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Paul Hattaway Bruder Yun • Peter Xu Yongze • Enoch Wang Back to Jerusalem


Paul Hattaway

Bruder Yun • Peter Xu Yongze • Enoch Wang

Back to Jerusalem

Chinas Christen auf dem Weg zur Erfüllung des Missionsbefehls


© Copyright 2003 by Paul Hattaway/Piquant, PO Box 83, Carlisle, CA3 9GR, United Kingdom. All rights reserved. © Copyright der deutschen Ausgabe 2013 by Asaph-Verlag 1. Auflage 2013 Titel der englischen Originalausgabe: Back to Jerusalem Aus dem Englischen übersetzt von Bernd Schippel und Sigrid Cohrs Hinweis der Übersetzer: Da der englische Begriff „Back to Jerusalem“ eine gewisse Bekanntheit erworben hat, übersetzen wir das ursprünglich chinesische Wort nicht ins Deutsche. Das auf dem Buchumschlag abgebildete und den Kapiteln vorangestellte einzelne chinesische Schriftzeichen „ping“ steht für „Frieden“, die unter dem Foto stehende Zeichenfolge heißt „Zurück nach Jerusalem“, chinesisch ausgesprochen etwa „Hui Ye-lu-la-leng“. Bibelzitate aus Neues Leben. Die Bibel © 2002 und 2006 SCM R. Brockhaus, Witten, wenn nicht folgendermaßen gekennzeichnet: L = Luther © 1984 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, REÜ = Revidierte Elberfelder Bibel (Rev. 26) © 1985/1991/2008 SCM R. Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten, GN = Gute Nachricht, © 1997 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Umschlaggestaltung: ProjectLuz (unter Verwendung eines Fotos von Revival Christian Church, Hongkong) Satz/DTP: Jens Wirth Druck: cpibooks Printed in the EU ISBN 978-3-940188-63-2 Bestellnummer 147463 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: Asaph, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.net – www.asaph.net


Inhalt Liste der Karten und Fotografien......................................................... 7 Vorwort von Bruder Yun ....................................................................... 9 Vorwort zur deutschen Ausgabe ..........................................................11 Vorwort von Paul Hattaway................................................................ 13 Die Kirche in China.............................................................................. 19 Eine sehr alte Verbindung zu Gott ...................................................... 21 Die Missionsepoche ............................................................................ 24 Der Beginn von Verfolgung und Erweckung...................................... 28 Die Wurzeln der „Back to Jerusalem“-Bewegung ........................... 39 Die Evangelistengruppe „Back to Jerusalem“ .................................. 45 Mark Ma und die Gründung der Gruppe „Back to Jerusalem“.......... 46 Die Pioniere ......................................................................................... 51 Eine Vision mit Verzögerung .............................................................. 58 Eine Vision wird neu entfacht ............................................................. 59 Die Geistliche Nordwest-Bewegung ................................................... 63 Simon Zhao ......................................................................................... 66 Das Zeugnis von Bruder Yun .............................................................. 77 Das Zeugnis von Peter Xu Yongze ...................................................... 87 Das Zeugnis von Enoch Wang ............................................................ 97 Strategien..............................................................................................111 Die Reiseroute ................................................................................... 113 Die Arbeiter ....................................................................................... 114 Das Team ........................................................................................... 117 Finanzen............................................................................................. 119 Eine Armee von Würmern ................................................................ 123


6 / Back to Jerusalem Antworten auf grundsätzliche Fragen.............................................. 129 Jünger oder einfach nur Gläubige?................................................... 151 Der Gehorsam von Schwester Chang................................................ 155 Schwester Yuen aus Shanghai............................................................ 156 Die Erniedrigung in eine Krone verwandeln..................................... 158 Wach auf, schlafende Kirche!............................................................ 161 Fischfanglektionen.............................................................................. 171 Die Nationen in der „Back to Jerusalem“-Vision............................ 177 Anmerkungen...................................................................................... 189


Karten und Fotos Karten 1. Das 10/40-Fenster................................................................................. 8 2. Eine Karte von 1922 zeigt die westlichen Glaubensgemeinschaften .. 37 3. Nordwestchina mit den Stützpunkten der „Back to Jerusalem“-Gruppe ............................................................. 61 4. Die wichtigsten Handelsrouten, die China von alters her mit dem Rest der Welt verbinden ..................................................... 112

Fotos (siehe Fototeil S. 106–109) 1. Delegierte auf der nationalen christlichen Konferenz, die 1907 in Shanghai stattfand 2. Einige Mitglieder der „Back to Jerusalem“-Gruppe auf ihrem Abschiedstreffen 3. Früher benutzte Methoden, um Christen festzusetzen 4. Grace Ho und Li Chin Chuan 5. Die erste Evangelistengruppe „Back to Jerusalem“ 6. Simon Zhao 7. Bruder Yun 8. Peter Xu Yongze 9. Bruder Yun in Paris, 2003


Karte 1: Das 10/40-Fenster. Die fett gedruckten Linien markieren die Region, in der mehr als 90 % der weltweit unerreichten Volksgruppen und alle fünfzig der weltweit am wenigsten evangelisierten Länder liegen. Auf diese Länder konzentriert sich die „Back to Jerusalem“-Bewegung.


Vorwort von Bruder Yun Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Bruder Yun, der „Heavenly Man“. Das Evangelium nach Jerusalem zurückzubringen, ist ein göttlicher Auftrag! Jesus sagte: „Die Botschaft vom Reich Gottes wird auf der ganzen Welt gepredigt werden, damit alle Völker sie hören, und dann erst wird das Ende kommen“ (Matthäus 24,14). Auf dem Ölberg gab Jesus seinen Jüngern diesen letzten Befehl: „Geht in die ganze Welt und verkündet allen Menschen die gute Botschaft. Wer glaubt und getauft wird, wird gerettet werden. Wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“ (Markus 16,15.16). Dankt dem Herrn! Gott hat der chinesischen Gemeinde die Vision und den Auftrag gegeben, nach Westen zu gehen. Das Evangelium muss zurück nach Jerusalem gebracht werden! Zahlreiche Menschen haben sich schon darauf vorbereitet. Viele denken, dabei gehe es darum, Jerusalem das Evangelium zu verkündigen. Dem ist jedoch nicht so. Natürlich dürfen wir niemals vergessen, den Frieden für Jerusalem zu erbitten, ebenso ist es ein Muss, den Juden die gute Nachricht zu verkünden. Unsere Vision und unser Auftrag aber bestehen darin, den Menschen in den muslimischen, buddhistischen und hinduistischen Ländern von China auf dem Weg bis nach Jerusalem, welche die frohe Botschaft noch nicht gehört haben, Jesus Christus als ihren Herrn und Retter zu bezeugen! Zwischen dem 10. und 40. Breitengrad gibt es sehr viele Menschen, die noch nie den Namen Jesus gehört haben.


Wir wollen es dem Propheten Jesaja gleichtun: „Und ich hörte die Stimme des Herrn, der sprach: Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen? Da sprach ich: Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6,8). Gott schätzt und liebt jeden einzelnen Menschen in dieser Gegend und hat große Sehnsucht danach, sie alle mit der Nachricht von seinem geliebten Sohn Jesus bekannt zu machen. Sie sollen erfahren, wie sehr er sie liebt, sodass er sein Blut für sie vergoss und sein Leben am Kreuz für sie gab. Das glauben wir zutiefst. Derzeit befinden sich mehr als 100.000 chinesische Missionare im Gebiet des Mittleren Ostens, auf dem Weg nach Jerusalem! Ich bete sehnsüchtig, dass sich ebenso wie die östlichen auch die westlichen Gemeinden daran beteiligen. Weil Jesus Christus vorausgesagt hat: „Die Botschaft vom Reich Gottes wird auf der ganzen Welt gepredigt werden, damit alle Völker sie hören, und dann erst wird das Ende kommen“ (Matthäus 24,14). In Bezug auf Israel sagt die Bibel: „Das Herz mancher Juden ist verschlossen, doch das wird nur so lange anhalten, bis die von Gott bestimmte Anzahl von Menschen aus den anderen Völkern zu Christus gefunden hat. Dann wird ganz Israel gerettet werden, wie es schon bei den Propheten geschrieben steht: ‚Ein Retter wird aus Jerusalem kommen, und er wird Israel von aller Gottlosigkeit befreien‘“ (Römer 11,25.26). Zuversichtlich glaube ich: Die Botschaft dieses Buches Back to Jerusalem kann die Denkweise vieler verändern und sie neu herausfordern. Nach meiner Überzeugung kann sie dieser Zeit eine konkrete Ausrichtung für die Mission geben! Bruder Yun Chinesische Untergrundgemeinde Initiator der Back-to-Jerusalem-Bewegung


Vorwort zur deutschen Ausgabe Dieses Buch lässt Sie den Herzschlag der heutigen Kirche Chinas hören. Seit über siebzig Jahren bereiten sich chinesische Christen darauf vor, ihr Land zu verlassen, um in fremden Ländern als Missionare zu wirken, besonders in muslimischen, buddhistischen und hinduistischen Ländern, die zwischen China und Jerusalem liegen. In diesen Gebieten leben Tausende von unerreichten ethnischen Gruppen und Hunderte Millionen von Menschen, die noch nie im Leben die Gute Nachricht gehört haben. Diese missionarische Vision wurde von den Christen in China „Zurück nach Jerusalem“ genannt, „Back to Jerusalem“. Seit die Vision der „Back to Jerusalem“-Bewegung vor einigen Jahren Christen auf der ganzen Welt bekannt gemacht wurde, entwickelt sich ein stetiger Fluss von Missionaren aus China, der sich in die fremden Länder ergießt. Häufig erreichen uns Berichte von Arbeitsgruppen aus neuen Ländern im Nahen Osten, Zentralasien, Südostasien und anderen Teilen der vom Evangelium unerreichten Welt. Obwohl die Anzahl der Missionare, die aus China ausreisen, noch nicht gewaltig groß ist, wuchs sie doch nach dem bescheidenen Beginn weniger Einzelner zu einer stetigen Bewegung an. Es besteht Hoffnung, dass sich aus diesem kleinen Fluss eines Tages ein mächtiger Strom entwickelt haben wird, der Millionen von Menschen ins Reich Gottes führt. In der westlichen Welt werden missionarische Bemühungen oftmals von der Kirche gefördert, aber die „Back to Jerusalem“-Bewegung in China


12 / Back to Jerusalem stellt sich der Aufgabe, die sie von Gott bekam, in aller Stille – gleich einer „Armee von Würmern“. Die meisten chinesischen Missionare werden niemals weltweit bekannt werden, aber bei Gott sind sie bekannt, und er gebraucht sie mit Macht. Wir beten, dass der Herr durch dieses Buch, in dem die chinesischen Leiter ihre Vision von der Erfüllung des Missionsbefehls beschreiben, zu Ihnen sprechen möge. Möge der Heilige Geist Sie ermutigen und Ihren Glauben stärken, und möge der König der Könige Ihnen zeigen, was Sie in diesen letzten Zeiten tun können, um den Herrn Jesus Christus zu verherrlichen.

Dann hörte ich eine laute Stimme durch den Himmel rufen: „Jetzt ist es geschehen: Die Rettung und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Christus sind da! Denn der Ankläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte, wurde auf die Erde hinabgeworfen. Sie haben ihn durch das Blut des Lammes besiegt und dadurch, dass sie an der Botschaft Gottes festhielten und bereit waren zu sterben.“ Offenbarung 12,10–11 Paul Hattaway


Vorwort von Paul Hattaway Tausende chinesischer Christen sind bereit, für die Vision „Back to Jerusalem“ ihr Leben zu opfern. Wir sollten zumindest herausfinden, weshalb. Das erste Mal hörte ich von der „Back to Jerusalem“-Bewegung, als ich in den 1980er-Jahren nach China kam. Ein oder zwei Prediger erwähnten sie in ihren Predigten, aber ich konnte mir darunter nichts vorstellen. Ich nahm an, dass die chinesische Kirche Jerusalem evangelisieren wolle, was ich zwar interessant fand, aber auch nicht so interessant, dass es mich von meinen eigenen missionarischen Bemühungen abgezogen hätte! Jahre später, als Gott in seiner Gnade Beziehungstüren zu Hauskirchenleitern aus verschiedenen Teilen Chinas öffnete, stellte ich fest, dass „Back to Jerusalem“ für viele von ihnen zu einer richtigen Passion geworden war. Sie beteten täglich dafür, träumten davon und sprachen darüber beim Frühstück, Mittag- und Abendessen. Für viele christliche Leiter ist die „Back to Jerusalem“-Vision keine Nebensache, sondern die treibende Kraft in ihrem Leben und in ihrem Dienst. Viele sind der Meinung, dass sie die Bestimmung ist, die Gott der chinesischen Kirche gegeben hat, der Grund, weshalb es sie überhaupt gibt! Weil ich wusste, dass die christlichen Leiter in China in enger Verbundenheit mit dem Herrn leben und beständig von seinem Wort und seinem Geist geleitet werden, dachte ich, es sei es wert, so viel wie möglich über


14 / Back to Jerusalem die „Back to Jerusalem“-Vision zu erfahren, um besser verstehen zu können, worum es dabei geht. Je mehr ich mich mit der Geschichte beschäftigte und je mehr ich von den Hauskirchenleitern hörte, desto mehr wurde mein eigenes Herz davon erfüllt. Inzwischen überlegen meine Familie und ich, dass wir den Rest unseres Lebens eigentlich nicht besser verbringen könnten als im Dienst für die chinesische Kirche und die „Back to Jerusalem“-Vision. Zunächst wurde mir Folgendes klar: Die Vision bedeutet nicht, dass die Chinesen so schnell wie möglich mit dem Evangelium nach Jerusalem stürmen wollen. Ihre Vision ist wesentlich größer. Auch ist „Back to Jerusalem“ nicht eine Art Endzeit-Theorie. Die chinesische Kirche hat nicht die Absicht, nach Jerusalem zu eilen, um die Wiederkunft Christi herbeizuführen. Die Vision bezieht sich vielmehr auf einen Ruf Gottes an die chinesische Kirche, in allen Ländern, Städten und ethnischen Gruppen zwischen China und Jerusalem das Evangelium zu verkünden. Das ist keine einfache Aufgabe, denn in diesem Gebiet befinden sich die drei stärksten geistlichen Bollwerke, die noch vom Evangelium erobert werden müssen: die Riesen Islam, Buddhismus und Hinduismus. In den letzten Jahren haben viele Christen von dem 10/40-Fenster gehört, das sich auf die Gebiete zwischen dem 10. und 40. Breitengrad nördlich des Äquators bezieht. Die fünfzig der am wenigsten evangelisierten Länder, in denen es weltweit die wenigsten Christen gibt, liegen alle in dieser Region. Hier leben mehr als 90 % der unerreichten Volksgruppen der Welt – mehr als 5000 Volksstämme und ethnolinguistische Gruppen, die kaum oder noch gar nichts vom Evangelium gehört haben. Obwohl nur wenige chinesische Christen jemals vom 10/40-Fenster gehört haben, haben auch sie die Vision, die Gute Nachricht in jene Länder zu bringen, die schon so lange in geistlicher Finsternis sind. *** 2002 haben etliche Hauskirchenleiter aus verschiedenen chinesischen Kirchennetzwerken ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht, dass so wenige Christen weltweit Verständnis für die Vision „Back to Jerusalem“ zeigen. Sie fragten, ob nicht ein Buch herausgegeben werden könne, das die Geschichte und den Hintergrund der Bewegung erklärt, ein Buch, das den leidenschaftlichen Einsatz der chinesischen Christen für „Back to Jerusalem“ verdeutlicht und einige der Pläne und Strategien enthüllt, die Gott der chinesischen Kirche gegeben hat, während sie diesen Traum allmählich in Erfüllung gehen sieht.


Vorwort / 15 Das Buch, das Sie gerade in den Händen halten, ist das Ergebnis ihres Wunsches. Meine Rolle war es nur, ihnen zuzuhören, um dann der Botschaft, die sie an Sie weitergeben wollten, eine Form zu geben, da sie selbst es aufgrund ihrer begrenzten Sprachkenntnisse nicht konnten. Die maßgeblichen Stimmen in diesem Buch sind die der drei führenden Persönlichkeiten der Hauskirchen: Bruder Yun, Peter Xu Yongze und Enoch Wang. Diese drei Männer sind in den Gemeinden Chinas weithin bekannt; zwei von ihnen leben mittlerweile außerhalb Chinas mit dem Ziel, Missionare für „Back to Jerusalem“ auszubilden und ihre Arbeit zu unterstützen. Diese Männer Gottes sprechen aus einer tiefen persönlichen Erfahrung heraus. Zusammen haben sie mehr als 40 Jahre für ihren Glauben im Gefängnis verbracht und durch ihre Leiden viel über Gottes Wesen und sein Handeln gelernt. In den Kapiteln 5 bis 7 werden sie jeweils ihre Geschichte erzählen und die Vision „Back to Jerusalem“ beschreiben. Ich weiß, dass ihre Sichtweisen repräsentativ sind für Hunderte von Hauskirchenleitern, die ich kennenlernen durfte. Wenn Sie diese Seiten lesen, haben Sie bitte im Hinterkopf, dass die „Back to Jerusalem“-Bewegung nicht das Wunschdenken einiger fanatischer Christen ist! Es ist etwas, was bereits geschieht! Das erste Team von 39 chinesischen Missionaren reiste im März 2000 von China aus in ein buddhistisches Nachbarland. Sie waren das kleine Rinnsal, das eine große Flut ankündigt. Nur wenige Menschen auf der ganzen Welt wussten von diesem Ereignis, aber ihre Reise war das Ergebnis jahrelanger Gebete und Planungen. An diesem Tag nahm China seine aktive Teilnahme an der weltweiten Mission wieder auf. Heute arbeiten Hunderte chinesischer Missionare außerhalb Chinas: im Nahen Osten, Nordafrika, Zentralasien, Indien und Südostasien. Weitere Tausende sind in der Ausbildung und lernen Sprachen wie z. B. Arabisch und Englisch, um dann auf dem Missionsfeld davon Gebrauch zu machen. Während der Ausbildungs- und Orientierungsphase dieser ersten Pioniere wurde jeder gebeten, sein Zeugnis zu geben. Viele Tränen flossen, als sie ihre Geschichten erzählten. Alle hatten in China um des Evangeliums willen sehr viel gelitten. Die meisten waren verhaftet, eingesperrt, geschlagen und misshandelt worden, weil sie Jesus Christus bezeugten. Alle hatten sie extreme Bedrängnisse erfahren: Trennung von ihren Familien, Hunger, schlaflose Nächte und Gefahren von allen Seiten. Alle hatten


16 / Back to Jerusalem jahrelang treu das Evangelium in China gepredigt, Gemeinden gegründet und in ihrem Dienst Gottes Macht Monat für Monat stärker erlebt als die meisten Christen in ihrem ganzen Leben. Gemessen an den üblichen westlichen Methoden und Kriterien waren diese Arbeiter unqualifiziert. Keiner von ihnen hatte je eine Bibelschule besucht, und die meisten würden einen theologischen Grad für etwas halten, was man auf dem Thermometer ablesen kann! Doch sie hatten ihre Ausbildung von Gott erhalten, etwas, was viel wichtiger ist als das, was man in einem Klassenzimmer lernen kann: eine auf Erfahrung beruhende Ausbildung im Glutofen des Leidens. Bruder Yun, einer der führenden Persönlichkeiten in der „Back to Jerusalem“-Bewegung, berichtet: Manchmal kommen westliche Besucher nach China und fragen die Hauskirchenleiter, welches theologische Seminar sie besucht hätten. Wir antworten immer scherzhaft, aber mit einem ernsten Unterton, dass wir viele Jahre in der Heilig-Geist-Bibelschule der persönlichen Hingabe (also im Gefängnis) ausgebildet wurden. Manchmal verstehen unsere westlichen Freunde nicht, was wir meinen, weil sie dann nachhaken: „Welche Materialien benutzt ihr in dieser Bibelschule?“ Wir antworten: „Unsere einzigen Materialien sind die Fußketten, mit denen man uns fesselt, und die Lederpeitschen, mit denen man uns Schmerzen zufügt.“ In diesen Gefängnis-Seminar haben wir viele wertvolle Lektionen über Gott gelernt, die wir niemals aus einem Buch hätten lernen können. Wir haben ein tieferes Verständnis von Gott bekommen. Wir begreifen seine Güte und seine liebende Treue uns gegenüber.1

Die „Back to Jerusalem“-Missionare haben wenig Geld, keine Spendensammlungspläne, keine Rundbrief-Versandlisten oder Hochglanzprospekte. Nur wenige haben je einen Computer bedient oder wissen, wie man sich Informationen aus dem Internet herunterlädt. Sie wissen nicht viel darüber, wie man Geld macht, aber sie wissen, wie man Jünger für Jesus macht. Sie haben kein Wertpapierdepot, aber sie haben schon jetzt ein reiches Erbe, das im Himmel aufbewahrt ist. Wenn bei Hauskirchentreffen in China Spenden gesammelt werden, stellen die Evangelisten manchmal fest, dass die Leute wirklich gar nichts haben, was sie geben können. So steigen sie gewissermaßen selbst in den Kollektenkorb und geben ihr gesamtes Leben bedingungslos als lebendiges Opfer im Dienst für Gott.


Vorwort / 17 Die chinesische Kirche schmiedet keine anmaßenden Pläne, sondern hat gelernt, auf den Herrn zu warten und auf seine Anweisungen zu hören, bevor sie vorangeht. Diese Männer und Frauen kennen Gott und wissen, dass er allein genügt, sie kennen seine unvergleichliche Gnade und Macht. Sie gehen nicht nur mit einer Botschaft hinaus in die Welt, sie selbst sind lebendige Botschaften. In den Augen der Welt sind sie absolut nichts, aber in den Händen Gottes sind sie scharfe Pfeile. Wie der Apostel Paulus hat auch die chinesische Kirche die Worte Jesu vernommen: „Meine Gnade ist alles, was du brauchst. Meine Kraft zeigt sich in deiner Schwäche“ (2. Korinther 12,9). Und wie Paulus sagen die Chinesen mit großer Überzeugung: „Da ich weiß, dass es für Christus geschieht, freue ich mich meiner Schwachheiten, Entbehrungen, Schwierigkeiten, Verfolgungen und Beschimpfungen. Denn wenn ich schwach bin, bin ich stark“ (2. Korinther 12,10). Oswald Chambers hat einmal geschrieben: „Wenn du Gott das Recht an dir selbst abtrittst, wird er ein heiliges Experiment mit dir machen. Gottes Experimente führen immer zum Erfolg.“ Gott hat in China viele Experimente durchgeführt, und er ist bereit, der Welt die Ergebnisse zu zeigen. Gott ändert sich nie. Während wir nach besseren Methoden Ausschau halten und nach stärkeren Männern und Frauen, hält Gott Ausschau nach schwachen Gefäßen, die nicht auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen. Er tut das, damit sein Werk auf seine Weise getan wird und alle Ehre Jesus Christus zukommt. Gott erwählt immer das, „was in den Augen der Welt gering ist, um so diejenigen zu beschämen, die sich selbst für weise halten. Er hat das Schwache erwählt, um das Starke zu erniedrigen. Er hat das erwählt, was von der Welt verachtet und gering geschätzt wird, und es eingesetzt, um das zunichte zu machen, was in der Welt wichtig ist, damit kein Mensch sich je vor Gott rühmen kann“ (1. Korinther 1,27–29). Während sich die „Back to Jerusalem“-Vision entfaltet, werden Sie vielleicht Berichte darüber hören, dass Moslems, Hindus und Buddhisten zum Glauben an Christus kommen, und zwar an Orten, an denen das Evangelium bislang trotz aller Mühen keine Wirkung hatte. Wenn dies geschieht, dann seien Sie nicht erstaunt über die chinesischen Christen, denn sie sind lediglich Sünder, die aus Gnade errettet und keiner Beachtung wert sind. Seien Sie vielmehr erstaunt über die Weisheit und


18 / Back to Jerusalem offensichtliche Schönheit von Gottes Plan. „Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen, und das Schwache Gottes ist stärker als die Menschen“ (1. Korinther 1,25 L). Im nächsten Kapitel gebe ich einen kurzen Überblick über die Geschichte der chinesischen Kirche und ihre heutige Stellung. Im Rest des Buches sprechen drei chinesische Kirchenleiter über ihre Vision, das Evangelium zurück nach Jerusalem zu tragen. Ich hoffe, die „Back to Jerusalem“-Vision wird Sie ermutigen und herausfordern und dazu bewegen, durch Gebet und aktive Beteiligung an der Erfüllung des Missionsbefehls in diesen letzten Tagen mitzuwirken, bis „die ganze Erde zum Reich unseres Herrn und seines Christus geworden ist und er in alle Ewigkeit herrschen wird“ (Offenbarung 11,15b). Paul Hattaway


Die Kirche in China Seht auf die Völker! Schaut aufmerksam hin! Ihr werdet erstaunt und erschrocken sein! Noch zu euren Lebzeiten werde ich etwas geschehen lassen, das ihr nicht glauben würdet, wenn es euch jemand erzählte. Habakuk 1,5 NL „Back to Jerusalem“ repräsentiert die gegenwärtige und zukünftige Vision der chinesischen Kirche des 21. Jahrhunderts. Um vollständig verstehen und anerkennen zu können, was sie den chinesischen Christen bedeutet, müssen wir zuerst die Vergangenheit verstehen. In diesem Kapitel geben wir einen kurzen Überblick von Gottes Handeln mit China durch die Geschichte hindurch und erklären, wie Chinas Kirche sich bis zu dem Punkt hin entwickelt hat, an dem etliche Hauskirchenleiter „Back to Jerusalem“ nun als vorrangiges Ziel und ultimative Belohnung für ihre Mühen ansehen. Tatsächlich glauben viele Christen, dass die fünfzig Jahre der Verfolgung, die sie erduldet haben, nicht so sehr ein Plan Satans waren, die Kirche in China zu zerstören, sondern viel mehr Gottes Plan, um sie zu läutern, zu schulen und zuzurüsten, damit sie die „Back to Jerusalem“-Vision erfüllen können. In den letzten fünf Jahrzehnten hat sich in ganz China etwas Bemerkenswertes zugetragen: die Entstehung einer lebendigen neutestamentlichen Christenheit. Nur wenige weltliche Quellen berichten von der Entfaltung dieses dramatischen Geschehens, das das Potenzial hat, die gesamte soziale und moralische Struktur der Nation zu verändern, wenn es sich unvermindert fortsetzt.


20 / Back to Jerusalem Zu Beginn des neuen Jahrtausends hatte ich das Privileg, eine Anzahl chinesischer Hauskirchenleiter kennenzulernen. Diese Männer und Frauen waren an sich nicht weiter bemerkenswert. Die meisten stammten aus einfachen Bauernfamilien, dennoch war es ein anregendes und beglückendes Erlebnis, mit ihnen zusammen zu sein. Mir war bewusst – wie vielen Christen auf der ganzen Welt –, dass China in den vergangenen Jahrzehnten eine christliche Erweckung erlebt hat, die Auswirkungen auf viele Teile ihres riesigen Landes hatte. Ich hatte Berichte gelesen von Massenbekehrungen, geheimen Taufen und brutalen Verfolgungen. Bei diesem besonderen Treffen bezeugten die Leiter jedes Hauskirchen-Netzwerkes, oder jeder „Familie“, was Gott in ihrer Mitte tat, und sie berichteten von dem Wachstum, den ihre Gemeinden erlebten. Einige Zeit zuvor waren sie gebeten worden, die Anzahl ihrer Gemeindemitglieder und die der Gläubigen in ihren Netzwerken so genau wie möglich zu recherchieren. Die Hauptleiter baten ihre Provinz- und Regionalleiter, Berichte einzureichen. Diese Leute erfassten dann die Statistiken der örtlichen Hauskirchenleiter, die auf Stadt- und Kreisebene arbeiten. Die Informationen wurden anschließend von den Hauptleitern, die bei diesem besonderen Treffen anwesend waren, abgeglichen. Die Gesamtmitgliedzahl aller Hauskirchennetzwerke, die bei diesem Treffen vertreten waren, betrug 58 Millionen Menschen, während die Nettozuwachsrate der einzelnen Hauskirchengruppen zwischen 12,5 und 17,5 Prozent pro Jahr lag. Manche Fachleute schätzen, dass pro Tag 30.000 Chinesen zum Glauben an Christus kommen, das sind mehr als zehn Millionen neue Gläubige jährlich. Obwohl heute die Zahl der Neubekehrungen in China noch nicht der Geburtsrate entspricht (pro Tag werden annähernd 55.000 Babys geboren), wird sich bei der gegenwärtigen Wachstumsrate die Kirche bald zahlenmäßig schneller entwickeln als das Land als Ganzes. Während ich mich mit diesen Hauskirchenleitern unterhielt, erfuhr ich mehr über ihre Begeisterung, ihre Liebe und ihre aufopfernde Hingabe für die Sache Christi. Sie waren nicht einfach nur Gläubige, sie waren Jünger Jesu. Sie predigten das Evangelium nicht als billige Fahrkarte in den Himmel, sie predigten und veranschaulichten die Wirklichkeit des Reiches Gottes. Für ihr Zeugnis hatten sie einen hohen Preis bezahlt. Jeder einzelne christliche Leiter auf diesem Treffen war im Gefängnis gewesen


Die Kirche in China / 21 und viele hatten schwere Misshandlungen, Demütigungen und Entbehrungen erlitten. Das merkte man ihnen jedoch in keiner Weise an; sie waren die fröhlichsten und herzlichsten Menschen, die man sich nur vorstellen konnte. Ihre Freude war keine oberflächliche Gefühlsaufwallung, sondern etwas, was tief aus ihrer Seele kam, eine übernatürliche Freude, die nur diejenigen erfahren können, die Jesus Christus als den wahren Herrn und Liebhaber ihrer Seelen herrschen lassen. Bei einem Mittagessen fragte ich mehrere Leiter, wie viele Christen es ihrer Meinung nach in zwanzig oder dreißig Jahren in China geben wird, wenn sich das Evangelium seinen Weg durch das Land weiterhin so bahnt wie im letzten Jahrzehnt: „Zweihundert Millionen Gläubige?“, fragte ich hoffnungsfroh. „Dreihundert Millionen?“ Die chinesischen Brüder gaben keine Antwort. Sie verstanden meine Frage, aber sie verstanden nicht meinen Mangel an Glauben. Nachdem ich die Frage wiederholt hatte, sagte einer der Leiter mit leicht verdutztem Gesichtsausdruck: „In zwanzig oder dreißig Jahren werden natürlich alle Chinesen den Herrn kennen.“ Ich habe gelernt, der chinesischen Kirche nicht mein begrenztes westliches Denken aufzunötigen. Sie glauben, dass ein Teil ihres Auftrages von Gott darin besteht, ihr eigenes Land vollkommen zu evangelisieren und China zum ersten wahrhaft christlichen Land in Asien zu machen. Seien Sie nicht überrascht, wenn es ihnen gelingt.

Eine sehr alte Verbindung zu Gott Gott hat allem auf dieser Welt schon im Voraus seine Zeit bestimmt, er hat sogar die Ewigkeit in die Herzen der Menschen gelegt. Aber sie sind nicht in der Lage, das Ausmaß des Wirkens Gottes zu erkennen; sie durchschauen weder, wo es beginnt, noch, wo es endet. Prediger 3,11 In den Jahrzehnten nachdem immer mehr Missionare nach China geströmt waren, haben sorgfältige Nachforschungen in chinesischen Archiven und historischen Werken einige bemerkenswerte Fakten aus der fernen Vergangenheit Chinas enthüllt. Neben den Legenden, die seit Anbeginn der Zeit über die Schöpfung, über eine Sintflut und über eine Familie, die


22 / Back to Jerusalem überlebte, weil sie Zuflucht in einem großen Boot gefunden hatte, überliefert wurden, gibt es gewichtige Anhaltspunkte, die darauf hindeuten, dass es im alten China eine tiefe Verehrung für den Schöpfergott gab. Der Schöpfer wurde niemals als Abbild oder als Götze dargestellt. Die alten Chinesen glaubten, dass er souverän über den Angelegenheiten der Menschheit herrschte. Es konnte nachgewiesen werden, dass die ursprüngliche Bedeutung vieler chinesischer Schriftzeichen biblische Geschichten und Grundsätze ausdrückten.2 Jahrhundertelang brachten die chinesischen Kaiser jedes Jahr Shangdi, dem Himmlischen Herrscher, Opfer dar. Shangdi ist der Name, den die chinesischen Protestanten noch immer für Gott gebrauchen. Das alljährliche Gebet, das vom Kaiser vorgetragen wurde, beinhaltet folgende faszinierende Worte: Einst am Anfang war ein großes Chaos, ohne Gestalt und dunkel. Die fünf Elemente (Planeten) hatten sich noch nicht gebildet, auch schienen weder Sonne noch Mond. In der Mitte all dessen existierte weder Form noch Geräusch. Du, o Geistlicher Herrscher, erschienst in deiner Präsidentschaft und schiedest zuerst den gröberen Teil vom reineren. Du schufst den Himmel; du schufst die Erde; du schufst den Menschen. Alle Dinge mitsamt ihrer Fortpflanzungskraft kamen ins Dasein … Zu dir, o geheimnisvoll arbeitender Schöpfer, schaue ich auf in Gedanken … Mit großen Zeremonien ehre ich dich ehrfurchtsvoll. Als dein Diener bin ich nur ein Schilfrohr oder ein Weidenzweig; mein Herz ist nur das einer Ameise; dennoch habe ich deinen wohlwollenden Beschluss empfangen, mich in die Regierung des Reiches einzusetzen. Tief in mir hege ich eine Ahnung meiner Unwissenheit und Blindheit und ich fürchte, dass ich mich deiner großen Gunst unwürdig erweisen könnte. Darum werde ich alle Regeln und Gesetze beachten und mich bemühen, bedeutungslos wie ich bin, meine Pflicht treu zu erfüllen. Aus der Ferne schaue ich auf zu deinem himmlischen Palast. Komm in deinem kostbaren Triumphwagen zum Altar. Als dein Diener beuge ich ehrfurchtsvoll mein Haupt bis zur Erde in Erwartung deiner übergroßen Gnade … Oh dass du dich herablassen mögest, unsere Gaben anzunehmen und uns anzusehen, während wir dich, dessen Güte unerschöpflich ist, verehren!3

Möge die gegenwärtige Generation chinesischer Hauskirchenleiter dieselbe Demut und Ehrerbietung für Gott entwickeln wie ihre Vorgänger! Es scheint klar zu sein, dass das bevölkerungsreichste Land der Erde in der fernen Vergangenheit in Gottes Absichten eine besondere Rolle


Die Kirche in China / 23 spielte. Könnte es sein, dass China auch in diesen letzten Tagen eine wichtige Rolle in Gottes Reich spielt? Obwohl aus sicheren Belegen hervorgeht, dass das Christentum mit den Nestorianern im Jahr 635 n. Chr. nach China kam, glauben viele Christen in China, dass zumindest einer der Weisen, die das Jesuskind besuchten, aus China stammte. Diese Überzeugung basiert auf einer Anekdote über einen Mann namens Liu Shang, oberster Astrologe am Hof der Han-Herrscher zur Zeit der Geburt Christi. Liu verschwand für zwei Jahre, nachdem er einen neuen Stern entdeckt hatte, den „Königsstern“. Man glaubte, dass ein König geboren wurde, wenn dieser Stern erschien. Zu dieser Zeit besaßen die Chinesen ein hoch entwickeltes astronomisches Wissen, und Liu Shang könnte über die Seidenstraße gereist sein, die damals bereits benutzt wurde. Eine Reise von China nach Jerusalem hätte ein bis zwei Jahre gedauert, und es ist interessant festzustellen, dass im Evangelium erwähnt wird, dass König Herodes „Soldaten ausschickte, die in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Jungen im Alter von zwei Jahren und jünger umbringen sollten. Denn die weisen Männer hatten ihm erzählt, dass sie den Stern vor etwa zwei Jahren zum ersten Mal gesehen hätten“ (Matthäus 2,16). Diese Geschichte lässt sich zwar unmöglich belegen, aber eine kürzlich gemachte überraschende Entdeckung deutet darauf hin, dass sich das Christentum in China fast bis zur Geburtsstunde der neutestamentlichen Gemeinde zurückdatieren lässt. Im Jahr 2002 entdeckte Wang Weifang, ein vierundsiebzigjähriger Theologieprofessor und ständiges Mitglied des christlichen Rates in China, im Museum von Xuzhou in der Provinz Jiangsu eine Anzahl von Steingravuren: Wang war höchst überrascht über einige Steinreliefs, die biblische Geschichten und Darstellungen aus den frühchristlichen Zeiten zeigten. Weitere Untersuchungen ergaben, dass einige dieser Reliefs aus dem Jahr 86 n. Chr. stammten, dem dritten Jahr der Regierung des Kaisers Yuanhe aus der östlichen Han-Dynastie. […] Wang verglich die Darstellungen, die sich aus Fischen, Vögeln und Tieren zusammensetzten und zeigten, wie Gott die Erde schuf, mit biblischen Darstellungen. Die Darstellungen auf diesen uralten Steinen entsprechen dem künstlerischen Stil der frühchristlichen Zeit, wie man ihn im Irak und dem Nahen Osten findet, während sie zugleich Charakteristika aus der Zeit der östlichen Han-Dynastie Chinas aufweisen.


24 / Back to Jerusalem Die Steinreliefs, die wichtige Grabbeigaben waren, findet man hauptsächlich in vier Städten, unter anderem in Xuzhou. Es wird berichtet, dass bislang mehr als 20 intakte Han-Gräber gefunden wurden, in denen man fast 500 Teile von Steinreliefs entdeckte.4

Die Missionsepoche In der Neuzeit kamen die katholischen den protestantischen Missionaren in China um mehr als fünfhundert Jahre zuvor und bewiesen enorme Ausdauer und Mut in dem Bemühen, einen Brückenkopf auf chinesischem Boden zu errichten. Protestantische Missionare traten zum ersten Mal mit dem Engländer Robert Morrison in Erscheinung, der im September 1807 mit seinem Schiff in Kanton anlegte. Während der Reise fragte der Kapitän des Schiffes Morrison: „Erwarten Sie wirklich, dass Sie bei der Götzenverehrung des großen chinesischen Reiches eine Wirkung erzielen können?“ Der protestantische Pionier gab seine inzwischen berühmte Antwort: „Nein, Sir. Aber ich erwarte, dass Gott es tun wird.“ Er hat es getan! Morrison machte nur langsam Fortschritte. Sieben Jahre nach seiner Ankunft taufte er den ersten Konvertiten „an einem Wasserlauf, der am Fuße eines hoch aufragenden Berges entsprang, weit weg von menschlicher Beobachtung … Möge er die Erstlingsfrucht einer großen Ernte sein, einer von Millionen, die glauben werden!“5 In den folgenden Jahrzehnten wuchs die missionarische Unternehmung in China exponentiell. Die meisten Missionare hatten eine tiefe Hingabe an Gott und waren bereit, für das Evangelium zu sterben. Ein Mann des Glaubens sagte: „Ich erwarte, im heidnischen China zu sterben, aber im christlichen China aufzuerstehen.“6 Es sieht immer mehr danach aus, dass sich seine Erwartung erfüllen wird. Die Anzahl der chinesischen Konvertiten in den 150 Jahren der protestantischen missionarischen Unternehmung war nicht groß, aber es wurde ein solides Fundament für zukünftige Entwicklungen gelegt. Der zweifellos berühmteste unter den Missionaren war James Hudson Taylor (1832–1905), der Begründer der überkonfessionellen China-Inland-Mission. Die Hauskirchenleiter in China denken auch heute noch in Liebe an ihn. Einer der Schlüsselfiguren der „Back to Jerusalem“-


Die Kirche in China / 25 Bewegung, Peter Xu Yongze, spricht von dem tiefen Respekt, den er Hudson Taylor gegenüber empfindet: Die Vision der Hauskirchen in China ist es, nicht nur unser eigenes Land mit dem Leben und der Gegenwart des Herrn Jesus Christus zu durchdringen, sondern auch auf alle übrigen muslimischen, buddhistischen und hinduistischen Länder mit dem Evangelium einzuwirken. Deshalb sind wir so dankbar für den Einfluss, den Hudson Taylor auf unser Land hatte. Er war ein Beispiel für die zielstrebige Leidenschaft, das Kommen des Reiches Gottes zu erleben. Wie ein mutiger Soldat marschierte er in Pioniergebiete, in denen der Name Jesu Christi noch nie genannt worden war. Heute haben die Hauskirchen in China genau diese Vision übernommen. Es ist, als ob Hudson Taylor der chinesischen Kirche eine brennende Fackel übergeben und uns gebeten hätte, das Rennen bis zur Ziellinie fortzusetzen.

Obwohl viele Bücher über Hudson Taylors Dienst dazu tendieren, das Augenmerk auf westliche Missionsmethoden zu legen, zeigt die sorgfältige Auseinandersetzung mit der Arbeit der China-Inland-Mission, dass diese Missionare ihre Aufgabe offenkundig darin sahen, die einheimischen christlichen Leiter auszubilden und zu unterstützen. Einfach ausgedrückt waren es hauptsächlich ihre chinesischen Mitarbeiter, die die Arbeit an vorderster Front leisteten, während die westlichen Missionare deren Bemühungen eher aus dem Hintergrund unterstützten und förderten. Zu Beginn seiner Laufbahn schrieb Hudson Taylor: Die Ernte hier ist wirklich groß, und es gibt nur wenige Arbeiter, die zudem unzureichend ausgerüstet sind für eine solche Arbeit. Dennoch können durch die Gnade mit wenigen schwachen Werkzeugen große Dinge vollbracht werden – Dinge, die größer sind, als wir es uns überhaupt vorstellen können.7

Jahrzehnte später gab es ein deutliches Umdenken in Hudson Taylors Strategie. Ihm wurde klar, dass die chinesische Kirche niemals wirklich wachsen und reifen würde, solange die Missionare die leitenden und federführenden Positionen im Leib Christi innehatten. Achten Sie auf die Schwerpunktsverlagerung im folgenden Abschnitt: Ich betrachte die ausländischen Missionare als Baugerüst eines wachsenden Gebäudes. Je früher man darauf verzichten kann, umso besser. Oder vielmehr, je früher es an einen anderen Ort gebracht werden kann, wo es den gleichen vorübergehenden Nutzen erfüllt, umso besser.8


26 / Back to Jerusalem Viele Jahre später fasste Hudson Taylors Sohn den Dienst seines Vaters folgendermaßen zusammen: Seit siebzig Jahren haben mein Vater, Mr. Hudson Taylor, seine Nachfolger sowie die Mitglieder der China-Inland-Mission, zusammen mit vielen anderen Missionaren, erkannt, dass China von chinesischen Missionaren evangelisiert werden muss. Heute, und dafür danke ich Gott, wird es mehr als jemals zuvor auf diese Weise evangelisiert. Ein guter Anfang wurde gemacht. […] Diese hingegebenen, gesegneten Arbeiter sind bereit für Opfer und Entbehrungen, zeitweise sogar große Entbehrungen, wenn nur Christus um der Mühsal seiner Seele willen sich an dem erfreut, was er zu sehen bekommt [Jesaja 53,11]. Sie lieben ihn, der für sie gestorben ist, und wollen um jeden Preis für ihn leben.9

In einer so ethnozentrischen und stolzen Nation wie China war eine indigene Strategie unerlässlich. Die chinesischen Massen würden niemals „die Religion eines Ausländers“ annehmen. Das Erscheinungsbild und die Struktur des Christentums musste verändert werden, bevor die Chinesen es akzeptieren würden. In den 1890er-Jahren hörte ein chinesischer Schaulustiger der vollmächtigen Predigt eines einheimischen Evangelisten zu. Er machte die folgende aufschlussreiche Bemerkung: Einmal wurde einem Wald gesagt, dass eine Ladung Axtköpfe eingetroffen war, um ihn abzuholzen. „Das bedeutet gar nichts“, sagte der Wald, „von sich aus können sie nichts ausrichten.“ Als er jedoch hörte, dass einige seiner eigenen Äste zu Stielen der Axtköpfe geworden waren, sagte er: „Jetzt haben wir keine Chance mehr.“ Solange wir es nur mit Ausländern zu tun hatten, waren wir sicher, aber seit überall unsere eigenen Landsleute auf ihrer Seite mitmachen, wird das Christentum mit Sicherheit gedeihen und uns erobern.10

Leider teilten viele Missionsorganisationen nicht die Einsichten Hudson Taylors und verhielten sich weiterhin wie überfürsorgliche Eltern gegenüber der flügge werdenden chinesischen Kirche. So überrascht es nicht, dass China das Christentum weiter als eine westliche Religion betrachtete und dessen chinesische Anhänger als Verräter und Sklaven der westlichen Herren. Eine verbreitete chinesische Redensart zu jener Zeit war: „Ein chinesischer Christ mehr bedeutet ein Chinese weniger.“ Die 1920er-Jahre markieren den höchsten Pegelstand im Blick auf missionarische Unternehmungen in China.11 Mehr als 10.000 ausländische Missionare waren über das ganze Land verstreut. Viele waren sehr hin-


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