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Demos Shakarian Die glĂźcklichsten Menschen auf Erden


Demos Shakarian

mit John und Elizabeth Sherrill

Die glücklichsten Menschen auf Erden Die faszinierende Lebensgeschichte des Gründers von „Christen im Beruf“


© Copyright 1975 by Demos Shakarian und Elizabeth Sherrill. All rights reserved. © Copyright der deutschen Ausgabe 2010 by Asaph-Verlag 24. Auflage 2015 Titel der amerikanischen Originalausgabe: Happiest People On Earth Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf Satz/DTP: Jens Wirth Druck: cpibooks Printed in the EU ISBN 978-3-940188-24-3 Bestellnummer 147424

Anfragen zur Arbeit von „Christen im Beruf“ richten Sie bitte an: FGBMFI Deutschland • Christen im Beruf • Scharfstr. 1 • D-94469 Deggendorf office@christenimberuf.de • www.christenimberuf.de

Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: Asaph, Postfach 2889 • D-58478 Lüdenscheid asaph@asaph.de – www.asaph.de


Inhalt Vorwort

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Kapitel 1 Die geheimnisvolle Botschaft.................................. 10 Kapitel 2 Rose.......................................................................... 31 Kapitel 3 Die Zeitbombe......................................................... 51 Kapitel 4 Der Mann, der seine Meinung änderte.................... 65 Kapitel 5 Näher zu Gott........................................................... 78 Kapitel 6 Das Hollywood-Stadion.......................................... 95 Kapitel 7 Die Prüfungszeit.................................................... 108 Kapitel 8 Clifton’s Cafeteria.................................................. 127 Kapitel 9 Der Fuß auf dem Tisch.......................................... 149 Kapitel 10 Flutlicht und Voodoo-Zauber................................. 165 Kapitel 11 Die goldene Gebetskette........................................ 176


Vorwort Es war ein grauer Dezembertag des Jahres 1960, als wir mit unserem Kombi in die vorletzte Parklücke vor dem „President Hotel“ fuhren. Sekunden später schob sich ein etwas schäbig aussehender Cadillac mit kalifornischem Nummernschild auf den Platz neben uns, und heraus kletterte ein großer Mann mit einem breitkrempigen Hut. Er streckte uns seine riesige, von harter Arbeit gezeichnete Hand entgegen. „Ich heiße Demos Shakarian“, stellte er sich vor. Dann ging er zur anderen Seite des Wagens und half einer hübschen, dunkelhaarigen Dame auszusteigen. „Und dies ist Rose, meine Frau.“ Wir erklärten den beiden, dass wir Reporter des „Guideposts“Nachrichtenmagazins seien und den Auftrag hätten, das Sprechen in Zungen zu untersuchen. „Eigentlich aber“, ergänzten wir schnell, „sind wir nur gekommen, um uns etwas umzusehen.“ Das taten wir dann auch gründlich. In jener Woche nämlich fand im „President Hotel“ das Regional-Treffen einer Organisation statt, die sich „Geschäftsleute des Vollen Evangeliums“ nennt und deren Begründer und Vorsitzender Demos Shakarian ist. Von der gesamten Ostküste waren Tausende nach Atlantic City gekommen, einige, um diesem braungebrannten Mann mit Cowboyhut zu begegnen, andere, um Erlebnisse darüber auszutauschen, was der Heilige Geist in ihrem Leben bewirkt hatte, und wieder andere, so wie wir auch, um sich die Sache einmal anzusehen: ein bisschen ängstlich und vor allem ziemlich skeptisch.

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„Achtet besonders auf Gefühlsausbrüche“, so warnten wir einander, „und auf Schreien, auf Armgefuchtel und aufgepeitschte Erlebnisberichte.“ Wir hatten eben Sorge, dass wir diese altbekannten Methoden, mit der man eine große Menge in Erregungszustand bringen kann, wieder einmal erleben würden. Wir waren also gespannt … aber nichts dergleichen geschah. Von der Stirnseite des Hotel-Festsaals aus dirigierte Demos den Ablauf der Versammlungen mit dem feinen Empfinden eines Mannes, der auf eine Stimme hörte, die wir nicht vernehmen konnten. Statt des von uns erwarteten Chaos beherrschte eine zurückhaltende, aber aufrichtige Freude die Tagung. Da wir uns gegen Angriffe gewappnet hatten, die gar nicht erfolgten, wurden wir umso mehr von der Liebe überrascht, die uns entgegengebracht wurde; während dieser Woche begannen wir dann auch, zusammen mit Hunderten von anderen Menschen, unseren eigenen Weg im Heiligen Geist zu gehen. Seit jenem Dezember sind fünfzehn Jahre vergangen, in denen wir der Pfingstbewegung in vielen Teilen der Welt nachgegangen sind, der Bewegung, in der wir lebendige Erfahrungen fanden, veränderte Leben, Realitäten, die die Gemeinden heute brauchen. Was uns auffiel, war aber auch noch etwas anderes: Überall, wo wir zu Menschen mit lebendigem Glauben sprachen – Männern, Frauen, Kindern oder Älteren, Katholiken oder Mennoniten –, jedes Mal begann ihre Geschichte mit dieser besonderen Gruppe von Geschäftsleuten und dem Milchwirtschaftsfarmer aus Downey in Kalifornien, Demos Shakarian mit Namen. Wie konnte es möglich sein, fragten wir uns, dass dieser zurückhaltende, gar nicht sprachgewandte Mann mit dem unaufdringlichen Lächeln, der es nie eilig zu haben schien, der heute kaum wusste, wo er morgen sein würde, bei Millionen von Menschen einen derartigen Eindruck hinterließ? So entschlossen wir uns, ihn selbst danach zu fragen. Das war allerdings leichter gesagt als getan. Demos hielt sich vielleicht gerade in Boston auf oder in Bangkok oder Berlin, und seine Post blieb unbeantwortet. Trotzdem brachten wir in den letzten vier Jahren eine Reihe von Zusammenkünften zustande. Demos

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und Rose kamen in den Osten der Staaten, um uns zu besuchen, später trafen wir uns im Chalet eines Freundes in der Schweiz. Wir arbeiteten in Monaco zusammen und in Palm Springs. Wir sprachen in Autos, auf Flugplätzen und in armenischen Restaurants. Die beste Zeit mit Demos und Rose aber verbrachten wir in ihrem Heim in Downey, demselben kleinen Haus, das sie sich 1934 nach der Geburt ihres ersten Kindes gebaut hatten. Das Haus von Demos’ Vater steht nebenan, leer seit des Vaters Tod. Der Bau ist weitaus stattlicher und bietet mehr Platz, aber mit dem kleineren Haus verbindet Demos und Rose eben doch manche Erinnerung. Mit der Zeit begannen wir, Demos’ Geheimnis zu begreifen. Einen Teil davon hatte seine Familie aus Armenien mitgebracht. Diese älteste christliche Nation musste am meisten für ihren Glauben leiden, aber aus dem Leiden erwuchs Erkenntnis. Diese Erkenntnis ist nun aber nicht an eine Rasse oder Nation gebunden. Sie birgt vielmehr ein Geheimnis, das jeder von uns kennen sollte, denn – so sagt Demos – wenn wir es erfassen, „werden wir, ganz gleich in welchem Zustand die Welt um uns ist, die glücklichsten Menschen auf Erden sein“. November 1975 John und Elizabeth Sherrill Lincoln, Virginia

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Kapitel 1

Die geheimnisvolle Botschaft Vor einiger Zeit, als Rose und ich abends durch Los Angeles nach Hause fuhren, bekam ich plötzlich das Verlangen, von der Hauptstraße abzubiegen und an dem Haus vorbeizufahren, in das Großvater Demos gleich nach seiner Ankunft in Amerika eingezogen war. Nach zweiundvierzigjähriger Ehe hatte sich Rose an solch plötzliche Impulse gewöhnt, und obwohl es ein Uhr früh war, sagte sie kein Wort, als ich in das Gebiet hineinfuhr, das allgemein als die „Los Angeles Flats“ bekannt war. Aber das quadratische Stuckhaus in der Boston Street Nr. 919 stand nicht mehr. Wir hielten an und betrachteten einen Augenblick lang still vom Auto aus die Hausbauten des Regierungsprogramms, die statt der alten Gebäude errichtet worden waren. Dann wendete ich den Wagen und fuhr zurück in Richtung Hauptstraße. Doch die Erinnerungen an meinen Großvater ließen mich in dieser warmen kalifornischen Sommernacht nicht mehr los. Jetzt wusste ich auch, warum ich den Umweg hatte machen müssen: wegen einer Prophetie nämlich, die Rose und ich kurz vorher in einer Versammlung der „Geschäftsleute des Vollen Evangeliums“ in Beverly Hills gehört hatten. Jemand hatte dort die Voraussage gemacht, dass schon sehr bald in vielen Teilen der Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika, eine große Christenverfolgung losbrechen werde. Er hatte sich darauf berufen, Gottes eigene Worte auszusprechen.

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Was sollten wir von einer solchen Aussage halten? Wie hatte meine Familie vor einem Jahrhundert auf eine ähnliche Botschaft reagiert? Damals hatte es eine solche Prophetie auch gegeben, und alles, was sich danach im Leben meines Großvaters, meines Vaters und auch in meinem Leben ereignet hatte, war geschehen, weil man diese Aussage ernst genommen hatte. Es war zwei Uhr morgens, als wir in Downey ankamen und ich den Wagen in der Einfahrt zu unserem Haus abstellte. Der Mond schien und die Nacht war wieder einmal viel zu schade, um schon schlafen zu gehen. Ich bin ein Nachtmensch – ein Umstand, über den Rose nicht gerade glücklich ist. So ging sie auch diesmal allein zur Ruhe, während ich den alten Wohnzimmersessel dicht an das Fenster rückte, das Licht löschte und meine Gedanken in der Dunkelheit zurückwandern ließ in die Vergangenheit. Ich hatte meinen Großvater nie kennengelernt, er starb, bevor ich geboren wurde, aber die Geschichten über ihn hatte ich wohl mehr als tausend Mal gehört. Ich kannte alle Einzelheiten so gut, dass ich eine andere Landschaft vor meinen Augen sah; eine Landschaft, die unfassbar fern und längst vergangen war, aber als ich so am Fenster saß und auf die Orangenbäume im silbernen Mondlicht blickte, schien sie mir so vertraut, als wäre ich in ihr aufgewachsen. So eine Vorstellung fällt einem Armenier nicht schwer: Wir sind Menschen des Alten Testaments; Vergangenheit und Gegenwart sind in unseren Gedanken oft so verwoben, dass Dinge, die sich vor hundert, tausend oder gar zweitausend Jahren ereigneten, für uns real sind wie das heutige Kalenderdatum. So oft hatte ich über das kleine Dorf Kara Kala erzählen gehört, dass ich es vor mir sah, fest eingefügt in die felsigen Ausläufer des Berges Ararat, des Berges also, auf dem die Arche Noah auf Land setzte, wie die Bibel sagt. Wenn ich meine Augen schloss, sah ich die Steingebäude, die Schuppen und Scheunen und das Wohnhaus meines Großvaters Demos, das nur aus einem einzigen Raum bestand. Hier, in diesem Haus, hatte meine Großmutter fünf Töchter geboren, aber keinen Sohn, und das galt als Schande unter den Armeniern, so wie es auch eine Schande unter den alten Israeliten gewesen war.

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Ich konnte mir Großvater gut vorstellen, wie er jeden Sonntag mit seinen kleinen Mädchen zur Hauskirche ging. Obwohl die meisten Armenier Orthodoxe sind, waren Großvater und manche andere in Kara Kala Presbyterianer. Ich konnte ihn durch das Dorf marschieren sehen zu dem Haus, in dem der Gottesdienst gehalten wurde, nicht gebückt und zaghaft, sondern aufrecht und mutig, unbeeindruckt von den schweigenden Vorwürfen und Fragen. Eigentlich kann ich es mir nicht erklären, dass Großvater in seiner großen Not nicht sofort die merkwürdige Botschaft angenommen hatte, die immerhin fünfzig Jahre brauchte, um ihren Weg über die großen Berge in jenes einsame Gebiet zu finden. Die Russen hatten die Botschaft mitgebracht, und obwohl Großvater die Russen mochte, dachte er doch zu nüchtern, um ihnen ihre Erzählungen über Wunder zu glauben. Sie waren damals in Planwagen gekommen und zogen in langen Karawanen in das kleine Dorf ein. Gekleidet waren sie wie unsere Leute auch: Die langen, hochkragigen Gewänder hielten sie an der Hüfte mit Schnüren und Quasten zusammen. Die verheirateten Männer waren außerdem an ihren Vollbärten zu erkennen. Auch Verständigungsschwierigkeiten gab es keine, da die meisten unserer Leute auch Russisch sprachen. So hörten die Armenier den Erzählungen zu über das, was die Russen das „Ausgießen des Heiligen Geistes“ über Hunderttausende von russisch-orthodoxen Christen nannten. Die Russen kamen als Freunde, die Geschenke brachten: die Gaben des Geistes, die sie mit uns teilen wollten. Mir war, als hörte ich die Worte, wenn Großvater und Großmutter nach einem solchen Besuch bis tief in die Nacht miteinander sprachen. „Man muss doch aber zugeben“, so würde Großvater gesagt haben, „dass alles, worüber die Russen reden, biblisch fundiert ist. Ich meine, Heilungen stehen in der Bibel. Auch das Sprechen in Zungen und Prophetie finden wir da; das Problem ist nur, dass die ganze Sache … nicht armenisch klingt!“ Damit meinte er: glaubwürdig, „mit den Füßen auf der Erde“, praktisch. Und Großmutter, mit ihrem immer schweren Herzen, könnte geantwortet haben: „Weißt du, wenn du über Prophetie und Heilungen sprichst, dann meinst du eigentlich doch Wunder, oder?“

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„Ja, da hast du recht.“ „Wenn wir jemals ‚den Heiligen Geist erhalten‘ sollten, so, wie die Russen es sagen, hieße das dann auch, dass wir um ein Wunder bitten könnten?“ „Du meinst doch wohl nicht, dass wir doch noch einen Sohn bekommen?“ Dann wird Großmutter wohl angefangen haben zu weinen. Und ich weiß es auch tatsächlich, dass Großmutter an einem sonnigen Morgen im Mai 1891 weinte. Das war eine seltsame Geschichte. Während der zurückliegenden Jahre hatten mehrere Familien in Kara Kala angefangen, der Botschaft der russischen Pfingstler zu glauben. Auch Großvaters Schwager, Magardich Mushegan, hatte sich überzeugen lassen. Er bekam die Taufe im Heiligen Geist und erzählte dann bei seinen häufigen Besuchen auf dem Shakarian-Hof von der neuen Freude in seinem Leben. An diesem besonderen Tag, dem 25. Mai 1891, nähten Großmutter und mehrere andere Frauen in einer Ecke des einzigen Raumes, aus dem das Bauernhaus bestand. Das heißt, Großmutter versuchte zu nähen, aber die Tränen hinderten sie, die über ihre Wangen liefen und den Stoff benetzten. Auf der Fensterseite des Zimmers, wo das Licht besser war, saß Magardich Mushegan mit seiner geöffneten Bibel auf den Knien und las. Plötzlich klappte Magardich die Bibel zu, stand auf und ging durch das Zimmer. Als er vor Großmutter stehen blieb, bewegte sich sein schwerer, schwarzer Bart vor Aufregung auf und ab. „Goolisar“, sagte Magardich, „eben hat der Herr zu mir gesprochen!“ Großmutter richtete sich auf und sah ihn erstaunt an: „Wirklich, Magardich?“ „Er hat mir eine Botschaft für dich gegeben“, sagte Magardich, „Goolisar, genau heute in einem Jahr wirst du einen Sohn bekommen.“ Als Großvater später vom Feld zurückkam, erwartete ihn Großmutter schon und erzählte ihm von der wunderbaren Prophetie. Obwohl Großvater sich freute und es wohl auch glauben wollte, war er doch noch sehr skeptisch und enthielt sich lieber einer Meinung.

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Er lächelte nur und zuckte mit den Achseln – dann aber ging er zum Kalender und umrahmte das Datum mit dicker, schwarzer Tinte. Drei Monate gingen ins Land, und es stand fest, dass Großmutter wieder schwanger war. Jedermann in Kara Kala wusste zu diesem Zeitpunkt von der Prophetie, und das ganze Dorf war gespannt, wie es wohl ausgehen würde. Dann, am 25. Mai 1892, genau ein Jahr nach der Prophezeiung, brachte Großmutter ein Baby zur Welt – einen Jungen. Es war das erste Mal, dass unsere Familie dem Heiligen Geist in dieser persönlichen Weise begegnet war. Alle in Kara Kala waren sich einig, dass der kleine Erdenbürger genau den richtigen Namen bekommen hatte: Er hieß Isaac, denn er war, genauso wie der lang ersehnte Sohn Abrahams, das versprochene Kind. Ich bin sicher, dass Großvater nun ein stolzer und glücklicher Mann war, als er seine Familie am Sonntag nach Isaacs Geburt zur Kirche führte. Aber doch hatte er, wie alle Armenier, eine sehr „sture Ader“. Er hielt sich für zu nüchtern im Denken, um ohne Einschränkung zu akzeptieren, dass er eine übernatürliche Weissagung erlebt hatte, so wie sie in der Bibel vorkommen. Vielleicht war die Voraussage ja doch nicht mehr als ein glücklicher Zufall gewesen. Aber dann, innerhalb eines Tages, verschwanden Großvaters Zweifel ein für alle Mal. Im Jahr 1900, als Isaac acht und seine Schwester Hamas vier Jahre alt war, erreichte das Dorf die Nachricht, dass etwa hundert russische Christen in ihren Planwagen über die Berge herüberkamen. Das war wirklich ein Grund zur Freude, denn in Kara Kala war es Brauch, besuchenden Christen ein Fest auszurichten, sobald sie eingetroffen waren. Ungeachtet dessen, dass Großvater mit dem „vollen Evangelium“, das die Russen verkündeten, nicht ganz einverstanden war, betrachtete er diese Besuche doch als besondere, Gott gewidmete Zeiten und bestand darauf, dass das Willkommensfest auf dem großen Grundstück vor seinem Haus abgehalten wurde. Großvater war, das sollten wir nebenbei erwähnen, sehr stolz auf seinen schönen Viehbestand. Als die Nachricht eintraf, dass die

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Russen unterwegs seien, ging er auf die Koppel, um die Herde zu inspizieren. Dabei wollte er dann auch gleich den schönsten und fettesten Ochsen für das Festmahl aussuchen. Unglücklicherweise aber stellt sich bei der Besichtigung der Herde heraus, dass genau der fetteste Ochse einen Fehler hatte: Das Tier war nämlich auf einem Auge blind. Was sollte Großvater nun machen? Er kannte seine Bibel gut und wusste genau, dass er dem Herrn kein fehlerhaftes Tier als Opfer anbieten durfte. Hieß es nicht im 22. Kapitel des 3. Buches Mose, im 20. Vers: „… nichts, was einen Fehler hat, sollt ihr opfern, denn es würde euch nicht wohlgefällig machen“? Welch ein Dilemma! Kein anderes Tier der Herde war groß genug, um hundert Gäste zu sättigen. Großvater sah sich um, niemand beobachtete ihn. Wenn er nun den großen Ochsen schlachten würde und den fehlerhaften Kopf versteckte? Das schien die einzige Lösung, und genau das würde er auch tun. Er führte den halbblinden Ochsen in den Stall, schlachtete ihn eigenhändig und steckte den Kopf schnell in einen Sack, den er unter einem Haufen gedroschenen Weizens in einer dunklen Ecke verbarg. Großvater war gerade rechtzeitig fertig mit dem Anrichten, denn schon hörte er die Wagen der russischen Besucher nach Kara Kala hereinrumpeln. War das ein willkommener Anblick! Die Staubwolke, die schon von Weitem zu erkennen war, gab jetzt die wohlbekannte Karawane der Wagen frei, und jeder der Wagen wurde von vier schwitzenden Pferden gezogen. Neben dem Kutscher des ersten Gefährts saß, aufrecht und gebieterisch wie immer, der weißbärtige Patriarch, der Führer und Prophet der Gruppe. Großvater und der kleine Isaac liefen die Straße hinauf, um die Gäste zu begrüßen. In der ganzen Stadt waren die Festvorbereitungen im Gange, und schon bald röstete der große Ochse an einem Bratspieß über einer riesigen Schicht Holzkohle. Alle kamen an diesem Abend zusammen und setzten sich erwartungsvoll und hungrig an die langen Holztische. Bevor aber das Mahl beginnen konnte, musste die Speise gesegnet werden.

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Diese alten russischen Christen pflegten kein Gebet zu sprechen, nicht einmal eine Danksagung vor den Mahlzeiten, bevor sie nicht „die Salbung“, wie sie es nannten, empfangen hatten. Sie wollten vor dem Herrn warten, bis, so drückten sie es aus, „der Geist des Herrn auf sie gefallen war“. Sie behaupteten (was Großvater etwas belustigte), dass sie tatsächlich Gottes herabkommende Gegenwart spüren könnten. Und wenn dies dann geschah, hoben sie ihre Arme auf und tanzten vor Freude. So warteten die Russen also, wie sie es gewohnt waren, auch bei diesem Fest auf die Salbung mit dem Geist. Es dauerte nicht lange, und jeder der Anwesenden konnte es genau beobachten, da begann erst einer und dann ein weiterer auf seinem Platz zu tanzen. Alles schien seinen gewohnten Gang zu gehen; bald würde die Segnung der Speise erfolgen und das Fest könnte beginnen. Zu Großvaters Verblüffung hob der Patriarch plötzlich die Hand, aber nicht um zu segnen, sondern als Zeichen, dass alle mit dem Beten aufhören sollten. Nachdem er Großvater mit einem merkwürdig durchdringenden Blick angesehen hatte, verließ der weißhaarige, große Mann den Tisch, ohne noch ein Wort zu sagen. Großvaters Augen folgten jeder Bewegung des alten Mannes, als der Prophet mit langen Schritten über den Hof und in den Stall ging. Nach einem Moment erschien er wieder: In seiner Hand hielt er den Sack, den Großvater unter dem Weizenhaufen versteckt hatte. Großvater begann zu zittern. Wie konnte der Mann das herausbekommen haben? Niemand der Dorfbewohner hatte ihn gesehen, und die Russen hatten ja noch nicht einmal den Dorfeingang erreicht, als er den Kopf versteckt hatte. Der Patriarch stellte den verräterischen Sack vor Großvater ab und ließ das Sackleinen heruntergleiten, sodass jeder den Ochsenkopf mit dem milchigweißen Auge erkennen konnte. „Hast du nicht etwas zu bekennen, Bruder Demos?“, fragte der Russe. „Ja, das habe ich“, antwortete Großvater, immer noch zitternd. „Aber wie hast du es gewusst?“

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„Gott hat es mir gezeigt“, sagte der alte Mann einfach. „Du glaubst immer noch nicht, dass er zu seinen Leuten noch genauso spricht wie in der Vergangenheit. Darum gab der Geist mir dieses Wort der Erkenntnis aus einem besonderen Grund: Du und deine Familie sollen dadurch zum Glauben kommen. Du hast der Kraft des Geistes widerstanden, aber heute ist der Tag, an dem du nicht länger Widerstand leisten wirst.“ An jenem Abend bekannte Großvater vor seinen Nachbarn und Christen seinen Betrugsversuch. Während die Tränen ihm über die Wangen in den borstigen Bart liefen, bat er sie um Vergebung. „Zeige mir“, sagte er zum Propheten, „wie auch ich Gottes Geist empfangen kann.“ Großvater kniete nieder, und der alte Russe legte ihm seine von körperlicher Arbeit gezeichneten Hände auf den Kopf. Augen­ blicklich begann Großvater voller Freude in einer Sprache zu beten, die weder er noch einer der Anwesenden verstehen konnten. Die Russen nannten diese verzückte Ausdrucksart „Sprachen“ oder „Zungen“ und betrachteten sie als Zeichen dafür, dass der Heilige Geist im Sprecher gegenwärtig war. An diesem Abend erhielt auch Großmutter die „Taufe im Heiligen Geist“. Dies war der Beginn großer Veränderungen im Leben unserer Familie. Eine der ersten Änderungen betraf die Einstellung gegenüber dem berühmtesten Bürger in Kara Kala. Dieser Mann war in der ganzen Gegend als „der Prophetenjunge“ bekannt, obwohl er zur Zeit des Vorfalls mit dem Ochsenkopf schon achtundfünfzig Jahre alt war. Der wirkliche Name des Mannes war Efim Gerasemowitsch Klubniken. Er hatte eine bemerkenswerte Lebensgeschichte. Er war russischer Abstammung und seine Familie gehörte zu den ersten Pfingstlern, die über die Grenze gekommen waren, um sich in Kara Kala niederzulassen. Von frühester Jugend an hatte sich bei Efim die Gabe des Gebets gezeigt. Oft fastete er und betete „rund um die Uhr“. Jedermann in Kara Kala wusste, dass Efim mit elf Jahren die Stimme des Herrn gehört hatte; er sollte wieder eine seiner Gebetswachen halten. Dieses Mal hielt Efim sieben Tage und Nächte durch und bekam dabei eine Vision.

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Das allein war noch nichts Besonderes. Tatsächlich, so hatte Großvater immer wieder gebrummelt, würde ja wohl jeder, der so lange nicht gegessen und nicht geschlafen hat, anfangen Dinge zu sehen. Aber was Efim während dieser sieben Tage dann tun konnte, musste einfach auch den kritischen Großvater überzeugen. Efim konnte weder lesen noch schreiben. Als er jedoch in der kleinen Steinhütte in Kara Kala saß, sah er vor sich eine Vision von Landkarten und eine Botschaft in wunderschöner Handschrift – und schließlich bat er um Federhalter und Papier. Sieben Tage lang saß er dann an dem rohen Holztisch, der der Familie sonst als Esstisch diente, und schrieb eifrig Form und Gestalt der Buchstaben und Diagramme auf, die vor seinem Auge abliefen. Als er fertig war, wurde das Manuskript zu den Leuten im Dorf gebracht, die lesen konnten. Es stellte sich heraus, dass dieses analphabetische Kind eine Reihe von Anweisungen und Warnungen in russischen Schriftzügen aufgezeichnet hatte. In dem Text hieß es, dass zu einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft jeder Christ in Kara Kala in furchtbarer Gefahr schweben würde. Eine Zeit unaussprechlicher Tragik für das Gebiet wurde vorausgesagt, eine Zeit, in der Hunderttausende von Männern, Frauen und Kindern brutal ermordet werden würden. In der Warnung stand auch, dass jedermann in der Umgebung in ein Land jenseits des Ozeans fliehen sollte, und obwohl der Prophetenjunge nie ein Geografiebuch gesehen hatte, zeichnete er eine genaue Karte des Landes, in das die fliehenden Christen gehen müssten. Zum Erstaunen der Erwachsenen war das Wassergebiet, das so genau in der Zeichnung dargestellt war, nicht das benachbarte Schwarze Meer oder das Kaspische Meer, auch nicht das weiter gelegene Mittelmeer, sondern der unvorstellbar weit entfernte Atlantische Ozean! Darüber gab es keinen Zweifel, auch nicht über das Land auf der anderen Seite: Die Landkarte zeigte ganz deutlich an, dass die Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika gemeint war. Aber die Flüchtlinge sollten sich dort nicht niederlassen, fuhr die Weissagung fort; sie sollten weiterreisen, bis sie die Westküste des neuen Landes erreichten. Dort, so schrieb der Junge, würde

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Gott sie segnen und ihnen Wohlstand geben und ihren Samen zum Segen für die Nation setzen. Etwas später schrieb Efim auch eine zweite Weissagung nieder, aber alles, was die Leute darüber noch wussten, war, dass diese Weissagung eine noch spätere Zukunft betraf, in der die Menschen noch einmal fliehen sollten. Efim bat seine Eltern, die Prophetie in einem Umschlag zu versiegeln, und wiederholte die Weisungen, die er hierüber empfangen hatte. In seiner Vision war ihm gesagt worden, dass nur ein künftiger Prophet, den der Herr selbst für diese Aufgabe auswählen würde, den Umschlag öffnen dürfe und die Prophetie der Gemeinde verkündigen müsste. Jeder andere, der vor der Zeit den Umschlag öffnen werde, würde sterben. Natürlich lächelten viele Leute in Kara Kala über diese Schwärmereien eines kleinen Jungen. Sicherlich müsse es doch irgendeine Erklärung für die wunderartigen Niederschriften geben. Vielleicht hatte der Junge sich selbst heimlich Lesen und Schreiben beigebracht, nur um dem Dorf diesen dummen Streich zu spielen. Andere wiederum begannen, Efim „den Prophetenjungen“ zu nennen, und waren schnell von dem Wahrheitsgehalt der Botschaft überzeugt. Jedes Mal, wenn Nachrichten über neue politische Unruhen die stillen Berge um den Ararat erreichten, holten sie die vergilbten Blätter hervor, um sie erneut zu lesen. Die Unruhen zwischen den moslemischen Türken und den christlichen Armeniern schienen tatsächlich intensiver zu werden. Hatte nicht im August 1896, vier Jahre bevor Großvater den blinden Ochsen schlachtete, ein türkischer Mob über sechstausend Armenier in den Straßen Konstantinopels ermordet? Aber Konstantinopel lag weit weg und seit der Offenbarung der Prophetie waren Jahre vergangen. Es stimmte zwar, dass biblische Prophezeiungen Dutzende, ja Hunderte von Jahren vor dem betreffenden Ereignis gegeben wurden. Aber die meisten Menschen in Kara Kala, einschließlich Großvater, waren der Meinung, dass derartige echte prophetische Gaben mit Fertigstellung der Bibel aufgehört hatten. Aber dann, kurz nach der Jahrhundertwende, verkündete Efim, dass die Zeit für die Erfüllung der Worte, die er vor fast fünfzig Jah-

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ren niedergeschrieben, hatte, jetzt da sei. „Wir müssen nach Amerika fliehen“, sagte er, „alle, die hierbleiben, werden umkommen.“ Hier und dort packten die Familien der Pfingstler in Kara Kala ihre Habe zusammen und ließen den Besitz zurück, der ihnen durch undenklich viele Generationen vererbt worden war. Efim und seine Familie waren unter denen, die zuerst weggingen. Jede Familie von Pfingstlern, die Armenien verließ, wurde von den Zurückbleibenden verspottet. Die Skeptiker und Ungläubigen, darunter auch viele Christen, weigerten sich einfach zu glauben, dass Gott modernen Menschen in einem modernen Zeitalter ganz genaue Anweisungen geben könne. Aber Gottes Anweisungen erwiesen sich als richtig. Im Jahr 1914 begann eine Zeit unsagbaren Schreckens für Armenien. Mit unbarmherziger Effizienz betrieben die Türken das blutige Geschäft, zwei Drittel der armenischen Bevölkerung in die mesopotamische Wüste zu vertreiben. Über eine Million Männer, Frauen und Kinder starben während dieser Todesmärsche, einschließlich aller Bewohner von Kara Kala. Eine weitere halbe Million Menschen wurde in ihren Dörfern niedergemetzelt, in einer Verfolgung, die Hitler als Vorbild für die Vernichtung der Juden diente. „Die Welt schritt nicht ein, als die Türkei die Armenier ausrottete“, erinnerte er seine Gefolgsleute, „sie wird auch jetzt nicht eingreifen.“ Die wenigen Armenier, denen es gelang, den belagerten Gebieten zu entkommen, erzählten dann von großen Heldentaten. Sie berichteten, dass die Türken den Christen manchmal die Möglichkeit anboten, ihren Glauben zu verleugnen – taten sie es, konnten sie ihr Leben retten. Die am häufigsten dabei angewandte Methode war, eine Gruppe Christen in eine Scheune einzuschließen und diese dann anzuzünden. „Wenn ihr bereit seid, Mohammed zu akzeptieren und Jesus Christus zu verleugnen, öffnen wir die Türen“, riefen sie. Aber immer wieder wollten die Christen lieber sterben und sangen Lobeshymnen, während die Flammen an ihnen hochzüngelten. Diejenigen, die der Warnung des Prophetenjungen gefolgt waren und Zuflucht in Amerika gesucht hatten, hörten die Nachrichten mit Entsetzen.

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Großvater Demos war unter denen, die geflohen waren. Nach seiner Erfahrung mit dem russischen Patriarchen konnte auch Großvater die Richtigkeit der Prophetie nicht länger bestreiten. Im Jahre 1905 verkaufte er den Hof, der seit Generationen der Familie gehört hatte, und versuchte, den bestmöglichen Preis dafür zu erzielen. Dann suchte er das Hab und Gut aus, das die Familienmitglieder auf ihren Rücken tragen konnten. In seinem Bündel befand sich auch der schwere Messingsamowar, der mit Holzfeuerung betrieben wurde. Zusammen mit seiner Frau, seinen sechs Töchtern Shushan, Esther, Siroon, Magga, Yerchan und Hamas, und natürlich mit dem Stolz seines Lebens, dem dreizehnjährigen Isaac, machte er sich auf den Weg nach Amerika. Die Familie erreichte sicher New York, aber der Prophetie folgend, ließen sie sich dort nicht nieder. Gemäß der schriftlichen Anweisung zogen sie weiter über das weiträumige und verwirrend neue Land, bis sie nach Los Angeles kamen. Dort fanden sie zu ihrer großen Freude eine kleine, aber ständig wachsende armenische Gruppe, und in dieser Gruppe lebten sogar mehrere Freunde aus Kara Kala. Mithilfe dieser Freunde ging Großvater dann auf Wohnungssuche. „The Flats“ war der billigste Stadtteil von Los Angeles, aber trotzdem mussten sich drei Familien zusammentun, damit es möglich wurde, in das quadratische Stuckhaus in der Boston Street 919 einzuziehen. Die Schiffspassage, die Reise durch die Vereinigten Staaten und sein Anteil am neuen Heim hatten das gesamte Geld aufgebraucht, das der Verkauf des Familienhofes erbracht hatte; so musste sich Großvater sofort auf Arbeitssuche begeben. Aber alles blieb ohne Erfolg. Die große Wirtschaftsdepression des ausgehenden 19. Jahrhunderts war in Kalifornien noch spürbar. Es gab keine Arbeit, besonders nicht für einen Neuankömmling, der kein Wort der Landessprache kannte. Jeden Morgen ging Großvater früh zu den Arbeitsvermittlungsstellen, und jeden Abend kam er mit schwereren Schritten zurück als am Tag zuvor. Aber jede Woche gab es einen Lichtblick, durch den alle Sorgen ihre Wichtigkeit zu verlieren schienen: der sonntägliche Gottesdienst. Das Haus an der Boston Street hatte an der Vorderseite eine

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große „gute Stube“, die sehr schnell zum Versammlungsort der Gemeinde wurde. Der Gottesdienst wurde hier genauso abgehalten wie in den Hauskirchen im alten Kara Kala. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch, auf dem eine geöffnete Bibel lag. Rechts von diesem Tisch saßen die Männer, wobei die Sitzordnung sich nach dem Alter richtete: Die ältesten Männer saßen dem Tisch am nächsten, dahinter die Jüngeren und weiter ab die Knaben. Auf der linken Seite des Raumes saßen, so wie es immer gewesen war, die Frauen, auch in der Reihenfolge ihres Alters. Die Gemeindeältesten trugen weiterhin ihre schwarzen Vollbärte, obwohl gelegentlich schon einer der jüngeren Männer jedermann schockierte, weil er sich nur einen Schnurrbart wachsen ließ. Es wurde erwartet, dass die Männer zum Gottesdienst (wenn auch nicht während der Woche) ihre leuchtend bunten Gewänder trugen und die Frauen ihre langen, bestickten Kleider mit den gehäkelten Kopftüchern, deren Machart sich seit Generationen nicht verändert hatte. Welch ein großer Trost muss es für Großvater gewesen sein, durch diese Gemeinschaft von Christen geistlich gestützt zu werden! Sie hatten seit Langem gelernt, dass Gott direkt durch die Bibel zu ihnen sprechen konnte. Sicher hatte Großvater sich in seiner Herzensnot, Arbeit zu finden, oft auf die kleine Orientbrücke gekniet, die sie aus der Heimat mitgebracht hatten und die jetzt in dem Versammlungsraum lag. Dann hatte er um „ein Wort“ gebeten, und die ganze Gemeinde hatte begonnen, leise mitzubeten, oft in unbekannten, verzückten Sprachen, in „Zungenrede“. Einer der Ältesten stand dann auf, ging zur Bibel und legte seinen Finger blindlings auf eine Stelle der aufgeschlagenen Seite. Die Worte schienen immer genau auf die jeweilige Not ausgerichtet zu sein. Sie handelten vielleicht von der Treue des Herrn oder sprachen von den kommenden „Milch-und-Honig-Tagen“. Nun, die kleine armenische Gemeinde erwartete sehnsüchtig das Kommen dieser Tage, aber das lange Warten wurde durch diese wunderbaren Zeiten des Zusammenseins verkürzt. Eines Tages erlebten sie eine weitere Ermutigung. Großvater und sein Schwager Magardich Mushegan (derselbe Mann, der

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Isaacs Geburt vorhergesagt hatte) gingen gerade die San Pedro Street in Los Angeles entlang, um Arbeit in den Mietstallungen zu suchen. Als sie an einer Seitenstraße, der Azusa Street, vorbeikamen, hielten sie plötzlich an. Es war nicht der Geruch von Pferden und Zaumzeug, der ihnen entgegenwehte, nein, etwas anderes machte sie stutzig: Hörte es sich nicht so an, als ob hier irgendwo Menschen in neuen Zungen zu Gott beteten? Die beiden Männer konnten es bald nicht glauben, dass es auch in den Vereinigten Staaten Menschen geben sollte, die Gott so anbeteten, wie sie es selbst gewohnt waren. Sie eilten zu dem umgebauten Stall, aus dem die Klänge kamen, und klopften an die Tür. Mittlerweile hatte Großvater ein paar englische Worte gelernt. „Dürfen wir … rein?“, fragte er. „Natürlich!“ Die Tür schwang auf. Sie wurden umarmt, Hände wurden in Danksagung zu Gott erhoben, es wurde gesungen und der Herr gepriesen; so kehrten Großvater und Magardich mit der Neuigkeit in die Boston Street zurück, dass Pfingsten sogar in dieses ferne Land über dem Meer gekommen war. Niemand wusste damals, dass Azusa Street einmal ein berühmter Name werden sollte. In diesem alten Mietstall nahm nämlich eine Erweckung ihren Anfang, die in vielen Teilen der Welt für die charismatische Erneuerung wie ein zündender Funke wirken sollte. Aber in jenem Moment sah Großvater diese Gruppe von Gläubigen nur als eine willkommene Bestätigung der Verheißung Gottes, etwas Neues und Wunderbares in Kalifornien zu tun. Aber dieses Neue und Wunderbare sollte er dann nicht mehr erleben. Der lang ersehnte feste Arbeitsplatz wurde zu einer Tragik, die niemand recht wahrhaben wollte. Eines Tages im Jahre 1906 kam Großvater mit schwungvollem Schritt nach Hause. „Du hast Arbeit gefunden!“, sagte Großmutter. „Jawohl, habe ich!“ In wenigen Minuten stand die ganze Familie um Großvater herum, als der die große Neuigkeit erzählte. Oben in Nevada, einem Nachbarstaat Kaliforniens, stellte die Eisenbahn noch Arbeiter ein.

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Großmutter wurde blass. Sie hatte von Nevada gehört, einer Wüste, wo die Temperaturen auf fünfundvierzig Grad im Schatten kletterten und die Männer bei ihrer schweren Arbeit tot umfielen, weil sie die Hitze nicht ertragen konnten. „Aber du vergisst“, erwiderte Großvater, „dass ich Landwirt bin. Ich bin es doch gewohnt, draußen in der Sonne zu arbeiten. Außerdem, Goolisar, Mutter meines Sohnes, haben wir denn eine andere Wahl?“ So rief Großvater die Ältesten der Gemeinde zusammen und erbat von ihnen den traditionellen Segen vor dem Beginn der Reise. Die notwendigste Kleidung in eine Decke eingerollt, machte er sich schließlich auf den Weg in die Wüste. Bald darauf brachte der Briefträger wöchentlich eine Geldanweisung in das Haus in der Boston Street. Und dann, an einem Sommerabend, kam das Telegramm, das Großmutter immer befürchtet hatte. An einem glühend heißen Tag war Großvater zusammengebrochen, während er an einem Schienenstrang arbeitete. Die Leiche wurde mit der Eisenbahn zurücktransportiert. Großvaters Tod brachte meinen eigenen Vater, Isaac, in eine Stellung, der er noch nicht gewachsen sein konnte – mit vierzehn Jahren war er nun Oberhaupt der Familie. Seit Monaten schon hatte Vater an einer Straßenecke im Zentrum der Stadt Zeitungen verkauft. Er verdiente fast zehn Dollar im Monat, und das war, als Großvater noch lebte, ein wertvolles Zubrot. Jetzt aber reichte es kaum, um die Mutter und sechs Schwestern zu ernähren. Selbst so große Ereignisse wie das Erdbeben von San Francisco im Jahre 1906, als er sechs Bündel Extrablätter innerhalb einer Stunde verkaufte, halfen nicht viel mehr, als ein paar Viertelliter Milch zusätzlich auf den Tisch zu bringen. Vater wollte auch kein Geld annehmen, für das er nicht gearbeitet hatte. In diesen ersten Jahren nach der Jahrhundertwende waren noch Goldmünzen im Umlauf. Das Fünf-Dollar-Goldstück war etwa so groß wie das Fünf-Cent-Stück. Eines Tages legte ein eiliger Kunde eine Münze in die Hand meines Vaters, nahm drei Pennys Wechselgeld in Empfang und lief schnell weiter. Vater

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wollte die Münze gerade in seine blaue Zeitungsjungenschürze mit dem Aufdruck „Los Angeles Times“ gleiten lassen, da bemerkte er plötzlich, dass die vermeintlichen fünf Cents, die er in der Hand hielt, in Wirklichkeit fünf Dollar waren. „Mister“, schrie er. Aber der Kunde war schon einen Block weiter. Vater warf ein Gewicht auf seine Zeitungen und spurtete dem Mann nach. Eine Straßenbahn rasselte vorbei, und ohne lange zu überlegen, sprang Vater auf, zahlte das Fahrgeld aus seinem eigenen wertvollen Verdienst und folgte dem Mann. Als er ihn endlich, ein ganzes Stück weiter, auf der Strecke entdeckte, verließ Vater die Bahn und lief hinter dem Mann her. „Mister!“ Der Mann drehte sich um. „Mister, dies nicht fünf Cents!“, sagte Vater in seinem gebrochenen Englisch. Er streckte seine Hand aus und hielt dem Mann die in der Sonne blitzende Goldmünze entgegen. Ich muss oft an den Mann denken, der ohne das leiseste anerkennende Brummen sein Geld zurücknahm. Hätte er die hungrigen Gesichter sehen können, die jeden Abend vor der Tür der Boston Street 919 warteten, hätte er sicher gesagt, dass der Zeitungsjunge das Geld behalten dürfe. Die monatlichen zehn Dollar reichten einfach nicht für die Familie. Abends, nach der Arbeit, begann Vater bei der Arbeitsvermittlung seine Runden zu drehen, so wie es auch sein Vater schon getan hatte. Aber wenn sogar die Arbeit für Männer knapp war, dann gab es erst recht keine Arbeit für Jungen. Endlich hörte er, dass in einer Lederfabrik eine Stelle frei wäre. Der Lohn war zwar gering, fünfzehn Dollar im Monat, aber das war immerhin mehr, als er beim Zeitungsverkauf verdienen konnte; so nahm Vater die Arbeit an. Eines Tages, im Jahre 1908, als Vater sechzehn Jahre alt war, hatte die Großmutter eine Überraschung für ihn. „Isaac“, sagte sie, „ich habe wunderbare Neuigkeiten.“ „Die können wir brauchen“, antwortete Vater und hustete in sein Taschentuch. Der feine Staub in der Lederfabrik legte sich auf seine Lungen und verursachte einen dauernden Husten.

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„Ich habe eine Arbeit gefunden“, platzte Großmutter heraus. Aber Vater meinte, wohl nicht richtig gehört zu haben. „Keine armenische Frau arbeitete für Lohn! In der alten Heimat sorgten die Männer für die Familien“, erinnerte er Großmutter, während er sich in der Küche den Lederstaub aus den Haaren wusch. „Aber Isaac, kannst du denn nicht einsehen, dass diese Verantwortung dich nervlich fertigmacht? Du bist jetzt schon so dünn wie ein Fleischspieß im Kebab, und gestern habe ich gehört, wie du deine Schwester Hamas grundlos angeschrien hast!“ Vater errötete, aber er beharrte auf seinem Standpunkt. „Du wirst nicht anfangen zu arbeiten“, sagte er. „Das habe ich aber schon“, lächelte Großmutter. „Bei einer netten Familie im Hollenbeck-Park. Waschen, bügeln, so ein bisschen sauber machen.“ „Dann kann ich ja gehen und meine Sachen packen“, sagte Vater leise und verließ die Küche. Langsam ging er die Treppe zu seinem Zimmer hinauf, und Großmutter folgte ihm. Sie blieb in der Tür stehen, während er seine wenige Kleidung zu einem Bündel rollte. „Wenn du arbeitest, wirst du mich hier ja nicht mehr brauchen.“ Am folgenden Tag ließ Großmutter den Leuten vom Hollenbeck-Park ausrichten, dass sie wohl doch nicht kommen würde, um sich um die Wäsche zu kümmern. Aber durch die Arbeit in der Lederfabrik wurde Vaters Husten immer schlimmer. Auch als er im Jahr darauf Vormann wurde und nun nicht mehr nur die Dreckarbeit zu machen brauchte, wurde der Husten nicht besser. Großmutter hat mir oft erzählt, wie sie nachts wach lag und hörte, wie Vater sich mit seinen Hustenanfällen herumquälte. Als sie ihn endlich überreden konnte, einen Arzt aufzusuchen, konnte dieser nur bestätigen, was jeder in der Familie schon wusste: Entweder gab Vater die Arbeit in der Lederfabrik auf oder er würde nicht mehr lange zu leben haben. Nun stellte sich die Frage, wie er auf andere Weise den Unterhalt der Familie sichern könnte. Und mit dieser Frage wandte Vater sich dann, wie immer in Zeiten der Unsicherheiten, an die Gemeinde.

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Die armenischen Pfingstleute hielten ihre Gottesdienste nicht mehr in der Wohnstube des Hauses in der Boston Street. Nachdem die Männer hier und da Arbeit gefunden hatten, begannen sie gleich, ein Gemeindehaus zu bauen. Es war ein kleiner Holzbau in der Gless Street, vielleicht zweihundert Quadratmeter Grundfläche. Die Sitzmöglichkeiten bestanden aus Bänken ohne Lehnen; diese konnten dann sehr schnell an die Wände geschoben werden, wenn die Freude im Herrn die Gemeinde im Geist tanzen ließ. An der Stirnseite des Raumes, das muss auch noch erwähnt werden, stand der traditionelle Tisch. Ich kann mir gut vorstellen, wie Vater zum Tisch hinging, so wie es auch schon sein Vater bei vielen Gelegenheiten getan hatte. Dann kniete er sich auf den kleinen dunkelbraunen Teppich, während sich hinter ihm die Ältesten gruppierten. Unter ihnen war auch Magardich und Magardichs Sohn Aram Mushegan, der so kräftig gewesen sein soll, dass er einen Pferdewagen allein vom Boden hochstemmen und so lange in der Luft halten konnte, bis ein anderer ein Rad repariert hatte. Es war Aram, der seinen Finger dann auf eine Bibelstelle legte und schöne, aber auch merkwürdige Verse vorlas: Gesegnet wirst du sein in der Stadt, gesegnet auch auf dem Acker. Gesegnet wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Landes und die Frucht deines Viehs, die Früchte deiner Rinder und die Früchte deiner Schafe …

Land? Vater wunderte sich. Vieh? Aber die wundersamen Worte des 28. Kapitels im 5. Buch Mose gingen noch weiter: Der Herr wird dem Segen gebieten, dass er mit dir sei in deinem Keller und in allem, was du vornimmst, und wird dich segnen in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, gegeben hat.

Als er so zuhörte, erkannte Vater plötzlich, dass es nur eine Sache in der Welt gab, die er wirklich gern tun wollte, die Sache nämlich, über die er den ganzen Tag lang an den Schneidemaschinen nachdachte. Er wollte mit Kühen zu tun haben und mit frischen, grünen und wachsenden Dingen, und vor allem wollte er draußen in der sauberen Luft arbeiten.

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Um aber Land zu kaufen, benötigte man viel Geld, und langsam macht Vater sich klar, dass dieser Gedanke doch gar nicht so einfach auszuführen sein würde. Doch die Verheißung der Schrift ließ ihn nicht mehr los, und so tat er mutig einen ganz entscheidenden Schritt. Er kündigte in der Lederfabrik und war zwei Wochen später ohne Arbeit. Fast gleichzeitig macht er eine Entdeckung. Die Früchte und Gemüsesorten, die in den Geschäften der Stadt zu bekommen waren, lagen preislich für viele Familien einfach zu hoch und waren dazu oft noch klein und unansehnlich; so, als wären sie zu früh gepflückt worden. Ließe sich nicht vielleicht daraus etwas machen, überlegte er, wenn er wirklich frische Ware vom Land hereinbringen und von Haus zu Haus verkaufen würde? So baute Vater dann seinen Handel auf. Südlich und östlich von Los Angeles gab es Gebiete mit kleinen Bauernhöfen, oft im Besitz von Armeniern, auf denen die erlesensten Früchte und Gemüsesorten angebaut wurden. Vater nahm das wenige Geld, das er Monat für Monat für die Aussteuer der Schwestern zurückgelegt hatte, und tätigte damit zwei Käufe: einen Flachwagen und dazu ein zweijähriges, rostbraunes Pferd, das Jack hieß. Am nächsten Tag fuhr Vater mit Jack und seinem Wagen hinaus zu dem kleinen Eisenbahnknotenpunkt Downey, der in jenen Tagen noch kein Vorort der Stadt war, sondern eine fünfzehn Meilen entfernte Kleinstadt. Die Fahrt dauerte fast drei Stunden, aber Vater wurde die Zeit keine einzige Minute zu lang. Die saubere, frische Luft durchflutete und heilte seine angegriffenen Lungen, und in seiner Vorstellung begann ein Traum zu wachsen: Eines Tages würde er Landwirt sein. Er würde sogar Kühe besitzen und eine Milchwirtschaft; der beste Milchhändler des Landes wollte er werden. Aber erst einmal gab es viel Arbeit, die getan werden musste. An jenem Tag ging Vater in Downey von Hof zu Hof, kaufte hier Salat, dort Orangen und Grapefruits und auch Karotten – alles, was in der Jahreszeit gerade geerntet werden konnte. Dann fuhr er zurück nach Los Angeles, und der Wagen war voll beladen mit erstklassiger Ware. Während Jack mit Hufgeklirre und Schnauben durch die Straßen zog, rief Vater seine Waren aus:

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„Reife Erdbeeren! Süße Orangen! Frischer Spinat!“ Seine Ware war gut, die Preise angemessen, und als er das nächste Mal kam, stellte er zu seiner Verwunderung fest, dass die Hausfrauen schon auf ihn warteten. Ein weiteres Jahr verging. Vater war inzwischen neunzehn Jahre alt geworden und ließ sich einen flotten Schnurrbart wachsen. Das Geld für die Aussteuer seiner Schwestern hatte er erstattet und sogar noch etwas dazugelegt. Jetzt, da seine Gesundheit wiederhergestellt war und das Geschäft lief, war Vater der Meinung, dass die Zeit gekommen sei, an die Gründung einer eigenen Familie zu denken. Natürlich hatte er sich auch schon das Mädchen ausgesucht, das er gern zu seiner Frau machen wollte: eine Fünfzehnjährige, dunkeläugig und schwarzhaarig, mit Namen Zarouhi Yessayian. Nicht, dass er Zarouhi persönlich gekannt hätte – nach armenischem Brauch durften Jungen und Mädchen nicht miteinander sprechen, bis ihre Familien die Hochzeit der beiden beschlossen hatten. Vater wusste nur, dass ihm jedes Mal, wenn er am Haus der Yessayians an der Ecke der Gless Street vorbeikam, das Herz bis zum Halse schlug. Da sein leiblicher Vater nicht mehr lebte, musste ein Ältester der Gemeinde in aller Form um Zarouhis Hand bitten. Dieser Älteste erklärte der Yessayian-Familie die Absichten und Pläne Vaters dann so: Sobald er, Vater, genug Geld für eine Anzahlung zusammen hatte, wollte er nach Verkauf seines Geschäfts Weideland kaufen. Danach, so die Prognose des Bräutigams in spe, seien ihm lediglich noch durch den kalifornischen Horizont Grenzen gesetzt. So heiratete Vater dann, und bald waren er und meine Mutter in der Lage, zehn Morgen Land zu kaufen: Getreidefelder, Eukalyptusbäume und Weideland – alles im Herzen von Downey. Aber die Krönung dieser neuen Existenz war der Kauf von drei Milchkühen. Mit eigenen Händen bauten er und Mutter dann ein kleines Haus aus unbearbeiteten Planken. Mutter sagte immer, dass dieses Haus sehr leicht zu pflegen gewesen sei. Die 12-zolligen Dielenbretter waren so lose verlegt, dass das Scheuerwasser einfach durch die Spalten in den Erdboden laufen konnte. ◊◊◊

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Als ich so in Erinnerungen versunken in dem alten Wohnzimmersessel vor mich hinträumte, bemerkte ich auf einmal, dass der Himmel sich hinter den Orangenbäumen schon leicht färbte. Aber meine Gedanken hielten noch ein wenig an der Vergangenheit fest. Am 21. Juli 1913, noch bevor Vater und Mutter ihr kleines Haus in Downey fertiggestellt hatten, wurde ihr erstes Kind geboren. Anders als bei Großvater, der so lange auf einen Sohn warten musste, war das erste Baby meiner Eltern ein Junge. Sie nannten mich Demos. Im Messing des Samowar, den Großvater auf seinem Rücken aus Kara Kala mitgebracht hatte und der jetzt auf dem Tisch neben mir stand, fing sich das Morgenlicht. Ich drehte mich um und sah, wie seine blankgeputzten Seitenwände in der Dämmerung golden schimmerten. Und dann überlegte ich noch, ob meine Eltern, als sie mich nach meinem Großvater benannten, sich wohl vorstellen konnten, welch eine geheimnisvolle und bedeutende Rolle die Prophetie auch in meinem Leben spielen sollte.

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