Paul Kรถnig Frei vom verklemmten Erbe
Paul König
Frei vom verklemmten Erbe Warum viele Christen so wenig von gutem Sex verstehen – und wie sich das ändern kann
© Copyright 2013 by Asaph-Verlag 1. Auflage 2013 Bibelzitate wurden, wenn nicht anders angegeben, der Revidierten Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R. Brockhaus, Witten entnommen. Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, Schorndorf (unter Verwendung eines Fotos von © chelloveck/istockphoto.com) Satz/DTP: Jens Wirth Druck: cpibooks Printed in the EU ISBN 978-3-940188-65-6 Bestellnummer 147465
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort des Autors ........................................................................ 7 Kapitel 1: Unser verklemmtes Erbe .............................................11 Kapitel 2: Die Geschichte der Prüderie....................................... 23 Kapitel 3: Christen und Sex – ein Sinnbild für Inkompetenz ..... 39 Kapitel 4: Warum die Porno-Welle die Christen voll erwischt hat .... 49 Kapitel 5: Ein weitverbreiteter Seelsorger-Irrtum....................... 59 Kapitel 6: Wie guter Sex aussehen kann: das Hohelied .............. 65 Kapitel 7: Eine Botschaft nur für Männer................................... 77 Kapitel 8: Eine Botschaft nur für Frauen .................................... 84
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Kapitel 9: Das Paulus-Prinzip oder: Das am meisten ignorierte Bibelwort im Neuen Testament................. 93 Kapitel 10: Dein Problem ist mein Problem............................... 101 Kapitel 11: Zweierlei MaĂ&#x;.......................................................... 107 Kapitel 12: Und jetzt?..................................................................116 Ausblick . ................................................................................. 128 Anhang: Zwei Checklisten.......................................................... 135 Quellennachweis......................................................................... 138
Vorwort des Autors
Kann man denn über ein solch intimes Thema ein Buch mit dem Anspruch der Allgemeingültigkeit schreiben? Man kann. Man muss es sogar, wenn Gott einem keine Ruhe lässt. Oder wenn man sieht, dass entscheidende biblische Wahrheiten in weiten Teilen der Christenheit schlichtweg ignoriert werden oder unterbelichtet sind. Aber gibt es denn keine wichtigeren Themen, mit denen ein Christ sich beschäftigen sollte? Doch, auf jeden Fall! Sex ist die „schönste Nebensache der Welt“. Das soll er auch bleiben. Gleichzeitig darf man jedoch die Wichtigkeit dieser Nebensache nicht unterschätzen. Sowohl eine erfüllte als auch eine problembehaftete oder vernachlässigte Sexualität wirken sich auf die ganze Beziehung eines Paares und auf fast alle Lebensbereiche eines Menschen aus. In diesem Buch kann ich natürlich nicht auf jeden einzelnen dieser Aspekte eingehen. Ebenso
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wenig will ich eine theologisch-theoretische Analyse abliefern, was Sexualität ist und was nicht. Vielmehr möchte ich sehr praktische und augenöffnende Hinweise aus der Bibel geben und so diese schönste Nebensache mit vielen Anregungen und Tipps beleuchten. Stichwort „beleuchten“: Dieses Buch erhebt keinen Anspruch darauf, alles Bisherige zu ersetzen – im Sinne von „Vergiss alles, was du bisher an Literatur zu diesem Themenbereich gelesen hast“. Nein, es versteht sich als Ergänzung, als Scheinwerfer auf einen Teilbereich, der bisher allzu oft im Dunkeln blieb – vielleicht, weil er als zu herausfordernd oder zu ungeheuerlich empfunden wurde. Vielleicht auch, weil man mehr auf moderne Methoden und Erkenntnisse vertrauen mochte als auf die Bibel. Ich setze diesen Scheinwerfer, weil ich festgestellt habe, dass christliche Paare oftmals grundlegende biblische Anleitungen nicht kennen – und dabei in Schwierigkeiten geraten. Im Verlauf des Buches illustriere ich das Thema mit einigen Beispielen aus dem Leben von Menschen, mit deren Schicksalen ich in Berührung gekommen bin. Naturgemäß sind diese Berichte sehr persönlich, sodass ich es vorgezogen habe, unter einem Pseudonym zu schreiben. Ich tue dies nicht in erster Linie für mich, sondern um die Betroffenen sowie deren Umfeld vor unqualifizierten Reaktionen zu schützen. Ansonsten kann sich der Leser (den ich als Mitglied der Familie Gottes mit „du“ anreden werde) sicher sein, dass nur der Name des Autors nicht stimmt. Der Rest ist die reine Wahrheit – zum Teil eine erschreckende Wahrheit. Apropos Mitglied der Familie Gottes: Dieses Buch ist für Christen gedacht. Und da der Begriff „Christ“ heutzutage vielfach unscharf verwendet wird, stelle ich klar: Ich meine damit Menschen, die ihr Leben in einer bewussten Entscheidung Jesus Christus anvertraut haben. Ein Christ im biblischen Sinne ist ein Christusnachfolger – jemand, der sein Leben an der Bibel ausrichten und Jesus immer ähnlicher werden will. Das heißt, ein Christ ist sich seiner Unvollkommenheit und seines Bedarfs an göttlicher Vergebung bewusst. Wer sich hier nicht ganz sicher ist, dem empfehle ich die überkonfessionelle Webseite www.gottkennen.de. Dort kann man auf einer interaktiven Reise mehr über Gott erfahren.
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Ich selbst komme aus dem freikirchlichen Umfeld. Deshalb benutze ich zum Beispiel eher Begriffe wie Gemeinde statt Kirche, Pastor statt Pfarrer oder Ältester statt Kirchenvorsteher oder Presbyter. Störe dich gegebenenfalls nicht daran, sondern übertrage das, was du liest, auf deine persönliche Situation. Ob du dieses Buch mit Gewinn lesen wirst, ist vollkommen unabhängig von deiner Konfession. Es ist in erster Linie abhängig von deiner Offenheit und Unvoreingenommenheit. Und egal, ob du evangelisch, katholisch oder freikirchlich bist: Stell dich darauf ein, dass sich jede dieser Richtungen in diesem Buch kritische Anfragen gefallen lassen muss. Denn sie alle haben über Jahrhunderte hinweg auf unterschiedliche Weise unser verklemmtes Erbe geprägt. Unnötig zu betonen, dass auch ich nicht „die Weisheit mit Löffeln gefressen“ habe. Ich bediene mich in erster Linie des Wortes Gottes, aus dem allein ich echte Weisheit beziehen kann. Gleichzeitig schaue ich zurück auf eine lange Erfahrung als Verantwortlicher in einer Ortsgemeinde, als Berater und Prediger, als Ehemann und Familienvater. Auch als Ehe-Seelsorger und Ehe-Beseelsorgter sowie als Schriftsteller und Publizist konnte ich Erfahrungen sammeln. Zuallererst aber blicke ich auf eine lange Zeit als Christ und Leiter zurück, in der ich viel lernen durfte und zudem viele Prägungen, Kirchen, Gemeinden und Einzelschicksale kennengelernt sowie unzählige Seminare und Weiterbildungen gegeben und genossen habe. Trotzdem gilt auch für mich das, was Paulus in Philipper 3 in einem anderen Zusammenhang so ausdrückt: „Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen bin.“ Lass uns also gemeinsam auf die Suche gehen. Denn es gibt viel Erstaunliches zu entdecken – mehr, als du vielleicht bis jetzt zu träumen gewagt hast. Paul König
Kapitel 1
Unser verklemmtes Erbe
Stell dir einmal folgende Situation in einer christlichen Gemeinde vor: Ein junges Paar will heiraten. Eines Sonntags kommen sie in der Gemeinde nach vorn und geben Folgendes bekannt: „Wir wollen ja in Kürze heiraten. Einen Ehe-Vorbereitungskurs haben wir schon gemacht und als sehr hilfreich empfunden. Doch wer könnte uns beim Weg in die Ehe begleiten, sozusagen als Coach? Man muss doch nicht jeden Fehler selbst machen, sondern kann aus den Erfahrungen anderer lernen. Wir suchen deshalb ein erfahrenes Ehepaar, mit dem wir uns gerade in den ersten Ehemonaten regelmäßig treffen und austauschen können. Wir wollen über alles sprechen, was Ehe ausmacht: über gegenseitiges Verstehen, Herzensaustausch, Freizeitgestaltung, die Tücken des Alltags – und auch über Sex und Erotik. Wir wünschen uns offene, ehrliche Gespräche und Tipps und Tricks aus eurer Ehe-Erfahrung. Wer wäre dazu bereit?“
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Nun – welche Reaktion würdest du in deiner Gemeinde erwarten? Würden die erfahrenen Ehepaare gleich die Köpfe zusammenstecken und absprechen, wer diesem jungen Paar weiterhelfen kann? „Ginge das vielleicht diesmal bei euch? Wir haben schon ein Paar, das wir gerade betreuen, das wird uns sonst zu viel in diesem Jahr.“ „Aber ja – kein Problem, wir sind gerade frei dafür. Aber vielleicht haben Müllers, Meiers oder Schulzes auch Interesse?“ Und nach vorne gerichtet: „Ihr beiden – wir treffen uns nach dem Gottesdienst hinten am Büchertisch. Da besprechen wir dann, wer für euch am besten in Frage kommt. Schön, dass ihr danach fragt!“ So oder ähnlich wäre doch die Reaktion in deiner Gemeinde – oder etwa doch nicht? Du fürchtest, dass auf die Frage der jungen Eheanwärter vielleicht nur betretenes Schweigen zu hören wäre, verbunden mit einer blitzartig auftretenden „Oh wie peinlich“-Atmosphäre? Du könntest dir auch gar nicht vorstellen, wer von den erfahrenen Ehepaaren dazu bereit wäre? Vielleicht würde auch alles zum Pastor und seiner Frau schauen: Er ist doch der Profi. Soll er sich doch um die jungen Leute kümmern, schließlich wird er dafür bezahlt. Aber wie es bei uns in Sachen Ehe, Kommunikation, Sex und Erotik aussieht, das wollen wir mit diesem jungen Paar lieber nicht teilen … Ende des Gedankenprotokolls. Du vermutest, deine Gemeinde eher in der zweiten Beschreibung wiederzufinden? Willkommen im Club. Und weil man das in der Regel bereits spüren kann, ist es schon unrealistisch genug, dass ein Paar wie das in unserem fiktiven Beispiel überhaupt nach vorne käme, um so etwas zu fragen. Denn wer will sich schon lächerlich machen und für peinliche Situationen sorgen? Es ist schon ein Jammer, was in vielen christlichen Gemeinden zum Thema Sex geboten oder eben nicht geboten wird. Wobei die Thematik allerdings nicht vollends totgeschwiegen wird. Schon längst setzt man sich vielerorts nicht mehr dem Vorwurf der Leibfeindlichkeit aus. „Sex ist eine gute Gabe Gottes, und die ist im schützenden Rahmen der Ehe am besten aufgehoben“ – so oder ähnlich hört man es vielfach in christlichen Kreisen. Geht es dann aber in die Praxis, sehen
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sich die Menschen alleingelassen. Denn seit Urzeiten, so möchte man meinen, haftet der Materie unter Christen der Geruch des Reiz- und Tabuthemas an, das man besser nicht zu offen angeht. Wie eine undurchdringliche Mauer scheint die Christen etwas davon abzuhalten, Gottes Willen zu seiner Erfindung „Sex & Erotik“ herauszufinden. Woraus besteht diese Mauer? Ich nenne es „unser verklemmtes Erbe“. Ein ungöttliches Erbe, das biblische Sex- und Erotikanleitungen seit Jahrtausenden verhüllt, diskreditiert, umdeutet oder verschweigt. Ein Erbe, welches dafür sorgt, dass viele Christen so wenig von gutem Sex verstehen. Ein Erbe, das aber gerade von ihnen offenbar am willigsten akzeptiert, gepflegt und weitergereicht wird. Und ein Erbe, das wir, so finde ich, schnellstens loswerden sollten – je früher, je besser. In diesem ersten Kapitel möchte ich mich mit einigen einleitenden Grundaussagen zu diesem verklemmten Erbe beschäftigen. Aussagen, die enorm wichtig sind für Heilung, Freisetzung und die Rückkehr zu den größtenteils unbeachteten biblischen Normen.
1. Das verklemmte Erbe hat eine lange Geschichte … … und diese Geschichte prägt das Gesicht der heutigen christlichen Kirche und Gemeinde wie kaum eine andere Fehlentwicklung. Wer also diese Prägung durch Verklemmtheit und Leibfeindlichkeit besiegen und loswerden möchte, sollte zunächst ihre Ursprünge, ihre Mechanismen und deren Auswirkung bis in die heutige Zeit hinein verstanden haben. Aus diesem Grund widme ich die beiden folgenden Kapitel der Geschichte der Prüderie und der Frage, warum Christen in Sachen Sex zu einem Sinnbild für Inkompetenz geworden sind.
2. Verklemmtheit beginnt mit der Erziehung Ein entscheidender Punkt! Wer trägt für die Kindererziehung in erster Linie die Verantwortung? Nicht der Kindergarten. Nicht die Schule. Nicht die Gemeinde. Es sind die Eltern. Obwohl auch alle anderen genannten Institutionen Einfluss nehmen, sind doch die Eltern von Anfang an nicht nur die Erziehungsberechtigten, sondern auch
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die Erziehungsverantwortlichen. Das gilt auch und gerade für die Sexualerziehung. Diese Erziehung wirkt beim Kind prägend für das weitere Leben und die Sicht über Sexualität. Kommt es hier zu Verbiegungen, dann hat das besonders weitreichende Konsequenzen, denn die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung ist mit nichts vergleichbar. Die Tragik, mit der Christen sich auseinandersetzen sollten: Durch die über viele Jahrhunderte bestehende Verknüpfung von Leibfeindlichkeit und Christentum wurde christliche Erziehung allzu oft zum Multiplikator des verklemmten Erbes. Soll man deswegen christliche Erziehung ablehnen? Oder machen Nichtchristen alles richtig? Keineswegs. Was ich damit ausdrücken will, ist, dass die verklemmte Erziehung mit vermeintlich christlichem Hintergrund in genau diesem Bereich – Ehe, Partnerschaft und Sex – negative Früchte trägt. Durch eine christliche Erziehung sollen Kinder früh mit guten, biblischen Werten vertraut gemacht werden: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Respekt, Freundlichkeit, Selbstannahme und vielem mehr. Sie sollen schon früh im Kindergottesdienst von der Liebe Gottes zu ihnen erfahren und sich dafür entscheiden können, ihr Leben Jesus anzuvertrauen. All dies sind gute Dinge. All dies gehört zu den Privilegien einer christlichen Erziehung, zu einem guten Erbe, das sich weiterzugeben lohnt. Aber es neutralisiert nicht das verklemmte Erbe, das für Ehe und erfüllten Sex untauglich macht. Um das zu illustrieren, lass uns doch mal mit fünf einfachen Fragen überprüfen, wie deine Sexualerziehung ausgesehen hat. 1. Wurde zu Hause a. offen und natürlich über Sexualität gesprochen oder b. war das Thema ein Tabu? 2. Wurdest du a. von deinen Eltern aufgeklärt und hat das Gespräch darüber allen Spaß gemacht oder b. wäre das so undenkbar gewesen?
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3. Hast du bei deinen Eltern a. gegenseitige Zärtlichkeiten, Küsse und sanfte Berührungen erlebt oder b. eher Distanz und Entfremdung? 4. Wurde mit Nacktheit in deiner Familie a. locker und natürlich umgegangen oder b. war sie streng verpönt? 5. War Kuscheln, Umarmen, Nähe und Körperkontakt in deiner Familie a. vollkommen normal und kam oft vor oder b. blieb man eher auf Abstand? Meine Beobachtung ist, dass jeweils Option b in zu vielen christlichen Familien Realität war und ist. Das treibt manchmal seltsame Blüten. Ein Mitarbeiter eines christlichen Dienstes erzählte folgende Begebenheit: Er und sein Team hatten ein Wochenende für Ehepaare vorbereitet. Wie bei solchen Wochenenden üblich, ging es unter anderem um Vertiefung der Ehebeziehung, darum, einander noch besser kennenzulernen. Für einen Abend hatte das Team einen Tanzabend organisiert. Darüber empörte sich ein Ehepaar. Christen hätten sich von solch weltlichen Dingen wie Tanzen fernzuhalten. „Das Bein, das sich zum Tanze regt, das wird im Himmel abgesägt!“ – so ihre Überzeugung. Du brauchst diesen Satz nicht in der Bibel zu suchen, er steht dort nicht drin. Nun tanzt nicht jeder gerne. Und es wäre nichts dabei gewesen, wenn dieses Ehepaar gesagt hätte, dass sie nicht tanzen mögen und sich stattdessen lieber am Tisch unterhalten. Aber ihre Einstellung, dass Christen weltlichen Vergnügungen zu entsagen hätten, ging so weit, dass sie am selben Abend das Ehe-Wochenende abbrachen, ihre Sachen packten und nach Hause fuhren. Wie mag dieses Ehepaar wohl über Sex und Erotik denken? Beachte dabei: Diese beiden waren nicht so auf die Welt gekommen! Ihre Erziehung hatte sie so geprägt. Nun war sich dieses Ehepaar wenigstens einig. Noch größere Probleme entstehen jedoch, wenn zwei heiraten wollen, von denen
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zum Beispiel er nach Option a erzogen wurde und sie nach Option b. Kannst du dir vorstellen, wie es solch einem Paar in den Flitterwochen ergehen würde? Vielleicht flittert da gar nichts! Vielleicht erweist sie sich als kühle und abweisende Frau, die ihm sexuell aus dem Weg geht, wo immer sie das nur kann. Vielleicht weiß sie gar nicht, dass er nicht nur Ehemann, sondern auch Liebhaber sein möchte. Und vielleicht weiß sie gar nicht, was das überhaupt ist, weil sie es nie gelernt hat. Leibfeindliche Erziehung fordert gnadenlos ihren Tribut. Und solange das verklemmte Erbe nicht erkannt, benannt, bekannt und bereinigt ist, wird es sich immer auch in die nächsten Generationen hinein fortsetzen. Damit sind wir beim nächsten Punkt:
3. Schuld muss beim Namen genannt werden Wir haben uns mit verklemmter Erziehung beschäftigt und mit möglichen Fehlern der Erziehenden. Und da die Bibel uns lehrt, die Eltern zu ehren, werde ich keinen Zornesbecher der Verdammnis über die Kriegs- und Nachkriegs-Generationen von Eltern ausgießen – jenen Generationen, zu denen deine und meine Eltern und Großeltern gehören. Sie taten oft ihr Bestes und hatten vielleicht nur geringe Chancen, es besser zu machen. Unser verklemmtes Erbe hat sicher auch in ihrer Wiege gelegen. Und dennoch war die Weitergabe dieses Erbes eine – wenn auch unbewusste – schuldhafte Handlung, die benannt werden muss, damit sie vergeben werden kann. Das bedeutet: Eine leibfeindliche, prüde Erziehung fügt dem Kind inneren Schaden, Deformierungen und Verletzungen zu. Und wenn ich eines über Seelsorge gelernt habe, dann das: Du heilst Verletzungen nicht dadurch, dass du versuchst, den Verletzenden zu entschuldigen. Wenn du von einer seelischen Verletzung geheilt werden willst, musst du als erstes die Verletzung als schuldhafte Handlung benennen. Solange du versuchst, den Verletzenden zu entschuldigen („Er konnte selbst nichts dafür … er hatte selbst so eine schwere Kindheit … er hat es ja eigentlich gar nicht gewollt …“), solange bleiben dir die Türen zur Heilung verschlossen. Das hat nichts mit Überheblichkeit oder Verurteilung zu tun. Du musst anerkennen: Ja, XY hat mir Unrecht
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getan, hat mich verletzt, ist an mir schuldig geworden – und das hat mir Schaden zugefügt. Punkt. Kein Entschuldigen durch Umstände, keine Nachsicht, weil XY doch zu meiner Familie gehört, keine frommen Erklärungsversuche. So schlimm es klingt: Dadurch würdest du den Weg zur Vergebung versperren! Vergeben heißt eben nicht, „War doch gar nicht so schlimm“ zu sagen, sondern: „Doch – es war schlimm und es hat Schaden angerichtet. Aber weil Gott mir vergeben hat, vergebe ich auch dir.“ Auch das verklemmte Erbe muss beim Namen genannt werden. Wer immer es dir weitergegeben hat (meistens die Eltern) – du sollst es loswerden, um deines Ehepartners willen, um deiner Kinder willen, um Gottes willen. Benenne die Schuld. Benenne die Schuldigen. Vielleicht kannst du mit deinen Eltern nicht darüber reden, weil sie es nicht verstehen würden oder schon gestorben sind. Aber nenne die Schuld beim Namen. Und dann vergib von Herzen. Falls du dir in der Einschätzung deiner Erziehung und empfangener Defizite nicht sicher bist: Du hast noch das ganze Buch Zeit zu prüfen, wie intensiv du davon betroffen bist. Im letzten Kapitel kannst du entscheiden, in welche von mehreren Gruppen du tendenziell einzuordnen bist. Zu jeder dieser Gruppen gibt es dann seelsorgerliche Tipps. Ich kann in diesem Buch nicht näher auf das umfangreiche Thema Vergebung eingehen. Dazu gibt es gute Literatur und ebenso gute Seminare, über welche sich die Hersteller von Papiertaschentüchern genauso freuen wie über die nächste Erkältungswelle. Ich möchte dir an dieser Stelle nur vermitteln, dass es eine wichtige Grundvoraussetzung ist, die Dinge beim Namen zu nennen. Ebenso wenig kann ich auf Fälle eingehen, in denen ein verklemmtes Erbe andere Ursachen hat. Mein Thema in diesem Kapitel ist eine leibfeindliche, pseudoreligiöse Erziehung, die aus meiner Sicht eine seelische Form sexuellen Missbrauchs darstellt. Wenn sexuelle Verklemmtheit z. B. die Folge eines körperlich-sexuellen Missbrauchs ist, sollte sich der Betroffene in jedem Fall in die Betreuung geschulter Seelsorger und/ oder christlicher Psychologen begeben.
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4. Dein Gemeindehintergrund tut nichts zur Sache Sucht man Themen wie Leibfeindlichkeit im Internet, trifft man zwangsläufig auf den „Kirchenvater“ Augustinus und die katholische Kirche. Auch die öffentlich diskutierten Fälle sexuellen Missbrauchs finden oftmals im katholischen Raum statt. Nun könnten Protestanten und Freikirchler denken, dass sie das Thema Leibfeindlichkeit doch nichts anginge. Schließlich erkennt man doch Sexualität als gute Gabe Gottes an und beruft sich dabei zu Recht auf die Bibel. Und allen voran hat doch selbst Oberreformator Martin Luther nicht nur die Unverschämtheit besessen, den Zölibat zu brechen, sondern bereits im 16. Jahrhundert ein Thema wie die eheliche Sexfrequenz angesprochen. Zumindest wird ihm das Zitat zugeschrieben: „In der Woche zwier, macht im Jahre hundertvier, schadet weder ihr noch mir.“ So was hätte selbst Paulus nicht besser schreiben können. Dennoch ist Leibfeindlichkeit auch im nicht-katholischen Umfeld zu finden. Selbst moderne Freikirchen schütten beim Thema sexuelle Reinheit allzu oft das Kind mit dem Bade aus. Vor lauter Anstrengung, sich von einer total sexualisierten Welt zu distanzieren, vergisst man, seine Söhne und Töchter zu guten Liebhabern zu erziehen. So wachsen Kinder mit der Wahrnehmung auf, dass Gottes angeblich gute Gabe der Sexualität in der Gemeinde totgeschwiegen wird. Die Folge sind Heranwachsende, deren Umgang mit Sexualität angstund vermeidungsorientiert ist. Vielleicht halten sie sich sogar vor der Ehe sexuell zurück, wollen ihren Körper nur an den Ehepartner verschenken und an niemand anderen. Was dieses Verschenken dann aber eigentlich bedeuten soll, davon haben sie meist keine Ahnung. Selbst Grundlagen, die in diesem Buch in den Kapiteln 6 und 9 stehen, wurden ihnen nicht vermittelt. Stattdessen müssen sie unter Schmerzen herausfinden, dass Reinheit nicht unbedingt Dummheit oder Ignoranz bedeuten muss. Ich kann sogar von der Tochter eines Gemeindeverantwortlichen berichten, die noch kurz vor ihrer Heirat in Sachen Sex und Verhütung keine, aber auch nicht die geringste Ahnung über die banalsten biologischen Grundlagen hatte. Eine Freundin musste ihr kurz vor der
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Hochzeit erklären, was denn beim Mann passiert, wie man schwanger werden kann – und was man tun sollte, um nicht gleich schwanger zu werden. Wohlgemerkt, diese Tochter kam aus einem angesehenen, christlichen Elternhaus.
5. Nicht alles, was aus der Welt kommt, ist abzulehnen Ein weiterer Punkt, der sich bei uns Christen ändern muss, wenn wir das verklemmte Erbe aus unseren Familien und Gemeinden verbannen wollen: Wir müssen lernen, dass aus „der Welt“ (dem nichtchristlichen Umfeld) nicht nur Schlechtes kommt. Diese oft anzutreffende innere Haltung hat ihren Ursprung in eigentlich guten Grundwahrheiten: Gott ist der Schöpfer dieser Welt und hat die Urheberrechte auf das Leben. Er weiß also am besten, wie alles funktioniert. Die Welt hingegen ist gefallen und wird vom „Gott dieser Welt“ (damit meint die Bibel den Widersacher Gottes, den Teufel) beherrscht. Unter dieser Herrschaft wurden und werden viele gute Gaben Gottes pervertiert: Der kreative Intellekt schuf die Atombombe, die Menschen mit Leitungsgaben wurden zu Tyrannen, die zu bewahrende Schöpfung wurde zum Objekt des Raubbaus degradiert – und Sex degenerierte zur rücksichtslosen Lustbefriedigung. Was also sollte uns so eine Welt Wertvolles mitzuteilen haben? Gegenfrage: Warum haben wir, die Christen, der Welt so viele Themenbereiche kampflos überlassen? Warum erzielen Nichtchristen mit der Kopie biblischer Prinzipien ungleich größere Erfolge als die Christen mit dem Original? Ich bin schon in vielen Management- und Vertriebs-Seminaren gewesen und war erstaunt, wie viele biblische Prinzipien dort zugrunde gelegt werden. Noch erstaunter war ich, als ich merkte, wie diese Prinzipien im Bereich der Gemeinden nur ein Schattendasein fristen. Ein Beispiel: Die Bibel sagt vieles über die Kraft unserer Worte und Bekenntnisse aus. Mit Worten, die wir aussäen, können wir positive Frucht ernten und genießen. Diese Wahrheit machen sich die Verfechter des Positiven Denkens zunutze. Das Original hat jedoch nichts mit Autosuggestion zu tun (also sich selbst etwas einzureden),
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sondern damit, positive Wahrheiten aus dem Wort Gottes durch Aussprechen in Existenz zu rufen. Wozu also sollen sich Menschen für den Glauben an Christus interessieren, wenn man doch offenbar ohne diesen Glauben die gleichen Ergebnisse erzielen kann? Dabei haben wir Christen in so vielen Bereichen des Lebens keine Schwierigkeiten damit, Rat von Nichtchristen anzunehmen. Wir hören (hoffentlich) auf unseren Arzt, der uns empfiehlt, mit dem Rauchen aufzuhören. Wir hören auf den Rat unseres Ernährungsberaters, der uns empfiehlt, unser Übergewicht abzubauen. Und wir hören auf unseren Steuerberater, der uns zur wahrheitsgemäßen Angabe aller Einkünfte mahnt. Dabei hätten wir alle diese Ratschläge auch dem Wort Gottes entnehmen können. Beim Thema Sex ist es ähnlich. Vor einiger Zeit sah ich eine Dokumentation mit dem Titel „Frauen reden über Sex“ in einem Privatsender. Du vermutest richtig, es war weder Bibel TV noch ERF. Ich kann auch nicht sagen, dass ich mit allem glücklich gewesen wäre, was manche dieser Frauen da so von sich gaben. Was mich aber beeindruckte, war die Offenheit, mit der unterschiedlichste Frauen über ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre Vorlieben, ihre Abneigungen und viele andere sexuelle Themen berichteten. Das Erstaunliche war: Viele dieser Äußerungen waren problemlos mit der Bibel in Einklang zu bringen. Das waren in der Mehrzahl keine verirrten Jüngerinnen der Abartigkeit, sondern „Frauen wie du und ich“. Ich frage mich, ob solch offene Äußerungen auch bei einem Gemeinde-Frauentreffen möglich wären. Oder in anderer Form bei einem Männertreffen. Was könnte man nicht alles lernen! Leider kommt es so selten dazu, weil sich die meisten Gemeinde-Verantwortlichen so einen Fernsehbericht nie anschauen würden. Denn „so was guckt man nicht als Christ“. Stell dir mal vor, im Männerkreis lesen die Gemeinde-Brüder das Buch „Schlechter Sex“, in dem Frauen ihre lustigsten, peinlichsten und absurdesten Erlebnisse mit Männern beschreiben. Nein, kein christliches Buch, sicher mit viel „Unzucht“ drin – aber warum nicht geeignet, um christlichen Männern zu sagen: „So, Brüder, sollten wir es also bei unseren Frauen nicht machen. Versuchen wir es anders.“ Unvorstellbar? Willkommen, verklemmtes Erbe!
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6. Wer kann etwas daran ändern? Du. Und nur du. Warte nicht, bis andere aktiv werden. Warte nicht, bis das Thema salonfähig wird. Akzeptiere nicht länger das verklemmte Erbe in deiner Familie oder deiner Gemeinde. Ich sage nicht, dass du zum Elefanten im Porzellanladen werden sollst. Ich fordere dich jedoch zum Handeln auf. Lies dieses Buch weiter. Fang an, für Veränderung zu beten. Und fang an, erste Schritte zu tun – mit dem Motiv der Liebe zu deinen Mitmenschen und der Verantwortung als Christ gegenüber dem Wort Gottes.