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John Bevere

Der Köder des Feindes

© Copyright 1994 by Charisma House, 600 Rinehart Road, Lake Mary, FL 32746, USA. All rights reserved.

© Copyright der deutschen Ausgabe 2021 by Asaph-Verlag 7. Auflage (1. Auflage im Asaph-Verlag) 2021

Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Bait of Satan Aus dem Englischen übersetzt von Jutta Germann

Bibelzitate wurden im Allgemeinen der Revidierten Elberfelder Bibel, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 9. Auflage 2003, andernfalls folgendermaßen gekennzeichneten Übersetzungen entnommen:

SL: Schlachter © 2000 Genfer Bibelgesellschaft

L: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Sämtliche Hervorhebungen in Bibelzitaten sind vom Autor.

Umschlaggestaltung: Fontis Media, René Graf

Satz: Samuel Ryba

Druck: Finidr, CZ

Printed in the EU

ISBN 978-3-95459-050-6

Bestellnummer 148050

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Fontis Media GmbH, Baukloh 1, 58515 Lüdenscheid, fontis@fontis-media.de oder www.fontis-shop.de

1.

2. Massive Angriffe

3. Wie konnte mir das nur passieren?

4. Mein Vater, mein Vater

5. Wie geistliche Vagabunden

6.

7.

8. Alles, was erschüttert werden kann, wird erschüttert

9. Der Stein des Anstoßes

10. Damit wir ihnen nicht zum Anstoß werden .....................

11. Wenn du nicht vergibst, wird auch dir nicht vergeben

12. Rache:

13.

DANKE …

… meiner Frau Lisa, die mir nach dem Herrn der liebste Freund ist. Du bist eine wirklich tugendhafte Frau. Für immer werde ich dem Herrn dankbar sein, dass er uns als Mann und Frau zusammengeführt hat. Ich danke dir für deine selbstlose Hilfe bei der Fertigstellung dieses Buches.

… meinen vier Söhnen Addison, Austin, Alexander und Arden, die oft auf ihren Vater verzichten mussten, damit dieses Vorhaben zu Ende gebracht werden konnte. Ihr seid die Freude meines Herzens!

Besonders danke ich John Mason, der an diese Botschaft glaubte und mich ermutigte, ihre Veröffentlichung anzustreben; ebenso bin ich für Deborah Poulalion und ihr Können und ihre Unterstützung bei der Überarbeitung dankbar. Danke auch allen Mitarbeitern von Charisma House, die mit uns an diesem Projekt arbeiteten.

Ganz besonders danke ich unserem Vater im Himmel für sein unbeschreibliches Geschenk, unserem Herrn Jesus für seine Gnade, Wahrheit und Liebe sowie dem Heiligen Geist für seine treue Führung beim Schreiben dieses Buches.

VORWORT

Dieses Buch wird vielleicht die wichtigste Konfrontation mit der Wahrheit deines Lebens sein. Das sage ich aus voller Überzeugung, nicht, weil ich das Buch geschrieben habe, sondern aufgrund seines Inhalts. Wie wir mit Ärgernissen umgehen – das Kernthema dieses Buches –, ist oftmals die schwierigste Herausforderung, der wir in unserem Leben begegnen.

Die Jünger Jesu hatten mit eigenen Augen viele beachtliche, große Wunder gesehen. Staunend verfolgten sie, wie Blinden die Augen geöffnet wurden und Tote auferstanden. Sie hörten, wie Jesus einen lebensbedrohlichen Sturm mit einem Wort besänftigte, und sahen, wie Tausende zu essen bekamen, als Jesus durch ein Wunder einige wenige Brote und Fische vermehrte. So viele Wunder und Zeichen wirkte Jesus, dass laut Bibel alle Bücher der Welt nicht ausreichen würden, um sie zu erfassen.

Niemals zuvor hatte die Menschheit das übernatürliche Wirken Gottes in einer derart überwältigenden und greifbaren Weise gesehen. Obwohl die Jünger darüber staunten, bewirkten diese Wunder nicht, dass sie an sich selbst zweifelten. Ihrer größten Herausforderung begegneten sie erst gegen Ende des irdischen Dienstes Jesu. Er hatte seine Jünger gelehrt: „Und wenn er [dein Bruder] siebenmal am Tag an dir sündigt und siebenmal zu dir umkehrt und spricht: Ich bereue es; so

sollst du ihm vergeben.“ Ihre unmittelbare Antwort darauf war: „[Herr,] mehre uns den Glauben!“ (Lk. 17,4–5). Nicht die Wunder lösten diesen Aufschrei nach größerem Glauben aus, ebenso wenig die Totenauferweckungen oder die Stillung des Sturms auf dem See – nein, es war einfach das Gebot Jesu, denen zu vergeben, die uns Unrecht tun.

Jesus sagte: „Es ist unvermeidlich, dass Anstöße [zur Sünde; Ärgernisse] kommen …“ (Lk. 17,1 SL). Die Frage ist nicht, ob wir an irgendetwas Anstoß nehmen, sondern wie wir dann reagieren. Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass nicht nur einige, sondern sehr viele Menschen verärgert und gekränkt sind und dadurch gefangen gehalten werden.

Die Erstveröffentlichung dieses Buches liegt nun schon über fünfzehn Jahre zurück. In dieser Zeit haben wir unzählige Briefe und persönliche Zeugnisse von unterschiedlichsten Menschen, darunter auch Predigern, und Familien erhalten. Sie alle berichten, wie die in diesem Buch enthaltene Wahrheit aus Gottes Wort sie geheilt und verändert hat. Im Folgenden geben wir einige wieder, um dich zu ermutigen. Wir freuen uns mit allen und geben Gott die Ehre.

Ein Pastor schrieb: „Unsere Gemeinde durchlebte gerade eine tiefe Spaltung, es sah hoffnungslos aus. Ich gab jedem Ältesten eine Kopie des Buches Der Köder des Feindes. Die Streitigkeiten wurden geschlichtet und heute haben wir wieder Einheit unter uns!“

Viele Ehen wurden gerettet. Als ich einmal in Nebraska sprach, trat nach meiner Predigt ein Paar an mich heran. Die Frau gestand: „Ich fühlte mich zehn Jahre von der Leiterschaft dieser Gemeinde gekränkt. Ich wurde verbittert und misstrauisch. Ständig verteidigte ich mich selbst und meinen Standpunkt. Meine Ehe litt unter meinem Schmerz und schließlich beschloss mein Mann, sich von mir scheiden zu lassen. Er war noch nicht errettet und wollte auch nichts mit

der Gemeinde zu tun haben. In dieser Zeit gab mir jemand das Buch Der Köder des Feindes. Ich las es und in kürzester Zeit wurde ich von Kränkung und Bitterkeit frei. Als mein Mann diese große Veränderung in meinem Leben sah, übergab er sein Leben dem Herrn Jesus Christus und stoppte die laufenden Formalitäten für unsere Scheidung.“ Der Mann, der neben ihr stand, lächelte. Als sie ihre Erzählung beendet hatte, bestätigte er die wunderbaren Veränderungen in seinem Leben und seiner Familie!

Ein Zeugnis, das mich sehr berührte, hörte ich, als ich in Naples in Florida diente. Kurz bevor ich zu predigen begann, erhob sich ein kräftiger Mann mittleren Alters und erzählte vor der Versammlung seine tragische Lebensgeschichte: „Mein Leben lang fühlte ich eine Mauer zwischen mir und Gott. Während andere auf Konferenzen die Gegenwart Gottes spürten, war ich nur ein distanzierter und empfindungsloser Beobachter. Sogar wenn ich betete, spürte ich weder eine Erleichterung noch die Gegenwart Gottes. Vor einigen Wochen bekam ich das Buch Der Köder des Feindes in die Hände. Ich las es durch und entdeckte, dass ich vor Jahren einen Köder geschluckt hatte: Ich hasste meine Mutter, weil sie mich verlassen hatte, als ich sechs Monate alt war. Mir wurde klar, dass ich zu ihr gehen und ihr vergeben musste. Ich rief sie an und sprach mit ihr, zum zweiten Mal in 36 Jahren. Weinend gestand ich ihr: ,Mama, mein ganzes Leben lang habe ich einen Groll gegen dich gehegt, weil du mich weggegeben hast.‘ Sie fing an zu weinen und sagte: ,Ich habe mich die letzten 36 Jahre dafür gehasst, mein Sohn.‘“

Dann sagte er: „Ich vergab ihr und sie konnte sich selbst vergeben – nun sind wir beide versöhnt.“

Schließlich kam er zum Höhepunkt seiner Geschichte: „Jetzt ist auch die Mauer, die mich all die Jahre von Gottes Gegenwart getrennt hat, verschwunden!“ Dann wurde er von

seinen Gefühlen überwältigt und fing an zu weinen. Er musste sehr mit sich ringen, um die letzten Worte verständlich herauszubringen: „Nun weine ich in der Gegenwart Gottes wie ein kleines Kind.“

Ich selbst kenne die Macht und Realität dieser Gefangenschaft. Viele Jahre lang war auch ich wie betäubt, weil Satan mich mit dieser Folter knechtete. Dieses Buch enthält nicht graue Theorie, sondern ausgelebtes Wort Gottes. Es lehrt Wahrheiten, die ich am eigenen Leib erfahren habe. Ich glaube fest daran, dass dich dieses Buch stärken wird. Während du es liest, bitte den Herrn, deinen Glauben wachsen zu lassen. Denn wenn du im Glauben wächst, wird er verherrlicht, und du wirst mit Freude erfüllt werden! Möge Gott dich reichlich segnen.

— John Bevere

EINFÜHRUNG

Jeder, der schon einmal Tiere gefangen hat, weiß, dass eine Falle zwei Voraussetzungen erfüllen muss, um zum Erfolg zu führen: Sie muss versteckt sein, sodass ein Tier hineingeraten kann, und sie muss einen Köder enthalten, um das Tier in ihren tödlichen Rachen zu locken.

Satan, unser Feind, benutzt beide Strategien, wenn er seine täuschenden, tödlichen Fallen auslegt. Sie sind nicht nur gut getarnt, sondern auch mit einem Köder versehen.

Satan, ebenso wie seine Helfershelfer, ist bei Weitem nicht so deutlich zu erkennen, wie viele glauben. Er handelt vielmehr verdeckt und bedient sich mit Vorliebe der Verführung und Täuschung. Er ist gerissen, listig und raffiniert. Vergiss nie, dass er sich als ein Botschafter des Lichts verstellen kann. Wenn wir nicht durch das Wort Gottes darin geübt sind, in rechter Weise zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, werden wir seine Fallen nicht als solche erkennen.

Einem der tückischsten und trügerischsten Köder Satans ist jeder Christ schon einmal begegnet: einem Ärgernis oder Anstoß. Ärgernisse an sich sind nicht tödlich – sofern sie nur als Köder in der Falle bleiben. Wenn wir sie aber annehmen, unser Inneres damit nähren und unser Herz davon erfüllen lassen, dann reagieren wir schließlich gekränkt, verärgert, beleidigt. Gekränkte Menschen bringen viel „Frucht“ hervor, unter anderem Schmerz, Zorn, Streitigkeiten, Eifersucht, Groll, Empörung,

Bitterkeit, Hass und Neid. Folgen der Kränkung sind z. B. Beschimpfungen, Angriffe, Verletzung, Spaltung, Trennung, zerstörte Beziehungen, Verrat und Abwendung von Gott.

Oftmals merken gekränkte Menschen gar nicht, dass sie in der Falle sitzen. Sie sind sich ihres Zustandes überhaupt nicht bewusst, weil sie so auf das Unrecht fixiert sind, das ihnen geschehen ist. Sie verleugnen ihren eigenen Zustand vor sich selbst. Am besten gelingt es dem Feind, uns mit Blindheit zu schlagen, indem er uns dazu bringt, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren.

Dieses Buch bringt diese tödliche Falle ans Licht und zeigt auf, wie man ihr entkommt und frei bleibt. Jesus sagte, es sei unmöglich, ohne Ärgernisse zu leben (Lk. 17,1).Für jeden Christen ist es von entscheidender Bedeutung, dass er nicht in die Falle tappt und sich kränken lässt.

In den Gemeinden in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern, in denen ich über dieses Thema predige, kommen beim Aufruf zum Gebet über fünfzig Prozent der Zuhörer nach vorne. Dies ist zwar eine enorme Reaktion, doch es kommen nicht alle. Manche Leute hält ihr Stolz davon ab, auf eine solche Predigt zu reagieren. Ich habe gesehen, wie Menschen geheilt, freigesetzt und mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden und Gebetserhörungen erlebten, nachdem sie aus dieser Falle befreit worden waren. Die meisten berichteten, dass sie bereits seit Jahren nach dem gesucht hatten, was sie in einem einzigen Moment empfangen konnten, nachdem sie frei geworden waren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Erkenntnis unter Christen stark zugenommen. Trotz dieser Zunahme sieht es so aus, als ob wir mehr Spaltung und Trennung unter Gläubigen, Leitern und Glaubensgemeinschaften hätten denn je. Der Grund: Wo ein Mangel an echter Liebe herrscht, können Kränkungen ungehindert wuchern. „Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut“ (1. Kor. 8,1). Es sitzen so

viele Menschen in dieser trügerischen Falle, dass wir diesen Zustand schon fast für normal halten.

Vor der Wiederkunft Jesu werden echte Gläubige jedoch in einer nie zuvor erlebten Weise eins sein. Ich glaube, dass in den vor uns liegenden Tagen unzählige Männer und Frauen aus dieser Falle der Kränkung befreit werden. Dies wird wesentlich dazu beitragen, dass es in unserem Land Erweckung gibt. Durch die Liebe, die wir füreinander haben, werden die Ungläubigen Jesus erkennen, wo sie früher ihm gegenüber blind waren.

Ich halte nichts davon, ein Buch zu schreiben, nur um leeres Papier zu füllen. Gott hat mir die Gedanken, die ich in diesem Buch niedergeschrieben habe, förmlich in mein Herz hineingebrannt und ich habe bleibende Frucht gesehen. Nach einem Gottesdienst, in dem ich diese Botschaft gepredigt hatte, sagte ein Pastor zu mir: „Ich habe noch nie gesehen, dass so viele Menschen auf einmal befreit wurden.“

Gott hat in meinem Herzen zu mir gesagt, dass dies nur der Anfang ist. Viele werden freigesetzt, geheilt und wiederhergestellt werden, während sie dieses Buch lesen und dem Reden des Heiligen Geistes folgen. Ich glaube, dass der Lehrer und Ratgeber dir beim Lesen dieses Buches die Worte ganz persönlich nahebringen wird. Das so geoffenbarte Wort wird in dir große Freiheit für dein Leben und deinen Dienst erzeugen. Lass uns zu Beginn des Buches gemeinsam beten:

Vater, ich bitte dich im Namen Jesu, dass du mir durch deinen Geist beim Lesen dieses Buches dein Wort offenbarst. Zeige mir verborgene Dinge in meinem Herzen, die mich daran hindern, dich zu kennen und dir effektiv zu dienen. Ich öffne mich für die Überführung durch den Heiligen Geist und bitte dich um deine Gnade, das tun zu können, was du von mir möchtest. Ich möchte dich besser kennenlernen, indem ich beim Lesen dieses Buches dein Reden höre. Amen.

WIE WIR AUF ÄRGERNISSE

REAGIEREN, BESTIMMT

UNSERE ZUKUNFT.

BIN ICH GEKRÄNKT?

Es ist unvermeidlich, dass Anstöße [zur Sünde; Ärgernisse] kommen.

— Lukas 17,1 SL

Auf meinen Predigtreisen quer durch die Vereinigten Staaten und in viele andere Länder konnte ich eine der tödlichsten und irreführendsten Fallen des Teufels beobachten. Sie hält Unzählige gefangen, zerstört Beziehungen und verhärtet die Fronten zwischen Menschen. Es ist die Falle der Kränkung. Viele sind nicht in der Lage, ihrer Berufung richtig nachzukommen, weil sie Wunden und Verletzungen haben, die durch Ärgernisse verursacht worden sind. Sie lassen sich dadurch in ihrer Freiheit einschränken und davon abhalten, ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen. In den meisten Fällen stammen die Kränkungen von anderen Gläubigen und werden deshalb wie Verrat empfunden. In Psalm 55,13–15 klagt David: „Denn nicht ein Feind höhnt mich, sonst würde ich es ertragen; nicht mein Hasser hat großgetan gegen mich, sonst würde ich mich vor ihm verbergen; sondern du, ein Mensch meinesgleichen, mein Freund und mein Vertrauter, die wir die Süße der Gemeinschaft miteinander erlebten, ins Haus Gottes gingen in festlicher Unruhe!“

Es sind die, neben denen wir sitzen, mit denen wir zusammen singen, vielleicht ist es sogar der, der gerade predigt. Wir verbringen freie Tage zusammen, engagieren uns gemeinsam sozial oder sitzen in einem Büro. Oder die Beziehung ist noch enger: Wir wachsen mit den Betreffenden auf, vertrauen uns ihnen an, schlafen neben ihnen. Je enger eine Beziehung ist, desto intensiver ist der Schmerz, der durch die Kränkung entsteht. Am intensivsten hassen sich oft Menschen, die sich einmal sehr nahestanden.

Rechtsanwälte können dir erzählen, dass ihre schlimmsten Fälle vor dem Scheidungsrichter verhandelt werden. Am laufenden Band berichten die amerikanischen Medien von Morden, die von verzweifelten Familienmitgliedern verübt worden sind. Die eigene Familie, gedacht als ein Ort, an dem wir Schutz und Versorgung erleben, an dem wir uns entwickeln, an dem wir lernen, Liebe zu geben und zu empfangen, ist gleichzeitig oft auch der Ursprung unserer Schmerzen. Die Geschichte lehrt uns, dass die blutigsten Kriege die sind, in denen Bruder gegen Bruder, Sohn gegen Vater und Vater gegen Sohn kämpfen.

Die Möglichkeiten, gekränkt zu werden, sind so vielseitig wie unsere Beziehungen zueinander – und es ist nicht von Bedeutung, wie komplex oder einfach sie sind. Es gilt die Regel: Nur die, die dir etwas bedeuten, können dich verletzen. Du erwartest mehr von ihnen – weil du ihnen mehr von dir gegeben hast. Je höher die Erwartungen sind, umso größer die Enttäuschung.

In unserer Gesellschaft herrscht der Egoismus. Männer wie Frauen trachten heute nach ihrem eigenen Wohl, weshalb sie die Menschen um sich herum vernachlässigen und verletzen. Das sollte uns nicht überraschen. Die Bibel beschreibt sehr deutlich, dass die Menschen in den letzten Tagen „selbstsüchtig“ sein werden (2. Tim. 3,2). Wir erwarten

ein derartiges Verhalten von Ungläubigen, doch Paulus bezog sich hier nicht auf Menschen außerhalb der Gemeinde. Nein, er sprach von denen, die dazugehören. Es gibt viele, die verletzt und verbittert sind und leiden – sie sind gekränkt. Dabei erkennen sie nicht, dass sie in die Falle Satans getappt sind. Ist es unser Fehler? Jesus sagte sehr deutlich, dass man nicht in dieser Welt leben kann, ohne gekränkt zu werden. Trotzdem sind die meisten Gläubigen entrüstet, verwirrt und überrascht, wenn es geschieht. Wir meinen, dass wir die Einzigen sind, denen Unrecht geschieht. Doch durch eben diese Reaktion schaffen wir einen Nährboden für die Wurzel der Bitterkeit. Deshalb müssen wir auf Ärgernisse vorbereitet und gegen sie gewappnet sein, denn unsere Reaktion darauf bestimmt den Verlauf unserer Zukunft.

DIE IRREFÜHRENDE FALLE

Das griechische Wort für „Anstöße zur Sünde/Ärgernisse“ in Lukas 17,1 kommt von dem Wort skandalon. Dieses Wort bezog sich ursprünglich auf jenen Teil der Falle, an dem der Köder befestigt wurde. Es bedeutet also, jemandem eine Falle in den Weg zu stellen.1 Im Neuen Testament beschreibt es oft einen Hinterhalt des Feindes. Die Kränkungen, die aus Ärgernissen resultieren, eröffnen dem Teufel eine Möglichkeit, Menschen in Gebundenheit zu führen. Paulus weist den jungen Timotheus an:

Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam, und die Widersacher in Sanftmut zurechtweisen und hoffen, ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe zur Erkenntnis der Wahrheit und sie wieder aus dem Fallstrick des Teufels heraus nüchtern

werden, nachdem sie von ihm gefangen worden sind für seinen Willen.

— 2. Timotheus 2,24–26

Jene, die in Streit und Widerstand leben, treten in die aufgestellte Falle und sind gezwungen, den Willen des Teufels zu tun. Noch schlimmer ist jedoch, dass sie sich ihrer Gefangenschaft gar nicht bewusst sind! Wie einst der verlorene Sohn, müssen sie wieder zur Besinnung kommen und ihren wahren Zustand erkennen. Es ist ihnen nicht bewusst, dass aus ihnen Bitteres statt Reines fließt. Wenn sich jemand täuscht, ist er der Meinung, im Recht zu sein, obwohl er es nicht ist. Ungeachtet des jeweiligen Falles können wir gekränkte Menschen in zwei Gruppen unterteilen: Erstens in diejenigen, denen Unrecht geschehen ist, und zweitens in diejenigen, die glauben, ihnen wäre Unrecht geschehen. Die Menschen der zweiten Kategorie sind fest überzeugt, dass ihnen Unrecht zugefügt wurde. Sehr oft ziehen sie ihre Schlussfolgerung aufgrund unvollständiger Informationen. Es kann aber auch sein, dass sie richtig informiert sind, aber die falschen Schlüsse ziehen. In beiden Fällen leiden sie und ihr Verständnis ist verdunkelt. Sie urteilen anhand von Vermutungen, äußerem Anschein und Gerüchten.

DER WAHRE ZUSTAND DES HERZENS

Eine Möglichkeit, wie der Feind jemanden gefangen halten kann, besteht darin, die Kränkung hinter dem Schleier des Stolzes zu verstecken. Stolz wird dich immer davon abhalten, deinen wahren Zustand preiszugeben. Einmal wurde ich von einem Pastorenehepaar sehr verletzt. Andere kamen zu mir und sagten: „Unvorstellbar, dass sie dir so etwas angetan ha-

ben. Bist du denn nicht total gekränkt?“ Darauf entgegnete ich schnell: „Nein, ich bin nicht verletzt. Bei mir ist alles in Ordnung.“ Es war mir klar, dass es falsch war, gekränkt zu sein, und darum verleugnete und verdrängte ich es. Mein Stolz vertuschte, wie ich mich innerlich wirklich fühlte.

Stolz hält dich davon ab, der Wahrheit ins Auge zu schauen. Er zerstört deine Fähigkeit, klar zu sehen, denn solange du denkst, dass alles in Ordnung ist, wirst du dich nicht ändern. Stolz verhärtet dein Herz und umnebelt deine Sinne. Er verhindert eine Veränderung deiner Herzenshaltung – die Buße –, die dich freisetzen kann (siehe 2. Timotheus 2,24–26).

Durch Stolz siehst du dich als das eigentliche Opfer, denn du bist der festen Überzeugung: „Weil ich schlecht behandelt und falsch beurteilt wurde, habe ich das Recht, mich so zu verhalten.“ Wegen dieser Überzeugung bist du nicht bereit, anderen zu vergeben. Obwohl dir der wahre Zustand deines Herzens nicht bewusst ist, ist er für Gott sichtbar. Auch wenn du nicht richtig behandelt worden bist, hast du kein Recht, am Gekränktsein festzuhalten. Auf Ungerechtigkeit mit Unrecht zu reagieren, macht alles nur noch schlimmer.

DER WEG ZUR HEILUNG

Im Buch der Offenbarung, Kapitel 3, wendet sich Jesus an die Gemeinde von Laodizea. Zunächst sagt er ihnen, wie sie sich selbst sehen, wohlhabend und ohne Mangel – dann zeigt er ihnen ihren wahren Zustand: „Du [bist] der Elende und bemitleidenswert und arm und blind und bloß [nackt]“ (Offb. 3,17). Sie hielten ihre finanzielle Stärke für geistliche Stärke. Ihr Stolz verdeckte ihnen die Sicht für ihren wahren Zustand.

Es gibt auch heute viele, die genauso sind. Sie können den wahren Zustand ihres Herzens nicht sehen, wie auch ich

meinen Groll gegen das Pastorenehepaar nicht erkannte. Ich hatte mir selbst eingeredet, dass ich mich überhaupt nicht verletzt fühle. Jesus zeigte der Gemeinde von Laodizea den Weg aus diesem Selbstbetrug: indem sie Gottes Gold kaufen und ihren wahren Zustand erkennen.

Gottes Gold kaufen

Die erste Anweisung, die uns Jesus gibt, damit wir uns aus der Selbsttäuschung befreien können, ist: „[Darum] rate ich dir, von mir im Feuer geläutertes Gold zu kaufen“ (Offb. 3,18).

Im Feuer geläutertes Gold ist weich und geschmeidig; es ist frei von Fremdstoffen und kann nicht korrodieren. Wird Gold jedoch mit anderen Metallen (Kupfer, Eisen, Nickel usw.) vermischt, wird es härter, verliert seine Geschmeidigkeit und wird anfälliger für Korrosion. Eine solche Mischung bezeichnet man als Legierung. Je höher der Anteil an Fremdmetallen, desto härter wird das Gold. Umgekehrt bedeutet es, je weniger Fremdmetalle eine Legierung enthält, desto weicher und formbarer wird sie.

Jetzt wird der Vergleich verständlich: Ein reines Herz ist wie reines Gold – weich, formbar und biegsam. Hebräer 3,13 sagt, dass das Herz durch den Betrug der Sünde verhärtet wird. Wenn wir mit einer Kränkung nicht richtig umgehen, bringt die Sünde noch weitere Frucht hervor, wie Bitterkeit, Zorn und Groll. Diese verhärten unser Herz ebenso wie eine Legierung das Gold. Dadurch schwindet unsere Sensibilität und wir verlieren unser Einfühlungsvermögen. Es beeinträchtigt unsere Fähigkeit, Gottes Stimme zu hören, und vernebelt uns die Sicht, sodass wir nicht mehr klar sehen. Unter diesen perfekten Rahmenbedingungen kann sich Selbstbetrug prächtig entwickeln.

Um Gold zu läutern, muss man es zunächst zermahlen und mit einem sogenannten Flussmittel vermischen. Dann

kommt diese Mischung in einen Hochofen und wird durch große Hitze zum Schmelzen gebracht. Die Legierungen und Unreinheiten werden vom Flussmittel angezogen und steigen an die Oberfläche. Das schwerere Gold hingegen bleibt am Boden des Hochofens zurück. Die Fremdstoffe, auch Schlacke genannt (wie Kupfer, Eisen und Zink in Verbindung mit dem Flussmittel), werden beseitigt, ein reineres Metall ist entstanden.

Lass uns anschauen, was Gott dazu sagt:

Siehe, ich habe dich geläutert, doch nicht im Silberschmelzofen; ich habe dich geprüft im Schmelzofen des Elends.

— Jesaja 48,10

Im Neuen Testament heißt es:

Darin jubelt ihr, die ihr jetzt eine kleine Zeit, wenn es nötig ist, in mancherlei Versuchungen betrübt worden seid, damit die Bewährung eures Glaubens viel kostbarer befunden wird als die des vergänglichen Goldes, das durch Feuer erprobt wird, zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi.

— 1. Petrus 1,6–7

Gott läutert durch Bedrängnisse, Widrigkeiten und Kummer. Die daraus resultierende „Hitze“ trennt die Unreinheiten wie Unversöhnlichkeit, Zwietracht, Bitterkeit, Zorn und Neid vom Charakter Gottes in unserem Leben.

Ohne das Feuer der Probleme und Sorgen kann sich Sünde sehr leicht verstecken. So wirkt in Zeiten des Wohlstands und Erfolgs vielleicht sogar ein niederträchtiger Mensch freundlich und großzügig. In der Hitze der Prüfungen jedoch kommen die Unreinheiten an die Oberfläche.

Es gab eine Zeit in meinem Leben, in der ich durch Prüfungen ging, die intensiver waren als alles, was ich zuvor erlebt hatte. Ich fing an, rau und schroff mit denen umzugehen, die mir am nächsten standen, und meine Familienangehörigen und Freunde gingen mir mehr und mehr aus dem Weg. Eines Tages schrie ich zum Herrn: „Wo kommt auf einmal all dieser Zorn her? Der war doch vorher nicht da!“

Der Herr antwortete: „Mein Sohn, wenn Gold im Feuer verflüssigt wird, kommen die Unreinheiten an die Oberfläche.“ Dann stellte er mir eine Frage, die mein Leben total veränderte: „Kannst du die Unreinheiten im Gold sehen, bevor es erhitzt wird?“

„Nein“, antwortete ich.

„Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht vorhanden sind“, sagte er. „Wenn du dem Feuer der Prüfung ausgesetzt wirst, dann tauchen die Unreinheiten auf. Obwohl sie für dich verborgen waren, waren sie für mich die ganze Zeit über sichtbar. Nun hast du die Wahl und deine Entscheidung wird deine Zukunft bestimmen. Du kannst zornig bleiben und deine Frau, deine Freunde, deinen Pastor und die Menschen, mit denen du zusammenarbeitest, dafür beschuldigen, oder du erkennst die Schlacke der Sünde als das an, was sie ist. Dann tu Buße, empfange Vergebung, und ich werde meinen Schöpflöffel nehmen und diese Verunreinigungen aus deinem Leben entfernen.“

Erkenne deinen wahren Zustand. Jesus sagte, dass unsere Fähigkeit, klar zu sehen, ein weiterer Schlüssel ist, um von Täuschung befreit zu werden. Wenn wir gekränkt sind, sehen wir uns meistens als Opfer und geben denen, die uns verletzt haben, die Schuld. Dadurch rechtfertigen wir unsere Bitterkeit, unsere Unversöhnlichkeit, unseren Zorn, unseren Neid und unsere Ablehnung, wenn sie an

die Oberfläche kommen. Manchmal gehen wir sogar so weit, dass wir die ablehnen, die uns an jene erinnern, die uns verletzt haben. Jesus hat uns deshalb ermahnt, unsere Augen zu salben, damit wir sehen (Offb. 3,18). Was sollen wir sehen? Unseren wahren Zustand! Das ist die einzige Möglichkeit, wie wir das tun können, was Jesus uns als Nächstes befiehlt: „Sei nun eifrig und tu Buße!“ Du wirst nur dann Buße tun, wenn du aufhörst, anderen die Schuld zu geben.

Immer dann, wenn wir andere beschuldigen und unsere eigene Position verteidigen, sind wir blind. Wir versuchen, den Splitter aus dem Auge unseres Bruders zu ziehen, während wir im eigenen Auge einen Balken haben. Es ist die Offenbarung der Wahrheit, die uns Freiheit bringt. Wenn Gottes Geist uns unsere Sünde zeigt, dann tut er es immer auf eine Weise, die nicht uns als Person angreift. So werden wir nicht verurteilt, sondern überführt.

Ich bete, dass beim Lesen dieses Buches Gottes Wort dir die Augen öffnet und Verständnis gibt, damit du deinen wahren Zustand erkennst und von jeder Kränkung, die du mit dir herumträgst, frei wirst. Lass dich nicht von Stolz abhalten, klar zu sehen und Buße zu tun.

EIN GEKRÄNKTER CHRIST IST JEMAND, DER ZWAR LEBEN EMPFÄNGT,

ABER AUS ANGST NICHT IN DER LAGE IST, ES WEITERZUGEBEN.

MASSIVE ANGRIFFE

Und dann werden viele Anstoß nehmen und einander verraten und einander hassen. Und es werden viele falsche Propheten auftreten und werden viele verführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.

— Matthäus 24,10–13 SL

In diesem Kapitel des Matthäusevangeliums erklärt Jesus die Zeichen, die das Ende dieses Zeitalters ankündigen. Seine Jünger hatten ihn gefragt: „Was wird das Zeichen deiner Wiederkunft ... sein?“ (Vers 3 SL).

Die meisten Christen stimmen darin überein, dass Jesus bald wiederkommen wird. Es ist absolut sinnlos zu versuchen, den genauen Tag zu ermitteln; nur der Vater kennt ihn. Doch Jesus sagte uns, wir würden die Zeit erkennen. Und die Zeit ist jetzt! Nie zuvor haben wir gesehen, wie sich so viele Prophetien in der Gemeinde, in Israel und in der Umwelt erfüllt haben wie heute. Deswegen können wir zuversichtlich sagen, dass wir uns in jenem Zeitabschnitt befinden, den Jesus in Matthäus 24 beschrieb.

Beachte, eines der Zeichen seines bevorstehenden Kommens ist, dass „viele Anstoß nehmen“ werden. Da ist nicht von wenigen oder einigen die Rede, sondern von vielen.

Zuerst müssen wir uns fragen: „Wer nimmt Anstoß?“ Sind hier die Christen gemeint oder die Gesellschaft im Allgemeinen? Die Antwort darauf finden wir, wenn wir in diesem Kapitel weiterlesen: „Und weil die Gesetzlosigkeit überhandnimmt, wird die Liebe in vielen erkalten.“ Das griechische Wort für „Liebe“ in diesem Vers ist agape. Im Neuen Testament werden im griechischen Urtext vier verschiedene Wörter für „Liebe“ benutzt, die zwei häufigsten sind agape und phileo. Phileo beschreibt eine Liebe, wie sie unter Freunden zu finden ist. Es ist eine auf Gefühlen basierende Liebe, die an Bedingungen geknüpft ist, nach dem Motto: „Eine Hand wäscht die andere.“ Wenn du zu mir freundlich bist, dann bin ich auch zu dir nett.

Im Gegensatz dazu ist agape die Liebe, die Gott in die Herzen seiner Kinder ausgegossen hat. Es ist die gleiche Liebe, die uns Jesus mit verschwenderischer Großzügigkeit gibt.

Diese Liebe ist bedingungslos. Sie ist unabhängig vom Verhalten und auch davon, ob sie erwidert wird. Diese Liebe gibt selbst dann noch, wenn sie abgelehnt wird.

Ohne Gott können wir nur egoistisch lieben – wir geben nur dann, wenn wir etwas zurückbekommen und unsere Liebe erwidert wird. Agape ist im Gegensatz dazu eine Liebe, die völlig unabhängig davon ist, ob sie erwidert wird. Das ist die Liebe, die durch Jesus ausgegossen wurde, als er uns am Kreuz Vergebung schenkte. Die „vielen“, auf die Jesus sich bezieht, sind jene Christen, deren agape erkaltet ist. Es ist schon eine Weile her, da tat ich alles, was in meiner Macht stand, um einer bestimmten Person meine Liebe zu zeigen. Es schien jedoch, als ob diese Person mir jedes Mal, wenn ich mich in Liebe nach ihr ausstreckte, nur Kritik und Kälte entgegenbrachte. Monatelang ging das so weiter, bis ich es eines Tages satthatte.

Ich beschwerte mich bei Gott: „Ich hab’s satt. Du musst mir das unbedingt erklären. Jedes Mal, wenn ich dieser Person deine Liebe zeige, reagiert sie nur verärgert!“ Der Herr erwiderte mir: „John, du musst Glauben an die Liebe Gottes entwickeln.“

„Was meinst du damit?“, fragte ich. „Wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten“, antwortete er, „wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten. Lasst uns aber im Gutestun nicht müde werden! Denn zur bestimmten Zeit werden wir ernten, wenn wir nicht ermatten“ (Gal. 6,8–9). Es muss dir bewusst sein, dass du die Liebe Gottes ernten wirst, wenn du sie säst. Du musst anfangen, an dieses geistliche Gesetz zu glauben – auch wenn du möglicherweise nicht von dem Feld erntest, auf dem du gesät hast, oder es länger dauert, als dir lieb ist.

Dann sagte der Herr: „In meiner größten Bedrängnis haben mich meine engsten Freunde verlassen. Judas hat mich verraten, Petrus mich verleugnet und die restlichen rannten um ihr Leben, nur Johannes folgte mir in sicherer Entfernung. Ich hatte mich mehr als drei Jahre um sie gekümmert, ihnen zu essen gegeben und sie gelehrt. Trotzdem habe ich vergeben, als ich für die Sünden der Welt gestorben bin. Ich habe sie alle freigesetzt – angefangen bei meinen Freunden, die mich verlassen haben, bis hin zur römischen Wache, die mich gekreuzigt hat. Sie haben mich nicht um Verzeihung gebeten, trotzdem habe ich bereitwillig vergeben. Ich glaubte an die Liebe meines Vaters.

Mir war klar, dass ich durch die Liebe, die ich gesät hatte, von vielen Söhnen und Töchtern im Reich Gottes wieder ernten würde. Sie würden mich für mein erbrachtes Liebesopfer lieben.

Ich sagte: ,Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch

beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist. Er lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und lässt es über Gerechte und Ungerechte regnen. Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe?‘“ (siehe Matthäus 5,44–47).

GROSSE ERWARTUNGEN

Mir wurde deutlich, dass die Liebe, die ich gab, im Geist gesät wurde. Letzten Endes würde ich die Frucht aus diesem Samen ernten. Auch wenn ich nicht wusste, woher, so wusste ich doch, dass die Ernte kommen würde. Es war für mich nicht länger eine Enttäuschung, wenn die Liebe nicht von der Person zurückkam, der ich sie gegeben hatte. Im Gegenteil – gerade das motivierte mich, diesen Menschen erst recht zu lieben!

Wenn dies noch mehr Christen erkennen würden, würden sie nicht aufgeben oder gekränkt sein. Meistens ist es nicht die Liebe, die unser Handeln bestimmt. Wir handeln aufgrund einer eigensüchtigen Liebe und sind schnell enttäuscht, wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden. Wenn ich von bestimmten Menschen etwas erwarte, kann ich enttäuscht werden. Die Menschen werden mich in dem Maße enttäuschen, wie sie meine Erwartungen nicht erfüllen. Wenn ich jedoch nichts erwarte, ist alles, was sie mir geben, ein Segen und nicht etwas, das sie mir schulden. Wir laufen Gefahr, gekränkt zu werden, wenn wir von jenen, zu denen wir eine Beziehung haben, ein bestimmtes Verhalten erwarten. Je mehr wir erwarten, desto größer ist die Möglichkeit, gekränkt zu sein.

Ein gekränkter Bruder ist abweisender als eine feste Stadt, und Streitigkeiten sind hart wie der Riegel einer Burg.

— Sprüche 18,19 L

Ein gekränkter Bruder und eine verletzte Schwester sind unzugänglicher als eine befestigte Stadt. Befestigte Städte waren zu jener Zeit von einer Mauer umgeben. Diese Mauern boten damals den Städten sicheren Schutz. Sie hielten unwillkommene Bewohner und Eindringlinge ab. Alle Eingänge wurden bewacht. Diejenigen, die noch Steuern schuldeten, durften nicht eintreten, es sei denn, sie bezahlten ihre Schulden. Alle, die eine Gefahr für das Wohl und die Sicherheit der Stadt darstellten, mussten draußen bleiben.

Wenn wir verletzt sind, errichten wir Mauern, um unser Herz zu schützen und künftigen Verletzungen vorzubeugen. Wir werden wählerisch, lassen niemanden an uns heran, wenn wir befürchten, er könne uns verletzen. Wir filtern jeden heraus, der uns unserer Meinung nach etwas schuldig ist, und verweigern den Zutritt, bis er seine Schulden in voller Höhe bezahlt hat. Nur denen gegenüber öffnen wir uns, von denen wir überzeugt sind, dass sie auf unserer Seite stehen.

Doch meistens sind diejenigen, die „auf unserer Seite stehen“, selbst verletzt. Statt ihnen zu helfen, hieven wir weitere Steine auf unsere bereits vorhandenen Mauern, und ohne es zu bemerken, machen wir diese Schutzmauern zum Gefängnis. Dann achten wir nicht nur sorgfältig darauf, wen wir hereinlassen, sondern sind auch so ängstlich geworden, dass wir uns nicht mehr aus der Festung herausbewegen.

Der Blick gekränkter Christen ist nach innen gerichtet; sie beobachten sich ständig selbst. Wir wachen mit Adleraugen

über unsere Rechte und persönlichen Beziehungen. Es kostet uns unsere gesamte Kraft, sicherzustellen, dass uns keine weiteren Verletzungen zugefügt werden. Wenn wir nicht riskieren, verletzt zu werden, können wir auch keine bedingungslose Liebe geben, denn diese gibt anderen das Recht, uns wehzutun.

Liebe ist nicht auf ihren eigenen Vorteil bedacht, doch verletzte Menschen werden zunehmend eigennützig und distanziert. In diesem Zustand erkaltet die Liebe Gottes. Ein natürliches Beispiel dafür finden wir in den beiden Seen im Heiligen Land. Der See Genezareth wird von reichlich zuströmendem Flusswasser gespeist und gibt selbst auch wieder Wasser ab. In ihm ist ein Überfluss an Leben, er ist Heimat für viele Fisch- und Pflanzenarten. Das Wasser aus dem See Genezareth wird mit dem Jordan zum Toten Meer befördert. Doch das Tote Meer nimmt nur Wasser auf und gibt keines weiter. Deshalb können dort weder Fische noch Pflanzen leben. Das lebendige Wasser vom See Genezareth stirbt, wenn es sich mit dem angestauten Wasser des Toten Meeres vermischt. Leben kann nicht bestehen, wenn es festgehalten wird – es muss großzügig weitergegeben werden. Ein verletzter Christ ist jemand, der zwar Leben empfängt, aber aus Angst nicht in der Lage ist, es weiterzugeben. Das Ergebnis ist, dass selbst das Leben, das er empfängt, innerhalb der Gefängnismauern der Kränkung gehalten wird und abstirbt. Das Neue Testament beschreibt diese Mauern als Festungen:

Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig für Gott zur Zerstörung von Festungen; so zerstören wir überspitzte Gedankengebäude und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen unter den Gehorsam Christi.

— 2. Korinther 10,4–5

Diese Festungen schaffen und verfestigen Denkmuster, durch die alle ankommenden Informationen gefiltert werden. Obwohl ursprünglich zum Schutz errichtet, werden sie nun zu einer Quelle der Qual und Verwirrung, weil sie der Erkenntnis Gottes im Wege stehen.

Wenn wir alles durch die Brille unserer vergangenen Verletzungen, Ablehnungen und Erfahrungen betrachten, ist es uns nicht möglich, Gott zu glauben. Wir können nicht mehr glauben, dass er wirklich meint, was er sagt. Wir zweifeln an seiner Güte und an seiner Treue, da wir ihn an Maßstäben messen, die andere Menschen in unserem Leben gesetzt haben. Aber Gott ist kein Mensch! Er kann nicht lügen (siehe 4. Mose 23,19). Seine Wege sind nicht unsere Wege, und seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken (siehe Jesaja 55,8–9).

Verletzte Menschen finden immer Bibelstellen, um ihren Standpunkt zu rechtfertigen, aber das ist nicht der richtige Umgang mit Gottes Wort. Die Kenntnis des Wortes Gottes ohne Liebe ist eine zerstörerische Kraft, denn sie macht uns stolz und gesetzlich (siehe 1. Korinther 8,1–3). Wir wollen uns dann eher rechtfertigen, als für unsere Unversöhnlichkeit Buße zu tun.

Das schafft ein Umfeld, in dem wir getäuscht werden können, denn Erkenntnis ohne die Liebe Gottes führt in die Irre. Gleich im Anschluss an seine Aussage, dass viele Anstoß nehmen würden, warnt Jesus vor falschen Propheten: „Und es werden viele falsche Propheten auftreten und werden viele verführen“ (Mt. 24,11 SL). Wer sind die vielen, die sie verführen werden? Die Antwort darauf ist: Es sind die, die Anstoß nehmen, die „Gekränkten“, diejenigen, deren Liebe erkaltet ist (siehe Matthäus 24,12).

FALSCHE PROPHETEN

Die falschen Propheten bezeichnet Jesus als „Wölfe in Schafskleidern“ (siehe Matthäus 7,15). Es sind egoistische Menschen, die den Eindruck erwecken, sie seien Christen (verkleidet als Schafe), aber in Wirklichkeit das Wesen eines Wolfs haben. Wölfen gefällt es, sich bei den Schafen herumzutreiben. Man

findet sie im Gottesdienst und hinter der Kanzel. Sie sind vom Feind geschickt, um die Gemeinde zu unterwandern und zu täuschen. Wir können sie nur an ihren Früchten erkennen, nicht an ihren Lehren oder Prophetien. Meistens wirken ihre Lehren fundiert, während die Frucht ihres Lebens und Dienstes nicht das Wesen Gottes widerspiegelt. Ein Prediger, ein Christ wird daran gemessen, wie er lebt, und nicht an dem, was er predigt oder sagt.

Wölfe haben es immer auf verwundete und junge Schafe abgesehen, niemals auf gesunde und starke. Sie werden diesen Menschen das sagen, was sie hören wollen, und nicht, was sie hören sollen, denn sie wollen keine klare Lehre hören, sondern etwas, das ihnen in den Ohren kitzelt. Was hat Paulus über die letzten Tage gesagt?

Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden; denn die Menschen werden selbstsüchtig sein … unversöhnlich … eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen. Und von diesen wende dich weg … Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt; und sie werden die Ohren von der Wahrheit abkehren.

— 2. Timotheus 3,1–5; 4,3–4

Beachte, dass sie eine Form der Gottseligkeit, eine Form des „Christseins“ haben, aber dessen Kraft verleugnen. Wie tun sie das? Indem sie verleugnen, dass der christliche Glaube ihre Unversöhnlichkeit in Vergebung umwandeln kann. Sie werden sich stolz als Nachfolger Jesu bezeichnen und verkünden, sie seien „von Neuem geboren“. Doch obwohl sie sich all dessen rühmen, ist ihr Herz von diesen Dingen nicht berührt und der Charakter Jesu nicht in ihnen geformt worden.

DIE INFORMATIONSGENERATION

Paulus konnte prophetisch sehen, dass diese irregeführten Männer und Frauen einen enormen Wissensdurst haben werden, aber trotzdem unverändert bleiben, da sie ihr Wissen niemals in die Tat umsetzen. Über jene schrieb er, dass sie „immer lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können“ (2. Tim. 3,7).

Wenn Paulus heute leben würde und sehen könnte, dass das, was er vorhergesagt hat, Wirklichkeit geworden ist, wäre er sehr betroffen. Er würde eine Menge Männer und Frauen sehen, die Konferenzen, Seminare und Gottesdienste besuchen und sich Wissen aus Bibelstellen anhäufen. Er könnte beobachten, wie sie „neuen Offenbarungen“ nachjagen, um ihren Erfolg im Leben und ihr eigenes Wohlergehen immer mehr zu steigern. Er würde auch sehen, wie sich Prediger „um der gerechten Sache willen“ gegenseitig vor Gericht zerren. Er würde christliche Publikationen und Rundfunksendungen sehen, in denen Männer und Frauen Gottes namentlich angegriffen werden, und er müsste beobachten, wie Charismatiker von Gemeinde zu Gemeinde rennen, um Problemen zu entfliehen. Sie alle bekennen die Herrschaft Jesu, und doch

gelingt es ihnen nicht zu vergeben. Vermutlich würde Paulus ausrufen: „Tut Buße und werdet frei von eurer Täuschung, ihr egoistischen Heuchler!“

Es ist völlig belanglos, wie viele Seminare und Bibelschulen du besuchst, um auf dem neusten Stand der „Offenbarung“ zu sein, wie viele Bücher du in der letzten Zeit gelesen und wie viele Stunden du gebetet und studiert hast. Wenn du gekränkt und unversöhnlich bist und dich weigerst, von dieser Sünde Buße zu tun, dann bist du nicht zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt. Du bist ein Opfer des Selbstbetrugs und verwirrst andere durch deinen heuchlerischen Lebensstil. Ganz gleich was für eine Offenbarung du hast, deine Taten sprechen eine andere Sprache. Du wirst eine Quelle sein, aus der bitteres Wasser hervorsprudelt, aus der Täuschung und nicht Wahrheit hervorkommt.

VERRAT

Und dann werden viele Anstoß nehmen und einander verraten und einander hassen.

— Matthäus 24,10 SL

Wenn wir uns intensiver mit dieser Aussage auseinandersetzen, können wir eine Entwicklung erkennen. Gekränkt sein –Anstoß nehmen – führt zu Verrat, der wiederum Hass erzeugt. Wie bereits gesagt, bauen gekränkte Menschen Schutzmauern auf. Wir richten dann unsere Hauptaufmerksamkeit darauf, uns selbst zu verteidigen, denn wir müssen uns um jeden Preis schützen und absichern. Das kann bis zum Verrat führen. Dies tun wir dann, um uns auf Kosten eines anderen einen Vorteil zu verschaffen. Meistens stehen wir in einer gewissen Beziehung zum Verratenen.

Ein Verrat im Reich Gottes passiert also dann, wenn ein Christ sich Vorteile verschafft oder sich absichert – auf Kosten eines anderen Menschen! Je enger die Beziehung, desto folgenschwerer ist der Verrat. Jemanden zu verraten, ist die schlimmste Art der Untreue in einem Bund oder einer Beziehung. Nach einem Verrat kann die Beziehung nur dann wiederhergestellt werden, wenn aufrichtige Buße folgt.

Verrat führt zu Hass mit gravierenden Konsequenzen. Die Bibel sagt sehr deutlich, dass jeder, der seinen Bruder hasst, ein Mörder ist, und dass kein Mörder bleibend ewiges Leben hat (siehe 1. Johannes 3,15).

Es ist traurig, dass wir heute so viele Beispiele für Kränkung, Verrat und Hass unter den Christen finden können. Diese Dinge wuchern so wild in unseren Familien und Gemeinden, dass sie schon fast als normal hingenommen werden. Wir sind so abgestumpft, dass es uns nicht mehr traurig stimmt, wenn Prediger sich gegenseitig vor Gericht zerren. Es überrascht uns auch nicht mehr, wenn christliche Ehepaare die Scheidung einreichen. Auch Gemeindespaltungen sind alltäglich und vorhersehbar. In den christlichen Diensten wird religiöse Politik auf Hochtouren betrieben und unter dem Deckmantel versteckt, sie sei im besten Interesse für Gottes Reich oder die Gemeinde.

„Christen“ pochen auf ihre Rechte und stellen sicher, dass sie nicht von anderen Christen falsch behandelt oder ausgenutzt werden. Haben wir denn die neutestamentliche Mahnung schon vergessen?

Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?

— 1. Korinther 6,7

Haben wir die Worte Jesu schon vergessen?

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen.

— Matthäus 5,44

Haben wir Gottes Gebot vergessen?

[… dass ihr] nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht tut, sondern dass in der Demut einer den anderen höher achtet als sich selbst.

— Philipper 2,3

Warum leben wir nicht nach diesen Geboten der Liebe? Warum fällt es uns so leicht, uns gegenseitig zu verraten, statt unser Leben füreinander hinzugeben, auch wenn das unter Umständen für uns bedeuten könnte, dass wir hintergangen werden? Der Grund dafür ist, dass unsere Liebe kalt geworden ist, was dazu führt, dass wir nur noch versuchen, uns selbst zu schützen.

Als Jesus Unrecht zugefügt wurde, zahlte er nicht mit gleicher Münze heim, sondern vertraute seine Seele Gott an, der gerecht richtet. Wir werden ermahnt, seinen Fußspuren zu folgen.

Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen, damit ihr seinen Fußspuren nachfolgt; der keine Sünde getan hat, auch ist kein Trug in seinem Mund gefunden worden, der, geschmäht, nicht wieder schmähte, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der gerecht richtet.

— 1. Petrus 2,21–23

GOTT MACHT UNS FÄHIG

Wir müssen an den Punkt kommen, wo wir Gott und nicht unseren eigenen Fähigkeiten vertrauen. Viele bekennen Gott mit den Lippen als ihren Vater, leben aber wie Waisenkinder. Sie nehmen ihr Leben selbst in die Hand, während sie lauthals verkünden: „Er ist mein Herr und mein Gott.“

Du hast nun gesehen, dass es eine ernst zu nehmende Sünde ist, gekränkt zu sein. Wenn man sie ignoriert, wird sie letztendlich zum Tod führen. Aber wenn du der Versuchung widerstehst, der Kränkung nachzugeben, wird Gott dir zu einem großen Sieg verhelfen.

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