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Begegnung mit dem Übernatürlichen Udo Knöfel Wahnsinn

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Wahnsinn

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Begegnung mit dem Übernatürlichen

Udo Knöfel

Wahnsinn

Begegnung mit dem Übernatürlichen Autobiografie

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Wahnsinn

Alle Personen, die in diesem Buch zeugnishaft und mit vollem Namen erwähnt werden, können Sie, soweit sie noch auf dieser Erde weilen, selbst kennenlernen. Bitte wenden Sie sich zwecks Kontaktaufnahme an: Jesus Gemeinde, Evangelische Freikirche, Am Stausee 1, 02689 Sohland/Spree Erklärungsbedürftige Begriffe, zumeist solche aus dem Sprachgebrauch der früheren DDR, sind mit einem Sternchen* gekennzeichnet und im Anhang erläutert. Copyright © 2011 ASAPH-Verlag 1. Auflage 2011 Die Bibelzitate entstammen der Lutherbibel, revidierte Fassung von 1984. Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf Satz/DTP: Jens Wirth Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in Germany ISBN 978-3-940188-42-7 Best.-Nr. 147442 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH, Postfach 2889, D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.net – www.asaph.net

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Begegnung mit dem Übernatürlichen

Inhalt Dank......................................................................................................9 Widmung............................................................................................ 11 Vorwort von Sr. Anna-Maria aus der Wiesche...................................13 Vorwort von Walter Heidenreich........................................................15 Das Abenteuer beginnt.......................................................................17 Abstammung......................................................................................20 Kasernenalltag in Neuseddin.............................................................23 Tagtraum.............................................................................................25 Aufwachen … der Politunterricht ist zu Ende!..................................30 Gerald H.............................................................................................31 Traumhaft...........................................................................................32 Gelöbnis..............................................................................................34 Wanzen im 20. Jahrhundert................................................................35 Verlegung............................................................................................35 Das neue „Zuhause“...........................................................................36 Hilfeschrei..........................................................................................37 Eine große Liebe wird geboren..........................................................39 Eckhard...............................................................................................41 Lange ist es her...................................................................................42 Mukran................................................................................................45 1. Februar 1987 – Der besondere Ausgang........................................46

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Wahnsinn Baptisten auf R체gen...........................................................................47 Winfried..............................................................................................49 Sektausflug.........................................................................................51 Power-B체cher.....................................................................................52 Zeitreise..............................................................................................52 Schulzeit.............................................................................................54 Erstes Geld..........................................................................................55 Mein Traum........................................................................................56 Chancenlos.........................................................................................57 Lehre...................................................................................................58 JCR.....................................................................................................58 Musterung...........................................................................................60 Vision..................................................................................................61 Freundin..............................................................................................61 Gott klopft an......................................................................................62 Regenbogen........................................................................................64 Privatunterricht...................................................................................66 Martina................................................................................................67 Ilona....................................................................................................70 Balaton................................................................................................72 Der Schock.........................................................................................73 Hausmeister........................................................................................74 Polterabend.........................................................................................77 Hochzeit..............................................................................................78 Bittere Realit채t....................................................................................80 Volle Kanne........................................................................................81 Zungenproblem..................................................................................86 Wohnverh채ltnisse...............................................................................87 Karriere...............................................................................................89

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Begegnung mit dem Übernatürlichen Niemand kann zwei Herren dienen....................................................90 Eigene vier Wände.............................................................................93 Heiligabend 1986...............................................................................95 Zurück auf der Insel...........................................................................97 Die große Wende................................................................................98 Katastropheneinsatz..........................................................................100 Erstes Zeugnis..................................................................................101 Religiöse Fanatiker?.........................................................................102 Ein Ami auf Rügen...........................................................................103 Gott heilt...........................................................................................105 Probleme über Probleme..................................................................105 Die Sache mit dem Geist..................................................................106 Gebetserhörungen.............................................................................107 Der Brief...........................................................................................108 Adrenalin..........................................................................................110 Neues Gerücht..................................................................................112 „Thomas Gottschalk“ in der Kaserne..............................................113 Proschi..............................................................................................114 Durchbruch.......................................................................................116 Einfach genial...................................................................................118 Fromm sein sieht anders aus!...........................................................120 Entlassungszeit.................................................................................122 Der große Tag...................................................................................123 Start...................................................................................................124 Hauskreis..........................................................................................125 Elisabeth Hodosi...............................................................................126 Erste Glaubenskonferenz.................................................................127 Ulrich Kuhne....................................................................................128 Sabine...............................................................................................133

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Wahnsinn Gnadenzeit........................................................................................136 Heimatlos..........................................................................................137 Stasi aktiv.........................................................................................139 Berufung...........................................................................................141 Nutus Dei..........................................................................................143 Zwischenzeit.....................................................................................144 Tankwart...........................................................................................146 Reich der Gnade...............................................................................149 Gasalarm...........................................................................................151 Gemeindegründung..........................................................................154 Der Preis...........................................................................................155 Die etwas andere Seelsorge..............................................................156 Vollzeitlicher Dienst.........................................................................159 Das Objekt am Stausee.....................................................................160 Schlammschenken-Gemeinde..........................................................162 Neubau..............................................................................................164 Bungalowzeit....................................................................................165 Martin Schumann.............................................................................166 Vergebliche Mühen...........................................................................169 Eröffnung Gemeindezentrum...........................................................170 Kai....................................................................................................173 Der schwere Weg.............................................................................174 Gottes Wege …................................................................................177 Menschenfischer..............................................................................180 Siegfried Klinger..............................................................................181 Ein Stück Apostelgeschichte...........................................................187 Anhang..............................................................................................190

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Begegnung mit dem Übernatürlichen

Herzlichen Dank … … an Lutz Pfitzner für sein Engagement beim Entstehen dieses Buches. Du warst es, der damit begann, meine Gedanken und Erlebnisse zu sammeln und das Gehörte zu Papier zu bringen. … an Sr. Anna-Maria aus der Wiesche und Walter Heidenreich für ihre liebevollen Vorworte. … an meine Beraterin Ursula Dorn, die maßgeblich zur Vollendung dieses Buches beigetragen hat. … an Johannes Arnstadt, an Henryk Hauptmann und an Ines Böhme für ihre Ideen und für ihre Unterstützung. … an alle Geschwister der Evangelischen Freikirche Sohland für ihre begleitenden Gebete.

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Begegnung mit dem ĂœbernatĂźrlichen

Ich widme dieses Buch meiner lieben Frau Ilona sowie unseren Kindern Martin und Elisabeth.

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Vorwort von Sr. Anna-Maria aus der Wiesche

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um ersten Mal traf ich Udo Knöfel 2005 auf einer Tagung von Christen in verantwortlichen Positionen. Ein schmaler Mann mit wachen Augen, etwas scheu im neuen Umfeld, offen und lebendig. An seiner Seite eine zierliche, schöne Frau, auf den ersten Blick wirkte sie zart, doch im näheren Kontakt stark und lebensnah. Als wir uns vorstellten, verriet ihre Sprache die Oberlausitzer Heimat. Im Laufe der Unterhaltung kam Udos Humor und seine Gewandtheit zum Vorschein. In den folgenden Jahren trafen wir uns immer wieder auf der Tagung der Verantwortlichen und kamen tiefer ins Gespräch. Udo Knöfels radikale Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber hat mein Herz berührt. Er schont sich selbst nicht, dies wird auch in seiner Biografie deutlich. In dieser Offenheit seines Menschseins mit Höhen und Tiefen leuchtet das Geheimnis Gottes durch sein Leben auf. Kindheit und Jugend verbrachte er in Taubenheim/Oberlausitz. Früh entstand sein Wunsch, Trompeter zu werden. Seine musikalische Laufbahn mit verschiedenen Bands bis hin zum Studium der Trompete an der Universität in Dresden vermittelt seine Leidenschaft für die Musik und gleichzeitig ist sie eine wertvolle Beschreibung eines Stücks DDR-Kulturgeschichte. Von seinen Eltern gläubig erzogen, kam er selbst in der Zeit, als er als Bausoldat auf Rügen stationiert war, zum Glauben. Es war der Ort größter Schikanen und Demütigungen, aber auch der Ort, an dem Gott sich zu dem Gebet einiger junger Männer stellte und ihre Bitten erhörte. Von 315 Bausoldaten fanden ungefähr 60 bis 70 zum Glauben. Von diesem Zeitpunkt an ist der Glaube an

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Wahnsinn Jesus Christus seine größte Leidenschaft. Nachdem er von der NVA zu seiner kleinen Familie heimkehrte, beginnt die Geschichte der Führung Gottes in seinem Leben. Udo Knöfel sprach Menschen an, redete mit ihnen. Bald fanden Männer und Frauen durch ihn und seine Frau zum Glauben. Ein Hauskreis entstand. Menschen erlebten Befreiung von Schuld und Bindungen, Heilungen geschahen. Schritt für Schritt wurde er von Gottes Geist geführt. Es entstand eine neue lebendige Gemeinde, deren Leitung Udo übernahm. Immer mehr Menschen fanden hinzu. Anfänglich wurde die neue Gemeinde von Mitgliedern der Landeskirche misstrauisch wahrgenommen, doch Gott führte nach einigen Jahren zu einem versöhnten Miteinander. Über die Grenzen von Sachsen, ja über Deutschland hinaus, wuchsen die Beziehungen der neuen Gemeinde hin zu Christen weltweit. Ein ökumenisches Miteinander trägt heute die Gemeinde vor Ort. In diesem Buch bekommen wir Anteil an Gottes Wirken heute. Der Heilige Geist befreit und verwandelt Menschen und führt sie als Gemeinde zusammen. Durch Udo Knöfels Leidenschaft für Gott und seinen Gehorsam ihm gegenüber fanden viele Menschen zur Freiheit ihres Lebens in der Beziehung zu Jesus Christus. Wer diese Biografie liest, bleibt nicht unberührt vom Wirken des Heiligen Geistes. „Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen …, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ (Epheserbrief 3,20–21) Der lebendige Gott wirkt auch heute! Sr. Anna-Maria aus der Wiesche Communität Christusbruderschaft Selbitz Im Januar 2011

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Begegnung mit dem Übernatürlichen

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Vorwort von Walter Heidenreich

in weiteres Buch auf dem christlichen Markt? Ja, aber ein außergewöhnliches.

Ich kenne Udo und Ilona mit ihren beiden Kids nun schon mehrere Jahrzehnte und konnte somit ihren Werdegang mit Gott verfolgen. Es ist schon genial, wie Gottes Geist immer wieder neu in das Leben von Menschen hineindringt, die sich ganz und gar von ihm abgewandt haben und der Sünde damit Raum gaben. Das Zeugnis dieser wunderbaren Menschen beweist, dass es für die Liebe Gottes keine wirklichen Hindernisse gibt, in die Herzen von Menschen vergebend und befreiend hineinzuwirken, egal wie und wo sie aufgewachsen sind. Dieser spannende Lebensbericht zeigt natürlich auch ein Stück DDR- und gesamtdeutsche Zeitgeschichte. Der Leser dieses Buches wird in Gottes spannendes Wirken hinter der menschenverachtenden Mauer mit hineingenommen. Der Geist Gottes weht, wie, wann und wo er will. Das ist die Botschaft dieses Buches. Das Evangelium von Jesus Christus ließ sich bis in die heutige Zeit nicht aufhalten. Dazu ist dieses Buch auch noch sehr unterhaltsam. Dass Gott viel Humor hat, wird an etlichen Stellen deutlich. Bemerkenswert finde ich auch, was Gott aus und mit Udo und Ilona in den Jahren nach ihrer Begegnung mit der Kraft des Kreuzes gemacht hat. Sie haben wirklich ein Herz für die Armen und Verlorenen bekommen. Dies beschränkt sich nicht nur auf Deutschland, sondern dringt in andere Nationen und Volksgruppen.

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Wahnsinn Ihre Liebe zum ganzen Leib Christi stellt ein weiteres Wunder dar, das sich in ihrem Leben segensreich widerspiegelt. Dass ich ihre Liebe und Gastfreundschaft über viele Jahre erfahren durfte, ist ein besonderes Vorrecht für mich. Dieses Buch wird ein großer geistlicher Gewinn für jeden Leser sein. Macht weiter so, Ilona und Udo! Euer geistlicher Lebenslauf hat erst gerade begonnen. „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes …, so wird euch das alles zufallen.“ (Matthäus 6,32) Maranatha! Walter Heidenreich FCJG Horizont Im Januar 2011

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Das Abenteuer beginnt – der Tag meiner Einberufung

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as für ein Tag! Es ist Dienstag, der 4. November 1986. Wie ich solche Umstände hasse, in denen ich mich jetzt befinde! Heute Morgen war ich noch zu Hause, als der Wecker mich nach einer unruhigen Nacht ohne Erbarmen aus dem Schlaf riss. Aufstehen, Zähne putzen, anziehen, eine Kleinigkeit essen, und schon stand mein Vater mit seinem Škoda L 105 vor der Tür, um mich zum Bahnhof nach Bautzen zu fahren. Es hieß Abschied nehmen von Frau und Kind. Was würde mich erwarten? In Bautzen stand schon der Zug bereit und ich traf auf weitere Leidensgefährten, die mit mir die Reise nach Neuseddin antreten mussten. Keiner war freiwillig da, abgesehen von drei „Kameraden“, die aus rein dienstlichen Gründen mit uns einrückten. Das stellte sich allerdings erst Jahre später heraus, bei der Einsichtnahme in unsere Stasiakten. In Neuseddin, einem Ort bei Potsdam, wurden wir schon sehnlichst erwartet, auf Lkws verfrachtet und in Richtung Kaserne befördert. Nun stehen wir da, in Reih und Glied, und harren der Dinge, die da kommen sollten. Willkommen im 2. Straßenbauregiment „Robert Siewert“!

Gleich geht das Kommandogebrüll los. Es wird uns durch die kommenden Monate zwar immer weniger beeindrucken, jedoch ständig begleiten. In welch einem Lager sind wir hier eigentlich gelandet? Gebäude im typisch grauen Plattenbaustil, Betonstraßen, Lagerhallen und Garagen, so weit das Auge blickt. Eingezäunt von einer hohen, mit Stacheldraht bestückten Mauer mit Wachtürmen und Wachposten. Irgendwie alles etwas KZ-ähnlich. Mich befällt ein Gefühl der Ohnmacht und des Aus-

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Wahnsinn geliefertseins. „Rechts um, iiim Gleichschritt marsch!“ Wir setzen uns widerwillig in Bewegung. Unser Ziel ist eine große, nach allen Seiten offene Lagerhalle, wo man uns bereits erwartet. Garderobenwechsel ist angesagt. Unterwäsche, Socken, Uniform, eine Arbeitskombi, Stiefel, Schuhe, Koppel; Kopfbedeckungen werden nach Augenmaß verteilt und müssen passen. Wohl dem, der danach die richtigen Tauschpartner trifft. Zur „Feier des Tages“ findet der Wäschewechsel öffentlich statt, sehr zur Freude der anwesenden Damen, die hier einen Job als Zivilangestellte tätigen. Wie entwürdigend! Die komplette private Kleidung, einschließlich Socken und Unterwäsche, muss in bereitstehende Kartons verpackt, verschnürt und nach Hause versandt werden. (Ich erinnere mich noch gut: Die zur Verfügung gestellte Packschnur zerriss beim kleinsten Zusammenziehen – typische DDR-Qualität!) Die Uniform erinnert an alte Wehrmachtskleidung und vermittelt ein unangenehmes Tragegefühl. Da wir schon November haben, gilt bereits der Winterbefehl. So ist das bei der Armee. Irgendwelche Vorschriften regeln alles, auch was man anzuziehen hat – ganz unabhängig von der Wetterlage. Diese Winteruniformen sind filzig, schwer, kratzig und steif, haben eher etwas von einer Pferdedecke an sich. Voll bepackt mit all den neuen Sachen unternehmen wir einen kleinen „Ausflug“ ins Kasernengelände – reine Schikane, wie wir es noch oft erleben sollen. Nach einer Unendlichkeit erreichen wir total durchgeschwitzt unsere Unterkunft: einen mehrstöckigen Plattenbau mit langen Gängen, Gemeinschaftswaschräumen, Toilettenanlagen und „gemütlichen“ Zehnmannzimmern nimmt uns in Empfang. Es folgt die Zimmereinweisung, danach das Austeilen von Bettwäsche, Handtüchern und anderen Dingen. Jeder bekommt seinen Spind zugeteilt, der nach genauen Vorgaben einzuräumen ist. Auch die Betten müssen nach Vorschrift hergerichtet werden. Die haben hier für alles Vorschriften! Eine Armee lebt von der Befehlsgewalt und ihren klaren Strukturen. Eine Gruppe besteht meist aus drei bis fünf Personen, bei uns waren es aber zwölf Soldaten. Mehrere Gruppen sind ein Zug. Die Züge bilden eine Kompanie. Mehrere Kompanien vereinen sich zu einem Bataillon und eine Reihe von Bataillonen bildet ein Regiment. Eine Division setzt sich aus verschiedenen Regimenten zusammen. Schließlich bildet

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Begegnung mit dem Übernatürlichen eine Anzahl von Divisionen eine Armee. Die Truppenstärke der NVA (der „Nationalen Volksarmee“ der DDR) lag bei etwa 200.000 Mann und sie unterstand im Rahmen des Warschauer Vertrages der direkten Befehlsgewalt der Sowjetarmee. 22 Uhr – „Nachtruhe!“ – hallt es durch die Gänge. Ich liege hellwach in meinem Doppelstockbett und lasse den Tag Revue passieren. Mann, was soll das bloß? Das ist doch nicht zum Aushalten! Wie soll ich die Zeit nur überstehen? Überall Verrückte! Okay, es gibt auch ein paar wenige Lichtblicke. Da kam z. B. so ein cooler Typ, ich glaube, Gerald heißt der, mit schwarz-rot-golden gefärbten Haaren zum Kasernentor hereinspaziert. Der hat echt für Aufsehen gesorgt. Mann, der traut sich was, den muss ich näher kennenlernen! Außerdem machte ein Feldwebel einen „auf freundlich“ und half mir beim Bettenmachen, Klamottenzusammenlegen und Spindeinräumen. Vielleicht gibt es hier doch den einen oder anderen einigermaßen „normalen“ Offizier? Trotzdem, ich fühle mich als ein Opfer dieses von mir zutiefst abgelehnten sozialistischen Systems. Eingesperrt, hinter Stacheldraht verfrachtet und schamlos missbraucht – wie soll ich diesen Mist bloß überstehen? 18 Monate – Wahnsinn!, das ist ja eine Ewigkeit … Aber, Gott sei Dank, ein Tag ist schon überstanden, ein Tag, der nie wiederkehren wird, einer weniger von 547! Was hatte ich nicht alles unternommen, um mich vor dem Wehrdienst zu drücken! Seit meiner Musterung hatte ich meine Einberufung Jahr für Jahr hinauszögern können. Zweimal schon war ich zurückgestellt worden. Doch jetzt hatte es mich eiskalt erwischt. Sie hatten ihre letzte Chance genutzt. Nach dem DDR-Wehrdienstgesetz durften männliche Personen nur bis zum vollendeten 27. Lebensjahr zur vollen Dienstzeit herangezogen werden, und ich wurde im Februar 27! Das sozialistische System hatte gnadenlos zugeschlagen. Denen war es völlig egal, dass ich verheiratet und Vater eines Sohnes war und außerdem im dritten Jahr an der Musikhochschule „Carl Maria von Weber“ in Dresden studierte. Wie hatte einer der Offiziere bei meiner letzten Vorladung im Wehrkreiskommando Bautzen gesagt? „Die DDR, unser sozialistisches Vaterland, zu schützen, ist wesentlicher als Ihre Musik!“ Was der Typ nicht wusste: Musik war mein Leben … und sonst gar nichts.

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Wahnsinn

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aBstaMMUng

n dem kleinen Dorf Taubenheim, direkt an der Grenze zur damaligen Tschechoslowakei, wurde ich 1960 geboren. Jene deutsch-tschechische Grenzregion im östlichen Sachsen nennt sich „Oberlausitz“. Ich war das erste Kind meiner Eltern. Mein Vater, ein waschechter Oberlausitzer, entstammte einer Arbeiterfamilie, in der er das Nesthäkchen war. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als es kaum etwas Essbares gab, verdiente er sich ein paar Mark als Zeitungsjunge. Hin und wieder bekam er vom Bäcker, dem Fleischer oder sonst einer guten Seele etwas Leckeres zugesteckt. „Wie wunderbar schmeckte damals eine Scheibe trockenes Brot“, höre ich ihn noch sagen. Er erlernte den Beruf des Natursteinhandschleifers und wurde dank seiner handwerklichen Begabung ein Meister seines Fachs.

Familie Krüger (Udos Mutter 1. v. li.)

Meine Mutter stammte aus Pommern. Oft erzählte sie mir von ihrer unbeschwerten Kindheit. Dieses Glück wurde durch das Grauen des Krieges und der folgenden Vertreibung, wie bei Millionen von anderen Menschen auch, jäh beendet. Innerhalb einer Stunde musste sie damals

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Begegnung mit dem Übernatürlichen mit ihrer Mutter und drei Geschwistern Haus und Hof verlassen. In Viehwaggons gepfercht, konnten sie nur mitnehmen, was jeder zu tragen imstande war. Angst war ihr ständiger Begleiter. Man hörte von vielen Vergewaltigungen, Mord und Totschlag durch russische Soldaten. Wohin würde ihre Reise führen? Würden sie ihre Heimat für immer verlieren? Was war aus dem geliebten Vater geworden, der noch kurz vor Kriegsende zum Volkssturm eingezogen worden war? Die Eltern meiner Mutter waren fromme Leute. Sie bekannten ihren Glauben, beteten gemeinsam und lebten auch bewusst ihr Christsein. Mein Großvater, den ich nie persönlich kennenlernte, soll ein herzensguter Mann mit viel Gottvertrauen und einem großen Herzen gewesen sein. Er setzte sich oft für die Schwachen ein und hatte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Als in den Kriegsjahren der polnische Zwangsarbeiter Johann auf den Hof kam, behandelte er ihn wie einen Sohn. Entgegen der Anordnung der Nazimachthaber ließ er ihn im Haus wohnen und mit am Familientisch essen. Als Johann um Urlaub bat, um zur Hochzeit seiner Schwester reisen zu können, setzte sich mein Großvater bei den Behörden dafür ein und bürgte sogar mit seinem Leben für dessen Rückkehr. Schließlich durfte Johann fahren und kam nach den Festlichkeiten auch wieder zurück. Nach dem Einmarsch der Roten Armee übernahm der einstige Zwangsarbeiter den Hof und war damit der Herr im Haus geworden. Nach tagelangem Transport und zwischenzeitlicher Zwangsarbeit auf einem großen Gut gelangte die Familie meiner Großmutter schließlich nach Taubenheim, dem Ort, der meine Heimat werden sollte. Die erste Zeit überlebten sie gerade mal so, ständig frierend und hungernd in Oma Krüger mit ihren Teenagern (Udos Mutter 2. v. re.)

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Wahnsinn einem kleinen Zimmer, unter vielen Entbehrungen. Doch allmählich verbesserte sich die wirtschaftliche Lage in der damaligen Ostzone und das Leben wurde erträglicher. Meine Oma musste nun mit vier zunehmend pubertierenden Teenagern zurechtkommen. Keine leichte Aufgabe! (Ihr Mann blieb in der Kriegsgefangenschaft verschollen, und sie erhielt erst viele Jahre später die Nachricht von seinem Tod.) Tagsüber arbeitete sie auf einem Bauernhof und saß dann noch oft bis Mitternacht an ihrer Nähmaschine, um als Schneiderin die Haushaltskasse etwas aufzubessern. Die Zeit verging, die Kinder wurden flügge und zogen schließlich aus. Ihr ältester Sohn heiratete bald und wurde Ingenieur. Die anderen zwei schafften, noch ehe der Weg in die Freiheit durch den Berliner Mauerbau 1961 versperrt wurde, den Absprung in den Westen. So blieb meine Oma nur mit ihrer jüngsten Tochter in Taubenheim zurück. Meine Eltern lernten sich im Tanzsaal kennen. Mein Vater, eine sportliche Erscheinung, spielte aktiv Fußball und war obendrein ein guter Tänzer. Außerdem liebte er Motorräder und leistete sich ein für die damalige Zeit wirklich heißes Teil, eine Sport-AWO. (Meine Leidenschaft für motorisierte Zweiräder muss ich von ihm geerbt haben.) Mit viel Beharrlichkeit warb er um meine Mutter – schließlich war er nicht der einzige junge Mann, der um ihre Hand anhielt.

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Begegnung mit dem Übernatürlichen Seine Ausdauer wurde mit Erfolg gekrönt, und sie wurden ein Paar. Am 16. August 1958 wurde Hochzeit gefeiert. Es war eine Liebesheirat und meine Geburt der beste Beweis dafür.

Kasernenalltag in neUseDDin

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rillerpfeifen, lautes Gebrüll: „Sofort heraustreten!“ Schlaftrunken stehen 215 Bausoldaten* in Schlafanzügen in den Gängen des Kasernengebäudes. „Stillgestanden!“, brüllt da ein Typ in alter Nazimanier. „In fünf Minuten fertig machen zum Frühsport, marsch, marsch!“ Träume ich noch oder bin ich im falschen Film? Schon wieder brüllt es hinter uns: „Beeilung, wie lange soll denn das noch dauern?“ Schon stehen wir fröstelnd in Trainingsanzügen auf dem Kasernenhof. Der Morgensport beginnt mit einem drei Kilometer langen Ausdauerlauf. Das ist nichts für Mutters Sohn, schließlich liegt der letzte Sportunterricht bereits acht Jahre hinter mir. Ich bekomme Seitenstechen, lasse mich zurückfallen und erreiche das Ziel mit Müh und Not. Morgentoilette, im Gleichschritt zum Frühstück, auf Befehl Essen fassen und auf Befehl mit dem Essen fertig werden – ein Horror, zumal es im Speisesaal von Kakerlaken nur so wimmelt … Wahnsinn!

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Wahnsinn Die kommenden Tage sind gefüllt mit vorbereitenden Maßnahmen für die vor uns liegende Dienstzeit: ab zum Fotografieren, um die Passbilder für den Wehrdienstausweis zu bekommen. Ich reiße Grimassen, um von Anfang an klarzustellen, was ich von dem ganzen Mist halte. Irgendwie gelingt es dem Fotografen dann doch, ein Foto von mir zu schießen, und auch Bausoldat Knöfel bekommt einen Wehrdienstausweis mit Bild und „Hundemarke“. So nannten wir die doppelseitigen Aluminium-Erkennungsmarken, von denen man im Kriegsfall eine um den Hals tragen musste. Die Dublette wurde beim jeweiligen Wehrkreiskommando hinterlegt. Würde dann eine von Granaten zerfetzte und zur Unkenntlichkeit entstellte Leiche gefunden, sollte anhand der Marke eine Identifizierung möglich werden. Schon der Gedanke daran lässt es mir kalt über den Rücken laufen. Weiter geht’s zum Gesundheitscheck. Da die Volksarmee für alle eventuellen gesundheitlichen Folgeschäden aufkommen muss, will man auf Nummer sicher gehen. Nun folgen Einzelgespräche mit den Vorgesetzten und danach wird es ernst. Wir beginnen umgehend mit dem Drill und das hat auch seine Ursache. Im Gegensatz zu den normalen Soldaten, die ihren Dienst mit der Waffe absolvieren und eine Grundausbildungszeit von 3 bis 6 Monaten durchlaufen, müssen wir unser Pensum in zwei Wochen absolvieren. Was beinhaltet diese Maßnahme? Auch für unsere unmittelbar Vorgesetzten, den Hauptmann und seine Zugführer, ist es kein leichtes Unterfangen, mit 215 Bausoldaten, die in zwei Kompanien und sechs sogenannte Züge unterteilt sind, die keinerlei Motivation mitbringen, eine Ausbildung nach ihren Maßstäben und Wünschen durchzuführen. Sie versuchen uns krampfhaft elementare Grundlagen des Militärlebens beizubringen, wie z. B. das Strammstehen und das Grüßen von Personen mit höherem Dienstgrad. Sie führen uns in ihre Kommandosprache ein und legen besonderen Wert auf eine exakte Meldung. Hin und wieder gibt es eine Stunde „Rotlichtbestrahlung“. Dabei handelt es sich allerdings nicht um „Wellness für Soldaten“, es geht um politische Wehrerziehung. Der Dozent kann einem schon von vornherein leid tun angesichts einer

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Begegnung mit dem Übernatürlichen Gruppe, die zu einem Drittel aus Personen besteht, die einen Antrag auf Ausreise in die BRD laufen haben und von denen die Übrigen in der Mehrzahl Christen und Pazifisten sind, die sowieso nicht viel mit dem „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ am Hut haben. So stellen sich Vortragender und Zuhörer innerlich aufeinander ein. Der Agitator labert sein Zeug herunter und wir können in unsere Träume versinken …

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tagtraUM

ar meine Kindheit nicht einfach traumhaft? Ich habe nur gute Erinnerungen daran. Meine Eltern wohnten als Untermieter im Obergeschoss eines Bauernhauses. Die Wohnverhältnisse waren, der Wohnungsnot in der DDR geschuldet, für heutige Verhältnisse sehr eng und bescheiden. Ich hatte kein Kinderzimmer, sondern schlief mit meiner Oma Else in einem kleinen Raum, ohne jegliche Heizmöglichkeit. Im Winter waren die Fenster voller Eisblumen. Die Wände glitzerten vor Kälte und ich kroch, mit einer Wärmflasche bewaffnet, unter mein dickes, schweres Federbett. Wir hatten kein Bad und kein WC. Eine Zinkwanne und ein Plumpsklo mussten entsprechende Dienste leisten. Doch das alles störte mich wenig. Kinder wollen geliebt und angenommen sein, und diese Gewissheit hatte ich immer. Unsere Vermieterin, eine Witwe, hatte keine eigenen Kinder. Durch uns erhielt sie Familienanschluss. Sie war meine „Tante Gertrud“ und

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Wahnsinn hatte die Stellung einer zweiten Oma in meinem Leben. Mit ihrem Halbbruder Max führte sie die Wirtschaft. Als er von meiner Geburt hörte, soll er sich riesig gefreut und ausgerufen haben: „Wir haben einen Jungen auf dem Hof!“ Von Anbeginn entwickelte er eine ganz besondere Beziehung zu mir. Schon als ich Baby war, stibitzte er mich zum Entsetzen meiner Mutter aus dem Kinderwagen, beschmutzte meinen Strampler mit seiner Schürze und fütterte mich ganz ungefragt mit Mehlsuppe. Er wurde mein geliebter „Onkel Max“ und übernahm die Rolle eines Großvaters. Meine Kindheit war ein einziges Abenteuer! Auf einem Bauernhof mit Kühen, Schafen, Ziegen, Schweinen, Hühnern, Kaninchen, zwei Hunden, vielen Katzen und einem Pferd ist immer etwas los. Ich konnte noch nicht richtig laufen, da saß ich schon auf dem Warmblutwallach Fritz und hielt mich, nicht ohne erste Anzeichen von Stolz, am Halfter fest. So wurde bei mir in frühester Kindheit die Liebe zu Tieren geweckt. Mein Freund, der Schäferhund Harry, war immer dabei, wenn ich, auf dem Schoß meines Onkels Max, die Zügel in der Hand, mit dem Pferdefuhrwerk unterwegs war, um z. B. Futter für die Kühe zu transportieren. Das war das Größte: Ein kleiner Knirps lenkte ein so großes Pferd – Wahnsinn …! Von meinen Eltern hörte ich folgende Begebenheiten aus meiner Kindheit: Mein Vater hatte als einer der Ersten im Ort ein Auto erworben. Dieser Kauf stellte sich im Nachhinein allerdings als ziemliche Pleite heraus: der IFA F 8* verweigerte regelmäßig seinen Dienst. Nachdem er dieses Fahrzeug mit viel Glück zurückgeben konnte, wurde mein Vater stolzer Besitzer eines Trabant 500. Das war schon mal eine ganz andere Welt. Zwar noch mit unsynchronisiertem Getriebe ausgestattet, leistete er trotzdem

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Begegnung mit dem Übernatürlichen

treue Dienste. An den Wochenenden wurde die Verwandtschaft besucht oder das Fahrzeug für einen Ausflug genutzt. Nun war es wieder mal so weit. Der blitzblank geputzte Trabi wurde aus der Garage geholt und es sollte auf Reisen gehen. Zum selben Zeitpunkt spannte Onkel Max sein Pferd an und sah uns zum Auto gehen. Er war ein liebenswerter, aber auch manchmal etwas spitzbübischer älterer Herr und so konnte er es sich einfach nicht verkneifen, hinter uns her zu rufen: „Udo, willst du nicht lieber mit mir aufs Feld hinausfahren?“ Natürlich wollte ich das, doch mit Sonntagskleidung, fein rausgeputzt, standen meine Chancen eher schlecht, mich von meinen Eltern abzuseilen. Genüsslich an seiner Pfeife ziehend, die übrigens tagsüber niemals ausging, hörte er mein Protestgeschrei, lächelte verschmitzt vor sich hin und fuhr diesmal ausnahmsweise ohne mich seiner Wege. Bei einer anderen Gelegenheit neckte er meine Mutter: Er war dabei, das Pferd auszuspannen, als er mich an der Hand meiner Mutter daherkommen sah. – Wie schon erwähnt, stammt meine Mutter aus Pommern, wo man relativ gut Hochdeutsch sprach. In der Oberlausitz herrschte damals noch mehr als heute ein ganz spezieller Dialekt vor, der wenig mit dem bekannten Sächsisch gemein hat. Er enthält zum Teil ganz eigenständige Wortkreationen, die sich von Dorf zu

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Wahnsinn Dorf noch unterscheiden können. Als Beispiel sei hier „Schoof“ oder „Schäpps“ genannt, was zu gut deutsch „Schaf“ bedeutet. Enthält ein Wort ein R, wird dieser Buchstabe betont und im Kehlkopf gerollt. Das Ganze hört sich dann so ähnlich wie ein Amerikaner an, der mit Akzent deutsch spricht. – Als Onkel Max uns nun kommen sah, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, fuhr mit einer Hand über das Hinterteil des Pferdes und fragte laut: „Na Udoe, soi mol, woas issn doas?“*, und beantwortete die Frage, ohne eine Antwort abzuwarten, selbst: „Doas is a Pfaard und do hinten is dar Pfaardeoarsch!“* Meine Mutter, die mich im Hochdeutschen erziehen und alle schlimmen Wörter möglichst lang von mir fernhalten wollte, sagte entrüstet: „Aber Herr Wagner, bringen Sie dem Jungen doch nicht solche Wörter bei!“ Äußerlich brüskiert, aber innerlich schmunzelnd, ging sie mit mir ins Haus. Was für die Erwachsenen harte Arbeit bedeutete, war für uns Kinder Erlebniswelt pur. Nie wurde ich in einer Kinderkrippe oder einem Kindergarten „abgestellt“. Unsere kleinen Reiche waren die Dachböden, die Stallungen, die Keller, die Maschinenlager, Wiesen und Felder der umliegenden Bauernhöfe. Wie wunderbar ließ es sich hier spielen! Mit den Nachbarsjungen gründeten wir die unterschiedlichsten Banden, je nachdem, was gerade im Fernsehen bzw. im Kino angesagt war. Hoch im Kurs standen bei uns die Indianerfilme mit dem jugoslawischen Schauspieler Gojko Mitič, dem DEFA-Indianerhelden vom Dienst. In den Sechzigern gab es noch die Landkinos, die mit ihrer Vorführtechnik von Ort zu Ort reisten, um etwas Kultur in die Dörfer zu bringen. In Taubenheim wurde die Schulaula zum Kinosaal. Wenn dann unsere Helden über die Leinwand jagten und der Gerechtigkeit schlussendlich zum Sieg verhalfen, war klar, was wir in den nächsten Wochen spielten. Die Pfarrfrau sagte dazu einmal treffend bei einem Mütterabend: „Durch das Oberdorf kann man nicht gehen, ohne mindestens einmal erschossen zu werden.“ So war es auch. Natürlich hatte man damals noch nicht die Spielzeugvielfalt, der man heutzutage gegenübersteht. Wir mussten selbst erfinderisch sein. Wie alle richtigen Jungen bauten wir uns natürlich Katapulte. Einmal wünschte ich mir ein Gewehr, aber woher nehmen? Dann hatte ich die rettende Idee. Zuerst besorgte

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Begegnung mit dem Übernatürlichen ich mir ein stärkeres Brett und zeichnete die Waffe darauf. Danach erbettelte ich mir 80 Pfennig, um mit diesen in der Oberschenke, einer Kneipe in unserer Nähe, eine Zigarre zu erwerben. Dann ging ich zu einem Stellmacher, einem freundlichen, älteren Herrn, der seine Werkstatt unweit unseres Hauses betrieb. Ziemlich aufgeregt klopfte ich bei ihm an, worauf er die Tür öffnete und nach meinem Begehren fragte. Nachdem ich ihm mein Anliegen vorgetragen hatte, schnitt er mit seiner Bandsäge nicht nur das Gewehr aus, sondern schliff das Holz auch wunderbar glatt. Über die Zigarre freute er sich sehr, und fortan hatte ich meine „Waffenschmiede“. Ein anderes Mal wurde ich mächtig vom Neid gepackt, als mein Freund, der Nachbarsjunge Frank, auf seinem Dachboden einen alten Säbel entdeckte. Da die drei Musketiere aus dem Roman von Alexandre Dumas von frühester Kindheit an zu unseren Lieblingshelden gehörten,

war eine echte Hiebwaffe natürlich der absolute Hit. Wie gern hätte ich so ein Teil mein Eigen genannt! Die meisten Erwachsenen hielten meinen Wunsch für Unsinn und außerdem für viel zu gefährlich. Ganz anders mein Onkel Max, der mich überraschte. Das werde ich nie

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Wahnsinn vergessen. Er lud mich in seine Werkstatt ein und baute vor meinen staunenden Augen ein fast perfektes Duplikat. Nachdem er mir das Versprechen abgenommen hatte, dass ich damit nur äußerst vorsichtig umgehen und die Waffe niemals gegen Menschen richten würde, war ich für die kommenden Abenteuer bestens gerüstet.

Aufwachen … der Politunterricht ist zu Ende!

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chließlich ist auch der langweiligste Politunterricht zu Ende und die Realität holt mich wieder ein. Grundausbildung bedeutet unter anderem auch, das Marschieren zu erlernen. Wir haben aber Soldaten dabei, denen jegliches Rhythmusgefühl abgeht. Selbst das Kommando „links, zwo, drei, vier“ in die Tat umzusetzen, ist für einige schon ein Problem, was der eine oder andere durch einen Tritt in die Ferse zu spüren bekommt. Ab 16 Uhr ist normalerweise Dienstschluss – wir dürfen aber wiederholt bis gegen 18 Uhr strafexerzieren, von brüllenden Kommandos begleitet. Dabei ist unser Zugführer, ein 23-jähriger Unterleutnant, der aufgrund seiner roten Haare von uns „Kupferniete“ genannt wird, noch recht verträglich. Anders dagegen jener Oberleutnant Müller, der grundsätzlich seine Kommandos so brüllt, wie man es aus Nazifilmen kennt, und der bei uns entsprechend gefürchtet und verhasst ist. Einige unserer Vorgesetzten kamen in unsere Einheit, weil sie strafversetzt oder degradiert wurden. Ihnen hat man erzählt, dass es sich bei den Bausoldaten um Staatsfeinde, Kriminelle, Homosexuelle und Asoziale handele, die man hart anfassen müsste. Natürlich sind wir Bausoldaten auch schwer mit Vorurteilen unseren Vorgesetzten gegenüber beladen, zumal keiner von uns weiß, wer von denen als Informant für die Staatssicherheit arbeitet. Bei der Wehrertüchtigung quälen wir uns über die Sturmbahn, erreichen aber nie die vorgesehenen Zeiten. Auch der „Fuchsbau“ ist mit Ausrüstung zu durchqueren. Soldaten, die zu Platzangst neigen, bekommen in dieser unterirdischen Röhre nicht selten ernstlich Probleme.

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