K LAUS F ISCHER
D ER L OWPRICE -L IGHTER
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Der Lowprice -Lighter
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Der Lowprice -Lighter K LAUS F ISCHER
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Der Lowprice -Lighter
COPYRIGHT © 1997 Asaph-Verlag, D-Lüdenscheid UMSCHLAGGESTALTUNG: Karl Gerd Striepecke, D-Varenholz DTP/EBV: Verlagsagentur H. Otto, D-Monheim DRUCK: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum
ISBN: 3-931025-17-9 Best.-Nr.: 147517
Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik usw. schreiben Sie bitte an: Asaph D-58478 Lüdenscheid
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INHALT PROLOG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 107 ONKEL HERBERT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 109 PAUL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 119 DIE GEBETSNACHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 127 XR 2001 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 135 DER PSALM . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 141 DAS SEMINAR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 147 PAPA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 155 DER KLAVIERSPIELER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 165 DIE EVANGELISATION . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 173 LOBPREIS DIE
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FORTGESCHRITTENE . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 181
PREDIGT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 189
GEMEINDEAUSFLUG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 199 DER URLAUB . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 107 DIE HOCHZEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 119 SCHLUSSWORT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 128
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Prolog
PROLOG Verzweifelt wehrte sich die Sonne gegen ihren Untergang. Ich saß auf der Terrasse und hatte mich gerade meinem Lieblingstagtraum gewidmet, in dem ich als international anerkannter Lobpreisleiter und Prediger von Konferenz zu Konferenz eile, um der am Boden liegenden Christenheit neues Leben einzuhauchen. Selbstverständlich beinhaltet dieser Traum, daß ich jede eigene Ehre für meine aufopferungsvolle Tätigkeit ablehne und mich nur als williges und demütiges Werkzeug meines Schöpfers betrachte. Meine Lieblingsstelle, bei der ich das mir angebotene Geld aus der Kollektensammlung zunächst bescheiden ablehne und erst nach intensivem Zureden doch noch annehme, konnte ich in dieser Situation jedoch leider nicht zu Ende träumen, da Gitti (meine Frau) aus dem Badezimmer rief: „Kannst du mal kommen? Das Klo ist total verstopft!“ Ich stand auf und fragte mich, ob die wirklich bekannten Prediger sich auch noch mit solchen Dingen befassen müssen oder ungestört von Konferenz zu Konferenz eilen können, um der am Boden liegenden Christenheit neues Leben einzuhauchen. Kurze Zeit später lag ich am Boden und versuchte, unserem Toilettenabfluß mit Hilfe eines gebogenen Drahtes neues Leben einzuhauchen. Gitti (meine Frau) machte nach etwa einer Stunde erfolgloser Arbeit und in Anbetracht der sich immer weiter ausbreitenden übelriechenden Flüssigkeit den Vorschlag, doch lieber einen Klempner anzurufen. Ich war wegen der zu erwartenden Kosten nicht gerade begeistert, aber was sollte man machen? Leider gab es in unserer Gemeinde keinen Klempner, den man um einen kleinen und kostenlosen Liebesdienst bitten konnte („Ich tu’s in die Kollekte!“), und so mußten wir wohl oder übel auf einen heidnischen und sündhaft teuren Handwerker zurückgreifen.
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Meine Frau (Gitti) meinte, während wir das Badezimmer vom Dreck befreiten: „Als wir das letzte Mal sowas hatten, waren wir gerade in die Gemeinde eingetreten.“ „Ja“, sagte ich gedankenverloren und dachte dabei an meinen beispiellosen Aufstieg vom einfachen Christen zum Lobpreisleiter der fünfundvierzig Mitglieder zählenden Freien Erweckungsgemeinde Todtenhausen ...
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ONKEL HERBERT Eigentlich war ich eher zufällig in den Musikdienst unserer Gemeinde geraten. Herbert Kalubke, der altbewährte Harmoniumspieler unserer Gemeinde, war mittlerweile in jene Altersregion vorgedrungen, die man in christlichen Kreisen als „gesegnet“ bezeichnet. Er gehörte jetzt schon zu den Mitgliedern, deren Geburtstag bei den Ankündigungen mit den Worten: „Wir wünschen dir, daß du bis zu deinem Heimgang gesund bleibst“ angesagt wurde. Onkel Herbert, wie die meisten von uns ihn nannten, hatte zuletzt selbst bemerkt, daß er konditionell nicht mehr in der Lage war, ein Lied mit mehr als zwei Strophen zu begleiten. Außerdem hatte er, bedingt durch sein zu locker sitzendes Gebiß, Schwierigkeiten beim Anstimmen (Bei: „Ihr Himmel frooooohlocket“ fielen ihm regelmäßig die Zähne auf die Tasten). Darum machte er schweren Herzens Platz für die „ Jugend“. Allerdings ließ er es sich nicht nehmen, der Jugend jeden Sonntag nach dem Gottesdienst überaus wertvolle Tips zu geben und darauf hinzuweisen, daß diese neumodernen Lieder aus den Nachkriegsjahren nicht im Entferntesten mit den guten alten Chorälen mithalten konnten. Leider war es immer etwas schwierig, Onkel Herbert wieder loszuwerden, um sich endlich nach anstrengendem Gottesdienst dem wohlverdienten Sonntagsbraten widmen zu können. Besonders wenn das Stichwort „Krieg“ fiel, konnte es passieren, daß er seine Erlebnisse zum wiederholten Male langatmig vortrug. Eines Sonntags erläuterte mir Onkel Herbert gerade einige nicht mehr ganz unbekannte Einzelheiten aus alten Erwekkungstagen unserer Gemeindebewegung, als mir ein entscheidender Fehler unterlief. Ich sagte: „Onkel Herbert, ich muß jetzt los, weil ich sonst nichts mehr zu essen krieg’!“ „Ja, ja, der Krieg“, sagte Onkel Herbert, dessen Hörgerät mal
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wieder nicht richtig funktionierte. „Heute wißt ihr gar nicht, wie gut ihr’s habt.“ „Onkel Herbert, ich muß jetzt leider ...“ Sein Hörgerät schien meinen Einwand schlicht zu ignorieren. „Im Krieg, da haben wir ganz andere Sachen erlebt. Im Winter, bei 25° minus haben wir Weihnachten gefeiert.“ „Onkel Herbert, du mußt mir das ein anderes Mal ...“ „Damals hatte ich nur eine Mundharmonika dabei und mir klebten fast die Lippen daran fest, als ich für meine Kameraden Weihnachtslieder spielte.“ „Onkel Herbert, wenn ich jetzt nicht langsam nach ...“ „Alle haben wir um ein kleines Bäumchen herumgesessen. Wir durften kein Feuer machen wegen der feindlichen Aufklärung. Ich kann dir sagen, da war keiner, dessen Augen noch trocken waren. Hermann Möller, ein Kamerad aus Darmstadt, nein ich glaube, er kam aus Schweinfurt ...“ „Nein, Darmstadt“, sagte ich. Onkel Herbert hatte meine Worte nicht gehört und blickte gedankenverloren ins Leere. „... doch, er war aus Darmstadt.“ „Sag’ ich doch“, murmelte ich. Es dauerte noch ungefähr zehn Minuten, bis ich mich durch einen glücklichen Zufall (oder war es Führung?) aus der verbalen Umklammerung lösen konnte. Ein junger Mann, der erst neu in unserer Gemeinde war, hatte die von Onkel Herbert ausgehende Gefahr noch nicht erkannt und sich deshalb zu nah an ihn herangewagt. In einem günstigen Moment klinkte ich mich aus dem Monolog aus und überließ den Neuen seinem Schicksal. Er sollte schließlich die Weihnachtsgeschichte 1943 auch mal in Ruhe hören. „Mit Onkel Herbert wird es immer schlimmer“, sagte ich zuhause. „Mit dir auch!“ sagte Gitti. Ich war mir nicht so ganz sicher, was sie eigentlich damit meinte, und zog es deshalb vor, nicht weiter zu fragen. Als wir nach dem Essen einen kleinen Spaziergang machten,
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trafen wir Onkel Herbert und den Neuen vor der Gemeindetür. Ich konnte mich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren, als ich das leicht verzweifelte Gesicht unseres Gemeindeneuzugangs sah – jedenfalls bis zu dem Moment, als meine Frau die beiden zum Kaffeetrinken einlud. Der Neue schien sichtlich erleichtert und erfreut zu sein, ich war es nicht. Da würden wir wohl noch mal ein Ehegespräch zu führen haben, inwieweit sich christliche Nächstenliebe und Gastfreundschaft auch auf den Sonntagnachmittag und vor allem auf Onkel Herbert ausdehnen mußten. Der Neue hieß Klaus (wie originell), und es stellte sich heraus, daß er Gitarre spielte (wie originell). Das konnte eine interessante Erweiterung unserer Musikgruppe bedeuten, die bisher nur aus mir und Elke Holbein bestand. Elke spielte Flöte. Sie war nicht besonders gut, aber sie war die Frau eines unserer Gemeindeältesten und deshalb traute ich mich nicht, etwas gegen sie zu unternehmen. Ich spielte Orgel. Genauer gesagt, Heimorgel, denn unsere Gemeinde konnte sich kein eigenes Instrument leisten und so mußte ich immer meine Orgel von zuhause mitbringen. Das war nicht so ganz unproblematisch, denn ich mußte mich sehr stark darauf konzentrieren, das Cis nicht zu berühren. Die Orgel war zwar erst 14 Jahre alt, hatte aber schon eine Fehlfunktion, die bei Berührung der Taste immer zu einem merkwürdig gurgelnden Geräusch führte, von dem ich nur wußte, daß es auf jeden Fall kein Cis war. Am darauffolgenden Sonntag passierte etwas Furchtbares. Ich bediente während des Gottesdienstes versehentlich die Rhythmustaste und unterlegte deshalb „Großer Gott, wir loben dich“ mit einem Samba-Takt. Onkel Herbert war den Tränen nahe (warum mußte ausgerechnet jetzt sein Hörgerät funktionieren?) und regte sich ziemlich auf. Mir war die Angelegenheit so peinlich, daß ich mich gleich nach dem Gottesdienst ins Bett legte und erst wieder aufstand, als Wolfgang und Elke Holbein zu Besuch kamen. Hätte ich ge-
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wußt, daß Wolfgang mich mit den Worten „Hallo Sambakönig“ begrüßte, wäre ich liegengeblieben. Gitti behauptet immer, ich sei einer dieser Menschen, die sich gerne über andere lustig machen, aber selber keinen Spaß verstehen. Das ist natürlich absoluter Quatsch (wie fast alle Vorwürfe, die meine Frau mir macht). Sie hatte sich zum Beispiel darüber aufgeregt, daß ich einige Wochen vorher zu Elke gesagt hatte: „Ihr habt doch einen Kamin!“, als sie bei einem Flötenstück hauptsächlich heiße Luft erzeugt hatte. Für mich war das ein guter Witz, aber Frauen sind eben manchmal etwas empfindlich. Jedenfalls konnte Wolfgang sicher sein, daß ihm diese blöde Sambabemerkung noch irgendwann leid tun würde. Auch Älteste können sich schließlich nicht alles erlauben. „Jetzt reg’ dich endlich ab“, sagte Gitti beim Kaffeetrinken zu mir, nachdem die anderen offensichtlich meine schlechte Laune bemerkt hatten. Bei dem Versuch, zu erklären, daß das Verhalten der undankbaren Gemeinde gegenüber einem der wichtigsten Mitarbeiter (wenn nicht sogar dem wichtigsten) sehr ungerecht war, fiel mir eine Erdbeere vom Teller auf das weiße Tischtuch. Gitti war weder von meiner Bemerkung begeistert noch von dem Fleck, den die Erdbeere hinterließ. „Du solltest dich vielleicht mal an die eigene Nase fassen und daran denken, wie oft du über irgendwen meckerst“, sagte sie und versuchte, den Erdbeerfleck mit einer Serviette zu entfernen. Dabei stieß sie jedoch eine noch halb gefüllte Kaffeetasse um und bekleckerte Wolfgangs Hose. Spätestens jetzt mußte eigentlich jedem klar sein, daß ich der moralische Sieger des Tages war. Doch Wolfgang versuchte wie immer, die Situation mit einem seiner äußerst plumpen Witze zu retten. „Heute scheint nicht euer Tag zu sein“ sagte er mit Blick auf uns. „Das nächste Stück Torte nehme ich mir lieber selber.“ Als ihn nahezu gleichzeitig zwei ziemlich fiese Blicke trafen (Meine Frau und ich können beide echt gut fies gucken), versuchte er eine Entspannung der Situation mit der Bemerkung: „Die Torte
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ist echt lecker. Vielleicht solltest du Elke mal ein paar Rezepte beibringen.“ Jetzt traf ihn ein noch viel fieserer Blick. Man merkte sofort, daß die beiden noch nicht auf einem Eheseminar gewesen waren. Wir schon! Das muß ich unbedingt kurz zwischendurch erzählen. Es hatte damit angefangen, daß Gitti von einem befreundeten Ehepaar berichtete, das ein solches Seminar besucht hatte. Bei denen konnte ich mir das auch gut vorstellen, denn die mußten noch viel lernen. Aber wir beide kamen doch prima miteinander klar, und ich wußte wirklich nicht, was mir da noch irgend jemand beibringen sollte. Mitgefahren bin ich trotzdem, nachdem Gitti zu mir gesagt hatte: „Du hast ja nur Angst!“ Ich und Angst. Das war ja wohl absolut lächerlich – wovor denn? Zur Begrüßung hatten wir uns alle vorstellen müssen. Sowas kann ich gerade gut ab. Man merkt sich sowieso keinen einzigen Namen, weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, seinen eigenen nicht zu vergessen, bis man dran ist. Ich schaute meine Frau mit meinem „Ich hab’s doch gleich gesagt“-Blick an, und sie flüsterte: „Nun wart’s doch erstmal ab“. Der Seminarleiter stellte sich sehr langatmig vor und berichtete davon, wie seine Frau und er jahrelang aneinander vorbeigelebt hatten (und so einer wollte mir was erzählen). Die beiden hatten wahnsinnig viele Kinder, und er erzählte eigentlich mehr davon als von seiner miserablen Ehe. Waren wir jetzt auf einem Kinderseminar gelandet oder was? Danach sollten wir jeder für sich auf einen Zettel schreiben, wie wir unsere Ehe einordnen. Ich schrieb: Gut! und legte meinen Stift beiseite. Als ich meine Frau beobachtete, begann ich mir Gedanken zu machen, denn sie hörte gar nicht auf zu schreiben. Ich blickte die anderen an und sah, daß die meisten Männer fertig waren, während die Frauen noch schrieben. Wir Männer sind eben eher in der Lage, Dinge auf den Punkt zu bringen.
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Danach schien es interessant zu werden. Der Seminarleiter las eine dieser Bibelstellen vor, in denen steht, daß die Frauen gefälligst das zu tun haben, was ihre Männer sagen ... und daß die Männer ihre Frauen lieben sollen. Diese Textstelle versprach einiges, denn ich liebte schließlich Gitti schon immer und deshalb war allenfalls sie diejenige, die hier noch was lernen konnte. Leider wurden danach Männer und Frauen getrennt, um in unterschiedlichen Seminaren diesen Text zu bearbeiten. Ich hätte zu gerne gewußt, was die da besprochen haben. Statt dessen quälte uns unser Seminarleiter über anderthalb Stunden mit seinen Weisheiten. Nachdenklich wurde ich nur in dem Moment, als er darüber redete, daß Jesus für seine Gemeinde gestorben ist und diese Bibelstelle uns auffordert, die gleiche Liebe für unsere Frauen zu haben. Ich stellte mir in Gedanken vor, wie ich mich heldenmutig vor meine Frau werfe, um eine auf sie abgefeuerte Pistolenkugel abzufangen. Natürlich sterbe ich davon nicht, sondern überlebe schwerverletzt (und schmerzfrei). Sonst wäre ja unsere Ehe zu Ende und meine Frau könnte mir ihre Dankbarkeit und Bewunderung gar nicht mehr zeigen. Der Seminarleiter sagte: „Denkt jetzt bitte nicht an solche Filmszenen wie Winnetou, der sein Leben opfert, um Old Shatterhand zu retten.“ Wir lachten alle. Er erklärte danach, daß Sterben in diesem Zusammenhang zunächst einmal bedeutet, auf bestimmte Bequemlichkeiten und egoistische Verhaltensweisen zu verzichten. Ich meldete mich für eine Zwischenfrage. „Soll das etwa heißen, daß wir samstags keinen Fußball mehr sehen dürfen?“ „Möglicherweise kann auch das dran sein, aber das kann man so pauschal nicht beantworten.“ Der Leiter fuhr in seinem Vortrag fort. Ich flüsterte meinem Nachbarn zu: „Irgendwann ist es noch so weit, daß wir unser Bier selbst aus dem Keller holen müssen.“ Er lachte und nickte mir zu.
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Abends waren Frauen und Männer wieder zusammen und man konnte solche Witze nicht machen. Wir mußten uns wieder einiges von den Krisen des Seminarleiterehepaares anhören, und ich fragte mich, wieso ausgerechnet solche Versager uns noch was beibringen wollten. Da war doch tatsächlich die Frau jahrelang unzufrieden gewesen, und der Mann hatte nichts gemerkt! „Wir haben vorhin in der Pause durchgelesen, was ihr über eure Ehen aufgeschrieben habt“, sagte die Leiterin, „und dabei festgestellt, daß eigentlich bei euch allen die Situation sehr ähnlich ist.“ Ich konnte es nicht fassen. Meine Frau! War sie etwa auch zur Verräterin geworden und hatte sich hier der allgemeinen Stimmung angepaßt? Ich hatte nicht wenig Lust, gleich nach Hause zu fahren. „Erfahrungsgemäß würden die meisten Männer jetzt lieber nach Hause fahren“, sagte der Seminarleiter. „Aber ihr solltet versuchen, heute abend zu zweit über eure unterschiedlichen Auffassungen zu sprechen und zu beten.“ Wieso beten? Wir waren hier doch nicht im Gottesdienst, oder? Ich war ziemlich durcheinander, als wir auf unser Zimmer gingen. Unser Gespräch dauerte bis halb drei in der Nacht, und Gitti hat mir einige Dinge erzählt, warum sie nicht einfach „Gut” geschrieben hatte. Ich habe einiges gelernt, zum Beispiel, daß ich nicht wieder auf so ein Seminar fahren werde und daß man keine Witze über Kuchenrezepte macht. (Jetzt sind wir wieder beim Kaffeetrinken mit Holbeins angelangt.) Wolfgang schien das in diesem Moment auch ohne Seminar gelernt zu haben, denn er hielt sich mit seinen blöden Witzen für den Rest des Tages zurück. Wir unterhielten uns nach dem Kaffeetrinken noch über Onkel Herbert. „Er nervt jeden mit seinen Geschichten, und jetzt regt er sich auf, nur weil ich mal aus Versehen eine falsche Taste bediene“, sagte ich. „Du solltest vielleicht mal daran denken, daß er mittlerweile
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siebenundachtzig Jahre alt ist und seit über zehn Jahren allein lebt“, sagte Gitti. „Aber er nervt trotzdem.“ Ich begriff nicht, wieso es so vielen Menschen – allen voran meiner Frau – immer wieder schwer fiel, sich meiner Meinung anzupassen. Als Wolfgang dann mal wieder den Ältesten rauskehren mußte und zwischen uns vermitteln wollte (ausgerechnet er, der noch nicht mal auf einem Eheseminar war), platzte mir der Kragen. „Ich werde ihm jedenfalls sagen, daß er mich in Ruhe lassen soll mit seinen Geschichten, die jeder auswendig kennt.“ Zwei Tage später traf ich Wolfgang in der Stadt. Er kam auf mich zu und wirkte nicht gerade fröhlich. „Onkel Herbert ist heimgegangen“, sagte er. Ich fühlte mich, als wäre ich gerade von einem Lastwagen überrollt worden. „Aber das ist doch nicht wegen ...“ Ich konnte nicht weitersprechen, doch Wolfgang wußte, was ich sagen wollte. „Man stirbt nicht, weil jemand ein Kirchenlied im Sambarhythmus spielt“, versuchte er mich zu beruhigen. „Onkel Herbert war alt, und er hat oft gesagt, daß er gerne zum Herrn möchte. Jetzt ist er da. Ganz ruhig eingeschlafen. So möchte ich auch mal sterben.“ Wäre ich nicht immer noch total verwirrt gewesen, hätte ich sicher geantwortet, daß ich eigentlich überhaupt nicht sterben möchte, obwohl ich natürlich auch gerne „zum Herrn“ wollte, aber irgendwie anders. Am liebsten wäre mir gewesen, wenn Jesus uns nicht zu sich abholen würde – wer weiß, was einen da so alles erwartet – sondern wenn er einfach alles so läßt, wie es ist, und öfter mal zu Besuch kommt. Natürlich nachdem er die ganzen Heiden (besonders unseren Nachbarn, diesen blöden Watermeier) in die Hölle verfrachtet hatte. Diese Gedanken kamen mir jedoch in dem Moment gar nicht in den Sinn, und es ging mir auch nicht gerade besser, als Wolfgang sagte, ich müsse bei der Beerdigung einige Lieder begleiten. Ich fühlte mich saumies. Wenn man sich gerade über jemanden geärgert hatte, dann konnte der doch nicht einfach so sterben.
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Gitti merkte natürlich, daß mir die Angelegenheit näher ging. „Glaubst du im Ernst, daß Onkel Herbert nur deinetwegen gestorben ist?“ „Nein, so meine ich das nicht, aber warum ausgerechnet jetzt? Konnte er nicht noch warten?“ Mir wurde klar, daß ich einen ziemlichen Schwachsinn redete, aber ich wäre natürlich kein echter Mann, wenn ich sowas vor meiner Frau zugegeben hätte. Bei der Beerdigung hätte ich heulen können, aber als Mann und noch dazu als Musiker macht man sowas nicht. Ich spielte fast ohne Fehler und hatte das Gefühl, Onkel Herbert einen würdigen Abschied zu bereiten. Allerdings muß ich zugeben, daß es mich schon etwas beruhigte, daß ich nicht der einzige war, der zum Lebensende von Onkel Herbert Fehler machte. Kurt, das ist unser Pastor, ist immer etwas nervös, wenn er vor Leuten spricht, die nicht aus unserer Gemeinde sind. Er will dann nichts Falsches sagen (damit keiner denkt, wir wären eine Sekte). Und so brachte er zu Beginn seiner Beerdigungspredigt den Satz: „Unser Bruder Herbert Kalubke, den wir alle als Onkel Herbert kennen, ist nach einem langen und erfüllten Leben und vielen Jahren des Dienstes von uns gegangen und darf jetzt das sehn, was er geglaubt hat“ etwas durcheinander. „Unser Herbert, ähh Onkel Kalubke ist nach einem erfüllten Leben und zu vielen langen Jahren des Dienstes von uns gegangen und darf jetzt das sehen, was er geklaut hat.“ Kurt korrigierte sich schnell, und niemand traute sich zu lachen. Sowas tut man auf Beerdigungen nicht, und außerdem blickte Käthe, das ist Kurts Frau, wie wild um sich, um jeden potentiellen Grinser sofort zu registrieren und für den Gemeindeausschluß vorzuschlagen. Der Rest der Beerdigung lief ohne weitere Pannen ab (bis auf die Tatsache, daß einer der Sargträger stolperte und fast in die Kränze fiel). Als Schlußlied hatte Kurt, das ist unser Pastor, wie immer „Großer Gott, wir loben dich“ ausgesucht, damit die Beerdigungsgäste, die aus der Landeskirche kamen, uns nicht für eine Sekte hielten. Ich spielte das Lied dies-
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mal ohne Rhythmusbegleitung und etwas langsamer als in unserer Gemeinde, um dem AnlaĂ&#x; gerecht zu werden und mich der Landeskirchengeschwindigkeit anzupassen (damit die nicht denken, wir wären eine Sekte). An Onkel Herberts Grab nahm ich mir vor, ein guter Musiker fĂźr den Herrn zu werden.
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PAUL Mein alter Freund Paul war ein Mensch mit Humor. Zum Beispiel hatte er seinem Kater den Namen Lysator gegeben. Leider verstand nicht jeder sofort diesen Witz, und deshalb mußte Paul ihn meist wiederholen. „Kater ... Lysator, ich hätte ihn auch Kater-Kombe nennen können.“ Spätestens jetzt lachte fast jeder, alleine schon um eine weitere Fortsetzung mit „Kater-Maran“ oder „Kater-Strophe“ zu vermeiden. Seine Frau Katarina konnte nicht immer alles so witzig finden, was Paul von sich gab. Er war ein lieber Kerl, aber manchmal schoß er übers Ziel hinaus, wenn er versuchte, überall komisch zu sein. Auch in der Gemeinde fiel er sonntags durch seine Zwischenbemerkungen auf. Wenn Kurt, das ist unser Pastor, zu einem Sonderopfer aufrief, weil Geld für bestimmte Anschaffungen fehlte, meinte Paul: „Bei deinem Gehalt ist das kein Wunder!“ Auch während der Predigten unterhielt Paul seine Umgebung. Leider war es mir nur selten möglich, neben ihm zu sitzen, weil ich Orgel spielen mußte und der Platz neben Paul meist besetzt war. Es gab auch noch andere, die seine Witze als willkommene Abwechslung im Gottesdienst schätzten. Ich muß allerdings zugeben, daß Paul mich manchmal nervös machte. Wenn ich meine Orgel zu musikalischen Genüssen zwang, blickte ich gelegentlich zu ihm. Meist flüsterte er gerade seinem Nachbarn etwas ins Ohr und hinterher lachten beide. Ich war sehr dafür, während der Lieder keine Witze zu machen (bei der Predigt war das etwas völlig anderes). Musiker sind sehr sensibel und reagieren auf geringste Störungen mit einem Verlust an Qualität. Als ich einmal statt F-Dur versehentlich G-Dur griff, bemühte sich Paul, seine nähere Umgebung mit der Darstellung eines Brechreizes aufzuheitern. Ich war selbstverständlich bereit, für meinen Glauben sämtliche Schmähungen und Erniedrigungen
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zu erdulden, aber das ging eindeutig zu weit. Ich weiß nicht mehr, worüber Kurt an diesem Sonntag gepredigt hat (Gitti meinte, es sei um Vergebung gegangen), denn ich mußte mir die richtigen Worte zurechtlegen, um Paul zur Rede zu stellen. „Findest du es eigentlich noch witzig, die halbe Gemeinde abzulenken, wenn wir singen?“ fragte ich ihn. Die Antwort war so ziemlich das Blödeste, was ich je gehört hatte. „Ich glaube, Gott hat nichts dagegen, wenn wir uns freuen und lachen. Aber vielleicht bin ich wirklich zu weit gegangen, dann entschuldige das bitte.“ Wenn ich eins nicht ab kann, dann ist das, wenn andere gerade dann nachgeben wollen, wenn ich noch sehr viele gute Argumente habe. „Nein, nein, mein Lieber“, sagte ich. „So einfach kommst du mir nicht davon. Mich vor der ganzen Gemeinde lächerlich machen und dann hinterher glauben, es wäre alles mit einer lapidaren Entschuldigung erledigt. Du kannst es gerne nächsten Sonntag selber versuchen, denn ich habe nämlich keine Lust mehr!“ Dann ging ich nach Hause. Wenn die glaubten, sie könnten mich zum Kasper machen, dann hatten sie sich gewaltig geirrt. Ich war ziemlich wütend und wurde noch ärgerlicher, als Gitti wieder mal mit frommen Belehrungen anfing. „Es ist mir völlig egal, was Kurt heute gepredigt hat. Paul hat mich vor allen Leuten lächerlich gemacht. Die können gerne mal sehen, wie weit sie ohne mich kommen. Elke kann ja nächsten Sonntag Blockflöte spielen.“ Das Telefon klingelte. Gitti nahm den Hörer ab und reichte ihn an mich weiter. „Wer ist es denn?“ fragte ich. „Nun geh’ schon dran!“ sagte sie. Als ich den Hörer in die Hand genommen und „ Ja, bitte?“ gesagt hatte, wußte ich, es war eine Falle. Paul – das konnte nur Paul sein, und sie hatte gewußt, daß ich sonst nicht ans Telefon gegangen wäre. Na warte. Am anderen Ende der Leitung meldete sich zunächst niemand. Dann kam die zögernde Stimme von Paul: „ Ja, hier ist