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John Bevere

Gott fürchten heißt ihm vertrauen

© Copyright 1997 by John Bevere. All rights reserved. Originally published in English by Charisma House, 600 Rinehart Road, Lake Mary, FL 32746, USA

© Copyright der deutschen Ausgabe 2021 by Asaph-Verlag 1. Auflage im Asaph-Verlag 2021 (früher: Die Furcht des Herrn)

Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Fear of the Lord. Discover the Key to Intimately Knowing God Aus dem Englischen übersetzt von Jutta Worgull

Bibelzitate wurden im Allgemeinen der Revidierten Elberfelder Bibel, R.Brockhaus Verlag Wuppertal, 9. Auflage 2003, andernfalls folgendermaßen gekennzeichneten Übersetzungen entnommen:

S: Schlachter © 2000 Genfer Bibelgesellschaft

L: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Sämtliche Hervorhebungen in Bibelzitaten sind vom Autor.

Umschlaggestaltung: Fontis Media, René Graf

Satz: Samuel Ryba

Druck: Finidr, CZ

Printed in the EU

ISBN 978-3-95459-048-3

Bestellnummer 148048

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Ich widme dieses Buch meiner Frau Lisa. Es ist ein Vorrecht, mit einer solchen Frau verheiratet zu sein. Ich könnte eigens ein Buch über ihre Tugenden und ihren gottgefälligen Charakter schreiben. Man könnte ihr Leben auch mit folgendem Satz zusammenfassen: Sie ist eine Frau, die Gott fürchtet.

Ihren Mund öffnet sie mit Weisheit, und freundliche Weisung ist auf ihrer Zunge. Sie überwacht die Vorgänge in ihrem Haus, und das Brot der Faulheit isst sie nicht. Es treten ihre Söhne auf und preisen sie glücklich, ihr Mann tritt auf und rühmt sie: Viele Töchter haben sich als tüchtig erwiesen, du aber übertriffst sie alle! Trügerisch ist Anmut und nichtig die Schönheit; eine Frau aber, die den Herrn fürchtet, die soll man rühmen.

Spr che 31,26–30

Ich danke dir, Vater, für deine Tochter Lisa Bevere.

Meine hohe Wertschätzung gilt ...

... meiner Frau Lisa. Nach Gott bist du meine größte Liebe und mein größter Schatz. Danke für die Stunden, die du in die Veröffentlichung dieses Buches investiert hast. Ich liebe dich, mein Schatz!

... unseren vier Söhnen. Durch jeden Einzelnen von euch kam große Freude in mein Leben. Danke, dass ihr die Berufung Gottes mit mir teilt und mich zum Reisen und Schreiben ermutigt.

... meinen Eltern, John und Kay Bevere. Danke, dass ihr mir von Anfang an ein gottesfürchtiges Leben vorgelebt habt.

... allen, die sich Zeit genommen und dazu beigetragen haben, mir die Wege des Reiches Gottes aufzuzeigen und mich darin zu unterweisen. Ich habe in jedem von euch unterschiedliche Facetten von Jesus gesehen.

... den Mitarbeitern von Messenger International. Danke für eure beharrliche Unterstützung und Treue. Lisa und ich schätzen jeden von euch sehr.

... allen Mitarbeitern von Charisma House für ihre tatkräftige Hilfe. Es ist eine große Freude, mit euch zusammenzuarbeiten.

Mein ganz besonderer und aufrichtiger Dank gilt meinem Herrn. Wie kann ich mit Worten ausreichend beschreiben, was du für mich und dein Volk getan hast? Ich liebe dich mehr, als ich es je auszudrücken vermag. Ich werde dich immer lieben.

Heilige Furcht stellt uns auf Gottes sicheres Fundament und öffnet den Zugang zu den Schätzen der Errettung, Weisheit und Erkenntnis.

Einleit ng

Im Sommer 1994 wurde ich eingeladen, in einer Gemeinde im Süden der Vereinigten Staaten zu predigen. Es sollte eine der unangenehmsten Erfahrungen in meinem Dienst werden. Dennoch begann damit in meinem Herzen ein leidenschaftliches Verlangen zu wachsen, Gottesfurcht kennenzulernen und zu verstehen.

Zwei Jahre zuvor war diese Gemeinde von Gott stark berührt worden. Ein Evangelist war vier Wochen lang zu Besuch gewesen, und in diesem Zeitraum hatte der Herr diese Gemeinde durch seine Gegenwart erweckt. Die Menschen erlebten auf intensive Weise das sogenannte „Lachen im Geist“; es war so erfrischend, dass der Pastor und viele seiner Leute das taten, was vielerorts passiert: Sie blieben bei dieser Erfrischung stehen und vergaßen, Gott bei seinen nächsten Schritten zu folgen. Bald entwickelten sie mehr Interesse an den Manifestationen der Erfrischung als daran, den Gott, der diese Erfrischung schenkt, besser kennenzulernen.

Am zweiten Abend unserer Veranstaltungsreihe bewegte mich Gott dazu, über Gottesfurcht zu predigen. Ich fing zu jener Zeit gerade an, die Furcht Gottes zu begreifen, fühlte mich aber von Gott geführt, das zu sagen, was er mich durch sein Wort bereits gelehrt hatte.

Am nächsten Abend während des Gottesdienstes war ich nicht im Geringsten auf das vorbereitet, was sich ereignen

sollte. Ohne mit mir vorher darüber geredet zu haben, stand der Pastor nach dem Lobpreis auf und verwendete viel Zeit dafür, das zu korrigieren, was ich tags zuvor gepredigt hatte. Ich saß in der ersten Reihe und war schockiert. Die Grundlage seiner Korrektur war die Aussage, dass in der Zeit des Neuen Testaments die Gläubigen Gott nicht fürchten müssten. Zur Untermauerung seiner Überzeugung führte er 1. Johannes 4,18 an: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat es mit Strafe zu tun. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.“ Der Pastor hatte den Geist der Angst mit der Furcht Gottes verwechselt.

Am nächsten Morgen fand ich in der Nähe meines Hotels eine verlassene Gegend; ich verbrachte dort lange Zeit im Gebet, mit offenem Herzen, bereit für jede Korrektur, die Gott mir geben wollte. Ich wusste, Korrektur von Gott ist immer sehr nützlich. Er unterweist uns, damit wir an seiner Heiligkeit teilhaben (Hebr. 12,7–11). Fast augenblicklich fühlte ich Gottes überwältigende Liebe. Ich verspürte nicht seine Enttäuschung über meine Predigt, sondern sein Wohlgefallen. In seiner wunderbaren Gegenwart liefen mir Tränen über das Gesicht. Ich betete und merkte nach einer Weile, wie ich tief aus meinem Geist um Erkenntnis der Gottesfurcht rief. Meine Stimme wurde lauter, und mit aller Kraft bat ich aus tiefstem Herzen: „Vater, was ist Gottesfurcht? Ich möchte sie erkennen und darin wandeln.“

Nach diesem Gebet war ich frei für das, was auf mich zukommen würde. Ich wollte Gottes Herz erkennen und empfand, dass ihm mein Wunsch sehr gefiel, diese Facette seines Wesens kennenzulernen. Von jenem Tag an lehrte mich Gott mehr und mehr, wie wichtig es ist, Gottesfurcht zu haben. Er vertraute mir seinen Wunsch an, allen Gläubigen die wichtige Bedeutung der Furcht des Herrn bewusst zu machen.

Obwohl mir die Gottesfurcht schon immer wichtig war, hatte ich ihre Bedeutung noch nicht verstanden, bis mir Gott als Antwort auf mein Gebet die Augen öffnete. Bis dahin hatte ich die Liebe Gottes als Grundlage einer Beziehung angesehen. Nun erkannte ich, dass die Gottesfurcht von ebenso großer Bedeutung ist. In Jesaja steht:

Der Herr ist erhaben, denn er wohnt in der Höhe. Er hat Zion mit Recht und Gerechtigkeit erfüllt. Er ist dein sicheres Fundament in allen Zeiten, eine Fülle von Rettung, Weisheit und Erkenntnis; die Furcht des Herrn ist der Schlüssel zu diesem Schatz.

Jesaja 33,5–6 (a s der New International Version bersetzt)

Die Gottesfurcht ist ein solides Fundament und der Schlüssel für deinen Glauben an Gott zur Errettung, Weisheit und Erkenntnis. Zusammen mit der Liebe Gottes ist die Gottesfurcht die Grundlage des Lebens. Wir können Gott nicht wirklich lieben, wenn wir ihn nicht fürchten, und wir können ihn ebenso wenig richtig fürchten, wenn wir ihn nicht lieben. Während ich dieses Buch schrieb, bauten wir gerade ein neues Haus. Auf der Baustelle brachte mir Gott oft etwas über die Grundprinzipien des Bauens bei. Der Hausbau beginnt mit dem Fundament und dem Rohbau. Sie bilden die Voraussetzung für all die späteren Arbeitsvorgänge wie zum Beispiel das Fliesen- und Bodenlegen, den Fenster- und Schrankeinbau sowie das Streichen. Ist das Haus fertig, sieht man nichts mehr vom Fundament und Rohbau, obwohl genau diese die Einrichtungsgegenstände und Dekoration in ihrem Innern bergen und schützen. Ohne den Rohbau hätte man nur einen Haufen Material.

Gleiches gilt für den Aufbau dieses Buches: Wir werden eine klare Linie ziehen zwischen der Gottesfurcht und seinem

Gericht, und dann darauf aufbauen, um so Gott besser kennenzulernen. Wir werden zuerst aufzeigen, wie uns die Gottesfurcht vor dem Gericht bewahrt, und abschließend ihre Rolle in unserer Beziehung mit Gott betrachten. Jedes Kapitel vermittelt Wahrheiten, die sowohl informieren als auch verändern. Die ersten Kapitel des Buches bilden das Gerüst für alles Weitere. In unserem Geist wird somit das Fundament gelegt, das fähig ist zu tragen, was Gott nun offenbaren wird. Lies dieses Buch, als handle es sich um ein im Bau befindliches Haus. Spring nicht von den Grundmauern zum Verlegen des Teppichs. Ohne Dach müsste der Teppich wieder erneuert werden, noch bevor der Bau abgeschlossen ist. Bauen erfordert aufeinanderfolgende Handlungen.

Nimm dir Zeit, jedes Kapitel in Verbindung mit Gebet zu lesen und zu verstehen, bevor du fortfährst. Bitte den Heiligen Geist, dir beim Lesen des Buches Offenbarungserkenntnis des Wortes Gottes zu geben, „denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2. Kor. 3,6).

Die Gottesfurcht wird nicht vom Verstand erfasst, sondern in unsere Herzen hineingeschrieben. Der Heilige Geist offenbart sie beim Lesen des Wortes Gottes. Sie ist eine Manifestation des Geistes Gottes (Jes. 11,1–2). Gott legt die Furcht Gottes in die Herzen derer, die ihn ernsthaft suchen (Jer. 29,11–14; 32,40).

Bevor wir anfangen, lass uns beten:

Vater, in Jesu Namen lese ich dieses Buch, weil ich die Gottesfurcht kennenlernen und verstehen möchte. Ich weiß, dass dies nur mit Hilfe des Heiligen Geistes möglich ist. Bitte salbe mich mit deinem Geist, lass meine Augen sehen, meine Ohren hören und mein Herz erkennen und verstehen, was du sagst. Lass mich beim Lesen dieses Buches deine Stimme hören. Verändere mich, und erhebe mich von einer

Ebene der Herrlichkeit zur nächsten, bis ich dich schließlich von Angesicht zu Angesicht sehe. Verändere mein Leben so sehr, dass ich nie wieder dieselbe Person sein werde. Ich gebe dir dafür alles Lob, allen Ruhm und alle Ehre jetzt und allezeit. Amen.

Orlando, Florida

Denkst du, der König der Könige und Herr der Herren wird an einen Ort kommen, an dem er nicht mit der ihm gebührenden Ehre und Anerkennung erwartet wird?

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Wind vom Himmel

Bei denen, die mir nahen, will ich geheiligt und vor dem ganzen Volk will ich verherrlicht werden.

3. Mose 10,3

Das Jahr 1997 war gerade zehn Tage alt und in dieser kurzen Zeit seit dem Jahreswechsel hatte ich bereits in Europa und auch in Asien gepredigt. Voller Freude bestieg ich nun wieder ein Flugzeug, und zwar in Richtung Südamerika. Ich war nie zuvor in Brasilien gewesen und es war für mich eine Ehre, zu einer Konferenz, die auf Landesebene stattfand, eingeladen worden zu sein, um dort in den drei größten Städten als Sprecher zu dienen. Nachdem ich die ganze Nacht im Flugzeug unterwegs gewesen war, empfingen mich einige erwartungsvolle Leiter am Flughafen. Sie freuten sich auf dieses Treffen und ihr Enthusiasmus belebte mich.

Der erste Gottesdienst fand noch am selben Abend in der Hauptstadt Brasília statt, und so wurden mein Dolmetscher und ich nach nur wenigen Stunden Ausruhen in unserem Hotel abgeholt und zu dem Treffen gebracht. Autos füllten den Parkplatz und die Straßen und ich konnte sehen, dass viele Menschen an der Konferenz teilnehmen würden. Während wir uns dem Gebäude näherten, konnte ich Musik hören, die durch eine 1,5 Meter große Belüftungsöffnung zwischen dem

obersten Mauerrand und dem Dach drang. Meine Begeisterung und Vorfreude nahm zu, als ich die vertrauten Melodien des Lobpreises auf Portugiesisch hörte – der Landessprache Brasiliens.

Im Gebäude angekommen, brachte man mich direkt zur Bühne. Der Zuhörersaal mit etwa 4.000 Plätzen war voll besetzt. Die Bühne bebte durch die lebhafte Lobpreismusik und die Qualität der Musik war sehr gut, denn die Musiker waren begabt und harmonierten miteinander. Der Gesang war ebenfalls hervorragend; die Sänger hatten sehr schöne Stimmen.

Bald jedoch bemerkte ich, dass die Gegenwart Gottes fehlte. Ich schaute mir die Menge und die Musiker an und überlegte: „Wo ist Gott?“ Dann fragte ich: „Wo ist deine Gegenwart, Herr?“

Während ich auf seine Antwort wartete, konnte ich durch das grelle Licht der Tribüne sehen, dass ständig Bewegung in der Menschenmenge war. Viele standen mit offenen Augen da und schauten einen Gegenstand oder eine Person im Gebäude an. Viele schienen gelangweilt zu sein, ihre Hände steckten in den Hosentaschen oder hingen schwerfällig herunter. Alles an ihrer Körperhaltung und ihrem Gesichtsausdruck deutete darauf hin, dass es sich hier um eine gelangweilte Menschenmenge handelte, die darauf wartete, dass die Show beginnt. Manche unterhielten sich, andere liefen durch die Gänge oder bewegten sich ständig aus dem Saal hinaus oder herein.

Ich war betrübt. Dies hier war keine evangelistische Veranstaltung, sondern eine Konferenz für Gläubige. Natürlich waren ein paar Unerrettete anwesend, doch die überwiegende Mehrheit dieser gleichgültigen Menge waren „Christen“.

Ich wartete in der Hoffnung, dass diese Menschen in echte Anbetung vor Gott kommen und die Atmosphäre sich verändern würde. Aber das passierte nicht. Nach zwanzig oder dreißig Minuten verlangsamte sich die Musik und ging in „Anbetungslieder“ über. Was ich jedoch erlebte, war alles andere

als echte Anbetung. Dasselbe unbeteiligte Benehmen, das ich beim Betreten des Saales bemerkt hatte, wurde beibehalten.

Am Ende der Lobpreiszeit hatte ich den Eindruck, es sei mehr als eine Stunde vergangen, doch tatsächlich waren es keine vierzig Minuten gewesen. Die Anwesenden wurden gebeten, Platz zu nehmen. Sie setzten sich, aber das unterschwellige Gemurmel hörte nicht auf. Selbst als ein Leiter das Mikrofon nahm, um zu den Leuten zu sprechen, unterhielten sich diese weiter. Er las aus der Bibel und lehrte, doch die ganze Zeit hörte ich den dumpfen Lärm aus Stimmengewirr und dem Hin- und Herlaufen in der Versammlung. Mir fiel auch auf, dass viele dem Sprecher keine Aufmerksamkeit schenkten. Ich konnte kaum glauben, was ich hier erlebte. In meiner Frustration wandte ich mich an meinen brasilianischen Dolmetscher, um von ihm zu erfahren, ob dieses Verhalten in ihren Gottesdiensten normal sei. Auch er fand dieses Benehmen abscheulich. „Manchmal muss ich es ansprechen und die Leute um ihre Aufmerksamkeit bitten“, flüsterte er. Nun wurde ich ärgerlich. Ich war zuvor schon in Treffen gewesen, bei denen die Leute sich ähnlich benommen hatten, aber nie in einem solchen Ausmaß. In all diesen Zusammenkünften herrschte eine ähnlich bedrückende Atmosphäre, und ich vermisste jedes Mal die Gegenwart Gottes. Jetzt wusste ich, dass meine Frage: „Herr, wo ist deine Gegenwart?“ beantwortet war. Seine Gegenwart war nicht da.

Daraufhin sprach der Geist Gottes zu mir: „Ich möchte, dass du die Anwesenden direkt mit der Situation konfrontierst.“

Als ich schließlich vorgestellt wurde, war das Murmeln etwas abgeebbt, aber es war dennoch da. Ich ging hinauf zum Podium, blieb stehen und schaute mir die Menge an. Ich war entschlossen, nichts zu sagen, bis ich ihre Aufmerksamkeit hatte. In mir spürte ich eine göttliche Empörung. Nach etwa einer Minute wurden alle still, nachdem sie bemerkt hatten, dass sich auf der Bühne nichts rührte.

Ich stellte mich nicht vor und begrüßte die Anwesenden nicht. Stattdessen begann ich mit folgender Frage: „Wie würde es dir gefallen, wenn derjenige, mit dem du dich unterhältst, ständig herumschauen oder mit seinem Nebenmann ein Gespräch anfangen würde?“

Ich machte eine Pause und beantwortete dann meine eigene Frage: „Es würde dir nicht gefallen, stimmt’s?“

Ich ging noch weiter: „Was wäre, wenn dich dein Nachbar jedes Mal, wenn du an seiner Tür läutest, desinteressiert und seufzend begrüßen würde: ,Ach, du bist es schon wieder; dann komm halt herein‘?“

Nach einer Pause fügte ich hinzu: „Du würdest einfach nicht mehr hingehen, stimmt’s?

Glaubst du denn, dass der König der Könige und Herr der Herren an einen Ort kommt, wo ihm die gebührende Ehre und Anerkennung nicht gegeben wird? Glaubst du, dass der Herr der Schöpfung sprechen wird, wenn seinem Wort nicht alle Aufmerksamkeit geschenkt wird? Wer das glaubt, täuscht sich!“

So fuhr ich fort: „Als ich heute Abend in dieses Gebäude ging, nahm ich nichts von Gottes Gegenwart wahr: nicht im Lobpreis, nicht in der Anbetung, nicht während der Bibellesung oder während der Erhebung des Opfers. Dafür gibt es einen Grund: Der Herr kommt nie dorthin, wo er nicht geachtet wird. Dem Präsidenten eurer Nation würdet ihr auf dieser Plattform große Ehre erweisen, schon allein aus Respekt vor seinem Amt. Stünde ich jetzt hier mit einem eurer Lieblingsfußballspieler, würde es viele von euch kaum auf den Stühlen halten. Ihr wärt voller Vorfreude und würdet jedes Wort aus seinem Mund verschlingen. Als jedoch gerade das Wort Gottes gelesen wurde, habt ihr kaum zugehört, weil ihr es nicht schätzt.“

Dann las ich vor, was Gott von denen erwartet, die zu ihm kommen:

Bei denen, die mir nahen, will ich geheiligt, und vor dem ganzen Volk will ich verherrlicht werden.

3. Mose 10,3

Während der nächsten 90 Minuten predigte ich die Botschaft, die mir Gott ins Herz gebrannt hatte. Die Worte kamen mit Kühnheit und Autorität, und ich hatte keine Angst davor, was die Leute denken oder wie sie reagieren würden.

„Egal ob sie mich morgen hinauswerfen, lieber will ich Gott gehorchen!“, sagte ich zu mir selbst – und so meinte ich es auch.

In der Stille zwischen meinen Äußerungen hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Während der nächsten 90 Minuten gab die Menge keinen Ton von sich, es folgte keine weitere Missachtung mehr. Der Geist Gottes hatte sich durch sein Wort die Aufmerksamkeit der Menschen gesichert und von Minute zu Minute veränderte sich die Atmosphäre. Ich konnte spüren, wie sich das Wort Gottes einen Weg durch ihre harte Schale zu ihrem Herzen bahnte.

Am Ende meiner Predigt bat ich alle Anwesenden, die Augen zu schließen. Der Aufruf zur Buße war kurz und klar: „Wenn du gleichgültig mit dem umgegangen bist, was für Gott heilig ist, und wenn du in deiner inneren Haltung die Angelegenheiten Gottes gering geschätzt hast und du heute Abend vom Heiligen Geist durch sein Wort überführt worden bist, bist du dann bereit, vor Gott Buße zu tun? Wenn ja, dann steh bitte auf!“ Ohne zu zögern, standen 75 Prozent der Anwesenden auf.

Ich senkte den Kopf und betete dieses einfache, aufrichtige Gebet: „Herr, bestätige jedem Einzelnen dein Wort, das heute Abend gepredigt wurde.“

Sofort erfüllte die Gegenwart Gottes den Zuhörerraum, und obwohl ich die Anwesenden noch nicht ins Gebet geführt hatte, kam aus der Menge Seufzen und Weinen. Es war, als durchströmte eine Welle von Gottes Gegenwart das Gebäude und brachte Reinigung und Erfrischung mit sich. Da es nicht allen möglich war, zum Gebet nach vorne zu kommen, leitete ich ein Gebet der Buße, das jeder von seinem Platz aus beten konnte. Viele Menschen wischten sich ihre Tränen ab, Gottes wunderbare Gegenwart war noch immer da.

Nach einigen Minuten wich Gottes Gegenwart, und ich ermutigte die Anwesenden, ihre Aufmerksamkeit weiter auf den Herrn zu richten. „Naht euch Gott! Und er wird sich euch nahen“ (Jak. 4,8).

Es vergingen einige Augenblicke, und eine weitere Welle seiner Gegenwart durchflutete das Gebäude. Seine Gegenwart wurde noch intensiver, das Weinen stärker und die Menschen wurden stark von Gott angerührt. Das hielt einige Minuten lang an und ebbte dann wieder ab. Ich ermahnte die Anwesenden, sich während der Wellen nicht ablenken zu lassen, sondern weiterhin mit ganzem Herzen dabeizubleiben.

Wenige Minuten später hörte ich, wie der Heilige Geist meinem Herzen zuflüsterte: „Ich komme noch einmal.“ Sofort spürte ich es und sagte: „Da kommt er wieder!“

Was ich jetzt schreibe, kann keineswegs das ausdrücken, was als Nächstes passierte. Mein Wortschatz ist zu begrenzt und Gott ist zu überwältigend. Außerdem möchte ich nicht übertreiben, denn das würde Gott keine Ehre erweisen. Ich interviewte noch drei Leiter, die ebenfalls anwesend waren, und sie bestätigten eindeutig, was ich weitergeben möchte.

Ich hatte meinen Satz kaum zu Ende gesprochen, da geschah etwas, das ich nur mit der Empfindung vergleichen kann, wenn wenige Meter vor dem Ende der Landebahn ein riesiges Düsenflugzeug direkt vor dir abhebt. So lässt sich vielleicht das

gewaltige Getöse des Windes beschreiben, der sofort durch den Saal blies. Fast gleichzeitig fing die Menschenmenge an, ernsthaft und intensiv zu beten; ihre Stimmen erhoben sich zu einem nahezu vereinten Schreien.

Als ich das Geräusch dieses tosenden Windes hörte, dachte ich zuerst, ein Düsenflugzeug sei über das Gebäude geflogen. Ich wollte keinesfalls Gott etwas zuschreiben, sondern jede andere Möglichkeit ausschließen. Ich zerbrach mir den Kopf, ob ich einen Flughafen gesehen hatte. Es befand sich keiner in der Nähe; während der vergangenen zwei Stunden war auch nie Getöse von über uns hinwegfliegenden Flugzeugen zu hören gewesen.

Ich wandte mich innerlich dem Heiligen Geist zu und bemerkte, dass er in wunderbarer Weise gegenwärtig war. Die Menschen hatten schlagartig angefangen, intensiv zu beten. Das war sicherlich nicht die Reaktion auf ein über uns hinwegfliegendes Flugzeug. Wäre es ein Flugzeug gewesen, hätte es in maximal 100 Metern Höhe über dem Gebäude hinwegfliegen müssen. Selbst wenn, so hätte ich ein derart lautes

Getöse wegen des Geräuschpegels, den die 3000 lautstark betenden Menschen verursachten, nicht hören können. Dieses Geräusch war sehr viel lauter und übertönte alle Stimmen.

Obwohl mir klar geworden war, dass dieser Wind der Wind des Heiligen Geistes war, sagte ich immer noch nichts. Ich wollte keine ungenaue Information weitergeben oder die Menschen zu übereifrigen Bekundungen dieser Manifestation des Heiligen Geistes aufstacheln. Dieses Tosen des Heiligen Geistes dauerte ungefähr zwei Minuten. Als es abnahm, hinterließ es weinende, betende Gläubige. Die Atmosphäre war geladen mit göttlicher Ehrfurcht. Die Gegenwart des Herrn war sehr intensiv und deutlich spürbar.

Die Nachwirkungen seiner Gegenwart hielten noch weitere fünfzehn bis zwanzig Minuten an. Ich übergab das Mikrofon

an den Leiter und ließ mich sofort aus dem Gebäude führen. Oft bleibe ich nach dem Gottesdienst, um mit Menschen zu reden, aber an diesem Abend erschien mir jede belanglose Unterhaltung unangebracht. Ich sagte auch ab, als mich die Leiter zum Essen einluden. Noch immer stark von seiner Gegenwart aufgewühlt, erwiderte ich: „Nein, danke. Ich möchte lieber ins Hotel zurück.“

Man brachte mich zum Auto, und ich fuhr in Begleitung meines Übersetzers und eines Ehepaars, die zur Leiterschaft gehörten, zum Hotel. Die Frau war für ihre musikalischen Produktionen bekannt, ihre Musik war im ganzen Land sehr beliebt. Als sie sich ins Auto setzte, rief sie: „Hast du den Wind gehört?“ Schnell antwortete ich: „Das war ein Flugzeug.“ (Obwohl ich in meinem Herzen wusste, dass es keines war, suchte ich die Bestätigung und war entschlossen, nicht als Erster etwas zu sagen.) „Nein“, entgegnete sie und schüttelte den Kopf. „Es war der Geist des Herrn.“

Ihr Ehemann, ein sehr ruhiger und zurückhaltender Mann, stimmte ihr überzeugt zu. „In der gesamten Umgebung des Gebäudes war kein Flugzeug.“ – „Tatsächlich?“, rief ich aus. „Außerdem“, fuhr er fort, „kam das Geräusch des Windes nicht durch das Mischpult, da wurde kein Geräusch angezeigt oder aufgenommen.“ Ich saß ergriffen und schweigend da.

Später erfuhr ich, warum dieser Mann so sicher war, dass der Wind, den wir gehört hatten, nicht von einem Flugzeug verursacht worden war. Das Sicherheitspersonal und die Polizei, die außerhalb des Gebäudes standen, berichteten von einem gewaltigen Geräusch, das aus dem Inneren des Gebäudes zu ihnen nach draußen gedrungen war. Draußen gab es keinen Wind; es war ein gewöhnlicher, ruhiger Abend in Brasilien.

Die Frau fuhr unter Tränen fort: „Ich sah einen Feuerregen auf das Gebäude fallen, und überall waren Engel!“ Ich traute

meinen Ohren kaum. Zwei Monate zuvor hatte ich von einem Prediger genau die gleiche Beschreibung über Veranstaltungen in North Carolina gehört. Ich hatte über die Furcht Gottes gepredigt und Gottes Gegenwart war mächtig auf die Anwesenden gefallen – über hundert Kinder weinten eine Stunde lang heftig. Eine Mitarbeiterin, die zu Besuch war, erzählte dem Pastor, dass sie gesehen hatte, wie unzählige Feuerkugeln auf das Gebäude gefallen waren. Drei Chormitglieder bestätigten dies.

Ich wollte jetzt nur mit Gott allein sein. In meinem Hotelzimmer angekommen, konnte ich nichts anderes tun, als ihn zu preisen und zu beten.

Vor meiner Abreise nach Rio de Janeiro war ich noch für einen weiteren Gottesdienst eingeplant worden. Als ich dieses Mal in den Saal ging, war die Atmosphäre völlig anders. Ich konnte spüren, dass die Ehrfurcht vor Gott wiederhergestellt war. Dieses Mal war die Musik nicht nur gut, sondern voll von Gottes herrlicher Gegenwart; seine Salbung war spürbar.

David sagt: „… ich bete an zu deinem heiligen Tempel hin, in der Furcht vor dir“ (Ps. 5,8). Jede wahrhaftige Anbetung ist in der Ehrerbietung gegenüber seiner Gegenwart verankert, denn Gott sagt: „… mein Heiligtum sollt ihr fürchten. Ich bin der Herr“ (3. Mo. 19,30).

In diesem zweiten Gottesdienst empfingen viele Befreiung und Heilung. Viele, die durch Bitterkeit gebunden waren und an Kränkungen festgehalten hatten, wurden frei. Die Gegenwart Gottes manifestiert sich dort, wo man ihn ehrt, und wo er gegenwärtig ist, erfahren Menschen Hilfe.

Jetzt können wir Davids Drängen verstehen:

Fürchtet den Herrn, ihr seine Heiligen! Denn keinen Mangel haben die, die ihn fürchten.

Psalm 34,10

Dies ist das Thema dieses Buches: die Furcht des Herrn. Auf diesen Seiten werden wir mit Hilfe des Heiligen Geistes nicht nur die Bedeutung der Furcht des Herrn untersuchen, sondern auch, was es heißt, im Reichtum dieser Wahrheit praktisch zu leben. Wir werden etwas über das Gericht lernen, das durch Mangel an Gottesfurcht kommt, aber auch über die wunderbaren Segnungen, die mit ihr einhergehen.

Es gibt Menschen, die Jesus schnell als ihren Retter, Heiler und Befreier anerkennen, doch seine Herrlichkeit durch ihr Handeln und ihre innere Einstellung auf die Ebene vergänglicher Menschen herabsetzen.

2

Veränderte

Herrlichkeit

Denn wer in den Wolken ist mit dem Herrn zu vergleichen? Wer ist dem Herrn gleich unter den Göttersöhnen? Gott ist gefürchtet im Kreis der Heiligen, groß ist er und furchtbar über alle, die rings um ihn her sind.

— Psalm 89,7–8

Bevor wir uns über Gottesfurcht unterhalten, müssen wir eine Vorstellung von der Größe und Herrlichkeit des Gottes bekommen, dem wir dienen. Der Psalmist erzählt zuerst von den mächtigen Taten Gottes. Dann ermahnt er uns, Gott zu fürchten. In heutiger Sprache würde er fragen: „Wer im ganzen Universum kann einem Vergleich mit Gott standhalten?“ Er möchte, dass wir über Gottes unergründliche Herrlichkeit nachdenken. Denn wie können wir ihn gebührend respektieren und ehren, wenn wir uns seiner Größe nicht bewusst sind oder nicht klar wissen, warum ihm Ehre gebührt?

Berühmt und doch unbekannt

Stellen wir uns einen Mann vor, der in der mächtigsten Nation der Erde berühmt ist. Er ist ein begabter und sachkundiger

Mensch. Jeder im Land kennt seine Größe und seinen Ruhm. Er ist ein Erfinder mit den herausragendsten und bedeutendsten wissenschaftlichen Beiträgen und Entdeckungen, die die Menschheit kennt. Er ist außerdem der beste Sportler seines Landes. Tatsächlich gibt es keinen, der ihm in irgendeinem Bereich des Lebens ebenbürtig wäre. Zu alledem ist er König und herrscht mit großer Weisheit. Überall im ganzen Land ist er hochgeachtet, ihm wird großer Respekt entgegengebracht und Ehre erwiesen. Prachtvolle Paraden und glanzvolle Empfänge werden zu seiner Ehre abgehalten.

Was würde passieren, wenn dieser König in ein anderes Land reist, in dem seine Position und Größe unbekannt ist? Wie wäre der Empfang in einem fremden Land, das seiner Nation in jeder Weise unterlegen ist?

Obwohl die größten Männer dieses Landes weit geringer sind als jener Herrscher, beschließt dieser edle König einen Besuch als ganz gewöhnlicher Mensch. Er verzichtet gänzlich auf Königsgewänder, Gefolge, Sicherheitskräfte, Ratgeber und Diener. Er geht allein. Wie wird man ihn behandeln?

Ganz einfach: Er wird genauso behandelt werden wie jeder andere Ausländer auch. Obwohl dieser Mann sehr viel mächtiger ist als der mächtigste Mann jener Nation, bringt man ihm wenig oder überhaupt keinen Respekt entgegen. Manchmal wird er sogar verachtet werden, nur weil er ein Ausländer ist. Seine Erfindungen und wissenschaftlichen Entdeckungen waren auch dieser Nation von großem Nutzen, aber er ist dem Volk unbekannt. Deshalb bringen sie ihm auch nicht den gebührenden Respekt entgegen und ehren ihn nicht.

Schauen wir uns nun an, was Johannes über Jesus sagte, über Immanuel – den Gott, der Mensch wurde:

Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an.

— Johannes 1,10–11

Es ist sehr traurig; derjenige, der das Universum und die Welt, in der wir leben, erschaffen hat, erhielt nicht den Empfang und die Ehre, die ihm angemessen gewesen wären. Noch tragischer ist, dass er zu seinem eigenem Volk kam, zu denen, die nach ihm Ausschau hielten und seinen Bund kannten, zu denjenigen, die er immer wieder durch seine Macht befreite, und dennoch erhielt er keine Ehre. Obwohl das Volk von seinem Kommen sprach, regelmäßig mit großer Vorfreude auf sein Kommen den Tempel besuchte und für die Verheißungen betete, die seine Herrschaft mit sich bringen würden, erkannte es ihn nicht, als er schließlich kam.

Sein Volk erkannte den Mächtigen nicht, dem sie ihren Bekenntnissen nach treu dienten. Die Israeliten kannten nicht nur seine Macht nicht; sie waren sich ebenso wenig über die Größe seiner Weisheit im Klaren. Es ist daher kein Wunder, dass sie ihm nicht die entsprechende Furcht oder Ehrerbietung entgegenbringen konnten. Gott erklärt dies folgendermaßen:

Weil dieses Volk mit seinem Mund sich naht und mit seinen Lippen mich ehrt, aber sein Herz fern von mir hält und ihre Furcht vor mir nur angelerntes Menschengebot ist …

— Jesaja 29,13

Gott sagt, die Furcht vor ihm sei nur „angelerntes Menschengebot“. Damit drückt er aus, dass die Menschen die Herrlichkeit Gottes auf das Maß vergänglicher, menschlicher Herrlichkeit reduziert haben. Sie dienten Gott nach dem Bild, das sie sich

von ihm geschaffen hatten, nicht nach seinem wahren Bild, sondern nach ihren eigenen Maßstäben.

Verfälschung der Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes

Das betraf nicht nur die Menschen zur Zeit Jesu, auch wenn sie in diesem Bereich an einem absoluten Tiefpunkt angekommen waren. Denselben Fehler machten durch alle Zeiten hindurch auch gerade die Menschen, denen die Geheimnisse Gottes anvertraut worden waren und die sich damit angeblich besonders befassten.

Wir sehen diesen Mangel an Ehrerbietung schon in Adams Übertretung. Er hörte auf die Weisheit der Schlange: „Sondern Gott weiß, dass an dem Tag, da ihr davon esst, eure Augen aufgetan werden und ihr sein werdet wie Gott, erkennend Gutes und Böses“ (1. Mo. 3,5).

„Gott, wer ist wie du?“, fragt der Psalmist (Ps. 71,19). Adams Versuch, getrennt von Gott wie Gott zu sein, war also zwecklos. In der Verblendung seines Verstandes setzte er Gott auf die menschliche Ebene herab.

Wenn wir den Irrtum der Kinder Israel in der Wüste anschauen, erkennen wir, dass ihre Rebellion den gleichen Ursprung hatte. Ihre Furcht vor Gott war von ihrer falschen Vorstellung seiner Herrlichkeit geprägt.

Mose bestieg den Berg Sinai, um Gottes Wort zu empfangen. Als etliche Tage vergangen waren, „versammelte sich das Volk“ (2. Mo. 32,1). Probleme entstehen immer dann, wenn sich Menschen in ihrer eigenen Weisheit ohne die Kraft und Gegenwart Gottes zusammenfinden. Ohne auf Gottes Auftrag zu warten, schließen sich Menschen zusammen und unternehmen etwas, um sich selbst zufriedenzustellen. Was nur Gott geben kann, wird durch ein vergängliches Abbild ersetzt.

Obwohl die Israeliten die Macht Gottes so oft erlebt hatten, gossen sie sich ein Kalb aus Gold. Was uns heute irrsinnig erscheinen mag, war damals für die Israeliten kein Witz. Vierhundert Jahre lang sahen sie solche Gegenstände in Ägypten. Diese gehörten zur ägyptischen Kultur und waren daher für sie ein gewohntes Bild.

Als das Volk das goldene Kalb sah, sagte es einmütig: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten herausgeführt haben!“ (2. Mo. 32,4). Dann verkündete ihr Anführer: „Ein Fest für den Herrn ist morgen“ (2. Mo. 32,5). Um zu verstehen, welche Bedeutung das Wort Herr für sie hatte, müssen wir das hebräische Wort dafür in Vers 5 anschauen. Hier steht das hebräische Wort Jehova, auch geläufig als Jahwe.

Dieses Wort bedeutet „der Bestehende, Existierende“ und ist der Name für den einzigen, wahren Gott.

Sie benutzten den Namen des einzigen, wahren Gottes. Das war der Name dessen, den Mose predigte, mit dem Abraham einen Bund hatte und dem wir dienen. Jehova wird in der Bibel nie für falsche Götter benutzt. Dieser Name Jehova oder Jahwe war so heilig, dass es den hebräischen Schriftgelehrten später nicht erlaubt war, den Namen vollständig auszuschreiben; absichtlich ließen sie in Ehrfurcht vor der Heiligkeit dieses Namens die Vokale weg.

Im Grunde hatte das Volk – mitsamt seinen Leitern – auf das goldene Kalb gedeutet und „Jahwe“ zu ihm gesagt, ihm also den Namen des einzig wahren Gottes gegeben, der sie aus Ägypten herausgeführt hatte! Sie sagten nicht: „Dies ist Baal, der uns aus Ägypten herausgeführt hat.“ Und sie gebrauchten auch nicht den Namen eines anderen falschen Gottes. Sie gebrauchten den Namen des Herrn für dieses Kalb und reduzierten so die Größe Gottes auf die gebräuchlichen Begriffe und bedeutungslosen Bilder, die ihnen vertraut waren.

Interessanterweise erkannten die Israeliten dennoch an, dass es Jahwe war, der sie aus ihrer Gefangenschaft befreit hatte. Sie leugneten nicht, dass er dies getan hatte; sie reduzierten ihn aber auf eine Ebene, die ihnen vertraut war. „Aus Ägypten herauskommen“, wie im Alten Testament beschrieben, ist ein Bild für „aus der Welt kommen und errettet werden“, wie es im Neuen Testament gelehrt wird. Die natürlichen Ereignisse im Alten Testament sind Abbilder und Schatten dessen, was im Neuen Testament passierte.

Wenn wir Gott in dem Bild dienen, das wir uns selbst von ihm gemacht haben Paulus schreibt im Neuen Testament:

Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung sind; weil sie Gott kannten, ihn aber weder als Gott verherrlichten noch ihm Dank darbrachten …

— Römer 1,20–21

Hier heißt es, dass sie ihn nicht als Gott verherrlichten. Die Israeliten erkannten ihre Befreiung durch Jahwe an, gaben ihm jedoch nicht die Ehre, Ehrfurcht und ihm gebührende Anerkennung. Wenn wir betrachten, was Paulus über die Menschen im Neuen Testament sagt, die Gott nicht gebührend respektieren, hat sich nicht viel verändert:

… und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes verwandelt in das Gleichnis eines Bildes vom vergänglichen Menschen …

— Römer 1,23

Und wieder wurde die Vorstellung des wahren, mächtigen Gottes reduziert, und zwar diesmal nicht auf ein Kalb, sondern u. a. auf das Abbild eines vergänglichen Menschen. Um Israel herum lebten Völker, die goldene Abbilder von Tieren und Insekten anbeteten. Die Gemeinde heute ist umgeben von einer Gesellschaft, die Menschen anbetet. Während der letzten Jahre kam mir immer wieder folgender Gedanke in den Sinn:

„Wir dienen Gott in dem Bild, das wir uns selbst von ihm gemacht haben.“

Auf meinen Reisen zu Hunderten von Gemeinden bin ich immer wieder einer inneren Haltung begegnet, bei der die Menschen die Herrlichkeit Gottes auf das Bild eines vergänglichen Menschen reduzieren. Diese Mentalität unterwandert den Leib Christi.

Vielen Menschen fällt es leicht, Jesus als ihren Retter, Heiler und Befreier anzuerkennen. Mit ihrem Mund bekennen sie seine Herrschaft. Seine Herrlichkeit jedoch reduzieren sie durch ihr Handeln und ihre innere Einstellung auf die Ebene vergänglicher Menschen.

Sie sagen: „Gott ist mein Freund; er versteht mein Herz.“ Tatsächlich kennt Gott unser Herz besser, als wir uns selbst kennen. Doch meistens fallen solche Sätze, um unser Handeln, das nicht dem Bund mit ihm entspricht, zu rechtfertigen. In Wirklichkeit geht es also um Ungehorsam Gottes Wort gegenüber. Die einzigen Menschen, die Gott in der Bibel seine Freunde nennt, sind diejenigen, die vor seinem Wort und seiner Gegenwart erzittern und ungeachtet der Kosten schnell bereit sind, zu gehorchen.

Das bedeutet also, dass ihm nicht die entsprechende Ehre und die gebührende Ehrfurcht entgegengebracht werden,

denn sonst würden sie ihm gehorchen, ohne zu zögern. Mit ihren Lippen ehren sie ihn, aber ihre Furcht Gott gegenüber lernen sie durch menschliche Vorschriften. Sie haben Gottes Gebote und seine Befehle ihren kulturell geprägten Denkmustern angepasst. Die Vorstellung von seiner Herrlichkeit hat sich stärker aus ihrer begrenzten Wahrnehmung heraus gebildet als aus dem wahren Bild, das uns durch sein lebendiges Wort offenbart wird.

Wie in unserer Gesellschaft allgemein üblich, sind auch diese Menschen schnell bereit, Autoritäten zu kritisieren. In unseren Fernsehprogrammen, von Komödien bis hin zu Talkshows, wird ständig über Autorität geschimpft. Diese Medien lästern über Leute in leitender Verantwortung und loben Verschlagenheit und Rebellion. Was aber, wenn die Führung wirklich korrupt ist? Was sagt Gott dazu? Er sagt: „Von dem Obersten deines Volkes sollst du nicht schlecht reden“ (Apg. 23,5).

Und dennoch denken wir, es gefällt Gott, wenn wir eine korrupte Regierung kritisieren; wir glauben, er wird genauso wie unsere Gesellschaft reagieren. Damit setzen wir ihn auf die Stufe der vergänglichen Menschen herab, und dies sogar in unseren Gemeinden.

Ich habe gehört, wie Gemeindeleiter Scheidung mit folgendem Grund rechtfertigten: „Gott möchte, dass ich glücklich bin.“ Sie glauben tatsächlich, ihr Glück ist wichtiger als ihr Gehorsam Gottes Wort gegenüber und als der Bund, den sie mit ihm geschlossen haben.

Der Leiter einer Gemeinde sagte mir: „John, ich habe mich entschlossen, mich von meiner Frau scheiden zu lassen, denn wir haben uns schon die ganzen letzten achtzehn Jahre nicht mehr verstanden. Wir schauen uns keine Filme zusammen an, und Spaß an gemeinsamen Unternehmungen haben wir auch nicht. Du weißt, ich liebe Jesus; sollte ich nicht das Richtige

tun, wird er es mir schon zeigen.“ Warum sollte uns Gott eine private Audienz gewähren, wenn wir das, was er schon vor langer Zeit gesagt hat, ignorieren?

Irgendwie haben diese Menschen die Worte Jesu so hingedreht, als ob sie selbst davon ausgenommen wären, so, als hätte er gesagt: „Als ich in meinem Wort davon sprach, dass ich Ehebruch hasse, galt das nicht für dich. Ich möchte, dass du eine Partnerin hast, mit der du glücklich bist und viel Spaß hast. Lass dich ruhig scheiden; war es falsch, kannst du später Buße tun.“

So denkt unsere Gesellschaft. Ohne Worte drücken wir aus: „Schwarz und Weiß gilt für die anderen, aber für mich gibt es Grau. Es ist nicht richtig, wenn andere das tun, aber mich betrifft das nicht. Sobald Gehorsam unbequem wird, gibt es für mich eine Ausnahmeregelung.“

Wenn das im persönlichen Bereich geschieht, passiert es genauso im öffentlichen Leben. Es ist daher keine Überraschung, dass die Herrlichkeit Gottes in der Gemeinde auf eine menschliche Ebene herabgesetzt wird – von dem privaten Leben der Leiter bis hin zu den Predigten, die verkündigt werden. Welche Botschaft vermittelt den Zuhörern eine solche Vermenschlichung der Herrlichkeit? Die Aussage ist: Gott meint oder tut nicht, was er sagt.

Und dann wundern wir uns, warum Sünde unter uns wuchert, die Gottesfurcht verloren geht und Sünder passiv auf ihren Stühlen sitzen und sich durch unsere Predigten nicht im Geringsten angesprochen fühlen. Es überrascht auch nicht, dass viele Gläubige in unseren „bibelfundierten“ Gemeinden lauwarm sind, dass Witwen, Waisen, gebundene Männer und Frauen sowie die Kranken vernachlässigt werden.

Die Predigten, die wir in den letzten zwanzig Jahren am Rednerpult gehalten oder über Rundfunk und Fernsehen ausgestrahlt haben, stellen Gott oft als reichen Papi im Himmel

dar, der sich nur danach sehnt, uns alle Wünsche zu erfüllen, wann immer wir es wollen. Dies ermutigt zu kurzzeitigem Gehorsam aus selbstsüchtigen Motiven. Eltern, die so handeln, haben in kurzer Zeit verzogene Kinder. Verzogene Kinder haben keinen echten Respekt vor Autorität, besonders dann nicht, wenn sie nicht bekommen, was sie wollen und wann sie es wollen. Ihr Mangel an Respekt gegenüber Autorität führt leicht dazu, Gott anzuklagen.

Wie kann Ehrfurcht wiederhergestellt werden, nachdem wir Gottes Herrlichkeit so gering geschätzt haben? Wie kann sich Gehorsam durchsetzen, wenn Ungehorsam und Rebellion für die meisten normal sind? Gott wird seinem Volk eine heilige Furcht zurückgeben, und er wird die Gläubigen zu sich wenden, damit sie ihm den wahren Ruhm und die echte Ehre geben, die ihm gebührt. Er hat versprochen: „Jedoch, so wahr ich lebe und von der Herrlichkeit des Herrn die ganze Erde erfüllt werden wird …“ (4. Mo. 14,21 S).

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