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Das Grab des weißen Mannes

H. B. Garlock mit Ruthanne Garlock

Erst töten wir euch … dann fressen wir euch auf


Erst töten wir euch …

2 <Vakat>

H.B. Garlock 1897 – 1985


Das Grab des weiĂ&#x;en Mannes

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Erst töten wir euch …

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Before we kill and eat you Copyright © 1999 by John Garlock Die amerikanische Originalausgabe ist erschienen bei: Christ for the Nations, Dallas, Texas, USA. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitte Hahn 1. Auflage 1999 Copyright © der deutschen Ausgabe 1999 by ASAPH Verlag, D-Lüdenscheid DTP: Verlagsagentur H. Otto, D-Monheim Umschlaggestaltung: IMAGE Grafik-Design, D-Landsberg Druck: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum ISBN 3-931025-44-6 Best.-Nr. 147544 Printed in Germany Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik etc. schreiben Sie bitte an:

ASAPH, D-58478 Lüdenscheid eMail: Office@asaph.net – Internet: www.asaph.net


Das Grab des weißen Mannes

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Inhalt

Zum Geleit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 007 Vorwort. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 009 Gott ruft in den Dienst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Grab des weißen Mannes . . . . . . . . . . . . . . . . . Gropaka und die Hochzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein Wunder am Sorrika-Fluß . . . . . . . . . . . . . . . . . Kampf gegen den Götzendienst . . . . . . . . . . . . . . . Die Verbrennung des großen Fetischs . . . . . . . . . . . Unter Kannibalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geta, der heilige Berg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rettung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rettung eines Königs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erst töten wir euch, dann fressen wir euch auf . . . . Habt Glauben an Gott . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wiedersehen mit Jitueh. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rückkehr von Kwi Kali . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Seite 011 Seite 026 Seite 042 Seite 053 Seite 061 Seite 072 Seite 078 Seite 087 Seite 094 Seite 107 Seite 113 Seite 119 Seite 133 Seite 144

Nachwort von John Garlock . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 148


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Zum Geleit

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Zum Geleit – Von Walter Heidenreich Henry B. Garlock war zweifelsohne ein „Heiliger“ unserer Tage. Er war an Jesus und den Missionsauftrag hingegeben, wie wir es heute kaum kennen. Kein Wunder, daß Gott diesen Mann durch viele außergewöhnliche Zeichen und Wunder in seinem Dienst an den Verlorenen bestätigte, und so hat er ihn im Vergleich zu vielen „normalen“ Christen zu einem außergewöhnlichen Werkzeug des Heiligen Geistes geformt. Sein erster Dienst führte ihn im Herbst 1920 nach Liberia, während seine Verlobte, Ruth Trotter, ihr Lehramt in New Jersey beendete. Gemeinsam begannen sie dann nach ihrer Heirat eine alte Missionsstation in einem Dorf wieder aufzubauen. Gleich zu Beginn dieses Dienstes heilte Gott einen sterbenden Leprakranken durch das leidenschaftliche Gebet Henry B. Garlocks, als ein heidnischer Medizinmann den Missionar herausforderte, die Kraft seines Gottes unter Beweis zu stellen. Und so ging es weiter … Zweimal wurde „H.B.“ davor gerettet, von Kannibalen gefressen zu werden. Einmal sollte er erschlagen werden, doch seine Peiniger fielen plötzlich rücklings zu Boden. Bei einer anderen Gelegenheit bereiteten sich Kannibalen darauf vor, ihn zu töten und zu fressen, als er anfing, in Sprachen zu beten. Er verstand nicht, was er betete, doch seine Feinde verstanden es, denn es war ihre Stammessprache. So wurde er freigelassen, und das Evangelium hielt Einzug in diesem Stamm. Das Leben dieses Mannes, seine kompromißlose Hingabe an Gott, sind ein bis in unsere Tage hineinreichendes, lebendiges Zeugnis zur Ehre Jesu und ein wunderbares Vorbild sowie eine große Herausforderung für die Gemeinde Jesu heute. Dieses Buch erhält von mir das Prädikat „besonders wertvoll“.


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Vorwort von C. M. Ward Es gibt kaum einen Amerikaner, der Afrika, den Schwarzen Kontinent, so gut gekannt hat wie H. B. Garlock. Er gehört zu den letzten Missionaren, die allein durch die Kraft des Geistes das


Vorwort

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Land erschlossen und dort überlebt haben. Die Erlebnisse von H. B. Garlock in Afrika könnten ein weiteres Kapitel der Apostelgeschichte bilden. Seit fast einem halben Jahrhundert liebe und schätze ich diesen Mann. Ich war sein Gast und Zuhörer, und er hat mich niemals enttäuscht. Sein Leben ist ein lebendiges Zeugnis für den Trost, die Führung, den Schutz und die Fürsorge des Heiligen Geistes. Seine Mission und Leistung sind in einem Atemzug zu nennen mit allen wahren Größen des Kontinents, wie zum Beispiel Schweitzer, Livingstone oder Moffat. H. B. Garlock investierte sein ganzes Leben in dieses Land, denn die Liebe zu heidnischen, primitiven Lebensformen war ihm wohl schon angeboren. Im Laufe der Jahre hatte er die Fähigkeit, „wie ein Schwarzer zu denken“. Seine Frau und auch seine Familie stellten die göttliche Führung in ihrem Leben nie in Frage, und seine Erfahrungen lesen sich wie Legenden. Er durchstreifte den Urwald, bevor es Straßen, Flugplätze, Kommunikation oder Militärschutz gab. Er lebte in Häusern der Eingeborenen. Er kämpfte gegen die Malaria. Er sah, wie andere aus dem Leben gerissen wurden, bevor sie ihre Arbeit richtig beginnen konnten. Er erlebte die Urgewalt des Bösen: Kannibalismus, die Anrufung teuflischer Mächte, Stammeskriege, das ganze Elend eines jahrhundertealten Aberglaubens. Aber die immer wieder erlebten Siege ließen alle Bemühungen zum Gewinn werden. Die Erfahrungswer-te, die sich H. B. Garlock durch harten Kampf aneignete, konnten weitergegeben werden an den immer größer werdenden Kreis derjenigen, die ihm nach Afrika folgten. Unzählige Missionare können bestätigen: „Er hat mein Leben entscheidend beeinflußt. Sein guter Rat und sein Interesse an meinem Wohlergehen retteten mich vor schwerwiegenden Fehlern. Er hat mich mit Afrika wirklich vertraut gemacht.“ Glücklicherweise hat mein wunderbarer Freund einen unerschütterlichen Sinn für Humor, der von Gott gebraucht wurde als fester Bestandteil der gewaltigen Salbung, die über seinem Leben liegt. Die Lektüre des Buches wird den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringen. Ein Mann wie Garlock wäre mit einer durchschnittlichen Tätigkeit in einem weltlichen Beruf niemals zufrieden gewesen. Es ist nicht seine Wesensart, um des materiellen Gewinns willen zu arbeiten,


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auch ist sein Aufgabenfeld nicht in einer religiösen Einrichtung zu finden. Ihm ist ein furchtloser Pioniergeist zu eigen. Aus diesem Holz sind bedeutende Missionare geschnitzt, denn ein großer Missionar muß diesen inneren Drang haben, zu suchen, um „im Überfluß“ zu finden. Diese Eigenschaft hat Garlock weit über die Grenzen des normalen Lebens hinaus geführt, und zwar auf Wege ohne Wiederkehr. Er hat sich wie Elia der Herausforderung gestellt, denn er befand sich immer wieder in Umständen, in denen Gott sich auf machtvolle Weise offenbaren mußte, wenn er dort lebend herauskommen wollte. Die Leser werden dieses Buch mit einem Gefühl des Erstaunens und der Wertschätzung aufnehmen, daß Gott Männer wie den Autor in seinem Dienst gebraucht. Der Inhalt des Buches ist einfach, denn H. B. Garlock ist ein einfacher Mann. Das, was er für Gott und das Evangelium getan hat, sah er als seine Pflicht an. Ich freue mich, daß er seine Geschichte jetzt niedergeschrieben hat, und zwar aus der Erinnerung und unter Zuhilfenahme von Notizen, Briefen und Berichten anderer, damit diese Erzählung eines Missionars zu den Siegen des Lichts gezählt werden kann. Meiner Meinung nach wird der bleibende Gewinn dieses Buches darin bestehen, daß andere dadurch einen Ruf Gottes verspüren und die Seelenernte von H. B. Garlock um ein Vielfaches vermehren, denn ich weiß um seinen großen Einfluß auf mein eigenes Leben.

Gott ruft in den Dienst Wenn er die eigenen Schafe alle herausgebracht hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. (Johannes 10,4) Ich wurde mutlos, als ich den Brief meiner Mutter las. Endlich


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war ich als Student an der Bibelschule Beulah Heights, um mich auf den Dienst vorzubereiten, in den Gott mich berufen hatte. Und jetzt, nach nur zwei Wochen dort, erreichte mich ein verzweifelter Hilferuf meiner Mutter: „Henry, bitte komme nach Hause.“ Ich wurde als ältester Sohn einer Familie mit zwölf Kindern auf einer Farm bei New Haven im amerikanischen Bundesstaat Connecticut geboren. Wegen der finanziellen Belastung, die eine so große Familie zu tragen hatte, wurde ich im Alter von fünfzehn Jahren von der Schule genommen, damit ich auf unserem eigenen Hof und auch für Nachbarn arbeiten konnte, um die Familie zu unterstützen. Als ich einundzwanzig war, konnte ich endlich die Bibelschule besuchen. Langsam las ich den Brief noch einmal durch. Mein Vater und meine Geschwister waren an Grippe erkrankt. Es war niemand zu Hause, der die Arbeit auf der Farm verrichten konnte. Mutter fragte nach, ob ich nach Hause kommen und aushelfen könnte, bis Vater wieder gesund war. Ich könnte zu meiner früheren Arbeitsstelle zurückkehren. „Auf jeden Fall solltest du es dir unter Gebet überlegen“, schrieb Mutter am Ende des Briefes. Schweren Herzens verbrachte ich die ganze Nacht im Gebet und Ringen um die richtige Entscheidung. In meiner Erinnerung durchlebte ich die Ereignisse der zurückliegenden Jahre, als ich viele Stunden damit verbrachte, Gott ernsthaft zu suchen. In den ersten Jahren meiner Kindheit wußten meine Mutter und meine Geschwister, was es heißt, manchmal nichts zu essen zu haben, weil Vater jeden Pfennig, den er verdiente, für Alkohol ausgab. Unter seinen Wutausbrüchen hatten wir alle sehr zu leiden. Wir waren Mitglieder einer kongregationalistischen Gemeinde und später einer Methodistengemeinde. Dort entschied ich mich bewußt für Christus und nahm ihn in mein Leben auf, als ich elf Jahre alt war. Meine Mutter hatte eine echte Begegnung mit Gott erlebt und übte einen großen Einfluß auf das Leben aller ihrer Kinder aus. Aber erst als ich sechzehn Jahre alt war, begann mein Vater, Gott ernsthaft zu dienen.


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Auf unser Drängen hin besuchte er eine in unserer Nähe stattfindende Zeltversammlung. Dort wurde er völlig befreit von seinen üblen Gewohnheiten, er erlebte Heilung von einigen chronischen Krankheiten und wurde erfüllt mit dem Heiligen Geist. Als er nach Hause kam, war er ein völlig anderer Mensch, und bis zu seinem Tod im Alter von achtundachtzig Jahren hielt diese Erfahrung an.

Die Hand Gottes in meinem Leben Als ich sah, was Gott im Leben meines Vaters getan hatte, gab ich mich dem Herrn von neuem hin und begann unter Gebet und Fasten nach der Erfüllung mit dem Heiligen Geist zu streben. Im Jahr 1913, an Weihnachten, wurde ich auf machtvolle Weise erfüllt, und zwar in einem tiefgehenden Erlebnis, das vergleichbar war mit Apostelgeschichte 2,4. Daraufhin änderte sich mein ganzes Leben. Obwohl ich mir meines Mangels an Bildung durchaus bewußt war, hoffte ich, daß der Herr mich irgendwie in seinem Dienst gebrauchen konnte. Mein größter Wunsch war, eine Bibelschule zu besuchen, aber das war wohl ein unrealistischer Traum. Im Jahr 1917 stattete ich der Bibelschule Beulah Heights in North Bergen im Bundesstaat New Jersey einen Besuch ab, und im selben Jahr ging meine Schwester Blanche als Studentin dorthin. Aber da ich der älteste Sohn war, sah es so aus, als ob meine Eltern ohne meine Hilfe nicht zurechtkommen konnten. In Herbst des Jahres 1918 traten die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg ein, und ich wurde als für den Kriegsdienst tauglich eingestuft. Während ich noch darauf wartete, zur Armee einberufen zu werden, erkrankte ich schwer an einer Grippe, die damals wie eine Seuche das ganze Land traf. In unserer Stadt erkrankten die meisten jungen Männer, die noch nicht zur Armee eingezogen waren, und viele starben nach kurzer Zeit. Mein Zustand verschlimmerte sich, und ich befürchtete, ich könnte der Epidemie ebenfalls zum Opfer fallen, denn damals starben mehr Amerikaner an der Grippe als im Krieg. Es folgt ein Bericht, den mein Vater über meine Krankheit niederschrieb:


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„Wir beteten, aber Henrys Zustand verschlimmerte sich täglich, bis er eines Morgens Blutungen in den Lungen hatte. Da erkannte ich, daß er sterben mußte, wenn Gott nicht eingriff. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, ob es nicht vielleicht besser war, einen Arzt zu rufen. Ich nahm die Bibel und fragte meine Frau, was ich denn lesen sollte. Sie antwortete: ,Das, was du gerade aufgeschlagen hast.‘ Der Text stand in 2. Chronik 16, 12.13: ,Und im 39. Jahr seiner Regierung erkrankte Asa an seinen Füßen. Seine Krankheit war überaus schwer; aber auch in seiner Krankheit suchte er nicht den HERRN, sondern die Ärzte. Und Asa legte sich zu seinen Vätern; und er starb im 41. Jahr seiner Regierung.‘ Sie sagte: ,Wenn wir uns jetzt an den Arzt wenden, dann wird Henry sich zu seinen Vätern legen.‘ Wir holten den Arzt nicht. Bei Sonnenuntergang ging ich in Henrys Zimmer und sah, daß er nicht atmete. Ich war voller Furcht, aber Gott gab mir die Kraft, den Tod zurechtzuweisen im Namen Jesu. Zuerst geschah nichts – er atmete noch immer nicht. Ich sprach wieder, und noch immer passierte nichts. Als ich zum dritten Mal den Tod zurechtwies, öffnete er die Augen und sah, wie wir am Fußende seines Bettes standen.“ Als ich in meinem Zimmer im Studentenheim der Bibelschule im Gebet mit Gott rang und Tränen vergoß über den Brief meiner Mutter, durchlebte ich dieses gewaltige Erlebnis noch einmal. Ich erinnerte mich daran, wie ich spürte, daß ich meinen Körper auf dem Bett im Schlafzimmer unserer Farm zurückließ. Ich verließ das Haus und schwebte in diagonaler Richtung nach oben. Ich sah eine goldene Treppe, und Jesus stand oben, an ihrem Ende. Alle meine Schmerzen waren weg, und ich fühlte mich leicht wie eine Feder. Wie lange mein Geist bereits meinen Körper verlassen hatte oder wie weit meine Reise war, weiß ich nicht. Aber plötzlich war mir, als ob eine Hand auf mir läge und die Stimme Jesu mich bei meinem Namen gerufen hätte. Er sagte: „Geh zurück! Ich habe Arbeit für dich. Wenn du jetzt kommst, wirst du mit leeren Händen kommen. Ich will, daß du zur Bibel-


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schule in Beulah Heights gehst und dich auf den Missionsdienst vorbereitest.“ Zuerst zögerte ich, denn jetzt fühlte ich doch diesen tiefen Frieden, dieses Glück und die Freiheit von allen Leiden. Aber wieder hörte ich klar und deutlich die Stimme des Herrn: „Geh zurück! Wenn du jetzt kommst, dann kannst du mir keine Garben zu Füßen legen. Du mußt alles verlassen und mir nachfolgen. Ich will, daß du das Evangelium verkündigst.“ Als ich antwortete: „Ja, Herr, ich gehe“, ging es sofort auf dem gleichen Weg, den ich gekommen war, hinunter zur Farm, in das Schlafzimmer, in dem ich meinen Körper auf dem Bett liegen sah. Als ich meine Augen öffnete, sah ich meinen Vater und meine Mutter, wie sie am Fußende meines Bettes standen und Tod und Teufel zurechtwiesen. Ihre Freude war groß, als sie erkannten, daß ihre Gebete erhört worden waren. Obwohl ich sehr stark geschwächt war, wurde ich so vollständig geheilt, daß ich bereits drei Tage später mein Elternhaus verlassen und die Bibelschule besuchen konnte. Ich befürchtete weitere Verzögerungen, denn die Worte des Apostels Paulus in 1. Korinther 9,16 wurden zu einem festen Bestandteil meines Lebens: „Denn wenn ich das Evangelium verkündige, so habe ich keinen Ruhm, denn ein Zwang liegt auf mir. Denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!“ Ich war nur ein paar Tage in Beulah Heights, als am 11. November 1918 der Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet wurde und keine weiteren jungen Männer mehr in die Armee eingezogen werden mußten.

Kein Weg zurück Meine lieben Eltern hatten mich während meiner Krankheit gepflegt und für mich gebetet. Bestimmt hatte mein Vater, dessen Krankheit meine Mutter in ihrem Brief erwähnte, sich bei mir angesteckt. Wie konnte ich nur so undankbar sein und die Bitte meiner Mutter nicht erfüllen? Die Tränen schossen mir in die Augen, als ich meine Bibel aufschlug und Gott bat, mir eine Antwort aus


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seinem Wort zu geben. Sofort fiel mein Blick auf den Vers in Lukas 9,62: „Jesus aber sprach zu ihm: Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“ Ich sagte: „Aber Herr, dieser Text trifft bestimmt nicht auf mich zu. Ich habe diesen Vers nur zufällig aufgeschlagen. Bitte gib mir einen weiteren Text, der mir bei meiner Entscheidung hilft.“ Ich schlug meine Bibel ein zweites Mal auf, und der Text in Matthäus 10,37 stand vor mir, als wäre er besonders stark hervorgehoben: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“ Ich wußte, daß Gott mich vom sicheren Tod errettet und mich aufgefordert hatte, alles zu verlassen und ihm nachzufolgen. Aber meine Eltern, die ich sehr liebte, befanden sich in einer großen Notlage. Wenn ich mich jetzt weigerte, nach Hause zurückzukehren und ihnen zu helfen, wäre das unverzeihlich. Wenn ich jedoch gestorben wäre, hätten sie auch ohne meine Unterstützung zurechtkommen müssen. Ich hatte ja zwei Jahre lang meine Ausbildung an der Bibelschule aufgeschoben, weil meine Familie offenbar nicht ohne mich auskommen konnte. Aber nun wurde ich wie noch nie zuvor mit dieser Frage konfrontiert. In den frühen Morgenstunden suchte ich Gott weiter. Als der Morgengot-tesdienst begann, ging ich hinunter und bat den Herrn um ein weiteres Zeichen, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffen wollte. Nach der Einleitung mit einem Lied las der für diesen Morgen eingeteilte Redner seinen Bibeltext aus Lukas 9,62: „Jesus aber sprach zu ihm: Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“ Ich wartete seine Predigt gar nicht erst ab, sondern ging sofort auf mein Zimmer und beantwortete den Brief meiner Mutter. Noch nie zuvor war es mir so schwer gefallen, einen Brief zu schreiben. Ich schrieb ihr, daß ich meine Familie mehr liebte als mich selbst, aber daß Gott mich gerufen hatte und ich es nicht wagte, zurückzusehen. Ich führte die Bibelstellen an, die Gott mir gegeben hatte und erwähnte, wie diese Texte im Morgengottesdienst bestätigt wurden. Ich sicherte


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ihr zu, daß ich Gott um Heilung bat, damit Vater wieder arbeiten konnte, oder daß von anderer Seite Hilfe kommen sollte. Ich bat Gott ernstlich um Hilfe in dieser Notlage. Nur kurze Zeit später erhielt ich einen weiteren Brief. Mutter entschuldigte sich zunächst wegen ihres ersten Briefes, denn sie war stolz auf ihren Sohn, der sich entschlossen hatte, dem Ruf Gottes zu folgen, und sie wollte auf keinen Fall, daß ich nach Hause zurückkehrte. Gott hatte Vater vollständig geheilt, und er hatte jetzt eine bessere Arbeit als vorher. Einer meiner jüngeren Brüder fing auch an zu arbeiten und konnte die Familie jetzt unterstützen. Gepriesen sei Gott! Im Jahr zuvor, als ich noch in der Landwirtschaft arbeitete, konnte ich meiner Schwester Blanche einen Teil der Studiengebühren bezahlen, denn sie studierte ja schon in Beulah Heights. Nun waren wir beide gezwungen, nur aus Glauben zu leben. Manchmal wurde uns auf übernatürliche Weise geholfen, manchmal fand ich Teilzeitarbeit und konnte mit meinem Verdienst unsere Kosten decken. Manchmal schaufelte ich Kohle, und zwar jeden Tag für ein paar Stunden. Zu anderen Zeiten wartete ich Maschinen in einer Fabrik. Obwohl wir auf manches verzichten mußten, war der Herr treu und versorgte uns immer mit dem Nötigsten. Als wir 1920 unsere Ausbildung abschlossen, hatten wir keine finanziellen Verpflichtungen. Wir blieben niemanden etwas schuldig. Blanche hatte ihren Ruf in den Missionsdienst vor mir empfangen. Während eines Gebets für die Missionsarbeit, unter einer Gebetslast für die heidnischen Völker, sah sie eines Tages das Wort AFRIKA in feurigen Buchstaben. Obwohl auch ich eine besondere Last und Liebe zu den Schwarzen empfand, hoffte ich doch, daß ich in ein anderes Feld gerufen würde, weil Blanche bereits nach Afrika gehen sollte. Afrika wurde jedoch ebenfalls zu meiner eigenen Berufung und Leidenschaft. Am 26. März 1919, während eines Gebets an der Bibelschule, sah ich eine Vision, die ich jetzt aber nicht näher beschreiben möchte. Danach war ich jedoch felsenfest überzeugt, daß Gott mich irgendwo auf dem Schwarzen Kontinent als Missionar haben wollte. Den genauen Ort kannte ich


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noch nicht. Kurz nach dieser Vision hielt William Johnson, einer der ersten Missionare aus der Pfingstbewegung, der 1908 nach Liberia ging, Vorträge an der Bibelschule. Er erzählte von den vielen unerreichten Stämmen im Landesinneren und bat um kräftige junge Männer, die dieses von Malaria verseuchte Land durchstreifen und die damit verbundenen Härten ertragen konnten, denn damals war dieses Gebiet unter dem Namen „das Grab des weißen Mannes“ bekannt. Ich hatte den Herrn gebeten, mich in ein hartes Feld zu schicken, in das kein anderer gehen wollte. So antwortete mein Herz auf diese Herausforderung. Blanche hatte auch den Eindruck, daß der Herr sie nach Liberia senden wollte. In meinem zweiten Jahr an der Bibelschule begann Alfred N. Trotter mit seinem Studium dort. Er wurde ein guter Freund und war mir wie ein jüngerer Bruder. Alfreds Schwester Ruth, die als Lehrerin an einer Schule in Newark, New Jersey, arbeitete, kam oft zu Besuch. Ich lernte sie kennen und schätzte zunächst besonders die selbstgebackenen Plätzchen, die sie ihrem Bruder manchmal mitbrachte. Alfred war stets voll des Lobes über seine wundervolle Schwester, und es dauerte nicht lange, bis ich seine Meinung teilte. Sie war eine attraktive Frau, intelligent, lebhaft, tüchtig, und vor allem voller Liebe zum Herrn. Sie war die Leiterin der Jugendgruppe in ihrer Heimatgemeinde in Newark, deren Pastor E. S. Williams der spätere Vorstand der Assemblies of God war. Darüber hinaus mußte ich feststellen, daß diese herausragende junge Frau ebenfalls einen Ruf nach Liberia verspürte! Jedoch hatte zu diesem Zeitpunkt die Romantik in unserer gemeinsamen Planung keinen besonderen Stellenwert. Meine Ausbildung an der Bibelschule hatte nur ein Ziel, nämlich die Vorbereitung darauf, Gottes Berufung zu erfüllen, und jetzt mußte ich seinem Ruf folgen.

Die nächsten Schritte im Glauben Nachdem wir unsere Ausbildung an der Bibelschule abgeschlossen hatten, fuhren Blanche und ich zu einem kurzen Besuch nach Hause. Vater meinte, ich sollte vielleicht während des Som-


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mers in der Landwirtschaft arbeiten, um etwas Geld zu sparen. Aber ich zitierte Römer 11,29, und dort heißt es: „Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.“ Für mich bedeutete das, sobald wie möglich nach Afrika aufzubrechen und auf Gott zu vertrauen. Ich war bereit, eine Woche lang zu arbeiten. Dafür erhielt ich einen Lohn von 15 Dollar, die letzte Geldsumme, die ich für eine weltliche Tätigkeit erhielt. Natürlich habe ich als Prediger und Missionar viele Stunden mit harter Arbeit verbracht und Gemeinde- sowie Missionsgebäude gebaut, und zwar neben meinem eigentlichen Dienst. Blanche und ich wurden von einem früheren Studienkollegen aus der Bibelschule eingeladen, in Dollington im Bundesstaat New Jersey Versammlungen durchzuführen. Die Leute, die uns einluden, hatten keine finanziellen Mittel, um die Miete von einem Dollar pro Abend für den Versammlungsraum im Rathaus der kleinen Stadt aufzubringen, aber wir hatten den Eindruck, daß wir trotzdem auf eigene Kosten dorthin gehen sollten. Den ganzen Tag gingen wir in der Stadt umher und luden die Menschen zur Versammlung ein. Abends hielt ich eine Predigt und Blanche sang Lieder. Jeden Abend entschieden sich Menschen für die Errettung, auch die Mitglieder des Stadtrates, von denen wir das Gebäude gemietet hatten. Schließlich zahlten sie Blanche und mir den Mietpreis zurück und gaben uns auch noch eine Spende! Danach luden uns Freunde in Philadelphia ein, in einer Stadtmission zu predigen. Dann nahmen wir an Zeltversammlungen im Bundesstaat Pennsylvania teil. Wir erzählten von unserer Vision und unserer Last und erhielten zwar viele aufrichtig gemeinte Ermutigungen, aber wenig oder gar keine finanzielle Unterstützung. Blanche nahm die Einladung einer Freundin im Bundesstaat Ohio an, und ich in den Staat New York, um dort Versammlungen für meinen Freund Frank Finkenbinder durchzuführen. Dieser ging später als Missionar auf Lebenszeit nach Südamerika. Sein Sohn war der durch Funk und Fernsehen bekannt gewordene „Hermano Pablo“ Finkenbinder. Als ich Frank in Elmira im Staat New York verließ, stieg ich in den Zug nach New York City. Dort sollte ich mich wieder mit Blanche treffen. Aber Gott hatte andere Pläne für


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mich, von denen ich noch nichts wußte. Der Zug fuhr ein paar Stationen. Als er anhielt, sah ich das Schild „OWEGO, New York“. Eine innere Stimme sagte mir: „Steig aus!“ Irgendwie kam mir diese Idee seltsam vor, denn ich hatte doch einen Fahrschein nach New York gekauft. Was sollte ich in Owego? Ich kannte dort keinen Menschen. Außerdem hatte ich fast kein Geld mehr. Es nützte alles nichts. Die innere Stimme des Heiligen Geistes war klar und deutlich. Als der Schaffner rief „Alles einsteigen“ und das Trittbrett gerade hochklappte, nahm ich meinen Pappkoffer, der einen zweiten Hemdkragen und Socken enthielt, und verließ den Zug. Was nun? Ich ging zum Bahnhofsgebäude, und da sah ich ein Plakat mit einer Einladung zu einer Zeltversammlung der Pfingstgemeinde! Ein Mann war gerade dabei, Frachtgut auf einen Pferdewagen zu laden. Ich fragte ihn, ob er wisse, wo die Zeltversammlung stattfinde. Er bejahte und bot mir an, mich bis dorthin mitzunehmen. Ich nahm dieses freundliche Angebot an und erreichte den Versammlungsplatz kurze Zeit später. Dort befand sich eine regelrechte Zeltstadt. Als ich mich dem großen Versammlungszelt näherte, kam mir ein älterer, weißhaariger Herr entgegen. „Sind Sie Prediger?“ fragte er unvermittelt. „Nun ja … ich bin Missionar und möchte nach Afrika“, bekam ich schließlich heraus. Ich erzählte ihm, wie der Herr mich gedrängt hatte, in Owego auszusteigen, und als ich das Plakat sah, wußte ich, daß ich hierher kommen mußte. Er sagte daraufhin: „Gepriesen sei der Herr. Er hat unsere Gebete erhört! Unser Evangelist hat die Stimme verloren, und wir haben für einen Prediger gebetet. Wollen Sie heute abend die Predigt übernehmen?“ Ich merkte, daß diese Aufgabe für einen frischgebackenen Absolventen einer Bibelschule zu schwierig war, aber unter diesen Umständen wollte ich nicht ablehnen. Schließlich kam die Einladung von keinem Geringeren als Bruder F. S. Perkins, dem Vorsitzenden des Verbandes der Pfingstgemeinden in den Staaten New York und Pennsylvania. Die nächsten Stunden verbrachte ich im Gebet, und dann stand ich auf, um zu predigen. Das große Zelt war bis auf den letzten Platz besetzt, und draußen standen noch einmal


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genauso viele Menschen. Nach einer kurzen Ansprache, in der ich mich fast durch die ganze Bibel bewegte, rief ich die Zuhörer zur Entscheidung für Gott auf, und die Gänge füllten sich mit Menschen, die sich auf dem strohbedeckten Boden niederknieten. Ich weiß nicht, wie viele an diesem Abend gerettet, geheilt und mit dem Geist erfüllt wurden. Ich weiß nur noch, daß ich große Angst hatte. Nach dem Gottesdienst baten mich die Leiter der Zeltversammlung, am nächsten Abend wieder zu predigen, und ich sagte zu. Ich sprach an mehreren Abenden. Die Tage verbrachte ich im Gebet, abends predigte ich, und jeden Abend folgten viele suchende Menschen dem Aufruf, eine Entscheidung für Gott zu treffen. Ich begriff bald, warum der für die Versammlungen vorgesehen Evangelist die Stimme verloren hatte. Die Zeltstadt befand sich neben der größten Eisenbahnlinie (in dieser Zeit ein beliebter Versammlungsort der Pfingstbewegung), und alle fünf Minuten donnerte eine riesige Dampflokomotive mit einem Güterzug nach Buffalo über die Gleise. Da es keine Lautsprecheranlage gab, die gegen diesen Lärm ankommen konnte, konnte auch ich nach ein paar Tagen nur noch flüstern. Deshalb bereitete ich mich auf die Abreise vor. Aber mittlerweile kannten mich die lieben Menschen dort gut, und sie zeigten großes Interesse an meinem Vorhaben, nach Afrika zu gehen. Sie gaben mir nicht nur eine großzügige Spende, sondern teilten mir mit, daß sie Missionsgaben in Höhe von 500 Dollar auf der Bank hatten, weil sie darauf warteten, daß Gott den richtigen Empfänger vorbeischicken würde! Gott geht seltsame Wege, um seine Wunder zu vollbringen. Eine Auswirkung dieser Zeltversammlung bestand darin, daß der Verband der Pfingstgemeinden (Pentecostal Holiness Association) sich entschloß, Blanche und mich für unsere Zeit des Missionsdienstes in Afrika finanziell zu unterstützen. Später wurde diese Unterstützung erhöht, als wir beide heirateten. „Kleine Ursachen, große Wirkungen!“ Neben der finanziellen Unterstützung dieses Verbandes wurde unser Missionsdienst durch den Ostküsten-Rat der Assemblies of God bestätigt. Fünfundzwanzig Jahre später hatte ich die Gelegen-


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heit, das Empfehlungsschreiben von E. S. Williams zu lesen. Er schrieb an die Abteilung für Auslandsmission: „Der Bruder ist zwar jung, aber voller Eifer. Ich bin überzeugt, daß aus ihm ein guter Missionar wird.“ Im Herbst 1920 erteilten uns die Assemblies of God den Auftrag für das Missionsfeld. Seit dem Abschluß unserer Ausbildung an der Bibelschule im Frühjahr war viel geschehen. Wir hatten viele bereits tätige und zukünftige Missionare kennengelernt, und wir knüpften Kontakte zu Menschen, die uns mit Gebet und Spenden unterstützen wollten. Wir durften erleben, wie Gott für die Finanzierung unserer Reisekosten und Ausrüstung sorgte.

Alles zurücklassen Das wichtigste Ereignis für mich persönlich war meine Verlobung mit Ruth Trotter, und sie wartete auch im Hafen von New York, um von uns Abschied zu nehmen, als wir unsere Seereise nach Afrika begannen. Natürlich fiel Ruth und mir die Trennung schwer. Aber mehr als alles andere in der Welt wollten wir dem Willen Gottes gemäß leben, und wir beide wußten, daß der Ruf Gottes bei uns immer an erster Stelle stehen sollte. Ich sollte zuerst nach Liberia reisen, um dort eine Bleibe für uns vorzubereiten, und sie würde nachkommen, sobald ihr Lehrauftrag auslief. Ich kann sie noch immer sehen, wie wir uns unter Tränen zuwinkten, während das Schiff ablegte und langsam den Hudson hinunterfuhr. Wir fragten uns, ob wir uns jemals wiedersehen würden. Der Missionsdienst war gefährlich und voller Unsicherheiten, und ich hatte noch nicht einmal daran gedacht, die Summe für meine Rückreise aufzubringen. Meine Eltern waren auch nach New York gekommen, um Abschied zu nehmen. Sie opferten an einem einzigen Tag zwei Kinder für das Missionsfeld, aber es war ihnen eine Freude. Viele Male, in Zeiten schwerer Prüfungen in Afrika, spürten wir, wie ihre Gebete uns halfen. So verließen wir am 23. Oktober 1920 durch die Gnade Gottes und die Hilfe vieler lieber Freunde den Hafen von New York, an Bord des Schiffes S.S. Carmania von der Cunard-


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Linie. Unser Zielhafen war zunächst Liverpool in England. Von dort aus wollten wir ein Schiff nach Afrika nehmen. Die Reise dauerte zehn Tage. Einer der Höhepunkte während der Überfahrt bestand für Blanche und mich in den täglichen Gebetsgemeinschaften im Salon unseres Mitpassagiers Paul Rader. Er war Präsident der Christlichen Missionsallianz und zu der damaligen Zeit ein bedeutender Evangelist, in etwa vergleichbar mit Billy Graham. Noch lange danach hatten wir mit dem Ehepaar Rader Briefkontakt, als sie in vielen Teilen der Welt Missionsstationen besuchten. Unsere Eltern und Freunde gaben uns viele Briefumschläge mit, die wir an bestimmten Tagen unserer Überfahrt öffnen sollten. Als wir fünf Tage lang unterwegs waren, war mein dreiundzwanzigster Geburtstag, und ein Briefumschlag meiner Mutter enthielt ein Gedicht, das sie für diesen Anlaß verfaßt hatte. An diesen Tag war es für mich die wunderbarste Poesie, die ich jemals gelesen hatte.

Geburtstagsgrüße an Henry Gott schenke meinem Jungen an diesem Morgen einen frohen Geburtstag ohne Sorgen, denn er segelt auf dem weiten Meer und ist fern der Heimat und den Lieben dort. Auch wenn uns trennen die Gezeiten sollen dich unsere Gebete begleiten. denn unser himmlischer Vater wird dich leiten und dich bewahren in schweren Zeiten. Dieser Tag ruft in Erinnerung jenen Tag vor langer Zeit als du, ein kleines Baby, erblicktest das Licht der Wirklichkeit. Dreiundzwanzig Winter, kalt und voller Sorgen


Gott ruft in den Dienst und ebenso viele Sommer, die schön waren und warm, sind vergangen, seit jenem hellen Morgen an dem ich dich hielt im Arm. In der Kindheit schönen Tagen und der Jugend glücklichen Jahren warst du ein Trost der Mutter in Zeiten vieler Mühen und Plagen. Jetzt bist du auf dem weiten Meer, näherst dich Englands fernem Strand, um weiter noch zu segeln zur geöffneten Tür in Afrikas heißem Land.

Liberia heißt das Land, des weißen Mannes Grab genannt, das Land, das Jesus dir gab, um Seelen zu retten aus des Teufels Hand. Aber Er geht vor dir hinein, mit seinem Geist wirst du erfüllet sein. „Siehe, ich will immer bei euch sein“, dieses Versprechen löst Er ein.

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Das Grab des weißen Mannes Ich will dich unterweisen und lehren den Weg, den du gehen sollst; ich will dir raten, meine Augen über dir offenhalten. (Psalm 32,8) Am 1. November 1920 um drei Uhr nachmittags legte die S.S. Carmania im englischen Hafen Liverpool an. Wir wurden von einem Agenten der Spedition Edwards Brothers abgeholt und in eine gute Pension gebracht. Mit vor Staunen aufgerissenen Augen und zitternd vor Kälte in den schlecht geheizten Zimmern der Pension waren Blanche und ich bereits viele tausend Kilometer weiter weg von unserer Heimat als jemals zuvor. Wir befanden uns in England, dem Land unserer Vorväter, und warteten auf die Überfahrt auf einem weiteren Schiff, das uns noch mehrere tausend Kilometer weiter nach Westafrika bringen sollte. Als wir New York verließen, hatten wir noch keine Plätze für unsere Reise von Liverpool nach Cap Palmas in Liberia gebucht. Viele Schiffe waren während des Ersten Weltkrieges von den Deutschen versenkt worden, und deshalb war es schwierig, Fahrten nach Westafrika zu reservieren. Unsere Freunde hatten uns geraten, zu warten, bis die Buchungen bestätigt waren, bevor wir Amerika verließen, aber weil wir im Glauben vorangingen, wußten wir, daß der Gott, der uns nach Afrika gerufen hatte, uns vorangehen und den Weg bereiten würde. Unsere Namen standen auf der Warteliste einer Firma, die mit Frachtschiffen und manchmal auch Passagierschiffen nach Westafrika fuhr. Man sagte uns dort, daß es mindestens einen Monat dauern könnte, bevor für uns eine Überfahrt möglich wäre, und daß der genaue Zeitpunkt abhängig wäre von Stornierungen der Passagiere, die vor uns auf der Liste standen.


Gott ruft in den Dienst

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Nach mehr als drei langen Wochen Wartezeit, in denen wir in einer Mission der Pfingstgemeinde, die wir gefunden hatten, übernachteten, erfuhren wir von einer einzelnen Stornierung auf der S.S. Ekari, die am nächsten Morgen abfahren sollte. Ich sagte zu und verließ Liverpool am 24. November. Ein weiteres Schiff, die S.S. Boma, hatte eine Woche später einen Platz für Blanche und die Howards, ein Ehepaar im Missionsdienst, das ebenfalls auf eine Überfahrt nach Liberia wartete. Ich sollte in Monrovia, Liberia, an Land gehen und von dort aus auf der S.S. Boma weiterfahren (dort sollte dann ein weiterer Platz frei werden), um Cap Palmas zu erreichen. Aber als ich erfuhr, daß Monrovia wegen einer Pockenepidemie unter Quarantäne stand, verließ ich das Schiff vorzeitig in Freetown, Sierra Leone. Ich verbrachte dort eine Woche bei Missionaren und hatte zum ersten Mal die Gelegenheit, vor einer Gruppe von Afrikanern zu predigen. Ein paar Tage später schloß ich mich Blanche und dem Ehepaar Howard auf der Boma an, mit Zielhafen Cap Palmas.

Ein kurzer Überblick über die Geschichte von Liberia Im Jahr 1817 wurde in den Vereinigten Staaten die Amerikanische Kolonisierungsgesellschaft gegründet, und 1822 erreichte ihre erste Expedition mit befreiten Sklaven die Insel Providence vor der Küste von Liberia. Seit dieser Zeit haben befreite Sklaven oder ihre Nachkommen in kleinen Gruppen den Atlantik überquert, um sich an der Küste von Liberia anzusiedeln. Ein weißer Pastor aus Amerika, der im Auftrag der Kolonisierungsgesellschaft in die neu gegründete Siedlung reiste, um dort beim Aufbau zu helfen, erfand den Namen „Liberia“, der „Freiheit“ bedeutet. Von den Eingeborenen wurde Land gekauft, und es entstand die Stadt Monrovia, benannt nach dem amerikanischen Präsidenten Monroe. Nach dem Vorbild von England, das seine Soldaten


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Erst töten wir euch …

ermächtigte, Sklavenschiffe zu entern und die Sklaven in Freetown, Sierra Leone, freizulassen, war die amerikanische Marine ermächtigt, Sklavenschiffe auf hoher See zu beschlagnahmen und die Gefangenen in Liberia auf freien Fuß zu setzen. Das neue Gemeinwesen litt unter Hunger und Krankheiten, und viele der ersten Siedler starben, aber allmählich wuchs ihre Zahl. Nach einer Schätzung aus dem Jahr 1973 lebten noch immer etwa zwölf- oder fünfzehntausend aus Amerika stammende Liberianer entlang der Küste. Die Stämme im Landesinneren zählten wohl eine Million Angehörige, aber es wurde niemals eine genaue Zählung durchgeführt. Die Unabhängigkeit des Staates Liberia wurde 1862 anerkannt, aber die Regierung hatte viele Schwierigkeiten mit der Wirtschaft des Landes und den Eingeborenenstämmen im Landesinneren.

Missionsdienste in Liberia Viele Jahre war Liberia unter dem Beinamen „das Grab des weißen Mannes“ bekannt, und zwar wegen seines äußerst ungesunden Klimas. Die Todesrate unter Missionaren war so hoch, daß einige Missionsgesellschaften sich entschlossen, sich ganz aus dem Land zurückzuziehen. Sie glaubten, es sei unmöglich, dort das Evangelium zu verkünden. So starben von neunundsiebzig Missionaren, die von einer Missionsgesellschaft in London vor 1830 nach Liberia gesandt wurden, vierundvierzig im ersten Jahr ihres Dienstes an Fieber. Von fünfundsiebzig von der Missionsgesellschaft der Presbyterianischen Gemeinde in Amerika ausgesandten Missionaren starben einunddreißig nach sehr kurzem Aufenthalt im Land, und viele kehrten krank nach Hause zurück. Von einer großen Gruppe methodistischer Missionare, die 1895 unter der Leitung von Bischof Taylor ins Land kam, überlebte nur Fräulein Jessie Arms eine Fieberepidemie. Im Jahr 1900


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