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/ 1 John Loren und Paula Sandford Heilung des verwundeten Geistes


2 / Heilung des verwundeten Geistes


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John L. und Paula Sandford

Heilung des verwundeten Geistes Gottes umgestaltende Kraft


4 / Heilung des verwundeten Geistes

Copyright © John Loren und Paula Sandford Titel der amerikanischen Originalausgabe: God’s Power to Change Die amerikanische Originalausgabe ist erschienen bei Victory House, Inc., Tulsa, OK, USA. Der Inhalt dieses Buch ist früher teilweise unter dem Titel Healing the Wounded Spirit (John und Paula Sandford, © 1985 by Victory House, Inc., deutsch: Heilung des verwundeten Geistes, Asaph 4. Auflage 2001) erschienen. Copyright © der deutschen Ausgabe 2010 by Asaph-Verlag 9., überarbeitete Auflage 2010 Aus dem Amerikanischen übersetzt und für die Neuauflage bearbeitet von Werner Geischberger Alle Bibelzitate stammen aus der Revidierten Elberfelder Bibel (Die Bibel. Elberfelder Übersetzung. © 1985/1991 R. Brockhaus Verlag Wuppertal), es sei denn, sie sind anderweitig gekennzeichnet. Hervorhebungen im Bibeltext wurden von den Autoren vorgenommen. ISBN 978-3-940188-26-7 Best.-Nr. 147426 Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf Satz/DTP: Jens Wirth Druck: Schönbach-Druck GmbH, D-Erzhausen Printed in Germany Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik usw. schreiben Sie bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net www.asaph.net


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Inhalt Einführung

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Kapitel 1: Die vergessenen Funktionen unseres Geistes

11

Kapitel 2: Der schlummernde Geist

37

Kapitel 3: Geistliche Einkerkerung

81

Kapitel 4: Depressionen

103

Kapitel 5: „Verunreinigung“, Dämonen und Todeswünsche

147

Kapitel 6: Identifikationen und das „Würgersyndrom“

187

Kapitel 7: Die Beschäftigung mit dem Okkulten

221

Kapitel 8: Spiritismus und Dämonenaustreibung

261

Kapitel 9: Götzendienst und geistlicher Ehebruch

297

Kapitel 10: Trauer, Frustration und Verlust

325


6 / Heilung des verwundeten Geistes


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Einführung Im ersten Buch unserer „Umgestaltungs“-Reihe – Umgestaltung des inneren Menschen – machten wir deutlich, wie sehr die heute übliche verkürzte und abgeflachte Theologie vom Prozess der Heiligung und Umgestaltung die Sicht der Gemeinde Jesu vom Prozess der Errettung beeinträchtigt hat. In diesem Buch lehrten wir darüber, wie man Gewohnheiten erkennt, die – was unseren Stand in Christus anbelangt – starben, als wir Jesus annahmen, aber dann wieder zu neuem Leben erwacht sind, um viele zu verunreinigen (vgl. Hebr 12,15). Mit diesem Folgeband – Gottes Kraft zur Veränderung – zielen wir darauf ab, den Leib Christi (wie in Epheser 4,11-12) zuzurüsten, damit wir einander in Anbetracht tiefer Verletzungen und fest eingravierter Gewohnheiten mit wirklich „errettender Gnade“ dienen und helfen können. Sobald wir das von Gott umsonst angebotene Geschenk der Errettung angenommen haben, zu ihm gekommen sind, vor ihm unsere Sünden bekannt und ihn gebeten haben, Herr und Meister unseres Lebens zu werden, wird uns aufgetragen, nicht länger in der Finsternis unserer Sünde zu wandeln, sondern Kinder des Lichts zu werden: „Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts – denn die Frucht des Lichts besteht in lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit –, indem ihr prüft, was dem Herrn wohlgefällig ist.“ (Eph 5,8-10)

Viele Christen versuchen ihr Bestes, um als Kinder des Lichts zu leben, fallen jedoch allzu häufig in eine, wie wir es nennen, „Leistungsorientierung“, kurz „LO“, in menschliche Mühsal, Desillusioniertheit und, in letzter Konsequenz, Verdammnis. Sie werden aus ihrem tiefsten Inneren heraus von etwas, das ihnen gar nicht bewusst ist, unvorbereitet getroffen und angetrieben.


8 / Heilung des verwundeten Geistes Mit Recht haben sie die Errettung als kostenloses Geschenk gefeiert (Eph 2,4.5.8; Röm 6,23); doch möglicherweise haben sie weder verstanden, dass sie in diesem Heil erwachsen werden müssen (1 Petr 2,2; Eph 3,14-19), noch dass sie es mit Furcht und Zittern erringen müssen (Phil 2,12). Gemeinsam mit Paulus haben sie gejubelt, dass „… [Jesus] mit einem Opfer … die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht [hat]“ (Hebr 10,14), doch vielleicht ohne Heiligung als Prozess zu verstehen und ohne mit Paulus anzuerkennen: „Nicht, dass ich … schon vollendet sei; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen bin“ (Phil 3,12). Dieses „Nachjagen“ sieht bei vielen Christen so aus, dass sie tendenziell eher versuchen, ihr Verhalten in den Griff zu bekommen, als in ihrem Sinn erneuert zu werden (Röm 12,2) und ein neues Herz und einen neuen Geist tief in ihrem Innersten zu empfangen (Ps 51; Hes 36,26), was ganz natürlich ein verändertes Verhalten zur Folge haben würde. In Wirklichkeit haben sie das, was kindlich ist (1 Kor 13,11), nicht abgelegt, sondern es vielmehr in eine bestimmte Richtung gelenkt und ihm erlaubt, als Teil des Schatzes in der Kammer ihres Herzens zu verbleiben (Lk 6,43-45). Wenn Gefühle, die in ihrem Herzen jahrelang aufgestaut wurden, wie Eruptionen aus ihrem Mund hervorbrechen, versuchen diese Leute umso mehr, diese Ausdrucksformen in Zaum zu halten oder dem Teufel zu gebieten, anstatt dem Gebot Jesu in Lukas 6,46-49 zu gehorchen, demzufolge sie zu den Grundfesten ihres Lebens „tief“ hinunter graben sollen (also zu dem, was ihren innersten Charakter- und Persönlichkeitsstrukturen in den ersten sechs Lebensjahren an Erfahrungen und Reaktionen auf das Leben, auf bestimmte Prägungen, auf Urteile und Erwartungshaltungen, vor deren Hintergrund sie alle folgenden Erfahrungen interpretieren, antrainiert und durch die Praxis vermittelt wurde). Ihr „Auge“ ist böse und deshalb ist auch ihr ganzer Leib voll Finsternis (Mt 6,22-23).

Das Innere des Bechers säubern Matthäus 5,29 empfiehlt eine drastische Lösung, wenn jemand durch diese Art zu sehen zum Straucheln gebracht wird: „Reiß es aus und wirf es von dir …“ Jesus kann zeitliche und räumliche Grenzen überwinden, um sich mit den tief gehenden Rissen in unserer Grund-


Einführung / 9 feste zu befassen und um jeden verborgenen Bereich von uns sicher auf den Felsen, der er selbst ist, zu gründen. Doch wir müssen ihm durch Gebet Zugang verschaffen. Viele Christen versuchen, die Sünden ihrer Vergangenheit zu vergessen, indem sie sie ignorieren, anstatt den Heiligen Geist ihr Innerstes durchforschen zu lassen (Ps 139,23-24). Sie versuchen, das Fleisch mit seinen Verhaltensweisen (z. B. Wut, Zorn, Bosheit, Verleumdung etc.) abzulegen (Kol 3,8-10; Eph 4,22ff.), so als handle es sich dabei ausschließlich um aktuelle, äußerliche Ausdrucksformen. Jesus hingegen rief die Pharisäer (und uns) auf, das Innere des Bechers zu säubern (Lk 11,39-41). Jesus wusste, dass unser Reden „glatt wie Butter“ sein kann, während wir gleichzeitig „Krieg im Sinn“ haben (Ps 55,22; Schlachter 2000). Gott wünscht stets „Wahrheit im Innern“ (Ps 51,8). Paulus sagte zu wiedergeborenen Christen: „Und habt nichts gemein mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, sondern stellt sie vielmehr bloß; denn was heimlich von ihnen geschieht, ist selbst zu sagen schändlich. Alles aber, was bloßgestellt wird, das wird durchs Licht offenbar; denn alles, was offenbar wird, ist Licht. Deshalb heißt es: ‚Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!‘“ (Eph 5,11-14)

Wir, der Leib Christi, die Gemeinde, wir sind es, die da schlafen. Unser Fleisch wurde mit ihm gekreuzigt. Wir versuchen, „täglich zu sterben“ (1 Kor 15,31), indem wir uns aus einer Willensanstrengung heraus christlichen Maßstäben anpassen. Doch wir haben noch nicht die Fülle dieses Prozesses der inneren Heiligung erlebt, im Laufe dessen wir unser Leben hinlegen und durch den wir jetzt in die Fülle der Auferstehungskraft eintreten können. Dieses Buch, das sich mit der Heilung von Verletzungen und Sünden des Geistes befasst, ist ein weiterer Schritt in Richtung dieser tiefen Offenbarung und inneren Umgestaltung. Es kann dazu beitragen, ein Leben in der Erfahrung der Fülle unseres Erbteils im Herrn möglich zu machen – eine Erfahrung, die uns von unserem Stand her ab dem Moment zusteht, an dem wir Jesus Christus als Herrn annehmen. Wir möchten Ihnen das anbieten, was der Herr uns gegeben hat, denn …


10 / Heilung des verwundeten Geistes „Niemand aber, der eine Lampe angezündet hat, bedeckt sie mit einem Gefäß oder stellt sie unter ein Bett, sondern er stellt sie auf ein Lampengestell, damit die Hereinkommenden das Licht sehen. Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird, noch geheim, was nicht kundwerden und ans Licht kommen soll.“ (Lk 8,16-17)

Es ist unser aufrichtiger Wunsch, dass Ihnen beim Lesen dieses Grundlagenwerks die Realität der Verletzungen und Sünden des menschlichen Geistes in jedem Einzelnen von uns bewusst wird. Mögen Sie die Prinzipien klar erkennen, die wir entdeckt haben und die Ihren Geist erwecken, instand setzen und wiederherstellen und in völlige Heilung hineinführen können.


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Kapitel 1

Die vergessenen Funktionen unseres Geistes „Der Geist des Menschen ist die Leuchte des Herrn, durchforscht alle innersten Teile seines Wesens.“ (Spr 20,27; wörtl. a. d. Engl.)

Es ist Ziel dieses Buchs, den Heilungsprozess für die Verletzungen und Sünden des Geistes in jedem von uns zu offenbaren. In diesem Zusammenhang bedeutet „Heilung“ nicht nur Vergebung durch das Blut Christi, nicht nur den Kreuzestod von Verhaltensmustern, die im Laufe der Kindheit dem verborgenen inneren Wesen eingeprägt wurden, und nicht nur Auferstehung zu neuem Leben. Heilung bedeutet auch Trost und lindernder Balsam, der wiedergutmacht und wiederherstellt. Manchmal predigen und lehren wir so leidenschaftlich über Vergebung und Kreuzigung, dass wir die anderen Aspekte des Kommens Jesu aus den Augen verlieren: „Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns


12 / Heilung des verwundeten Geistes Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen eigenen Weg; aber der Herr ließ ihn treffen unser aller Schuld.“ (Jes 53,4-6)

Sie fragen sich vielleicht: „Ist denn Auferstehung nicht in sich auch Heilung?“ Unsere Antwort lautet: „Ja, aber sie deckt nicht alle Bereiche ab.“ Vielleicht hilft uns zur Verdeutlichung eine einfache Analogie: Wenn ich als Junge im Garten meine Hacke hinwarf und über den Zaun sprang, um Basketball zu spielen (was ich tatsächlich mehr als nur einmal tat), beging ich eine Sünde des Ungehorsams gegenüber meinen Eltern. Wenn ich mit den Arbeiten, die mir aufgetragen worden waren, fertig gewesen wäre, wäre es auch völlig in Ordnung gewesen, Basketball zu spielen. Doch ich war ungehorsam und stahl diese Zeit; natürlich log ich meine Eltern auch noch an, als sie nachfragten. Die Entscheidung, meinen Eltern nicht zu gehorchen, hinterließ in mir nicht nur ein Schuldgefühl und die Angst, aufzufliegen; sie verletzte zudem mein Herz und beeinträchtigte meine Fähigkeit, ungezwungen mit meinen Eltern beisammen zu sein. Nehmen wir nun an, dass ich entweder direkt danach oder auch erst später meinen Ungehorsam bekenne und die Vergebung meiner Eltern empfange. Vielleicht lasse ich auch all den Groll los, den ich eventuell darüber hege, dass ich arbeiten musste, obwohl ich doch viel lieber mit meinen Freunden Basketball spielen wollte – und zudem noch alle möglichen geschwisterlichen Eifersüchteleien und andere Faktoren, die hinter meinem Ungehorsam standen. Vielleicht erörtere ich meine Erfahrung mit einem Gebetsdiener und lege daraufhin all meine Praktiken des Betrugs und der Vorspiegelung falscher Tatsachen sowie die Angst vor dem Entdecktwerden, die sich in mir aufgebaut hat, vor dem Kreuz ab. Vielleicht söhne ich mich Jahre später in meinem Herzen voll und ganz mit meinen Eltern aus, also über bloße Vergebung hinaus zur völligen Annahme und Wiedereingliederung ins Familienleben. Das alles ist gut, doch unter Umständen reicht es nicht aus. Was fehlt in dem eben genannten Beispiel noch? Wie sieht vollständige Heilung aus? Vollständige Heilung ist Trost und Heilung für die Schuldgefühle, die Entfremdung, die Furcht vor Ablehnung, vielleicht auch die Furcht vor weiterer Bestrafung, und die Einsamkeit, die meinen Geist und mein Herz verwundet haben. Beachten Sie hierzu Jesajas Beschreibung:


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 13 „Wohin wollt ihr noch geschlagen werden, die ihr eure Widerspenstigkeit nur vermehrt? Das ganze Haupt ist krank, und das ganze Herz ist siech. Von der Fußsohle bis zum Haupt ist keine heile Stelle an ihm: Wunden und Striemen und frische Schläge; sie sind nicht ausgedrückt und nicht verbunden, noch mit Öl gelindert.“ (Jes 1,5-6)

Das sind nun keine poetischen Ausdrucksmittel; wenn wir nur Augen hätten, um in unser Herz und in unseren Geist zu blicken, dann sähen wir wirklich „Wunden und Striemen und frische Schläge“. „Ein Balsam dort zu Gilead heilt die sündgeschlag’ne Seel’“1 – wie wahr ist doch diese alte Hymne. Dieser Balsam ist das Öl des Geistes. Das Blut wäscht die Schuld weg. Sündige Strukturen werden ans Kreuz geschlagen. Jesu Auferstehungsleben stellt unser Leben wieder her. Doch bleiben immer noch Wunden und Striemen zurück, die seiner sanften Berührung bedürfen. Das Öl des Geistes ist der Trost seiner heilenden Gegenwart. In den Tagen der Bibel tastete der Hirte gegen Abend die Gesichter und Ohren seiner Schafe nach Zecken ab. Wenn er eine fand, riss er sie nicht heraus, weil er befürchtete, es könne etwas zurückbleiben, das eine Krankheit verursachen würde. Stattdessen goss er Öl über die Zecke, bis diese erstickte und schließlich von selbst abfiel. Doch das Öl bewirkte noch mehr als das. Es wirkte wohltuend auf der trockenen, sonnengegerbten Haut. Es drang in die Wunde ein wie eine antiseptische Salbe. Doch am wichtigsten war, dass es einfach Linderung und Heilung brachte. Wie schrecklich wäre es gewesen, Lazarus aus dem Grab herauszurufen und ihn dann nicht von den Binden und Tüchern zu befreien (vgl. Joh 11,44)! Doch war es nicht nur so, dass Lazarus losgebunden werden musste; wenn wir für einen Augenblick ganz praktisch denken, dann würde es uns doch auch entsetzlich vorkommen, ihn zum Leben zu erwecken, aber nichts gegen den zerstörerischen Einfluss der Krankheit oder des Leidens zu unternehmen, das ursprünglich zu seinem Tod geführt hatte! Er brauchte mehr als Auferstehung. Er brauchte körperliche Heilung sowie Trost für jegliche Verletzung, die sein Geist durch den Tod und den Verlust der Gemeinschaft mit seinen Lieben, die er zurücklassen musste, erlitten hatte. So, wie es sein soll, freuen wir uns, wenn eine verlorene Seele das Heil findet oder wenn eine Sünde entdeckt wird und man dafür Vergebung empfängt oder wenn irgendein uraltes Verhaltensmuster des Ichs


14 / Heilung des verwundeten Geistes ans Kreuz gebracht wird. Doch haben wir uns vielleicht zu früh gefreut, zu früh die Aufgabe schon als abgeschlossen betrachtet? Vielleicht gibt es Wunden, die „… nicht ausgedrückt und nicht verbunden, noch mit Öl gelindert“ sind, und wir wundern uns, warum dieser Mensch wieder in dasselbe sündhafte Muster zurückfällt! Natürlich hat der Fall eines Menschen viele Ursachen, doch wir müssen unsere Verantwortung ergreifen und unseren Auftrag vom Herrn, nämlich sein Heilungswerk zu tun, voll und ganz verstehen und anwenden. Ich danke Gott, dass unser Herr meinem (Johns) Vater die Weisheit gab zu wissen, wie notwendig es war, unseren verwundeten Geist zu heilen – ob ihm das je bewusst war, das sei dahingestellt – und die Gnade, es auch zu tun. Mein Bruder Hal und ich konnten ziemlich sicher erraten, wie viel Zeit nach einer Züchtigung verstreichen würde – normalerweise etwa eine halbe Stunde –, bis wir hören konnten, wie Papa zu uns nach oben kam und uns in seine Arme schloss – Hal auf dem einen Knie, ich auf dem anderen. „Ihr wisst, dass mir das mehr wehgetan hat als euch, oder?“ Und wir dachten uns: „Hat es nicht, du gemeiner Schurke!“ Dann drückte er uns an seine Brust und manchmal lief uns eine Träne von ihm über das Gesicht. Und obwohl unsere Herzen widerborstig waren, beruhigte uns der Balsam seiner Gegenwart durch und durch. Wir waren nicht nur zur Rechenschaft gezogen worden, hatten nicht nur Vergebung und Wiederherstellung erlebt – wir waren auch im Herzen geheilt worden. Wenn Papa nicht auf diese Weise unseren Geist geheilt hätte, hätten wir zwar Vergebung und Züchtigung gekannt, doch irgendetwas an der Fähigkeit des Herzens, sich auszustrecken und in einer Umarmung auf den anderen einzugehen, wäre verstümmelt geblieben. Uns wären nach wie vor wunde Stellen geblieben, etwas, worüber wir nicht gesprochen hätten, was die Offenheit zwischen unseren Eltern und uns blockiert hätte. Wir hätten zwar innerhalb der Familie funktioniert wie zuvor und hätten doch in uns Löcher gehabt wie ein Schweizer Käse, Bereiche, in denen sich ein Herz, das nicht völlig geheilt war, auf ein Rollenspiel verlegt hätte, um die Unfähigkeit zu einer aufrichtigen und ungehemmten Umarmung zu kaschieren. Doch wer konnte diesem gütigen Herzen und diesen großen sanften Händen widerstehen? So wurden wir gezüchtigt, empfingen Vergebung, wurden wiederhergestellt und geheilt. Wir möchten den Leib Christi aufrufen, in diesem Sinne zu heilen – über Sündenbekenntnis, Vergebung, Tod am Kreuz und ein neues Herz


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 15 hinaus –, und jeden Gläubigen darauf aufmerksam machen, dass wir mehr von der heilenden Berührung Jesu brauchen, und ihn lehren, wie er mit einfachen Mitteln die Tiefen seines eigenen inwendigen Geists berühren und heilen kann, wie auch den inwendigen Geist jedes Menschen, dem wir dienen.

Ihr menschlicher Geist Die erste Schwierigkeit, der wir begegnen, besteht darin, dass der Leib Christi und die Menschheit im Allgemeinen fast zur Gänze das Bewusstsein verloren hat, dass jede Person einen menschlichen Geist hat, der ganz spezifische Funktionen ausübt und Bedürfnisse hat, die sich von Herz, Verstand und Seele unterscheiden. Darüber hinaus herrscht ziemlich viel Verwirrung und Uneinigkeit darüber, ob Seele und Geist nun wirklich zwei unterschiedliche Bereiche seien und – wenn ja – wie beide theologisch oder biblisch richtig zu interpretieren und voneinander zu unterscheiden seien. Nun ist es so, dass Paula und ich kein besonderes Interesse oder besondere Anteilnahme an der Beilegung biblischer oder theologischer Debatten haben und hoffen, nicht in sie hineingezogen zu werden. Wir werden die Worte „Seele“ und „Geist“ in beschreibender Form verwenden, um den Menschen Verständnishilfen für ihren Dienst zu geben. Wenn ein Gelehrter, der des Griechischen oder Hebräischen oder der Theologie oder bestimmter Lehrmeinungen kundig ist, Einwände hat, dann möge er alle Worte, die zu seiner Theologie passen, auf unsere Bedeutungsinhalte übertragen. Wir wissen, dass wir fest auf Christus gegründet sind und Früchte sind uns besonders wichtig. Obwohl wir versuchen, von der Lehre und Theologie her so exakt und wahrhaftig wie möglich zu sein, wissen wir, dass wir nicht in die theologischen Traditionen jedes Einzelnen hineinpassen können. Unsere Definition von „Seele“ und „Geist“ soll einzig und allein unser Verständnis deutlich machen, damit wir diese Diskussion dann auf den Trost und die Heilung von Menschen ausrichten können – wir brauchen dieselbe Ausgangsbasis. „Und Gott, der Herr, formte den Menschen aus dem Staub der Erde und hauchte den Hauch des Lebens in seine Nase; und der Mensch wurde eine lebendige Seele.“ (1 Mose 2,7; wörtl. a. d. Engl.).


16 / Heilung des verwundeten Geistes Das beschreibt den Prozess. Zunächst haucht Gott unseren Geist in uns und dann werden wir eine Seele. Das hebräische Wort für „Hauch“ lautet ruach; wir verstehen darunter diesen Hauch des göttlichen Lebens, der unser eigener Geist ist. Wie wir es sehen, wird der Charakter unserer Seele geformt, während unser Geist die Ereignisse des Lebens in unserem Körper erlebt und darauf reagiert. Unsere Reaktionen lassen Strukturen im Herzen und im Denken, in unserem Temperament und in unserer Persönlichkeit entstehen, durch die unser Geist kontinuierlich dem Leben begegnet und seine Empfänglichkeit dafür ausdrückt, je nachdem, wie er die Erfahrungen interpretiert. Im Laufe der Entwicklung unserer Charakterstruktur, in der Sinn und Herz interagieren, wird die Seele in manchen Bereichen zu einem Tempel, durch den unser Geist in Herrlichkeit Gott anbetet und anderen begegnet, in anderen Bereichen jedoch zu einem Gefängnis oder – noch schlimmer – zu einem Kampfpanzer, durch den unser Geist andere angreift. Wir glauben nicht, dass Seele und Geist räumlich voneinander getrennt sind, denn unser Geist durchdringt jeden Teil von uns. Wir sehen jedoch, dass beide unterschiedliche Funktionen haben. In der ganzen Bibel, von den Feigenblättern und den Leibröcken aus Fell in 1. Mose 3 bis zur feinen Leinwand, den gerechten Taten der Heiligen in Offenbarung 19,8, verwendet der Herr die Metapher der Kleidung, um Aspekte unserer Seele zu beschreiben. Dies gilt ganz besonders für die Metapher in Kolosser 3, in der davon die Rede ist, dass wir die Ungerechtigkeit aus- und die Gerechtigkeit anziehen sollen, so wie man ein Kleid aus- bzw. anzieht. Andere nennen dieses Geflecht aus Verhaltensweisen vielleicht den „alten Menschen“ oder „nicht erneuertes Ich“. Diese Begriffe sind vom biblischen Standpunkt betrachtet korrekt. Wir sehen diesen „alten Menschen“ schlicht und einfach als Teil unserer Seele, unserer Gesamtstruktur, durch die unser Geist in der Gesamtheit des Lebens unsere Identität ausdrückt. Dieser alte Mensch starb, als wir Jesus als Herrn und Heiland annahmen, doch das Problem ist, dass er nicht tot bleibt. „Achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch zur Last werde und durch sie viele verunreinigt werden.“ (Hebr 12,15)


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 17 Der alte Mensch wird wieder lebendig und das ist der Grund, weshalb innere Heiligung und ein wahres Gegründetsein vonnöten sind. Jeder Teil von uns – Leib, Seele und Geist – muss erlöst werden. Am Ende werden wir, die wir in Christus sind, diese „Kleidungs-Metapher“ erfüllen, so wie Paulus voraussagte: „Denn dieses Verwesliche muss Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen. Wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird, dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: ‚Verschlungen ist der Tod im Sieg.’“ (1 Kor 15,53-54)

Dann werden wir vollständig und ein für allemal zu der vervollkommneten Seele geworden sein, die wir jetzt nur wie ein Gewand tragen und unvollkommen ausdrücken. Geist, Seele und Leib werden sein, wie Paulus es in seinem Gebet sagt: „vollständig … [und] untadelig bewahrt … bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus“ (1 Thess 5,23). Bis zu diesem Zeitpunkt und als Vorbereitung darauf müssen wir in diesen Prozess der Reinigung und Heilung von Herz und Geist involviert sein. Wir müssen die drei Funktionen und Bedürfnisse unseres Geistes erkennen, auf dass Jesus uns heil mache.

Die erste Funktion unseres Geistes: Anbetung Gottes Im Weiteren, insbesondere in Kapitel 2, „Der schlummernde Geist“, werden wir sehen, wodurch der Geist in die Lage versetzt wird, in Wahrheit anzubeten, und was ihn davon abhält. Es ist eine Tatsache, dass unser Geist viele unterschiedliche Funktionen erfüllt. So wie unser Körper ernährt werden muss, um gesund zu bleiben, muss auch unser Geist genährt und diszipliniert werden; ansonsten kann er nicht so, wie Gott es beabsichtigt hat, Bestand haben und funktionieren. Es ist erschreckend, dass heutzutage fast niemand im Leib Christi, geschweige denn in der Welt, die unumstößliche Tatsache versteht, dass unser Geist Nahrung braucht! Ein schmerzliches Paradoxon besteht darin, dass Eltern, die pflichtbewusst sein wollen, den Körper ihrer Kinder kenntnisreich mit drei


18 / Heilung des verwundeten Geistes ausgewogenen Mahlzeiten am Tag ernähren, dafür Sorge tragen, dass ihr Verstand durch schulische Bildung, Bücher und durch vielerlei Training und Übungen richtig genährt wird, und sich auch darum kümmern, dass ihre Seele in der Sonntagsschule und durch das Wort Gottes geübt wird. Doch dieselben gewissenhaften Eltern sind sich womöglich überhaupt nicht bewusst, dass der vorrangige und unsterbliche Teil des Menschen – sein Geist – noch viel sorgsameres Training und Nahrung braucht! Wenn wir von unterschiedlichen Funktionen unseres Geistes sprechen, dann verstehen Sie uns bitte richtig: Wir reden hier nicht dem Doketismus nach dem Mund, so als zähle nur unser Geist und unser Leib sei minderwichtig. Christus war kein vom Fleisch losgelöstes Wesen, wie so mancher aus der doketischen (abgeleitet vom griechischen Wort docein, was so viel heißt wie „den Anschein haben“) Denkrichtung gerne glauben möchte.2 Noch ist unser Geist von unserem Körper losgelöst und getrennt. Was den Körper berührt, berührt auch den Geist. Wir sind fleischgewordene Wesen. Das bedeutet, dass wir nicht Geist in einem Körper sind, so wie Wasser in einem Eimer ist. Wir sind geistliche Körper. „Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“ (Joh 1,14). Es ist nicht so, dass unser Herr vom Himmel herabkam, sich einen Körper anzog, wie man einen Anzug anzieht, und dann in den Himmel zurückkehrte, um wieder Geist zu sein. Er nahm menschliche Gestalt an, in der Geist und Leib im Einklang miteinander existieren. Das Wort wurde Fleisch; es hat nicht wie ein Besucher in einem Körper nur gewohnt. In seinem Körper ist Jesus auferstanden, um nie mehr ohne den menschlichen Körper zu sein. Wir werden Fleisch; wir sind dieser Körper; Geist und Leib sind eins geworden, wenngleich sie sich weiterhin voneinander unterscheiden. Im Tod wird die Einheit von Geist und Leib aufgelöst. Wenn unser Geist seine Vereinigung mit dem Leib nicht mehr aufrechterhalten kann, um ihn als funktionierende und mit ihm vereinte Realität am Leben zu erhalten, kehrt er zu Gott zurück. Tod bedeutet dann: „Und der Staub kehrt zur Erde zurück, so wie er gewesen, und der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat“ (Pred 12,7). Wir wurden nicht für den Tod geschaffen. Gott hat uns so konzipiert, dass Geist und Leib einander am Leben erhalten, wobei der Geist den Leib derart heilt und verjüngt, dass diese Einheit nie aufgespaltet hätte


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 19 werden müssen. Sünde hat die Fähigkeit unseres Geistes, den Leib aufrechtzuerhalten, zunichte gemacht. In Hesekiel 18,4 heißt es: „Die Seele, die sündigt, sie soll sterben.“ Der Herr ist sehr sorgfältig in seinem Gebrauch der Worte „Seele“ und „Geist“. Wenn er „Seele“ sagt, dann spricht er unserer Meinung nach von unserem gesamten inneren Menschen – von Herz, Verstand und Seele, und in alledem ist unser Geist. Doch manchmal bezieht er sich ganz spezifisch auf unseren Geist, wie in Johannes 4,23: „Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden“ oder in den Worten des Paulus in 1. Thessalonicher 5,23: „… und vollständig möge euer Geist und Seele und Leib untadelig bewahrt werden bei der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.“ Manchmal spricht die Bibel über das, was unser Herr in seiner Seele fühlte: ●● Beim letzten Abendmahl: „Jetzt ist meine Seele bestürzt“ (Joh 12,27). ●● Im Garten Gethsemane: „Meine Seele ist sehr betrübt, bis zum Tod“ (Mt 26,38). An anderer Stelle spricht das Wort Gottes ganz spezifisch von dem, was er in seinem Geist fühlte: ●● Vor dem Grab des Lazarus: „Als nun Jesus sah, wie sie weinte … fühlte er sich im Geist heftig bewegt und erschüttert …“ (Joh 11,33; Menge). ●● Beim letzten Abendmahl, als er verkündete, dass ihn jemand verraten würde „… wurde er im Geist erschüttert …“ (Joh 13,21). ●● Am Kreuz: „… in deine Hände übergebe ich meinen Geist“ (Lk 23,46). ●● Nach seiner Auferstehung: „… denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr seht, dass ich habe“ (Lk 24,39). Wenn das Wort Gottes von anderen Menschen spricht, ist es genauso exakt: ●● Paulus: „Während aber Paulus sie in Athen erwartete, wurde sein Geist in ihm erregt, da er die Stadt voll von Götzenbildern sah“ (Apg 17,16). ●● Maria, die Mutter Jesu: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heiland“ (Lk 1,46-47).


20 / Heilung des verwundeten Geistes Das ließe darauf schließen, dass ihre Seele jetzt fähig ist, den Herrn zu erheben, weil ihr Geist frohlockt hat. In jedem Fall wählt der Heilige Geist die Worte äußerst treffend aus. Unser Herr spricht absichtlich vom Geist des Menschen und differenziert ihn von Herz, Verstand und Seele. Wenn er nun sagt, die Seele, die sündigt, müsse sterben, dann meint er damit unserer Einschätzung nach Folgendes: Unser Geist verliert seine Fähigkeit, Gott und andere Menschen zu suchen und zu umarmen; infolgedessen sind die Strukturen und Wünsche unserer Seele und unseres Herzens nicht mehr funktionsfähig. Folglich neigen sie dazu zu blockieren. Deshalb stirbt in uns die Fähigkeit, mit Gott, den Menschen, der Natur und mit uns selbst so in Beziehung zu treten, wie es ursprünglich beabsichtigt gewesen war. Wenn sündhafte Strukturen im Sinn und Herzen weiter bestehen und der Geist immer schwächer wird, wird der Körper in Mitleidenschaft gezogen. „Da ich’s verschwieg, zerfiel mein Gebein ob meines unablässigen Stöhnens; denn Tag und Nacht lag deine Hand schwer auf mir, vertrocknet war mein Lebenssaft wie durch Gluten des Sommers. Da bekannte ich dir meine Sünde, und meine Schuld verbarg ich nicht. Ich sprach: ‚Bekennen will ich dem Herrn meine Übertretung’; du aber vergabst mir die Schuld meiner Sünde.“ (Ps 32,3-5; ZÜ)

Letztlich folgt daraus der körperliche Tod. Wenn die Erlösung der ganzen Menschheit schließlich vollendet und Sünde nicht mehr sein wird, „dann wird das Wort erfüllt werden, das geschrieben steht: ‚Verschlungen ist der Tod im Sieg.’“ (1 Kor 15,54). Der eine oder andere neigt jetzt vielleicht dazu zu denken, wenn ein Christ fähig wäre, einzig und allein in Christus zu leben, dann würde er auch nicht sterben müssen. Doch wir sind zu einer derartigen Vollkommenheit nicht fähig, und zudem sind wir Gemeinschaftswesen, die von den Sünden anderer in Versuchung geführt werden. Deshalb wird niemand ewig leben, ohne je den Tod zu sehen, bis die Absichten Christi mit all den Seinen schließlich erfüllt sein werden: „Als letzter Feind wird der Tod weggetan“ (1 Kor 15,26). Henoch und Elia waren Ausnahmen, doch vermutlich waren sie nicht vollkommen, nur geheiligt genug, um in den Himmel aufgenommen zu werden.


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 21

Die zweite Funktion unseres Geistes: unseren Körper am Leben und funktionsfähig erhalten Wenn wir von all den brauchbaren medizinischen Definitionen von „Tod“ einmal absehen, weiß ein Christ, dass der Tod dann eintritt, wenn der Geist nicht länger im Körper wohnen kann und ihn verlässt (Pred 12,7). In zahllosen Büchern, die das Leben nach dem Tod beschreiben, finden sich Hunderte Zeugnisse, die einhellig davon sprechen, dass der Geist den Körper verlassen habe und dann wieder zu ihm zurückgekehrt sei. Offensichtlich braucht unser Geist einen Körper, der imstande ist, in bestimmter und notwendiger Art und Weise zu funktionieren – wenngleich er in anderen Zerbruch und Verlust erleiden kann –, oder die Einheit von Geist und Leib wird durchbrochen und der Geist muss „zu Gott zurückkehren, der ihn gegeben hat“. Wie der Geist den Körper am Leben erhält und belebt und wie der Körper den Geist beherbergt und beschützt, weiß niemand. Doch die psychosomatische Wechselbeziehung zwischen beiden wird sowohl in der Heiligen Schrift als auch in der psychosomatischen Medizin hinreichend dokumentiert (wenngleich einige Mediziner diese Leben spendende Kraft oder „Psyche“ in uns nicht „Geist“ nennen würden, so wie Christen es tun). Allein die Tatsache, dass der Körper ab dem Moment, da ihn der Geist verlässt, augenblicklich zu zerfallen beginnt, und zwar so, dass man ihn mit natürlichen Mitteln nicht mehr „reparieren“ kann, sollte uns Beweis genug sein, dass unser Geist den Körper am Leben erhält und ihn vom Tod fernhält, solange ihm das möglich ist. Die Bibel beschreibt klar und deutlich, dass unser menschlicher Geist die Gesundheit unseres Leibes aufrechterhält: „Ein fröhliches Herz ist gute Medizin, doch ein zerbrochener Geist dörrt das Gebein aus.“ (Spr 17,22; wörtl. a. d. Engl.) „Eines Mannes Geist kann seine Krankheit erdulden, doch einen zerbrochenen Geist, wer kann ihn tragen?“ (Spr 18,14; wörtl. a. d. Engl.)


22 / Heilung des verwundeten Geistes

Die dritte Funktion unseres Geistes: Beziehung und Interaktion mit anderen Über räumliche Begrenzungen, über den Körper, ja manchmal sogar über die eigenen fünf Sinne hinaus, streckt sich unser Geist aus, um anderen zu begegnen und mit ihnen in wechselseitige Aktion und Reaktion einzutreten. Wenn ein Vater sein kleines Kind im Arm hält, spürt ihrer beider Geist, wie Segen von einem zum anderen fließt. Das ist es, was diesen Momenten eine solche Zartheit verleiht. Dadurch wird Liebe zu einem realen und praktischen Austausch von Energien und bleibt kein isoliertes Gefühl, keine für sich allein stehende Haltung im Inneren des Vaters oder Kindes. Wenn Paulus sagt: „Oder wisst ihr nicht, dass, wer der Hure anhängt, ein Leib mit ihr ist?“ (1 Kor 6,16), dann ist es diese Begegnung und Vereinigung des Geistes zweier Menschen in und durch die menschliche Berührung, die über den bloßen Hautkontakt hinaus eine Einheit mit dem anderen eingeht, die die Grundlage seiner Aussage darstellt, dass der Mann „ein Leib mit ihr“ werde. Jeder von uns hat schon einmal die Gegenwart eines anderen Menschen in einem Zimmer gespürt, vielleicht einen kurzen Augenblick, bevor wir uns umdrehten und zu dem exakten Punkt schauten, wo der andere unserem inneren geistlichen Gespür nach sein müsste; oder vielleicht spürten wir die Energie eines bohrenden Blickes, drehten uns um und sahen tatsächlich jemanden, der uns anstarrte. Als Paula und ich noch auf dem College waren, kehrten wir eines Tages von einem Wochenendbesuch bei meinen Eltern zurück und verspürten – obwohl wir niemanden sahen – auf dem Universitätsgelände eine derart bedrückende Atmosphäre, die selbst dem unempfindlichsten und am wenigsten mystisch veranlagten Menschen aufgefallen wäre. Später erfuhren wir, dass am Vormittag desselben Tages vier von allen geschätzte Studenten bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Die Traurigkeit des Geistes all derer, die auf dem Universitätsgelände waren, prägte weithin die Atmosphäre. In einer Zeit, in der es für jeden normal ist, dass Funkund Fernsehwellen die Luft um uns herum unsichtbar erfüllen, sollte niemand darüber erstaunt sein, dass unser Geist etwas Ähnliches tut. Weil sich unser Geist zu einer anderen Person hin ausstrecken und fühlen kann, was in ihrem Innersten vorgeht, sind wir fähig, Einfühlungsvermögen zu entwickeln und auf der tiefsten Ebene am anderen


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 23 Anteil zu nehmen. Wir haben Gemeinschaft miteinander und stille Kommunikation. In den Augen des anderen, in seiner Mimik, in seinem Tonfall und in seinen Worten suchen wir nach bestätigenden Zeichen. Manchmal stellen wir verblüfft oder verletzt fest, dass unser Freund, der offensichtlich in seinem Geist betrübt ist, ein so guter Schauspieler ist, dass seine Augen, sein Gesichtsausdruck und seine Stimme den Anschein erwecken, er sei glücklich. Auf meiner Runde im Krankenhaus, wo ich Gemeindemitglieder besuchte, wandte ich mich einmal – wie ich es stets zu tun pflegte – an eine Dame im Bett nebenan, die ich nicht kannte, um für sie zu beten. Als ich jedoch zu beten begann, bemerkte ich, wie mich der Heilige Geist unerklärlicherweise zurückhielt. Ich brachte kein Wort heraus, stand einfach nur da, betete lange Zeit still vor mich hin und ließ den Geist von mir zu ihr fließen. Nachdem ich etwas peinlich berührt „Amen“ gesagt hatte, sah ich zu meiner Überraschung, wie ihr Gesicht voll Freude strahlte; sie rief: „Oh, vielen Dank! Vielen Dank!“ „Wofür?“, fragte ich. „Weil Sie Gemeinschaft mit mir hatten. Ich bin Quäkerin und Sie haben mir soeben Gemeinschaft im Geist geschenkt. Woher wussten Sie das!?“ Natürlich hatte ich es nicht gewusst, der Heilige Geist jedoch schon. Quäker stimmen sich nur bewusst auf das ein, was wir alle bei jeder Art von Begegnung und Einheit im Geist spüren – manchmal ist es leicht und fröhlich, manchmal traurig oder spannungsgeladen, manchmal beschießen wir uns mit Pfeilen der Feindseligkeit, manchmal werden wir erfrischt, manchmal lastet eine Schwere auf uns. So wie man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, ist auch eine Begegnung mit einem Menschen jedes Mal anders, je nachdem, was im jeweiligen Augenblick von seinem Geist zu uns durchdringt. Gespräche, die in einer bestimmten Art und Weise geführt werden und sich um bestimmte Themen drehen, in die wir scheinbar nur so hineingeschlittert sind, werden oft vom Einfühlungsvermögen unseres Geistes gelenkt. Eine vorrangige und grundlegende Funktion unseres Geistes besteht darin, es uns zu ermöglichen, anderen und Gott zu begegnen und mit ihnen Gemeinschaft zu haben. Im zweiten Kapitel werden wir im Detail auf neun Funktionen unseres Geistes eingehen. Anbetung, Gemeinschaft mit anderen und das Leben im Körper aufrechterhalten – diese drei Funktionen betrachten wir jedoch als entscheidend und grundlegend. Die erste bezieht sich auf unsere Fähigkeit,


24 / Heilung des verwundeten Geistes Gott zu begegnen, zu genießen und zu verehren; die zweite auf unsere Fähigkeit, mit uns selbst in Beziehung zu treten; die dritte auf unsere Fähigkeit, mit Gott, dem Nächsten und der Natur in Beziehung zu treten. Wenn wir verstehen, dass unser Geist innerhalb dieser grundlegenden Funktionen agiert und wir „fleischgeworden“ sind, d. h. dass unser Geist in und durch all das agiert, was unser Körper ist und darstellt, dann sind wir bereit zu versuchen, die entscheidende Frage dieses Buches zu beantworten: „Welche Nahrung braucht der Geist eines Menschen und wie empfängt er sie?“

Nahrung für unseren Geist Unser Geist findet seine Nahrung in seinem Ursprung, also in Gott. Persönliche Zeit mit ihm und gemeinschaftliche Anbetung sind die zentralen „Ernährungsgrundlagen“ unseres Geistes. Der Heilige Geist ist als die Kraft unseres Lebens gedacht. „Der Geist ist es, der lebendig macht …“ (Joh 6,63a). Was kann ihn davon abhalten, uns zu nähren? Mangelnde Hingabe. Was gibt ihm die Möglichkeit, uns zu nähren? Hingabe im Gebet und in der Zeit mit ihm. Kinder, die zum Beten noch zu jung sind oder nicht wissen, wie das geht, werden durch die Hingabe und Gemeinschaft mit Gott, die ihre Eltern pflegen, mit der Gegenwart des Heiligen Geistes erfüllt. Fürbitte – wenn Freunde oder Fremde für uns beten – erfüllt uns alle mit seinem Leben. Somit ist Gebet der Schlüssel zum Leben. Wie oft hörten wir betende Heilige bezeugen, sie spürten es sofort, wenn sie auch nur einen Tag nicht beten; nach zwei Tagen spüre es der Partner; nach drei Tagen die ganze Welt! Wir können am Sonntag oder durch die Fürbitte anderer auftanken; doch jeder erfahrene Christ weiß, dass er früher oder später wieder in seinem eigenen Gebetsleben in die Gegenwart Gottes zurückkehren muss; wenn er das nicht tut, verliert er seine geistliche Fähigkeit, so zu agieren, wie er soll. Ich kenne keinen geistlich gesunden Leiter, der nicht wüsste, dass sein Geist unbedingt täglich, von Augenblick zu Augenblick, in der Gegenwart unseres liebenden Herrn Nahrung finden muss. Schon der geringste Christ, der sich erst vor wenigen Tagen bekehrt hat, lernt, dass er nur dann in Christus wandeln könne, wenn sein eigener Geist kontinuierlich und regelmäßig durch private Zeit mit Gott und Anbetung „aufgeladen“ werde. Wir alle kennen diese simple Wahrheit. Doch es gibt zwei Dinge, die wirklich eigenartig sind. Erstens: Wir vergessen es so leicht und so oft. Doch der zweite Punkt ist noch viel eigenartiger: Irgendwie wenden wir


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 25 nur selten denselben gesunden Menschenverstand an, wenn es um die Bedürfnisse eines Kindes geht! Glauben wir etwa, sein Geist könne auf immer und ewig dadurch leben, dass er am Anfang ein einziges Mal durch Gottes unerschöpfliches Reservoir aufgeladen wurde? Vielleicht lassen wir uns von der natürlichen Vitalität und dem Überschwang der Kinder täuschen. Wir schreiben dieses Buch, um Verletzungen und Sünden zu offenbaren, und hierin liegt die am weitesten verbreitete und schmerzlichste von allen! Wenn Eltern nicht regelmäßig mit und für ihr Kind beten, wird dessen Geist buchstäblich verhungern und verwelken! Wie oft hat Jesus versucht, uns zu sagen, dass er selbst Nahrung und Trank für unseren Geist ist? „Jesus antwortete und sprach zu ihr: Jeden, der von diesem Wasser trinkt, wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm geben werde, den wird nicht dürsten in Ewigkeit; sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, wird in ihm eine Quelle Wassers werden, das ins ewige Leben quillt.“ (Joh 4,13-14) „Ich bin das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist; wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit. Das Brot aber, das ich geben werde, ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“ (Joh 6,51) „Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch selbst. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag; denn mein Fleisch ist wahre Speise, und mein Blut ist wahrer Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.“ (Joh 6,53-56) „Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe nicht von sich selbst Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstock, so auch ihr nicht, ihr bleibt denn in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun. Wenn jemand nicht in mir bleibt, so wird er hinausgeworfen wie die Rebe und verdorrt; und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“ (Joh 15,4-6)


26 / Heilung des verwundeten Geistes O wenn doch der Leib Christi endlich so pragmatisch und wahrheitsgetreu über den Geist denken würde wie über den Körper! Keine gewissenhafte Mutter wird es versäumen, ihrem Kind drei ausgewogene Mahlzeiten am Tag zuzubereiten. In Hunger und Armut, in Zeiten, in denen sie weiß, dass sie ihre Lieben nicht ernähren kann, ist sie am Boden zerstört. Bilder von verhungernden Kindern betrüben unsere Herzen. Wenn es nur irgendeine Möglichkeit gäbe, dass Eltern den Geist ihres Kindes auf genau dieselbe Weise sehen könnten, wie sie diese Fotos sehen! Können wir nicht endlich erkennen, dass unser Geist vielleicht noch viel dringender Nahrung braucht als unser Körper? Sobald wir das einmal erkannt haben, ist die Lösung so einfach: Ein Gebet beim Zu-Bett-Gehen. Ein Dankgebet vor dem Essen. Ein kurzer Segenswunsch, bevor die Kinder zum Schulbus gehen. Ein kurzes, spontanes Gebet für die Kinder untertags. Unseren Herrn als jemanden zu kennen, mit dem wir leben und gehen, nicht als etwas, woran wir uns in Katastrophenzeiten klammern, wenn alles andere versagt. Die Sonntagsschule. Der regelmäßige Gottesdienst und Anbetung. Christus in unserem ganzen Leben in der Gemeinde (und in der Welt), und zwar in seiner liebenden Gegenwart, die uns begegnet, lehrt, kräftigt, zur Verantwortung zieht, vergibt, züchtigt, heilt, wiederherstellt. Niemals bloße Form, Gesetz oder Religion, ohne Beziehung! Im Gebetsdienst mit Eltern, deren Kinder in die Irre gehen, hören wir so oft: „Ich kann es einfach nicht verstehen. Wir haben ihnen doch alles gegeben! Ein gutes Zuhause, dreimal am Tag was Richtiges zu essen – ihnen hat nie etwas gefehlt.“ Nach wenigen Fragen wird jedoch deutlich, dass die wichtigste Form von Nahrung fast völlig gefehlt hat. Sie hatten nie auch nur einen Gedanken an den Geist ihrer Kinder verschwendet. Einige von ihnen hatten ihre Kinder in die Sonntagsschule gebracht oder in den Gottesdienst mitgenommen und somit ihrer Seele ein wenig Nahrung gegeben und ihrem Geist eine schnelle Mahlzeit pro Woche. Welche Eltern würden auf den Gedanken kommen, ihr Kind bräuchte nur einmal in der Woche etwas essen und würde dennoch stark genug sein, um wie ein normales Kind zu leben? Möge der Leser selbst nachdenken, ob ihm wenigstens ein paar Eltern einfallen, die so denken und handeln, dass sie bewusst und gewissenhaft den Geist ihrer Kinder täglich in der Gegenwart und Kraft des Heiligen Geistes nähren und versorgen. Erkennen wir, dass wir noch nie in diesen Kategorien


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 27 gedacht, geschweige denn nach ihnen gehandelt haben? Hierin liegt die vorrangige und erschütterndste Verletzung der meisten Kinder, denen wir dann dienen, wenn sie erwachsen geworden sind. Als Faustregel gilt (wenn man davon ausgeht, dass die Vorstellung, dem Geist des Menschen täglich Nahrung zu geben, heutzutage kaum mehr geläufig ist): In Familien, in denen viel Gebet und liebevoller Körperkontakt auf der Tagesordnung stehen, sind Kinder weniger ausgehungert oder verwundet. In Familien, in denen es nur wenig oder überhaupt nichts davon gibt, grämt sich der Geist des Kindes und verhungert. Der Geist in ihm ist zornig und verletzt, unabhängig davon, ob sich der Verstand und das Herz dessen bewusst sind. Unser Verstand weiß vielleicht, dass ein Mangel vorhanden ist, doch unser Geist hungert quasi intuitiv. „Wie eine Hirschkuh lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele [und der Geist in uns] nach dir, o Gott! Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott …“ (Ps 42,1.2a).

Stellen Sie sich eine Sonnenblume vor, die in einem dunklen Raum steht; traurig und müde dreht sie ihren Kopf, um wenigstens einen winzigen Lichtstrahl zu finden; allmählich verwelkt sie, sackt zusammen und stirbt. Das ist ein durch und durch exaktes Bild vom Geist eines Kindes aus einem solchen Elternhaus. Später, in Kapitel zwei, werden wir sehen, warum diese Ausgangssituation die direkte Ursache für stetig wachsende Verbrechensziffern und alle Arten sexueller Perversion darstellt. Wenn wir herausfinden, dass der Erwachsene, dem wir gerade dienen, in einem solchen Elternhaus groß geworden ist, bitten wir den Herrn, er möge das verhungernde Kind in diesem Menschen aufspüren und es in seine liebenden Arme schließen. Wir bitten ihn, diesem Menschen so viele Jahre wieder zu erstatten, wie der Vertilger aufgefressen und die Heuschrecke vernichtet hat (Joel 2,25). Dieses Gebet hat eine volle biblische Legitimation: „Sogar mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, aber der Herr nimmt mich auf“ (Ps 27,10). Wir bitten den Herrn, Tag für Tag zu diesem Menschen zu kommen, ihn zu umwerben und ihn durch seine Liebe wieder zum Leben zu erwecken. Nach dem Gebet sagen wir der Person, sie solle sich einer Gebetsgruppe anschließen und sich jede Woche eine Zeitlang in den „Gnadenstuhl“ hineinfallen lassen (d. h. in


28 / Heilung des verwundeten Geistes die Gemeinschaft von Menschen, die für sie beten und ihr die Hände auflegen). Ein Kind braucht viel, viel Körperkontakt. Die meiste Nahrung findet man – bis ans Ende unseres Lebens – am Tisch des Herrn. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum uns der Herr ausgerechnet folgendes Gebot gegeben hat? „Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe, dass der Herr Jesus in der Nacht, in der er überliefert wurde, Brot nahm, und als er gedankt hatte, es brach und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch ist; dies tut zu meinem Gedächtnis. Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, dies tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis.“ (1 Kor 11,23-25)

Es gibt viele Gründe, warum uns der Herr das Gebot gegeben hat, an seinem Tisch zu essen – z. B. Vergebung, Gedenken, das Erlebnis der Einheit, wenn man gemeinsam in Anbetung isst, Heilung etc. Doch ist es nicht möglich, dass der Herr so auch auf unser vorrangigstes Bedürfnis einging? Er wusste, dass sich unsere Seele und insbesondere unser Geist bei ihm durch einen einfachen Akt Nahrung holen mussten. Können wir, ausgehend von diesem Punkt, erkennen, dass es recht weise sein kann, wenn die römisch-katholische sowie andere Kirchen und Gemeinden, die eine Liturgie haben, zum täglichen Besuch der Heiligen Messe ermutigen? Was für einen Schatz habt ihr, meine römisch-katholischen Freunde! Wir Protestanten nähren die Seele überreich mit dem Wort Gottes und das ist auch richtig so. Doch manchmal denke ich, dass wir den wichtigsten Ort der Nahrungsaufnahme für unseren Geist übersehen. Alle Glieder des Leibes Christi täten gut daran, voneinander zu lernen, damit die Tafel, an der wir uns in der Gegenwart des Herrn erfreuen, mehr und reichhaltigere Nahrung für Seele und Geist bieten möge. Damit will ich nicht sagen, dass Katholiken und Protestanten gleichermaßen nicht auch durch alle anderen Aspekte der Anbetung Nahrung erhielten; ich möchte nur gesagt haben, dass ich persönlich es schätze und weiß, dass der Tisch des Herrn meinem Geist reichhaltigere und unmittelbarere Nahrung bietet als irgendetwas anderes, das mir bekannt ist. Ich glaube, das gilt für jeden von uns. Es gibt noch andere Nahrung für den Geist. Das Lachen Gottes liegt im Kichern eines Freundes. Sein Geist berührt uns durch einen prächtigen


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 29 Schmetterling, der vorbeiflattert. Gott ist „durch alle und in allen“ (Eph 4,6), um uns zu berühren. Doch der Schlüssel ist: Nur wenn wir direkt mit ihm Gemeinschaft haben, bewahren wir die Fähigkeit, seinen Geist unseren Geist sinnerfüllt durch die Schöpfung berühren zu lassen. In meinem Geist musste ich weinen, als ich zusah, wie meine Freunde, die tot im Geiste sind, völlig gedankenlos und ohne das geringste Anzeichen eines geschärften Bewusstseins eine Lilie abrissen. Hat sich nicht schon jeder von uns, die wir von Schönheit noch immer zutiefst bewegt werden können, in einer ähnlichen Situation gegrämt? Die Schönheit scheint so vielen in dieser herzlosen Generation verloren gegangen zu sein. Gott schuf die Schönheit, um unserem müden Herzen, unserer Seele und unserem Geist Nahrung zu geben. Es gab einmal eine Zeit, in der Maler und Musiker es als ihr höchstes Ziel ansahen, Schönheit zu schaffen. Die großartigen Werke, an denen sich unsere Seele und unser Geist laben, stammen nach wie vor von ihnen. Heutzutage stolziert jedoch schriller Nonsens über die Leinwände und Notenblätter, der der Welt ein Zeugnis vom Tod des verhungernden Geistes gibt, der nicht mehr in den erfrischenden Schöpfungsgesang der Schönheit einstimmen kann. Wie notwendig braucht diese Generation neue John Talbots, die Lieder zur Erquickung des Geistes der Kinder Gottes schreiben! Nur wenige Menschen wissen, dass die meisten Rockkonzerte und seltsamen Gebilde auf Leinwand Missklänge im Geist hervorrufen. Wie viele Eltern nehmen heutzutage ihre Kinder zu so etwas Schönem wie Tschaikowskis „Nussknacker“-Ballett mit? Als Kind verbrachte ich den Sonntagnachmittag immer flach auf dem Rücken liegend, mit dem Kopf direkt unter dem Resonanzboden des Flügels, während meine Mutter Musik von Chopin, Debussy und anderen spielte – mein Geist bekam Flügel! Mir kam es vor, als ob die Noten in meinem Körper die Tonleiter der Herrlichkeit hinauf- und herunterliefen. Wenn nicht aus solchen Augenblicken, woher nehmen wir dann unser geistliches Stehvermögen? Selbst heute, wenn ich schreibe, läuft bei mir die Stereoanlage und Beethovens Klaviersonaten Nr. 14 in cis-Moll („Mondscheinsonate“) und Nr. 18 in Es-Dur, Op. 31, Nr. 3 („Die Jagd“) tränken meinen Geist mit Inspiration. Empfindungen dieser Art sind biblisch dokumentiert. König Joram von Israel verpflichtete König Joschafat von Juda für seinen Krieg gegen Moab. Drei Tage lang suchten sie nach Wasser; als sie keines fanden, suchten sie nach einem Propheten. Als irgendjemand Elisa empfahl, erklärte dieser, er


30 / Heilung des verwundeten Geistes würde um Joschafats willen handeln und sagte: „Und nun holt mir einen Saitenspieler. Und es geschah, als der Saitenspieler spielte, da kam die Hand des Herrn über ihn“ (2 Kön 3,15). Elisa verkündete ihnen, es würde nicht regnen und dennoch würden sie Wasser bekommen; sie sollten Auffanggruben ausheben und bereit sein; und so geschah es auch (V. 16-20). Anbetungsmusik ist das sich aufschwingende Vehikel des Geistes und ein Ort der Kraft. Als Salomos Tempel eingeweiht wurde, wählte und bildete man die Musiker und Sänger aus, die vor dem Herrn Musik machen sollten; daraufhin kam die Herrlichkeit des Herrn derart über sie, dass keiner mehr aufrecht stehen konnte: „Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligen hinausgingen – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne sich an die Abteilungen zu halten – und als die Leviten, die Sänger waren, sie alle, … ihre Söhne und ihre Brüder, in Byssus gekleidet, mit Zimbeln und mit Harfen und Zithern an der Ostseite des Altars standen und bei ihnen etwa 120 Priester, die auf Trompeten trompeteten, – und es geschah, als die Trompeter und die Sänger wie ein Mann waren, um eine Stimme hören zu lassen, den Herrn zu loben und zu preisen, und als sie die Stimme erhoben mit Trompeten und Zimbeln und Musikinstrumenten beim Lob des Herrn: Denn er ist gütig, denn seine Gnade währt ewig! – da wurde das Haus, das Haus des Herrn, mit einer Wolke erfüllt. Und die Priester konnten wegen der Wolke nicht hinzutreten, um den Dienst zu verrichten. Denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.“ (2 Chr 5,11-14)

Musik treibt unseren Geist an; sie ist selbst eine Kraft. Als der „böse Geist von Gott“ auf Saul war, ließ dieser David kommen; als jener sang und spielte, verließ ihn der böse Geist für eine Weile (1 Sam 16,14-23). Als Joschafat in die Schlacht zog, trug sich Folgendes zu: „Und sie machten sich des Morgens früh auf und zogen aus zur Wüste Tekoa. Und bei ihrem Auszug trat Joschafat hin und sagte: Hört mir zu, Juda und ihr Bewohner von Jerusalem! Glaubt an den Herrn, euren Gott, dann werdet ihr bestehen! Glaubt seinen Propheten, dann wird es euch gelingen! Und er beriet sich mit dem Volk und stellte Sänger für den Herrn auf, die Loblieder sangen in heiligem Schmuck,


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 31 indem sie vor den zum Kampf Gerüsteten auszogen und sprachen: Preist den Herrn, denn seine Gnade währt ewig! Und zu der Zeit, da sie mit Jubel und Lobgesang anfingen, legte der Herr einen Hinterhalt gegen die Söhne Ammon, Moab und die vom Gebirge Seir, die gegen Juda gekommen waren; und sie wurden geschlagen. Und die Söhne Ammon und Moab standen auf gegen die Bewohner des Gebirges Seir, um an ihnen den Bann zu vollstrecken und sie auszutilgen. Und als sie die Bewohner von Seir aufgerieben hatten, halfen sie, sich gegenseitig umzubringen.“ (2 Chr 20,20-23)

Wie oft nähren wir Eltern den Geist unserer Kinder bewusst mit Anbetungsmusik? Paulas Mutter spielte auf dem Flügel, ihre Kinder versammelten sich um sie, und gemeinsam sangen sie die großartigen alten Hymnen des Glaubens. Meine Mutter und ich verbrachten viele gemeinsame Stunden, in denen sie die Hymnen Gottes spielte und ich sang. Wenn unsere Familie, in der mittlerweile alle erwachsen sind, an Feiertagen zusammenkommt, singen wir gemeinsam Lobpreislieder oder die vertrauten, alten Weihnachtslieder. Auch Lesen ist Nahrung für Seele und Geist, es kommt jedoch darauf an, was wir lesen. Das Wort Gottes bietet einen vollständigen „Speiseplan“; es ist Nahrung für Herz, Seele und Geist. In Epheser 3,16 betet Paulus, dass die Epheser „… mit Kraft gestärkt … werden durch [Gottes] Geist an dem inneren Menschen.“ Wir müssen im Geist stark sein, um für Christus in der Welt bestehen zu können. Wir haben Folgendes herausgefunden: Menschen, die zwar jede andere Art von Nahrung für ihren Geist finden und so eigentlich in Christus stark sein müssten, aber versäumen, sich täglich am Wort Gottes zu stärken, können in ihrem Geist die Stärke, die sie woanders gefunden haben, auch nicht lange bewahren. Wenn wir das Wort Gottes lesen, bauen wir in unserem Geist dem Fluss des Heiligen Geistes ein solides Bett, ohne das unsere Lebenskraft wie Wasser im Sand der Wüste versiegt. Wer von uns hat es nicht erlebt, dass sich sein Geist wie auf den Schwingen herrlicher Träume in die Luft erhob, wenn er als Kind die großartigen Geschichten von Helden und Heldinnen las? Ich bin davon überzeugt, dass die Geschichten über ritterliche Edelmänner und Heilige, die ihr Leben aufopferten, in meinem Geist die feste Entschlossenheit wachsen ließen, Gott über die bloße Pflichterfüllung hinaus dienen zu wollen. Meine Mutter las mir Wordsworth, Tennyson, Keats und Shelley vor und lehrte mich,


32 / Heilung des verwundeten Geistes Dichtkunst zu lieben und zu verstehen; noch heute zehrt mein Geist davon. Meine Eltern schafften einige Serien von Kinderbüchern an, unter denen sich auch die Journeys through Bookland („Reisen durch das Bücherland“) befanden; diese Reihe führte mich von den einfachsten Kinderreimen hin zur griechischen Mythologie und den großen Fabeln und Legenden aller möglichen Herren Länder. Diese Unterweisungen waren für mich wie „Proviant“ und boten mir mein Leben hindurch stets gute Nahrung. Auch heute noch werde ich durch regelmäßige und gute Lektüre erfrischt. Mein Vater verlangte, dass wir zu den Essenszeiten immer alle frisch gewaschen und hübsch angezogen erschienen und uns gemeinsam um den Tisch im Esszimmer versammelten. Wir machten immer irgendwelche Faxen, alberten herum und zogen einander auf und manchmal mussten wir so sehr lachen, dass wir schließlich auf dem Boden herumkugelten. Dabei bekam nicht nur unser Körper Nahrung. Unser Geist sog den Spaß in der Familie und die Gemeinschaft in vollen Zügen ein. Manchmal bekommen die Freunde unserer Kinder vor lauter Überraschung ganz große Augen, wenn sie mit uns essen. „Ihr esst ja wirklich miteinander und habt Spaß dabei“, sagen sie. „Meine Familie isst nie zusammen. Jeder von uns holt sich hier und dort einen Bissen.“ Ihr Geist hatte einen Mangel, weil sie innerhalb der Familie keine Nahrung bekamen. Bisher sprachen wir nur darüber, wie Gott unseren Geist durch Anbetung, Schönheit und Musik nährt. Doch da wir gerade eben anfingen, von der Familie zu sprechen, möchten wir uns nun der Frage zuwenden, wie er uns durch andere Menschen, insbesondere durch die Familie, Nahrung schenkt.

Nahrung für den Geist durch die Familie Bei der Kindererziehung ist eine Sache wichtiger als alles andere: Eltern können den Körper ihrer Kinder erfolgreich mit nahrhafter Speise versorgen, den Verstand durch gute Schulbildung, die Seele durch gesunde Lehre im Wort Gottes und dennoch kläglich versagen. Wenn sie ihnen nicht schlicht und einfach Zuwendung in Hülle und Fülle schenken, werden ihre Kinder verhungern. Zuwendung ist die unabdingbare Grundvoraussetzung, ohne die Kindererziehung nicht möglich ist. Wir müssen jedes Kind in unsere liebevollen Arme schließen, und das viele Male im Laufe eines Tages. Weil wir „fleischgewordene“ Wesen sind, berührt bei jeder Umarmung ein Geist den anderen und der Heilige Geist


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 33 berührt dabei alle beide. Jesus sagte: „In dem Maße, wie ihr es einem dieser meiner Brüder getan habt, auch dem geringsten unter ihnen, habt ihr es mir getan!“ (Mt 25,40; wörtl. a. d. Engl.). Er sprach von jedem Menschen. Sein Einfluss wird im Leben vieler durch Vernachlässigung oder Verleugnung geschwächt. In anderen zeigt er sich mit Macht. Doch er ist in allen. Sein Leben ist Liebe. Wenn wir in Liebe agieren, durchfließt sein Leben unser Leben und nährt jeden in jeder Umarmung. Denken Sie doch nur an das Wesen Jesu in jedem Menschen. Kann er sein Wesen durch uns ausgießen, wenn wir anderen Menschen Beschimpfungen an den Kopf werfen? Wird er durch uns lieben, wenn wir die Frau unseres Nächsten küssen? Wird uns seine Kraft vorantreiben, wenn wir vor lauter Eifersucht jemanden verprügeln wollen? Natürlich nicht. Er ist da, in uns, doch in diesen Fällen kann er sich nur grämen und beten. Doch was geschieht, wenn wir ein Baby an unsere Brust drücken wollen? Die Schleusentore öffnen sich; seine ureigenste Person drückt sich in dem aus, was wir tun, und sowohl das Baby als auch wir werden erquickt. Wenn der Vater beim Zu-Bett-Gehen eine Geschichte aus der Bibel vorliest, wird er vom Heiligen Geist darin unterstützt, woraufhin dieser mit dem Klang der Stimme des Vaters zum Geist des Kindes durchdringt. Wenn eine Mutter, nachdem sie den Esstisch gedeckt und geschmückt hat, ihr Haupt neigt und ihre Kinder an der Hand nimmt, während Papa betet, wessen Liebe strömt dann durch ihre Hände und durch seine Stimme, wenn nicht die Liebe des Herrn? Wenn eine Mutter die vor Fieber glühende Stirn ihres Kindes berührt, gießt der Heilige Geist heilende Kraft aus. Selbst die Hand der Züchtigung vermittelt die liebevolle Berührung Gottes. In allem, was richtig und wahrhaftig ist, erquickt uns die Liebe Gottes. Hunde stoßen und stupsen oft die Hand ihres Herrchens, weil sie getätschelt und gestreichelt werden möchten. Ich habe mich oft gefragt, warum sie so darauf drängen. Was hat es für sie bedeutet, was hat es ihnen gebracht, wenn sie uns nun so bedrängen, ihnen immer mehr zu geben? Daraufhin erinnerte mich der Herr, dass er auch ihnen einen Geist gegeben hat (ja, Tiere haben einen Geist; vgl. Pred 3,21), der fühlen kann, wie die Liebe unseres Geistes in sich auftürmenden Wellen der Herrlichkeit durch ihren Körper strömt, wenn unsere Hände sie streicheln. Kleinkinder bzw. kleine Kinder sind auch noch genauso sensibel. Ihr kleiner Geist ist nach wie vor offen und verletzbar, präsent und in


34 / Heilung des verwundeten Geistes der Lage, durch unsere Berührung mit uns zu verschmelzen oder unsere Gegenwart förmlich zu trinken. Jede stillende Mutter weiß, dass ihr Baby von ihr viel mehr trinkt als nur Milch. Leider wissen die meisten Menschen – insbesondere Väter – nicht, welchen Wert sie für Kinder haben. In einer Welt der materialistischen Wissenschaften, Geräte, Vorrichtungen und Gegenstände erscheint die Welt des menschlichen Geistes ziemlich abstrus und wirklichkeitsfremd. In einer säkularen Welt, die praktische Durchführbarkeit fordert, die man mit den fünf Sinnen identifizieren und messen kann, haben zu viele Väter die Tuchfühlung mit dem Allerpraktischsten und Allerrealsten verloren – die Kraft des Geistes in einer menschlichen Berührung. Das Heilmittel dagegen ist so einfach, dass es in einer Welt der Technologie und Computer schlichtweg unlogisch oder belanglos erscheint. Es reicht aus, sich ganz einfach bewusst vorzunehmen, daran zu denken: jeden Abend, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, jedes einzelne Familienmitglied umarmen; ein Kind auf dem Schoß sitzen lassen, während man fernsieht; ihm eine Hand auf die Schulter legen, ein kleiner Klaps auf den Rücken, ein Kuss beim Zu-Bett-Gehen, hie und da mit ihm auf dem Boden herumtollen, beim Gebet seine Hand halten, es in seinen Arm hineinkuscheln lassen, wenn man im Auto sitzt oder im Kino, ja sogar in der Gemeinde. Merken Sie sich folgende einfache Regel: Wenn man einem Menschen in einem normalen und gesunden Maß Zuwendung schenkt, bleibt sein Geist heil und sucht nach normalen und gesunden Formen, sich ausdrücken zu können. Wenn man ihm keine Zuwendung schenkt, werden sich Trieb und Drang fehlgeleitet manifestieren und der Geist wird krank und sucht nach falschen Antworten auf richtige Bedürfnisse. Wahre Zuwendung führt nicht zu unangemessenen sexuellen Berührungen oder Umarmungen, sondern vielmehr davon weg. Nur die seltenen Berührungen unzureichender Zuwendung verwandeln sich in Begierde. In Familien, in denen man gesunde Zuwendung findet, treten fast nie irgendwelche Formen von Kindesmissbrauch auf. Wir brauchen uns vor der Berührung nicht zu fürchten; Furcht sollte über uns kommen, wenn sie fehlt. Wenn Kinder zu selten liebevoll berührt worden sind, ist es die Aufgabe der Gebetsdiener und des Leibes Christi, Heilung zu vermitteln. Zuwen-


Die vergessenen Funktionen unseres Geistes / 35 dung, die man einem Fünfzigjährigen schenkt, kann das Herz des Fünfjährigen in ihm erwärmen. Wenn Fragen ans Licht bringen, dass jemand so wenig Zuwendung bekommen hat, dass er fast verhungert wäre, müssen Gebetsdiener mit der Person beten, damit ihr Herz in die Lage versetzt wird zu vergeben. Die Tatsache, dass dieser Mensch in seinen Gedanken vielleicht nie Groll oder Zorn wahrgenommen hat, fällt dabei nicht ins Gewicht. Unser Geist hat seine eigene Gedankenwelt; er hat Wünsche, die sich in Zorn verwandeln, wenn ihre Erfüllung vereitelt wird. Diesem inneren Geist dienen wir, wenn wir den Erwachsenen bitten zu sagen: „Mama und Papa, ich vergebe euch, dass ihr mich zu wenig im Arm gehalten habt.“ Wenn die verletzte Person diese Worte der Vergebung ausgesprochen hat, sollten wir daraufhin aussprechen, dass ihr die Sünde, ihre Eltern nicht geehrt zu haben, vergeben ist. Dass die Person ihrem äußerlichen Verhalten nach zu schließen ihre Eltern nach Kräften geehrt hat, tut dabei nichts zur Sache. Der Herr macht uns für die Sünden des Herzens verantwortlich: „Denn der Herr sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, aber der Herr sieht auf das Herz.“ (1 Sam 16,7b) „Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken: Mord, Ehebruch, Unzucht, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen.“ (Mt 15,19)

Zorn, der im Herzen gegen die Eltern gehegt wird, kann so sehr kontrolliert, unterdrückt, verdrängt und von Liebe und Loyalität überlagert sein, dass man glaubt, er sei gar nicht vorhanden; doch genau dieser Zorn kann höchst irritierende „Explosionen“ in anderen Lebensbereichen auslösen – gegen den Partner, die Kinder, Freunde, Arbeitgeber, Pastoren etc. Nachdem Vergebung ausgesprochen wurde, müssen wir dafür beten, dass der verwundete und verhungerte Geist von unserem Herrn geheilt und genährt werden möge. Schließlich finden wir noch Nahrung, wenn wir selbst unsere eigene Person schätzen. Damit sprechen wir uns nicht für den Narzissmus aus. Vielmehr stoßen wir hier auf einen weiteren wahren Merksatz: Wenn wir dem obersten Gebot, unseren Nächsten wie uns selbst zu lieben, ungehorsam sind und uns nicht wirklich so lieben können, wie wir sind, wird unser Geist so ausgezehrt und leer, dass wir Mittel und Wege finden, uns durch Stolz, Prahlerei und eine falsche Art von Liebe aufzublasen, um das Vakuum in uns zu füllen. Jeder, der sich selbst so liebt, wie er


36 / Heilung des verwundeten Geistes sollte, braucht sich vor Stolz oder Selbstsucht nicht zu fürchten. Wahre Selbstliebe wird überfließen und so natürlich zu anderen strömen, wie sich ein Bach zu einem kleinen Teich aufstaut, über die Ufer tritt und sich verströmt, um den Boden zu segnen. Unsere Liebe zu uns selbst ist nur dann falsch, wenn wir uns selbst nicht richtig lieben. Wahre Selbstliebe zeigt sich am unmittelbarsten darin, wie wir über unseren Körper denken. Wir dürfen unseren Körper nicht länger verfluchen und beschimpfen. „Was bin ich nur für eine fette Schlampe!“ „Ich bin doch ein Trottel! Ich stolpere ja sogar dort, wo überhaupt nichts ist!“ „Wenn er nicht angewachsen wäre, würde ich sogar meinen eigenen Kopf vergessen!“ „Ich hasse es, wie ich aussehe!“ Unser Geist zeigt sich in und durch jeden Teil unseres Körpers und fasst jede Beschimpfung als Verletzung und Ablehnung auf. Wenn wir für unseren Körper dankbar sind und dieser Dankbarkeit Ausdruck verleihen, wird unser Geist gesegnet und gekräftigt. Hingabe an Gott, Bibellese, liebevolle Beziehungen und Dienst am anderen – alles, worin wir unserem Herrn nacheifern – segnet Körper und Geist, denn so leben wir im Fluss seines Heiligen Geistes, wie er es vorgesehen hat. Stellen Sie sich einen Mann vor, der sich mit versengten Füßen kilometerweit durch eine glühende Wüste schleppt; er dürstet nach Wasser, doch er kann keines finden, obwohl sich parallel zu seinem Weg, keine fünf Meter entfernt, ein Grünstreifen entlang eines Flusses erstreckt. Das ist eine exakte Beschreibung des Zustands unseres Geistes, wenn wir abseits von Christus und seinem Weg gehen. Unser Geist wurde nicht dafür geschaffen, abseits von unserem Herrn zu wandeln. Wenn wir irgendeinen anderen Weg gehen als den, für den Gott uns geschaffen hat, zwingen wir unseren Geist, in fremden und finsteren Gegenden zu verhungern. Das genügt. Es genügt zu erkennen, dass unser Geist kein formloses, diffuses Etwas irgendwo in uns ist. Unser Geist durchflutet jede Zelle unseres Seins und geht darüber hinaus. Er braucht seine eigene Nahrung. Das wichtigste Ziel dieses Kapitels war es, uns wachzurütteln und uns die einfache Tatsache vor Augen zu führen, dass unser Geist nicht nur seine eigenen speziellen Funktionen hat, sondern dass wir ihm auch täglich Nahrung geben müssen, und zwar genauso praxisnah und diszipliniert, wie wir auch unserem Körper Nahrung geben. 1 Afro-amerikanisches Spiritual „There is a Balm in Gilead“. Public Domain. 2 Michael D. Marlowe, Ancient Heretical Literature, http://www.bible-researcher.com/ canon7/.html, und Orthodoxy vs. Heresy – Story and Theory, http://www4.wittenberg. edu/academics/phil/Reed


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