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Bettina Giebeler Befreiende Gegenwart


© Copyright 2015 by Asaph-Verlag 1. Auflage 2015 Umschlaggestaltung: Bettina Giebeler Satz/DTP: Stefanie Nöckel Druck: cpi books Printed in the EU ISBN 978-3-95459-002-5 Bestellnummer 148002

Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: Asaph, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.de – www.asaph.de


Befreiende Gegenwart – Unterwegs zu bindungsorientierter geschlechtlichen Identität und Beziehungsfähigkeit

DANKSAGUNG Dieses Praxisbuch möchte ich meinem Mann Thomas widmen, der mich zu meinem Dienst freigesetzt hat. Obwohl er viele Stunden auf meine Anwesenheit verzichtete, während ich dieses Buch schrieb und in Kursen praktisch umsetzte, hat er mich immer wieder gestärkt, das zu tun, was Gott mir auf mein Herz gelegt hat. Ganz herzlichen Dank für deine Unterstützung. Meinen besonderen Dank möchte ich auch Wolfram Soldan, Arzt, Psychotherapeut und Dozent an der IGNIS-Akademie für seine fachlichen Hinweise aussprechen.

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Inhalt Einleitung...........................................................................................................................................9 1 DIE ARBEIT VON JAKOBSBRUNNEN: BEFREIENDE GEGENWART.............................10

1.1 Der überkonfessionelle theologische Hintergrund.............................................................. 11 1.2 Geschlechtliche Identität ist wesentlich entwicklungsbedingt...........................................13

2 Gottesebenbildlichkeit durch Geschlechtliche Identität..............26

2.1 Geschlecht und seine Grenzen............................................................................................26 2.2 Was bedeuten Geschlecht und seine Grenzen?...................................................................29 2.3 Gott ist unser Ziel, nicht unsere Erneuerung......................................................................30 2.4 Verwalter unserer Leidenschaften.......................................................................................31

3 Lernen, unsere bedürftigkeit einzugestehen..................................................33

3.1 Ursachen für unseren Wunsch, stark zu sein......................................................................33 3.2 Die Haltung ständiger Scham macht krank........................................................................35 3.3 Unterscheidungsfähig werden.............................................................................................35 3.4 Was müssen wir vor uns selbst eingestehen?......................................................................36 3.5 Beziehungsmäßige und sexuelle Bedürftigkeit...................................................................39 3.6 Die Flucht vor Schmerz und Ungewissheit........................................................................40

4 RUHEN IM „SEIN“............................................................................................................................44

4.1 Gottesbild und innere Heilung............................................................................................44 4.2 Die Bindungsstörung und Mutterwunde überwinden.........................................................51

5 GESPALTENHEIT DES WILLENS UND UNSERE ERLÖSUNG..........................................58

5.1 Geistlicher Widerstand gegen Gott.....................................................................................58 5.2 Unvergebung und unbewusster Widerstand bewirken Schmerzabwehr.............................59 5.3 Feindschaft zwischen Dominanz- und Beziehungsanteil...................................................61 5.4 Die Übereinstimmung bedeutet Heilung und Wohlbefinden..............................................63 5.5 Die Vergebung als Schlüssel zur Übereinstimmung...........................................................64 5.6 Praxisbeispiel für die Heilung der Folgen einer Selbstwertstörung....................................66

6 DER VATER SUCHT UNS................................................................................................................71

6.1 Gottes Gabe und unsere Herzensreaktion...........................................................................71 6.2 Gottes Ebenbildlichkeit widerspiegeln...............................................................................73 6.3 Das zerbrochene Bild – Feindseligkeit zwischen den Geschlechtern.................................77

7 DER GEKREUZIGTE UND AUFERSTANDENE.......................................................................82

7.1 Gottes Reich bricht an.........................................................................................................82 7.2 Die Kraft des Kreuzes setzt uns frei...................................................................................83 7.3 Die Auferstehung Christi wird zu unserer eigenen.............................................................83 7.4 Umkehr und die Kraft des Kreuzes.....................................................................................84


8 STÄRKUNG UNSERER ENTSCHEIDUNGSFÄHIGKEIT STATT SCHMERZABWEHR ...........................................................................................................91

8.1 Unsere eigene Lösung ist das Problem...............................................................................91 8.2 Was ist Ungehorsam aus biblischer Sicht...........................................................................92 8.3 Den Weg des Kreuzes willig gehen....................................................................................96 8.4 Mit IHM leben ist Freiheit..................................................................................................96 8.5 Erneuerung unseres Willens................................................................................................98

9 RISIKOFAKTOREN FÜR DIE GESCHLECHTLICHEN IDENTITÄT..............................103 9.1 Geschlechtliche Entwicklung............................................................................................103 9.2 Risikofaktoren für geschlechtliche Verwirrung................................................................104 9.3 Der Bruch zum gleich- und gegengeschlechtlichen Elternteil..........................................106 9.4 Ablehnung und ihre Folgen............................................................................................... 114

10 NARZISSMUS UND GÖTZENDIENST....................................................................................122

10.1 Narzissmus – Selbstvergötterung....................................................................................122 10.2 Eifersucht und Idealisierung...........................................................................................125 10.3 Das Kreuz und unsere wahre Identität in Christus..........................................................132 10.4 Das Leben als neue Kreatur............................................................................................134

11 Zerstörte Grenzen: im Angesicht Jesu sICH MISSBRAUCH Stellen.........................................................138 11.1 Auswirkungen auf den Missbrauchten............................................................................138 11.2 Jesus in die Wunde einladen...........................................................................................141 11.3 Sich den gebrochenen Reaktionen auf den Schmerz stellen und aufgeben....................143 11.4 Reinigung und Wiederaufbau von Grenzen....................................................................149

12 GOTTES VERGEBUNG UND ANNAHME ERFAHREN.....................................................156

12.1 Fünf Phasen, wenn ich anderen von Herzen vergeben will...........................................156 12.2 Umgang mit speziellen Fallgruben der Unvergebung und der Selbstablehnung............165

13 ERNEUERUNG DES SELBSTWERTGEFÜHLS ALS MANN............................................168

13.1 Die Gespaltenheit zwischen Sein und Tun......................................................................169 13.2 Unterschied zwischen Frau und Mann............................................................................170 13.3 Stereotype und Gottes Grundstruktur des männlichen und weiblichen Wesens.............171 13.4 Männliche geschlechtliche Identität und Erlösung.........................................................174 13.5 Biblischer Befund zum Mannsein...................................................................................176 13.6 Wiederherstellung vaterloser Männer.............................................................................179

14 ERNEUERUNG DES SELBSTWERTGEFÜHLS ALS FRAU..............................................183

14.1 Die geschlechtliche Identität als Frau.............................................................................183 14.2 Frauen, die im eigenen Recht aufrecht stehen können...................................................184 14.3 Kampf durch fehlende geschlechtliche Identität.............................................................185 14.4 Wiederherstellung des Frauseins.....................................................................................188

ANHANG:

Exkurs zur anthropologischen Verankerung der Herzensgespaltenheit bei Paulus................194

LITERATURVERZEICHNIS...........................................................................................................196


BEFREIENDE GEGENWART – Unterwegs bindungsorientierter geschlechtlicher Identität undBeziehungsfähigkeit Beziehungsfähigkeit Befreiende Gegenwart – Unterwegs zuzu bindungsorientierter geschlechtlichen Identität und

Befreiende Gegenwart Unterwegs zu bindungsorientierter geschlechtlicher Identität und Beziehungsfähigkeit

Einleitung Während meines zwanzigjährigen Beratungs- und Lehrdienstes habe ich die wohltuende Erfahrung machen dürfen, dass Gott für jeden von uns einen ganz persönlich zugeschnittenen Heilsweg hat, auf dem wir IHM ohne Druck oder Zwang gemäß unseren eigenen Möglichkeiten folgen können. Gott überfordert niemanden, aber er fordert uns doch heraus zu einer Reise, auf der ER immer mehr die Herrschaft in uns übernimmt, damit wir sein Reich durch unsere neu gewonnene Handlungsvollmacht in diese Welt hinein bauen können. Sein Reich ist nicht allein auf die Gemeinde oder Kirche beschränkt, sondern soll sich auf jeder gesellschaftlichen Ebene unserer Kultur etablieren, um in der Ergänzung von Mann und Frau, in ihrer je eigenen Wesensart und erfahrenen Polarität, sichtbar zu werden. Denn nur in der ergänzenden Beziehung zwischen weiblichem und männlichem Geschlecht kann Gottes umfassendes Wesen, das als Urbild über beiden Geschlechtern steht,1 von uns Menschen ganzheitlich abgebildet werden. Um die umfassende Liebe Gottes für verwundete Menschen erfahrbar zu machen, braucht es meist spezielle Bodenbearbeitungsinstrumente, die den verletzten Herzensboden in der richtigen Weise vorbereiten, um den Samen des Wortes aufzunehmen, damit entsprechende Frucht hervorkommt. In diesem Sinne soll dieses Praxisbuch dazu dienen, Menschen, die in scheinbar ausweglosen Beziehungs- und Identitätsproblemen feststecken, an die Hand zu nehmen, damit sie in die Freiheit geführt werden können. Bei meiner eigenen Heilung von den Folgen sexuellen Missbrauchs habe ich erfahren, dass Gott selbst eine völlig zerstörte Persönlichkeit, wie ich es war, heilen und neu aufbauen kann. Ich hatte mit 17 Jahren, trotz meiner ersten Begegnung mit Jesus Christus als erfahrbarem Gegenüber, einen tiefen Absturz in dissoziative2 Episoden erlebt, die meine Kindheitserfahrungen zum Inhalt hatten, die von physischem und sexuellem Missbrauch geprägt waren. Damals sagten mir verschiedene Neurologen, dass die Störung unheilbar sei und ich mein Leben lang auf Psychopharmaka angewiesen bliebe. Für mich kam diese Diagnose einem Todesurteil gleich, weil sie dem entgegenstand, was Gottes Wort an Verheißungen zum (ewigen) Leben schon im Hier und Jetzt verspricht. Laut Ärzten und einem christlichen Missionswerk, wo ich freiwillig eine Therapie machte, sollte ich mich mit meiner „Krankheit“ abfinden und lernen, mit ihr zu leben, statt mich benachteiligt und von Gottes Leben ausgeschlossen zu fühlen. Doch je länger ich versuchte, das zu akzeptieren, umso deutlicher wurde mir, dass dies keine Option für mich war, wenn Gott wirklich der ist, als der Er in der Bibel vorgestellt wird. Ich wollte ganze Sache mit ihm machen und glauben, dass er eine Zukunft für mich hat, die ich erhoffte, trotz meiner lähmenden Depressionen. 1

Norbert Baumert, Frau und Mann bei Paulus: Überwindung eines Missverständnisses, 2. Aufl. (Würzburg: Echter Verlag, 1993), 193ff. 2 Eine Dissoziative Störung als Folge von Traumata ist durch die Trennung von einem Teil des Gedächtnisses oder der Identität einer Person von einem anderen gekennzeichnet. Sie kann sich u.a. in Ohnmachtsanfällen, Gefühlsüberflutungen und Flashbacks äußern.

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Die größte Schwierigkeit bestand für mich darin, IHM so viel Vertrauen entgegenzubringen, dass ich ihm erlauben konnte, mich aus meinem inneren Versteck zu locken und mit seiner Liebe zu berühren. Ich habe viele Jahre dafür benötigt, in denen es auch immer wieder Rückschläge gab, um mich Gott wirklich zu öffnen und auszuliefern. Bei diesem langwierigen Prozess der Herzenserneuerung hat Gott mich immer wieder herausgefordert, das tiefe Misstrauen gegen ihn als Vater loszulassen und meine Selbsthilfe in Form von Schmerzabwehrmechanismen in den Tod zu geben. Gott benutzte außer meiner Ehe mit Thomas nicht zuletzt auch meinen Dienst an sexuell und beziehungsmäßig gebrochenen Menschen, um mich tiefer mit sich zu verbinden und damit auch zu heilen, wie es in Jesaja 58, 10 steht: „… sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“3 Wir dürfen ganz persönlich seine Barmherzigkeit empfangen, um uns ehrlich uns selbst zu stellen. Die Güte und Gnade Gottes lockt und zieht uns aus unseren Verstecken, denn unser Herz hat Gründe, die tiefer und verborgener sind, als wir selbst verstehen können. Dieses Hervorrufen geschieht, indem wir unsere Ohren und Herzen für die Barmherzigkeit Gottes öffnen und darauf eingehen. Nach meiner Hochzeit 1989 mit Thomas konnte ich die Psychopharmaka dauerhaft absetzen. Entgegen aller Festlegungen auf mein „unheilbares“ Kranksein durch die Ärzte und das Missionswerk, in dem wir uns kennen lernten, glaubten wir gemeinsam, dass Gott mich heilen würde. Gott hat mich nach meiner Heirat befreit zu einer Reise, die für meinen Mann und mich sein Vaterherz erfahrbar machte, obwohl die Schwierigkeiten der Nachfolge ab diesem Zeitpunkt erst richtig begannen. Das vorliegende Praxisbuch möchte ein Wegweiser für alle Lernenden sein, die ebenfalls zu einer bindungsorientierten geschlechtlichen Identität und Beziehungsfähigkeit unterwegs sind, um echte Erfüllung und Lebenssinn zu finden (Joh 10,10). Einerseits geschieht dies durch mein persönliches Zeugnis, das ich immer wieder einflechte, andererseits auch dadurch, dass ich vermittle, wie wir als Ehepaar Kleingruppen nach dem Konzept von Jakobsbrunnen anleiteten, um Betroffenen das zu vermitteln, was Gott auch ihnen an Erlösung und Erneuerung anbietet.

1 Die Arbeit von „Jakobsbrunnen“: Befreiende Gegenwart Der erste Teil des Konzepts Befreiende Gegenwart liefert die Strukturen der Wahrheit in Bezug auf Gottes Wort, d. h. was Jesus für uns getan hat und wer wir sind in ihm. Dieser Teil funktioniert wie ein Brunnen. Der zweite Teil ist das Wasser des ewigen Lebens, das von Gott ausgeht und in diesem Brunnen nach oben befördert wird, damit wir von Jesus trinken können. In Johannes 4,13f lesen wir: „Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht 3

Die Bibelzitate sind generell, falls nicht anders angegeben, aus der Lutherbibel Standardausgabe, (Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1985).

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dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“ Es gibt im Leib Jesu eine große Not zwischen dem theoretischen Wissen und dem persönlichen Erfahren der objektiven Wahrheit. Dieser Not möchte ich mit meinem persönlichen Zeugnis und der Anleitung zu einer Gruppenarbeit, wie wir sie schon vielfach durchführten, begegnen.

1.1 Der überkonfessionelle theologische Hintergrund In den theologischen Überlegungen, wie die Wesensbestimmung des Menschen als Ebenbildlichkeit aussehen könnte, kam es in der Kirchengeschichte zu einer Unterscheidung zwischen zwei Sichtweisen, die noch bis heute enorme Folgen für uns hat. Ausgangsbasis waren zunächst die Überlegungen, dass zu den allgemeinen Wesensmerkmalen des Menschen, d. h. seiner Personalität4, auch Gottes konkrete Ziel- und Sinnvorgaben für das Menschsein als Abbild Gottes gehören müssen. Von dieser Basis ausgehend unterschieden sich dann die substantielle und die relationale Sicht der Ebenbildlichkeit des Menschen. Die substantielle Sicht kann als Grundtendenz der gesamten katholischen Tradition zugerechnet werden, da sie die Ebenbildlichkeit als einen Teil der menschlichen Natur und als deren festen Besitz sieht.5 Sie ist durch Thomas von Aquin als Thomistische Linie bekannt. Die beiden wichtigsten, eng zusammenhängenden Charakteristika der Thomistischen Linie sind die Vorstellung einer echten Wesensähnlichkeit jedes Menschen mit Gott, verbunden mit der Annahme, dass diese als eine Art „Naturgabe“ jedem Menschen mitgegebenes Selbstbild sei.6 „So wie er (Gott) Person ist, Verstand, Wille, Selbstbewusstsein besitzt, sind diese Grundattribute der Personalität auch uns mitgegeben. So wie sein Wesen von den Eigenschaften der Liebe, der Barmherzigkeit, der Treue erfüllt ist, sind auch uns diese Wesensattribute in Gottes ursprünglichem Design mitgegeben…wenn auch sicher mit Abstrichen.“7 Demnach würde der Mensch nach der substantiellen Sicht der katholischen Kirche diese naturgemäßen (göttlichen) Eigenschaften in sich besitzen, und sie würden von dauerhaftem Bestand sein, denn der Träger einer Substanz ist immer untrennbar mit der Substanz verbunden. So wie beispielsweise ein Ziegelstein untrennbar mit seiner Eigenschaft, aus gebranntem Ton hergestellt zu sein, verbunden ist. Diese Vorstellung, dass die Person als formale Struktur die göttliche Ebenbildlichkeit „besitzt“8 ist unabhängig davon, ob die Person aus oder in einer fortdauernden, wirklichen Beziehung zu Gott lebt.9 „Diese Sichtweise der Ebenbildlichkeit ordnet den relationalen Aspekt dem ontischen (d.h. dem substanziellen Anmerk. d. Verf.) unter.“10 Dies hat dann zu der Annahme geführt, dass der Mensch in sich selbst die moralische Fähigkeit bzw. Willensfreiheit besitzt,11 sich für das Gute entscheiden zu können, und er dies durch sein „richtiges Handeln“ lediglich unter Beweis stellt bzw. 4

Zu den grundlegenden Kriterien dieser Personalität zählen der menschliche Wille, der Besitz des Verstandes, die Gewissenstätigkeit und die Selbstbewusstheit, d.h. sich als ein handelndes Ich zu erfahren. IGNIS, Fernkurs: Die Grundlagen christlicher Psychologie - Der Mensch in Beziehung zu Gott, Heft 5a (Kitzingen: IGNISAkademie für Christliche Psychologie, 2003), 87. 5 IGNIS, Fernkurs, 98. 6 IGNIS, Fernkurs 5a, 97. 7 IGNIS, Fernkurs 5a, 97. 8 Stanley J. Grenz, Theology for the Community of God (Nashville: Broadmann & Holman, 1994), 169. 9 IGNIS, Fernkurs, 98. 10 Ray S. Anderson, On Being Human, Essays in Theological Anthropology (Pasadena: Fuller Seminary Press, 1982), 221. 11 IGNIS, Fernkurs 5a, 104.

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unterstreicht. So ist eine Tendenz zur Werkgerechtigkeit entstanden, die nach der Bibel nicht zu belegen ist. Zudem bedeutet diese Sicht für den Bereich Seelsorge und Therapie, … ,,dass dem Menschen, so Probleme auftauchen, die zumindest prinzipielle Möglichkeit eingeräumt wird, sich selbst verändern zu können. Er würde die Hilfe Gottes zur Überwindung psychischer Probleme nicht benötigen, sondern müsste alle ihm von Gott vorgegebenen Ziele selbst umsetzen können.“12 Genau entgegengesetzt positioniert sich durch die Reformation die evangelisch relationale Deutung von 1.Mose 1,26f, indem wirkliche Wesensähnlichkeit mit Gott als festem Besitz ganz aufgegeben wird. Die Ebenbildlichkeit des Menschen wird „nur“ als Hinweis auf seine Beziehungsfähigkeit gedeutet (Augustinische Linie).13 Nur in der vollständigen Abhängigkeit des nach dem Sündenfall völlig korrumpierten Menschen von Gott, die alle Aspekte seines Lebens und Seins einschließt, nicht nur in Teilen, kann er als Gnadengabe seine Bestimmung in der Abbildung Gottes finden.14 Doch dann stellt sich die Frage, wie der Mensch sich Gott überhaupt noch vorstellen sollte, wenn er nicht von einem personalen Wesen ähnlich der menschlichen Persönlichkeit ausgehen kann? Denn gerade dank der Konzeption einer Ähnlichkeit zwischen Gott und Mensch können wir überhaupt einen Bezug zu Gott finden, indem wir ihn uns vorstellen können.15 Auch wenn wir nicht davon ausgehen können, dass der Mensch aus eigenem Vermögen gut sein kann, so brechen doch viele göttliche Eigenschaften immer wieder bei ihm durch. Müssen wir dann nicht annehmen, dass der Mensch zumindest im Ursprung, auf den sich 1. Mose 1,26-27 ja bezieht, liebte, treu und barmherzig war und er diese göttlichen Eigenschaften wesensmäßig aufweisen kann? Durch unsere Berufung zur Ebenbildlichkeit entsteht unsere Identifikation mit Christus in sein Bild (Rö 8,29), da wir von Gott als ihm gleich identifiziert werden und der alte Mensch entsprechend umgestaltet wird. Doch durch die relationale Sichtweise erziehen sich viele Christen tragischerweise dazu, nicht nur den alten, sondern auch den neuen Menschen (als ihr wahres Selbst) zu töten, der sie in Wirklichkeit durch die Identifikation mit Christus schon sind.16 Paulus sagt uns in Römer 7,18, dass im alten Wesen nichts Gutes wohnt und deshalb unser ererbter Trieb zum Bösen sterben muss, doch sind wir in Christus gleichzeitig, sozusagen parallel, auch ein neuer Mensch, der in Jesu Wesen lebt, und zwar hier und jetzt! Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass sowohl die substanzielle als auch die relationale Sicht für sich allein genommen den biblischen Aussagen nicht gerecht wird. Beide sollten in eine sinnvolle Beziehung zueinander gesetzt werden, indem die Substanz der Relation untergeordnet wird. Insgesamt hat sich tatsächlich die relationale Sichtweise kirchengeschichtlich stärker durchgesetzt und die Notwendigkeit, dass der Mensch primär aus der Beziehung zu Gott bestimmt ist. Dennoch glaube ich, dass Gottes Design für uns Menschen auch eine reale Wesensähnlichkeit zu Ihm beinhaltet, die allerdings nicht als festes Besitztum interpretiert werden kann, sondern auf einer der Relation untergeordneten Ebene, also aus der Beziehung zu Gott, verstanden werden kann.17 Als Christen nehmen wir aber meist keine „interne Trennung“ durch das, was Paulus als Spannung zwischen altem und neuem Menschen beschreibt (Eph 4,22ff; Rö 6,6; Kol 3,9f) wahr, sondern laufen oft genug mit einer konfusen Gefühlswelt herum. Doch gerade eine Differenzierung unserer Gedanken und Gefühle ist unerlässlich, um Klarheit und 12

IGNIS, Fernkurs 5a, 101. IGNIS, Fernkurs 5a, 106. 14 IGNIS, Fernkurs 5a, 103ff. 15 IGNIS, Fernkurs 5a, 102. 16 Leanne Payne, Verändernde Gegenwart: Selbstannahme, Heilung und Vergebung (Lüdenscheid: ASAPHVerlag, 1998),14f. 17 IGNIS, Fernkurs 5a, 105. 13

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Herzenserneuerung (Heiligung) zu erfahren. Denn entweder wird das Sündersein in den Gemeinden betont … und aus Scham darüber mit Leistungsstreben und Perfektionismus verbunden, so dass man sich im bewussten Denken nur noch als guter Christ (aus eigener Kraft) sieht, der alles Schlechte bereits abgelegt hat, um nicht durch übermäßige Scham- und Schuldgefühle bis in die Depression getrieben zu werden. Oder der Blick wird nur auf das neue bzw. wahre Selbst gerichtet, das wir in Christus sind, so dass der Einfluss des Alten ebenfalls ignoriert wird. Als Folge können z.B. in der Ehe oder Kindererziehung Probleme mit Mangel an echter Nähe, Narzissmus (Selbstvergötterung) und dem Richtgeist auftreten. Doch sollten wir als Christen den Einfluss des Alten weder auf die eine noch auf die andere Weise ignorieren, auch wenn wir von Rechts wegen nach 1. Johannes 5,18 als sündlos gelten, da wir fortlaufend neue Sündenvergebung empfangen und der Böse uns im Zustand der Sündlosigkeit nicht antasten kann. Doch de facto erkennen und bekennen wir nicht sofort alle Sünde, und in diesen vorläufig dunklen Ecken gedeiht das Destruktive, und dort kann dann das Böse sein Unwesen unerkannt treiben. In jedem von uns gibt es diesen Kampf zwischen altem und neuem Menschen, zwischen Fleisch18 und Geist (Rö 7; Gal 5,17-23), doch das Wort Gottes will uns dahin führen, dass wir uns dem alten Menschen stellen. Wenn wir daraufhin kapitulieren und zugeben, dass wir uns aus eigener Kraft nicht verändern können, kann Gott uns durch Umdenken und die Kraft des Heiligen Geistes fähig machen, den durch ungezügelte Leidenschaften und Leistungsstreben gesteuerten alten Menschen abzulegen, innere Heilung zu empfangen und das Wesen Christi als neue Identität anzuziehen (Kol 3,8-14; Rö 13,14). Das Ablegen19 des alten Menschen und Anziehen des Herrn Jesus Christus ist ein Geschehen von punktuellem Charakter, was aber nicht ausschließt, dass man es wiederholt ausführen muss, um eine bleibende Veränderung zu erfahren. Unser alter Mensch hat sich in Haltungen verfestigt, die sich nach neueren Forschungen in neuronalen Netzwerken in der Hirnstruktur niederschlagen, die unsere Emotionen, Gedanken und Überzeugungen gegenüber der Welt formen und unser Verhalten bestimmen.20 Beim Ablegen des alten Menschen, was nichts anderes bedeutet als Gedanken und damit verbundene Gefühle als Lüge wahrzunehmen und sich dafür als mit Jesus Christus gestorben zu identifizieren, erleben wir eine befreiungsähnliche Reinigung von Gedanken und Zwängen, die oft mit territorialen Mächten über uns korrespondiert haben.21 So werden langanhaltende seelische Bindungsmuster gelöst, und wir erleben die Freiheit, uns nach Gottes Maßstäben verhalten zu können. Deshalb sollte unser freier Wille auf keinen Fall von geistlichen oder von menschlichen Autoritäten gebrochen werden, sondern sollte trainiert und gefördert werden (Eph 4,14), um einen eigenen biblischen Wertekanon aufgrund eigener Überzeugungen entwickeln zu können. Sozialwissenschaftliche Studien an Jugendlichen belegen,22 dass es einen 18

Irrtümlicher Weise wird manchmal angenommen, das Fleisch oder unser alter Mensch sei unser Körper und unsere Gefühle an sich, doch sind dies Geschenke Gottes an uns und an sich wertneutral. Wir entscheiden, ob wir sie zu einem vernünftigen Gottesdienst verwenden (Rö 6,6;13) oder unabhängig von Gott im „Fleisch“ leben, weil wir sie gegen Gottes Gesetz ausleben. Beispielsweise ist ein Buttermesser mit dem jemand ermordet wird, deshalb auch nicht an sich etwas Sündiges. 19 Ablegen meint den Vorgang, dass wir Gefühle und Gedanken überhaupt wahrnehmen, die nicht dem göttlichen Willen entsprechen, Gott um Vergebung bitten und bekennen, dass sie keine Macht mehr über uns haben, weil wir dafür mit Christus gestorben sind. 20 Caroline Leaf, Wer hat mein Gehirn ausgeschaltet? Toxische Gedanken und Emotionen überwinden (Bad Salzuflen: Der Überwinder Verlag, 2013), 25ff.f 21 Wolfhard Margies, Befreiung (Berlin: Aufbruch-Verlag, 1988), 19f. 22 Jürgen Bengel u.a., Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese – Diskussionsstand und Stellenwert: Eine Expertise von Jürgen Bengel, Regine Strittmatt und Hildegard Willman, Forschung und

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signifikanten Zusammenhang gibt zwischen der Stärke ihres positiven Selbstwertgefühles und der Fähigkeit, sich gegen das Böse zum Guten zu entscheiden, um mit den ihnen gestellten Alltagsaufgaben entsprechend umgehen zu können. Je geringer das Selbstwertgefühl ist, desto schwieriger wird es für die Person, sich für oder gegen etwas zu entscheiden23, und ihr bleibt oft nur die Ohnmacht und letztlich die Sünde als falscher Trost in der Krise ihres Unbestätigtseins.24 Bevor wir Menschen auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Persönlichkeit fördern können, ist es deshalb notwendig, dass die Barrieren, die ihnen den Weg zu echter Selbstannahme und Sündenvergebung verstellen, identifiziert und im Gebet weggeräumt werden.25 Leanne Payne schreibt demzufolge: „Sünde in unserem Leben zu verstehen, ist genauso wichtig, wie das Werk Jesu am Kreuz zu verstehen, damit wir dieses Werk praktisch für unsere Sünde anwenden können.“26 Demnach brauchen wir eine erlösende Selbstdifferenzierung27, indem wir in einem mentalen Prozess lernen, zwischen altem und neuem Menschen in gesunder, d.h. nicht selbst verurteilender Weise, zu unterscheiden. Das Ziel ist, Christus in uns Gestalt gewinnen zu lassen, statt wie in der Psychologie Selbstrealisation anzustreben. Die Kunst besteht also darin, dass ich mich zu meinem alten Menschen stelle und mich gleichzeitig von ihm distanziere. Ich sündige, aber kann es bekennen, und somit identifiziere ich mich nicht mit der Sünde, sondern damit, wer ich in Christus bin! Dieser Unterschied ist für unsere Identität entscheidend und macht christliche Psychologie aus, wobei der Anfang aller Erkenntnis die Furcht des Herrn ist (Jes 11,2f; Pre 12,13; 1Pet 1,17). Alles was der Seelsorger tun kann, ist, den Ratsuchenden darin zu unterstützen, sich zu öffnen, innere Heilung zu empfangen und den alten Menschen in den Tod zu geben, damit Gott in ihm Wohnung nehmen und ihm Seine Tugenden schenken kann. So lernt er anzunehmen, wer er in Christus angesichts seines alten Menschen ist, und kann sich dessen rühmen, dass Christus in seiner Schwäche offenbar wird. Zusammenfassend ließe sich also feststellen: Beruft Gott den Menschen, Sein Wesen zu repräsentieren, das sich innerhalb der Dreieinigkeit in einem Kreislauf ununterbrochener gegenseitiger Liebe offenbart, dann hat Er das menschliche Wesen auch entsprechend ausgestattet, und wir können davon ausgehen, dass sein ursprüngliches Design des Menschen Ebenbildlichkeit im Sinne einer echten Wesensähnlichkeit beinhaltet und Gott ihm durch sein Umdenken die fehlenden Wesenseigenschaften als Tugenden schenkt, die er braucht, um seinen Auftrag zu erfüllen. „Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollen dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Rö 8,29).

Praxis der Gesundheitsförderung, Band 6, erweiterte Neuauflage im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, (Köln: BZgA, 2001), 30. 23 Renate Höfer, Jugend, Gesundheit und Identität: Studien zum Kohärenzgefühl (Opladen: Leske + Budrich, 2000), 312. 24 Payne, Verändernde Gegenwart 25 Payne, Verändernde Gegenwart, 13. 26 Payne, Verändernde Gegenwart, 13. 27 Der Begründer der systemischen Familienaufstellungen Bowen bezieht sich hierbei auf die Fähigkeit eines Menschen, „die eigenen Lebensziele und Werte unabhängig von dem Druck, der auf ihn ausgeübt wird, zu definieren.“ Michael Kerr und Murray Bowen, Family Evaluation: The Role of the Family as an Emotional Unit That Governs Individual Behavior and Development (New York: Norten Press, 1988), 97-109.

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1.2 Geschlechtliche Identität ist wesentlich entwicklungsbedingt Bei unserer Geburt haben wir keinen festen Identitätskern, auch nicht im Verhältnis zu unserem (normalerweise eindeutig festgelegten) biologischen Geschlecht, sondern wir entwickeln uns erst in der Beziehung und im Dialog mit dem uns angebotenen Gegenüber zu einem Ich. Wenn die Bindung zu unseren Bindungspersonen während des ersten Lebensjahres unsicher oder desorganisiert war, werden wir Blockaden in unserer Beziehungsfähigkeit erleben und schmerzhafte Vermeidungsmuster und Ängste entwickeln, die auch Auswirkungen auf unsere geschlechtliche Identität und damit sexuelle Ausrichtung haben können. Denn niemand wird mit einer homosexuellen Neigung geboren.28 Eine neue finnische Studie von 2008 belegt,29 dass der genetische Einfluss im Sinne einer angeborenen Neigung, besonders sensibel auf die Umwelt zu reagieren, sehr gering ist. Individuell erlebte Umweltfaktoren spielen die größte Rolle. Wenn also beispielsweise einer der beiden Zwillinge eine tiefe Beziehungsverletzung in seiner frühen Vaterbeziehung erlebt hat, wird er möglicherweise später homosexuelle Neigungen entwickeln, sein Zwillingsbruder, der diese Verletzung nicht hatte, aber nicht.30 Martin Dannecker, Professor für Sexualwissenschaft und führender Sexualwissenschaftler in Deutschland, der sich selbst zur Homosexuellenbewegung zählt, hat die Forschungsergebnisse so zusammengefasst: „Alle in der Vergangenheit angestellten Versuche, die Homosexualität biologisch zu verankern, müssen als gescheitert bezeichnet werden. Auch in allerjüngster Zeit wurden einmal mehr beträchtliche Forschungsanstrengungen unternommen, das ausschließliche sexuelle und erotische Interesse am eigenen Geschlecht als biologisch determiniert nachzuweisen… Diese Forschungen haben bislang nicht zu tragfähigen und konsistenten Resultaten geführt.“31 Eine homosexuelle Anziehung scheint in einem komplexen Entwicklungsprozess erworben zu werden, bei dem biologische Faktoren wie angeborene hohe Sensibilität oder bestimmte Temperamentseigenschaften des Kindes eine untergeordnete Rolle spielen. Entscheidender ist, wie ein Kind seine Umwelt erlebt und diese Erlebnisse für sich deutet.32 Biographien homosexuell empfindender Menschen weisen immer wieder darauf hin, dass die Ursachen in den in frühester Kindheit erlebten Bindungs- und Beziehungsverletzungen zu suchen sind, insbesondere was die Bindung zum gleichgeschlechtlichen Elternteil betrifft.33 In der Pubertät können die aus diesen Beziehungs- und Bindungsverletzungen herrührenden, ungestillten emotionalen Bedürfnisse nach Wertschätzung und Zugehörigkeit durch den gleichgeschlechtlichen Elternteil sexualisiert und auf Menschen des eigenen Geschlechts übertragen werden. So kann beispielsweise ein homosexuell empfindender Jugendlicher oder Mann im homosexuellen Kontakt unbewusst männliche Wertschätzung oder eine Bindung an einen „väterlichen“ oder „besten“ Freund suchen um sein Defizit

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Christel R. Vonholdt, http://www.dijg.de/homosexualitaet/wissenschaftliche-studien/fakten-hinweise-wenigoeffentlichkeit / Zugriff vom 20.06.2015, weiterhin als „Homosexualität und Wissenschaftliche Studien“ bezeichnet. 29 M. Bailey, et al., Genetic and environmental influences on sexual orientation and ist correlates in an Australian twin sample. J of Personality and Social Psychology, 78, 20000, S. 524-536. Whitehead, N., Latest twin study confirms genetic contribution is minor, narth.com/2010/12/latest-twin-study-confirms-geneticcontribution-to-ssa-is-minor-2/Zugriff 29.09.2011. In: Christel Vonholdt, Homosexualität und wissenschaftliche Studien, 3. 30 Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 3. 31 Martin Dannecker, Sexualwissenschaftliches Gutachten zur Homosexualität. In: J. Basedow: Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften (Tübingen, 2000), 339. 32 Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 3. 33 Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 3.

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auszugleichen.34 Der Psychotherapeut Joseph Nicolosi, der weit über 1000 homosexuell empfindende Männer therapeutisch begleitet hat schreibt: „Ich bin überzeugt, dass Homosexualität nicht nur eine Abwehr gegen männliche Minderwertigkeitsgefühle ist, sondern auch eine Abwehr gegen ein Trauma, das die Kernidentität verletzt hat.“35 Ähnliches gilt für das Mädchen und die Frau. Oft ist die Frau in einer homosexuellen Beziehung auf der Suche nach Mutterliebe, die ihr versagt blieb, oder einem „Zuhause“, das sie in ihrer frühen Kindheit nicht ausreichend erleben konnte.36 So versucht sie, möglicherweise unbewusst, in der homosexuellen Verbindung, die sich bei Frauen eher als emotionale Abhängigkeit zeigt, diese Verletzung „wiedergutzumachen“. Doch wird erotisiertes Verhalten gegenüber dem gleichen Geschlecht seelische Verletzungen niemals heilen oder ungestillte emotionale Bedürfnisse auch nie stillen können. Aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen haben viele homosexuell Empfindende ein beständiges Gefühl des Nicht-Genügens und der Nicht-Zugehörigkeit. In der Pubertät versuchen deshalb die Jungen, im homosexuellen körperlichen Kontakt ihre eigene Männlichkeit zu „vervollständigen“; die Mädchen versuchen, Anteil an der Weiblichkeit anderer durch eher symbiotisch-emotionale Vereinigung zu erhalten. Durch sexuellen Kontakt und Vereinigung mit einer gleichgeschlechtlichen Person hoffen sie, sich für kurze Zeit „ganz“ zu fühlen.37 1.2.1 Coming-out oder biblische Orientierung an der Ehe? Niemand hat homosexuelle Empfindungen gewählt. Eine homosexuelle Identität (ich bin schwul, ich bin lesbisch) wird aber sehr wohl vom Betreffenden gewählt. Leider oft nur deshalb, weil Menschen nie eine Chance bekamen zu hören, dass ihre homosexuellen Empfindungen auf ungelöste Identitätskonflikte und Bindungsverletzungen aus ihrer frühen Kindheit hindeuten könnten. Hier sind wir Christen in die Verantwortung gestellt, uns zu informieren und Gottes Angebot zur Wiederherstellung und Veränderbarkeit der geschlechtlichen Identität zu bezeugen. Sonst erfahren Betroffene nicht, dass eine therapeutische Arbeit an diesen Konflikten möglicherweise zu einer Abnahme homosexueller Gefühle führen kann bis hin zu einer heterosexuellen Ausrichtung. Menschen, die von sich sagen, dass Homosexualität nicht stimmig für sie ist, wünschen sich eine Abnahme ihrer homosexuellen Empfindungen und Veränderung hin zur Heterosexualität. Sie sagen zu Recht, dass sie nicht homosexuell sind, sondern homosexuelle Gefühle haben. Dieses Gefühl weist nicht auf ihre Identität hin, sondern auf etwas Ungelöstes in ihrem Leben. Zudem ist diese Ungelöstheit auch in anderen Schattierungen wie beispielsweise der Beziehungssucht oder Sexsucht gegenüber dem Gegengeschlecht zu finden, die auf dieselben Wurzelprobleme hindeuten. Deshalb wird es in diesem Praxisbuch nicht in erster Linie um Veränderbarkeit von Homosexualität gehen, da sie nur als eine besondere Ausprägung derselben Wurzelprobleme gesehen wird. Doch können viele jahrzehntelange therapeutische (säkulare) Ergebnisse zur Veränderung selbst homosexueller Neigungen in der wissenschaftlichen Literatur belegen, dass dabei im 34

Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 3. Joseph Nicolosi, Shame and Attachment (Loss, 2008), 31. Verschiedene Experten weisen bei der Entwicklung von weiblicher und männlicher Homosexualität auf die Rolle von chronischen, frühen Traumata hin, die zu einer Störung im normalen Bindungssystem des Kindes geführt haben wie z.B.: E. Moberly, Homosexuality: A new Christian ethic (Cambridge, 1983). 36 Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 4. 37 Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 4. 35

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Schnitt 30 Prozent der Klienten einen Wechsel von der Homosexualität zur Heterosexualität erleben.38 Die 30 Prozent der Betroffenen, die einen Wechsel erleben, hatten ein klares Ziel für ihr Leben wie z.B. das innere Bild einer gesunden Ehe vor Augen, das feste Vorhaben, homosexuelles Verhalten aufzugeben und die persönliche Stärke, sich emotional den eigenen Lebenswunden zu stellen. Hingegen fordern homosexuelle Lobbygruppen immer wieder ein Verbot von Therapien zur Veränderung von Homosexualität. Doch dafür gibt es weder eine ethische noch eine wissenschaftliche Grundlage, „denn diese Gruppen wollen dem Klienten das Recht nehmen, sein Therapieziel und seinen Therapeuten selbst zu wählen. Dabei werden die Fakten geleugnet, wonach Psychotherapien zur Abnahme homosexueller Empfindungen für Klienten, die sich das wünschen, erfolgreich sein können“39 schreibt der prominente Psychologe der Amerikanischen Psychologenvereinigung APA, Rogers H. Wright. Jones und Yarhouse veröffentlichen 2009 Ergebnisse aus der seelsorgerlich ausgerichteten, christlichen Beratungsarbeit von Exodus International. Diese Organisation unterstützt Betroffene, die sich eine Abnahme ihrer homosexuellen Neigung und Entwicklung ihres heterosexuellen Potentials wünschen. „nach einem längeren, mehrjährigen Weg hatten 29% der Studienteilnehmer eine erhebliche Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle erreicht. Weitere 23% hatten zusätzlich eine heterosexuelle Anziehung entwickelt. Insgesamt hatten also über 50% der Teilnehmer eine erhebliche Abnahme ihrer homosexuellen Gefühle erreicht.“40 Homosexueller Missbrauch in Kindheit und Teenageralter ist bei Männern und Frauen, die später homosexuell leben, häufiger zu finden als bei heterosexuellen Männern und Frauen. Auffallend in der Untersuchung war: Viele der Jungen und Mädchen bezeichnen sich erst nach dem Übergriff als homosexuell.41 Christel Vonholdt warnt eindringlich davor, Jugendlichen die häufig oder gelegentlich homosexuelle Gefühle haben, zu einem Comingout zu raten. Denn die Studie des homosexuell lebenden Forschers Gary Remafedi weist darauf hin: Je früher ein Coming-out des Jugendlichen stattfand, desto höher war das Risiko eines Selbstmordversuchs. Je später, desto geringer. Mit jedem Jahr Aufschieben des Comingout in Richtung Erwachsenenalter sank das Suizidrisiko.42 Ein kausaler Zusammenhang dieser Statistik lässt sich hier keineswegs ausschließen. Jugendliche spüren, dass eine Festlegung als homosexuell mit einem sehr großen Verzicht verbunden ist: Sie verzichten auf die Möglichkeit, innerhalb einer Liebesbeziehung Leben zeugen oder empfangen und weitergeben zu können. Ein Coming-out verringert die 38

Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 6. Zusammenfassung in Deutsch: NARTH, Können Reorientierungstherapien erfolgreich und gewinnbringend sein? 39 Rogers H. Wright, et al, Destructive Trends in Mental Health (2005). In Christel R. Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 7. 40 S. Jones, An extended longitudinal study of attempted religiously mediated change in sexual orientation. Wthrockmorton.com/wp-content/uploads/2009/08/Jones-and-Yarhouse-Final.pdf. 2013 löste sich der Dachverband Exodus International auf. Viele der zum Dachverband gehörenden, selbständig arbeitenden Gruppen konnten sich mit den neuen Aussagen des Präsidenten von Exodus International zur Frage von Veränderungsmöglichkeiten nicht identifizieren. Es kam zu Konflikten, schließlich zur Auflösung des Verbandes. An seiner Stelle wurde der neue Dachverband Restored Hope Network gegründet. Die Forschung von Jones und Yarhouse ist davon unberührt (Hinzugefügt 2015). In: Christel R. Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien, 7. 41 M. Tomeo, Comparative data of childhood and adolescence molestation in heterosexual and homosexual person, Arch. Sex. Behavior, 30, 5, 2001, 535-541. 42 Gery Remafedi, Risk factors in attempted suicide in gay and bisexual youth. Pediatrics, 87, 6, 1991, 869-874. In: Christel R. Vonholdt, Homosexualität und Wisisenschaftliche Studien, 7.

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Hoffnung, die sonst noch da gewesen wäre, und nimmt dem Jugendlichen damit jede weitere Aussicht auf Veränderung. Jugendliche brauchen demzufolge Zuwendung und angemessene, sachkundige Hilfe bei homosexuellen Neigungen, aber keine Einladung zum Coming-out. Denn die meisten Teenager, die anfangs überzeugt sind, sie seien homosexuell und würden es immer bleiben, finden im Laufe ihrer Reifeentwicklung spontan zu einer gefestigten heterosexuellen Identität, wie Untersuchungen von 2007 belegen.43 Ein Coming-out kann diese Durchgangsphase empfindlich stören oder blockieren, so dass keine Weiterentwicklung zur Heterosexualität mehr möglich ist. Erste sexuelle Erfahrungen können sehr prägend sein, weil sexuelle High-Gefühle wiederholt werden wollen, auch wenn sie vielleicht zunächst befremdlich sind. Diese Wiederholung wird dann zur Gewohnheit, und Gewohnheiten hinterlassen Spuren im Gehirn und werden zu einem immer schwerer abzulegenden Verhaltens- und Reaktionsmuster.44 In der Aufforderung zum Coming-out werden Jugendliche verführt, Entscheidungen zu treffen, deren Auswirkungen sie nicht übersehen können. Gleichzeitig ist die bisher beobachtbare geschlechtliche Identitätsentwicklung hin zu einer gefestigten Heterosexualität auch kein Automatismus, sondern abhängig von komplexem frühkindlichen Beziehungsgeschehen, das weiterhin auf (biblische) Orientierung und Anerkennung angewiesen ist. Jugendliche brauchen Erwachsene, die ihnen glaubwürdig vorleben, dass sich ein Ausstrecken nach Ehe lohnt, denn diese hat doch ein einzigartiges von Gott geschenktes Potential, Frieden zwischen den Geschlechtern und Generationen zu stiften. So wie homosexuell Empfindende, die Veränderung wünschen, nicht in ihren Rechten beschnitten werden dürfen, so gilt natürlich auch für homosexuell Empfindende, die darin kein Problem sehen, dass sie das volle Recht haben, ihren Lebensstil entsprechend zu wählen. Christen, die trotz entsprechenden Wunsches keine Neigungsänderung erleben, können wie heterosexuelle christliche Singles einen zölibatären Lebensstil wählen, sofern sie die Ehe als in der Bibel begründeten normativen Ort für gesunde Sexualität ansehen. Sie sollten in einem solchen Lebensweg mehr Achtung und Unterstützung durch Gemeinden erfahren, da ein solcher Weg nicht weniger wertvoll ist als Neigungsänderung und Ehe. Manche Christen sehen inzwischen auch eine dauerhafte homosexuelle Partnerschaft analog zur Ehe als legitim an. Das entspricht nicht meiner Überzeugung, aber auch hier gilt natürlich der Respekt vor der persönlichen Gewissensentscheidung des Einzelnen. Meine Argumentation bewegt sich in einem christlichen Werterahmen. Außerhalb dieses Rahmens kann humanwissenschaftlich nur belegt werden, dass Homosexualität im Zusammenhang mit einer Entwicklungsstörung entstehen kann es aber andererseits Homosexuelle gibt, bei denen ein solcher Zusammenhang nicht belegt werden kann und die mit ihrem Gewordensein zufrieden sind. 1.2.2 Biblisch-bindungsorientierter Entwicklungsansatz Bei denen, die Veränderung wünschen, sucht Gott inständig einen Zugang zu ihrem verletzten Herzen, da durch unbewusste Widerstände nicht nur neuer Schmerz ausgrenzt wird sondern auch die Möglichkeit, durch Gottes Gegenwart Hilfe zu empfangen, die so dringend in tief verletzten Bereichen benötigt würde. Bei der biblisch-bindungsorientierten Gruppenarbeit von Jakobsbrunnen geht es darum, durch ein großes Näheangebot eine Brücke zu jedem Einzelnen 43

R. C. Savin-Williams, Prevalence and stability of sexual orentation components during adolescence and yourig adulthood. Arch. Sex. Behaviour 36, 2007, 385-394. 44 Vonholdt, Homosexualität und Wissenschaftliche Studien,8.

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zu legen, von der aus er zu einer sicheren Bindung an Gott gelangt. Die Gruppenteilnehmer ermöglichen sich durch ihre Empathie gegenseitig, dass sie sich tiefer mit Jesus Christus identifizieren können, so dass durch ihre sensitiven Beziehungserfahrungen in der Gottesbeziehung eine Zunahme der Bindungssicherheit geschieht, die sich dann auch auf die aktuelle Bindungsbeziehung wie beispielsweise eine Partnerbindung reparativ auswirkt.45 Mit zunehmender kognitiver Reife sind wir in der Lage, auch zu symbolisierten nicht anwesenden Bezugspersonen Bindungen einzugehen. Gott stellt sich in seinem Wort als sichere Bindungsperson vor, die alle Kriterien erfüllt, die zu einer Bindung notwendig sind:46 1. Die Aufrechterhaltung von Nähe geschieht durch das Gebet als Rückversicherung, dass alles in Ordnung ist. 2. Gott ist bei Trennung, Verlust oder Tod ein absolut sicherer Hafen. 3. Trennung ruft Stress hervor durch eine subjektive Verlassenheitserfahrung in Bezug auf Gott als Bindungsfigur. 4. Gott ist eine sichere Basis, so dass wir aus der Geborgenheit mit ihm einen Lebensanker haben, der uns ermöglicht, uns den (Lebens-)Aufgaben zuzuwenden. 5. Gott als Bindungsfigur wird als weiser und stärker als andere wahrgenommen. Bei den Bedingungen für die Bindungsfigur gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede, da die Bindungsfigur als mit männlichen und weiblichen Wesensanteilen, so wie Gott sie uns von sich offenbart, als optimal wahrgenommen wird. Menschen mit unsicherer Bindungsgeschichte suchen verstärkt nach einer analogen Bindungsfigur, die dieses Defizit ausgleicht. Wenn also eine verlässliche kompensatorische Gottesbeziehung gelingt, kann es zu einer Form der „erworbenen Bindungssicherheit“ kommen, die sich bis in die bestehende Partnerbindung auswirkt. Wobei wir darauf achten sollten, dass die aktuelle Bindungserfahrung einen stärkeren Anteil an innerer Referenz hat, als frühere Bindungserfahrungen durch die ersten Bezugspersonen wie die Eltern.47 Deshalb ist es bei einem bindungsorientierten Gruppentherapie-Konzept wichtig, dass sich die Lernenden ganzheitlich mit allen Vorstellungen, Gedanken und Gefühlen auf ihr Gegenüber einlassen, um so Gott im Anderen begegnen und erkennen zu können. So findet der Einzelne vom „Ich“ zu einem zunächst greifbaren „Du“, das er dann beim letzten Schritt in der Übertragung auf Gott in IHM findet. Für viele gebrochene Menschen wäre es enorm schwer, ohne diese personale Vergegenwärtigung direkt eine Beziehung zu Gott aufzunehmen. Doch Einschränkungen gibt es dort zu beachten, wo schwere Traumata48 in der frühen 45

Sonja, Friedrich-Killinger, Die Bindungsbeziehung zu Gott: Ein dynamischer Wirkfaktor in der Therapie? Studienreihe psychologische Forschungsergebnisse, Band 175 (Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2014) 252ff. 46 Friedrich-Killinger, Die Bindungsbeziehung zu Gott, 221ff. 47 Friedrich-Killinger, Die Bindungsbeziehung zu Gott, 117-121, 151. 48 Traumata sind überwältigende Ereignisse, die völlig überfordern, da es meist keinen Ausweg gibt. Betroffene können weder weglaufen noch sich zur Wehr setzen, sondern müssen das Schlimme, das geschieht, erdulden. Das führt zu starken seelischen Schmerzen, Todesnähe und Todesangst. Durch das Erleben, dass dieses Geschehen eigentlich nicht auszuhalten oder zu überstehen ist, wird die Erinnerung im Traumagedächtnis als zersplitterte Erinnerung abgelegt (d.h. dass eine Dissoziation stattfindet) und kann im bewussten Arbeitsspeicher des Gehirns nicht weiter verarbeitet werden. Das hat zur Folge, dass Betroffene sich später nicht mehr oder nur bruchstückhaft erinnern können. Ursula Roderus, Handbuch zur Traumabegleitung (Erzhausen: ASAPH-Verlag, 2011), 27.

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Kindheit stattfanden, da es meist zu Spaltungen in der Seelenstruktur des Betreffenden kam. Diese Spaltungen werden in der Regel erst im Verlauf der Gruppenarbeit wahrnehmbar. Falls wir diese Störung bei einem Teilnehmer unserer Gruppenarbeit vermuten, bitten wir den Betroffenen, sich parallel oder ausschließlich an einen Facharzt oder Traumatherapeuten zu wenden. Sowohl der niederländische Psychologieprofessor Onno Van der Hart49 als auch Kollegen sprechen von struktureller Dissoziation50 als Traumafolgestörung: „Wir gehen von der Grundannahme aus, dass bei allen traumabezogenen Störungen die strukturelle Dissoziation eine gewisse Rolle spielt, wobei die akute Belastungsstörung und die einfache PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) mit den einfachsten Formen der Dissoziation und die Dissoziative Identitätsstörung mit deren komplexesten Form verbunden sind.“51 Das bedeutet, dass bei einem lebensbedrohlichen Geschehen, bei dem weder Flucht noch Sichwehren möglich sind, als weitere Lösungen bleiben: sterben, wahnsinnig werden oder dissoziieren. „Dissoziation oder Aufspaltung bedeutet Flucht „nach innen“. Als Bewältigungsmechanismus, das Unerträgliche zu überleben, stellt sie eine kreative Überlebensstrategie dar, wie das Beispiel von Petra zeigt: Petra: ‚Und dann stand er wieder an meinem Bett. Ich konnte nicht weg! Ich hatte keine Chance, aber ich musste weg! Also blieb mir nur die Flucht nach innen. … Und dann beobachtete ich den Körper, der da auf dem Bett lag. Dieser Körper gehörte nicht mehr zu mir und alles was geschah, geschah nicht mir, sondern dem Körper. Der war eine leere Hülle, ich war längst weg.’ … Der Körper scheint verlassen, schmerzunempfindlich oder völlig gefühllos zu sein. Körpererleben und Gefühle sind abgespalten, auch die Wahrnehmung von Raum und Zeit ist verändert.“52 In Übereinstimmung mit Ursula Roderus kann festgehalten werden, dass Dissoziation als Fluchtweg nach innen ein von Gott selbst vorbereiteter Bewältigungsmechanismus ist. Durch Dissoziation ist in extremen traumatischen Umständen Entkommen und Überleben möglich, so dass der innerste Kern des Menschen geschützt bleibt.53 Bei der leichtesten Form der posttraumatischen Belastungsstörung sind aufgrund des Traumas ein anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil (ANP) und ein emotional traumatisierter Persönlichkeitsanteil (EP) durch eine mildere Form von Dissoziation entstanden.54 Bei der schwerwiegenden komplexen posttraumatischen Belastungsstörung haben über lange Zeit immer wieder verschiedene traumatische Erlebnisse stattgefunden. Ein ANP und mehrere EPs haben sich daraufhin entwickelt, die aber im Bewusstsein nebeneinander wahrgenommen werden. Typisch ist der spürbare Wechsel der Gefühle, oft von einem Moment zum anderen.55 Bei der schwersten Form der Aufspaltung, der dissoziativen Persönlichkeitsstörung, findet man mehrere ANPs, viele EPs und zusätzlich Mischzustände von ANP und EP. Diese Störung ist durch einen Identitätswechsel gekennzeichnet. Verschiedene innere Persönlichkeitsanteile übernehmen abwechselnd die Außenkontrolle über die Person, ohne dass der Person dies bewusst wird. Die einzelnen Anteile kennen sich nicht gegenseitig und führen zu völlig konträren Verhaltensweisen.56 Die verschiedenen Persönlichkeitsanteile müssen differenziert betrachtet und in ihrer unterschiedlichen Aufgabenverteilung verstanden werden. Sie brauchen ein Höchstmaß an 49

Onno Van der Hart, Ellert R.S. Nijenhuis, Kathy Steele, Das verfolgte Selbst (Junfermann, 2008), 76. Dissoziation oder Aufspaltung bedeutet Flucht „nach innen“. Sie dient als Bewältigungsmechanismus, das Unerträgliche zu überleben und stellt eine kreative Überlebensstrategie dar. 51 Van der Hart, Das verfolgte Selbst, 76. 52 Roderus, Handbuch zur Traumabegleitung, 72. 53 Roderus, Handbuch zur Traumabegleitung, 72. 54 Roderus, Handbuch zur Traumabegleitung, 83. 55 Roderus, Handbuch zur Traumabegleitung, 83. 56 Roderus, Handbuch zur Traumabegleitung, 84. 50

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Sicherheit durch fachkundige Begleitung, um sich ihrerseits wie z.B. der ANP oder andere schon bekehrte Teile, für den Trost und die Hilfe von Jesus öffnen zu können. Meist ist es dann nicht mehr schwierig, dass diese abgespaltenen Anteile in die Gesamtpersönlichkeit integriert werden, wenn vorher mit Jesu Hilfe die Ängste vor Veränderungen aufgelöst worden sind. Irgendwann muss nichts mehr versteckt werden, und dann braucht es keine Dissoziation mehr. Die Grundlage für ein zunehmendes Miteinander von ANP und EPs ist gute innere Kommunikation der verschiedenen Persönlichkeitsanteile miteinander, so dass alle Teile von dem Betroffenen angenommen werden und echte Selbstannahme geschieht.57 Abgesehen von solch extremen Spaltungen, die zunächst unbedingt eine professionelle Stabilisierung der Persönlichkeit und Traumatherapie notwendig machen, wird in der Gruppenarbeit sowohl ressourcenorientiert stabilisierend als auch aufdeckend unter der Leitung des Heiligen Geistes gearbeitet. Generell geht es Gott nicht um eine Reparatur des alten Wesens mit seinen Haltungssünden, sondern um ein neues Leben im Geist. Ihm geht es darum, dass wir seinen ganzen Trost und seine Liebe für unsere Verletzungen erfahren und dann unser altes hochmütiges Wesen mit Christus als gekreuzigt und mit ihm als gestorben erachten und loslassen (Eph 4,24-32). Denn nur dann empfangen wir das neue Wesen in der Identifikation mit Christus, das uns ermöglicht, in unserem neuen Selbst vor IHM zu stehen und von IHM zu hören. Das wird immer eine Integration unserer Persönlichkeitsanteile bewirken, da wir uns auf Jesus als neues Zentrum ausrichten. Dies kann aber nur auf einer freiwilligen Basis geschehen, denn Gott wird niemals unseren Willen, der für unsere Nachfolge maßgeblich ist, übergehen. Wo wir freiwillig in das sterbende Leben einwilligen und uns mit Jesus in seinem Tod identifizieren, werden wir mit ihm auch zur Auferstehung seines Charakters in uns und damit zur Ebenbildlichkeit Jesu gelangen. Um dieses Sterben zu ermöglichen, sind die wichtigsten Grundbotschaften, die die Gruppe vermittelt, die uneingeschränkte Annahme und Liebe Gottes. Die Liebe Gottes ist nicht abhängig von unserer Veränderung und schon gar nicht von irgendeiner Leistung. Erst wenn wir in dieses tiefe Verständnis der Liebe und Annahme Gottes hineinfinden, sind wir wirklich bereit zu sterben. Denn erst im Licht seiner Liebe können wir es wagen, unsere Gebrochenheit anzusehen. Die Menschen, die am weitesten von ihm entfernt sind, sind die, die nie die Freiheit hatten, Sünder sein zu dürfen. Beispielsweise hatten die Pharisäer nie diese Freiheit, weshalb Jesus ohne jede echte Bedeutung für sie war. Die Struktur von Religion macht uns hart in unserem Herzen, und wir können dann nicht von Gott all das Gute empfangen, was er für uns vorbereitet hat. Wir brauchen unbedingt den Heiligen Geist, damit er uns den Atem geistlichen Lebens einhaucht: „dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre…“ (Eph. 3, 17 – 20f). Erst wenn wir die Freiheit haben, unsere Sünde wahrzunehmen und zu benennen, können wir Jesus begegnen. Erst muss Jesus uns zur inneren Kapitulation führen, damit er uns mit den Füßen auf den Boden der Realität stellen kann. Wenn wir uns auf sein Kreuz einlassen 57

Roderus, Handbuch zur Traumabegleitung, 256.

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können wir Erlösung erfahren. Der Anfang der Herzenserneuerung liegt in der Solidarität des Schmerzes. Er ist nicht Feind, sondern Freund, der uns alarmiert, dass etwas nicht stimmt. Also muss das Samenkorn in die Erde fallen und sterben, damit es Frucht bringt. Jesus ist für uns gestorben, damit das, was tot in uns wirkt, einen Platz hat, wo es von IHM aufgenommen werden kann. Egal wie stark der Schmerz ist, er kann uns nicht mehr töten, denn Jesus in uns hat ihn bereits für uns getragen, damit wir Heilung und Leben empfangen. Doch zuvor müssen wir über die Schwelle der Bedrohung durch andere gelangen, wenn wir unsere Sünde offenbaren. In uns ist die ängstliche Frage, ob sie uns zur Todesfalle oder zur Quelle des Lebens werden? Wir brauchen Sicherheit, die durch die richtigen Grenzen entsteht. An einem sicheren Ort und mit vertrauenswürdigen Menschen können wir es wagen unsere Herzen zu öffnen. Es ist wichtig für uns, die Furcht vor anderen Menschen zu überwinden und zu lernen so miteinander umzugehen, wie Jesus es mit der Ehebrecherin tat. Jesus ruft uns zu echter Nähe heraus, aber in einem Rahmen, in welchem wir Sicherheit angeboten bekommen. Es geht nicht darum, immer mehr Wissen anzuhäufen, sondern darum, immer tiefer im Herzen von Gottes reinigender Kraft erfasst zu werden. Die Haltung, die wir vor Gott einnehmen dürfen ist: „Herr, was willst du mir heute schenken?" Statt in einer religiösen Haltung zu fragen: „Was muss ich für dich tun?“ Das Ziel einer positiven Haltung gegenüber Gott ist ein offenes festes Herz, das - von Gottes Liebe weich geworden, - unbeirrbar gegenüber Versuchungen und Ängsten und - für sich und andere durchsichtig geworden ist. 2. Petrus 1, 3 lesen wir: „Alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit dient, hat uns seine göttliche Kraft geschenkt durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine Herrlichkeit und Kraft.“ Das Empfangen der Liebe Gottes an unseren Wurzeln, den Zwängen, dem Selbstbild, den Beziehungen - in allem, was den Kampf ausmacht - ist die Basis für unsere Freiheit von sexueller und beziehungsmäßiger Gebrochenheit und macht eine reife polare heterosexuelle Beziehung möglich. Dafür ist unsere Selbstwahrnehmung, d. h. das Bild, das wir über uns selbst haben, sehr wichtig, da sie über die Qualität und Fähigkeit unserer Beziehungen zu anderen entscheidet. 1.2.3 Unser Selbstbild hat zwei Auswirkungen: 1. Unser Selbstbild beeinflusst jede weitere Informationsaufnahme von außen und wirkt wie ein Filter. Es kommt nur das als Info bei uns an, was bestätigend wirkt bezüglich unseres eigenen Selbstbildes, ob dies positiv oder negativ geprägt ist. Wenn wir überzeugt sind, schlecht zu sein, werden wir diese Einstellung durch andere bestätigt bekommen, da wir ihnen dies unbewusst vermitteln. 2. Unser Selbstbild beeinflusst zudem maßgeblich unser Verhalten, da jeder Handlung erst ein Gedanke vorausgehen muss. Unser Verhalten wird einen Lösungsversuch der inneren Selbstablehnung und Ohnmacht darstellen, wo diese durch frühe Verletzungen entstanden sind und so ein Ausdruck unseres Stolzes werden. Es gibt zwischen dem tatsächlichen Selbstbild, also dem, was ich über mich selbst glaube, und dem Bild, das ich anderen über mich vermitteln will, immer eine mehr oder weniger große Abweichung. Je schlechter ich über mich denke, desto mehr werde ich versuchen, den

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anderen Menschen durch meine Leistung und Können das Gegenteil zu beweisen, oder wenn dies zu anstrengend wird, ganz in Resignation oder Lustorientierung fallen. Diese sind dann Ausdruck des inneren Kampfes zwischen „Sein" und „Schein“. Wir sind ständig mit der Entscheidung konfrontiert, ob wir die Wahrheit annehmen, dass wir Geliebte Gottes sind, oder ob wir die Selbstbeschämung bzw. -täuschung und damit die Lüge wählen In meiner Jugend habe ich versucht, meinen Selbstwert durch emotionale Abhängigkeit bis hin zur Beziehungssucht zu kompensieren. Durch sexuellen Missbrauch wurde mir mit ca. zweieinhalb Jahren durch einen Verwandten und später zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr von zwei Jugendlichen die falsche Identität aufgedrückt, dass eine Frau weniger wert ist als ein Mann und ihm schutzlos und ohnmächtig ausgeliefert ist. In der Pubertät versuchte ich mir daraufhin durch symbiotische Beziehungen zu Gleichaltrigen selbst zu helfen, meine Beziehungsprobleme zu lösen. Ich fühlte mich wie das Loch in einem Schmalzkringel, war also sozusagen nicht existent für mich, für andere und für Gott, sondern fühlte nur große Leere und Hoffnungslosigkeit. Nichts und niemand, nicht einmal Gott konnten mir zunächst ohne Identifizierungsmöglichkeit mit anderen Betroffenen helfen, diese Agonie und mein zwanghaftes Anklammern an andere Menschen zu überwinden. Unser Selbstbild entspricht nicht dem, was Gott über uns denkt, wie es in Psalm 139 steht, dass wir vor Grundlegung der Welt von Gott erkannt, geliebt und wertgeschätzt sind. Deshalb bestehen in unserer Wahrnehmung von uns und anderen immer mehr oder weniger Risse gegenüber der Wahrheit, und wir können Gottes Liebe nicht festhalten. Die Wirklichkeit ist verzerrt, doch können wir Jesus bitten, uns seine Wahrheit zu offenbaren, die uns freimachen wird. Joh 14,19b: „Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.“ 1.2.4 Ziele der bindungsorientierten Gruppenarbeit Befreite Gegenwart hat das Ziel, die Beziehung zum Vater zu festigen, so dass wir seine Liebe erkennen und seine Pläne bezüglich unserer Beziehungen und Sexualität erfahren können. Dadurch werden uns die Hindernisse und Blockaden offenbar, die seinem Plan mit uns im Weg stehen. Jesus Christus wird zum Fundament, auf dem wir stehen und aussortieren können, wo wir falsche Entscheidungen getroffen haben und verzerrte Vorstellungen von uns selber festhalten. Indem wir sie Jesus ausliefern, werden wir frei, aus der neuen Identität als Kind Gottes zu leben. Wir fangen an, so zu leben, wie er es tat. Er verschenkte sein Leben an uns und tat und sagte nur das, was er den Vater tun sah bzw. reden hörte. Die Gruppenarbeit soll uns befähigen, im Gehorsam vorwärts zu gehen und uns von Unvergebung und Stolz reinigen zu lassen. Dann werden wir nicht nur uns selbst annehmen können, sondern durch Jesus die Freiheit empfangen, das eigene und das Gegengeschlecht aufrichtig, jedoch nicht erotisch, zu lieben. Wir werden von Gott in die Lage versetzt, dem anderen Geschlecht als einem gewollten Gegenüber und nicht nur als sexuellem oder zu fürchtendem Objekt, dem wir misstrauen, zu begegnen. Für eine Person, die sexuellen Missbrauch erlebt hat, bedeutet diese Liebe Freiheit von der Opferidentität und den Schädigungen gebrochener Grenzen. Sie wird fähig, mehr und mehr eine gesunde Haltung gegenüber sich selbst und anderen einzunehmen. Dabei wird in der Gruppe besonders darauf geachtet, dass die Lernenden sich in ihrer Identität als von Gott Geliebte bestätigt und sicher genug fühlen, bevor wir aufdeckend arbeiten können. Die Gruppenleiter werden deshalb in besonderer Weise geschult und sensibilisiert, damit kein Schaden im Sinne einer Retraumatisierung oder erneuten Grenzüberschreitung geschehen kann.

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Wichtig hierbei ist:58 •

Dass dir der Gruppenleiter hilft, die Liebe und Kraft Gottes im Gebet zu empfangen und dich gleichzeitig „gerade" auf Gott auszurichten d.h. aufrecht vor Gott zu stehen, statt dich zu Menschen hin zu beugen.

•

Die tiefen und schmerzvollen Wurzeln deiner emotionalen und/oder sexuellen Not zu verstehen.

•

Dass du dich von sündigen und zerstörerischen Ausdrucksformen abwendest und diese im Namen Jesu widerrufst.

•

Dass du erkennst, wo du die Berührung Gottes benötigst, und diese im Kernbereich deiner Persönlichkeit und deiner Sexualität empfängst.

•

Dass du deine innere Heilung durch die Entwicklung von gesunden Beziehungen im Leib Jesu ausarbeitest.

Wir arbeiten bei Befreiende Gegenwart auf eine vertiefte, gereinigte Hingabe an Jesus hin. Auf dem Fundament seines Wortes wollen wir untersuchen, wie wir emotional und sexuell gebrochen und gebunden wurden. Dadurch können wir Versöhnung in den tieferen Bereichen unserer Persönlichkeit beanspruchen, in denen wir innere Blockaden aus Furcht, Scham, Selbsthass und Auflehnung gegenüber uns und anderen errichtet haben. Die Ausarbeitung unserer inneren Heilung besteht dann im Erlernen gesunder Beziehungen innerhalb des Leibes Christi. Herzenserneuerung aus beziehungsmäßiger und/oder sexueller Gebrochenheit ist immer ein Prozess, der voraussetzt, dass wir Gottes Fürsorge vertrauen und sie beanspruchen. So können wir Gott erlauben, uns auf neue Weise, ob durch Lehre, Geistesgaben oder im Lobpreis zu begegnen. Bist du bereit? Anhand der folgenden Gruppenregeln werden die Arbeitsweise und die Struktur der Gruppe noch einmal verdeutlicht: KOMM ZU JEDEM TREFFEN. Deine regelmäßige Anwesenheit in der Kleingruppe wird sowohl für dich wie für die anderen sehr hilfreich sein. BEREITE DICH AUF DIE LEKTIONEN GENÜGEND VOR. Das bedeutet Zeitaufwand und Auseinandersetzung mit dem Thema vor dem Treffen. Bitte bemühe dich, pünktlich zu erscheinen. LERNE, UNTERSCHIEDE UND GEMEINSAMKEITEN AUSZUDRÜCKEN. Wir können unterschiedliche Standpunkte konstruktiv aufarbeiten und brauchen uns nicht anzugreifen. Falls du mit jemandem in der Gruppe Probleme hast und es besser findest, diese außerhalb zu klären, sprich bitte deinen Gruppenleiter59 an und suche mit ihm eine Lösung. 58

Andrew Comiskey, Living Waters: Sexuelle und beziehungsmäßige Ganzheitlichkeit in Christus (by Desert Streams Ministries, 1995), 11-14. 59 Da der Standard im bisherigen Sprachgebrauch maskulin ist, wird zum flüssigeren Lesen die maskuline Schreibweise eingehalten mit dem Hinweis, dass diese dann auch die feminine Form beinhaltet.

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Sei dir bewusst, dass die eigenen Defizite oft starke negative Gefühle über die Defizite anderer hervorrufen. Ein Teil unserer inneren Heilung besteht darin zu lernen, anderen Menschen Gnade zufließen zu lassen, wenn sie Aspekte von Gebrochenheit reflektieren, die wir bei uns selbst nicht annehmen und nur schwer angehen können. Teilnehmer der Gruppe können uns an Menschen erinnern, die uns in der Vergangenheit verletzt haben. Wir reagieren heute negativ auf sie, weil sie uns an das erinnern, was jemand anderes uns angetan hat. Gott befähigt uns durch die Hilfe anderer dazu, Dinge objektiv zu sehen, so dass wir unsere eigenen Wurzelprobleme bewältigen können, statt unbeglichene alte Rechnungen auf andere Menschen zu übertragen. BETRACHTE DIE GRUPPE BEZIEHUNGSBEDÜRFNISSE

NICHT

ALS

PRIMÄRE

BASIS

FÜR

Es besteht natürlich die Möglichkeit, dass wir uns stark zu jemandem in der Gruppe hingezogen fühlen. Diese Zuneigung kann durchgearbeitet werden, ohne sich angstvoll aus dem Weg gehen oder den anderen verführen zu müssen. Jede Art von Verwirrung wird weichen, wenn wir auf Christus ausgerichtete Maßstäbe für die Erfüllung unserer Bedürfnisse einüben. Hierbei unterstehen die Themen der Kleingruppe dem Seelsorgegeheimnis und dürfen von den Teilnehmern außerhalb nur im persönlichen Seelsorgegespräch aufgegriffen werden. UNERLÄSSLICH FÜR EINE EFFEKTIVE GRUPPENDYNAMIK IST DEINE EHRLICHKEIT In der Gruppe muss es möglich sein, Sieg und Niederlagen auszusprechen. In dem Maß, in dem wir in Aufrichtigkeit und Offenheit zueinander wachsen können, werden wir an Reife zunehmen. Solltest du sexuell fallen, vertraue dich deinem Gruppenleiter an, er wird dich mit Respekt behandeln. WICHTIG FÜR DEINE HERZENSERNEUERUNG IST DEIN ENGAGEMENT IN DER LOKALEN GEMEINDE Es ist nicht hilfreich, nur mit gebrochenen Menschen zusammen zu sein. Du brauchst Beziehungen, die dir helfen, deine Sicht für dein Menschsein und deine geschlechtliche Identität zu vertiefen. GOTT IST AUF DEINER SEITE. STELLE DICH GANZ ZU IHM! Gott ist stark genug, um dich durch die Gruppenarbeit und darüber hinaus in alle Ewigkeit zu tragen. Es ist normal, dass es dir unter Umständen erst schlechter geht, bevor die innere Heilung eintritt. DU BIST IN GOTTES ZEITPLAN Nicht immer sickert ein Thema direkt voll in unsere Herzen hinein. Doch der Vater und nicht ein Gruppenthema ist der Herr und Heiler der Brüche in unserem Leben. Er entscheidet nach seinem Zeitplan darüber, was er dir offenbart, und wie er dich heilt.

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2 Gottesebenbildlichkeit durch geschlechtliche Identität Wenn wir die theologische Position vertreten, dass wir von einer Wesensähnlichkeit zwischen Gott und Mensch ausgehen können, zwar nicht als festem Besitz und im Vergleich zu Gott begrenzt,60 dann stellt sich die Frage; wie wir unsere Berufung, als Christi zu leben und seinen Charakter widerzuspiegeln, bezüglich unseres Geschlechtes erfüllen können, da Gott als Urbild über der Geschlechtlichkeit steht und weder Mann noch Frau ist. Dafür sollten wir zunächst klären, was diese Wesensähnlichkeit konkret für uns bedeutet. In der Dreieinigkeit sind die zentralen Wesensmerkmale unseres „Originals“ beschrieben als seine Liebe, das Ausgerichtet sein auf Beziehungen und seine Personalität. All dies lebt Gott innerhalb der drei Personen seiner Gottheit in einem ewigen Kreislauf der gegenseitigen Liebe.61 Zu einer Teilnahme an diesem Kreislauf der Liebe ist der Mensch seit seiner Erschaffung eingeladen. Die Anlage des Menschen zur Gemeinschaft ist das primäre Kennzeichen seiner Ähnlichkeit zu Gottes Wesen. Dazu kommt die Personalität des Menschen, d.h. seine Antwortfähigkeit gegenüber Gott, die durch seinen Verstand und Willen ermöglicht werden, als sekundäres Kennzeichen der Ebenbildlichkeit.62 Geschaffen sein im Bilde Gottes bedeutet also demnach inhaltlich, zur Gemeinschaft der Liebe gerufen zu sein. Dies ist aber nicht nur eine Einladung zur Beziehung, sondern muss als grundsätzliche Aussage über unser Wesen aufgefasst werden, da wir zutiefst von der Berufung zur Gemeinschaft gekennzeichnet sind. Es geht hierbei nicht um etwas, was der Mensch tun soll, sondern Gott hat unser Wesen auf diese Berufung hin ausgerüstet, indem er es auf Beziehung hin angelegt hat. Leben wir nicht in Beziehung, so leben wir nicht unserem Wesen gemäß. Das bedeutet dann aber, dass wir unsere Ebenbildlichkeit erst erreichen, wenn wir als wahrer Mensch (im Sinne des wahren Selbst) in unserer Berufung als Beziehungswesen leben indem wir den Charakter Christi widerspiegeln.63 Denn es genügt für die Ebenbildlichkeit nicht, dass wir im Besitz der personalen Kräfte, also des Willens, des Verstandes und der Antwortfähigkeit sind, sondern wir müssen teilhaben am lebendigen Kreislauf der göttlichen Liebe, also mit Gott aktuell in Verbindung stehen und ihn erkennen.

2.1 Geschlecht und seine Grenzen Es ist wichtig, zu verstehen, dass wir eine lebendige Hoffnung in Jesus Christus haben. Nur dann können wir Gottes Plan für unsere Ebenbildlichkeit unter den Bedingungen unserer geschlechtlichen Identität (d.h. wie wir uns selbst als Mann oder Frau körperlich wie auch wesensmäßig sehen) erkennen und annehmen. Denn Jesus tritt fürbittend beim Vater für uns ein, und er streitet für uns in dem Kampf, zu welchem wir berufen sind, um Gott als Könige und Priester auf dieser Erde repräsentieren zu können (Off 1, 6). „… Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unseren Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen“ (Off 1,5bf). 60

Der Mensch kann aber keinesfalls als kleiner Gott gelten, denn immer ist es eine Ähnlichkeit mit Abstrichen, eine Seinsanalogie. „… in der Beziehung zu Gott (soll) der Mensch sich relativ uneingeschränkt an dessen Wesen orientieren … (z.B. an Gottes Liebe und Beziehung), während er in anderen Bereichen Gott nicht als Vorbild, sondern eindeutig als Herrn anerkennen muss (z.B. in Bezug auf Allmacht oder Allwissenheit).“ IGNIS, Fernkurs 5a, 130. 61 IGNIS, Fernkurs 5a, 131. 62 IGNIS, Fernkurs 5a, 131. 63 IGNIS, Fernkurs 5a, 132.

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Wir sind nicht fähig, uns aus eigener Kraft zu Gottes Priestern zu entwickeln, aber dort wo wir demütig unsere Unmöglichkeiten und Zielverfehlungen vor Gott bekennen, vor ihm kapitulieren und ihn bitten uns zu verändern, wird er Veränderung bewirken: „Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen“ (Phil 2,13). Unsere Beziehung zu Gott ist zentral wichtig für die Erneuerung unserer Identität und Sexualität. Da unsere Selbstwahrnehmung als Mann oder Frau sowohl die Ausrichtung als auch die Stärke unserer sexuellen Wünsche mitbestimmt, sind im Umgang mit unseren sexuellen Wünschen Abgrenzungen und heilige Entscheidungen sehr wichtig.64 Vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Sexualität eine gute Gabe ist. Gott hat vor dem Sündenfall entschieden, dass es für Adam nicht gut sei, allein zu sein (Gen 2,18). Er wird unsere Sexualität erlösen, wenn wir ihm den Zutritt zu den tiefgründigen Wünschen in unserem Herzen erlauben. Von Gott geschenkte Sexualität hat nichts mit Verführung oder zwanghafter Liebe ohne Hingabe an einen Partner zu tun. Wegen unserer Berufung zur Gemeinschaft mit Gott, hat er den tiefen Wunsch in uns hineingelegt, nicht allein zu sein (Gen 2,18). Da aber Gott nicht aus demselben „Stoff“ ist wie wir selbst, soll unser Alleinsein erleichtert werden durch die Begegnung mit anderen Menschen und als zwischenmenschlich unüberbietbare Erfüllung im Einswerden von Mann und Frau in der Ehe. Wenn wir eine reife Beziehung zu Gott haben, werden wir unsere Einsamkeit in reifer Weise in der Beziehung zu anderen Menschen überwinden, sowohl geistlich, gefühlsmäßig als auch körperlich. Eine Definition für Sexualität könnte also nichts anderes sein, als dieses inspirierte Verlangen tief in uns, das sich nach Beziehung und nach Vereinigung mit einem Gegenüber sehnt, das uns wirklich versteht.65 Meistens beinhaltet dies keine ausgesprochen sexuellen Handlungen, und ist immer vorrangig der Ruf in eine sich vertiefende geistliche Vereinigung mit unserem Schöpfer. Andrew Comiskey schreibt: „Zweifellos sind Geistlichkeit und Sexualität verschieden, sie sind aber auch nicht voneinander zu trennen. Entweder wir haben Beziehungen zu anderen auf einer gereiften, heiligen Basis, oder wir sind getrennt von Gott und enden in einem Beziehungschaos (Rö1,17ff).“66 Die Voraussetzung, um andere Menschen als geschlechtliche Wesen wahrzunehmen, ist die eigene Erfahrung, wie wir von unseren engsten Bezugspersonen in unserer spezifischen Wesensart wahrgenommen und widergespiegelt wurden. Um ihre weibliche Identität zu integrieren, ist es notwendig, dass eine Frau in herzlicher aber angemessener Weise als Frau anderen Frauen offenbar geworden bin (d.h. nicht erotisch). Doch muss sie auch von einem Mann bestätigt worden sein, um ihren gottgewollten Unterschied zu ihm als Frau zu erfahren und seine gottgewollte Männlichkeit bestätigen zu können. Für einen Mann gilt dasselbe Prinzip, wie er seine Männlichkeit integrieren kann, umgekehrt genauso. So lernen wir die geistliche Realität zu akzeptieren, dass wir auch bezüglich unserer Geschlechtlichkeit in Gottes Bild geschaffen wurden. Wir reflektieren ihn – als Mann oder als Frau mit je eigener Wesensart und unserer Polarität, indem wir uns ergänzen – mit einem starken Trieb, „nicht allein zu sein“ (Gen 1,26f; 2,18-25).

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Andrew Comiskey, Arbeitsbuch Befreite Sexualität: Heilung und Reifung der eigenen sexuellen IdentitätHilfen für Seelsorger und Berater (Wiesbaden: Projektion J, 1988), 14. 65 Comiskey, Arbeitsbuch, 14. 66 Comiskey, Arbeitsbuch, 14.

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Unsere Sexualität ist damit mehr als nur unsere persönliche Befindlichkeit – sie streckt sich bei einer gesunden Entwicklung bindungsorientiert nach dem anderen aus und bezieht ihn in unser Herz bzw. unseren Geist mit ein. Da Sexualität an der Basis beziehungsorientiert ist,67 veranlasst sie uns, Gottes volle Fürsorge durch andere menschliche Wesen und letztendlich in der Ehe, durch die sexuelle Vereinigung, zu erkennen. Doch nur, wenn sich unsere Beziehungen nicht allein auf die menschliche Ebene beschränken, sondern vielmehr von der Beziehung mit Gott her leben, können sie tatsächlich unserer Einsamkeit entgegenwirken, indem wir erkennen und erkannt werden. Weil Adams und Evas Beziehung aus ihrer Unterordnung zum Schöpfer floss (Gen 1; 2) kannten sie sich ohne jede Scham und Angst, als die, die sie wirklich waren. Erst durch den Einbruch der Sünde wurde ihre Sexualität verunstaltet. Die Entfremdung, die viele in den Beziehungen zueinander erfahren, ist die offensichtlichste Folge unserer gefallenen Sexualität. Diese Entfremdung wird dann durch eine „Ich-brauche-niemanden“-Haltung überspielt, oder wir verlieren uns vielleicht emotional und körperlich in anderen Menschen und setzen irrtümlicherweise den geschlechtlichen Kontakt und die gefühlsmäßigen Verstrickungen mit wirklicher Intimität gleich. Als Adam und Eva sich nach dem Sündenfall ihrer Nacktheit bewusst wurden, schämten sie sich (1Mo 3,7). Dies deutet neben der verlorenen Identität als Geliebte Gottes auch auf den Zusammenbruch ihrer geschlechtlichen Identität hin. Die Wiederherstellung unserer Sexualität und damit der Fähigkeit, andere zu lieben wird demzufolge nur in der Erlösung durch Jesus Christus möglich. Erst in der Verbindung mit unserem Schöpfer begreifen wir wie er geschlechtliche Identität und Sexualität gemeint hat. Wenn die blind machenden, verzehrenden Eigenschaften unserer gefallenen Sexualität mit Gottes Realität konfrontiert und an ihn ausgeliefert werden, kann Jesus sie von uns weg in sich aufnehmen. Gott sehnt sich danach, uns in den Bereichen unserer sexuellen Bedürfnisse und Verwirrung zu berühren, um eine von ihm gereinigte Sexualität hervorzubringen. Comiskey definiert Geistlichkeit im Sinne der Ebenbildlichkeit als Leidenschaft für Gott. In seiner großen Leidenschaft für uns macht Gott uns frei, nach ihm zu hungern und durstig zu sein. Wenn wir uns auf ihn einlassen, wird er zu unserer ersten Leidenschaft, durch die wir alle geringeren Leidenschaften und die Gespaltenheit zwischen Tun und Sein überwinden. Dann werden wir frei von dem Ausdruck einer gebrochenen Beziehungsfähigkeit und Sexualität und gewinnen das, was unsere Väter die Tugend der Uneigennützigkeit nannten. Leanne Payne schreibt: „Indem wir nur ihn suchen, der unsere Gerechtigkeit ist, beginnen wir, klarer zu sehen, und daraus folgt eine Reinheit des Herzens und des Lebens… Weil wir sie ganz Jesus ausliefern, können wir uns jetzt sogar in Geborgenheit die Dinge wünschen, die wir so ungern zugeben wollten und vor denen wir uns fürchteten. Gebet, in dem ich auf Gott höre, ist ein heiliges Gespräch, Ausdruck einer heiligen Beziehung zu Gott. Er versichert uns, dass er die Spreu vom Weizen trennen wird, dass er unsere Wünsche, wann und wo immer dies nötig ist, umwandeln und zu höheren Ebenen führen wird, wenn bei uns die Wahrnehmung seines Willens bisher unzureichend war.“68 Gott hat uns nach seinem Bild als Mann und Frau geschaffen. Er möchte, dass wir ihn auf der Erde in der Ergänzung der Geschlechter zueinander abbilden. Maßgeblich hierfür ist aber, wie wir unsere geschlechtliche Identität und die Abgrenzungen, die unsere Leidenschaften umgeben, verwalten. Geistlichkeit und Sexualität sind keine getrennten Bereiche, sondern wie 67 68

Comiskey, Arbeitsbuch, 14. Payne, Das zerbrochene Bild, (Kehl/Rhein: Editions Trobisch, 1987), 152.

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bei einer Münze zwei verschiedene Prägungen derselben Sache.

2.2 Was bedeuten Geschlecht und seine Grenzen? Es geht bei Befreiende Gegenwart um Geschlecht und seine Grenzen, da beide Themen in der Sexualität von zentraler Bedeutung sind. Wenn wir in unserer geschlechtlichen Identität verunsichert sind, dann sind wir es auch bezüglich unserer Grenzen und unserer Beziehungsfähigkeit. Besonders bei sexuellem Missbrauch, aber auch bei emotionalem und körperlichem Missbrauch sind offensichtlich Grenzen durch andere Menschen, die uns an Macht und Alter überlegen waren, zerstört worden. Dieses Machtgefälle ist regelmäßig bei Missbrauch zu beobachten, und schließt damit eine Schuld des Missbrauchten aus, auch wenn es im Verlauf des sexuellen Missbrauchs zur passiven Einwilligung oder angenehmen Empfindungen kam. Grenzen sind dazu da, um persönlichen Respekt und Würde aufrecht zu erhalten und eine Person von der anderen zu trennen. Innerhalb dieser unsichtbaren Grenzen treffen wir Entscheidungen, ob wir sexuelle Wünsche nähren, sie unter Kontrolle halten oder aber ausleben wollen. Wenn wir die Bedeutung von Abgrenzungen erkannt haben, treffen wir entsprechende Entscheidungen bezüglich unserer sexuellen Wünsche im Hinblick auf andere. Wenn ein Ehepaar miteinander intim wird, verlassen sie durch einen Willensakt ihre persönlichen Grenzen und werden körperlich, aber auch seelisch und geistlich eine Einheit. Falls diese Einheit z.B. durch Scheidung wieder getrennt werden soll, gibt es Probleme. Denn wie bei zwei verschiedenfarbigen Kartons, die verklebt sind und auseinander gerissen werden, so sind die Ehepartner miteinander verschmolzen und können nicht einfach wieder von einander gelöst werden. Es werden wie bei einem verklebten Karton jeweils Reste des andersfarbigen Materials an einer der Hälften kleben bleiben. Beide Ehepartner werden stark herausgefordert sein, sich in richtiger Weise wieder voneinander zu trennen, und ohne Vergebung und Wiederherstellung durch Gott wird das nur sehr schwer gelingen. Eine offensichtliche Grenzübertretung ist sexueller Missbrauch. Die Sexualität eines Erwachsenen wird dem Kind aufgezwungen, also einer Person, die noch zu jung und abhängig ist, um sich selbst zu einvernehmlicher Sexualität entscheiden zu können. Zudem ist das Kind nicht in der Lage, die gewalttätige Belästigung in seinem kleinen, sich erst entfaltenden Leben, zu bewältigen. In Folge werden seine Gedanken und Gefühle den Missbrauch nicht objektiv einordnen können als das was er ist, sondern das Kind wird sich selbst als schlecht und schuldig betrachten, weil ihm etwas Schlechtes angetan wurde. Hat es nicht gelernt, dass Böses nur bösen Menschen widerfährt? Durch die Gruppenarbeit können wir lernen, mit diesen falschen Schuldgefühlen und durchbrochenen sexuellen Abgrenzungen richtig umzugehen, so dass wir mehr und mehr in ganzheitlichen und heiligen Beziehungen zu Gott und dann auch zu anderen Menschen leben werden. Wir werden hierzu u. a. untersuchen, welche Bedeutung Geschlecht und Abgrenzungen in unserem Leben haben und welche Vorsorge Gott, der Vater, getroffen hat, damit verletzte Grenzen wieder hergestellt werden. Durch Herzenserneuerung werden wir von Stagnation in den Entwicklungsphasen und übertriebenen Ausdrucksformen unserer Sexualität befreit. Durch Gottes Gnade können wir die gute Gabe der Sexualität annehmen lernen und so über unsere Sexualität herrschen, dass sie den angemessenen Platz in unserem Leben einnimmt.

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2.3 Gott ist unser Ziel, nicht unsere Erneuerung Gott als Vater bringt sich mit Freude in die Wiederherstellung seiner Schöpfung ein, da er uns als Mann und Frau geschaffen hat und möchte, dass wir ihn in der Nachfolge Jesu abbilden. Die Versuchung zur Sünde ist der Kampf des Feindes gegen unser Einssein mit Gott. Dieser Angriff stellt einen letzten verzweifelten Versuch des Feindes dar, unseren ureigensten Besitz als Person zu rauben – nämlich, erstens, unser Einssein mit Gott und das darin enthaltene neue Selbst, und, zweitens, unsere schöpferische Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit Gott, durch die bleibende Frucht für das Reich Gottes entsteht. Gottes Auftrag an seine Kinder ist, Jesus in jeder konkreten Situation ihres Lebens zu erkennen, besonders wo sie verletzt wurden, und sich mit ihm und seinem größeren Schmerz für die ganze Menschheit zu identifizieren. Die verletzenden Situationen können wir dann von ihm annehmen, statt uns auf unseren eigenen Schmerz zu konzentrieren. Dieser Schmerz war unsere Art und Weise, mit dem unausweichlichen menschlichen Leid der ganzen Welt in Berührung zu kommen.69 Jesus nimmt unseren Schmerz von uns weg in seinen größeren Schmerz auf. Henri Nouwen schreibt: „Es ist der Weg Jesu, der am Kreuz betete: ‚Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.’ (Lk 23,24). So konkret das Leiden Jesu auch war: sein Leiden war das Leiden der ganzen Menschheit. Sein Schmerz war der Schmerz zu dessen Teilhabe wir aufgerufen sind.“70 In der Verbindung mit Jesu Leid brauchen wir nicht selbst zu kämpfen, denn der Kampf ist von ihm längst gewonnen worden. Wir brauchen nur mit und in ihm dem Feind zu widerstehen (Eph 6,11. 13ff). Jesus wird das Land unserer Seele von aller Fremdbestimmung reinigen, wenn wir ihm vertrauen und gegen den Feind standhalten, damit er ihn aus unserer Seele vertreibt. Deshalb fordert er unseren Willen heraus, mit ihm gegen die Zielverfehlung in uns aufzustehen und uns für die Freiheit in Jesus zu entscheiden. Der Tod Jesu ist der Kaufpreis, um uns aus der Hand Satans zurück zu holen: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph 1,7). Das griechische Wort für Erlösung beschreibt den Vorgang, wenn ein Sklave freigekauft wird, d.h. den Besitzer wechselt. Erlösung greift damit in ein Besitzrecht und Besitzverhältnis ein! Wenn wir im Namen Jesu lösen, werden alte Bezugssysteme gewechselt und Satan verliert seinen Besitz (Mt 16,19). Vieles was mit unserer Erlösung zu tun hat, hat in der unsichtbaren Welt einen juristischen Charakter. De jure sind wir erlöst – de facto müssen wir uns diese Erlösung aber durch den Heiligen Geist erst noch aneignen. De jure ist das Volk Israel schon der Besitzer des verheißenen Landes, aber de facto ist es noch in der Wüste. Auf uns übertragen bedeutet das, dass das verheißene Land das ist, was Jesus für uns aus dem Totenreich zurück erobert hat und uns deshalb jetzt schon an Heilung, Versorgung und Schutz etc. zusteht. De jure gehört uns laut Erbvertrag die Autorität in Christus, Freiheit und Gemeinschaft mit Gott (Rö 8,32ff). De facto müssen wir uns dies aber aktuell meist erst noch aneignen, indem wir vor dem Feind durch das Blut Jesu auf unser Recht bestehen, um dann die entsprechenden Erfahrungen zu machen. Zwischen Potentialität und Aktualität gab es beim Volk Gottes immer wieder diesen Konflikt und die Herausforderung, Gott zu glauben, dass er das, was er verheißt, ohne jedes Ansehen der Person auf jeden Fall tun wird. So können auch wir darauf vertrauen, dass wir wie Josua trockenen Fußes über den Jordan gehen und das verheißene Land in Besitz nehmen werden. Unser Herr Jesus Christus hat den Feind auf Golgatha bereits öffentlich zur Schau gestellt 69 70

Henri Nouwen, Die innere Stimme der Liebe (Freiburg, Basel, Wien: Herder, 1998), 108. Nouwen, Die innere Stimme der Liebe, 109.

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und am Kreuz entmachtet (Kol 2,13ff). Wenn wir das kostbare Opferblut Jesu für unsere Sünden beanspruchen, so hat der Feind kein Recht mehr, irgendeine Konsequenz von Trennung von Gott auf unserem Leben zu lassen. „Christus aber hat uns erlöst (losgekauft Anmerkung d. Verfasserin) von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben (5.Mose 21,23): ‚Verflucht ist jeder, der am Holz hängt’, damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme in Christus Jesus und wir den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben“ (Gal 3,13f). Es geht darum, Gott kennen zu lernen und von ihm neue Kraft für unsere Entscheidungen zu empfangen, indem er zur neuen Quelle unserer Identität wird. Wir sind dann nicht mehr bedauernswerte Opfer oder durch unsere sexuelle Präferenz Bestimmte, sondern in Christus Geliebte und zu jedem guten Werk befähigt, das Gott zuvor für uns bereitet hat (Eph 2,10).

2.4 Verwalter unserer Leidenschaften Maßgeblich für die Wiederherstellung unserer Identität als Mann und Frau Gottes ist, dass wir lernen, unsere geschlechtliche Identität und die zugehörigen Grenzen, die unsere Leidenschaften umgeben, gottgemäß zu verwalten. Wir sind berufen, Gott zu offenbaren, nicht trotz unserer Sexualität, sondern gerade durch sie und mit ihrer Qualität und Heiligkeit. Gott weiß wohl, dass wir in gebrochenen und verwirrten Teilen unserer Identität nicht hierzu in der Lage sind. Dort, wo unsere Sexualität durch andere überrollt wurde, wird Gottes Macht zerstörte Grenzen wiederherstellen. Als Schöpfer wird er uns heilen, wo wir gebrochen sind. Wo Verunreinigungen sind, wird er reinigen, und wo wir schwach und strukturlos sind, legt er durch seine grenzenlose Liebe eine neue Basis anhaltender Kraft in uns hinein. Die einzige Voraussetzung für Gott ist, dass wir ihm glauben und in seinen Plan mit uns einwilligen. Die Beziehung zu IHM als unserem Vater ist sein Ziel. Demzufolge wird die Liebesbeziehung zum Vater als oberste Priorität unseres Lebens alles andere an Gutem nach sich ziehen, was wir materiell, seelisch oder geistlich benötigen (Rö 8,28). Gott ist uns in der Person Jesu als Fleisch und Blut offenbart worden, und wir dürfen ihn deshalb fragen, welches Ziel er mit uns verfolgt. Ihn von ganzem Herzen zu kennen und zu lieben, mit ganzem Verstand und mit unserem Körper, so dass wir ihn offenbaren in der Art, wie wir einander lieben, das ist sein Plan für unser leben. Jesus sagte zur Ehebrecherin: „...das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“ (Joh 4,14b). Dort wo wir Jesus unseren tiefsten Schmerz ausliefern und von ihm heilen lassen, wird dem entsprechend auch der Bereich unserer stärksten Autorität sein, um anderen zu dienen. Dazu ist es aber notwendig unsere Leidenschaften dieser ersten fundamentalen Leidenschaft, ihn zu kennen und von ihm erkannt zu werden, unterzuordnen. In dem Maße, wie wir zweitrangige sexuelle Leidenschaften ausleben, muss die Leidenschaft für ihn gewachsen sein, damit wir durch ihn in der Lage sind unsere Leidenschaften in göttlichen Bahnen zu halten.

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Fragen:71 1. Wie gefestigt sind deine geschlechtliche Identität und Grenzen? Sünde beginnt damit, dass wir Wünsche in unseren Gedanken nähren statt sie an Jesus abzugeben und gesunde Grenzen einzuhalten. Denke über diese beiden Komponenten deiner Sexualität nach.

2. Wie kann sich eine leidenschaftliche Beziehung zu Gott auf deine sexuelle und beziehungsmäßige Ausgewogenheit auswirken? Ist die enge Verbindung zwischen Sexualität und Geistlichkeit für dich eher Zusicherung oder Bedrohung?

3. An wen oder was hast du dein Verlangen bzw. deine Sehnsucht, nicht allein zu sein, ausgeliefert? Was waren direkte Folgen davon?

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Comiskey, Living Waters, 10f.

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