VergäĂ&#x;e ich dein, Jerusalem Lydia & Derek Prince
© Copyright der deutschen Ausgabe 2003 by Asaph-Verlag 9. Auflage 2012 Titel der amerikanischen Originalausgabe: Appointment in Jerusalem Aus dem Englischen übersetzt von Arnold Sperling-Botteron Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf Satz/DTP: Jens Wirth Druck: cpi books Printed in the EU ISBN 978-3-940188-61-8 Bestellnummer 147461 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: Asaph, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.net – www.asaph.net
In Liebe zu Jerusalem, der Stadt des groĂ&#x;en KĂśnigs
Inhalt Vorwort...................................................................................................... 9 Tikva........................................................................................................ 13 Søren........................................................................................................ 19 Die Begegnung........................................................................................ 31 Das Begräbnis.......................................................................................... 43 Dr. Karlssons Botschaft........................................................................... 59 Die Reise.................................................................................................. 83 Jerusalem................................................................................................. 99 Mein Platz.............................................................................................. 113 Die erste Aufgabe.................................................................................. 123 Mahaneh Yehuda................................................................................... 137 Die Auslieferung.................................................................................... 155 Die Belagerung...................................................................................... 167 Wächter auf den Mauern....................................................................... 181 Ausklang: Drama in drei Akten............................................................ 187
Vorwort Dies ist die Geschichte dreier Jahre im Leben einer höchst bemerkenswerten Frau, die – wie es sich begibt – meine Frau ist. Es sind jene Jahre, die sie von einem Leben materiellen Komforts und beruflichen Erfolges zu einem Leben in Gefahr, Armut und Entfremdung von denen führten, die ihr einst viel bedeuteten. Sie, eine Lehrerin mit den verheißungsvollsten Berufsaussichten, verließ ihre Heimat Dänemark – dieses saubere und friedliche Land –, um alleine und ohne einen Pfennig an einen (für die damalige Zeit) verhältnismäßig primitiven und unruhigen Ort zu reisen. Dieser Ort war Jerusalem, das zu jener Zeit gerade am Anfang des langen Krieges zwischen Juden und Arabern stand, der bis heute noch kein Ende gefunden hat. Dort ertrug Lydia die Härten des Hungers und des Durstes, die Gefahren der Straßenkämpfe und der Belagerung. Und dort entdeckte sie, was wir alle suchen und so wenige finden: Freude, Frieden, vollkommene Geborgenheit, ungeachtet unserer äußeren Lebensumstände. Indem sie sich – eine Generation ihrer Zeit voraus – in den Bereich der Erfahrbarkeit des Heiligen Geistes begab, wurde sie eine Wegbereiterin für die charismatische Erweckung, die seit der Zeit ihrer Entstehung von vielen als der positivste und hoffnungsvollste Faktor in der Welt unserer Tage betrachtet wird. Angesichts zunehmender Probleme und Spannungen, denen wir heute alle ausgesetzt sind, weist uns ihre Geschichte den Weg zu Antworten, die ihre Probe vor dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bestehen werden. Ich weiß, dass dies auf mich zutrifft. Lydia und ich begegneten und verheirateten uns in Jerusalem gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach Abschluss meines Studiums am Eton College und an der Cambridge-Universität in England hatte ich zu jener Zeit einen sechsjährigen Lehrauftrag am
10 / Vergäße ich dein, Jerusalem King’s College, Cambridge. Aber eine vollständig neue Phase meiner Laufbahn begann an jenem Tage, als ich die Stufen zu einem grauen, aus Steinen errichteten Gebäude hinaufstieg und der blauäugigen Dänin begegnete, die von einem Hausvoll jüdischer und arabischer Kinder Mama genannt wurde. In diesem Hause lernte ich den Heiligen Geist kennen – nicht als eine zu einem theologischen Dogma, Dreieinigkeit genannt, gehörende Person, sondern als eine täglich gegenwärtige, mächtige Wirklichkeit. Ich beobachtete Lydia beim Tischdecken, als nichts da war, womit sie die Teller füllen konnte. Dennoch war sie gewiss, dass Gott bis zu dem Moment, wo wir uns zu Tische setzten, für die Mahlzeit sorgen würde. Ich sah sie vollmächtig für kranke Kinder beten, und sie wurden gesund. Vor allem beobachtete ich, wie der Geist Gottes sie jeden Tag von morgens bis abends mit den Worten der Bibel nährte, leitete und ihr beistand. Ich hatte die Heilige Schrift in ihren Originalsprachen studiert, ihre historischen Komponenten analysiert, über ihre Exegese nachgesonnen. Lydia ließ sie zu ihrem Herzen sprechen. „Ich habe“, sagte sie einmal, „das Johannesevangelium wie einen Liebesbrief gelesen.“ In dreißig Ehejahren habe ich von Lydia gelernt, dass ein aus dieser engen Verbundenheit mit der Bibel entspringendes Gebet nicht eine subjektive Sache ist, sondern eine Kraft in dieser Welt – die größte, die es gibt. Vor einiger Zeit sagte unsere Tochter Johanne zu ihrem Sohn Jonathan, dass Lydia für eine bestimmte Sache betete. „Nun, wenn Großmutter für etwas betet“, kommentierte Jonathan, „dann wird die Sache schon in Ordnung kommen.“ Was mich bei alledem fasziniert, ist, dass Lydia in den ersten fünfunddreißig Jahren ihres Lebens in ihren eigenen Augen und auch nach Meinung anderer die letzte Person gewesen wäre, der Dinge dieser Art widerfahren könnten. Intelligent, wie sie war, ein bisschen Snob, eine gutsituierte junge Frau, die an neuen Kleidern, am Tanzen und an all den Vergnügen der kulturellen Welt, in die sie hineingeboren worden war, ihre Freude hatte – in der Bibel hatte sie vorher nur gelesen, als es von ihr im Lehrerseminar verlangt wurde. Der Weg, auf welchem dieser Verstandesmensch des zwanzigsten Jahrhunderts die Realität Gottes entdeckte, ist für uns alle so voll von Leitlinien, so voll von praktischer Hilfe für alle, die heute auf der Suche nach demselben Ziel sind, dass ich Lydia von Anfang an bat, ihre Erlebnisse doch zu Papier zu bringen. Doch Lydia war viel mehr damit beschäftigt, das Leben zu leben,
Vorwort / 11 als darüber zu schreiben. Allmählich sah ich ein, dass mir die Aufgabe zufallen würde, ihre Geschichte zu erzählen, wenn sie je erzählt werden sollte. Inzwischen bin ich mit all diesen Plätzen wohl vertraut geworden, ebenso mit fast allen Personen, die in den geschilderten Ereignissen eine Rolle spielten. So ist es mir möglich geworden, durch mein Wissen aus erster Hand sowohl die Szenen als auch die Persönlichkeiten zu rekonstruieren. Dies ist Lydias Geschichte. Ich habe versucht, so weit dies einem Manne gelingen kann, in ihren Sinn und in ihre Gefühlswelt einzudringen, um die Geschehnisse mit ihren eigenen, damals von ihr selbst verwendeten Worten zu schildern – ohne von Kämpfen und Schwachheiten wegzudeuten, sondern die wirkliche Frau für sich selbst sprechen zu lassen. Das vorliegende Buch enthält jedoch noch ein anderes Charakterbild – in gewissem Sinne die eigentliche Heldin: die Stadt Jerusalem. In diesen Kapiteln beschreibt Lydia Jerusalem so, wie sie es in jenem Jahrzehnt, welches einer vierhundert Jahre langen türkischen Herrschaft folgte, kennenlernte – einen Ort, der sich sehr unterscheidet von dem, der sich heute den Touristen bietet. Am Schluss des Buches, im Nachwort, habe ich dann das Wort und versuche, den Schleier über der Zukunft zu lüften und ein Bild von dem zu entwerfen, was Jerusalem – und uns allen – bevorsteht. Denn der Schlüssel zur Weltgeschichte liegt in dieser einen Stadt. Die Dinge, über die ich schreibe, mögen in den siebziger, achtziger oder neunziger Jahren unseres Jahrhunderts geschehen. Die Bibel sagt uns nicht, wann; sie versichert uns nur, dass alles genauso stattfinden wird, wie es die Prophetie zeigt. Es ist unser Gebet, dass Lydia und ich durch dieses Buch Ihnen, lieber Leser, etwas von unserm tiefen Eindruck, wie bedeutsam die kommenden Tage für diese Stadt sind, vermitteln mögen und auch etwas von der Liebe, die sie in jedem inspiriert, der Gottes Aufforderung ernst nimmt, für „den Frieden Jerusalems zu beten“. Derek Prince
Anmerkung des Verfassers Aus persönlichen Rücksichten sind die Namen einiger der in der Geschichte vorkommenden Personen geändert worden.
Tikva Der letzte Schein der untergehenden Sonne war vom Himmel hinter mir geschwunden und ließ die Straßen Jerusalems dunkel und verlassen zurück. Die Stille wurde einzig von meinen auf den Steinen klappernden Schuhen durchbrochen. Die feuchte Winterluft streifte nicht sehr sanft meine Wangen. Unwillkürlich umklammerte ich das Bündel in meinen Armen fester. Endlich, und mit einem Seufzer der Erleichterung, wandte ich mich einem steinernen Treppenaufgang zu, der zu einer Tür im Erdgeschoss führte. Das Bündel sorgsam mit dem linken Arm umfassend, griff ich mit der rechten Hand in die Tasche und zog einen schweren eisernen Schlüssel hervor. Der Schlüssel drehte sich mit einem solchen quietschenden Geräusch im Schloss, dass es durch den ganzen leeren Hof widerhallte. Hastig trat ich ein und bewegte den Schlüssel von der andern Seite, wobei mir dasselbe quietschende Geräusch verriet, dass die Türe wieder sicher verschlossen war. Ich tastete mich quer durch den Raum zu dem Bett an der gegenüberliegenden Wand und legte meine Last hier ab. Neben dem Bett stand eine Kommode. Suchend tastete ich darauf umher, nahm eine Zündholzschachtel herunter und entflammte ein Zündholz. Sein kleiner Schein zeigte mir die Petroleumlampe, die auf der Kommode stand. Ich gebrauchte ein zweites Zündholz und zündete damit die Lampe an. Sie beleuchtete einen schmucklosen, mit Fliesen belegten Raum. Auch die Wände waren aus Stein und – mit Ausnahme eines Bildkalenders über dem Bett – ebenso kahl. Außer dem Bett und der Kommode befanden sich nur noch drei andere Einrichtungsgegenstände darin: ein Tisch und ein Stuhl an der Wand sowie ein Flechtkoffer unter dem Fenster. Das Fenster
14 / Vergäße ich dein, Jerusalem selber war mit einem schweren Eisengitter bewehrt – ein stummer Zeuge für die Furcht, die jeden Einwohner der Stadt aus seiner Wohnung eine Festung machen ließ. Ich wandte mich wieder dem Bündel auf dem Bette zu. Eingewickelt in einem rauen schwarzen Schal lag ein kleines Baby, ein Mädchen. Sein winziger Körper war notdürftig mit einem schmuddeligen baumwollenen Unterhemd bekleidet. Die Gesichtshaut, zartgelbem Pergament gleich, spannte sich straff über die Wangenknochen und brannte unter meiner Hand wie Feuer. Die schwarzen Haare, nass vom Schweiß, klebten an den Schläfen. Aus ihren tiefen Höhlen starrten mich für einen kurzen Augenblick zwei dunkle Augen an – und schlossen sich wieder. Ich schlug den Schal etwas zurück und zog eine Säuglingsflasche mit nur ein paar Deziliter lauwarmer Milch hervor. Dabei fiel ein zerknittertes Stück Papier heraus und glitt auf den Boden. Behutsam setzte ich die Flasche an den Mund des Babys und wartete auf eine Reaktion. Zuerst sah es so aus, als ob die körperliche Anstrengung zum Trinken für das Kind zu groß sei, doch nach einer Weile begann es am Nuckel zu saugen. Ich hob den Papierfetzen vom Boden auf und strich ihn mit der Hand glatt. Er enthielt drei sorgfältig mit Großbuchstaben geschriebene Zeilen: TIKVA COHEN – GEBOREN IN JERUSALEM – 4. DEZEMBER 1927. Automatisch blickte ich auf den Kalender über dem Bett. Es war Freitag, der 28. Dezember 1928. Ich konnte es kaum glauben – das Baby war bereits mehr als ein Jahr alt! Hätte ich sein Alter nach Gewicht und Größe geschätzt, würde ich es nur für halb so alt gehalten haben. Als das Baby fortfuhr zu trinken, schaute ich mich im Zimmer um. Ich brauchte einen Platz, wo es vor der feuchten Luft und den kalten Steinen geschützt war. Was konnte da in Frage kommen? Mein Blick fiel auf den Flechtkoffer. Das würde gehen! Aber dazu brauchte es noch etwas anders. Schnell öffnete ich die Schubladen der Kommode und zog alle Unterwäsche und alle weitere weiche Kleidung, die ich darin finden konnte, heraus. Damit schlug ich, so gut es ging, den Koffer aus und machte ihn so bequem und einladend, wie ich nur konnte. Ich ließ den Deckel aufgeschlagen und lehnte ihn gegen die Eisenstäbe am Fenster. Unterdessen hatte das Baby zu saugen aufgehört und schien eingeschlafen zu sein. Behutsam entledigte ich es seines baumwollenen Leibchens.
Tikva / 15 Dann nahm ich den blauen Wollschal, den ich trug, und wickelte ihn zwei- oder dreimal um seinen Körper. Als ich das Mädchen in den Koffer legte, wimmerte es einen Augenblick, schwieg dann jedoch bald wieder. Sein Atem ging flach und stoßweise, und das Fieber sandte periodische Schauer durch seinen Körper. Wohin sollte ich mich um Hilfe wenden? In Gedanken sah ich die dunklen, menschenleeren, von Furcht und Misstrauen verseuchten Straßen Jerusalems vor mir. Jede Tür war verriegelt, jeder Fensterladen geschlossen. Es gab kein Telefon im Hause, dass ich einen Krankenwagen oder einen Arzt hätte herbeirufen können. Ich war mit einem sterbenden Kinde in diesem nackten Raum eingeschlossen. Mein Blick wurde von einem aufgeschlagenen Buch unter der Lampe auf der Kommode angezogen. Die Bibel – hatte sie für mich in diesem Moment eine Botschaft? Sie war beim Jakobusbrief geöffnet. Ich fing an zu lesen und wurde bei zwei grün unterstrichenen Versen festgehalten: „Ist jemand unter euch krank, so lasse er die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen, und sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben! Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufstehen lassen …“ (Jakobus 5,14–15).
„Mit Öl salben …“ Ich wiederholte im Stillen langsam die Worte. Öl war etwas, was ich hatte. Natürlich war ich kein „Ältester“. Aber ich war ganz auf mich gestellt, ohne eine andere Hilfsquelle. Es war bestimmt besser zu tun, was ich konnte, als überhaupt nichts zu tun! Ich öffnete einen Wandschrank, wo ich meinen sehr bescheidenen Lebensmittelvorrat aufbewahrte, nahm eine Flasche heraus und hielt sie gegen das Licht. Der Inhalt schimmerte träge, etwa zwischen grün und gold. Es war reines Olivenöl von den judäischen Bergen – von derselben Art, wie es in längst vergangenen Jahrhunderten bei der Salbung von Königen und Priestern in Israel verwendet wurde. Die Flasche mit Öl in meiner Linken haltend, kniete ich mich auf dem Steinboden vor dem Flechtkoffer nieder. Das Atmen des Kindes wurde immer beschwerlicher. Die Luft um uns herum schien seltsam schwer
16 / Vergäße ich dein, Jerusalem geworden zu sein. Ein kaltes Frösteln durchlief mich. Ich stand von Angesicht zu Angesicht einer unsichtbaren Anwesenheit gegenüber – der Anwesenheit des Todes. Im Bemühen, meinen Glauben zu stärken, wiederholte ich laut die Worte, die ich soeben in der Bibel gelesen hatte: „Das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten … der Herr wird ihn aufstehen lassen …!“ Mit leicht zitternder Hand träufelte ich ein klein wenig Öl auf die Finger meiner rechten Hand und berührte damit sanft die Stirn des Kindes. „In deinem Namen, Herr Jesus!“, flüsterte ich. „Sie ist deine kleine Schwester – eine von deinem eigenen Volk. Um deines Namens willen, Herr, bitte ich dich, sie zu heilen!“ Wieder legte ich meine Hand an die Wange des Kindes. Nach einigen Minuten öffnete ich die Augen. Bildete ich es mir nur ein oder waren die Fieberschauer tatsächlich weniger intensiv? Wieder legte ich meine Hand an die Wange des Kindes. Sie brannte! Ich schloss die Augen und betete noch einmal. „Herr, du hast mich doch hierhergebracht. Du warst es, der mich geheißen hat, meine Heimat zu verlassen und nach Jerusalem zu kommen. Herr, lass diese Menschen hier erfahren, dass Kraft in deinem Namen ist und du Gebete erhörst …“ Die Zeit stand still. Auf meinen Knien vor dem Koffer betete und beobachtete ich abwechselnd, ob eine Veränderung im Zustand des Babys eingetreten sei. Manchmal schien sein Atem leichter zu gehen, aber immer noch glühte die Haut vor Fieber. Ab und zu schaute ich in seine unnatürlich tief in ihre Höhlen versunkenen Augen, die mich ernst anblickten. Allmählich wurden meine Knie vom harten Druck der Fliesen steif und kalt. Ich erhob mich und ging, immer noch still betend, auf und ab im Raum. Nach ein oder zwei Stunden sah ich ein, dass damit nichts gewonnen würde, wenn ich noch länger auf den Beinen blieb. Auch wenn ich nicht schlafen könnte, wäre es jedenfalls weiser, mich vor der Feuchtigkeit des Zimmers zu schützen, indem ich zu Bett ging. Ehe ich die Lampe löschte, hielt ich sie über das Kind, um zu sehen, ob sich etwas verändert hatte. Für den Moment wenigstens hatte der Fieberfrost aufgehört. Es schien zu schlafen. Doch ihre Haut fühlte sich immer noch heiß vom Fieber an. Wie lange konnte der winzige Körper das wohl noch aushalten? Schließlich blies ich die Lampe aus, kroch ins Bett und zog die Decke bis unter das Kinn hinauf.
Tikva / 17 Während ich so im Dunkeln dalag, ging ich in Gedanken noch einmal die ganze Reihe seltsamer Ereignisse durch, welche mich nach Jerusalem gebracht hatten. Vor meinem inneren Auge konnte ich die Landkarte von Dänemark an der Wand des Klassenzimmers sehen, wo ich noch vor sechs Monaten Geografie unterrichtet hatte. Wie der schartige Kopf einer steinernen Pfeilspitze stößt der vorspringende Teil von Jütland nordwärts ins Skagerrak hinauf. Auf der Windschattenseite von Jütland, im Osten, schmiegen sich die beiden Inseln Fünen und Seeland an, nur durch einen schmalen Wasserstreifen, den Großen Belt, vom Festland getrennt. An der Ostküste des Großen Belt, im Südwesten Seelands, liegt die Stadt Korsør. Nur zu gut ließ mich meine Sehnsucht alle Einzelheiten erkennen. Wie anders war dort alles als in Jerusalem! Die Straßen sauber und hell erleuchtet. Auf beiden Seiten der Straßen Reihen von herausgeputzten Backsteinhäusern mit roten Ziegeldächern und weißgestrichenen Dachrinnen. Und ich hörte wieder die hellen Kinderstimmen das Lied singen, das alle dänischen Kinder in der Schule lernen: I Danmark er jeg født, Der har jeg hjemme … In Dänemark bin ich geboren Und hier ist meine Heimat …
Søren Es war zwei Jahre zuvor gewesen – im Dezember 1926. Die schrägen Strahlen der nördlichen Sonne spiegelten sich mit tief orangefarbenem Schein in den Klassenzimmerfenstern wider. Ich sagte dem Hausmeister, der am eisernen Tor des Schulhofes wartete, um es abzuschließen, Auf Wiedersehen, schwang mich auf mein Fahrrad und fuhr die mir vertraute Straße entlang, die sich bis in das Zentrum von Korsør windet. Fünf oder sechs Minuten energischen Radelns brachten mich zum westlichen Teil der Stadt, nur wenige Hundert Meter vom Ufer des Großen Belt entfernt. Ich stellte mein Fahrrad im Hofe eines großen, roten Backsteinbaues ab und stieg die Treppen zu meiner Wohnung im zweiten Stock empor. Auf dem kleinen offenen Vorplatz zur Wohnung stand Valborg, meine Hausangestellte, die sich die Hände an ihrer rot-weiß karierten Schürze abtrocknete, bereit, mich zu begrüßen. „Willkommen zu Hause!“, sagte sie und half mir aus meinem pelzgefütterten Mantel. Im Esszimmer verweilten meine Augen mit Genugtuung beim gedeckten Abendessentisch. Der Kristallleuchter warf sein weiches Licht auf das glänzende Silberbesteck und die gestärkte Damasttischdecke. Ich schlüpfte für einen Augenblick ins Schlafzimmer und unterdessen zündete Valborg die Kerzen an und stellte einen Teller mit dampfender Suppe an meinen Platz. Während ich meine Suppe löffelte, verweilte Valborg bei meinem Stuhl. Nachdem sie den größten Teil des Tages in ihrer Wohnung verbracht hatte, war sie jetzt zu einer Unterhaltung aufgelegt. „Das ist Ihre letzte Schulwoche für dieses Jahr“, sagte sie, „und morgen Abend ist Lehrerball.“
20 / Vergäße ich dein, Jerusalem „Das erinnert mich daran“, erwiderte ich, „dass Sie für mich morgen kein Abendessen zu bereiten brauchen. Herr Wulff wird mich vor dem Ball zum Nachtessen abholen.“ Valborg zeigte an dieser Abmachung offensichtliches Interesse. Sie mochte Søren Wulff – ich auch! Aber … „Über Weihnachten werde ich heim nach Brønderslev gehen“, sagte ich, um das Thema zu wechseln. „Sie werden während meiner Abwesenheit in der Wohnung nichts machen müssen.“ Am Ende der Mahlzeit zündete ich mir den Zigarillo an, den Valborg diskret neben meine Kaffeetasse gelegt hatte. Dann nahm ich die Tasse und trug sie ins Wohnzimmer. Vor mich hinpaffend, ließ ich mich behaglich im tiefen Lehnstuhl nieder, welcher in der einen Ecke stand, und ließ meinen Blick langsam durch den Raum wandern. Vor der gegenüberliegenden Wand warf der auf Hochglanz polierte Nussbaumflügel gedämpft die gelben und bronzenen Schatten des WiltonTeppichs zurück. Die Wand dahinter selber war mit einer oliv schattierten Tapete überzogen, die den Eindruck eines Gobelins erweckte und gut zu den goldfarbenen Brokatvorhängen passte. Die Wand zu meiner Linken versteckte sich vom Boden bis zur Decke hinter einem Bücherschrank, auf dessen Regale sich Reihen von Büchern mit Dresdner Porzellanfiguren sowie mit Vasen und Schalen aus deutschem Kristall abwechselten. Eine Minute lang oder so genoss ich bewusst all diesen Komfort und diese Eleganz. Ich fragte mich, wie schon oft vorher: „Kann es jemand in der Welt besser gehen als mir?“ Im Alter von sechsunddreißig hatte ich bereits das Ziel erreicht, das ich mir als Lehrerin gesteckt hatte. Zu all meinen Diplomen in den normalen Lehrfächern wie Geschichte, Geografie, Dänisch und Englisch hatte ich als eine der ersten Lehrerinnen im Lande einen Weiterbildungskurs in Hauswirtschaftslehre, unter besonderer Berücksichtigung der neuesten Ernährungswissenschaft, genommen. In der Folge wurde ich zur Direktorin für Hauswirtschaftslehre in einer der modernsten und am besten eingerichteten Schulen Dänemarks ernannt. Meine Abteilung diente nun den Erziehungsbehörden als Muster für die Einrichtung ähnlicher Abteilungen in anderen Schulen des ganzen Landes. In den letzten zehn Jahren hatte ich in verschiedenen Städten Dänemarks unterrichtet, doch nirgends gefiel es mir so gut wie in Korsør mit seiner schönen Lage am Großen Belt – und trotzdem nicht weit von Ko-
Søren / 21 penhagen entfernt. Ich verdiente gut und hatte zudem nach dem Ableben meines Vaters zwei Jahre zuvor eine ansehnliche Erbschaft gemacht. Vor allem jedoch war da Søren Wulff – der Lehrer, der mich am nächsten Abend ausführen wollte. Søren und ich waren am Lehrerseminar gute Freunde geworden, hatten wir doch viele gemeinsame Interessen – Tanzen, Eislauf, Mozart, Kierkegaard. Nach dem Studium hatten wir während beinahe zehn Jahren jeder an verschiedenen Schulen unterrichtet. Und nun – wie das Schicksal es wollte – waren wir in Korsør wieder zusammen. Im Verlaufe des letzten Semesters gewahrte ich allmählich eine neue Ernsthaftigkeit in Sørens Haltung mir gegenüber. Ich rechnete ziemlich sicher damit, dass er mir morgen Abend einen Heiratsantrag machen würde. Warum fürchtete ich mich davor? In seiner Art, durch seine Ausbildung und seinen Beruf war Søren vor allem eines: Lehrer. Sein ganzes Leben drehte sich um seine Arbeit. Eine Ehe würde bei ihm auch nichts daran ändern, dass er in erster Linie mit seinem Beruf verheiratet war. Da ich ebenfalls im Lehrerberuf stand, sah das mit uns beiden nach einer idealen Liaison aus. Gewiss, wenn ich heiraten und Kinder haben wollte, konnte ich es mir nicht leisten, noch viel länger zu warten! Und doch … es war eine Endgültigkeit damit verbunden, die mir Furcht einflößte. Warum hatte ich mit dieser inneren Zurückhaltung zu kämpfen? Gab es etwas, was noch fehlte, um unser Leben zu vervollständigen? Im vergangenen Jahr hatte ich mir diese Frage immer und immer wieder gestellt, aber ich vermochte keine Antwort darauf zu finden. Genau genommen hatte ich keine Ahnung, von wo ich überhaupt eine erwarten sollte. Um sechs Uhr am folgenden Abend hatte ich meine Toilette beendet und verweilte noch einen Augenblick vor dem Spiegel. Mein langes, blondes Haar war in vier Flechten zusammengenommen, die oben ineinander übergingen; so hatte es Søren gern. Das blaue Seidenkleid – Valborg hatte es noch für mich gebügelt – verlieh dem Blau meiner Augen eine zusätzliche Betonung. Blau war sowohl Sørens als auch meine Lieblingsfarbe. Wir hatten so viel Gemeinsames … Meine Träumerei wurde von einem lauten Klopfen unterbrochen. Eilig legte ich meinen weißen Pelzumhang um und öffnete die Tür. Sørens athletische Erscheinung kam in seinem tadellos zugeschnittenen Smoking voll zur Geltung, sein sorgfältig gepflegtes braunes Haar duftete angenehm nach einem dezenten Haarwasser.
22 / Vergäße ich dein, Jerusalem „Unten wartet ein Taxi“, sagte er, meine ausgestreckte Hand mit seinen beiden ergreifend. Im Restaurant führte Søren mich zu einem Tisch für zwei in der entferntesten Ecke. „Ich habe mich schon seit zwei Wochen auf diesen Abend gefreut“, sagte er. „Weißt du eigentlich, dass es heute fast genau auf den Tag zwölf Jahre her sind, seit wir das erste Mal zusammen tanzten?“ Der Ober kam, um unsere Bestellung entgegenzunehmen, und unsere Unterhaltung wandte sich den Ereignissen des soeben zu Ende gegangenen Schuljahres zu. Søren war wie immer lebhaft und unterhaltsam, aber ich entdeckte eine kleine Spur von Spannung in seiner Stimme. Schließlich räumte der Kellner den Tisch ab und ließ uns mit unserm Kaffee und Brandy wieder alleine. Søren nahm einen kurzen Schluck von seinem Kaffee, hob dann seinen Blick und schaute mir voll ins Gesicht. „Lydia“, sagte er, „ich habe einen speziellen Grund für meine Einladung zu unserm gemeinsamen Nachtessen heute Abend – und ich kann mir vorstellen, dass du bereits weißt, welches dieser Grund ist.“ Er hielt inne, während seine grauen Augen in den meinen forschten. „Lydia, willst du mich heiraten?“ Ich fühlte das Blut in meine Wangen steigen und hörte mein Herz so laut pochen, dass ich sicher war, alle Leute im Raum könnten es hören. Auf diesen Augenblick war ich gefasst gewesen, und doch hatte ich keine Antwort bereit. Ich öffnete die Lippen, um ihm zu antworten, und fragte mich dabei selber, was ich ihm wohl entgegnen wollte. „Ich danke dir, Søren“, hörte ich mich sagen. „Das ist das schönste Kompliment, das man mir je gemacht hat. Aber …“ „Was aber?“ „Søren, ich kann mich nicht gerade jetzt entschließen.“ „Gibt es einen anderen?“ „Nein, das ist es nicht. Ich kenne niemand, den ich so mag und respektiere wie dich.“ Ich rang um eine Erklärung, aber die Worte blieben mir aus. Søren lehnte sich über den Tisch nach vorne und begann wieder zu sprechen. Seine Worte überstürzten sich. Er malte ein Bild von unserer gemeinsamen Zukunft, von den Interessen und Hobbys, die wir teilen würden, sowie von der idealen Ergänzung unserer Karrieren. Endlich hielt er inne und wartete auf meine Antwort.
Søren / 23 „Ich weiß, wie viel dir deine Karriere als Lehrer bedeutet, Søren“, fing ich an, „und deshalb fühle ich mich geschmeichelt, dass du deine Zukunft mit mir teilen willst. Doch ich fürchte, dass nicht alles so werden wird, wie du es beschreibst.“ „Warum nicht, Lydia?“ „Sieh, ich habe mich für die Zukunft noch nicht so festgelegt wie du, Søren. Bevor ich mich in dem Sinne entschließen kann, wie du es möchtest, gibt es etwas, was ich zuerst erledigt haben möchte.“ „Und das wäre?“ „Ich weiß, es muss sich töricht anhören …“ Ich suchte immer noch nach Worten. „Aber ich frage mich andauernd, ob zum Leben nicht mehr gehört als nur eine Karriere und eine Wohnung, eine schöne Einrichtung und zum Schluss noch eine gesicherte Pension. Ich weiß es nicht. Doch als mein Vater vor zwei Jahren starb, musste ich mich einfach fragen: Ist das wirklich das Ende – oder gibt es noch mehr als das?“ „Du meinst, in religiöser Hinsicht?“ „Vielleicht – obwohl mir das Wort Religion nicht gefällt.“ Armer Søren! Ich konnte sehen, dass er ebenso durcheinander war wie ich. Er nahm mehrmals einen schnellen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Verzeih mir, dass ich dir eine solche törichte Antwort gegeben habe“, fuhr ich endlich fort. „Ich komme mir wie jemand vor, der versucht, den Weg zu einem bestimmten Ort zu beschreiben, den er selber nicht kennt.“ Wir saßen beide einen Moment schweigend da, während ich mich bemühte, eine Möglichkeit zu finden, um die Spannung zu mindern. Schließlich streckte ich meine Hand über den Tisch und nahm die seinige. „Hättest du etwas dagegen, wenn wir jetzt zum Ball gehen? Und ich will versuchen, es dir später besser zu erklären.“ Als der Ball zu Ende war, begleitete Søren mich zurück zu meiner Wohnung, wo ich ihn noch zu einer letzten Tasse Kaffee einlud. Er war es, der zu unserm Gesprächsthema im Restaurant zurückkehrte. „Lydia, wenn du wünschst, dass ich mit dir zur Kirche gehe“, sagte er, „dann bin ich bereit, das zu tun.“ „Nein, Søren“, erwiderte ich, „das würde ich nicht von dir verlangen. Ich bin mein ganzes Leben lang ein guter Lutheraner gewesen, aber das
24 / Vergäße ich dein, Jerusalem hat mir keine Antwort auf meine Fragen gegeben. Mein erstes Jahr hier in Korsør bin ich jeden Sonntag zur Kirche gegangen, aber jedes Mal kam ich heraus und fühlte mich verwirrter und frustrierter, als ich hineingegangen war. Schließlich habe ich es aufgegeben.“ „Ja, aber warum willst du denn nicht mal versuchen, in die Evangelische Mission unten beim Hafen zu gehen“, sagte Søren zu mir. „Ich bin sicher, unsere verehrte Bibliothekarin, Fräulein Sonderby, würde sich freuen, dich dorthin mitzunehmen.“ Für einen Moment stellte ich mir Kristine Sonderby vor, wie ich sie oft auf ihrem Wege zu dieser Gemeinde gesehen hatte. Ein formloser, schwarzer Filzhut überschattete eine graue Ponyfrisur und eine dicke, schwarz umrandete Brille. Aus der Seitentasche ihrer sperrigen schwarzen Lederhandtasche lugten eine Bibel und ein Gesangbuch hervor – beides in Schwarz gebunden, wie auch vom Hut bis hinunter zu ihren hochgeschnürten Schuhen das vorherrschende Motiv Schwarz war. Das „Heil“, wie Kristine Sonderby es nannte, musste gewiss eine melancholische Angelegenheit sein und sein Nutzen – worin auch immer er bestehen mochte – in irgendeinem zukünftigen Leben liegen. Nein, das war es nicht, wonach ich suchte! Ein paar Minuten später verabschiedete sich Søren. Unter der Türe hielt er mich einen Moment in den Armen. Dann wandte er sich ab und ging ohne ein weiteres Wort die Treppe hinunter. Nachdem er gegangen war, versuchte ich, nicht mehr daran zu denken, was sich zwischen uns abgespielt hatte, doch der schwache Duft seiner Haare blieb wie eine Erinnerung in der Wohnung zurück. Wie real und warm hatte er sich angefühlt, als er mich in seinen Armen hielt! Im Vergleich dazu erschien mein Suchen nach dem unbekannten „Etwas“, das zu einer echten Lebenserfüllung noch gehören mochte, schattenhaft und verschwommen. Gegen zehn Uhr am nächsten Morgen saß ich in einem Erste-KlasseAbteil in dem Zuge, der nordwärts der Stadt Brønderslev entgegeneilte. Dort war ich geboren worden, und dort lebte auch meine Mutter noch. Ich hatte die Nacht nicht gut geschlafen und in meinem Kopfe hämmerte es. Die Reise dauerte sechs Stunden. Das gab mir genug Zeit zum Nachdenken – mehr als mir lieb war. Immer wieder kehrten meine Gedanken zum Gespräch mit Søren am Vorabend zurück. Ich konnte mir mein eigenes Verhalten auch jetzt noch nicht erklären.
Søren / 25 Eine innere Stimme tadelte mich: „Du hast deine Chance fürs Glück weggeworfen! Du hättest eine Ehe und ein Heim und Geborgenheit haben können. Jetzt hast du das alles verloren!“ Ich wandte meinen Blick zum Fenster hinaus in dem Versuch, meine Aufmerksamkeit auf die vorbeihuschende Landschaft zu konzentrieren, aber die Stimme fuhr fort: „Und was hast du an die Stelle der Ehe zu setzen? Nichts! Du wirst schließlich auch so eine typische Lehrerinnen-Jungfer werden wie Fräulein Sonderby!“ Immer und immer wieder ging ich in Gedanken das Gespräch mit Søren durch. Indem ich mich an jedes Wort erinnerte, das ich zu ihm gesagt hatte, quälte mich die vorwurfsvolle Stimme: „Warum hast du das gesagt? So hast du es eigentlich nicht gemeint. Du wusstest ja nicht einmal, was du sagtest.“ Nach einer Weile schien das rhythmische Rattern des Zuges die Frage wie einen Refrain aufzunehmen: Warum hast du das gesagt? Warum hast du das gesagt? Warum hast du das gesagt? Ich begann zu rauchen, fand aber auch nicht die Erleichterung, die ich brauchte. Ich stand auf und fing an, im Korridor des Zuges auf und ab zu gehen. Doch immer noch verfolgten mich die Räder unnachgiebig: Warum hast du das gesagt? Nur mit großer Anstrengung gelang es mir, meine Gedanken von Søren wegzulenken und an die bevorstehende Familienbegegnung in Brønderslev zu denken. Mein Vater war ein erfolgreicher Bauunternehmer gewesen und hatte bei der Entwicklung der Stadt eine bedeutende Rolle gespielt. Als er vor zwei Jahren starb, zog meine Mutter in ein großes Haus um, das die Leute „die Burg“ nannten und das von meinem Vater im Zentrum der Stadt, unweit vom Bahnhof, gebaut worden war. Hier bewohnte meine Mutter ein komfortables Appartement in der zweiten Etage. Es gehörte zur Familientradition, dass wir uns Weihnachten alle zu Hause versammelten. Meine älteste Schwester, Kezia, würde mit ihrem Mann Knud und vier Kindern von der Insel Fünen herbeireisen. Meine zweite Schwester, Ingrid, war mit einem Offizier der dänischen Armee verheiratet und wohnte auf einem großen Anwesen, achtzig Kilometer von Brønderslev entfernt. Sie hatten keine Kinder. Ich war das Nesthäkchen der Familie und die Einzige, die noch unverheiratet geblieben war. Bei der Ankunft in Brønderslev machte ich unter den Leuten schnell eine große, schlanke Gestalt mit gestärkter weißer Haube aus, die mich auf dem Bahnsteig erwartete – Mutters Dienstmädchen Anna. „Willkommen zu Hause, Fräulein Lydia!“, sagte sie und nahm mir den Koffer ab. „Ihre
26 / Vergäße ich dein, Jerusalem Mutter hat schon die Stunden bis zu Ihrer Ankunft gezählt.“ Mit ihren langen Schritten führte mich Anna den Weg über den Hauptplatz zur „Burg“. Mutter erwartete mich in der Diele. „Willkommen daheim, mein kleines Mädchen!“, sagte sie und nahm mich in ihre Arme. Für sie war ich stets das kleine Mädchen geblieben, auch jetzt noch in meinen Dreißigerjahren. Seit Vaters Tod hatte Mutter die traditionelle schwarze Witwenkleidung beibehalten, doch ihr langes, mit weißem Kragen und weißen Manschetten besetztes Seidenkleid war nicht ohne Eleganz. Ihr einst blondes Haar hatte eine aschfarbene Tönung angenommen, was ihr eine zusätzliche Würde verlieh. Mutter und ich nahmen das Nachtessen alleine ein. Sie wollte immer gern von meiner Tätigkeit in der Schule hören und freute sich über jede Beförderung in meiner Laufbahn. Bald kamen auch meine Schwestern mit ihren Familien an. Wie gewöhnlich, lautete ihre erste Frage: „Hat dir immer noch niemand einen Heiratsantrag gemacht?“ Ich brachte es nicht fertig, ihnen von Søren zu erzählen. Am folgenden Tag war Heiligabend, an dem sich in Dänemark ein wesentlicher Teil der Festlichkeiten abspielt. Am Nachmittag fand ein kürzerer Gottesdienst in der Kirche statt. Mutter war ein „guter Lutheraner“, und es gab zwei Anlässe jedes Jahr, zu denen sie zur Kirche ging: Heiligabend und Ostern. Auf unserm Weg zum Gottesdienst begann Mutter mir von ihrem neuen Pfarrer zu erzählen. „Er ist ein so netter Mann“, sagte sie, „jeder hat ihn gern!“ „Damit willst du sagen, Mutter, dass er schön kurze Predigten hält!“ „Nun ja, das stimmt. Ich habe lange Predigten nie gemocht. Übrigens, er spielt Karten. Er kommt jeden Dienstag zu mir, und wir spielen eine Partie zusammen.“ An jenem Nachmittag machte der Pfarrer seinem Ruf alle Ehre. Die Predigt begann um 3 Uhr, und um 3.45 Uhr waren wir wieder draußen auf der Straße. Mit dem guten Gefühl, unserer Pflicht Genüge getan zu haben, begaben wir uns heimwärts. Dort erwartete uns die eigentliche Weihnachtsfeier – der Weihnachtsbaum, die Geschenke, eine Menge guter Sachen zu essen und zu trinken. Gegen sechs Uhr traten wir alle an den langen Tisch im Esszimmer. Schon mit meinen frühesten Kindheitserinnerungen sind diese traditio-
Søren / 27 nellen Weihnachtsfestlichkeiten verwoben. Für einen kurzen Augenblick sah ich vor meinem geistigen Auge wieder meinen Vater, wie er oben am Tische zu sitzen pflegte, mit seiner im Kerzenlichte funkelnden, schweren, goldenen Uhrkette quer über seiner Weste. Jetzt nahm der ältere Schwiegersohn Knud seinen Platz ein. Jede Phase unseres Festes wurde von einem feststehenden Protokoll bestimmt. Wenn alle ihren Platz eingenommen hatten, öffnete Anna – in der blauen „Uniform“, die sie für besondere Anlässe aufsparte – die in das Wohnzimmer führende Doppeltür. Dort in der Mitte am Boden stand der Weihnachtsbaum. Brennende Kerzen auf jedem Zweig warfen ihren Schein auf eine Fülle prachtvoll eingewickelter Geschenke, die sich unter dem Baum häuften. An den Zweigen hingen kleine Papierkörbe mit Kandiszucker, Schokolade und Marzipan. Die Kinder stießen verhaltene Bewunderungsrufe aus, während ihre Augen jede Einzelheit des Anblicks zu erforschen suchten. Als Nächstes entzündete Anna die hohen, roten Kerzen in der Mitte des Tisches. Dann ging sie in die Küche zurück, wobei sie das elektrische Licht auslöschte. Während wir auf ihre Rückkehr warteten, ließ ich meine Augen über die ganze Länge des Tisches gleiten. Mit Ausnahme einer leeren Stelle bei Knud war beinahe jeder Zentimeter mit irgendwelchen Leckerbissen bedeckt. Neben den gewöhnlichen gekochten Kartoffeln gab es zwei Schüsseln mit „Karamell-Kartoffeln“, drei Saucenschüsseln, zwei große Schalen mit roter Götterspeise, zwei Schüsseln Rotkohl, eine kleine Reihe von Marzipanschweinchen und eine große Auswahl von Eingelegtem, wie Gurken und so weiter. In der Mitte thronte eine Silberschale, vollgehäuft mit Äpfeln, Orangen, Nüssen, hellen und dunklen Weintrauben. Nach einigen Minuten kehrte Anna mit einer großen, ovalen Servierplatte aus Königsporzellan zurück und stellte sie vor Knud hin. Darauf lag eine fantastische gebratene Gans, die Beine mit Papierfransen verziert, die Brust mit drei kleinen, rot-weißen dänischen Fähnchen. Während Knud die Gans zu zerlegen begann, entkorkte Ingrids Mann eine Flasche Burgunder. Der Nachtisch bestand aus dem traditionellen „Reisporridge“, in dem irgendwo eine Mandel verborgen war. Wer sie in seiner Portion fand, bekam ein besonderes, auf der Spitze des Reisberges zur Schau gestelltes Geschenk. Jedermann durchforschte natürlich mit Eifer seinen Anteil, und schließlich war es Ingrid, die die begehrte Mandel bei sich entdeckte, begleitet von den enttäuschten Seufzern der Kinder.
28 / Vergäße ich dein, Jerusalem Als die imposante Mahlzeit abgeschlossen war, gingen wir alle ins Wohnzimmer hinüber. Ingrids Mann setzte sich ans Klavier, und wir übrigen reichten uns die Hände und bildeten einen weiten Kreis um den Weihnachtsbaum. Dann begannen wir die traditionellen dänischen Weihnachtslieder zu singen und bewegten uns dazu im Reigen um den Baum herum, vor dem wir uns nach jeder Strophe verneigten. Unter all den wohlvertrauten Liedern war eines, das in mir immer eine tiefere Saite anschlug als die übrigen: Dir, meinem Heiland und Erlöser, alle Ehre! Eine Dornenkrone hat dir die Welt bestimmt; Aber, Herr, du siehst, ich möchte Eine Rosenkrone um dein Kreuze winden – Lass mich Mut und Gnade dazu finden!
Als wir diese Worte zu singen begannen, spürte ich plötzlich, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Schnell senkte ich den Kopf, um es die andern nicht merken zu lassen. Was war los mit mir? Für einen Augenblick sah ich mich ins Restaurant zurückversetzt, wie ich Søren gegenübersaß und mich bemühte, mein Suchen nach dem unbekannten Etwas für eine tiefere Lebenserfüllung zu erklären. Als ich wieder aufblickte, kamen mir die Menschen seltsam entfernt vor. Sie standen mir am nächsten und waren mir am liebsten, und doch schien ich irgendwie in die Rolle eines distanzierten Zuschauers versetzt zu sein, der in dem, was er beobachtete, keinen eigentlichen Sinn mehr erkennen konnte. Sobald das Singen aufhörte, begannen alle Erwachsenen zu rauchen, die Männer ihre ausgewachsenen Zigarren, Mutter, meine Schwestern und ich unsere kleinen Zigarillos. Für eine Dame war es damals nicht schicklich, so etwas Unfeines wie bloß eine Zigarette zu rauchen! Mit dem Auspacken der Geschenke gelangte der Abend zu einem Höhepunkt. Kezias ältester Sohn wurde die Aufgabe übertragen, die Geschenke unter dem Baum hervorzunehmen und die Namen darauf vorzulesen. Jedes Geschenk musste erst geöffnet und zur Besichtigung durch die Runde gereicht werden, ehe der nächste Name ausgerufen wurde. Und da es fünfzig oder sechzig Päckchen gab, wurde es fast Mitternacht, bis das letzte ausgepackt war. Die zwei jüngsten Kinder lagen inzwischen fest schlafend am Boden.
Søren / 29 Am nächsten Nachmittag befand ich mich mit Mutter alleine im Wohnzimmer. Sie saß in ihrem Lieblingsstuhl – einem Schaukelstuhl – und strickte an einem Pullover für eines von Kezias Kindern. „Verrate mir einmal, Lydia“, sagte sie, „wann wirst du dich verheiraten und eine Familie gründen?“ Der Schaukelstuhl blieb im Gleichtakt mit dem rhythmischen Klappern der Stricknadeln in ihrer Hand. „Du weißt, ich werde nicht jünger, und ich möchte dich gerne noch mit einem Mann verheiratet und mit einem eigenen Heim sehen.“ „Ich habe doch ein eigenes Heim, Mutter – und ein schönes dazu! Was das Heiraten betrifft, gibt es noch etwas, worüber ich mir erst Klarheit verschaffen möchte.“ „Und das wäre?“, forschte sie – so wie es Søren getan hatte. „Ich bin nicht sicher. Aber es hat etwas zu tun mit – nun, mit Gott.“ Seltsam, wie es einem schwerfiel, dieses Wort auszusprechen! „Ich möchte selber herausfinden, ob Gott Wirklichkeit ist – ob es für das Leben einen anderen Sinn gibt als nur Karrieremachen und Geldverdienen.“ „Hm … du sprichst genauso wie dein Vater in den letzten ein, zwei Jahren!“, rief Mutter aus. „Er fing sogar an, irgendwelche Versammlungen in einem Bauernhaus außerhalb der Stadt zu besuchen.“ „Bei einem Bauern?“ Es war schwierig, sich Vater mit seinem Gehrock, seiner Weste und seiner nadelgestreiften Hose in der Stube eines Bauern sitzend vorzustellen. „Tatsächlich. Durchaus nicht die Art von Leuten, an die er gewöhnt war. Ich habe ihnen schließlich einmal etwas Geld geschickt, weil ich nicht wollte, dass Vater dort hinging und ihren Kaffee umsonst trank!“ „Was hat Vater noch gesagt?“ „Nun, ich erinnere mich, wie er eines Tages meinte, dass man den Herzensfrieden nicht mit Geld kaufen kann … Das war einige Wochen vor seinem Herzanfall. Du weißt ja, wie plötzlich er starb.“ Im Nu war die Erinnerung wieder da – das Telegramm, die marternde Eisenbahnfahrt, das Zimmer mit dem aufgebahrten Leichnam Vaters. Ich dachte zurück an den ersten schweren Schock und wie seltsamerweise der Kummer allmählich einem Gefühl des Friedens wich, das so wirklich war, wie wenn jemand bei mir im Zimmer gewesen wäre. Ich erinnerte
30 / Vergäße ich dein, Jerusalem mich auch an Vaters Gesichtsausdruck, wie er dalag. Er drückte eine Ruhe aus, wie ich sie an ihm bei seinen Lebzeiten nie wahrgenommen hatte. Er musste in jenen letzten Wochen seines Lebens bestimmt etwas gefunden haben. Aber was? „Was sollte es noch mehr im Leben geben, was du nicht schon hast, Lydia?“, unterbrach Mutters Stimme meine Erinnerungen. „Du hast eine gute Karriere gemacht, und ich weiß, dass alle in der Schule große Stücke auf dich halten. Ich bin sicher, dass dir nur eins fehlt: ein Heim und eigene Kinder.“ „Mag sein, Mutter, aber …“ Wie konnte ich nur diese innere Ruhelosigkeit beschreiben? Sie war einfach eine Tatsache, und doch besaß ich keine Erklärung dafür. Schließlich stieß ich hervor: „Wenn es etwas Besonderes im Leben gäbe, was keine andere Frau tun würde – auch wenn es schwierig oder gefährlich wäre –, das ist es, was ich gerne tun wollte!“ Ich konnte in Mutters Gesicht den gleichen verblüfften Ausdruck erkennen, den ich vor einigen Tagen bei Søren gesehen hatte. Gerade bei denen, die ich am meisten liebte, schien ich mich am ungeschicktesten auszudrücken. War es nicht dumm von mir, etwas zu suchen, was ich nicht mit Worten erklären konnte – nicht einmal mir selbst?