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Bilquis Sheikh Allah – mein Vater?

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Allah – mein Vater?

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Bilquis Sheikh Richard H. Schneider

Allah – mein Vater? Mein Weg vom Koran zur Bibel

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Allah – mein Vater?

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel I Dared To Call Him Father bei Chosen, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, USA. Copyright © 1978, 2003 by Bilquis Sheikh Alle Rechte, auch des auszugsweisen Ab- und Nachdrucks, bleiben vorbehalten. Aus dem Englischen übertragen von Eva Heumann und Detlev Simon (Kapitel 14 und Ergänzungskapitel) 16. Auflage 2009 (1. Aufl. im ASAPH Verlag) © 2009 ASAPH Verlag ISBN 978-3-940188-16-8 Best.-Nr. 147416 Titelgestaltung: joussenkarliczek, D-Schorndorf Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in the EC Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an Büchern, Musik usw. finden Sie unter www.asaph.net oder Sie wenden sich an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid, E-Mail: asaph@asaph.net

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Meinem Enkel Mahmud gewidmet, meinem kleinen Gebetspartner, der mir in vielen einsamen Stunden eine Quelle der Freude und des Trostes war

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Allah – mein Vater?

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ef Inhalt Vorwort.................................................................................................9 1. Etwas macht mir Angst..................................................................11 2. Das fremde Buch............................................................................23 3. Die Träume.....................................................................................31 4. Die Begegnung...............................................................................37 5. Die Wegkreuzung...........................................................................51 6. Wie ich Seine Nähe suchen lernte..................................................59 7. Die Taufe mit Feuer und Wasser....................................................69 8. War Bewahrung mit im Spiel?.......................................................79 9. Der Boykott....................................................................................93 10. In der Gegenwart Gottes leben................................................. 105 11. Der Wind dreht sich................................................................... 125 12. Zeit der Aussaat......................................................................... 133 13. Sturmwarnung........................................................................... 145 14. Flucht......................................................................................... 163 Nach dem Buch............................................................................... 175 Erinnerungen an die Blumendame (Synnøve Mitchell)................. 177 Durch den Osten bereichert (Synnøve Mitchell)............................ 191

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Allah – mein Vater?

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ef Vorwort Ein eigenartiges Buch! Eine gebildete pakistanische Frau aus höchsten Kreisen des Landes schreibt über die Umstände ihrer Bekehrung und die sich daraus ergebende Nachfolge Christi. An der Seite ihres Mannes, der als Diplomat sein Land in England und Frankreich vertrat, hatte Bilquis Sheikh die westliche Welt kennengelernt. Auf verschiedenen Partys war sie zwar mit Christen zusammengekommen, hatte jedoch von ihnen niemals ein klares Zeugnis von Jesus Christus vernommen. Nach ihrer Scheidung und Verstoßung war ihr Leben arm und einsam geworden. Sie zog sich auf das väterliche Anwesen in Wah zurück, einer kleinen Provinzstadt am Fuße des Himalaja. Vergeblich suchte sie im Islam Geborgenheit und Gewissheit. Sie sah keinen Sinn in Allahs Vorherbestimmung, dass sie künftig als Verstoßene ein einsames Leben führen sollte. So begann sie aufrichtig nach der Wahrheit zu suchen und fand schließlich in Christus ein neues, sinnerfülltes Leben. Die Wege, die Bilquis Sheikh zum Glauben an Jesus Christus führten, erscheinen uns westlichen Christen eigenartig und fremd. Wir würden eher eine vernunftgemäße Überzeugung aufgrund einer theologischen Diskussion oder eines Dialogs erwarten. Bilquis Sheikh dagegen hatte als Mensch des Ostens seltsame Erscheinungen, Visionen und Träume, die sie zum Glauben an Jesus Christus führten. Dabei haben diese Erscheinungen einen seelsorgerlichen Charakter, die sie zu echten Entscheidungen auf dem Grund

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Allah – mein Vater? der Bibel führen und vor Fehlentscheidungen bewahren. Das Leben in ständiger Gemeinschaft mit dem lebendigen und gegenwärtigen Herrn Christus bleibt ihr immer die entscheidende Frage. Wo die Gegenwart Jesu sich von ihr zurückzieht, da weiß Bilquis Sheikh, dass sie anders zu handeln hat. Man wird dabei an gewisse biblische Geschichten erinnert, die auch von Visionen, Träumen und Hinderungen des Geistes sprechen. Man denke an die Führungen Abrahams, Jakobs, Josephs, an die Weisen aus dem Morgenland, die ersten christlichen Zeugen wie Petrus, Paulus und Philippus u. a., deren Visionen in unserer westlichen Theologie kaum Beachtung finden. Und doch ist – biblisch gesehen – Glaube nicht nur eine Zustimmung und Einsicht zu einem Dogma, vielmehr eine Gewissheit der Nähe Gottes, ein Wagnis und Gehorsam in seinem Namen. „Glaube besteht darin, dass das gegenwärtige Leben durch Hoffnung auf Künftiges bestimmt ist, dass es sich dem unsichtbaren Wirken Gottes aussetzt und sich von ihm prägen lässt.“ So übersetzt Jörg Zink den Anfang des 11. Kapitels des Hebräerbriefes. Die in dem Buch der Begum Bilquis gegebenen Berichte über Führungen sind alles andere als Träumereien oder Traumdeutungen im üblichen Sinne. Begum Bilquis wehrt sich gegen jede vom eigenen Ich bestimmte Deutung. Vielmehr beruft sie sich auf das Wort Gottes, das ihr den Sinn der Visionen erschließt und ihr Kraft und Wegleitung gibt. Ihr ist bewusst, dass es auch dämonische Einflüsterungen gibt, denen man in der Wachheit des Geistes Jesu begegnen müsste. Das Buch erweist sich als Aufruf, mit der biblischen Wahrheit ernst zu machen und in der Nachfolge Jesu den Glauben zu bezeugen, ohne dabei das Kreuz zu verleugnen. Pfarrer W. Höpfner Gründer des Orientdienstes e. V.

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e1f Etwas macht mir Angst

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as seltsam beunruhigende Gefühl in mir wurde stärker, als ich langsam den Kiesweg in meinem Garten entlangschritt. Es dämmerte schon stark. Schwer hing der Duft der spät blühenden Narzissen in der Luft. Was machte mich nur so unruhig? Ich blieb stehen und sah mich um. In einiger Entfernung, jenseits der weiten Rasenfläche, sah ich in meinem Hause die Lichter aufleuchten, welche die Dienstboten im Speisesaal anzündeten. Draußen erschien alles friedlich und still. Ich streckte die Hand aus, um einige der stachligen weißen Blüten für mein Schlafzimmer zu pflücken. Als ich mich vorbeugte und nach den hohen Stängeln griff, fegte etwas an meinem Kopf vorbei. Ich richtete mich erschrocken auf. Was war das? Etwas, was ich als etwas Kaltes, Unheimliches empfand, war wie ein Nebel an mir vorbeigestrichen. Der Garten erschien mir plötzlich düsterer. Ein kühler Wind hatte sich erhoben und bewegte die Zweige der Trauerweide. Ich erschauerte. Nimm dich zusammen, Bilquis, schalt ich mich selbst. Deine Fantasie hält dich zum Narren. Trotzdem raffte ich meine Blumen zusammen und lief rasch auf das Haus zu, wo mir erleuchtete Fenster Wärme und Beruhigung versprachen. Die soliden weißen Steinmauern und Eichentüren boten Schutz. Während ich auf dem knirschenden Kiesweg zum Haus eilte, ertappte ich mich bei einem raschen Blick über die Schulter. Ich hatte früher immer gelacht, wenn jemand von übernatürlichen Dingen sprach. Natürlich war dahinten gar nichts gewesen – oder doch?

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Allah – mein Vater? Als Antwort fühlte ich einen festen, sehr realen Schlag auf meiner rechten Hand. Es war unheimlich. Ich schrie auf, stürzte ins Haus und schlug die Tür hinter mir zu. Meine Dienstboten eilten herbei und blickten mich entsetzt und stumm an, da ich wohl selbst wie ein Geist aussah. Erst als es Zeit zum Schlafengehen war, fand ich den Mut, mit meinen beiden Zimmermädchen über jenes kalte Etwas zu sprechen. „Glaubt ihr an übernatürliche Dinge?“, fragte ich, nachdem ich mein Erlebnis erzählt hatte. Weder Nur-jan, eine Moslemin, noch Raisham, eine Christin, beantworteten mir meine Frage. Nur-jan fragte nur zitternd, ob sie den Dorf-Mullah rufen könne; es handelte sich um einen Scheich der Moschee, der Weihwasser mitbringen und den Garten reinigen würde. Aber mein gesunder Menschenverstand war zurückgekehrt, und ich wehrte mich zutiefst gegen solch einen dummen Aberglauben. Außerdem wollte ich auf keinen Fall, dass das Dorf von der Sache erfuhr. Ich versuchte, über ihre Besorgnis zu lächeln, und sagte, etwas zu abrupt, fürchte ich, ich wolle keinen Heiligen, der auf meinem Grundstück böse Geister auszutreiben vorgebe. Und doch, als die Mädchen das Zimmer verließen, griff ich nach meinem Koran. Als ich ein wenig im heiligen Buch der Moslems geblättert hatte, wurde ich jedoch müde, steckte es in die blauseidene Hülle zurück und schlief ein. Am nächsten Morgen erwachte ich langsam wie ein Schwimmender, der sich an die Wasseroberfläche kämpfen muss. Die hohe, durchdringende Stimme des Muezzins drang in mein Bewusstsein: „La illaha illallah wa Mohammed rasulallah …“ Der Singsang drang durch das Filigrangitter meines Schlafzimmerfensters: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist Gesandter Allahs.“ Für mich hatte dieser moslemische Gebetsruf einen beruhigenden Klang, weil er nach dem Schrecken des vergangenen Abends etwas Altvertrautes war. Es war ein Ruf, den ich fast ausnahmslos an jedem Morgen meiner vierundfünfzig Lebensjahre vernommen hatte. Ich versuchte, mir die Szene vorzustellen: Wenige Augenblicke zuvor hatte unser alter Muezzin in

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Etwas macht mir Angst dem nahe gelegenen kleinen pakistanischen Dorf Wah das uralte Minarett betreten. Ich sah ihn im kühlen Innern die Wendeltreppe emporsteigen, deren Stufen schon Generationen moslemischer Gebetsausrufer vor ihm mit ihren Sandalen glatt getreten hatten. Auf der obersten Stufe angekommen, mochte er wohl ein Weilchen atemlos vor der holzgeschnitzten Tür verweilt haben, die auf die Plattform hinausführte. Dann war er auf die Brüstung hinausgetreten, um die Gläubigen mit zurückgeneigtem Kopf laut mit den vierzehnhundert Jahre alten Worten zum Gebet zu rufen: „Kommt zum Gebet, kommt zum Heil! Gebet ist besser als Schlaf!“ Der durchdringende Ruf trieb über dem Frühnebel durch die gepflasterten Gassen von Wah, die noch kalt waren von der Oktobernacht, schwebte durch meinen Garten und drängte sich an den alten Steinmauern des Hauses entlang, die im Licht der aufgehenden Sonne jetzt rötlich leuchteten. Während der Ruf langsam verklang, fiel mir mein unheimliches Erlebnis im Garten am Vorabend wieder ein. Schnell wandte ich mich meinen routinemäßigen Vormittagsbeschäftigungen zu, die mich schon deshalb beruhigen würden, weil sie so sehr Gewohnheit waren. Ich setzte mich auf und griff nach der goldenen Glocke auf dem Marmornachttisch. Auf ihr melodisches Geläut hin kam mein Mädchen Nur-jan atemlos wie immer hereingelaufen. Meine beiden Mädchen schliefen im Zimmer nebenan, und ich wusste, dass sie bereits seit einer Stunde auf waren und auf meinen Ruf warteten. Den Morgentee war ich gewohnt im Bett einzunehmen. Nur-jan begann, meine silbernen Bürsten und Kämme zurechtzulegen. Sie war ein williges junges Mädchen, rundlich, leicht zum Lachen zu bringen, aber ein wenig unbeholfen. Fiel ihr eine Bürste aus der Hand, so hatte sie mit scharfem Schelten von mir zu rechnen. Raisham, mein zweites Mädchen, etwas älter und ruhiger, war eine hochgewachsene, anmutige Frau. Sie glitt eben lautlos mit einem großen Teetablett in mein Zimmer. Sie stellte es auf meinen Nachttisch, entfernte das weiße Tuch, das sie über das silberne Service gedeckt hatte, und goss mir eine Tasse dampfenden Tee ein. Während ich das heiße Getränk schlürfte, seufzte ich vor Wohlbehagen. Tee war besser als Gebet.

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Allah – mein Vater? Meine Mutter wäre ob solcher Gedanken entsetzt gewesen. Wie oft hatte ich zugesehen, wie sie ihren Gebetsteppich auf dem Fliesenboden ihres Schlafzimmers ausbreitete und dann, den Blick auf die heilige Stadt Mekka gerichtet, niederkniete und ihre Stirn im Gebet daraufpresste. Während ich an meine Mutter dachte, blickte ich zu dem Frisierkästchen auf meinem Tisch hinüber. Vor vielen Jahren war es aus Sandelholz geschnitzt und mit silberner Einlegearbeit versehen worden. Vor meiner Mutter hatte es bereits meiner Großmutter gehört. Jetzt war es mein Erbstück, eine Kostbarkeit. Nachdem ich zwei Tassen Tee getrunken hatte, beugte ich mich vor – das war für Raisham das Zeichen, mit dem Bürsten meiner langsam ergrauenden Haare zu beginnen, während Nur-jan sich sorgfältig an meinen Nägeln zu schaffen machte. Bei ihrer Arbeit schwatzten die beiden heiter und ungeniert über die neuesten Nachrichten aus dem Dorf; Nur-jan plapperte munter drauflos, während Raisham ruhig und besonnen ihre Meinung dazu äußerte. Sie sprachen von einem Jungen, der sein Zuhause verlassen hatte und in die Großstadt gezogen war, und von einem Mädchen, das bald Hochzeit feiern würde. Und dann redeten sie über einen grausamen Mord, der in dem nahe gelegenen Wohnort von Raishams Tante passiert war. Ich spürte, wie Raisham bei dieser Nachricht erschauerte, denn das Opfer war eine Christin gewesen. Es handelte sich um ein junges Mädchen, das im Hause eines christlichen Missionars gewohnt hatte. Irgendjemand war in einer der engen Gassen ihres Dorfes über ihren Leichnam gestolpert, und man sagte, es habe eine polizeiliche Untersuchung gegeben. „Weißt du etwas von dem Mädchen?“, fragte ich beiläufig. „Nein, Begum Sahib“, sagte Raisham ruhig, während sie sorgfältig ein Zierband in mein Haar zu flechten begann. Ich verstand sehr gut, warum Raisham, die ja selbst Christin war, nicht über den Mord sprechen wollte. Sie wusste ebenso gut wie ich, wer jenes Mädchen umgebracht hatte. Schließlich hatte das Mädchen ihrem moslemischen Glauben abgeschworen und sich christlich taufen lassen. Ihr Bruder war ob der Schande, welche diese Sünde über seine Familie gebracht hatte, so außer sich geraten, dass er dem uralten Gesetz vom Abfall vom Islam gehorcht hatte: Wer abtrünnig wurde, musste getötet werden.

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Etwas macht mir Angst Auch wenn die moslemischen Verordnungen oft streng und hart klingen, werden sie häufig mit Barmherzigkeit und Milde ausgelegt. Aber es gibt immer Übereifrige, die das Gesetz des Korans wortwörtlich nehmen und bis zum Äußersten erfüllen. Jeder wusste, wer das Mädchen getötet hatte. Aber nichts würde geschehen. Es war immer so gewesen. Vor einem Jahr war der christliche Diener eines Missionars mit durchschnittener Kehle in einem Graben aufgefunden worden; damals war ebenfalls nichts geschehen. Ich scheuchte die traurige Geschichte aus meinen Gedanken und machte mich zum Aufstehen fertig. Die Mädchen eilten zu den Kleiderschränken und brachten mir verschiedene seidene Saris zur Auswahl. Ich zeigte auf einen, der mit Edelsteinen besetzt war, und nachdem sie mir geholfen hatten, ihn anzulegen, zogen sie sich mit Verbeugungen devot aus meinem Zimmer zurück. Das Sonnenlicht flutete jetzt in mein Schlafzimmer und verlieh den weißen Wänden und elfenbeinernen Möbeln einen safranartigen Glanz. Die Sonne beschien eine goldgerahmte Fotografie auf meinem Toilettentisch; ich lief hinüber und nahm sie ärgerlich auf, weil ich das Bild doch am Tag vorher absichtlich umgedreht hatte. Eines der Mädchen musste es wieder aufgestellt haben! Der wertvolle Rahmen umschloss das Bild eines weltklug dreinschauenden Paares, das mich vom Ecktisch eines Londoner Luxusrestaurants aus anlächelte. Wider meinen Willen sah ich erneut auf das Bild – wie jemand, der immer wieder auf seinen schmerzenden Zahn drückt. Der schneidige junge Mann mit dem dunklen Schnurrbart und den glühenden Augen war mein Ehemann gewesen, General Khalid Sheikh. Warum bewahrte ich dieses Bild bloß auf? Hass stieg in mir auf, als ich den Mann anblickte, ohne den zu leben mir einmal unmöglich erschienen war. Vor sechs Jahren, als das Foto entstanden war, hatte Khalid das Amt des pakistanischen Innenministers bekleidet. Die bezaubernde Frau neben ihm war einmal ich gewesen. Meine Familie hatte seit siebenhundert Jahren dem Landadel dieser kühlen nordwestlichen Grenzprovinz angehört, die früher Teil des nördlichen Indiens gewesen war. Als Tochter dieser konservativen moslemischen Familie hatte ich Diplomaten und Geschäftsfreunde aus der ganzen Welt in meinem Hause zu Gast gehabt.

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Allah – mein Vater? Aufenthalte in Paris und London, wo ich mir die Zeit mit Einkaufsbummeln in der Rue de la Paix oder bei Harrods vertrieb, waren mir längst zur Gewohnheit geworden. „Die grazile Frau, die mir aus dem Bild entgegenlächelte, gibt es nicht mehr“, dachte ich bei mir, als ich mich im Spiegel betrachtete. Die zarte, blasse Haut war dunkler geworden, das üppige schwarze Haar war jetzt mit grauen Strähnen durchzogen und die Enttäuschung hatte tiefe Falten in mein Gesicht gegraben. Die Welt jenes Fotos war zerbrochen, als Khalid mich vor fünf Jahren verlassen hatte. Die Scham des Verstoßenseins hatte mich dazu gebracht, das glanzvolle Leben in Paris, London und Rawalpindi aufzugeben, um hier im stillen Frieden unseres Familienbesitzes am Fuße des Himalaja Zuflucht zu suchen. Der Besitz umfasste auch das kleine Bergdorf Wah, wo ich so viele frohe Kindheitstage verbracht hatte. Wah war von Gärten und Obstplantagen umgeben, welche mehrere Generationen meiner Familie angelegt hatten. Und der gewaltige Steinpalast mit seinen Türmen, Terrassen und riesigen, hallenden Sälen schien so alt wie die schneebedeckten Berge von Safed Koh, die im Westen gewaltig zum Himmel ragten. Meine Tante lebte jedoch ebenfalls in diesem Haus, und da ich mich noch mehr von der Außenwelt abschließen wollte, zog ich in ein kleineres Haus, das die Familie am Rande von Wah erbaut hatte. Es besaß oben ein paar Schlafräume und unten den Wohn- und Essbereich, und da es wie ein Juwel in zwölf Morgen Gartenland eingebettet war, versprach es mir die Einsamkeit zu geben, nach der ich mich sehnte. Es gab mir noch mehr. Als ich nämlich ankam, war der größte Teil des Gartens verwildert. Das wurde für mich zum Segen, denn ich vergrub so manchen Schmerz in der schwarzen Erde, als ich mich in die Restaurierungsarbeiten stürzte. Ich legte einen Teil der zwölf Morgen mit Hecken und Blumenbeeten als richtigen Garten an, den Rest ließ ich unberührt liegen. Langsam wurden diese Gärten mit ihren zahllosen plätschernden Brunnen meine Welt; inzwischen schrieb man das Jahr 1966, und ich hatte mir den Ruf einer Einsiedlerin erworben, die sich in ihr Haus und zu ihren Blumen zurückgezogen hatte. Ich wandte den Blick von dem Foto mit dem goldenen Rahmen ab, legte es umgekehrt

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Etwas macht mir Angst auf den Tisch zurück und ging zum Fenster, das den Blick nach Wah hinüber freigab. Wah – schon der Name des Dorfes war ein Ausdruck der Freude. Vor mehreren hundert Jahren, als das Dorf nur aus wenigen Häusern bestand, reiste der sagenumwobene Mongolenkaiser Akbar durch diese Gegend. Seine Karawane machte neben einer Quelle halt, die jetzt zu meiner unmittelbaren Umgebung gehörte. Dankbar legte er sich unter einer Weide zur Ruhe und rief voll Freude aus: „Wah!“ So gab er dem Dorf seinen Namen. Aber nicht einmal die Erinnerung an jene alte Geschichte vermochte mich von dem seltsamen Gefühl zu befreien, das mich seit dem Vorabend nicht mehr losließ. Wie ich so am Fenster stand, versuchte ich es zu verscheuchen. Es war wieder Morgen, sagte ich mir, ein neuer Tag mit vertrauten Routinearbeiten und wärmendem Sonnenschein. Die Episode vom Vorabend erschien wie ein realistischer, gleichzeitig aber böser Traum. Ich schob die weißen Gardinen beiseite, sog begierig die frische Morgenluft ein und horchte auf das Kehrgeräusch im Patio. Eine Rauchfahne, die von den morgendlichen Holzfeuern herrührte, zog zu mir herauf, und in der Ferne war das rhythmische Schlagen der Wassermühlenräder zu hören. Ich seufzte befriedigt. Das war Wah, das war meine Heimat, das war Geborgenheit. Es war der Ort, an dem der Prinz und adlige Landbesitzer Newab Mohammed Hayat Khan vor siebenhundert Jahren gelebt hatte. Wir waren seine direkten Nachkommen, und meine Familie kannte man in ganz Indien als „die Hayats aus Wah“. Schon vor Jahrhunderten pflegten die Karawanen der Kaiser die große Landstraße zu verlassen, um meinen Vorfahren einen Besuch abzustatten. Noch zu meiner Jugendzeit kamen bedeutende Leute aus ganz Europa und Asien auf jener gleichen Straße, einst eine alte Karawanenstraße quer durch Indien, um meine Familie zu besuchen. Heutzutage allerdings verirrten sich fast nur noch Familienangehörige an mein Haustor. Das bedeutete natürlich, dass ich nicht viele Menschen zu Gesicht bekam, außer denen, die unmittelbar zu meinem Haushalt gehörten. Es störte mich nicht weiter. Meine vierzehn Dienstboten leisteten mir genug Gesellschaft. Sie und ihre Vorfahren hatten meiner Familie schon seit vielen Generationen gedient. Und vor allem hatte ich ja Mahmud.

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Allah – mein Vater? Mahmud war mein vierjähriger Enkel. Seine Mutter Tooni war das jüngste meiner drei Kinder – eine schlanke, attraktive Frau, die in der nahen Stadt Rawalpindi als Ärztin im „Hospital der Heiligen Familie“ arbeitete. Ihr früherer Ehemann war ein bekannter Großgrundbesitzer. Die Ehe wurde jedoch nicht glücklich, vielmehr verschlechterte sich ihre Beziehung von Jahr zu Jahr. Während ihrer langen, bitteren Auseinandersetzungen schickte Tooni den kleinen Mahmud oft zu mir, und er blieb so lange, bis die Eltern wieder einen unbeständigen Waffenstillstand geschlossen hatten. Eines Tages kam Tooni mit ihrem Mann zu mir und fragte, ob ich den einjährigen Mahmud wohl eine Zeit lang behalten würde, bis sich ihre Meinungsverschiedenheiten geklärt hätten. „Nein“, sagte ich. „Ich möchte nicht, dass er ein Tennisball wird, den man ständig hin- und herwirft. Aber ich will ihn gerne adoptieren und wie meinen Sohn aufziehen.“ Leider konnten Tooni und ihr Mann nicht miteinander ins Reine kommen und ließen sich schließlich scheiden. Sie waren jedoch damit einverstanden, dass ich Mahmud adoptierte, und es klappte recht gut so. Tooni kam ihn oft besuchen, und wir drei wuchsen eng zusammen. Meine anderen beiden Kinder wohnten leider sehr weit entfernt. Später an jenem Morgen strampelte Mahmud mit seinem Dreirad über die Ziegelterrasse, die von Mandelbäumen beschattet war. Er war nun seit über drei Jahren bei mir, und dieses engelhafte, lebensfrohe Kind mit den tiefbraunen Augen und der Stupsnase war die einzige Freude meines Lebens. Sein glockenhelles Lachen schien das abgeschiedene Haus von Grund auf zu erheitern. Trotzdem machte ich mir Gedanken darüber, ob es ihm nicht schaden würde, mit solch einem niedergedrückten Menschen, wie ich es war, unter einem Dach zu leben. Ich versuchte, den Schaden gutzumachen, indem ich ihm jeden Wunsch von den Augen ablas und ihm – abgesehen von meinen eigenen elf Dienstboten – drei besondere Diener zuteilte, die ihn anzuziehen, seine Spielsachen hinauszutragen und sie hinterher wieder einzusammeln hatten. Ich machte mir Sorgen wegen Mahmud. Seit mehreren Tagen verweigerte er die Nahrung. Das war besonders seltsam, denn der Junge

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Etwas macht mir Angst stattete sonst bei jeder Gelegenheit der Küche einen Besuch ab und brachte meine Köche dazu, ihm Zuckerzeug und Leckerbissen zuzustecken. Ein paar Stunden zuvor war ich die Treppe hinunter und durch die Halle zur Terrasse hinausgegangen, um ihn mit einer liebevollen Umarmung zu begrüßen. Dann fragte ich die Dienerin, ob das Kind etwas gegessen hätte. „Nein, Begum Sahib, er will nicht“, sagte das Mädchen leise. Als ich Mahmud zuredete, doch wenigstens eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen, entgegnete er nur, er habe keinen Hunger. Ich war ernsthaft verwirrt, als Nur-jan dann alleine zu mir trat und ängstlich andeutete, Mahmud könne unter den Einfluss böser Geister geraten sein. Erschrocken blickte ich sie an, denn der Vorfall im Garten kam mir erneut zum Bewusstsein. Was hatte all das nur zu bedeuten? Noch einmal bat ich Mahmud, doch etwas zu essen, aber ohne Erfolg. Er wollte nicht einmal etwas von der Schweizer Schokolade wissen, die ich extra für ihn hatte kommen lassen, weil er sie so gern mochte. Er blickte mich mit seinen klaren Augen an, als ich ihm die Tafel hinhielt, und sagte: „Ich würde sie ja gerne essen, Mum, aber wenn ich schlucke, tut es mir weh.“ Es lief mir kalt den Rücken hinunter, als ich auf meinen kleinen Enkel hinuntersah – sonst ein so lebhaftes Kind, und jetzt so apathisch! Sofort rief ich Manzur, meinen Chauffeur, der ebenfalls Christ war, und befahl ihm, den Wagen zu holen. Eine Stunde später waren wir in Rawalpindi bei Mahmuds Kinderarzt. Er untersuchte den Jungen gründlich und meinte dann, er könne nichts finden. Angst kroch in mir hoch, als wir zu unserem Anwesen zurückfuhren. Während ich meinen Enkel betrachtete, der so ungewöhnlich ruhig neben mir im Wagen saß, überlegte ich, ob Nur-jan wohl recht haben konnte. War da etwas, was jenseits der physischen Welt lag? War es eine übernatürliche Macht, die jetzt nach ihm griff? Ich legte meinen Arm um das Kind und lachte mich im Stillen aus, weil ich solch dumme Gedanken hegte. Ich erinnerte mich, dass mein Vater mir einmal von einem legendären moslemischen Heiligen erzählt hatte, der Wunder vollbringen sollte. Ich hatte laut herausgelacht, als ich das hörte. Meinem Vater hatte das sehr missfallen, aber so reagierte ich immer,

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Allah – mein Vater? wenn jemand Behauptungen dieser Art aufstellte. Und doch – als ich Mahmud jetzt eng an mich drückte, während wir von der großen Landstraße in unseren Zufahrtsweg einbogen – spielte ich unwillkürlich mit einem sehr unbequemen Gedanken: konnte Mahmuds Problem etwas mit jenem unheimlichen Erlebnis im Garten zu tun haben? Als ich Nur-jan von meinen Befürchtungen erzählte, griff sie sich mit ihren hennagefärbten Fingerspitzen ängstlich an den Hals und flehte mich an, den Dorf-Mullah rufen zu lassen, damit er für Mahmud betete und den Garten mit geweihtem Wasser besprengte. Nur dieser könne Dämonen bannen. Ich wies ihre Bitte zuerst zurück. Obwohl ich an die moslemischen Grundregeln glaubte, hatte ich mich in den letzten Jahren von den vielen Riten, den regelmäßigen Gebetszeiten, dem Fasten und den komplizierten Waschungs-Zeremonien entfernt. Meine Sorge um Mahmud überwand jedoch meine Zweifel, und ich sagte Nur-jan, sie könne den Scheich aus der Dorfmoschee rufen lassen. Am folgenden Morgen saßen Mahmud und ich am Fenster und warteten ungeduldig auf den Mullah. Als ich ihn endlich in seinem dünnen, abgetragenen Mantel, der im kalten Herbstwind um ihn flatterte, die Verandastufen heraufsteigen sah, war mir seltsam zumute: Es tat mir einerseits leid, dass ich ihn gerufen hatte, aber gleichzeitig ärgerte ich mich, dass er nicht rascher lief. Nur-jan geleitete den knochigen alten Mann zu meinem Zimmer und zog sich dann zurück. Mahmud beobachtete neugierig, wie er seinen Koran aufschlug. Der Mullah, dessen braungegerbte Haut genau zu dem alten Ledereinband seines heiligen Buches passte, blickte mir aus seinem durchfurchten Gesicht entgegen, legte seine knorrige, braune Hand auf Mahmuds Haupt und begann mit brüchiger Stimme den Qul (Sure 96) zu rezitieren. Mit diesem Gebet leitet jeder Moslem eine wichtige Handlung ein – gleich, ob er für einen Kranken betet oder eine neue Geschäftsverbindung abschließt. Dann begann der Mullah auf Arabisch aus dem Koran vorzulesen – der Koran wird immer auf Arabisch gelesen, da Übersetzungen des heiligen Textes bereits als Auslegungen angesehen werden. Außerdem hat der Engel Gabriel Mohammed die

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Etwas macht mir Angst Wortoffenbarungen eigens in Arabisch eingegeben. Übersetzungen nähmen den Worten ihre göttliche Kraft. – Dem Mullah musste meine wachsende Ungeduld wohl aufgefallen sein, denn er sagte, indem er mir das Buch entgegenhielt: „Sie sollten diese Verse auch lesen, Begum Sahib.“ Damit meinte er die 113. Sure (El Falak) und die 114. (El Nas), deren Verse gewöhnlich in besonderen Notsituationen rezitiert werden. „Warum wiederholen Sie diese Verse nicht?“ „Nein“, sagte ich, „das will ich nicht! Allah hat mich vergessen, und ich habe Allah vergessen.“ Als ich den verletzten Ausdruck im Gesicht des alten Mannes sah, tat es mir leid, denn immerhin war er auf meinen Befehl und um Mahmuds willen hergekommen. „Also gut“, sagte ich und nahm den abgegriffenen Band zur Hand. Ich schlug ihn irgendwo auf und las den erstbesten Vers, auf den mein Blick fiel: „Mohammed ist der Bote Gottes, und welche bei ihm sind, handeln streng gegenüber den Ungläubigen …“ Ich dachte an das ermordete christliche Mädchen und den eigenartigen Nebel, den ich kurz nach ihrer Ermordung in meinem Garten empfunden hatte, vor allem aber auch an Mahmuds geheimnisvolles Leiden. Konnte zwischen diesen Geschehnissen ein Zusammenhang bestehen? Gleich, um welche zornige, übernatürliche Macht es sich handeln mochte – sie würde mich und Mahmud doch nicht mit einer Christin in Verbindung bringen! Ich erschauerte bei dem Gedanken. Aber der Mullah schien befriedigt. Trotz meiner Zurückhaltung fand er sich an den drei darauf folgenden Tagen ein, um über Mahmud Koranverse zu rezitieren. Und dann – um die Reihe der geheimnisvollen, beunruhigenden Geschehnisse in meinem Hause vollzumachen – ging es Mahmud tatsächlich besser. Was sollte ich von all diesen Dingen halten? Ich würde es bald erfahren. Denn ohne mein Wissen waren Ereignisse in Bewegung gekommen, welche die Welt, die mir mein Leben lang vertraut gewesen war, völlig durcheinander bringen sollte.

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Allah – mein Vater?

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e2f Das fremde Buch

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ach all diesen Erlebnissen fühlte ich mich zum Koran hingezogen. Vielleicht würde er mir so manches erklären und gleichzeitig die Leere in mir ausfüllen können. Bestimmt enthielten die fein gestochenen Schriftzeichen viel Weisheiten, die meiner Familie oft schon zur Hilfe geworden waren. Ich hatte den Koran natürlich schon früher gelesen. Ich erinnerte mich noch genau, wie alt ich gewesen war, als ich angefangen hatte, für die Lektüre unseres heiligen Buches Arabisch zu lernen: Ich war vier Jahre, vier Monate und vier Tage alt. Genau an diesem Tag beginnt nämlich für jedes moslemische Kind die Zeit des Arabischunterrichts. Das Ereignis war mit einem großen Familienfest gefeiert worden, an dem meine gesamte Verwandtschaft teilgenommen hatte. In einer besonderen Zeremonie begann die Frau unseres Dorfmullahs dann, mich in die Geheimnisse des arabischen Alphabets einzuweihen. Besonders gut erinnere ich mich noch an meinen Onkel Fateh (wir Kinder nannten ihn Großonkel Fateh, obwohl er gar nicht mein richtiger Onkel war; in Pakistan werden alle älteren Verwandten mit Onkel oder Tante angeredet). Großonkel Fateh stand uns als Familienangehöriger am nächsten, und ich weiß noch genau, wie er mich während der Zeremonie beobachtete; sein feines Gesicht mit der gebogenen Nase strahlte vor Freude, als ich erneut die Geschichte jener schicksalhaften „Nacht der Bestimmung“ („leilat el qadar“) – im Jahre 610 – vernahm, in der der Engel Gabriel begann, Mohammed die Worte des Korans einzugeben. Ich brauchte sieben Jahre, um das heilige Buch zum ersten Mal durchzulesen, aber als ich es schließlich geschafft hatte, war das Anlass zu einem weiteren Familienfest.

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Allah – mein Vater? Früher hatte ich den Koran immer als Pflichtlektüre betrachtet. Diesmal empfand ich jedoch das Bedürfnis, mir die Verse genauer anzusehen. Ich nahm den Band, der schon meiner Mutter gehört hatte, zog mich damit auf mein weiches, bequemes Bett zurück und fing an zu lesen. Ich begann mit dem Eingangsvers, der ersten Botschaft, die dem jungen Mohammed eingegeben wurde, als er sich ganz allein in einer Höhle auf dem Berge Hira aufhielt: „Lies! Im Namen deines Herrn, der erschuf, Erschuf den Menschen aus geronnenem Blut. Lies, denn dein Herr ist allgütig, Der die Feder gelehrt, Gelehrt den Menschen, was er nicht gewusst.“ (Sure 96,1–5)

Zuerst gab ich mich der Schönheit dieser Verse hin. Später aber fand ich Worte, die mir keineswegs tröstlich erschienen: „Wenn ihr euch von euren Frauen geschieden habt und wenn sie ihren Termin erreicht haben, dann haltet sie in Güte zurück oder trennt euch von ihnen in Güte.“ (Sure 65,2)

Die Augen meines Mannes hatten mich angeblitzt wie schwarzer, harter Stahl, als er mir eröffnete, dass er mich nicht mehr liebte. Mein Inneres zog sich schmerzhaft zusammen, während er sprach. Was war mit all unseren gemeinsamen Jahren geschehen? Konnte man sie so einfach hinter sich lassen? War, wie der Koran sagte, „mein Termin erreicht“? Am nächsten Morgen griff ich erneut zum Koran und hoffte, in den gewundenen Lettern diesmal den Zuspruch zu finden, den ich so dringend nötig hatte. Aber der Zuspruch blieb aus. Ich fand nur Richtlinien für das Leben und Warnrufe vor anderen Glaubensrichtungen. Da gab es Verse über den Propheten Jesus, dessen Botschaft jedoch von den Urchristen gefälscht worden war – so sagte der Koran. Jesus sei zwar von einer Jungfrau geboren worden, sei aber nicht Gottes Sohn. „So sagt nicht drei“, warnte der Koran vor der christlichen Auffassung von der Dreieinigkeit Gottes. „Enthaltet euch davon, denn es ist besser für euch. Gott ist nur ein Gott.“ Nachdem ich mich mehrere Tage lang mit dem heiligen Buch beschäftigt hatte, legte ich es eines Nachmittags seufzend beiseite, erhob

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Das fremde Buch mich und ging in meinen Garten hinunter, wo ich inmitten der Natur und in alten Erinnerungen den Frieden zu finden hoffte. Selbst zu dieser Jahreszeit überwog noch das satte Grün, und hier und da leuchtete ein spät blühendes, farbenfrohes Steinkraut daraus hervor. Es war ein verhältnismäßig warmer Herbsttag, und Mahmud hüpfte nun auf den Pfaden entlang, die ich in meiner Kindheit so oft mit meinem Vater beschritten hatte. Ich hatte meinen Vater noch lebendig vor Augen, wie er neben mir herging, bekleidet mit seinem weißen Turban und dem makellosen britischen Anzug von Savile Row, wie es sich für einen Regierungsbeamten schickte. Er pflegte mich oft bei meinem vollen Namen zu nennen, Bilquis Sultana, weil er wusste, dass ich es gerne hörte. Bilquis war nämlich der Vorname der Königin von Saba, und Sultana bedeutete, wie jedermann wusste, so viel wie „Königliche Hoheit“. Wir führten viele gute Gespräche. In späteren Jahren sprachen wir gerne von unserem neuen Staat Pakistan. Er war so stolz darauf. „Die islamische Republik Pakistan wurde in erster Linie als Heimat für die Moslems Indiens geschaffen“, sagte er. „Wir sind eines der größten Länder der Welt mit islamischem Gesetz“, fügte er hinzu und machte mir klar, dass 96 Prozent unserer Bevölkerung moslemisch waren, während der Rest sich aus ein paar verstreuten Gruppen von Buddhisten, Christen und Hindus zusammensetzte. Ich seufzte und blickte an meinen Bäumen vorbei zu den lavendelfarbenen Hügeln in der Ferne. Bei meinem Vater hatte ich immer Trost gefunden. Als er älter wurde, war ich ihm eine Gefährtin, mit der er die rasch wechselnde politische Lage in unserem Lande besprechen konnte, und ich setzte ihm dann meine Ansichten darüber auseinander. Er war ein sehr liebenswürdiger Mann gewesen, der immer Verständnis für mich gehabt hatte. Sein Tod schmerzte mich noch immer. Ich dachte daran, wie ich auf dem moslemischen Friedhof von Brookwood bei London an seinem offenen Grab gestanden hatte. Er war wegen einer Operation nach London gereist, hatte sich dann aber nicht mehr erholt. Die moslemische Sitte verlangt es, dass ein Leichnam innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach Eintritt des Todes beerdigt wird, und als ich auf dem Friedhof eintraf, sollte der Sarg gerade in die Erde versenkt werden. Ich konnte es nicht fassen, dass ich meinen Vater

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Allah – mein Vater? nie mehr wiedersehen würde. Sie hoben den Sargdeckel ein wenig an, damit ich noch einen letzten Blick auf ihn werfen konnte. Aber jene kalte, leblose Masse im Sarg war nicht mehr mein Vater. Wie betäubt stand ich da. Wo war er hingegangen? Als man den Sargdeckel wieder schloss, durchfuhr mich das schrille Quietschen der Schrauben wie ein körperlicher Schmerz. Meine Mutter, mit der ich mich auch sehr gut verstanden hatte, starb sieben Jahre später und ließ mich mit dem Gefühl zurück, jetzt völlig allein zu sein. Hier in meinem Garten waren die Schatten inzwischen länger geworden, und wieder stand ich im Zwielicht der Abenddämmerung. Nein, der Trost, den ich in alten Erinnerungen gesucht hatte, blieb aus; stattdessen übermannte mich wieder der Schmerz. In der Ferne vernahm ich den vertrauten Ruf des Muezzins zum Abendgebet. Der lang gezogene Ton seiner Stimme brachte mir meine Verlassenheit noch mehr zum Bewusstsein. „Wo, oh Allah“, flüsterte ich im Rhythmus seiner Stimme, „wo ist der Trost, den du versprichst?“ Als ich an jenem Abend wieder in meinem Zimmer war, nahm ich den alten Koran meiner Mutter wieder zur Hand. Beim Lesen fiel mir auf, dass häufig auf jüdische und christliche Schriften Bezug genommen wurde, die zeitlich früher lagen. Vielleicht, überlegte ich, sollte ich mein Forschen in jenen älteren Büchern fortsetzen? Aber das würde bedeuten, dass ich die Bibel lesen müsste. Wie sollte mir die Bibel weiterhelfen, wo sie doch – wie jeder Moslem wusste – von den Urchristen verfälscht worden war? Aber der Gedanke, die Bibel zu lesen, ließ mich nicht mehr los. Was für einen Gottesbegriff hatte die Bibel? Was sagte sie tatsächlich über den Propheten Jesus aus? Vielleicht sollte ich sie doch lesen. Aber da tauchte das nächste Problem auf: Wo sollte ich eine Bibel herbekommen? In keinem der Läden in unserer Gegend wurde sie verkauft. Vielleicht besaß Raisham eine Bibel? Ich verwarf den Gedanken sogleich wieder, denn selbst wenn sie eine besaß, würde meine Bitte

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Das fremde Buch sie erschrecken. So mancher Pakistani war schon umgebracht worden, wenn er nur den Anschein erweckte, Moslems zum Christentum überreden zu wollen und damit zum Verräter am moslemischen Glauben zu werden. Ich dachte an meine übrigen christlichen Dienstboten. Meine Familie warnte mich immer davor, Christen als Diener einzustellen, da sie ja wegen ihres Mangels an Treue und Vertrauenswürdigkeit berüchtigt seien. Aber ich achtete nicht auf diese Warnungen; solange sie ihre Pflicht erfüllten, hatte ich nichts gegen sie. Zweifellos waren sie nicht besonders aufrichtig; als nämlich die christlichen Missionare nach Indien kamen, war es für sie ein Leichtes, die Angehörigen der unteren Schichten zu bekehren. Die meisten waren Straßenkehrer, deren Kaste so niedrig war, dass ihnen nichts als das Reinigen der Straßen, Bürgersteige und Gossen übrig blieb. Wir Moslems nannten diese unterwürfigen Geschöpfe „Reischristen“, nahmen sie die falsche Religion doch nur deshalb an, weil sie dafür von den Missionaren Nahrung, Kleidung und Schulbildung erhielten. Für die Bemühungen der Missionare hatten wir nur ein leises Lächeln übrig. Wie setzten sie sich für diese armseligen Kreaturen ein! Erst vor ein paar Monaten hatte mein christlicher Chauffeur Manzur mich gefragt, ob er einem Missionarsehepaar aus dem Dorf einmal meinen Garten zeigen dürfe – sie hätten ihn schon durch den Zaun bewundert. „Natürlich“, sagte ich gönnerhaft und lächelte im Stillen über den armen Manzur, dem offensichtlich so viel daran gelegen war, diese Leute zu beeindrucken. Ein paar Tage später sah ich von meinem Wohnzimmerfenster aus zu, wie das junge amerikanische Paar durch den Garten streifte. Manzur hatte sie „Reverend David Mitchell und Frau“ genannt. Beide hatten hellbraunes Haar, helle Augen und trugen die übliche westliche Kleidung. „Wie farblos!“, dachte ich. Trotzdem ließ ich dem Gärtner ausrichten, er könne den Missionaren ein paar Samen geben, falls ihnen daran gelegen war. Während ich an sie dachte, fiel mir ein, wie ich zu einer Bibel kommen könnte. Manzur sollte mir eine besorgen. Morgen würde ich ihm den Auftrag erteilen.

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Allah – mein Vater? Ich ließ ihn also am nächsten Morgen auf mein Zimmer kommen. Dienstbeflissen stand er in seiner langen weißen Hose vor mir, und das nervöse Zucken in seinem Gesicht machte mich, wie immer, unruhig. „Manzur, ich möchte, dass du mir eine Bibel verschaffst.“ „Eine Bibel?“ Seine Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Natürlich!“, sagte ich und bemühte mich, nicht ungeduldig zu werden. Da Manzur nicht lesen konnte, war ich sicher, dass er selbst keine Bibel besaß. Aber ich hatte das Gefühl, dass er mir eine beschaffen konnte. Als er etwas Unverständliches vor sich hin murmelte, wiederholte ich ruhig, aber fest: „Manzur, besorge mir eine Bibel!“ Er nickte, verbeugte sich und ging. Ich wusste, warum er sich meiner Bitte widersetzte. Manzur war aus demselben Holz geschnitzt wie Raisham, und sie dachten beide an das ermordete Mädchen. Einem Straßenfeger eine Bibel zu geben, war eines; einem Angehörigen der Oberschicht eine Bibel zu bringen, war etwas völlig anderes. Wenn sich das herumsprach, konnte er tatsächlich ernsthafte Schwierigkeiten bekommen. Zwei Tage später fuhr Manzur mich nach Rawalpindi, wo ich Tooni besuchen wollte. „Manzur, ich habe noch immer keine Bibel.“ Ich konnte sehen, wie seine Fingerknöchel auf dem Lenkrad weiß wurden. „Begum, ich werde Ihnen eine besorgen.“ Drei Tage später rief ich ihn ins Haus. „Manzur, ich habe dich jetzt dreimal gebeten, mir eine Bibel zu beschaffen, und nichts ist geschehen.“ Das Zucken in seinem Gesicht wurde auffälliger. „Ich gebe dir noch einen Tag Zeit. Wenn ich bis morgen keine Bibel habe, kannst du gehen!“ Sein Gesicht wurde aschfahl. Er wusste, dass es mir ernst war. Er machte kehrt und ging, und seine Uniformstiefel, die er als Chauffeur trug, klapperten über die Steinterrasse. Am nächsten Tag wollte Tooni mich besuchen. Kurz vor ihrer Ankunft fand ich auf dem Tischchen im Wohnzimmer eine kleine

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