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Betty P. Malz Ich sah ein StĂźck der Ewigkeit


Dieses Buch sei jedem gewidmet, der ein Wunder nรถtig hat


Betty P. Malz

Ich sah ein StĂźck der Ewigkeit


Titel der amerikanischen Originalausgabe: My Glimpse of Eternity Die amerikanische Originalausgabe ist erschienen bei: BAKER BOOK HOUSE, Box 6287, Grand Rapids MI 49516-6287, USA. All rights reserved. Copyright © 1977, 2001 by Betty P. Malz 10. Auflage 2015 Copyright © der deutschen Ausgabe 2001 by ASAPH-Verlag, D-Lüdenscheid Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf (unter Verwendung eines Fotos von © istockphoto.com/magui80) Druck: cpibooks ISBN 978-3-931025-82-3 Bestell-Nr. 147582 Printed in the EU Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.de – www.asaph.de


INHALT Kapitel 1: 1Die Warnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 007 Kapitel 2: 1Alarm in der Nacht . . . . . . . . . . . . . Seite 019 Kapitel 3: 1Der Tröster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 033 Kapitel 4: 1Gefangener Lauscher . . . . . . . . . . . Seite 045 Kapitel 5: 1Von Geist zu Geist . . . . . . . . . . . . . Seite 055 Kapitel 6: 1Höhepunkt der Krise . . . . . . . . . . . . Seite 067 Kapitel 7: 1Die künftige Stadt . . . . . . . . . . . . . . Seite 077 Kapitel 8: 1Meine verwandelte Welt . . . . . . . . . Seite 085 Kapitel 9: 1Der Rückschlag . . . . . . . . . . . . . . . Seite 095 Kapitel 10: Licht nach dem Dunkel . . . . . . . . . . Seite 111 Nachspiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 121


1 DIE WARNUNG

A ls ich meine Schwiegermutter mit einem Koffer in der Hand auf unsere Haustür zukommen sah, überfiel mich eine große Niedergeschlagenheit. Warum tat sie mir das nur an?, fragte ich mich. Aber es gehörte zu den Gewohnheiten von Dorothy Upchurch, die Familien ihrer Kinder ohne Vorankündigung zu besuchen. „Guten Tag, Betty“, rief sie mir entgegen, als ich die Tür aufmachte. „Ich hoffe, es ist euch angenehm, wenn ich wieder einmal hereinschaue.“ Eigentlich war ich versucht, „nein“ zu sagen, und dass es genau der falsche Zeitpunkt wäre, weil Hans, Brenda und ich in den nächsten Tagen in Urlaub fahren wollten. Stattdessen lächelte ich und hieß sie willkommen. Mutter Upchurch setzte ihren Koffer auf dem Flurteppich ab und blickte umher. Es lag eine gewisse Strenge in der Art, wie sie ihr pechschwarzes Haar am Hinterkopf zu einem Knoten aufsteckte. Die kräftige Linie ihres Unterkiefers wurde durch einen Leberfleck mitten auf dem Kinn noch verstärkt. Ihre forschenden, dunkelbraunen Augen spiegelten einen scharfen Verstand und einen regen Geist wider. „Neue Tapeten?“, fragte sie und deutete nach dem Wohnzimmer hin. Ich nickte und wappnete mich für die nächste Frage, die kommen musste. Dorothy ging in das Wohnzimmer und studierte einen Augenblick prüfend das Tapetenmuster, bevor sie hinter den langen Diwan und zur Wand schlüpfte und das Gewebe befühlte.


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„Sie passen gut zu den Möbeln“, sagte sie anerkennend, während sie das rotweißschwarz versetzte Farbmotiv des Zimmers verfolgte. „Was haben sie denn gekostet?“ Ich seufzte. „Weniger, als du glaubst.“ Dann lenkte ich die Unterhaltung auf etwas anderes. Ich war voller Zorn, dass ich auf ihre hartnäckigen Fragen, wie viel Hans und ich für unsere Anschaffungen ausgaben, so viele ausweichende Antworten geben musste. Meine Auskünfte bewegten sich von einem kurz angebundenen „nicht viel“ oder „halb so viel, was es eigentlich wert ist“ bis zu der Wendung „eine einmalige Gelegenheit“. Weil sie meinen Widerwillen spürte, nahm sie ihren Koffer wieder auf, steuerte rasch auf das Gästezimmer zu, in dem sie immer untergebracht war, und überließ mich meinem inneren Kampf gegen meine Schuldgefühle. Dorothy Upchurch war trotz ihrer bohrenden Fragen und ihrer unangekündigten Besuche keine selbstsüchtige Person. Ihr Auftauchen bei ihren Kindern bedeutete zugleich Bleche voll frischer Plätzchen und eine Fülle schmackhafter Gerichte, daneben natürlich Waschen, Bügeln, Ausbessern – eben ihre ganze Hingabe an Dutzende kleiner Aufgaben. Sie sorgte sich wirklich um die Glieder ihrer Familie. Wenn sie nur nicht so schrecklich tüchtig gewesen wäre und mit ihren Beobachtungen und Beurteilungen fast immer recht gehabt hätte! Spät am Nachmittag, bevor Hans von der Arbeit heimkam und Brenda von einem Spielkameraden zurückkehrte, rückte Mutter mit ihrer eigentlichen Sorge heraus, als wir am Küchentisch saßen und Kaffee tranken. „Hans arbeitet zu hart“, fing sie an. „Hans hat immer hart gearbeitet“, erwiderte ich. „Keiner kann ihn da bremsen.“ „Du kannst es“, sagte sie, und ihre eindringlichen Augen durchbohrten mich. Es war eine verdrießliche, mir nur zu vertraute Unterhaltung. Als Junge war Hans einmal an einem rheumatischen


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Fieber erkrankt. Ein Herzgeräusch war zurückgeblieben, aber die Ärzte konnten sich nicht zu der Erklärung bereitfinden, dass es ein Herzfehler sei und, wenn überhaupt, wie schwer wiegend er einzustufen sei. Im Laufe der Jahre war Hans zu einem tüchtigen, praktisch veranlagten Mann herangewachsen, der als Sportler ein guter Leichtathlet war und sich als Manager einer Tankstelle in unserer Stadt Terre Haute im Bundesstaat Indiana vor keiner Arbeit scheute. Meine Schwiegermutter schlürfte ihren Kaffee und hielt dabei ihren Blick starr auf mich gerichtet. „Die Arbeit, die er in der Werkstatt tut, beunruhigt mich nicht so sehr wie der finanzielle Druck, unter dem er steht“, fuhr sie fort. „Was für ein finanzieller Druck?“, fragte ich und kämpfte meinen Ärger nieder. „Na, der Druck, die Raten für einen neuen Wagen aufzubringen, für ein neues Boot, und wenn ich recht im Bilde bin, denkt ihr jetzt auch noch daran, ein neues Haus zu bauen“, sagte sie. Ich biss mir auf die Lippen, um nicht auf meine Schwiegermutter loszufahren. Warum mischte sie sich in alle unsere Angelegenheiten ein? Nachdem ich mich wieder gefasst hatte, versuchte ich ihr zu erklären, dass wir keine maßlosen Verschwender seien und Hans sehr wohl mit Geld umzugehen wisse. Aber Dorothy kam immer wieder auf die bedrohte Gesundheit ihres Sohnes zurück. „Ich weiß ganz bestimmt, dass sich Hans eine Herzkrankheit zuziehen wird, wenn du ihn nicht zurückhältst“, sagte sie und presste ihre Lippen fest zusammen. Dorothy kürzte ihren Besuch ab, als sie hörte, wir träfen gerade die Vorbereitungen für unseren Urlaub. Wie sie sich um die Gesundheit von Hans Sorgen machte, bedrückte mich tagelang, bis ich mich endlich davon freimachte und zu der Überzeugung gelangte, meine Schwiegermutter sei eine


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Schwarzseherin, soweit es ihren Sohn betraf. Ich wollte mich einfach nicht mit dem Tod, sondern mit dem Leben abgeben. Hans war 29 Jahre alt und erschien mir in seiner Lebenskraft schier unerschöpflich. Wir liebten Sonne, Wasser, Boote, Sportwagen, Tennis und Musik. Und ich mit meinen 27 Jahren fühlte mich so sprühend vor Gesundheit, zumal ich mich nicht erinnern konnte, auch nur einen Tag in meinem Leben krank im Bett gewesen zu sein. Und doch sollte sich mein klinischer Tod nur wenige Wochen später ereignen. Den Tag, bevor wir zu unserem zweiwöchigen Urlaub nach Florida aufbrechen wollten, begann mein Mann seinen üblichen Tagesablauf. Während er noch sein Hemd zuknöpfte, ließ er sich hinter die türkisfarbene, lederbezogene Frühstücksbar gleiten und bestellte augenzwinkernd „ein Glas Orangensaft, der es mit der Wand aufnehmen kann“. Ich hatte nämlich gerade die Küche mandarinengelb gestrichen. Als ich ihm den Saft vorsetzte, lehnte Hans impulsiv seinen Kopf gegen meine Seite und drückte mich kräftig, wobei er seine muskulösen Arme um meine Hüften schlang. Seine Zärtlichkeit war immer spontan und leidenschaftlich wie bei einem Kind. Als er mich endlich losließ, konnte ich ihm seinen Kaffee, dazu Rührei mit Schinken geben. Danach stellte ich meine Tasse daneben, holte meinen Tee und rutschte neben ihn. „Schau einmal das Etikett auf diesem Teebeutel – das beschreibt genau meine Situation, Hans. Ich bin jetzt monatelang missvergnügt gewesen, aber die Vorbereitungen für unseren Florida-Urlaub haben mich wieder ins Lot gebracht.“ Sein Gesicht verfinsterte sich. „Mit dem Urlaub wird es nichts, Betty. Ich kann den Betrieb unmöglich allein lassen.“ Das kann doch nicht sein Ernst sein!, dachte ich und forschte in seinem Gesicht. Es war von knabenhaftem Ernst mit seiner sommersprossigen Stupsnase, doch sein liebenswerter Frohsinn war weg. Ich hatte ihm eine gewisse Schwer-


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mut schon angemerkt, als er am Abend zuvor nach Hause gekommen war. Offensichtlich hatte er vor dem Schlafengehen die Auseinandersetzung gescheut und bis jetzt gewartet, um mir die Hiobsbotschaft mitzuteilen. „Warum tust du mir das an?“, fragte ich wie versteinert. „Der neue Vorarbeiter ist noch nicht soweit, um selbständig zu entscheiden, und Ike nimmt sich zwei Tage Urlaub“, erklärte er. „Mit unseren Aushilfen sitzen wir schön in der Patsche.“ „Ike ist doch das eigentliche Problem“, entgegnete ich bissig. „Du solltest ihn entlassen. Er hat nur zwei Dinge im Kopf: Schweinerippchen und Wein.“ Meine ganze aufgestaute Feindseligkeit gegen die Schwarzen machte sich in diesen Worten Luft. „Ike ist ein guter Mechaniker. Ich kann ihn nicht entlassen, bloß weil er eine Schwäche für Wein hat“, sagte Hans ungerührt. „Sicher gibt es woanders noch einen guten Mechaniker, den du einstellen kannst“, sagte ich mürrisch. Hans schüttelte den Kopf. „Es geht nicht nur um die Arbeit im Betrieb. Wir stecken auch tief in Schulden, und der Urlaub wird uns noch tiefer hineinbringen.“ Er beendete rasch sein Frühstück, gab mir einen Schmatz auf die Wange anstelle seines üblichen Kusses und stürmte aus dem Haus. Das Aufheulen des Motors, das Kreischen der Gänge, wenn er zur Arbeit losraste, waren zugleich unüberhörbare Merkmale, in denen sich der ungestüme Lebensdrang meines Mannes verriet. „Hans Dampf“ pflegte ihn meine Mutter zu nennen. Sie hat ihn oft gemahnt, dass das Leben nicht verschlungen, sondern genippt werden soll. Hans lächelte dann bloß über sie. Hans hatte eine Schwäche, seine Gedanken zu verraten. Meine Eltern, Glenn und Fern Perkins, hatten uns einige Wochen zuvor zum Essen eingeladen. Während wir bei Tisch über unseren geplanten Urlaub in Florida plauderten, platzte Hans plötzlich heraus: „Kommt doch mit uns! Du, Paps,


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kannst das Boot fahren, während Betty und ich auf den Wasserski gleiten. Brenda und Gary können dort schön zusammen spielen, und du, Mutter, denke einmal an die Erholung, die du unter der warmen Sonne Floridas haben könntest.“ Obwohl unsere beiden Familien gut miteinander auskamen, war ich mir doch nicht so sicher, ob ich zwei ganze Wochen unseres Urlaubs mit meinen Eltern verbringen wollte. Aber im Laufe des Gesprächs kam auch bei mir langsam Begeisterung auf. Unsere Tochter Brenda war sechs Jahre alt. Das jüngste Kind meiner Eltern, Gary, war ebenfalls sechs. Als bei meiner Mutter und mir seinerzeit die Merkmale der Schwangerschaft sehr deutlich wurden, hatten wir meinen Bruder Jim damit geärgert, dass wir bei seiner Aufnahme in die höhere Schule Seite an Seite in unseren Umstandskleidern saßen. Mein Kind wurde zuerst geboren; daher versorgte meine Mutter mich und Brenda in der Zeit, als ich aus dem Krankenhaus heimkam. Umgekehrt kümmerte ich mich fünf Wochen später um die Bedürfnisse meiner Mutter und des kleinen Gary. Nicht jede Mutter kann ihre eigene Tochter und zugleich ihren Bruder so nahe im Alter beieinander haben, dass sie zusammen aufwachsen und miteinander spielen können. Im Laufe der Jahre war Mutter so eine Art Rettungsanker und Lebensversicherung während unserer Familienzusammenkünfte geworden. Sie passte treu auf die Kinder auf und schloss uns alle in ihr Gebet ein, wenn wir mit dem Boot auf dem See oder mit dem Wagen unterwegs waren. Während ich das Frühstücksgeschirr spülte und die Küche wischte, beschloss ich daher, meine Eltern vorerst noch nicht davon zu unterrichten, dass Hans unseren Urlaub gestrichen hatte. Vielleicht würde er seine Meinung ja noch ändern. Ich jedenfalls rechnete mit dieser Möglichkeit. Beten bedeutete damals für mich, einen Herzenswunsch in Worte fassen. „Herr, du weißt, wie gern ich nach Florida gehen möchte“, betete ich einfältig.


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Für mich war diese Reise mehr als ein Florida-Urlaub. Das Leben hier in Terre Haute ödete mich schon lange an. Unser komfortables Landhaus, der Sportwagen, die gelbweiße Kabinenjacht, die wir an dem nahen Katarak-See vor Anker hielten – alles Dinge, für die wir hart gearbeitet hatten –, hatten uns trotz allem keine Erfüllung gebracht. Deshalb sehnte ich mich nach einer Veränderung. Und Florida hielt die Antworten für Hans und mich bereit. Eine Tankstelle mit Werkstatt in dem verkehrsreichen Urlaubsstaat würde für meinen Mann ideal sein. Mit seiner Energie könnte Hans sie bald durch einen Abschleppdienst für Notfälle erweitern, wie er ihn schon in Terre Haute betrieb. Für mich selbst würde das ganzjährige Leben im Freien die Antwort auf mein Gebet sein. Sogar die Ausgaben würden geringer werden, denn es gäbe ja keine Sorgen mehr um Winterkleidung und -schuhe. Die Enttäuschungen und Ärgernisse dieses Morgens hörten nicht auf. Brenda wachte müde und verdrossen auf; beim Frühstück kippte sie ein Glas Milch um. Als ich dann ein wenig Muße zum Entspannen gefunden hatte und das Radio anstellte, brachte mich die Musik richtig auf. Das hatte noch gefehlt, Art Lindseys Programm! Wie dieser „freischaffende“ Prediger-Künstler Country-Musik mit Religion zusammenrührte, reichte vollauf, um einem den Tag zu verderben. Ich vermute, dass ein Teil meines Widerwillens auch durch die Art und Weise hervorgerufen worden war, wie sich Lindsey an Sonntagabenden in unsere Gottesdienste eingeschlichen hatte, indem er den Gemeindegesang mit seiner Gitarre begleitete. Wir liebten die alte Art, diesen Teil des Gottesdienstes mit der Orgel zu begleiten. Lindsey legte großen Nachdruck auf den Lobpreis: „Alles, was Odem hat, preise den Herrn“, pflegte er in Anlehnung an die Schrift zu sagen. Dann aber schlug er Lieder vor, die sehr volkstümlich waren und sich nicht an den Ablauf des Gottesdienstes hielten. Ich drehte das Radio ab und legte meine Lieblingsplatte von Jack Holcomb auf. Holcombs Art, die großartigen alten


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Choräle zu singen, erbaute mich mehr als die meisten Predigten. Um die Betten zu machen, ging ich durch die Diele und schaute dabei wehmütig nach den beiden miteinander wetteifernden Badeanzügen von Mutter und Tochter, die ich zum Einpacken bereitgelegt hatte. Sie waren aus gelb-weiß-kariertem Gingan mit einer Rüsche am Ende des Oberteils. Brendas Badeanzug hatte noch einige Rüschen mehr über dem Hinterteil, weshalb sie ihm den Namen „Doppler“ gab. Die Rüschen halfen mir, meine zu schmale Figur zu verbergen. Ich litt noch immer unter der Erinnerung an die Zeit, als ich dreizehn war und bei einer Größe von 1,72 Metern nur 90 Pfund wog. Meine Brüder sagten immer: „Wir hatten nie geglaubt, dass der Storch die kleinen Kinder bringt, bis Betty geboren wurde. Die meisten kleinen Kinder sehen wie ihre Eltern aus, sie aber sieht wie der Storch aus.“ Um meine starken Komplexe wegen meiner Magerkeit auszugleichen, wurde ich ein wilder Schaffer, stolz auf meine robuste Gesundheit sowie meine guten Schulleistungen in Musik und Literatur. Aus meiner Erfahrung, dass großgewachsene Frauen selten Sympathie erwecken, weil sie sie nicht nötig zu haben scheinen, drückte ich all meinen Stolz in einem unabhängigen Auftreten aus. Ich war fest davon überzeugt, dass der Bann über unserer Urlaubsreise durch irgendeinen Telefonanruf gebrochen würde – und so war es auch. „Hast du deine Leute schon angerufen?“, fing Hans an. „Gut so. Dieser neue Mann bei uns lässt sich gut an, und auch Ike ist wieder an der Arbeit. Die Kollegen bestehen alle darauf, dass ich diesen Urlaub nehme, und sie haben versprochen, sogar Überstunden zu machen, wenn es notwendig sei. Wir heben etwas Geld vom Sparbuch ab und fahren morgen wie geplant los. Du hast es nötig und ich auch. Weißt du, ich spüre schon das Zerren des Schleppseils in meinen Händen, die Gischt im Gesicht, den Sand zwischen den Zehen.“


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Die überschäumende Freude, die aus seinen Worten sprach, steckte mich an. Ich war überglücklich. Mein Traum fing tatsächlich an, sich zu erfüllen, trotz allem! Nur ganz von fern meldete sich eine leise, warnende Stimme – eine aufkeimende Vorahnung, die ich jedoch entschlossen beiseite schob. Am nächsten Morgen saßen Hans und ich am Frühstückstisch, als Brenda durch die Tür stürmte: „Ich bin mit allem fertig. Ich habe selbst gepackt“, verkündete sie stolz. Da stand sie mit ihren langen, blonden Locken, ihren großen blauen Augen und glühenden, roten Backen. Sie hatte sich eine Bluse und geraffte Höschen angezogen, den Rock dabei vergessen. In der einen Hand hielt sie einen abgerundeten, roten Plastikkoffer, den sie ihren „Kleidereimer“ nannte. Es wird gut sein, einmal hineinzuschauen, dachte ich. Und wirklich, heraus sprang dabei ihr schwarz-weißes Kätzchen, das wegen seines runden Gesichts „Kürbisgesicht“ hieß. Weiter waren darin verstaut: ihr Badeanzug, ihre Sonnenbrille, ihr gelbkarierter, gekräuselter Bademantel, ein dicker roter Apfel und vier Kaugummis. „Und worin willst du schlafen?“, fragte ich belustigt über das Fehlen jeglicher Nachtkleidung. „In unserem Hotel natürlich, Mami.“ Mein Vater, meine Mutter und Gary kamen bald nach dem Frühstück. Durch sorgfältiges Packen hatten wir erreicht, dass wir alle sechs noch reichlich bequem in unseren geräumigen Pontiac hineinpassten. Jetzt stand uns nur noch das nervenaufreibende Packen der letzten Kleinigkeiten bevor und das Schließen aller Fenster und Türen unseres Hauses. Mein Vater stellte seinen Wagen in unsere Garage und machte sich daran, sein Gepäck im Kofferraum unseres Sportwagens zu verstauen. Gelassen und unbeirrbar gab er in seiner ruhigen Weisheit und selbstlosen Festigkeit seiner Familie den nötigen Rückhalt und seiner Gemeinde mit dreihundert Gliedern, die er in einem Ort vierzig Kilometer südlich von uns betreute, die sichere Leitung.


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Vater liebte alle Betätigungen im Freien wie Jagen, Fischen, Boot fahren oder auch Gartenarbeit. Doch sein Handwerkszeug schloss immer auch seine Bibel, eine Konkordanz und einen Block für Notizen ein. Ganz das Gegenteil von ihm war meine Mutter, Fern Burns Perkins. Sie war ein unruhiger, ordnungsbesessener Plagegeist. Als Nachkomme des Dichters Robert Burns hatte sie zwar auch etwas von seiner dichterischen Begabung geerbt, widmete sich aber ihrer Hausfrauenrolle mit unnachsichtigem Ernst. Sie ging auf in Backen, Nähen und Hausarbeit. Aus meinen Schuljahren erinnere ich mich nur an zwei Fälle, dass sie mich nach der Schule nicht vom Bus abholte. Das eine Mal lag sie in den Wehen, als sie meinen dritten Bruder Marvin im Krankenhaus zur Welt brachte. Das andere Mal konnte sie vom Einkaufen nicht rechtzeitig nach Hause kommen, weil ein Güterzug vierzig Minuten lang auf der Kreuzung stehen geblieben war. Ihr jüngster Sohn Gary stellte ihre Geduld auf eine ziemlich harte Probe. Unternehmungslustig, mit schelmischen blauen Augen, hatte er sich bei verschiedenen Streichen in den vier Monaten vor unserer Urlaubsreise nacheinander beide Arme gebrochen. Im einen Fall hatte er nach einem Zirkusbesuch wenig erfolgreich versucht, einen Drahtseilakt auf einer Hinterhofwäscheleine nachzuahmen. Den anderen Bruch hatte er sich zugezogen, als er den Versuch unternahm, eine Hechtrolle über unser ledernes rundes Fußkissen zu machen. Nachdem nun die Arme wieder in Ordnung waren, sprang er nach der Ankunft aus Vaters Wagen, schnappte Brendas Hand und jagte mit ihr zu unserer Schaukel, die aus einem Autoreifen bestand, der an einem Seil von einem Ast unseres Maulbeerbaumes herabhing. Hans war gerade am Telefon und gab seine letzten Anweisungen ins Geschäft durch, als mir heiß einfiel, dass wir noch keine Vorbereitungen getroffen hatten, um während unserer Abwesenheit unseren schottischen Schäferhund und die Katze versorgen zu lassen.


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„Du mit deinen Tieren“, war Hans’ einziger Kommentar, als er von meiner Verlegenheit hörte. Hunde und Katzen haben eine lange Tradition in unserer Familie. Meine Großmutter, die alle bloß „Mutter Burns“ nannten, hat mir einmal erzählt, dass meine Mutter, als sie noch ein Kind war, eine Zeit lang 22 Tiere betreute. Ich hatte eben einen Plan ausgeheckt, wie unsere Tiere von einem Nachbarn versorgt werden könnten, als Mutter noch einmal ins Haus kam – mit Blicken, die ihren ganzen Ärger verrieten. „Gary und Brenda haben sich an eurer Schaukel da im Hof schön zugerichtet“, machte sie sich Luft. Mit dem Einsatz aller uns noch verbliebenen Energie verschlossen wir an diesem warmen Junitag des Jahres 1959 alle Fenster, stellten das Wasser ab, hinterließen eine Nachricht für den Milchmann und noch eine weitere für den Zeitungsjungen, sagten zweimal unseren Tieren Lebewohl, bürsteten den Schmutz von Gary und Brenda ab, machten noch drei allerletzte Vorstöße ins Haus, um eine Jacke, einen Baseballhandschuh und ein Moskitonetz zu holen. Dann fiel ich erschöpft auf den Rücksitz unseres Wagens, während Vater den Wagen die Ausfahrt hinaussteuerte. Wir Erwachsenen waren alle ziemlich ausgelaugt, die Kinder dagegen ganz und gar nicht. Brenda, zu meiner Linken, stand dicht hinter dem Fahrer und hielt ihre kleinen Arme so eng um ihres Großvaters Hals geschlungen, dass sie ihn fast erstickte. „Das ist mein Opa“, rief sie. „Onkel“ Gary, fünf Wochen jünger als sie, hatte eben noch aus dem Wagenfenster geguckt. Rasch erhob er von seinem Platz rechts von mir Einspruch: „Das ist kein Opa, das ist mein Daddy!“ Und zog sie von ihm weg. Wie ich so zwischen den beiden Streithähnen saß, stellte ich mir die Frage, wie viel Erholung für uns wohl dabei herausspringen würde. Hans und ich brauchten sie bitter nötig. Monatelang hatte mein Mann Tag und Nacht gearbeitet, um sein Geschäft zum Erfolg zu führen. Der Urlaub sollte dazu


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beitragen, seine angespannten Nerven etwas zu entspannen. Was mich betraf, so war ich in einer ziemlich verfahrenen Situation und brauchte dringend eine Veränderung. Ich war fest davon überzeugt, eine gute Mutter zu sein, ebenso eine gute Ehefrau, Sonntagschullehrerin, Organistin und Nachbarin. Doch die ständige Anstrengung, auf andere einen guten Eindruck machen zu müssen, hatte mich bis ins Innerste ausbluten lassen. Irgendetwas stimmte da nicht. Warum war da so wenig echte Freude in all meinen Bemühungen um äußere Erfolge? Einen Augenblick lang war ich eifersüchtig auf meinen Vater, der solch tiefe Befriedigung aus seinem Glauben empfing. Wie schaffte er das nur? Er ging an alles so gelassen heran, beinahe mühelos, genauso, wie er jetzt fuhr: entspannt, heiter, im Frieden mit sich und den anderen. Wenn die Rede auf seine Heiterkeit kam, pflegte er zu lächeln und sagte dann schlicht, aller Friede und alle Kraft komme von Jesus. Diese Antwort kam ohne Grübeln. Irgendwo in der Nähe von Chattanooga in Tennessee aßen wir zu Mittag und beschlossen, vor dem Abend nicht mehr anzuhalten, bis wir ein gutes Stück in Georgia wären. Hans fuhr jetzt, und ich saß mit Brenda, die sich an mich gelehnt hatte und bald einschlief, neben ihm. Als der Wagen nun in ruhiger Fahrt war, setzte ich mein Nachsinnen über unsere familiäre Situation fort. Hans könnte gut eine neue Gelegenheit zu einer Geschäftsgründung in Florida finden. Ein solcher Wechsel bot sich für eine Familie, die mehr das Leben im Freien liebte, an. Unsere Pläne, ein neues Haus in Terre Haute zu bauen, brauchten nur auf die Verhältnisse in Florida übertragen zu werden. Mutter und Vater verspürten dann vielleicht auch Lust, zu uns zu ziehen. Allmählich wurde mir Brenda, wie sie sich so im Schlaf gegen meine rechte Seite lehnte, doch etwas zu schwer. Ich schob sie vorsichtig zur Seite, aber das Unbehagen in meiner Seite hielt an. Ich versuchte es abzuschütteln, indem ich wieder die Augen schloss, um von unserem künftigen Leben in Florida zu träumen.


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