschüttelnd nachblickte, „hier ist ein bekannter Name! Broadway!“ Die Straße, deren Name uns so vertraut war, kam uns vor wie ein bekanntes Gesicht unter lauter Fremden. Wir folgten dem Broadway an nummerierten Straßenschildern vorbei, die von über 200 stetig abnahmen bis auf unter 50, und plötzlich waren wir auf dem Times Square. Wir mussten an die stillen Abende in Philipsburg denken, als Miles die Filmtitel von den Kino-Leuchtschriften ablas: „Nackte Geheimnisse“, „Lieblose Liebe“, „Teenager der Nacht“, „Schande“. An einem Filmtheater konnte man lesen: „Nur für Erwachsene“, während darunter ein Mann in roter Uniform Mühe hatte, eine große Schar rastlos drängender Kinder in die Schlange der Wartenden zurückzuweisen. Ein paar Häuserblocks weiter kamen wir zu Marcys und dann zu Gimbels. Bei ihrem Anblick hüpfte mir das Herz. Hier waren Namen, die ich kannte. In diesen Geschäften bestellte Gwen Sachen: Die warmen Socken, die anzuziehen ich ihr hatte versprechen müssen, stammten, meinte ich, von Gimbels. Hier war ein Berührungspunkt mit dem Alten und Bewährten. In der Nähe dieser Kaufhäuser wollte ich bleiben.

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„Lass uns hier herum nach einem Hotel suchen“, schlug ich Miles vor. Auf der anderen Straßenseite war das Martinique, für das wir uns entschieden. Nun kam das Parkproblem. Gegenüber dem Hotel war ein Parkplatz. Doch als der Mann am Eingang sagte: „Zwei Dollar die Nacht!“, fuhr ich eilends auf die Straße zurück. „Das fordert er, weil wir von außerhalb kommen“, sagte ich zu Miles, während ich schnellstens – ich hoffte, man würde der Geschwindigkeit meine Empörung anmerken – davonfuhr. „Wenn man fremd ist, meinen sie, sie könnten alles mit einem machen.“ Nach einer halben Stunde langten wir wieder an demselben Parkplatz an. „Nun gut, Sie haben gewonnen“, sagte ich zu dem Mann, der darauf nicht einmal lächelte. Einige Minuten später waren wir in unserem Zimmer im zwölften Stock des Hotels Martinique. Ich stand lange am Fenster und schaute hinab auf die Menschen und Autos. Hin und wieder blies ein Windstoß Müll und Zeitungspapier um die Ecke. Gegenüber drängte sich eine Gruppe Teenager um ein offenes Feuer. Sie traten in der Kälte von einem Bein aufs andere, streckten die Hände über die Flammen und fragten sich zweifellos, was sie anfangen sollten. Ich fingerte in meiner Tasche nach dem Blatt aus Life und malte mir aus, wie vor ein paar Monaten sieben Jungen, die vielleicht nicht viel anders waren als diese, in einer von Wut und Langeweile beherrschten Stimmung in den Highbridge-Park gegangen waren. „Ich versuche noch einmal, das Staatsanwaltsbüro anzurufen“, sagte ich zu Miles. Zu meiner Überraschung war es noch offen. Ich wusste, dass ich lästig wurde, aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich die Jungen sonst erreichen sollte. Ich rief zweimal an und dann noch ein drittes Mal. Und endlich hatte jemand die Störungen dermaßen satt, dass er mir eine Auskunft gab. „Sehen Sie“, wurde mir kurz angebunden gesagt, „die einzige Person, die Ihnen Erlaubnis erteilen kann, die Jungen zu besuchen, ist Richter Davidson selbst.“ „Und wie bekomme ich Richter Davidson zu sprechen?“ Eine gelangweilte Antwort: „Er ist morgen früh in der Verhandlung. Court Street 100. Und nun Guten Abend, Reverend. Bitte, rufen Sie hier nicht mehr an; wir können Ihnen nicht helfen!“

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Ich versuchte noch einen Anruf, diesmal beim Richter Davidson. Die Dame in der Vermittlung sagte mir aber, sein Anschluss sei stillgelegt worden. Sie bedaure. Nein, es gebe keine Möglichkeit durchzukommen. Wir gingen zu Bett, doch ich schlief nicht. Für meine Ohren war jeder ungewohnte Laut der nächtlichen Großstadt mit Drohungen erfüllt. Ich verbrachte die langen Stunden etwa zu gleichen Teilen damit, dass ich mich fragte, was ich hier überhaupt sollte, und mit glühenden Dankgebeten, dass es, was es auch sein mochte, mich hier nicht lange würde halten können. Am andern Morgen standen Miles und ich kurz nach sieben Uhr auf, kleideten uns an und bezahlten die Hotelrechnung. Wir aßen kein Frühstück. Wir spürten beide instinktiv, dass uns irgendwie etwas Entscheidendes bevorstand, und fühlten, dass dieses Fasten unserer geistigen und körperlichen Bereitschaft guttat. Hätten wir New York besser gekannt, dann wären wir mit der Untergrundbahn zum Gericht gefahren. Doch wir kannten New York nicht. So holten wir den Wagen vom Parkplatz, fragten nach dem Weg zur Court Street und fuhren wiederum den Broadway entlang. Hinter der Adresse 100 Court Street steckt ein furchterregendes Mammutgebäude, in das Leute strömen, die aufeinander zornig sind oder nach Rache dürsten. Es zieht täglich Hunderte an, die dort von Rechts wegen zu tun haben, es zieht aber auch neugierige Gaffer an, die nur kommen, um – gefahrlos natürlich – am Zorn der andern teilzuhaben. An jenem Tag ließ sich vor dem Gerichtssaal, in dem die Michael-Farmer-Verhandlung später am Vormittag stattfinden sollte, ein Mann in besonderer Weise hören. „Der Stuhl is’ für die noch zu gut“, sagte er zur Öffentlichkeit im Allgemeinen. Dann an den uniformierten Wachmann gewandt, der vor der geschlossenen Tür stand: „Man sollt den Dreckskerlen ’ne Lehre erteilen, ’n Beispiel setzen!“ Der Wachmann hakte die Daumen in den Leibriemen und kehrte dem Mann den Rücken zu, als habe er schon längst gelernt, dass dies gegen selbsternannte Hüter der Gerechtigkeit die einzige Abwehr ist.

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Bis wir ankamen – es war um acht Uhr dreißig – wartete da schon eine Schlange von vierzig Menschen, die alle in den Verhandlungssaal wollten. Später entdeckte ich, dass an diesem Tag in der Abteilung für Zuschauer zweiundvierzig Plätze vorhanden waren. Ich habe oft daran gedacht, dass alles, was mir seit dem 28. Februar 1958 begegnete, anders verlaufen wäre, wenn wir uns mit Frühstücken aufgehalten hätten. Anderthalb Stunden standen wir in der Schlange und wagten nicht, aus ihr herauszutreten, da andere schon auf eine Gelegenheit warteten, unsere Plätze einzunehmen. Einmal, als ein Gerichtsbeamter an uns vorbeiging, zeigte ich auf eine Tür weiter hinten im Gang. „Ist das Richter Davidsons Amtszimmer?“, fragte ich ihn. Er nickte. „Was meinen Sie, könnte ich ihn wohl sprechen?“ Der Mann schaute mich an und lachte. Er antwortete nicht, er ließ nur ein Grunzen vernehmen, das halb Spott, halb Belustigung ausdrückte, und ging weiter. Gegen zehn Uhr öffnete ein Wachmann die Türen zum Gerichtssaal, und wir gingen einzeln in einen kleinen Vorraum, in dem jeder von uns kurz durchsucht wurde. Wir streckten die Arme seitwärts. Ich nahm an, sie suchten nach Waffen. „Sie haben das Leben des Richters bedroht“, erklärte der Mann vor mir, sich halb nach mir umwendend, während er abgetastet wurde. „Die Dragon-Bande sagte, sie würden ihn bei der Verhandlung erwischen.“ Miles und ich setzten uns auf die beiden letzten Stühle. Ich fand mich neben dem Mann wieder, der dachte, die Justiz müsste schneller arbeiten. „Die Bengels sollten schon längst tot sein, meinen Sie nicht?“, fragte er mich, noch ehe wir saßen, und wandte sich dann, bevor ich antworten konnte, mit der gleichen Frage seinem anderen Nachbarn zu. Das Ausmaß des Gerichtsraumes überraschte mich. Ich hatte einen eindrucksvollen Saal mit Hunderten von Plätzen erwartet, doch ich glaube, dieser Gedanke rührte von Hollywood her. Tatsächlich wurde die Hälfte des Raumes schon vom Gerichtspersonal

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eingenommen, ein weiteres Viertel von der Presse, und nur ein kleiner Teil im Hintergrund blieb für die Öffentlichkeit. Mein Freund zur Rechten lieferte mir einen laufenden Kommentar über die Vorgänge beim Gericht. Eine große Anzahl Männer kamen in den hinteren Teil des Saales hereingeschlendert, und ich wurde unterrichtet, dass sie die vom Gericht bestimmten Verteidiger waren. „Siebenundzwanzig an der Zahl“, sagte mein Freund. „Mussten vom Staat gestellt werden. Niemand sonst würde den Abschaum verteidigen. Außerdem haben sie kein Geld. Latinos, Sie wissen schon!“ Ich wusste es nicht, gab aber keine Antwort. „Sie mussten auf ,Nicht schuldig‘ plädieren, Staatsgesetz für Mord ersten Grades. Auf den Stuhl sollen sie, alle zusammen!“ Dann kamen die Jungen selbst herein. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Männer, nehme ich an. Schließlich war es ein Mordprozess, und es war mir niemals wirklich aufgegangen, dass Kinder einen Mord begehen könnten. Aber dies waren Kinder. Sieben gebeugte, verängstigte, bleiche, magere Kinder, wegen brutalen Totschlags in einem Prozess auf Leben oder Tod. Jeder war mit Handschellen an einen Wachmann gefesselt, und jeder der Wachleute, so schien es mir, war ungewöhnlich groß und kräftig, als wären sie eigens um des Kontrastes willen ausgewählt worden. Die sieben Jungen wurden an die linke Seite des Raumes geführt. Man ließ sie sich setzen und nahm ihnen die Handschellen ab. „Die einzige Art, sie zu behandeln“, sagte mein Nachbar. „Man kann nicht vorsichtig genug sein. O Gott, wie ich diese Jungen hasse!“ „Gott scheint der Einzige zu sein, der sie nicht hasst“, antwortete ich. „Wa…?“ Jemand schlug ein Stück Holz an und rief die Versammelten zur Ordnung, denn der Richter betrat, während alles aufstand, sehr forsch den Saal. Ich beobachtete die Vorgänge schweigend, doch nicht so mein Nachbar. Er drückte sich derart nachdrücklich aus, dass die Leute

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sich mehrmals zu uns umdrehten und uns anstarrten. An dem Morgen stand ein Mädchen in der Zeugenbank. „Das ist die Puppe der Bande“, erfuhr ich von nebenan. „Eine Puppe ist eine Teen-Dirne.“ Man zeigte dem Mädchen ein Messer und fragte sie, ob sie dies erkenne. Sie gab zu, dass es das Messer war, von dem sie in jener Mordnacht Blut gewischt hatte. Es nahm den ganzen Vormittag in Anspruch, diese einfache Aussage zustande zu bringen. Und dann war die Prozedur ganz plötzlich vorbei. Es überraschte mich, und das mag zum Teil erklären, was dann geschah. Ich hatte keine Zeit zu überdenken, was ich tun wollte. Ich sah Richter Davidson aufstehen und ankündigen, dass die Verhandlung vertagt worden sei. Vor meinem geistigen Auge sah ich ihn schon, durch jene Tür tretend, den Saal verlassen und für immer verschwinden. Es war mir, als würde ich ihn, wenn nicht jetzt, überhaupt nie sprechen können. „Ich gehe da hin und rede mit ihm“, flüsterte ich Miles zu. „Du bist nicht bei Verstand!“ „Wenn ich’s nicht jetzt …“ Der Richter raffte seine Robe zusammen und schickte sich an, hinauszugehen. Mit einem raschen Gebet ergriff ich mit der Rechten meine Bibel – ich hoffte, sie würde mich als Geistlichen ausweisen –, schob mich an Miles vorbei in den Gang und lief zum vorderen Teil des Saales. „Euer Ehren!“, rief ich. Richter Davidson wirbelte herum, verdrossen und zornig über den Bruch der Gerichtsetikette. „Euer Ehren, würden Sie bitte berücksichtigen, dass ich Geistlicher bin, und mir eine Audienz gewähren?“ Inzwischen hatten mich aber die Wachleute schon ereilt. Ich halte die Tatsache, dass das Leben des Richters bedroht worden war, zum Teil für die Grobheit verantwortlich, mit der ich nun behandelt wurde. Zwei von ihnen ergriffen mich bei den Ellenbogen und drängten mich in den Gang hinab, während in der Presseabteilung plötzlich alles durcheinanderrief und -rannte und Fotografen um

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die Wette zum Ausgang stürzten, um eine Aufnahme zu erhaschen. Draußen im Vorraum übergaben mich die Wachleute zwei blau Uniformierten. „Schließen Sie die Türen dort!“, befahl der eine Polizist. „Lassen Sie niemand hinaus!“ Und dann, an mich gewandt: „Nun, Mister, wo ist der Revolver?“ Ich versicherte ihm, dass ich keinen Revolver hätte. Wieder wurde ich durchsucht. „Mit wem waren Sie hier? Wer ist da noch drin?“ „Miles Hoover. Er ist unser Jugendleiter.“ Sie brachten Miles herein. Er bebte, doch mehr vor Zorn und Scham, denke ich, als vor Furcht. Während die Polizei uns ausfragte, gelang es einigen Presseleuten, in den Raum einzudringen. Ich zeigte der Polizei meine Ordinationspapiere; so wussten sie, dass ich ein vertrauenswürdiger Geistlicher war. Sie erörterten miteinander, was für eine Anklage sie gegen mich erheben sollten. Der Wachtmeister sagte, er wolle sich nach Richter Davidsons Wünschen erkundigen, und während er zu ihm ging, fuhren die Presseberichterstatter fort, Miles und mich mit Fragen zu überhäufen. Wo wir herkämen. Warum wir das getan hätten. Ob wir zu den Dragons hielten. Ob wir die Kirchenpapiere gestohlen oder gefälscht hätten! Der Wachtmeister kam zurück und sagte, Richter Davidson wolle keine Klage erheben. Sie würden mich diesmal gehen lassen, wenn ich verspräche, nie wiederzukommen. „Seien Sie unbesorgt“, sagte Miles, „der kommt nicht wieder!“ Sie geleiteten mich unsanft auf den Flur hinaus. Dort erwartete mich ein Halbkreis von Zeitungsleuten mit gezückten Kameras. Einer fragte mich: „He, Rev’rn. Was ist das für ein Buch, das Sie da haben?“ „Meine Bibel.“ „Schämen Sie sich ihrer etwa?“ „Natürlich nicht!“ „Nicht? Warum verstecken Sie sie denn? Halten Sie sie doch hoch, damit wir sie sehen können!“

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Ich war naiv genug, sie hochzuhalten. Blitzlichter flammten auf, und plötzlich wusste ich, wie es in den Zeitungen erscheinen würde: Bibelschwingender Landprediger mit wirrem Haar unterbricht Mordverhandlung. Nur ein einziger der Berichterstatter war etwas sachlicher. Es war Gabe Pressmann von der NBC-Nachrichtenagentur. Er stellte mir ein paar Fragen darüber, warum ich mich für Jungen interessierte, die solch ein abscheuliches Verbrechen begangen hatten. „Haben Sie sich einmal die Gesichter der Jungen angesehen?“ „Ja, gewiss!“ „Und dann können Sie mich noch so etwas fragen?“ Gabe Pressmann lächelte kaum merklich. „Ich verstehe, was Sie sagen wollen. Nun, Reverend, Sie sind jedenfalls anders als die Neuigkeitsjäger.“ Ich war anders, das stimmte. So anders, dass ich dachte, ich hätte einen bestimmten göttlichen Auftrag, während ich doch nichts weiter tat, als den Narren zu spielen. Anders genug, um über meine Gemeinde, meine Stadt und meine Familie Schande zu bringen. Sobald sie uns gehen ließen, eilten wir auf den Parkplatz, wo unser Wagen wieder zwei Dollar Gebühren verdient hatte. Miles sagte kein Wort. In demselben Augenblick, als wir uns in den Wagen setzten und die Türen schlossen, ließ ich den Kopf vornübersinken und weinte zwanzig Minuten lang. „Lass uns nach Hause fahren, Miles. Bloß weg von hier!“ Als wir über die George-Washington-Brücke zurückfuhren, wandte ich mich um und blickte noch einmal auf die Silhouette von New York. Plötzlich fiel mir die Stelle in den Psalmen ein, die uns so ermutigt hatte: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Was für eine Art Führung war das gewesen? Ich fing an zu zweifeln, ob man von Gott wirklich Weisungen empfangen könne, indem man aufs Geratewohl den Finger auf ein Schriftwort legte. Wie sollte ich meiner Frau gegenübertreten, meinen Eltern, meiner Gemeinde? Ich hatte vor der Versammlung gestanden und ihr erzählt, Gott habe mein Herz bewegt, und nun musste ich nach Hause gehen und ihnen sagen, dass ich einen Fehler begangen hätte und vom Herzen Gottes überhaupt nichts wisse.

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