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Anfangen und ausbrechen / 1

Johannes Stockmayer

Was dahinter liegt


2 / Was dahinter liegt


Anfangen und ausbrechen / 3


4 / Was dahinter liegt

Copyright © 1999 by ASAPH Verlag, D-Lüdenscheid 1. Auflage 1999 DTP: Verlagsagentur Otto, D-Monheim Umschlaggestaltung: IMAGE Grafik-Design, D-Landsberg Druck: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum ISBN 3-931025-49-7 Best.-Nr. 147549 Printed in Germany Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik etc. schreiben Sie bitte an:

ASAPH, D-58478 Lüdenscheid eMail: ASAPH@T-Online.de – Internet: www.asaph.net


Anfangen und ausbrechen / 5

Inhalt 1. Teil: Anfangen und ausbrechen 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9.

Nachdenkgeschichte: Die Brennnessel . . . . . . . . . . . . . . 014 Nachdenkgeschichte: Weisheit oder Frieden . . . . . . . . . . 015 Nachdenkgeschichte: Die Giraffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 016 Nachdenkgeschichte: Die Bauleute . . . . . . . . . . . . . . . . . 017 Nachdenkgeschichte: Der Weg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 018 Nachdenkgeschichte: Rückwärts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 021 Nachdenkgeschichte: Der Bewerber . . . . . . . . . . . . . . . . 022 Nachdenkgeschichte: Der Ausbruch . . . . . . . . . . . . . . . . 024 Nachdenkgeschichte: Die Wolke Gottes . . . . . . . . . . . . . 026

2. Teil: Suchen und sehen 10. Nachdenkgeschichte: Der Käfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 030 11. Nachdenkgeschichte: Die falsche Erkenntnis . . . . . . . . . 031 12. Nachdenkgeschichte: Die Münze . . . . . . . . . . . . . . . . . . 032 13. Nachdenkgeschichte: Der Bernstein . . . . . . . . . . . . . . . . 034 14. Nachdenkgeschichte: Der Hausmeister . . . . . . . . . . . . . . 037 15. Nachdenkgeschichte: Der verlorene Vater . . . . . . . . . . . . 039 16. Nachdenkgeschichte: Der Prophet . . . . . . . . . . . . . . . . . . 041 17. Nachdenkgeschichte: Im Zug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 043 18. Nachdenkgeschichte: Der Traumstein . . . . . . . . . . . . . . . 045 19. Nachdenkgeschichte: Der Geschichtenfinder . . . . . . . . . 046 20. Nachdenkgeschichte: Das Hobby . . . . . . . . . . . . . . . . . . 048 21. Nachdenkgeschichte: Der Schirm . . . . . . . . . . . . . . . . . . 051

3. Teil: Zufrieden sein und unruhig werden 22. Nachdenkgeschichte: Der Helfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 056 23. Nachdenkgeschichte: Was ist Glück? . . . . . . . . . . . . . . . 057 24. Nachdenkgeschichte: Das Los . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 059 25. Nachdenkgeschichte: Die Maske . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 060 26. Nachdenkgeschichte: Der Spiegel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 062 27. Nachdenkgeschichte: Das Schweigen . . . . . . . . . . . . . . . 063 28. Nachdenkgeschichte: Der Blinde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 065 29. Nachdenkgeschichte: Der heilige Ort . . . . . . . . . . . . . . . 067 30. Nachdenkgeschichte: Der Redner . . . . . . . . . . . . . . . . . . 069 31. Nachdenkgeschichte: Brief an Judas . . . . . . . . . . . . . . . . 071


6 / Was dahinter liegt

4. Teil: Wachsen und wurzeln 32. Nachdenkgeschichte: Auf der Schwelle . . . . . . . . . . . . . 076 33. Nachdenkgeschichte: Die drei Bäume . . . . . . . . . . . . . . . 078 34. Nachdenkgeschichte: Das Weisheits-Mittel . . . . . . . . . . . 080 35. Nachdenkgeschichte: Das Motorrad . . . . . . . . . . . . . . . . 081 36. Nachdenkgeschichte: Der Fehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 082 37. Nachdenkgeschichte: Die Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 084 38. Nachdenkgeschichte: Der Erfolg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 086 39. Nachdenkgeschichte: Der Nachfolger . . . . . . . . . . . . . . . 088 40. Nachdenkgeschichte: Der Briefträger . . . . . . . . . . . . . . . 089 41. Nachdenkgeschichte: Der Baum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 092

5. Teil: Gemeinsam und allein 42. Nachdenkgeschichte: Gemeinsam sind wir stark . . . . . . . 096 43. Nachdenkgeschichte: Der Zwischenfall . . . . . . . . . . . . . 097 44. Nachdenkgeschichte: Sie konnten nicht mehr kommen . 098 45. Nachdenkgeschichte: Das Beispiel des Sperlings . . . . . . 100 46. Nachdenkgeschichte: Die andere Freude . . . . . . . . . . . . . 101 47. Nachdenkgeschichte: Die harte Linie . . . . . . . . . . . . . . . 104 48. Nachdenkgeschichte: Der Puma . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 49. Nachdenkgeschichte: Die nicht anvertrauten Zentner . . . 107 50. Nachdenkgeschichte: Wettstreit der Gemeinden . . . . . . . 108 51. Nachdenkgeschichte: Das erfolgreiche Werk . . . . . . . . . 110 52. Nachdenkgeschichte: Das ganz andere tun . . . . . . . . . . . 112 53. Nachdenkgeschichte: Der stolze Hund . . . . . . . . . . . . . . 114

6. Teil: Heil werden und sterben 54. Nachdenkgeschichte: Der Sonnenstrahl . . . . . . . . . . . . . 118 55. Nachdenkgeschichte: Der Kohlkopf . . . . . . . . . . . . . . . . 119 56. Nachdenkgeschichte: Der Störenfried . . . . . . . . . . . . . . . 120 57. Nachdenkgeschichte: Das Scheiterkind . . . . . . . . . . . . . . 122 58. Nachdenkgeschichte: Die tödliche Krankheit . . . . . . . . . 124 59. Nachdenkgeschichte: Die Medizin . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 60. Nachdenkgeschichte: Der Teppich . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 61. Nachdenkgeschichte: Das Ostergelächter . . . . . . . . . . . . 130 62. Nachdenkgeschichte: Der Mantel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 63. Nachdenkgeschichte: Daheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 64. Nachdenkgeschichte: Der alte Mann und das Pferd . . . . 135 65. Nachdenkgeschichte: In der Sterbestunde . . . . . . . . . . . . 136


Anfangen und ausbrechen / 7

7. Teil: Freiheit gewinnen und ankommen 66. Nachdenkgeschichte: Durch die Tiefe in die Freiheit . . . 140 67. Nachdenkgeschichte: Die Forelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142 68. Nachdenkgeschichte: Der Spuk im Klassenzimmer . . . . 144 69. Nachdenkgeschichte: Der Club der Versager . . . . . . . . . . 147 70. Nachdenkgeschichte: Der Kreisel . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 71. Nachdenkgeschichte: Das Ende der Zeit . . . . . . . . . . . . . 152 72. Nachdenkgeschichte: Das Pferd . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 73. Nachdenkgeschichte: Der Laden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156 74. Nachdenkgeschichte: Vor mir liegt die Vergangenheit . . . 157 75. Nachdenkgeschichte: Der Bogen vom Anfang zum Ende 159 76. Nachdenkgeschichte: Das Licht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 77. Nachdenkgeschichte: Die große Freiheit . . . . . . . . . . . . . 162

Warum „Nachdenk-Geschichten“? Einige Nachwort-Gedanken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Jeder Geschichte ist ein Nachdenksatz angefügt, der zum Weiterdenken einlädt. Die angegebenen Bibelstellen vertiefen den Text und legen weitere Spuren zum Nachdenken. Der Hinweis auf die Themenbereiche, zu denen die jeweilige Geschichte gehört, ermöglicht einen Einsatz in der Gemeinde- und Gruppenarbeit.

Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Psalm 111,10


8 / Was dahinter liegt


Vorwort / 9

Meinen Eltern gewidmet


10 / Was dahinter liegt


Anfangen und ausbrechen / 11

Geschichten für schwierige Zeiten Die Nachdenkgeschichten sind in einer Zeit entstanden, in der ich in einer Krise steckte. Gewohnte Abläufe gaben mir keine Sicherheit mehr, die Zukunft war fraglich geworden, alles war in Bewegung geraten. Es gab keine vertrauten Ordnungen mehr, ein inneres und äußeres Chaos erforderte ständiges Umdenken. In dieser Zeit versuchte ich hinter das vordergründige Durcheinander zu blicken. Ich wollte die Ordnung hinter der Unordnung entdecken. Ergab das Chaos einen Sinn? Hatten die ständigen Veränderungen ein Ziel? Ich brauchte in dieser unsicheren Zeit einen Halt und merkte, dass ich ihn nicht in mir selbst finden konnte. Ich suchte Ansatzpunkte, die außerhalb von mir lagen, um eine andere Sicht zu bekommen. Ich musste neues Land gewinnen, in dem ich leben und mich wohlfühlen konnte. Dazu musste ich Altes verlassen, um weit hinter dem Horizont das Neue, das Andere zu finden … Deshalb geht es in den Nachdenkgeschichten um die neue Sichtweise, den anderen Blickwinkel, die überraschenden Momente, die auf einmal durchscheinen lassen, was hinter dem Vordergründigen liegt – Hinweise auf das, was sich hinter dem Horizont verbirgt, das ganz Andere, auf das ich niemals zu hoffen und an das ich niemals zu denken gewagt hatte. Ich will mit diesen Geschichten für schwierige Zeiten den Leser zu eigenen Reaktionen herausfordern. Ich will ermutigen und aus der starren Passivität, einem unabänderlichen Schicksal ausgeliefert zu sein, herauslocken. Die eine wird sagen, wenn sie diese Geschichten liest: Ja! Ja – so ist es! Es gibt Freiheit, Zuversicht und neuen Mut, die Weite zu entdecken, die sich hinter den beengenden Umständen auftut. Der andere aber wird feststellen: Nein! Es ist ganz anders! Hier möchte ich nachfragen und in einen Dialog kommen. „Was ist anders und wie ist es für dich wirklich?“, werde ich fragen. Die Antwort aber und das daraus folgende Gespräch können zeigen: Die Dinge sind fassbar, ich habe sie in der Hand, ich kann mit ihnen spielen und sie verändern! Wer versteht, dass seine Lebens-Geschichten so oder so zu deuten und auf vielfältige Weise zu gestalten sind, der hat einen wichtigen Schritt heraus aus der Krise geschafft.


12 / Was dahinter liegt Deshalb: finden Sie Ihre eigenen Geschichten, lassen Sie sich von meinen Nachdenkgeschichten anregen. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlussfolgerungen und verändern Sie meine Gedanken so, dass sie zu Ihnen passen! Finden Sie Menschen, mit denen Sie über Ihre Geschichten ins Gespräch kommen, und entdecken Sie für sich die weise Ordnung Gottes hinter der – nur vordergründigen – Unordnung dieser Welt!


Anfangen und ausbrechen / 13

1. Teil

Anfangen und ausbrechen


14/ Was dahinter liegt

1. Nachdenkgeschichte

Die Brennnessel In einem großen, prächtigen Garten wuchs in einer Ecke eine Brennnessel. Sie bohrte ihre Wurzeln tief in den nahrhaften Humus. Von der Sonne erhielt sie Leben und der Regen netzte ihre rauhen Blätter. „Aber“, sprach die Brennnessel zu sich, „wenn ich nun all die Köstlichkeiten dazu gebrauche, um groß und schön und stattlich zu werden und bunte, duftende Blüten zu entfalten – dann entdecken mich die Menschen und reißen mich aus.“ Deshalb blieb die Brennnessel trotz des guten Bodens, der warmen Sonne und des erfrischenden Regens eine kleine, unscheinbare und kümmerliche Pflanze.

NACHDENKSATZ Die Blüte erfreut die Seele, die Frucht stärkt den Leib. Aber der Geist begreift, dass das eine aus dem anderen entsteht. Thema: Hingabe, Einsatz, sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Bibel: Matthäus 5,15 – Lukas 19,11-27 – Johannes 12,24.


Anfangen und ausbrechen /15

2. Nachdenkgeschichte

Weisheit oder Frieden Es war in der Nacht zum 1. Januar. Der Himmel war sternenklar und die Luft scharf und rein. Der junge Mann sagte zu Gott: „Ich möchte dir gehören. Ich gebe dir mein Leben als Geschenk.“ Gott antwortete: „Gut, mein Sohn. Dann möchte ich dir aber auch etwas schenken. Was wünschst du dir?“ Der junge Mann sagte ohne zu zögern: „Bitte, gib mir einen hellen Verstand, dass ich dich begreife. Und dann gib mir ein Herz voller Liebe, damit ich dir treu sein kann und dir gehorsam nachfolge. Auch brauche ich viel Weisheit, um dieser Welt dienen zu können.“ Der junge Mann dachte dabei an Vater Salomo. Dann zögerte er und überlegte weiter. Als Gott nach einiger Zeit immer noch aufmunternd schwieg, fügte der junge Mann einen weiteren Wunsch hinzu: „Und bitte gib mir Frieden und Ruhe ins Herz, damit ich immer sicher sein kann und die Angriffe und die Unruhe dieser Zeit mir nichts ausmachen. Nur dadurch kann ich in der Hektik und im Chaos überleben!“ Da antwortete Gott sehr freundlich und bestimmt: „Deine ersten Wünsche nach Verstand, Liebe und Weisheit kann ich erfüllen, aber die anderen Wünsche nach Ruhe und Frieden nicht. Beides zusammen geht nicht. Du kannst wählen: Willst du das eine oder das andere?“ Der junge Mann schwieg lange. Es war eine schwierige Entscheidung. Dann sagte er sehr leise: „Gib mir das erste, Herr!“ Und er konnte damals noch nicht ermessen, was das für sein Leben bedeutete.

NACHDENKSATZ Die Ruhe macht müde, die Liebe macht wach – die Weisheit macht stark, um die Müdigkeit zu überwinden.


16/ Was dahinter liegt Thema: Bekehrung, Gaben, Weisheit, Frieden, Nachfolge. Bibel: Matthäus 10,34.

3. Nachdenkgeschichte

Die Giraffe Die kleine Giraffe war größer geworden. An jedem Tag wuchs ihr Hals um ein paar Zentimeter dem Himmel entgegen und ihre länger werdenden Beinchen vergrößerten immer mehr den Abstand ihres Körpers zum Boden. Als die kleine Giraffe im Zoo geboren wurde, war sie kaum in der Lage, sich auf den dünnen, staksigen Beinchen zu halten, und mit ihrem Hals konnte sie gerade das Euter ihrer großen Mama erreichen. Mit der Zeit schmeckte ihr die Milch aber nicht mehr so gut und sie begann Gras zu fressen, das sie am Boden fand. Und dabei wuchs sie und wuchs sie. Bis eines schönen Tages ihr Hals es nicht mehr schaffte, die Wiese zu erreichen. Die Beine waren zu groß geworden, und auch wenn sie versuchte sie zu spreizen, schaffte sie es doch nicht bis zur Erde, um das saftige Gras zu pflücken. Und – o weh – ihr Hals war noch nicht lang genug, um den Futterkorb mit dem duftenden Heu zu erreichen, der weit oben an einer Stange hing. Was sollte sie tun? In beiden Richtungen konnte sie nicht an Futter kommen. Musste sie nun verhungern? Gut, dass die kleine Giraffe nicht allein in ihrem Gehege war. Die anderen Giraffen kannten das Problem der kleinen Giraffe, waren sie doch einst in der gleichen Situation gewesen. Und so konnten die interessierten Besucher des Zoos beobachten, wie die alten, großen Giraffen immer wieder ein Bündel Heu aus dem hoch oben hängenden Futterkorb holten und, statt es selbst zu fressen, der kleinen Giraffe brachten und so hinhielten, dass sie es erreichen konnte.


Anfangen und ausbrechen /17 Gut, dachte ich, als ich dieser Szene im Zoo zuschaute, wenn wir andere haben, die uns helfen, wenn es nicht nach oben und nicht nach unten reicht und wir genau in der Mitte dazwischen festhängen.

NACHDENKSATZ Wer nach oben strebt, braucht Nahrung von oben. Thema: Hilfe annehmen, wir brauchen einander, WachstumsProbleme, Elternliebe. Bibel: Johannes 12,32 – Johannes 16,7.

4. Nachdenkgeschichte

Die Bauleute „Kommt, lasst uns Kirche bauen“, sagten ein paar Leute zueinander. Der eine suchte sich Steine und begann für sich allein, einen Stein auf den anderen zu setzen. Der andere besorgte sich einen großen Stapel dicker Bücher und machte sich daran, sie zu studieren und zu erforschen, wie denn Kirche sein sollte. Wieder ein anderer – er war Architekt – entwarf Pläne, entwickelte Strukturen, zeichnete Organisationsabläufe und verfasste eine detaillierte Satzung. Die nächste ging los, um Befürworter für das Projekt zu finden. In jedem Ort, den sie besuchte, sprach sie mit Menschen über das Vorhaben und sammelte viele Unterschriften und Adressen von Interessenten und Unterstützern. Einer – er hatte viel Geduld – begann den Weg durch die Instanzen und Institutionen. Er verfasste Petitionen und Bittschriften. Er beantragte Genehmigungen und Zuschüsse. Er warb um


18/ Was dahinter liegt Sponsoren und durchforschte die Gesetze nach günstigen Lücken. Eine junge Frau mit viel Temperament informierte die Öffentlichkeit, berief Pressekonferenzen ein und stellte ein buntes, aufwendig gemachtes Informationsblatt her. Nur einer suchte nach Menschen. Ihm waren besonders die Armen und Notleidenden ein Anliegen. Sie besuchte er, zeigte ihnen Interesse und gab ihnen Liebe, lud sie zu sich ein und bewirtete sie. Er kümmerte sich um sie, und daraus entstand eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die miteinander teilten, was sie hatten – auch ihre Fragen und Probleme. Sie beteten miteinander, sangen Gott zur Ehre, weil es ihnen Spaß machte, lasen die Bibel, weil es sie interessierte, und traten füreinander ein, wenn Not „am Mann“ war. Sag mir – wer von diesen Menschen hat nun wirklich Kirche gebaut?

NACHDENKSATZ Wenn du Großes erreichen willst, fange an, deinen Nächsten zu lieben. Thema: Nächstenliebe, Gemeindeaufbau, Methoden. Bibel: Matthäus 25,40.

5. Nachdenkgeschichte

Der Weg Fort von daheim, hinaus in die Welt! Es kann nicht so bleiben, die Ferne lockt. Nach kurzer Begeisterung wird der Weg schnell mühsam. Endlose Straßen voller Lärm und Verkehr. Viele Menschen, die scheinbar ziellos unterwegs sind. In hektischen Städten atmet dampfend und stickig die Unfreiheit. Nicht stehen bleiben,


Anfangen und ausbrechen /19 sich nicht einfangen lassen von vordergründiger Fröhlichkeit! Weitergehen, weitergehen ohne innezuhalten. Allein. Der Zug fährt vor der Nase weg. Abkürzungen sind nicht erlaubt. Jeder einzelne Schritt ist wichtig. Weitergehen wie getrieben. Monotone, langweilige Wegstrecken, das Unterwegssein wird zur Routine. Endlich tauchen Berge am Horizont auf, ein sichtbares Ziel. Das Auge hat einen Anhaltspunkt. Am Fuß des Gebirges ein fast unüberwindliches Hindernis: breit und satt die Autobahn mit vorbeiziehenden Autokarawanen. Schwerer Abschied von der Zivilisation, eine schier endlose Suche, einen Übergang zu finden. Dann die Schlucht. Zuerst sehr tief; dunkel ragen die Wände rechts und links empor und lassen das Sonnenlicht durch. Der Weg führt hinauf, zunächst bequem und asphaltiert, dann wird aus dem breiten Weg ein schmaler, steiniger Trampelpfad, der sich in engen Serpentinen unendlich lang aufwärts zieht. Nach vielen Stunden ist die Baumgrenze erreicht, das Land wird zur unwirtlichen Einöde. Der Wind bläst eine eintönige Melodie. Endlich ein kleines Rasthaus, eine einfache Gebirgshütte. Wenigstens etwas Schutz, warmes Wasser und schweigsame Gemeinschaft. Man bleibt bei sich und redet nicht so viel dort oben. Frühmorgens, kaum dämmrig, geht es weiter. Ein furchtbares Gewitter zieht herauf, der Donner dröhnt zwischen den Felswänden. Der Regen ist wie ein undurchdringlicher Vorhang. Zurückweichen? Umkehren? Ein Felsblock gibt dürftigen Schutz. Dort kommt überfallartig die Einsamkeit. Es gibt einfach nichts mehr. Die Empfindungen und Gedanken sind wund und platzen schmerzhaft auf wie die Blasen an der Ferse. Alles reibt, der Schweiß beißt an den offenen Stellen, die Augen tränen, der Atem keucht, Sauerstoff fehlt. Alles reduziert sich auf die Grundfunktionen und auf den nächsten Schritt. Kein Gestern, kein Morgen, nur noch jetzt. Die Sonne steht grell im Zenit, unerbittlich. Es gibt keinen Schatten. Knapp unterhalb des Gipfels auf einmal – wie ein Wunder – eine kleine, klare Quelle. Das Wasser sprudelt aus dem Boden und hat ein kleines Becken gebildet. Trinken, aufsaugen wie ein trockener Schwamm. Hineintauchen, das köstliche Wasser wie ein Strom von Licht durch sich hindurchfließen lassen, selbst durchsichtig und klar werden. Erfrischende Kühle, die Anstrengung wird weg-


20/ Was dahinter liegt gewaschen. Plötzlich ist die Müdigkeit da, bleiern und schwer. Ein tiefer traumloser Schlaf gleich neben der gluckernden Quelle schenkt neue Lebenskraft. Aufstehen und am Gipfel vorbei. Die Felsnadeln stechen drohend in den Himmel. Im Abendlicht zieht majestätisch schweigend die Silhouette eines mächtigen Steinbocks vorbei. In der Nacht geht es weiter über geheimnisvolle Schmugglerwege über verborgene, unbekannte Pässe. Gefährliche Wege im fahlen Licht der Dämmerung. Weitergehen wie im Schlaf, in einer Welt wie im Traum, voller Gestalten und Verlockungen. Irgendwie geht es weiter. Dann der Morgen, der schmale, blasse Lichtstreifen am Horizont. Auf einmal lässt warme Luft, die aus der Tiefe aufsteigt, weit unten neues Land erahnen. Dunst steigt aus dem Tal und bringt neue Geräusche und belebende Gerüche mit sich, es riecht nach Wald, Gras und Leben. Der Grat ist überschritten, eine neue Welt tut sich auf. Bald gibt es wieder Bäume als schützende Wehr. Der neue Boden unter den Füßen wird weicher und der Gang federnd, elastischer. Es geht bergab, die Schwere fällt ab. Das Tal, das neue Land, liegt in greifbarer Nähe vor mir. Die Erregung des Neuanfangs wischt die Müdigkeit ab. Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6).

NACHDENKSATZ Du siehst nur, was dahinter liegt, wenn du dich auf den Weg machst. Thema: Weg, Schwierigkeiten, Wachsen. Bibel: Psalm 16,11 – Psalm 37,5 – Psalm 119,9.


Anfangen und ausbrechen /21

6. Nachdenkgeschichte

Rückwärts Der junge Mann saß stundenlang vor dem Computer. Vor allem faszinierte ihn die Funktion, mit der man den eben vollzogenen Schritt wieder rückgängig machen konnte. Bis zu neunzig Schritten konnte man zurückgehen und dabei Schritt für Schritt das, was man getan hatte, wieder löschen. Von dieser Möglichkeit, alles wieder rückgängig zu machen, konnte der junge Mann nicht genug bekommen. Es konnte sein, dass er Texte und Dateien in seinen Computer eingab, programmierte und arbeitete – nur um das Ganze genüsslich Schicht um Schicht wieder abtragen zu können. Aber auch das war ihm nicht genug. Er grübelte und dachte nach, wie er noch mehr als neunzig Schritte zurückgehen könnte. Sein Ziel war, ganz an den Anfang des Computers zu gelangen, und vielleicht war es sogar möglich, in den Bereich vor den Anfang vorzustoßen. Die Idee, so weit wie möglich zurückzugehen, um an die Uranfänge zu kommen, begeisterte ihn. Tag und Nacht sann er darüber nach. Er probierte, programmierte, konstruierte Zusatzgeräte und entwickelte völlig neue Programme. Dann endlich, eines Tages hatte er es geschafft! Er hatte tatsächlich eine Möglichkeit gefunden, immer weiter zurückzugehen. Es war in der Nacht zum 1. Mai, als er sich ans Werk machte. Schritt um Schritt drang er in die Vergangenheit vor. Beim tausendsten Schritt rückwärts hörte er auf zu zählen. Er kam in ganz unbekannte, erstaunliche Bereiche, sah Welten der Vergangenheit und stieg immer tiefer hinab … Alle Schritte, die er jemals in seinem Leben gemacht hatte, waren für einen Moment wieder gegenwärtig und dann – mit einem entsprechenden Tastendruck – wieder rückgängig gemacht und ausgelöscht. Als am anderen Morgen seine Mutter kam, um ihn zu wecken – die Sonne schien warm und freundlich an diesem Frühlingstag – fand sie auf dem Schreibtisch ihres Sohnes an der Stelle, an der der Computer gestanden hatte, ein paar Metallbrösel und einen Klumpen rohes Plastik. Von dem jungen Mann gab es seit diesem Zeitpunkt keine Spur mehr: Es war ihm gelungen, in die Zeit vor seiner Zeit vorzudringen und er hatte sich dabei selber ausgelöscht.


22/ Was dahinter liegt

NACHDENKSATZ Jeder Weg zurück endet in den Armen Gottes. Thema: Anfang, Zurückgehen, Fantasie. Bibel: 1. Mose 1,2 – Johannes 1,1.

7. Nachdenkgeschichte

Der Bewerber Eines Tages hatte es auch ihn erwischt, ganz unvermittelt und ohne dass er damit gerechnet hatte: Er stand auf der Straße, seine Firma hatte ihn in den vorgezogenen Ruhestand geschickt. Seit seinem 18. Lebensjahr hatte er in dieser Firma gearbeitet, nun fast 40 Jahre lang. Das war jetzt vorbei. Er hatte keine Chance mehr. Es ging ihm nun wie vielen, die sich schon am Vormittag in den Kneipen der Stadt trafen, um miteinander Trübsal zu blasen und die Ungerechtigkeit ihres Schicksals zu bejammern. Aber auf diese Weise ging es mit ihm immer mehr bergab, nichts gab ihm Sinn, keine Herausforderungen würzten seine Tage. Er war wie tot, wie lebendig gestorben. An einem Frühlingsmorgen – etwa ein halbes Jahr, nachdem er arbeitslos geworden war – wurde ihm die Aussichtslosigkeit seiner Lage blitzartig klar. Und gleichzeitig wurde ihm deutlich, er wollte so nicht weiterleben. Er erinnerte sich an die Zeit vor 40 Jahren: Was hatte er für Pläne gehabt, Wünsche und Illusionen gesponnen und etwas vom Leben erwartet! Sollte das schon lange vorbei sein? Damals hatte er sich um die besten Stellen beworben und von einer steilen Karriere geträumt. Während er sich an diese Zeit erinnerte, kam die alte Lebensenergie in ihn zurück. Er schlug die Zeitung auf und studierte die Stellenangebote. Eine Anzeige gefiel ihm: Eine Firma suchte einen Geschäftsführer. Er wusste, dass er keine Chance hatte, wenn er sich auf diese Stelle bewarb, jüngere, dynamische Leute würden ihn ausstechen. Aber er wollte diese Wirklichkeit gar nicht sehen. Er sah sich als Geschäftsführer dieser Firma, er sah, wie er – gut gekleidet


Anfangen und ausbrechen /23 – mit seinen wichtigen Unterlagen die Büros in den Chefetagen aufsuchte, Anweisungen gab, Besprechungen führte und wichtige Entscheidungen traf. Er konnte sich sich gut in dieser Rolle vorstellen und während er sich in diese Position hineindachte, wuchs er innerlich, wurde ein anderer, voller Lebensmut und Lebensfreude. Er bewarb sich auf die Stelle. In den Tagen danach lebte er bereits in seinen Gedanken in der neuen Arbeit, ein ganz neues Selbstbewusstsein hatte ihn gepackt. Er redete auch vor seinen Freunden von seiner nahen Zukunft, von Erfolg und später Karriere. Sie lachten ihn aus, aber er hörte nicht auf sie, die Welt, die er sich geschaffen hatte, gab ihm Sinn und Inhalt. Dann kam die Absage, ein formloses Schreiben, dass er nicht in die engere Wahl gekommen sei. Aber dieses Schreiben berührte ihn nicht, er hatte sich entschlossen, die Wirklichkeit auszuklammern, die Wirklichkeit, die ihm nichts mehr zu bieten hatte. Dann wollte er wenigstens in der Welt leben, in der er etwas wert war. Wieder schlug er die Zeitung auf und er suchte nach einer anderen Ausschreibung. Nun war er für einige Zeit ein selbstständiger Unternehmer, bis auch hier die Absage kam. Dann war er der Betreiber einer gut gehenden Gaststätte, dann der Leiter einer Personalabteilung. Er suchte sich immer sehr anspruchsvolle Stellen heraus, und jedesmal war es für ihn eine neue Herausforderung, sich in die jeweilige Position hineinzudenken. Er lebte dann ausschließlich ganz und gar in jener Rolle. Es ging ihm gar nicht darum, diese Ziele zu erreichen. Er lebte ja schon bereits jetzt dieses Leben, wozu brauchte er eine Zusage oder eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch? Er war schon jetzt der, um dessen Stelle er sich bewarb. Und während seine Freunde, die ihn verlachten und zum Spinner erklärten, immer mehr ihrer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit verfielen, wurde er immer größer, stärker und wuchs mit jeder Bewerbung in ungeahnte neue Lebensbereiche.

NACHDENKSATZ Wer keine Hoffnung hat, hat keine Zukunft. – Jedes Fünkchen Hoffnung ist ein Same, der aufgeht, wenn seine Zeit gekommen ist.


24/ Was dahinter liegt Thema: Hoffnung, Verzweiflung, Arbeitslosigkeit, neue Perspektive. Bibel: Römer 5,5 – Römer 8,24.

8. Nachdenkgeschichte

Der Ausbruch So war es schon immer gewesen, seit er in der Firma war. Jeden Tag wurde er gehänselt. Wenn Witze gemacht wurden, dann gingen sie auf seine Kosten, wurden Scherze getrieben, war immer er der Leidtragende. Er war der Dumme. Die Arbeiten, die sonst keiner machen wollte, musste er übernehmen, wenn es am Wochenende oder abends Überstunden gab, traf es garantiert ihn. Und er? Geduldig, willig und ohne Widerspruch ließ er sich schikanieren und bestimmen. Er war immer freundlich und höflich. Er hielt sich zurück und machte still das, was man ihm auftrug. Der Lohn war, dass immer wieder über ihn gelacht wurde, dass er nicht ernst genommen wurde. Es wurde hinter vorgehaltener Hand über ihn geflüstert und getuschelt, aber auch ganz offen in seiner Gegenwart hörte er, wie man abfällig über ihn sprach. Er erduldete diese Situation jahrein jahraus – bis zu dem Tag, an dem das Fass endgültig voll war und überlief. An diesem Tag hatten es seine Kollegen besonders bunt mit ihm getrieben, ihn bei seinem Chef angeschwärzt und ihn für einen Fehler verantwortlich gemacht, den eigentlich andere verursacht hatten. Er wurde für etwas gemaßregelt, das er nicht zu verantworten hatte. Als ihn der Chef anbrüllte, schwieg er. Wie ein geprügelter Hund ging er an seinen Schreibtisch zurück. Als es Zeit zum Mittagessen war, ging er schweigend und allein zur Kantine. Dort hatte er die einzige Person, die ihn verstand. Die ältere Frau, die die Kantine versorgte, die Tische abräumte und abwischte, war die einzige, die ihn verstand. Sie wusste, wie es um ihn stand. Sie hörte viel bei ihrer Arbeit und sie wusste, wie die


Anfangen und ausbrechen /25 Kollegen immer wieder eine neue Schikane gegen ihn ausheckten. Sie wusste, dass er die Zielscheibe des Spottes aller war. Und er tat ihr Leid. Wenn es ihre Zeit zuließ, setzte sie sich zu ihm oder versorgte ihn mit ein paar besonderen Leckerbissen aus der Küche. Sie merkte auch, dass am heutigen Tag etwas passieren würde, sie spürte, dass seine Geduld am Ende war. Sie war in Sorge um ihn, was würde geschehen? Als er sein Mittagessen eingenommen hatte und nur noch ein Glas Sprudel vor ihm stand, geschah es. Ganz plötzlich und unvermittelt, so dass alle anderen in der Kantine erschraken, begann er furchtbar zu brüllen. Er brüllte wie ein Löwe, in kurzen, kraftvollen Stößen. Keiner hätte ihm eine solche Urkraft und solche Urlaute zugetraut. So schreit seit Anbeginn der Welt die geschundene Kreatur und jeder versteht es. Es lag Stolz und Autorität in diesem Brüllen. Und – was das Eigenartige war – es war so natürlich und selbstverständlich, dass es gar nicht seltsam klang. Gewiss, die Situation war absurd: ein brüllender Mensch in der Kantine. Aber – und das war ein ganz entscheidender Punkt in diesem Vorgang – die Frau, die in der Kantine bediente, ging ihrer Arbeit nach wie immer, so als würde nichts Außergewöhnliches geschehen. Sie räumte die Teller fort, wischte die Tische und durch ihr normales Verhalten bekam alles einen ganz alltäglichen Anstrich – als würde etwas Derartiges öfters geschehen und es wäre nichts dabei. So kam es, dass, als der Mann mit seinem Brüllen aufgehört hatte – es endete genauso abrupt, wie es angefangen hatte und der Mann saß wie vorher vor seinem Glas Sprudel – das Leben in der Kantine weiterlief, als sei nichts geschehen, als würde täglich so etwas passieren. Niemand redete darüber und jeder tat, als habe er nichts gehört. Und fortan begegnete man diesem Mann mit einer gewissen feierlichen Achtung; mit einem Respekt, den man den Löwen zollt, weil man weiß, dass sich hinter ihrer Gutmütigkeit eine kraftvolle Energie verbirgt. Man geht ihnen lieber aus dem Weg und legt sich nicht mit ihnen an.

NACHDENKSATZ Wenn die Geduld am Ende ist, beginnt die Wahrheit.


26/ Was dahinter liegt Thema: Geduld, Erdulden, Wahrheit, Zorn. Bibel: Amos 1,2 – Johannes 8,32.

9. Nachdenkgeschichte

Die Wolke Gottes Als die Wolke Gottes sich auf die Menschen senkte, hatte niemand damit gerechnet. Sie kam ganz unvermittelt. Aber es war nicht so, als wäre auf einmal alles in einen dicken, zähen Nebel gehüllt. Nein, ganz im Gegenteil, die Wolke war aus Licht – zumindest in ihrem Inneren – flüssigem, klarem Licht. Es war ein durchdringendes Licht. Die Gegenstände, die davon berührt wurden, reflektierten es nicht und warfen auch keine Schatten. Das Licht war überall. Alles wurde durchscheinend und durchsichtig, und trotzdem waren die Konturen deutlich und scharf zu erkennen. Das betraf nicht nur die Dinge und leblosen Gegenstände, sondern es betraf genauso die Menschen. Man konnte in die Menschen hineinsehen, ihre Gedanken und Empfindungen waren wie Bilder, klar und deutlich. Sie wurden durchflossen von diesem Licht, als stünden sie unter einem Wasserfall mit klarem Wasser; aber das Wasser perlte nicht an ihrer Oberfläche ab, sondern durchströmte sie. Und je mehr das geschah, desto durchscheinender wurden sie, zuletzt waren ihre Körper wie reines, sauberes Kristallglas. Der hektische, betriebsame Verwalter verharrte auf einmal in atemloser Ruhe. Die alte, verhärmte Frau bekam ein junges, straffes Gesicht. Den verzweifelten und verzagten jungen Mann schüttelte ein fröhliches und befreites Lachen. Es wollte nicht aufhören, immer mehr entströmte es seinen befreiten Lippen. Der von Sorgen gequälte Manager entspannte sich, er schaute von seinen Plänen auf und sein Blick wurde klarer. Die kranke Frau bekam rote Backen und neue Lust zu leben. Der müde, alte Mann und der ehrgeizige, kräftige Sportler lagen sich in den Armen und schliefen tief und fest mit vollen, satten Atemzügen. Der schüchterne, immer verkrampft und mühselig


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