/1 Mahesh Chavda Nur Liebe kann Wunder wirken
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Mahesh Chavda
Nur Liebe
kann Wunder wirken
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Titel der Originalausgabe: Only Love Can Make A Miracle © Mahesh Chavda Die Originalausgabe ist erschienen bei Servant Publications, P.O. Box 8617, Ann Arbor, Michigan 48107, USA. © der deutschen Ausgabe 1999 ASAPH-Verlag 4. Auflage 2008 Aus dem Englischen übersetzt von Kirsten Gödeke Satz: Jens Wirth Umschlaggestaltung: Jens Wirth/ASAPH Umschlagfotos: Bonnie Schupp (iStockphoto)/checka (photocase.com) Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in the EC ISBN 978-3-931025-47-2 Best.-Nr. 147547 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik usw. schreiben Sie bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net – www.asaph.net
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Inhalt Widmung .........................................................................................6 Kapitel 1: Kasavubu Square............................................................7 Kapitel 2: Die Königssöhne ..........................................................13 Kapitel 3: Die Suche nach der Wahrheit .......................................21 Kapitel 4: Die wichtigste Frage ....................................................31 Kapitel 5: „Mein kleiner Bruder“ .................................................39 Kapitel 6: Besuch von einem Engel ..............................................47 Kapitel 7: „Kannst du meine Mutter heilen?“...............................57 Kapitel 8: Die Schule des Heiligen Geistes ..................................81 Kapitel 9: Durch Gebet und Fasten...............................................91 Kapitel 10: Im Geheimdienst des Heiligen Geistes ....................101 Kapitel 11: Bonnie, meine Frau, von Gott ausgesucht ............... 111 Kapitel 12: Ein nachträglicher Lehrgang im Heilen ...................121 Kapitel 13: Der Baum der Zauberer............................................129 Kapitel 14: Die Auferweckung von Katshinyi ............................139 Kapitel 15: „Setze die Nationen frei“ .........................................151
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Widmung „Geht hin und berichtet …, was ihr hört und seht: Blinde werden sehend und Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt und Taube hören und Tote werden auferweckt und Armen wird gute Botschaft verkündigt.“ (Mt. 11,4–5) Dieses Buch ist dem Autor jedes guten Berichts gewidmet – dem Herrn Jesus Christus.
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KAPITEL 1
Kasavubu Square Es war Mittag. Ich befand mich in Kinshasa, der Hauptstadt von Zaïre, im Herzen Afrikas. Gerade hatte ich aufgehört, zu einer Menge von vielleicht dreißigtausend Menschen zu sprechen, die im Kasavubu Square im Zentrum der Stadt versammelt waren. Es war der dritte Tag einer einwöchigen Kampagne in Kinshasa. Diese Stadt war unerwartet eine meiner Stationen auf einer zweimonatigen Reise nach Afrika im Sommer 1985 geworden. Zaïre ist der moderne Name eines Staates, den die meisten Leute im Westen als „Belgischer Kongo“ in Erinnerung haben. Wenn auch die Landschaft wunderschön ist, so leben doch die meisten Menschen in bedrückender Armut. Die Arbeitslosigkeit ist verheerend. Geistlich ist Zaïre immer noch in Hexerei und Zauberkulten gefangen, die Afrika jahrhundertelang beherrscht haben. In Kinshasa und Umgebung leben etwa drei Millionen Menschen. Als ich dort ankam, hatte ich keine Ahnung, wie viele von ihnen sich wohl dafür interessieren würden, einen christlichen Evangelisten mit indischem Namen, der aus den Vereinigten Staaten kommt, anzuhören. Die Einladung von einem Pastor in Kinshasa war einige Monate zuvor in Form eines Briefes gekommen. In meiner schriftlichen Antwort, mit der ich die Einladung annahm, hatte ich angegeben, dass ich am Sonntag, dem 9. Juni, in Kinshasa ankommen würde. Das war der einzige Briefwechsel, den ich mit meinen Gastgebern gehabt hatte. Ich konnte nur hoffen, dass der Mann, der mich einge-
8 / NUR LIEBE KANN WUNDER WIRKEN laden hatte, auch am Flugplatz sein würde, um mich abzuholen. Er war da. Als wir Richtung Stadt fuhren, erkundigte ich mich nach den Plänen für die Kampagne. „Haben Sie für jeden Morgen ein Seminar vorgesehen?“ „Ja, Sir“, antwortete er. „Und haben Sie offene Versammlungen für abends organisiert?“ „Ja, Sir.“ „Mit wie vielen Leuten können wir bei den offenen Versammlungen ungefähr rechnen?“ Ich hoffte, dass es so um die fünfhundert wären. „Etwa fünfzigtausend, Sir.“ Es verschlug mir den Atem. „Fünfzigtausend?“, rief ich. „Ja, Sir“, sagte er. Er wirkte beinahe entschuldigend. „Das ist, weil sie unter der Woche stattfinden. Am Wochenende werden wir eine große Menschenmenge haben.“ Offensichtlich hatte der Herr mehr für meine Zeit in Zaïre vorgesehen, als ich erwartet hatte. Es wurde schnell sichtbar, wie viel der Herr eigentlich für uns bereit hatte. Etwa zweitausend Leute besuchten das erste Seminar am Montagmorgen. Ich hörte gerade auf zu sprechen, als der Heilige Geist zu mir sagte, dass eine Frau in der Versammlung sei, die Krebs im Endstadium habe. Ich solle sie einladen, nach vorne zu kommen. Eine ältere Frau kam den Gang entlang. Ihr Körper war mit krebsartigen Geschwüren bedeckt. Als sie sich dem Podium näherte, kam der Heilige Geist über sie, und wie vom Schlag getroffen fiel sie zu Boden. Als ich sie erreichte, waren die Tumore verschwunden. Sie stand auf und ging vor Freude tanzend davon. Der Herr hatte sie geheilt. Die Neuigkeit von dieser übernatürlichen Heilung breitete sich aus wie ein Lauffeuer. An diesem Abend erschienen statt der erwarteten fünfzigtausend fast hunderttausend Besucher. Da waren Krüppel, Aussätzige, Leute mit Aids. Ich hatte noch nie etwas Derartiges gesehen. Einige der Kranken wurden auf Schubkarren in die Versammlung gefahren, sie lagen in ihrem eigenen Urin und ihren Exkrementen. Viele Krüppel wurden an diesem Abend geheilt, darunter eine ganze Anzahl kleiner Kinder. Es ist schwer, das überwältigende Gefühl zu beschreiben, das mich überkam, als ich diese Kleinen sah, wie
KASAVUBU SQUARE / 9 sie vielleicht zum ersten Mal seit Jahren oder gar zum ersten Mal in ihrem Leben ohne Stöcke oder Krücken umhergingen. Die Manifestation der Kraft Gottes war so stark, dass sogar bekannte Hexen und Zauberer Buße taten und Jesus Christus als ihren Herrn und Erlöser annahmen. Dieser radikale Schritt in der Öffentlichkeit stellte für sie ein geistliches Erdbeben dar. Die Besucherzahlen stiegen weiter. Am Mittwoch waren dreißigtausend Leute beim Morgenseminar. Es war, als ob wir in eine neue Dimension des Wirkens des Heiligen Geistes hineingekommen wären. Die Versammlung hatte morgens um 9.30 Uhr mit Gesang und Lobpreis begonnen. Um 10.30 Uhr begann ich zu predigen. Ich beendete meine Rede um Punkt zwölf und war gerade vom Mikrofon zurückgetreten, als ich spürte, wie der Heilige Geist zu mir redete. Plötzlich fühlte ich mich trotz der Menschenmassen, als ob die Welt völlig still geworden wäre, ja als ob selbst die Zeit stehen geblieben wäre. Ich sah nichts, ich fühlte nichts, ich hörte nichts. In mein Bewusstsein drang nichts, außer der ruhigen, sanften Stimme des Heiligen Geistes: „Hier ist ein Mann, dessen Sohn heute Morgen gestorben ist. Lade ihn ein, nach vorne zu kommen! Ich möchte etwas Wundervolles für ihn tun.“ Es war nicht das erste Mal, dass ich den Herrn auf diese Weise zu mir reden hörte. Über die Jahre hinweg hatte er oft zu mir gesprochen, manchmal inmitten großer Mengen wie hier, manchmal im privaten Rahmen, alleine mit jemandem, der in Not war. Dies war die Art des Heiligen Geistes, mir zu sagen, wie er in einer bestimmten Situation arbeiten wollte. Ich hatte gelernt, in solchen Momenten nicht zu fragen, nicht zu analysieren, sondern einfach zu gehorchen. Ich ging zurück zum Mikrofon und sagte, was mir der Herr zu sagen aufgetragen hatte. Es gab ein Stimmengewirr, alle warteten, was als Nächstes passieren würde. Diejenigen, die bei einem der früheren Treffen gewesen waren, hatten bereits mehrere erstaunliche Heilungen und Wunder gesehen, die im Namen des Herrn Jesus vollbracht worden waren. Jetzt konnten die Leute fühlen, dass der Heilige Geist für diesen Augenblick etwas Besonderes geplant hatte.
10 / NUR LIEBE KANN WUNDER WIRKEN Einige Sekunden vergingen, dann kam ein Mann auf das Podium zugerannt. Er bahnte sich den Weg durch die Menge, fuchtelte mit der Hand durch die Luft und schrie: „Das bin ich! Das bin ich!“ Als er sich mir näherte, betrachtete ich ihn genauer: Er war groß und wie ein Boxer gebaut. In seinen Augen konnte ich eine Mischung aus Hoffnung und Furcht, Gaube und Zweifel erkennen. Ich fragte ihn nichts, nicht einmal nach seinem Namen. Ich legte einfach meine Hände auf seinen Kopf und begann zu beten. „Herr Jesus, in deinem Namen binde ich die Mächte der Finsternis und des Todes, die an dem Sohn dieses Mannes wirken, und ich bitte dich, dass du deinen Geist der Auferstehung schickst und ihn ins Leben zurückbringst.“ Als ich fertig war, starrte mich der Mann einen Moment lang an, nickte, wie um „danke“ zu sagen, einmal mit dem Kopf und rannte wieder davon. Die Menge teilte sich, um ihn durchzulassen. Ich sah ihn einige Tage nicht und erfuhr auch nicht alles, was geschehen war. Aber um die Zeit, als die Abendversammlung begann, hatten wir schon erstaunliche Berichte über den Mann, der zum Gebet nach vorne gekommen war, gehört. Wie wir erfuhren, war sein Name Mulamba Manikai. Er hatte einen sechsjährigen Sohn namens Katshinyi. Früh an diesem Morgen war Katshinyi von den Ärzten der Mikondo-Klinik in Kinshasa für tot erklärt worden. Die Leiche wurde zum Mama-Yemo-Hospital gebracht. Zur Mittagszeit am 12. Juni 1985, als ich vor dreißigtausend Menschen im Kasavubu Square für seinen Vater betete, kehrte der kleine Junge plötzlich ins Leben zurück. Der Herr hatte Katshinyi vom Tod auferweckt. Als ich mich an Mulamba erinnerte, wie er sich den Rückweg durch die Menge gebahnt hatte, kam mir ein anderes Wort des Heiligen Geistes ins Gedächtnis. Er hatte es auf demselben Kontinent, hier in Afrika, nur ein Jahr zuvor zu mir gesagt.
Wenn du Treue im Glauben säst, erhältst du Frucht Ich diente im abgelegenen Busch von Nordwest-Sambia. Menschen aus mehreren hundert Dörfern der ganzen Region hatten sich versammelt und der Herr hatte in wunderbarer Weise gewirkt.
KASAVUBU SQUARE / 11 Eines Abends hörte ich spät ein Klopfen an meiner Tür. Es war einer der Missionare, die unseren Besuch unterstützten. „Wir haben gerade Nachricht erhalten von einem kleinen Kind, das in einem der Dörfer an zerebraler Malaria stirbt“, sagte er. „Es könnte auch schon gestorben sein. Aber die Leute dort haben von deinem Heilungsdienst gehört. Sie wollen wissen, ob du kommst und für dieses Kind betest.“ Wir gingen sofort los. Ich wusste genug über zerebrale Malaria, um den Ernst der Situation zu erkennen. Das Fieber konnte das Gehirn befallen. Unbehandelt kann diese Krankheit in 48 Stunden zum Tod führen. Als wir im Dorf ankamen, war der Junge schon eine Stunde tot. Der Körper war kalt und steif. Ich nahm den kleinen Jungen in meine Arme und hielt ihn fest. In der Hütte seiner Familie setzte ich mich in eine Ecke und betete. Ich betete über eine Stunde und bat den Herrn, ihn vom Tod aufzuerwecken, aber nichts geschah. Ich werde nie die niederschmetternde Traurigkeit vergessen, mit der ich den Leichnam des Jungen seiner Mutter zurückgab. Große Tränen rannen über ihre Wangen, sie schaute zum Himmel auf und sagte leise in Lunda: „Jesus, nimm ihn jetzt ganz hin. Nimm ihn freundlich in deine Arme auf.“ Dann, zu mir gewandt: „Er wird nicht mehr zu mir laufen, aber eines Tages gehe ich zu ihm.“ Lange Zeit stand ich bei der Hütte. Ich fühlte mich so müde und allein. Ein Wind umwehte mich, und in diesem Wind spürte ich die Gegenwart des Heiligen Geistes. Er sagte: „Weil du treu im Glauben warst, werde ich dich große Dinge sehen lassen.“ Jetzt stand ich vor dreißigtausend Menschen in Zaïre und dachte an das Versprechen des Herrn, „etwas Wundervolles“ für einen Mann zu tun, dessen Sohn am Morgen gestorben war. Ich erinnerte mich an die Zusage des Herrn, dass ich „große Dinge sehen“ würde. War dies ein Teil davon? Die Salbung auf den Versammlungen in Kinshasa übertraf alles, was ich jemals erlebt hatte. Ich fühlte mich, als ob ich auf dem Kamm einer Flutwelle der Kraft Gottes reiten würde. Als ich hörte, wie der Herr mir sagte, ich solle einen Mann nach vorne rufen, dessen Sohn an diesem Morgen gestorben war, wusste ich also, dass es richtig war, ohne Zögern zu gehorchen.
12 / NUR LIEBE KANN WUNDER WIRKEN Ich dachte an die vielen anderen Situationen, in denen ich den Herrn zu mir reden gehört und ihn in Kraft handeln gesehen hatte. Die Zeit, als mein eigener Sohn in einem Krankenhaus in Florida lag und nur noch wenige Stunden zu leben hatte. Der Herr hatte sein Leben auf übernatürliche Weise bewahrt. Die Zeit, als der Herr mir zum ersten Mal seine heilende Liebe zeigte, in der Steppe von Westtexas, in einer Schule voller Kinder, die der Rest der Welt verstoßen hatte. Die Zeit, als ich, ein vaterloser indischer Junge, der im hinduistischen Teil Mombasas in Kenia aufgewachsen war, Jesus selbst von Angesicht zu Angesicht begegnet war. Ich hatte gefühlt, wie er seine Hand auf meine Schulter legte, und hatte gehört, wie er mich seinen kleinen Bruder nannte. Nichts, was der Herr tat, könnte mich jetzt noch in Erstaunen versetzen.
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KAPITEL 2
Die Königssöhne Ich werde immer das Erbe zu schätzen wissen, das mir meine Familie hinterlassen hat. Als ich größer wurde, sagte meine Mutter zu mir: „Lebe nicht wie eine Küchenschabe! Wenn du nur existierst, heißt das gar nichts. Küchenschaben und Eidechsen essen, atmen und sterben. Was zählt, ist, wie du lebst! Mach dein Leben zu etwas Wichtigem!“ Obwohl dieser starb, als ich noch ein kleiner Junge war, hatte die Erinnerung an meinen Vater, Kashavlal Ladhubahan Chavda, einen großen Einfluss auf mich. Die Mitglieder meiner Familie hatten sein Andenken weitergegeben und erhalten. Das Beispiel seiner Integrität als Leiter in der (städtischen) Gemeinde und Verteidiger der Unterdrückten hat mein geistiges und geistliches Leben geprägt. Mein Vater war ein beeindruckender Mann mit vollem schwarzem Haar und einem dicken Schnurrbart. Mit 1,80 m war er groß für einen Inder. Er erschien sogar noch größer wegen des prächtigen Turbans, den er zu besonderen Anlässen trug. Nur wenige Inder wissen, wie man den königlichen Turban bindet. Für meinen Vater symbolisierte er die ehrwürdige Herkunft unserer Familie.
Ein Mann voller Ehre, Glauben und Liebe Am 12. Dezember 1893 in Dhoraji in Indien geboren, zog er mit siebenundzwanzig Jahren nach Mombasa in Kenia. Wie Indien gehörte Kenia damals zum britischen Empire. Mein Vater hatte einen Posten als Beamter bei der britischen Kolonialregierung bekommen.
14 / NUR LIEBE KANN WUNDER WIRKEN Er arbeitete im Erziehungsbereich. Später bekam er die angesehene Position des Rektors der Allidina High School in Mombasa. Dort erhielten indische, arabische und afrikanische Jungen, deren Familien britische Staatsbürger waren, eine „ordentliche“ englische Ausbildung. Mombasa, das an der Küste des Indischen Ozeans südlich des Äquators liegt, war eine faszinierende Stadt. Dadurch, dass sie auf einer Insel im südöstlichen Teil des Landes lag, bildete sie einen natürlichen Seehafen. Jahrelang war der alte Hafen an der Ostseite der Insel ein Hauptverkehrsknotenpunkt des britischen Empires. Hier flossen Güter in das Innere Afrikas hinein und aus ihm heraus, und die westliche und östliche Zivilisation begegneten einander, um Handel zu treiben. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein neuer, tieferer Hafen bei Kilindine an der Südseite der Insel gebaut und der Hauptschiffsverkehr verlagerte sich dorthin. Damit blieb der alte Hafen den alten arabischen Segelschiffen, den Daus, überlassen, die weiterhin mit Früchten, getrocknetem Fisch und Gütern aus Indien und anderen Ländern am Persischen Golf handelten. Wie es so oft mit Hafenstädten geschieht, wurde Mombasa immer mehr von Männern und Frauen bewohnt, die die scheinbar endlose Ansammlung von Völkern und Rassen repräsentieren, die über die Jahrhundertwende durchgereist waren. Die Afrikaner, die die Stadt gegründet hatten, waren während des Mittelalters von Arabern beherrscht worden, dann im Zuge der Kolonialherrschaft von verschiedenen europäischen Ländern. Zuerst kamen die Portugiesen. Dann, später, die Engländer, die ihre Posten im kaufmännischen Regierungsbereich mit Arbeitern und Beamten aus allen Gebieten des Empires besetzten. Einer davon war mein Vater. Das Mombasa der vierziger Jahre war ein verwirrendes Mosaik von Rassen, Nationalitäten, Kulturen, Religionen und Sprachen. Mein Vater hatte im Alter von dreißig Jahren geheiratet. Seine Braut, Laxmiben Pragjibhai Solanki, war fünfzehn Jahre alt, das normale Alter, in dem junge Frauen verheiratet wurden. Entsprechend den Gebräuchen in dieser Zeit war ihre Hochzeit mit meinem Vater einige Jahre zuvor von Verwandten arrangiert worden. Im Jahr 1923
DIE KÖNIGSSÖHNE / 15 segelte Kashavlal in Laxmibens Heimatstadt Jamnagon in Indien, um seine Braut in Empfang zu nehmen und sie nach Kenia zu holen. Unsere Familie lebte in Mombasa bei Kibokoni, einer vorwiegend indischen und hinduistischen Enklave, die nur einige hundert Meter vom alten Hafen entfernt lag. Hier zogen Keshavlal und Laxmiben ihre acht Kinder groß. Sie hatten fünf Töchter – Vasanti, Rama, Indu, Mala und Sheila – und drei Söhne – Vinod, Krishna und mich. Ich war der Zweitjüngste der Familie und war am 14. Januar 1946 zur Welt gekommen. Meine Eltern nannten mich „Mahesh“, abgeleitet von „Mahaishvar“ oder „Herr der Herren“. Wörtlich bedeutet der Name „Anhänger“ oder „Liebhaber Gottes“. Es gab wenige richtige Straßen in Kibokoni, stattdessen ein kompliziertes Netz von engen, überfüllten Gassen, die zu hübschen, mit Stuck verzierten Häusern mit Blechdächern führten. Unser Haus war eines der schöneren in der Gegend, was wir der hohen Position meines Vaters in der Stadt zu verdanken hatten. Unten waren zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer, drei Badezimmer, ein großer Küchenbereich, wo wir unser Essen einnahmen, und eine überdachte Veranda, wo meine Mutter an den langen, heißen Nachmittagen im Schatten saß und unser Abendessen vorbereitete. Die Wände waren aus Zement und Stuck, die Böden aus Terrazzo. Oben waren drei Schlafzimmer, davon wurde eines als Familienschrein benutzt, und in einem bewahrte ich in späteren Jahren meine Bücher und mein Radio auf, mit dem ich jeden Abend die Radiosendungen der BBC hörte. Das Haus war mit fließendem Wasser und Elektrizität ausgestattet. Unweit davon lag ein Militärposten mit dem ungewöhnlichen Namen „Fort Jesus“, der 1593 von den Portugiesen gebaut worden war, um den Hafen vor den plündernden Arabern zu schützen. Mein Bruder Krishna nahm mich zu dem Fort mit, wo ich liebend gern spielte. Ich kletterte über Überreste des Artilleriebestandes aus dem Ersten Weltkrieg, die dort standen und von den Schlachten träumten, die über die Jahrhunderte dort geschlagen worden waren. Die Brisen des tropischen Meeres, die vom Ozean herüberwehten und stechende Gerüche von Salz und Fisch mitbrachten, zogen uns magnetisch zu dem alten Hafen selbst. Rund um den Hafen gab es Geschäfte und offene Märkte, wo alle Arten von Waren angeboten
16 / NUR LIEBE KANN WUNDER WIRKEN wurden. Meine Freunde und ich durchstreiften die Docks auf der Suche nach Abenteuern. Dies ängstigte meine Mutter, der man gesagt hatte, dass die Kapitäne der Daus gerne kleine Kinder raubten und sie in die Sklaverei in ferne Länder verkauften. Wir kümmerten uns nicht darum. Wir waren nicht so dumm, uns in die Nähe der wilden Tiere zu begeben, die manchmal aus der Umgebung in die Stadt kamen, und wir waren nicht so dumm, in Gegenden herumzustrolchen, in denen Diebe umgingen und viel Gewalt herrschte. Wir kannten uns um den alten Hafen herum aus und wir fühlten uns sicher. Mein Vater war einer der leitenden Männer in Mombasas indischer Gemeinde (gemeint ist die Bevölkerungsgruppe; Anm. d. Üs.), was seiner beruflichen Position, seiner Bildung – er konnte sich in neun Sprachen verständigen und sie lesen, einschließlich Hebräisch und Persisch – und der Stärke seines Charakters zu verdanken war. Er war der geborene Leiter und wurde von seinen Leuten für einen erfahrenen Staatsmann gehalten. Dazu ein Beispiel. Die vierziger Jahre waren eine Zeit der politischen Unruhe in Mombasa, eigentlich in ganz Kenia. Die mächtigen Mau-Mau-Guerillas machten sich für die Unabhängigkeit Kenias von Großbritannien stark. Sie erfüllten die Herzen der Menschen in Kenia mit Angst und Schrecken. Die Nerven waren angespannt, leicht entzündete sich Wut. Unruhige, angriffslustige Menschenmengen konnten sich bei der geringsten Provokation auf der Straße versammeln. In einem Fall breiteten sich die Unruhen bis in unsere Umgebung in Kibokoni aus. Kashavlal schritt in die Mitte der versammelten Horde und schrie in Swahili, dem örtlichen Dialekt: „Ruhe! Ruhe! Geht in eure Häuser zurück!“ Mehr war nicht nötig; in wenigen Augenblicken beruhigte sich die Menge und begann sich aufzulösen. Ein potenzieller Aufstand war abgewendet worden. Mein Vater – ich nannte ihn Bapuji, das bedeutet „verehrter Vater“ – entstammte der indischen königlichen Rajput-Kaste. Die Rajput – wörtlich „die Königssöhne“ – waren gefürchtete Krieger, die in vielerlei Hinsicht dem Ritterstand des mittelalterlichen Europas ähneln. Sie betrachteten es als ihre heilige Pflicht, ihr Vaterland zu verteidigen und die Armen, Schwachen und Wehrlosen zu schützen.
DIE KÖNIGSSÖHNE / 17 Das Motto und der Versammlungsschrei der Rajput war einfach, aber tiefgründig: „Ein Wort – eine Frau – ein Schwert“. Ein Wort – wenn ein Angehöriger der Rajput-Kaste sein Wort gab, hielt er es. Er bewahrte seine Ehre, auch wenn es sein Leben kostete. Eine Frau – das bedeutete, dass ein Rajput eine Frau wählte und ihr dann sein Leben lang treu blieb. Ein Schwert – die Rajput suchten nie leichtsinnig den Kampf, aber wenn das Schwert gezogen war, wurde es nicht in die Scheide zurückgesteckt, ohne dass Blut daran klebte. Ich wuchs mit den Geschichten über die heldenhaften Abenteuer meiner Rajput-Vorfahren auf. Während des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts zum Beispiel, als die islamischen Horden nach Indien ausschwärmten, waren es die Rajput, die den Widerstand anführten. Indien war damals eine Ansammlung einzelner unabhängiger Königreiche, viele davon konnten leicht von den zahlenmäßig überlegenen Moslems überrannt werden. Wenn die Moslems eine Stadt einnahmen, versammelten sie die gesamte Bevölkerung und „bekehrten“ sie zwangsweise zum Islam. Sie stellten die Leute in einer Reihe auf und zwangen sie, den Mund zu öffnen, während moslemische Soldaten vorbeigingen und in ihre Kehlen spuckten. Die Alternative war, an Ort und Stelle den Kopf abgeschlagen zu bekommen. Die Rajput hätten eher ihr Leben verloren als die Schande der Niederlage zu akzeptieren oder ihren hinduistischen Glauben zu verleugnen. Mein Vater war für die Gemeinschaft nicht nur ein Leiter, sondern auch ein Ernährer und Beschützer der Minderbemittelten. Er hatte immer ein persönliches Interesse am Wohlergehen der Afrikaner und Inder, die mit ihm oder für ihn arbeiteten. Er ermutigte sie, ihre Ausbildung zu beenden, in ihrem Beruf vorwärtszukommen und sich als Ehemänner, Väter und Mitarbeiter der Gemeinschaft weiterzuentwickeln. Mit den Jahren wurde er insgeheim ein Vater für viele, die arm oder in Not waren. Seine Leidenschaft für diese Leute, die weniger Glück hatten als er, schien grenzenlos. Nach seinem Tod entdeckten wir Listen von Witwen und Waisen in Kibokoni und in ganz Mombasa, die Kashavlal während der Weltwirtschaftskrise – ja, deren Einflüsse waren sogar in Ostafrika zu spüren – und des Zweiten Weltkrieges von seinem eigenen Einkommen unterstützt hatte. Auch das war ein Teil dessen, was es bedeutete, ein Rajput zu sein.
18 / NUR LIEBE KANN WUNDER WIRKEN Anfang 1951 erlitt mein Vater einen Schlaganfall. Seine kraftvolle Gestalt verbrachte nun die wachen Stunden im Bett oder zusammengefallen in einem Stuhl auf der Veranda. Seine starke Stimme, die einst Straßenaufstände beruhigen konnte, flüsterte nur noch. Es war am frühen Morgen des 18. Juli desselben Jahres, als ich durch Lärm im Haus geweckt wurde. Bapuji hatte meine Schwester Rama gerufen und sie gebeten, ihm etwas zu trinken zu bringen. Als sie sein Zimmer betrat, fand sie ihn im Bett zusammengesunken. Wir riefen sofort einen Arzt, aber es war zu spät. Er war tot. Ich war fünf Jahre alt, als mein Vater entschlief. Die Ereignisse um seinen Tod erscheinen mir heute wie ein ferner Traum – meine Mutter und meine Schwestern bei der zeremoniellen Waschung des Toten; meine Mutter bei der Beerdigung, ganz in Weiß gekleidet; die Laute des Klagens und der Trauer, als die Flammen den Scheiterhaufen verzehrten. Kenias Parlament erklärte einen nationalen Trauertag zu Ehren von Kashavlal Ladhubahai Chavda. Tragischerweise wurde Bapujis Großzügigkeit – die so viele Menschen während seines Lebens gesegnet hatte – nach seinem Tod eine große Last für seine Familie. Da er nie mit einem vorzeitigen Tod gerechnet hatte, gab er alles Geld, das er übrig hatte, um andere zu versorgen. Er hatte nie überlegt, dass es nötig sein könnte, für die Zukunft seiner Familie vorzusorgen. Ich war zu jung, um völlig verstehen zu können, was dies für meine Mutter, meine Geschwister und für mich bedeutete. Einige Zeit erkannte ich nicht im vollen Ausmaß, was es bedeutet, vaterlos zu sein. Es hinterließ ein Loch, eine Leere in meinem Herzen, und ich sollte Jahre damit verbringen, nach etwas – oder jemandem – zu suchen, der sie füllen könnte.
Lernen, ein Königssohn zu sein Mein Vater hatte mir trotz der kurzen Zeit, die wir gemeinsam erlebten, eine Menge gegeben. Er gab mir das Leben. Er gab mir einen Namen und ein Schicksal. Sein Beispiel zeigte mir, dass es nicht das Leben an sich war, das zählte, sondern, wie man lebte. Sein Vermächtnis gab mir ein Gefühl von Ehre, von Mut, von Pflicht, begründet in dem Umstand, dass ich Nachfahre der Rajput war, der „Königssöhne“.
DIE KÖNIGSSÖHNE / 19 Die Faszination über meine Herkunft rief in mir einen glühenden Sinn für Ehre hervor – der mich mehr als einmal in Schwierigkeiten brachte. Es war nicht unüblich für Banden von arabischen Jungen, die Straßen von Mombasa nach kleinen Jungen zu durchkämmen, die man ausrauben konnte. Diese Schläger im Teenager-Alter machten Kinder ausfindig, die alleine herumliefen, trieben sie in die Enge und stahlen ihnen alles, was sie hatten. Eines Nachmittags ging ich von der Schule nach Hause. Als ich um die Ecke bog, sah ich zwei kleine Jungen, die weinend auf der Straße standen. Eine Bande von vier arabischen Jungen – sie schienen etwa fünfzehn Jahre alt zu sein – war dabei, sie zusammenzuschlagen und auszurauben. Ich war jünger und kleiner als sie. Aber ich stammte von den Rajput und ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich marschierte in die Mitte des Tumults und fragte laut: „Was ist hier los? Ihr könnt doch so was nicht machen!“ Die vier Schläger betrachteten mich amüsiert. „Ja?“, fragten sie, „und was willst du dagegen tun?“ Ich hatte weder die Zahlen noch die Größe noch die Stärke auf meiner Seite. Meine einzige Waffe war der Überraschungseffekt. Blitzartig packte ich den Jungen, der mir am nächsten war, am Arm und warf ihn auf den Bürgersteig. Er rutschte durch den Dreck und Kies und schürfte sich dabei die Knie auf. Seine Wunden waren weit entfernt davon, tödlich zu sein, aber sie bluteten! Die anderen drei Schläger waren durch meine plötzliche Bewegung so erschrocken, dass sie sich umdrehten und flohen. Die beiden kleinen Jungen waren immer noch so eingeschüchtert, dass sie nicht fähig waren, mehr als ein flüchtig gemurmeltes „Danke“ herauszubringen, bevor auch sie verschwanden. Ich stand noch immer mitten auf der Straße, mit mir selbst zufrieden, weil ich meine Pflicht getan hatte, als die vier Teenager zurückkamen – mit Verstärkung! Auf einmal war ich von einer Horde Jungen umringt – es müssen etwa zwanzig gewesen sein –, die Knüppel und Ketten dabei hatten. „Was wollt ihr?“, fragte ich, obwohl ich das dumpfe Gefühl hatte, dass ich es schon wusste.
20 / NUR LIEBE KANN WUNDER WIRKEN „Wir werden dir eine Lektion erteilen!“, knurrte ihr Anführer. „Ihr alle?“, fragte ich. Jeder Einzelne von ihnen sah aus, als könnte er mir mehr Lektionen erteilen, als ich im Moment lernen wollte. „Wir werden dich bluten lassen, wie du unseren Freund hast bluten lassen“, schrie einer von ihnen. Offensichtlich beabsichtigten sie nicht nur, mir ein Paar aufgeschürfte Knie zuzufügen. Als ich in ihrer Mitte stand, schlich sich einer von hinten an und schlug mich mit seinem Knüppel. Als ich mich umdrehte, um meinen Angreifer anzusehen, stürzte sich ein anderer von hinten auf mich und schlug mich auf den Rücken oder den Kopf. Zu meinem Glück hatte dies alles gerade begonnen, als einer meiner Lehrer vorbeikam. Einige Ladenbesitzer aus der Umgebung, die den Lärm gehört hatten, waren bei ihm. Während die Ladenbesitzer und die Bandenmitglieder eine ziemlich hitzige Diskussion über die Vorzüge der Straßenjustiz führten, nahm mich mein Lehrer beiseite. „Ich denke, es wäre das klügste, wenn du, so schnell du kannst, von der Bildfläche verschwindest“, sagte er. Ich begann zu erkennen, dass hier Vorsicht in der Tat der bessere Teil des Heldenmuts sein könnte, und rannte sofort nach Hause. Mit den Jahren würde ich weiser darin werden, dem Bösen gegenüberzutreten. Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass es einen Kampf zwischen Gut und Böse gibt, oder welche Seite ich wählen sollte. Ich begann diese Welt als eine Welt zu sehen, in der es kein neutrales Gebiet gibt und in der diejenigen, die Kompromisse mit dem Bösen schließen, dessen Sklaven werden. Es war eine Lektion über geistlichen Kampf, die mir in den kommenden Jahren noch oft zugutekommen sollte. In der Tat, all diese Dinge bekamen ein ganz neues Gesicht, als ich ein Sohn des Königs der Könige, Jesus Christus, wurde.