Wenn warten sich lohnt
Gerhard Bially
Wenn Warten sich lohnt
2
Wenn Warten sich lohnt
Wenn warten sich lohnt
Wenn Warten sich lohnt ERWECKUNG IN PENSACOLA
3
Wenn warten sich lohnt
Die deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Bially, Gerhard: Wenn Warten sich lohnt – Erweckung in Pensacola/ Gerhard Bially 1. Aufl. – Lüdenscheid : ASAPH, 1997 ISBN 3-931025-20-9
Copyright © 1997 CHARISMA-Verlag, D-Düsseldorf 1. Auflage 1997 Umschlaggestaltung: IMAGE Grafik-Design GmbH, D-Landsberg Coverfotos: Dietrich Ebeling / Cathy Wood Druck: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum ISBN: 3-931025-20-9 Best.-Nr.: 147520 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik usw. schreiben Sie bitte an:
ASAPH D-58478 Lüdenscheid
Wenn warten sich lohnt
6
Wenn warten sich lohnt
INHALT Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 008 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 012 Kapitel 1 Ich will Gott begegnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 013 Exkurs: Interview mit deutschen Pastoren . . . . . . . . . . 019 Kapitel 2 Mit Christus gekreuzigt, gestorben und auferstanden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 024 Exkurs: Die Woche in der Brownsville AoG-Gemeinde 031 Kapitel 3 Wie alles begann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 034 Engelerscheinungen bei Nacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 034 Mein Haus soll ein Haus des Gebets heißen . . . . . . . . . 036 Eucharistie und priesterlicher Segen . . . . . . . . . . . . . . . 038 Der historische 18. Juni 1995 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 040 Die ersten Wochen und Monate der Erweckung . . . . . 047 Exkurs: Der geistliche Kuss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 058 Kapitel 4 Auswirkungen und Ausmaße der Erweckung . . . . . . 061 Neunmonatiges Jubiläum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 061 Exkurs: Der Musikpastor Lindell Cooley . . . . . . . . . . . 065 Ostern 1996 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 067 Blindenstock-Religion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 070 Einjähriges Erweckungsjubiläum . . . . . . . . . . . . . . . . . 072 Geistliche Kampfführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 076 Jahresrückblick von Michael Brown . . . . . . . . . . . . . . . 078 Kapitel 5 Historische, soziologische und theologische Wurzeln 085 Zur Geschichte Pensacolas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 086 Prophezeihungen über Pensacola und seine Erweckung 088 Der theologische und soziologische Nährboden für “Revivals” . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 091 Exkurs: Das Cane Ridge-Camp Meeting . . . . . . . . . . . 093 Die deutsche Mentalität – Maßstab aller Dinge? . . . . . 098 Europäischer Einfluss auf die Erweckung . . . . . . . . . . 100
Wenn warten sich lohnt
7
Kapitel 6 Die Brownsville Revival School of Ministry . . . . . . . 106 Exkurs: Michael Brown nimmt Stellung zur Erweckung . . . . . . 119 Kapitel 7 Eine neue „Azusa Street“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Von Brownsville zur Pensacola-Erweckung und darüber hinaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Kette der Gnade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Auswirkungen in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Ein persönliches Wort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Epilog Jesus krempelte unsere Familie um . . . . . . . . . . . . . . 143 Anhang 1 Fragen an Steve Hill und John Kilpatrick . . . . . . . . 150 Anhang 2 Pressereaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166 Anhang 3 Kontaktadressen, Tips, Empfehlungen, Wissenswertes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186
8
Wenn Warten sich lohnt
VORWORT Mehr als zwei Jahre hält der geistliche Aufbruch in Pensacola, Florida, inzwischen an. Das ist eine beträchtliche Zeit für ein derartiges Geschehen. Was in der nordwestlichen Ecke Floridas geschieht, hat christliche und säkulare Medien beschäftigt, Besucherheere aus nahezu der gesamten Welt angezogen und viele Menschen mit Hoffnung erfüllt. Es ist an der Zeit, deutschen Lesern einen ausführlichen Einblick in Vorgänge, Hintergründe und Auswirkungen der Brownsville Revival zu geben. Gerhard Bially, dem wir die vorliegende Publikation verdanken, hat als Herausgeber der Zeitschrift Charisma seit mehr als 20 Jahren bewiesen, dass er einfühlsam, fair und interessant über neue geistliche Strömungen innerhalb des pfingstlich-charismatischen Aufbruchs zu berichten weiß. Diese offensichtliche Begabung, aber auch die inzwischen gesammelte journalistische Erfahrung, kommen dem Buch zugute. Wie immer in der Begegnung mit noch so geistlichen Phänomenen sind differenzierte Urteile „erlaubt“. Man muss nicht „alles übernehmen“. Wer begründete Einwände gegenüber der Theologie, dem Verkündigungsstil oder bestimmten Frömmigkeitspraktiken des Pensacola-Aufbruchs erhebt, kann damit doch ein klares Ja zu den geistlichen Anliegen der Brownsviller Pfingstgemeinde verbinden. Wieder einmal geht es nicht darum, zu kopieren, sondern zu kapieren. Die entscheidende Frage lautet schließlich: Ist Gott hier am Werk? Falls ja, ist es wichtig, seine Souveränität wirklich zu achten. Jeder von uns hat ja eigene „gute Ideen“, wie Dinge sich gestalten könnten. Häufig fordert uns Gott aber dadurch heraus, dass er uns sein Wirken in einer Gestalt erleben lässt, die uns zunächst fremd ist. Ich selbst habe die Gemeinde in Florida bisher – zusammen mit Leitern meiner Hamburger Kirche – zweimal besucht. Ich hatte gehört, dort gebe es „Erweckung“. Da mich dieses Thema seit etwa 1983 geradezu verfolgt, alarmierten mich die ersten Nachrichten, die ich las. Mich faszinierte, dass „Erweckung“ nicht irgendwo in der Dritten Welt, sondern in dem wohlhabenden Florida geschehen sein sollte – also in einer Kultur, die unserer zumindest ähnlich ist. Es brauchte also nicht erst den politischen, sozialen oder finanziellen Bankrott eines Landes, damit dort Erweckung geschehen konnte? Da musste ich hin – und zwar sobald wie möglich. Bei meinem ersten Besuch brauchte ich mehrere Tage, um mir ein eigenes Bild machen zu können. Auf Anhieb erschien mir alles, was ich sah, recht normal. Ich erlebte einen hinreißenden, sehr professionell gestalteten Lob-
Vorwort
9
preis, Evangelisationsveranstaltungen, bei denen auffällig viele Menschen dem Altarruf Folge leisteten, eine Art christlichen Massentourismus. Erlaubten diese Fakten schon, von Erweckung zu reden? Hier bot es sich an, nach den Erkennungsmerkmalen von Erweckungen zu fragen, wie wir sie aus den letzten Jahrhunderten kennen. Schließlich konnte ich mich dem Eindruck nicht entziehen, dass ich es mit einer Erweckung im klassischen Sinne zu tun hatte. Aus meiner Sicht sprechen dafür folgende Faktoren: Erstens: In Brownsville werden die Akzente der Verkündigung so gesetzt, wie man es aus den klassischen Erweckungen gewöhnt ist. Es geht nicht um eine Bedürfnisbefriedigung der Gläubigen oder Ungläubigen, nicht um unser privates oder gemeinschaftliches Glück, sondern um die Heiligkeit Gottes, um Buße, um die Liebe zu den „Verlorenen“. Zweitens: Brownsville ist so etwas wie ein heiliger Ort. Ich meine damit: Die Gegenwart Gottes wird von Tausenden als sehr machtvoll erlebt. Manchmal sagen Außenstehende, die etwas Derartiges hören: „Gott lässt sich überall erfahren, deshalb ist es ein Irrweg, an ,heilige Orte‘ zu pilgern.“ Das ist theologisch absolut richtig. Die Gemeinschaft mit Gott ist von nichts anderem abhängig als von Jesus Christus, sie ist ganz und gar unabhängig von bestimmten Lokalitäten. Zu tieferen Begegnungen mit Gott kommt es allerdings an „Orten des Segens“ häufiger und leichter als an anderen. Dafür sprechen jahrhundertealte Erfahrungen vieler Gläubiger. Drittens: In Brownsville scheinen sich die Veränderungsprozesse von Menschen vom Augenblick ihrer Bekehrung an tiefer und schneller zu vollziehen als zur Zeit üblich. Dieses Phänomen ist aus Erweckungszeiten bekannt. Viertens: In Brownsville bringen weit mehr Menschen ihr Verhältnis zu Gott in Ordnung als in „normalen“ Zeiten der Verkündigung. Mit anderen Worten: die „Bekehrungsrate“ ist, wie in Erweckungen üblich, auffällig hoch. Fünftens: Menschen lassen sich in Brownsville, wie in den klassischen Erweckungen, entzünden und tragen das geistliche Feuer in ihre Heimat zurück. Das heißt: dieser Aufbruch strahlt in die Weite aus. Sechstens: Der Aufbruch in Brownsville verändert, wie in den klassischen Erweckungen, das soziale Umfeld. Dies reicht bis hin zu einer drastischen Senkung der Kriminalitätsrate im Raum Pensacola.
10
Wenn Warten sich lohnt
Siebtens: Wie in klassischen Erweckungen herrscht unter den Verantwortlichen dieses Aufbruchs keine Haltung der Selbstzufriedenheit, sondern ein spürbarer geistlicher Hunger nach „mehr“ von Gott. Noch etwas ist m. E. zu bedenken: Nordamerika hat über Jahrzehnte hin Trends gesetzt. Das galt in mancher Hinsicht auch für den geistlichen Bereich. Natürlich unterscheidet sich die Mentalität der Amerikaner von unserer. Ich persönlich bedaure es nicht, Europäer zu sein. Aber es war immer gut, die Neue Welt nicht aus dem Blick zu verlieren, sondern aufmerksam zu verfolgen, was sich dort tut. Wir sollten nicht vergessen, dass die Wurzeln der Pfingstbewegung, der Charismatischen Bewegung, der Jesus People-Bewegung, der VineyardBewegung und der Promise Keeper-Bewegung (um nur ein paar Beispiele zu nennen) in den Vereinigten Staaten liegen. Mehr oder weniger wirkten und wirken sie sich dann auch bei uns aus. Es hat den Anschein, als bahne sich zur Zeit in den Vereinigten Staaten wieder etwas Neues an. Viele Amerikaner haben offenbar genug von einer selbstbezogenen Wohlfühlfrömmigkeit. Bereits ehe ich von Brownsville hörte, wurde von einer starken Bußbewegung an einigen Colleges berichtet. Der immer noch dynamische Gründer der Campus-für-Christus-Bewegung, Bill Bright, schrieb vor einiger Zeit ein Buch über eine kommende Erweckung in Amerika, das inzwischen auch ins Deutsche übersetzt ist. Zwischen diesen beiden Ereignissen und dem, was die Brownsviller Pfingstgemeinde erlebt, besteht keinerlei äußerer Zusammenhang. Klar ist nur, dass es insgesamt um neue Akzente geht. Das Thema von morgen in den USA heißt Erweckung. Gefragt ist ein kompromissloser Glaube, der sich wirklich in den Dienst Gottes stellt. Die Ausstrahlung von Brownsville auf ganz Nordamerika ist schon heute offensichtlich. Ich gehe davon aus, dass die neuen Akzente zunehmend geistliche Leiter und Gemeinden in Deutschland beschäftigen werden. Mit dem eben Gesagten möchte ich nicht empfehlen, dass wir uns wieder einmal unkritisch einem neuen Trend überlassen. Dass etwas von den USA zu uns herüberschwappt, ist ja zunächst noch kein Grund, es auch gut zu finden. Zu oft schon sind wir geistlichen Moden gefolgt, ohne sie zunächst einmal sorgfältig geprüft zu haben. In diesem Fall bin ich mir allerdings sicher: die Christenheit in der westlichen Welt braucht die geistlichen Akzente, die Brownsville setzt. Fänden wir sie nicht dort, so müssten andere sie setzen.
Vorwort
11
Damit bin ich bei der geistlichen Situation unseres Landes. Wenn ich an Deutschland denke, muss ich realistischerweise konstatieren, dass ein jahrzehntelanger kirchlicher Einsatz die wachsende Verweltlichung der Nation nicht aufgehalten hat, ja, dass die Bundesrepublik, international gesehen, zu den geistlichen Schlusslichtern gehört. Daran haben weder die alten Kirchen noch die Freikirchen oder die Gemeindeneugründungen, daran haben weder die klassischen Evangelikalen noch die „charismatischen“ Bewegungen, daran haben weder unsere Kongresse noch unsere Glaubensproklamationen, daran haben weder US-amerikanische noch deutsche Gemeindeaufbau-Konzepte etwas Wesentliches geändert. Selbst in Indien gibt es heute mehr wiedergeborene Christen als hierzulande. Wir haben die Wahl: Entweder arbeiten wir mit Kreativität, notwendigem Gemeindewachstums-Know-how (wir brauchen dies wirklich), eisernem Fleiß und aufrichtigem Interesse an den Außenstehenden auf dem geistlichen Niveau weiter, auf dem wir uns in den letzten 10 Jahren bewegt haben – dann werden wir, unter günstigsten Bedingungen, in 30 bis 50 Jahren 10 bis 15 % wiedergeborene Christen in unserem Land haben und Millionen werden so weiterhin niemals von dem lebendigen Christus erfahren – oder wir strecken uns aus nach der geistlichen Lebensqualität, ohne die es keinen nationalen Aufbruch des Glaubens geben wird. Dann können wir bereits innerhalb des nächsten Jahrzehnts eine radikale Veränderung des geistlichen Klimas in diesem Land erwarten. Für mich persönlich ist klar: Gemessen an dem, was notwendig wäre, sind wir mit unserem Latein am Ende, auch wenn uns das Eingeständnis unseres Scheiterns äußerst schwer fällt. „Erweckung“ bedeutet für mich die Rückgewinnung einer neutestamentlichen Qualität von Christsein. Inzwischen gibt es eine Annäherung an diese Qualität in zahlreichen Ländern der Erde. Die Ausstrahlung von erweckten Christen auf ihr Umfeld führt regelmäßig zu einem dramatischen Anstieg der Zahl neuer Christen. Deshalb tun wir gut daran, bei ihnen zu lernen: nicht neue Methoden, sondern vor allem geistliche Radikalität, heiße Liebe zu den Verlorenen, leidenschaftliches Gebet. In Brownsville begegnen wir jener Dynamik, die ein Land verändern kann. Der Zugang zu ihr steht allen Christen offen.
Wolfram Kopfermann
12
Wenn Warten sich lohnt
S
eit dem 18. Juni 1995 hören die Erweckungsversammlungen im Stadtteil Brownsville von Pensacola (Florida) nicht auf. Kinder haben Visionen von Jesus. Drogenabhängige, Prostituierte und Zuhälter, Hausfrauen, Studenten und Geschäftsleute finden ein neues Leben in Christus. Die Kriminalitätsrate ist im gesamten Landkreis um 13% gesunken. Ob Fabrikarbeiter oder Großindustrieller, ob arbeitsloser Schulaussteiger oder Professor, sie alle liegen nebeneinander auf den Knien und flehen um Gottes Gnade und Erbarmen. Bereits mehr als 100.000 Menschen haben in den Gottesdiensten der Brownsville Assembly of God-Gemeinde erstmalig ihr Leben Gott anvertraut oder sind wie der verlorene Sohn (Lukas 15) zum Vater zurückgekehrt.
Wenn immer Charity James das Lied vom Gnadenthron Gottes singt, gehen, laufen, ja rennen Hunderte von Menschen „zum Altar Gottes“, um ihr Leben Jesus Christus zu weihen
13 Wenn warten sich lohnt
Kapitel 1 Ich will Gott begegnen „Seit 2.30 Uhr heute nacht bin ich hier und warte auf den nächsten Gottesdienst um 19.00 Uhr“, erzählt mir Sky am 31. Januar 1997 um die Mittagszeit. „Gestern fuhr ich nach der Erweckungsversammlung nur kurz etwas essen, und dann habe ich mich gleich wieder angestellt.“ Obwohl die Januarnächte selbst in Florida recht kalt sein können, macht es ihm nichts aus, im Freien zu übernachten. Bevor er sein Musikstudium beginnt, will er noch eine mächtige evangelistische Salbung empfangen. Denn schließlich möchte er Menschen durch Lobpreis, Anbetung und die Verkündigung in Wort und Musik zum Herrn zu führen.
Links im Bild Sky. An diesem Schild stellen die ersten Besucher ihre Stühle auf. Viele stehen jedoch auch stundenlang oder setzen sich zwischendurch auf den Sandboden
Einige Frauen haben die Nacht im Auto auf dem Parkplatz der Gemeinde verbracht, ihre Stühle jedoch auch schon an der Spitze der Warteschlange aufgestellt. Sky war so nett und hat darauf aufgepasst. Während der Nacht und am frühen Morgen stoßen immer mehr Besucher dazu. Sie alle sind getrieben von dem Verlangen, „Gott zu begegnen“. Wenn die umliegenden Be-
14
Wenn Warten sich lohnt
wohner morgens zur Arbeit oder zur Schule fahren, sehen sie bereits eine große Menschentraube vor der Kirche warten.
„Bitte hier die Warteschlange beginnen. Eine Stunde vor dem Gottesdienst wird geöffnet. Gottesdienstzeiten: Mittwoch bis Freitag 19.00 Uhr, Samstag 18.00 Uhr. An Sonntagen: 10.00 Uhr“ 16½ Stunden wartet die junge Pastorenfrau aus Kanada (rechts, sitzend), um an einem Gottesdienst teilzunehmen
GOTT BEGEGNEN Seit alters her ist es der Wunsch der Menschen, Gott zu begegnen, ihren Schöpfer kennenzulernen. Wahrscheinlich verhält es sich ähnlich wie bei einem Kind, das nicht weiß, wer sein Vater ist. Irgendwann wird die Sehnsucht in dem Mädchen oder in dem Jungen so stark, dass niemand und nichts sie aufhalten kann, den Vater zu suchen. Seit wir Menschen die enge Gemeinschaft mit Gott, wie sie uns auf den ersten Seiten der Bibel beschrieben wird, verloren haben, ist eine Leere in unserem Inneren entstanden. Der frühere Philosoph und spätere Kirchenvater Augustin (354-430) bekennt aus eigener Erfahrung: „Ruhelos ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“ Immer wieder haben Menschen, die vorher nicht einmal wussten, ob es Gott überhaupt gibt, eine Erfahrung gemacht wie der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal, der die Gegenwart Gottes so stark erlebte, dass er nur noch bruchstückhaft niederschreiben konnte: Jahr der Gnade 1654. Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht: FEUER – ,Gott Abrahams, Gott
Ich will Gott begegnen
15
Isaaks, Gott Jakobs‘, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden; Freude, Friede, Gott Jesu Christ … Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude.1 Es wird berichtet, dass Pascal diesen Zettel fortan eingenäht in seinen Mantel mit sich getragen habe. Andere, die vorher schon in gewisser Weise fromm waren, aber Gott „nur vom Hörensagen“ kannten, wie Hiob es ausdrückte, bezeugten, nachdem sie „Gott begegnet“ waren: Nun hat mein Auge ihn gesehn (Hiob 42,5). Gott zu begegnen war auch der Wunsch der sogenannten Mystiker und Mystikerinnen aller Jahrhunderte.2 Denn das genau versteht man unter Mystik: in das Geheimnisvolle, in das größte Geheimnis, das Gott selbst ist, hineingenommen zu werden – seine Gegenwart zu erfahren, ihn in der Seele zu berühren, von ihm angesprochen und geliebt zu werden. Dieses Verlangen ist so alt wie die Menschheit. Die Bibel beschreibt diese Sehnsucht an vielen Stellen, so zum Beispiel in Jesaja 26,8: Nach deinem Namen und nach deinem Lobpreis geht das Verlangen der Seele. Und in den Psalmen: Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Meine Seele dürstet nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen. Denn deine Güte ist besser als Leben … (Ps 63,2-4). Und an anderer Stelle: Es sehnt sich, ja, es schmachtet meine Seele nach den Vorhöfen des HERRN, mein Herz und mein Leib, sie jauchzen dem lebendigen Gott entgegen (Ps 84,3). Genauso sehnt sich der, der dieses Verlangen in die Seele gelegt hat, nach seinen Geschöpfen und lädt uns ein: Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, so werde ich mich von euch finden lassen (Jeremia 29,13.14). Im Neuen Testament wird uns deutlich gemacht, dass wir sogar so eng mit Gott verbunden sein können, dass er (Vater, Sohn und Heiliger Geist) quasi in uns lebt (Joh 1,12.13; 14,16.17.20.23; 15,7; 17,23; Apg 2,4; 4,8.31; 7,55; 8,17; 9,17; 17,28; Röm 8,9-11; 1 Kor 6,17.19; 12,411; 2 Kor 5,17; Gal 2,20; 4,6.7; Eph 2,13-22; Phil 1,21; Kol 1,24-27; 2,913; 3,1.3; 1 Thess 5,10; 2 Tim 1,7; 1 Petr 4,14; 2 Petr 1,4; 1 Joh 4,12-16; 2 Joh 9; Offb 3,20).
Ich komme ins Gespräch mit einer Frau, die mir sagt, dass manche von ihnen bereits seit 5.00 Uhr morgens hier warten. Drei weitere Damen aus dem Nachbarstaat Alabama sitzen zusammen über dem Wort Gottes. Letzten August waren sie schon einmal hier. Es war so wunderbar, dass sie unbedingt wiederkommen wollten. Ob es denn wirklich notwendig sei, so viele Stunden zu warten, frage ich nach. Wenn man im eigentlichen Gottesdienstsaal (sanctuary) sitzen möchte, dann geht es nicht anders, meinen die Besucherinnen.
16
Wenn Warten sich lohnt
Und wer fährt schon gern nahezu 2.000 Kilometer wie Scott Gregory und James McCarmac aus New Mexiko, um dann nur eine Gottesdienstübertragung per Video in der früheren Kapelle oder der Cafeteria mitzuerleben? Übrigens, Scott hat durch seinen Freund James von Pensacola erfahren, und James hat es wiederum von einigen Familien gehört, deren Leben durch die Erweckung in Pensacola dramatisch verändert wurde. Beide wollen Gott mehr erleben und sind gespannt, was das konkret für sie bedeutet. Ganz anders Frau Cook aus Mississippi, die gar nicht weiß, warum sie gekommen ist. „Ich werde es schon noch herausfinden, wenn ich drinnen bin“, meint sie. Oder Pamela, die, wie sie sagt, nur aus Neugierde gekommen ist. Ein Pastor aus dem konservativen Ohio, dem sogenannten Midwest, ist mit einer ganzen Anzahl von Gemeindegliedern angereist. Was er über die Erweckung in Pensacola gelesen und gehört hat, hat ihn „hungrig“ gemacht. Hungry for God, hungrig nach Gott, ist ein Terminus, der hier immer wieder zu hören ist. Gemeint ist das Verlangen, „Gott zu begegnen“.
Die wartende Menschenschlange
Wenn die geduldig Wartenden nicht gerade fasten, kann es vor der Kirche zu ganz lustigen Picknickszenen kommen. Hier und da werden Vorräte geteilt wie einst bei den urchristlichen Agapefeiern. Und was man bei einem Liebesmahl in der Urgemeinde noch nicht kannte, das holt mancher Weitgereiste aus seinem Kofferraum: einen Gaskocher. Sanitäre Anlagen können in einem Seitengebäude der Gemeinde genutzt werden. Die Stunden vergehen mit
Ich will Gott begegnen
17
Unterhaltung, Singen, Bibellesen und Beten. „Sind Sie Christ? Sind Sie errettet und mit dem Heiligen Geist erfüllt?“, fragt mich eine Frau. Auch das ist typisch für „Brownsville“.
Den ganzen Tag über warten von weither Angereiste vor dem Gebäude der Brownsville Assembly of God-Gemeinde auf Einlass und verköstigen sich dabei. Eine neue Form urchristlicher Agapefeiern?
Mit dem Gaskocher zur Erweckungsversammlung
18
Wenn Warten sich lohnt
Um die Mittagszeit treffen bereits die ersten Busse ein. Ein Busfahrer erzählt mir, dass er jetzt bis nachts 1.00 Uhr warten muss. Dann erst geht die Fahrt zurück. Ich werde dabei an die Heilungsgottesdienste von Kathryn Kuhlman in den frühen 70er Jahren erinnert. Damals gab es ähnliche Wartezeiten und gläubige wie ungläubige beziehungsweise suchende Menschen kamen von weither mit dem PKW, in Bussen oder per Flugzeug angereist. Überhaupt erinnert vieles an die späten 60er und frühen 70er Jahre der Jesus-People-Zeit: die Autoaufkleber, die T-Shirts mit christlichen Motiven, der aggressive Missionsstil verbunden mit einer echten „Retterliebe“. Klare Konturen von heiß und kalt, wie es Offenbarung Kapitel 3 fordert, kein lauwarmes Christentum. Und damit verbunden eine Naherwartung der Wiederkunft Christi, wie sie fast jeder Erweckungsbewegung zu eigen ist. Mitglieder und Mitarbeiter der Brownsville Assembly of God-Gemeinde sind gern bereit, große Opfer zu bringen – aus Liebe zu Jesus und aus dem Wunsch, dass viele Menschen, die „hungrig nach Gott“ sind, „ihm begegnen“. Wenn schon Auswärtige stundenlang in kalten Nächten oder in strömendem Regen ausharren (wie es Pastor Bernd Ewert aus Frankfurt/Main im Februar 1997 erlebte), um diese erweckte Gemeinde besuchen zu können, so wollen sie als Mitglieder ihr Letztes geben – an Kraft, an Zeit, an Ressourcen – damit die „Geistesausgießung von Pensacola“ landesweite, wenn nicht sogar weltweite Auswirkungen nach sich zieht. So hat es David Yonggi Cho 1991 vorausgesehen, und so erwarten es Pastor Kilpatrick, Evangelist Hill und die anderen Leiter der Brownsville-Erweckungsversammlungen. Zeigte schon die Toronto-Airport-Gemeinde, die seit Jahresbeginn 1994 einen geistlichen Aufbruch erlebt, der als „Erfrischung“ und Vorbereitung für Erweckung verstanden wurde, einen vorbildlichen Einsatz und eine große Hingabe, indem sie Besuchern aus der ganzen Welt besonders durch segnendes Gebet diente und dies immer noch fortführt, so ist der Besucherstrom in Brownsvolle um ein Vielfaches größer als in Toronto. Es erfordert besonders viel Gnade, damit nicht nur geistlich, sondern auch körperlich und emotional sowie organisatorisch und last not least räumlich zurechtzukommen. Ich möchte Sie einladen, einen Freitagabend in Brownsville mitzuerleben.
Ich will Gott begegnen
S
elbst aus Deutschland sind Pastoren und Gemeindeglieder nach Pensacola gekommen. Ihre Beweggründe, ihre ersten Eindrücke und ihre Hoffnungen schildern einige von ihnen im Gespräch mit dem Autor.3
Stefan Rubertus ist Jugendpastor in der Urchristlichen Gemeinde Siegen. Gemeinsam mit den Gemeindepastoren Helmut Niesenhaus und Dietrich Ebeling und weiteren Gemeindegliedern ist er für eine Woche nach Pensacola gereist. Die ersten Informationen über die Erweckung in Pensacola erhielt er über das Internet.
Gerhard Bially: Was hat euch der Aufenthalt hier bisher gebracht? Stefan Rubertus: Zunächst sind wir sehr beeindruckt von dem Geist des Gebets. Wir verspüren eine wirkliche Tiefe, Freiheit und Echtheit, wie wir es selten erlebt haben. Heute Mittag beim Fürbitteseminar zum Beispiel empfand ich die Kombination von Lobpreis und Fürbitte als genial und richtungsweisend. Darüber hinaus ist die Atmosphäre der Gegenwart Gottes sehr stark zu spüren, für die ich mich einfach bewusst öffnen möchte, um das, was Gott in meinem Leben tun will, nicht zu verpassen. Hier zu sein ist auf jeden Fall eine starke Ermutigung im Blick auf das, was Gott tun kann. Wenn ich täglich Hunderte von Menschen nach vorne laufen sehe, dann wird mir neu bewusst, wie real Gott in den Herzen der Menschen wirkt. Vergleichbares habe ich bisher noch nicht erlebt. Uwe Maurischat ist Hauptpastor an der Elim-Gemeinde in Hamburg, einer der ältesten und größten Pfingstgemeinden in Deutschland. Er ist mit drei weiteren befreundeten Pastoren und einem Mitarbeiter aus seiner Gemeinde nach Pensacola gekommen. Warum? Uwe Maurischat: Vor einigen Monaten haben wir schon von diesem Aufbruch in Pensacola gehört. In der letzten Zeit verdichteten sich die Berichte. Wir haben eine E-Mail erhalten von den neuesten Ereignissen. Das hat mich so bewegt, dass ich davon in der Gemeinde erzählt habe. Mehr und mehr wuchs das Verlangen bei uns, das einmal direkt mitzuerleben. In der ganzen Gemeinde ist eine Erwartung, dass Gott in diesem Jahr etwas unter uns tun wird. Knut Lindemann, Gemeindeleiter des „Christus-Center Niederrhein“, einer jungen Gemeinde in Geldern, sieht „eine echte Führung“ darin, dass er hier dabeisein darf. Knut Lindemann: Ich bin nicht im Vollzeitdienst, sondern stehe noch im Berufsleben. Meine Frau wird morgen früh operiert. Trotzdem hatte sie
19
20
Wenn Warten sich lohnt ein totales „Ja“ , dass ich hierhin fahre, weil wir hungrig und durstig sind. Wir spüren und sehen, dass dort, wo der Herr uns hingestellt hat, hinter den Fassaden der Häuser eine solche Not herrscht. Trotzdem konnten wir bisher wenig Einfluss auf das Agieren der „anderen Seite“ nehmen. Wir haben Hunger und Durst, dass wir ein Stück dieser Bewegung Gottes, diesem Erweckungsgeist nahekommen, wo Menschen sich bekehren und Heiligung erfahren. Wir haben ein Verlangen, das mitzubringen in die Gegend, wo wir hingestellt sind, und wir wünschen uns das für ganz Deutschland. Wenn man hört, dass die Straftaten hier um 14 bis 16% abgenommen haben, dann ist das gewaltig. Wir brauchen einfach mehr souveränes Wirken Gottes, sonst sind wir aufgeschmissen. Günter Strunk, Pastor der Freien Christengemeinde Osnabrück, die erst vor wenigen Monaten einen riesigen Gebäudekomplex von der Bundeswehr übernehmen konnte. Günter Strunk: Was uns allen auffiel, war, dass der Flug und unsere Reise hier nach Pensacola bei jedem eine ganz persönliche Vorgeschichte hatte: Uwe hatte sich mit den Artikeln auseinandergesetzt, Knut wurde eingeladen, und es hat geklappt mit dem Urlaub, Johannes hat eigentlich als erster den Vorschlag gemacht, nach Pensacola zu fliegen. Ich wollte ursprünglich noch mal nach Toronto. Mich interessiert am meisten die Kombination von Aufruf zur Buße, Bekehrungen, Geisteswirken, Geistesfreiheit und Geisteserfahrungen. Diese Kombination ist meines Erachtens auch übertragbar auf Deutschland. Der schon erwähnte Johannes Hepp ist Leiter der Christuskirche in Schneverdingen. Johannes Hepp: Am Jahresende hat mir die Gemeinde ein Geschenk gemacht. Damit plante ich, nach Pensacola zu reisen. Mein Herz brennt für Evangelisation, es brennt für Erweckung. Ich wünsche mir, dass der Geist Gottes in einer neuen Welle der Erweckung in unserem Land wirkt. Ich spüre eine sehr starke Trockenheit und bin deshalb in einer Erwartungshaltung hier. Drei Dinge sind mir bisher in Pensacola aufgefallen: erstens die Hingabe der Menschen, zweitens die Liebe zu den anderen und drittens die Gebetshaltung. Diese drei Dinge kann ich „mit nach Hause nehmen“. Ehrlich gesagt, in der Anfangsphase habe ich die ganze Sache kritisch betrachtet. Ich habe erst einmal versucht zu analysieren, was überhaupt passiert. Als ich öfters den Segen erfahren habe, wenn Steven Hill und John Kilpatrick oder auch andere Leiter mit mir gebetet haben, habe ich gemerkt, dass Gott etwas tut. Ich habe auch empfunden, dass bei jedem etwas anderes in der Segnung liegt, obwohl er es nicht aus-
Ich will Gott begegnen gesprochen hat. Danach verspürte ich eine tiefe Ehrfurcht vor Gottes Heiligkeit und ein tiefes Bedürfnis, diese Ehrfurchtshaltung Gott auch entgegen zu bringen. Die „Manifestationen“ [äußerlich sichtbare Reaktionen auf das innere Wirken des Geistes, G. B.] sind eigentlich nebensächlich. Wesentlich für mich ist, dass ich spüre: Gott ist dabei, etwas zu verändern! Im weiteren Verlauf des Gesprächs kommen Stichworte wie Ernsthaftigkeit, Fürbitte unter Wehen, Sündenerkenntnis, Zerbruch, Bekehrung, Heiligung und Gesetzlichkeit, Liebe, Freiheit im Geist, Gottesfurcht und konsequente Nachfolge zur Sprache.
Uwe Maurischat: Als wir hierher kamen, haben wir ganz bestimmte Vorstellungen gehabt, was uns erwarten würde. Unter Erweckung stellt man sich vor: Der Herr wirkt durch Zeichen und Wunder und es geht eine mächtige Bewegung durch die Reihen, weil die Gegenwart Gottes in solch einer mächtigen Weise auf die Menschen wirkt. Nun, Zeichen und Wunder, wie wir sie uns vorstellen, haben wir kaum miterlebt. Aber sehr beeindruckend ist, dass sich jeden Abend viele Menschen mit aufrichtiger Herzenshingabe Gott weihen. Man merkt, dass hier wirklich ein Getriebensein vom Heiligen Geist dahintersteht und nicht Manipulation. Abgesehen davon sind die Gottesdienste „gut gemacht“. Es herrscht eine Ordnung im ganzen Ablauf, die uns beeindruckt. Es läuft nicht alles durcheinander, und trotzdem wird der Heilige Geist nicht gedämpft4. Was mich tief beeindruckt hat, ist der Geist des Gebets, der über viele dieser Leute ausgegossen ist. Wenn man das hört, wie die Gläubigen im Gebet förmlich um Menschen schreien, dann ist das etwas, was wir in Deutschland in der Regel so nicht kennen. Das habe ich persönlich für mich mitgenommen: Es ist wirklich eine ernsthafte Sache, um Seelen zu ringen. Das kann man nicht nebenbei tun. Da muss man sein ganzes Leben, sein ganzes Herz einsetzen. Dazu bin ich neu motiviert. Was auch noch hervorstechend ist: In den Erweckungsversammlungen wird sehr darauf hingewirkt, dass Menschen ihre Sünde erkennen und ihr Leben in Ordnung bringen. Die Konsequenz ist, dass die Gläubigen ein geheiligtes Leben führen, eben ein Leben für Gott. Das beeindruckt uns natürlich, weil Amerika bei uns eher den Ruf der Oberflächlichkeit hat. Doch hier wird eine Tiefe des Glaubens, der Hingabe und der Weihe vermittelt, wovon ich annehme, das dies der Grund ist, warum sich Gott dazu stellt und in besonderer Weise durch seinen Geist wirkt.
21
22
Wenn Warten sich lohnt Knut Lindemann: Ich finde die klaren Entscheidungen, die hier getroffen werden, wunderbar: echte Umkehr, mit Weinen, mit Zerbruch. Da wird man selbst regelrecht überführt und zu neuer Hingabe geführt. Erfreut war ich, dass Dr. Michael Brown mittlerweile zur Leiterschaft dazugekommen ist. Er hat vor 1½ Jahren bei uns in Geldern gepredigt. Ich war natürlich begeistert, ihn hier wiederzutreffen. Und ich kann von daher sagen, dass die Leute das, was sie hier vorgeben, auch leben. Was ansonsten ganz toll war: Diese ganze Erweckung scheint tatsächlich durch Gebet hervorgerufen zu sein, und die vielen Bekehrungen jeden Abend durch echte Hingabe – was Uwe vorhin schon sagte: Als wenn sie Kinder zur Welt bringen, unter solchen Wehen wird in den hinteren Reihen gebetet. Vorne kann man die Neugeborenen sehen, die in den hinteren Reihen unter Geburtswehen zur Welt gebracht wurden. Was auch super ist, das ist die Gemeinschaft, wenn wir als Pastoren oder Leiter zusammen hier hinfahren, wie wir uns hier gegenseitig dienen konnten. Günter Strunk: Die Glieder meiner Gemeinde beteten vor unserer Abreise für mich, dass ich hier in Pensacola das empfange, das aufnehme, was Gott für uns vorgesehen hat. Deshalb ist mein Gebet: „Herr, ich will von ganzem Herzen erwarten, dass das, was ich hier aufnehmen und ,speichern‘ durfte, von dir zu deiner Zeit ,abgerufen und freigesetzt‘ wird.“ Es ist nicht nur die persönliche Komponente, die bei uns eine Rolle spielt, die zwar auch, sondern eine starke Dienstkomponente. Aber nicht mit Druck, sondern mit einem Verlangen: „Herr, du hast in unseren Gemeinden ein Werk der Erneuerung begonnen, und wir glauben, dass diese Tage uns eine neue Schubkraft geben, damit es weitergeht.“ Nicht vergessen werden soll Rolf Gesatzki, der sich als „einfaches Gemeindemitglied“ in der Pastorenrunde vornehm zurückhielt.
Rolf Gesatzki: Ich bin Mitglied der Elim-Gemeinde. An einem Sonntagmorgen hatte Pastor Maurischat über die Erweckung in Pensacola gesprochen. Da spürte ich den Geist Gottes zu mir sagen: „Geh hin und schau dir das mal an!“ So bin ich hierher gekommen und ich bin richtig erfüllt worden. Ich freue mich, dabei zu sein und meinen Pastor begleiten zu dürfen; denn es geht hier um eine Erweckung verbunden mit dem, was wir am meisten brauchen, und das ist die Liebe Gottes. Gerhard Bially: Als ich letzten Samstag Dr. Wolfhard Margies (Berlin) hier traf, da sprachen wir ganz offen darüber, dass die Art der Predigt
Ich will Gott begegnen auf ihn und seine Frau zumindest anfänglich eher gesetzlich gewirkt habe. Wie seht ihr das? Es wird oft gesagt, dass es in der Pfingstbewegung eine frühe Phase der Gesetzlichkeit gab. Zwar wurde damals auch mehr über Heiligung gepredigt, doch hat das den Leuten nicht immer gut getan. So ist meine Frage, ob das Pendel hier in Pensacola vielleicht wieder zu sehr in die alte Richtung schwingt?
Uwe Maurischat: Ich finde es schon beeindruckend, dass so klar gegen die Sünde gepredigt wird und möglicherweise auch bewusst in Kauf genommen wird, dass dies auf Kritik stößt. Wenn ich andererseits beobachte, mit welcher Fröhlichkeit und Gelassenheit die Menschen hier dem Herrn dienen und mit welch einer Freude sie Gott anbeten und preisen, dann denke ich, dass die Freude, die im Gottesdienst vermittelt wird – durch Lobpreis, durch die Freiheit, die in der Verherrlichung des Namens Jesu liegt – dass das einen gewissen Ausgleich bringt. In anderen Worten: Diese Freiheit im Geist, verbunden mit einer klaren Botschaft gegen weltliche Einflüsse, scheint mir die ideale Kombination zu sein, Menschen wieder in die Gegenwart Gottes hineinzuführen und die Heiligkeit des Herrn wieder deutlich zu machen. Es gab eine Zeit, in der wir sehr stark Gott als unseren Vater (sogar Daddy) gepredigt haben. Und das zu Recht, denn wir dürfen eine ganz intime Beziehung zu unserem himmlischen Vater haben. Doch auch hier muss ein Ausgleich sein: Jesus ist nicht unser Kumpel, er ist unser Herr. Das wird hier in Pensacola sehr deutlich gemacht. Es ist eine Freude, dem Herrn nachzufolgen, aber er ist unser Herr. Die Heiligkeit unseres Gottes spielt eine große Rolle. Gottesfurcht wird hier vermittelt, kombiniert mit einer großen Freiheit und Fröhlichkeit. Knut Lindemann: Mir scheint, dass ein Schlüssel zu den Bekehrungen der Lobpreis ist. Diese Freude, der Jubel im Heiligen Geist, und auf der anderen Seite diese radikale Hingabe und konsequente Nachfolge. „Wischiwaschi“ will die Jugend nicht mehr. Sie kriegt auf der anderen Seite knallhart Sünde angeboten und Verführung „noch und nöcher“. Die Jugendlichen wollen eine echte Alternative sehen, und sie suchen Orientierung. Dieselben Pastoren werden in Kapitel 7 mitteilen, ob sich in der Zeit zwischen ihrem Pensacola-Besuch im Januar 1997 und dem Abschluss des Buchmanuskripts im Juli 1997 etwas in ihrem Leben und in ihren Gemeinden verändert hat.
23
24
Wenn warten sich lohnt
Kapitel 2 Mit Christus gekreuzigt, gestorben und auferstanden Jeden Freitag findet in der Brownsville Assembly of God-Gemeinde ein Taufgottesdienst statt. Das ist zugleich der Höhepunkt der Woche. Manche sagen sogar, es sei der „eigentliche“ Erweckungsgottesdienst. Obwohl jeweils nur etwa 20 Personen getauft werden – die auch gern ihre Verwandten und Bekannten mitbringen – ist der Gottesdienstraum zum Bersten voll. „Auf der Empore bitte nicht springen und hüpfen beim Lobpreis“ wird schon im Vorfeld abgekündigt. Denn Grund zur Freude gibt es gleich genug.
Alle warten gespannt auf den Beginn des Gottesdienstes. Hinter dem Chor das Baptisterium, weiter rechts das Erweckungs-Banner.
Nach einer kurzen Lobpreiszeit mit dem etwa 70 Personen starken, in Roben gekleideten Chor unter Leitung des Musikpastors Lindell Cooley geht der Vorhang des großen Taufbeckens auf. Meistens tauft ein Pastor oder Mitarbeiter irgendeiner befreundeten Gemeinde mit. So auch heute. Als erste kommt ein kleines Mädchen namens Elisabeth die Stufen in das Taufwasser hinabgestiegen. „l Iove Jesus, – ich liebe Jesus, und deshalb will ich mich taufen lassen“, sagt sie ins Mikrofon.
Mit Christus gekreuzigt, gestorben und auferstanden
25
Von der „kindlichen Unschuld“ in die harte Realität eines Teenagers führt das Zeugnis von Alexia. Schluchzend beginnt die Sechzehnjährige: „Sünden, Neid, Drogen und alles Schlechte, was ihr euch denken könnt, machten mein bisheriges Leben aus. Ich wusste nie, warum ich überhaupt lebe. Manchmal war ich mir nicht sicher, ob ich noch weiter leben wollte und sollte.“ Alexia: „Ich wußte gar nicht, warum ich lebe.“
Als Alexia vor wenigen Monaten nach Pensacola zog, sei sie auf Schritt und Tritt gefragt worden: „Kennst du Gott? Hast du Jesus angenommen?“ Alexia: „Ich kannte Gott doch gar nicht, ja, ehrlich gesagt, ich hatte bisher noch nicht einmal über ihn nachgedacht. Meine neue Schule hat eine Schülermissionsgruppe. Durch sie kam ich zu den Erweckungsversammlungen. Am 12. November 1996 errettete mich der Herr. Seit diesem Tag lebe ich für ihn. Ich habe Satan abgesagt und alles gelassen, was mit ihm zu tun hat. Jetzt weiß ich, wohin ich gehe: Ewig werde ich mit Gott leben!“ Dann fängt Alexia an, herzzerreißend zu beten – besonders für ihren leiblichen Vater. Spontan stimmen die Gläubigen mit ein und preisen Gott. Zitternd, kaum in der Lage zu sprechen, beginnt Kelly aus Mississippi ihr Zeugnis: „Mein Vater war sechsmal verheiratet, meine Mutter zweimal. Acht Jahre lang hat mich mein Stiefvater missbraucht. Ich dachte, ich könnte das nie vergeben. Dann kam ich in die Erweckungsversammlungen. Ich weinte vor Gott und bat ihn, mir alle Schande und alle Schmerzen abzunehmen. Während ich betete, kam mir das Bibelwort in den Sinn, dass wir Berge versetzen können, wenn wir im Glauben beten. Die Erinnerung daran, jahrelang missbraucht worden zu sein, das war mein Berg. Doch ER nahm ihn weg! Oft habe ich mich gefragt: ,Warum musste es mir so ergehen?‘ Doch jetzt weiß
26
Wenn Warten sich lohnt
ich: Gott kennen ist mehr wert, als auf alle Fragen eine Antwort zu haben! Justin, ein junger Mann aus Louisiana, hat vor zwei Wochen Jesus angenommen. Er ist verheiratet und hat ein kleines Kind. Doch Drogen und Partys bedeuteten ihm mehr. Am 15. Januar 1997 kam er zur Brownsville Assembly of God-Gemeinde. Da hat sich sein Leben verändert. Justin: „Ich möchte meiner Mama, meinem kleinen Bruder und meiner Frau danken, dass sie mich nicht aufgegeben haben, und ich danke Gott, dass er seinen Sohn gesandt hat, der am Kreuz für meine Sünden gestorben ist.“ Ein anderer junger Mann erzählt, wie er schon als Kind Jesus angenommen hatte, später aber auf Abwege geriet. „Alle meine Freunde nahmen Drogen. Ich lebte allein und musste mit meinen Problemen immer selbst fertig werden. Das bedrückte mich sehr. Im Dezember 1996 war ich ziemlich am Ende. Es ging mir zusehends schlechter, bis ich schließlich an Silvester einen Nervenzusammenbruch erlitt. Über das Telefon betete dann mein Vater mit mir, und ich fand langsam zu Gott zurück. Am 15. Januar [1997] hatte ich die Gelegenheit, mit anderen Jugendlichen aus Louisiana hierher zu den Erweckungsversammlungen zu fahren. Als der Pastor einlud, nach vorne zu kommen, war ich zuerst noch ängstlich und zögernd. Doch dann weihte ich mein Leben Gott ganz und gar. Drogen und das ausschweifende Partyleben, das ist jetzt vorbei. Ich fand hier den Partner meines Lebens, meine große Liebe: Jesus Christus.“ Kaum hat er den Satz beendet, da kommt die Kraft Gottes über ihn. Er wird so geschüttelt, dass er nach der Taufe nicht allein die Stufen aus dem Taufbecken hinaufsteigen kann. Jim McGith aus dem Staate Mississippi bezeugt, dass Jesus ihn von einem lauwarmen Christenleben befreit hat. In dieses Zeugnis könnten viele Besucher der Brownsviller Erweckungsversammlungen mit einstimmen. So bekennt Graham Robinson aus Mobile, Alabama, ein Mann in den Fünfzigern, dass er sich schon 23 Jahre Christ nannte, doch wenn er vor Gott hätte erscheinen müssen, wäre er wie Wachs zerschmolzen. Es tut ihm besonders leid, dass seine Familie solch ein schlechtes Vorbild hatte. Er hofft nur, dass die Familie erkennt, dass sein bisheriges Leben nicht wahres Christentum widerspiegelte. Ein junger Mann gibt zu, dass er zehn Jahre lang wie der verlorene Sohn gelebt hat. Eines Tages verspürte er den Impuls, von New York nach Pensacola zu ziehen, ohne zu wissen warum und was er dort tun soll. Doch er fand es bald heraus, spätestens heute an seinem Tauftag! Timothy, im 14. Lebensjahr, bekennt, bevor er in das Wassergrab der Taufe geht, dass er seit seinem sechsten Lebensjahr in Pornografie verwickelt war. Er hasste es und konnte doch nicht davon loskommen. Jetzt hat Jesus ihn befreit. Ein kräftiger Täufling, Mitte 30, zittert am ganzen Leib. Kaum kann er die Worte sagen: „Ich kam eines Abends hierher. Der Herr berührte mich. Er hat meine Gedanken verändert. Mein Sinn ist auf ihn ausgerichtet.“ Dann kommt