Gulshan Esther mit Thelma Sangster Der Schleier zerriss
Gulshan Esther mit Thelma Sangster
Der Schleier zerriss
Originaltitel: The Torn Veil Copyright © 1984 by Sister Gulshan Esther and Thelma Sangster Copyright © der deutschen Ausgabe 2014 by Asaph GmbH Published by arrangement with The Zondervan Corporation L.L.C., a subsidiary of HarperCollins Christian Publishing, Inc. 18., überarb. u. erg. Auflage 2014 (1. Auflage im Asaph-Verlag) Übersetzung: Doris Ewert/Detlev Simon Umschlag: joussenkarliczek, Schorndorf (unter Verwendung eines Fotos von © istockphoto.com/luniversa) Satz: Jens Wirth Druck: cpi Books Printed in the EC Best.-Nr. 147472 ISBN 978-3-940188-72-4 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: Asaph, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.net – www.asaph.net
Inhalt Nach Mekka................................................................................... 9 Der Haddsch................................................................................. 23 Das Wasser des Lebens................................................................ 33 Die Hochzeit................................................................................ 47 Der Stachel des Todes.................................................................. 57 Das Auto...................................................................................... 69 Berßhmtheit.................................................................................. 83 Das Buch...................................................................................... 99 Die Taufe.................................................................................... 113 Schwestern................................................................................. 129 In der Falle................................................................................. 141 Der Versucher............................................................................. 155 Die Kerze................................................................................... 165 Ein Zeuge Jesu........................................................................... 183 Die Folgen.................................................................................. 195 Die Geschichte geht weiter ‌ und weiter................................. 203
O Adler, lass den Mut angesichts der rauen, frischen Brise nicht sinken, sie bläst nur deshalb so, um dich hÜher und weiter zu tragen. Iqbal
Nach Mekka Unter normalen Umständen wäre ich in jenem Frühjahr des Jahres 1966 gewiss nicht nach England gekommen. Als jüngste Tochter einer moslemischen Sayed-Familie, direkter Nachkommen des Propheten Mohammed durch die Linie seiner Tochter Fatima, hatte ich, Gulshan Fatima, bis jetzt ein ausgesprochen ruhiges, zurückgezogenes Leben im Punjab, einem Staat meines Heimatlandes Pakistan, geführt. Das lag nicht nur daran, dass ich seit meinem siebten Lebensjahr nach dem purdah, dem streng-orthodoxen islamischen Gesetz der Schiiten, erzogen worden war, sondern hatte auch damit zu tun, dass ich ein Krüppel war, der nicht einmal das Zimmer ohne fremde Hilfe verlassen konnte. In der Gegenwart von Männern verhüllte stets ein Schleier mein Gesicht, wenn es sich nicht gerade um die nächsten männlichen Angehörigen handelte, meinen Vater, zwei ältere Brüder und den Onkel. Im Großen und Ganzen gesehen bildeten die Mauern, die unseren weitläufigen Garten in Jhang, ungefähr 400 km von Lahore entfernt, umgaben, während der ersten vierzehn Jahre meines schwächlichen Daseins auch für mein persönliches Leben die Grenze. Vater war es, der mich nach England gebracht hatte – er, der im Grunde auf die Engländer herabsah, weil sie drei Götter verehrten anstelle des einen Gottes. Er hatte mich bei Razia, meiner Privatlehrerin, nicht einmal die Sprache der Ungläubigen lernen lassen, aus Furcht, ich könnte irgendwie mit dieser Irrlehre infiziert und dadurch von unserem Glauben weggezogen werden. Trotzdem nahm er mich mit, um bei den besten Spezialisten Englands Rat zu suchen, nachdem er auf seiner erfolglosen Suche nach ärztlicher Hilfe bereits zu Hause riesige Summen ausgegeben hatte.
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Der Schleier zerriss Sein Mitgefühl und die Sorge um mein zukünftiges Glück waren es, die ihn zu diesem Schritt trieben, und doch ahnten wir an jenem Tag Anfang April, als wir auf dem Flughafen Heathrow landeten, noch nichts von dem Kummer und der großen Not, durch die unsere Familie in der Zukunft zu gehen haben würde. Wie seltsam, dass ausgerechnet ich, der Krüppel, das schwächste seiner fünf Kinder, mich am Ende als die Stärkste erweisen sollte, als ein Felsen, der alles zerschmettern würde, was meinem Vater lieb und wert war. Selbst heute als erwachsener Mensch brauche ich nur die Augen zu schließen, um das Bild meines Vaters vor mir zu sehen. Wie sehr liebte ich ihn doch, meinen Aba-Jan, diesen großen, schlanken Mann in seinem gut sitzenden, hochgeschlossenen schwarzen Rock mit den Goldknöpfen über der weiten Hose und mit dem weißen, mit blauer Seide eingefassten Turban auf dem Kopf. So habe ich ihn vor mir, wie er, als ich noch klein war, in mein Zimmer zu kommen pflegte, um mich in unserer Religion zu unterweisen. Vor meinem Bett machte er halt, genau gegenüber dem Bild des Heiligtums in Mekka, der Kaaba, der heiligsten Stätte des Islams, von der es heißt, dass sie von Abraham errichtet und von Mohammed wieder aufgebaut worden sei. Vater nimmt das heilige Buch, den Koran, vom Regal herunter, dem höchsten Platz im ganzen Zimmer, weil nichts auf oder über dem Koran stehen darf. Zuerst küsst er die grünseidene Umhüllung und sagt die Eröffnungsworte auf: „Bismillah i-Rahman-ir-Raheem“ („Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen“). Dann entfernt er die grünseidene Hülle, nachdem er sich zuvor gründlich der vorgeschriebenen Reinigungszeremonie, Wudu genannt, unterzogen hat. Diese Waschung muss jedes Mal, bevor jemand das heilige Buch berührt oder aufhebt, stattfinden. Er wiederholt die bismillah und legt den Koran auf einen rail, einen speziellen, xförmigen Ständer, wobei er darauf achtet, das Buch nur mit den Fingerspitzen zu berühren. Er sitzt so, dass ich von meinem Sessel aus ebenfalls hineinschauen kann. Auch ich habe mit Hilfe meiner Dienerinnen die erforderliche Wudu ausgeführt.
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Nach Mekka Mit seinem Finger fährt Vater die Linien der heiligen Schriften mit ihren verschnörkelten arabischen Schriftzeichen entlang, und ich, immer bestrebt, ihm Freude zu machen, sage ihm die Fatiha nach, die erste oder eröffnende Sure, die alle Moslems auf der ganzen Welt miteinander verbindet: „Lob sei Allah, dem Weltenherrn, Dem Erbarmer, dem Barmherzigen, Dem König am Tag des Gerichts! Dir dienen wir und zu dir rufen um Hilfe wir; Leite uns den rechten Pfad, Den Pfad derer, denen du gnädig bist, Nicht derer, denen du zürnst, und nicht der Irrenden.“ Heute lesen wir aus der dritten Sure, die mit „Das Haus des Imrein“ überschrieben ist: „Allah – es gibt keinen Gott außer ihm, dem Lebendigen und Ewigen. Herabgesandt hat er auf dich das Buch in Wahrheit, bestätigend, was ihm vorausging. Und herab sandte er die Thora und das Evangelium zuvor als eine Leitung für die Menschen, und er sandte die Unterscheidung (zwischen Recht und Unrecht).“ Ich tue das, was jedes Muslimkind, das in einer orthodoxen Familie aufwächst, von klein auf tut: Ich lese den Koran auf arabisch. Nur in dieser Sprache, in der er geschrieben worden ist, kann er richtig verstanden werden. Wir Moslems wissen, dass man ihn nicht einfach wie irgendein anderes Buch in eine andere Sprache übersetzen kann, ohne dass er dabei einen Teil seiner Aussagekraft verliert, weil er heilig ist. Wenn ein Kind den Koran zum ersten Mal ganz durchgelesen hat – im Alter von ungefähr sieben Jahren, was als Alter der freien Willensbestimmung und der Strafmündigkeit betrachtet wird –, wird ein besonderes Fest gefeiert. Es heißt „Amen des heiligen Korans“, und bei uns ist es Sitte, Angehörige, Freunde und Nachbarn dazu einzuladen. Im offenen Hofraum des Anwesens – in dem Männer und Frauen übrigens getrennt sitzen – sagt der Mullah (muslimischer
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Der Schleier zerriss Geistlicher) seine Gebete auf, um die Wichtigkeit dieses neuen Lebensabschnittes zu betonen. Sogar in der Ecke, wo die Frauen sitzen, verstummt das Geschwätz und alle hören dem Mullah zu. Wir sind am Ende der Sure angelangt und ich muss Fragen beantworten. Vater sieht mich an, während ein Lächeln seine Lippen umspielt. „Gut gemacht, kleine Beiti (Tochter)“, sagt er. „Nun beantworte mir folgende Fragen: ‚Wo ist Allah?‘“ Schüchtern wiederhole ich, was ich längst auswendig gelernt habe: „Allah ist überall.“ „Weiß Allah alles, was du auf dieser Erde tust?“ „Ja, Allah weiß alles, was ich auf dieser Erde tue, sowohl Gutes als Böses. Er kennt sogar meine heimlichen Gedanken.“ „Was hat Allah für dich getan?“ „Allah hat mich und auch die ganze Welt erschaffen. Er liebt mich und sorgt für mich. Er wird mich einst im Himmel für meine guten Taten belohnen und in der Hölle für meine bösen Werke bestrafen.“ „Wie kannst du Allahs Zuneigung gewinnen?“ „Durch völlige Unterwerfung unter seinen Willen und absoluten Gehorsam seinen Geboten gegenüber kann ich die Zuneigung Allahs gewinnen.“ „Woher weißt du, was Allahs Wille und seine Gebote sind?“ „Ich kann Allahs Willen und seine Gebote wissen, indem ich den heiligen Koran lese und die Überlieferungen unseres Propheten Mohammed – der Friede und Segen Allahs seien auf ihm – studiere.“ „Sehr gut“, lobt Vater. „Möchtest du sonst noch etwas wissen? Hast du irgendwelche Fragen?“ „Ja, Vater, sage mir bitte, warum der Islam besser ist als die anderen Religionen.“ Diese Frage stelle ich nicht, weil ich etwas über andere Religionen weiß, sondern weil ich seine Erklärungen über unsere Religion so gerne höre. Vaters Antwort kommt klar und bestimmt:
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Nach Mekka „Gulshan, ich möchte, dass du nie vergisst, was ich dir jetzt sage: Unsere Religion ist größer als jede andere, weil Mohammed erstens die Herrlichkeit Gottes ist. Es hat viele andere Propheten gegeben, aber Mohammed war es, der der Menschheit Gottes endgültige Botschaft gebracht hat; es ist nicht nötig, dass ein weiterer Prophet aufsteht. Zweitens ist Mohammed der Freund Gottes. Er hat alle Götzenbilder zerstört und die Menschen, die diese Götzen anbeteten, zum Islam bekehrt. Drittens hat Gott dem Propheten Mohammed nach all den anderen heiligen Büchern den Koran gegeben. Er ist Gottes endgültiges Wort und wir müssen danach handeln. Alle anderen Schriften sind unvollkommen.“ Ich höre aufmerksam zu. Seine Worte prägen sich mir fest in Herz und Gemüt ein. Wenn noch Zeit ist, bitte ich ihn, mir noch mehr über das Bild in meinem Zimmer zu erzählen. Wie ist das, wenn man als Pilger in die heilige Stadt Mekka reist, diesen Anziehungspunkt, dem sich jeder Muslim fünfmal am Tag im Gebet zuwendet? Wir halten es in unserer Stadt auch so, und zwar immer dann, wenn der Muezzin seinen azzan (Gebetsruf) vom Minarett der Moschee erschallen lässt. Der Ruf hallt in den Straßen und Gassen wider und übertönt sogar den Verkehrslärm sowie die lauten Geräusche des Basars. Er dringt durch die vergitterten Fenster und ruft die Gläubigen zum Gebet – bei Sonnenaufgang, am Mittag, bei Einbruch der Dunkelheit und am Abend – mit den Worten der ersten Erklärung des Islams: „La ilaha ill Allah, Muhammad rasoolullah!“ „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist der Prophet Gottes.“ Vater erklärt mir geduldig alles, was ich wissen möchte. Er hat bereits zwei Pilgerreisen gemacht, eine allein und die andere mit seiner Frau, meiner Mutter. Jeder Muslim hat die Pflicht, wenigstens einmal im Leben nach Mekka zu pilgern – oder auch mehrmals, wenn er reich genug dafür ist. Die Wallfahrt bildet den letzten der fünf Grundpfeiler des Islams, die Millionen von Moslems in vielen verschiedenen Ländern der Erde miteinander verbinden und dafür sorgen, dass unser Glaube Bestand hat.
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Der Schleier zerriss „Darf ich auch einmal nach Mekka reisen, Vater?“, frage ich ihn. Er lacht und beugt sich herunter, um mich auf die Stirn zu küssen. „Das darfst du, Gulshan. Wenn du erst älter bist und vielleicht …“ Er beendet den Satz nicht, aber ich weiß, was er sagen will: „… wenn unsere Gebete für dich erhört worden sind.“ Diese Unterrichtszeiten lehren mich, Gott zu achten und eine starke Bindung an meine Religion mit ihren Sitten und Gebräuchen zu entwickeln. Ich bin stolz auf meine Abstammung, die bis auf Mohammed zurückgeht über seinen Schwiegersohn Ali, und ich bekomme ein immer größeres Verständnis für das Ansehen und die Würde meines Vaters. Er ist nicht nur unser Familienoberhaupt, sondern als direkter Nachkomme des Propheten auch ein Sayed und ein Shah. Außerdem ist er ein Pir – ein religiöser Führer – und ein Großgrundbesitzer, der ein riesiges Gut auf dem Land sowie einen geräumigen, von Gartenanlagen umgebenen Bungalow am Stadtrand sein eigen nennt. Ich beginne zu verstehen, warum unsere Familie eine solche Achtung genießt, dass sogar der Mullah oder Maulvi mit seinen Fragen – religiösen Fragen, auf die er selber keine Antwort weiß – zu Vater kommt. Wenn ich heute zurückschaue, sehe ich einen tiefen Sinn in jenen Jahren, die ich ans Haus gefesselt verbringen musste. Es war die Zeit, in der mein Geist und Verstand sich entfalteten wie die Rosenknospen in unserem gut bewässerten Garten, die so liebevoll von unseren Gärtnern gepflegt wurden. Mein Name, Gulshan, bedeutet in Urdu „Blumenstätte, Garten“. Ich war in der Tat ein schwächliches Pflänzchen für solch einen hochtrabenden Namen, aber mein Vater pflegte mich genauso liebevoll wie die Gärtner unsere Blumen. Er hatte uns Kinder alle lieb – seine beiden Söhne, Safdar Shah und Aliam Shah, und drei Töchter, Anis Bibi, Samina und mich –, aber obwohl er gewiss enttäuscht war, dass ich als Mädchen zur Welt kam und dann im Alter von sechs Monaten auch noch Typhus bekam, der mich zu einem kraftlosen Krüppel machte, liebte Vater mich genauso sehr wie meine Geschwister, wenn nicht sogar noch mehr. Hatte meine Mutter ihm nicht auf dem Sterbebett das heilige Versprechen abgenommen, für mich zu sorgen?
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Nach Mekka „Ich bitte dich, Shah-ji, heirate nicht noch einmal, um KleinGulshans willen“, waren ihre letzten Worte gewesen. Sie hatte mich schützen wollen, da eine Stiefmutter und deren Kinder das väterliche Erbteil einer Tochter aus erster Ehe sehr wohl schmälern und diese unfreundlich behandeln konnten, wenn sie kränklich und unverheiratet war. Mein Vater hatte ihr damals, vor vielen Jahren, dieses Versprechen gegeben, und er hatte Wort gehalten. Das war durchaus nicht selbstverständlich in einem Land, wo ein Mann gemäß dem Koran bis zu vier Frauen haben konnte, wenn er wohlhabend genug war, um sie alle gerecht und gleich zu behandeln. Nach diesem ungestörten Muster war mein Leben also bisher verlaufen – bis zu jener Englandreise, als ich vierzehn Jahre alt war. Sie veränderte beinahe unmerklich alles, was bisher gewesen war, und löste eine Kettenreaktion von unbeabsichtigten Ereignissen aus. Davon hatte ich natürlich noch keine Ahnung, als ich, am dritten Tag nach unserer Ankunft in London, mit meinen Dienerinnen Salima und Sema in einem Hotelzimmer saß und auf das Urteil des Arztes wartete. Es handelte sich um einen Spezialisten, der meinem Vater in Pakistan empfohlen worden war, und seine Diagnose würde endgültig über meine Zukunft entscheiden. Wenn es möglich war, diese Krankheit zu heilen, die mich bereits als Baby linksseitig völlig gelähmt hatte, war ich frei, meinen Cousin zu heiraten, mit dem ich im Alter von drei Monaten verlobt worden war. Er wohnte zu Hause in Multan im Staat Punjab, und wartete dort auf die Nachricht, ob ich gesund werden würde. Falls aber keine Aussicht auf Genesung bestand, würde die Verlobung aufgelöst werden, was für mich eine größere Schande bedeutete, als wenn ich verheiratet gewesen und dann von meinem Mann geschieden worden wäre. Draußen waren Schritte zu hören. Salima und Sema sprangen auf und zupften hastig ihre langen, schalähnlichen dopattas zurecht. Salima zog den meinen schnell über mein Gesicht, während ich ausgestreckt auf dem Bett liegen blieb. Ich zitterte, aber nicht vor Kälte. Ich musste die Zähne zusammenbeißen, damit sie nicht so laut klapperten.
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Der Schleier zerriss Die Tür öffnete sich, und mein Vater trat mit dem Arzt ins Zimmer. „Guten Morgen“, sagte eine angenehme Stimme in ausgesprochen höflichem Ton. Ich konnte das Gesicht dieses Dr. David nicht sehen, aber er verbreitete eine Atmosphäre von Autorität und Wissen um sich. Starke Hände schoben den langen Ärmel meines Gewandes hoch und befühlten zunächst den schlaffen linken Arm, danach auch das kraftlose linke Bein. Eine Minute verstrich, dann richtete sich der Spezialist auf. „Dafür gibt es keine Medizin – nur Gebet“, sagte Dr. David, an meinen Vater gewandt. Die ruhige Entschiedenheit seiner Worte ließ keinen Zweifel aufkommen, dass das Urteil endgültig war. Auf meinem Bett liegend, hörte ich den unbekannten englischen Doktor den Namen Gottes nennen. Ich war verwirrt. Was konnte er schon von Gott wissen? Aus seiner freundlichen, mitfühlenden Art entnahm ich, dass er unsere Hoffnungen auf Heilung zunichte gemacht hatte, und doch hatte er auf das Gebet hingewiesen. Vater begleitete ihn zur Zimmertür. Dann kam er zurück und sagte: „Das war gut für einen Engländer, uns zu sagen, wir sollten beten.“ Salima schlug meinen dopatta zurück und half mir, mich aufzusetzen. „Vater, kann er mich denn nicht gesund machen?“ Ich konnte es nicht verhindern, dass meine Stimme zitterte. Schon wollten die Tränen kommen. Vater streichelte meine leblose Hand und erwiderte rasch: „Es bleibt uns jetzt nur noch eine Möglichkeit: Wir müssen an der Himmelstür anklopfen. Wir fahren nach Mekka, wie geplant. Gott wird unsere Gebete erhören, und dann kehren wir vielleicht doch noch mit Jubel nach Hause zurück.“ Er lächelte mich an und ich versuchte, sein Lächeln zu erwidern. Mein Kummer war auch der seine, das wusste ich, aber er schien nicht verzweifelt. Seine Stimme verriet neue Hoffnung. Gewiss würde unser Herzenswunsch in Erfüllung gehen, wenn wir erst in Mekka oder an der heilenden Quelle von Zamzam wären.
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Nach Mekka Wir blieben noch ein paar Tage im Hotel, während Vater sich um den Flug nach Djidda kümmerte, wohin alle Mekkapilger gewöhnlich fliegen. Er hatte das bisher absichtlich nicht getan, weil er zunächst abwarten wollte, was bei der Untersuchung herauskommen und welche Behandlung man ihm empfehlen würde. Die ganze Reise war von ihm so geplant worden, dass sie kurz vor den alljährlichen Pilgermonat fiel, damit wir nach meiner Genesung nach Mekka fahren konnten, um dort unserer Dankbarkeit Gott gegenüber Ausdruck zu verleihen. Während wir auf die Buchung warteten, besuchte Vater manchmal Freunde unter der pakistanischen Bevölkerung Londons, oder sie kamen zu ihm. Normalerweise hätten die Frauen dieser Familien mir ebenfalls einen Besuch abgestattet, aber ich schämte mich wegen meiner Behinderung. Zudem war ich es auch zu Hause nicht gewohnt, Fremde zu empfangen, und so klopften nur wenige Besucherinnen bei mir an. Wer sieht auch schon gerne verdorrte Gliedmaßen, bei denen die Haut schwarz und schrumpelig herumhängt und die Finger – falls man sie überhaupt als solche bezeichnen kann – nicht mehr sind als eine gallertartige Masse ohne jegliche Muskelkraft? In einem Alter, in dem meine Freundinnen bereits von dem Tag träumen, an dem sie das rote Hochzeitskleid mit der Goldstickerei anlegen und juwelengeschmückt und mit einer guten Aussteuer versehen in ihres Mannes Haus einziehen würden, musste ich mich mit dem Gedanken abfinden, einer einsamen Zukunft entgegenzugehen, abgeschnitten von aller Welt. Ich war ein Niemand, unfähig, je eine richtige, echte Frau zu sein – ein unnützes Wesen, verborgen hinter einem Schleier der Schmach. Wir befanden uns im zweiten Stock des Hotels, in einem gemütlichen Zimmer, das an Vaters angrenzte. Der Boden war mit einem dicken Teppich belegt, und ein Badezimmer gehörte auch dazu. Salima und Sema schliefen mit in meinem Zimmer auf einem Klappbett und wechselten sich nachts mit Wachen ab, um zu meiner Verfügung zu stehen und mir, wenn nötig, Hilfe zu leisten. Außer meiner Pflege und der Aufgabe, unsere Unterwäsche im Badezimmer mit der Hand zu waschen, hatten die beiden nicht viel zu tun.
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Der Schleier zerriss Dennoch verging die Zeit dank der mitgebrachten Bücher und mit den täglichen fünf Gebetszeiten sowie den immer wiederkehrenden Routinearbeiten wie Waschen, Anziehen, Essen usw. verhältnismäßig schnell, zumal diese Dinge sowieso mehr Zeit in Anspruch nehmen, wenn ein Mensch behindert ist. Zwischendurch hörte ich dem unterhaltsamen Geplauder meiner Dienerinnen zu. Sie unternahmen gelegentlich einen kleinen Streifzug in die Empfangshalle im unteren Stockwerk, waren jedoch zu ängstlich, um sich allein auf die Straße zu wagen. Meistens begnügten sie sich damit, die Welt durchs Zimmerfenster zu betrachten, wobei sie mich darüber auf dem Laufenden hielten, was es draußen alles zu sehen gab. Sie reagierten wie typische pakistanische Dorfmädchen, und oft brachten sie mich mit ihren Bemerkungen zum Lachen. „Oh, sieh dir bloß die schöne Stadt an“ (das war Salima). „So viele Leute gehen spazieren, und dann die vielen Autos!“ Ein andermal schrie Sema auf: „Oh, die Frauen haben nackte Beine! Schämen die sich denn gar nicht? Männer und Frauen gehen zusammen spazieren, sogar Hand in Hand! Jetzt geben sie sich einen Kuss! Oh, sie kommen bestimmt in die Hölle!“ Wir waren von klein auf strengen Regeln unterworfen gewesen, was Kleidung und Benehmen betraf. Wir bedeckten unseren ganzen Körper, vom Hals bis zu den Knöcheln, züchtig mit der im Punjab üblichen Tracht, dem Shalwar Kameeze, bestehend aus einem weiten Kasack über einer ebenso weiten Hose, die um die Knöchel zusammengerafft war. Um den Hals trugen wir ein breites, fein gewebtes Tuch, dopatta genannt, mit dem wir, falls notwendig, unseren Kopf bedecken oder es vor das Gesicht ziehen konnten, und wenn es kalt war, wickelten wir uns zusätzlich in einen warmen Schal ein. Verließen wir das Haus, so trugen wir stets die burka, einen langen, undurchdringlichen Schleier, der uns von Kopf bis Fuß einhüllte und vorne nur einen netzüberzogenen Augenschlitz hatte, durch den man sehen konnte. Die burka machte jede normale Unterhaltung auf der Straße unmöglich und beeinträchtigte zudem stark
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Nach Mekka das Seh- und Hörvermögen der Trägerin im Straßenverkehr. Doch zu jener Zeit, von der ich hier berichte, hätten wir die Vorschriften, die unser Leben beherrschten, niemals in Frage gestellt, ja, es wäre uns ein schrecklicher Gedanke gewesen, uns den herkömmlichen Sitten zu widersetzen. Für uns war der Schleier sogar ein gewisser Schutz. Wir konnten durch ihn zwar die Welt in etwa sehen, aber sie konnte uns nicht sehen. Als wir die Frauen in London mit ihren unzüchtigen Miniröcken herumlaufen sahen, die ein ganzes Stück oberhalb des Knies endeten, war es uns allen Dreien klar, dass dieses die sündhafteste Stadt auf der ganzen Welt sein musste. In unserem Land, und ganz besonders in meiner Heimatstadt, wäre es unschicklich gewesen, mit einem Mann zu sprechen, der nicht zur engsten Verwandtschaft gehörte. Ziel dieser Vorschrift, wie überhaupt des gesamten purdah, war natürlich die Reinhaltung der Familienehre. Nicht der leiseste Hauch eines Verdachts durfte auf die Töchter einer moslemischen Familie fallen. Die Strafe für Indiskretion konnte furchtbar sein. Dreimal täglich wurde uns das Essen von einem Kellner auf einem Wagen gebracht und die Mädchen nahmen es an der Tür in Empfang. Manchmal war auch ein englisches Servierfräulein dabei, dann schloss ich schnell die Augen, um ihre nackten Beine nicht sehen zu müssen. Ich war das Hotelessen bereits gründlich leid. Vater bestellte jeden Tag Hähnchen für uns, weil das halad war, erlaubtes Fleisch, das auf die vorgeschriebene Art und Weise geschlachtet worden war. Schweinefleisch war haram, verboten – schon wenn man das Wort „Schwein“ nur aussprach, machte man sich den Mund schmutzig. Bis zum heutigen Tag benutze ich, wenn ich davon spreche, das Wort „barla“, das im Dialekt des Punjab so viel wie „Außenseiter“ bedeutet, so sehr hat mich meine Erziehung geprägt. Bei allen anderen Fleischsorten musste man annehmen, dass sie ebenfalls im Schweinefett gebraten worden waren. Zum Hähnchen gab es Gemüse und Reis und als Nachtisch Eis. Wir tranken gewöhnlich Coca-Cola und
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Der Schleier zerriss hielten uns davon auch einen Vorrat in unserem Zimmer. Vergebens sehnte ich mich nach den gewohnten Curry- und Kebabgerichten, vergebens auch nach den Pfirsichen und Mangos, die auf unseren Bäumen zu Hause wuchsen. Vater half mit, mich bei guter Laune zu halten, indem er hin und wieder einen kurzen Ausflug mit mir unternahm. Einmal zeigte er mir das Hotel, und ein paar Mal fuhr er mit mir und den Dienerinnen in einem Taxi durch die Umgebung. Dabei erklärte er mir, warum die Ingrez nicht so waren wie wir. „Dies ist ein christliches Land“, sagte er. „Die Leute hier glauben, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist. Natürlich haben sie unrecht, denn Gott war nie verheiratet, wie kann er da einen Sohn haben? Trotzdem sind sie auch ‚Menschen des Buches‘ wie wir. Muslime und Christen besitzen dasselbe Buch.“ Das konnte ich nicht verstehen. Wie war es möglich, dass sie dasselbe Buch hatten wie wir und trotzdem so anders waren? „Sie haben die Freiheit, vieles zu tun, was wir nicht dürfen“, fuhr Vater fort. „Sie essen Schweinefleisch und trinken Alkohol. Es gibt keinen Abstand zwischen Männern und Frauen. Sie leben zusammen, ohne verheiratet zu sein, und die heranwachsenden Kinder haben keinen Respekt vor den älteren Leuten. Aber sonst sind es gute Menschen. Sie sind pünktlich und haben gute Prinzipien. Wenn sie etwas versprechen, halten sie es auch – im Gegensatz zu den Asiaten.“ Auf diesem Gebiet war Vater ein Fachmann. Durch den Export der Baumwolle, die er in Pakistan anbaute, hatte er ständig mit Ausländern zu tun. „In Bezug auf die Religion mögen wir unterschiedlicher Ansicht sein, aber es sind sympathische, verständnisvolle Leute, die sich untereinander helfen, und sie sind menschenfreundlich“, schloss er seine Erklärungen. Ich dachte über die Gegensätzlichkeit der Ingrez nach – ein freundliches Volk, das in einem sanften, grünen, von häufigen Regen-
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Nach Mekka fällen getränkten Land wohnte und dessen heiliges Buch ihm doch solche Freiheiten ermöglichte. Dabei war unser heiliges Buch mit dem ihren verwandt. Worin bestand der wahre Unterschied zwischen ihnen und uns? Das Problem war zu schwierig für ein vierzehnjähriges Mädchen. So gab ich den Gedanken auf und befasste mich lieber mit der bevorstehenden Pilgerreise. Es dauerte viele Jahre, bevor ich wieder mit der gleichen Frage konfrontiert wurde, doch als es so weit war, konnte ich sie nicht mehr so einfach beiseiteschieben.
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