Matthew Barnett Dream Center L.A.
1
2
Matthew Barnett
Dream Center L.A. Die Gemeinde, die niemals schläft
3
Titel der amerikanischen Originalausgabe: The Church That Never Sleeps Copyright © 2000 by Matthew Barnett Published by Thomas Nelson, Inc., Nashville, Tennessee Copyright © der deutschen Ausgabe 2007 by Asaph Verlag, D-Lüdenscheid 2. Auflage 2007 Aus dem Amerikanischen übersetzt von Jens Uhder, für die Neuauflage leicht überarbeitet. Umschlaggestaltung: D. Nešović, D-München Umschlagfotos: Dream Center Satz: Jens Wirth/ASAPH Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in the EU ISBN 978-3-935703-86-4 Bestellnummer 147386 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net, www.asaph.net
4
Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Kapitel 1 Abende mit Hamburgern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 Kapitel 2 Abschied von Phoenix . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Kapitel 3 In die Welt der anderen eintauchen. . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Kapitel 4 Die Kirche, von der ich immer träumte . . . . . . . . . . . . . 51 Kapitel 5 Das Wohl der Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Kapitel 6 „Gott glaubt an dich – und ich auch“ . . . . . . . . . . . . . . . 74 Kapitel 7 Die Kirche im neuen Jahrtausend . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Kapitel 8 Warum eigentlich Gutes tun? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 5
Kapitel 9 Der beste Ort für ein Gebäude . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Kapitel 10 Verlassen, weggeworfen und vergessen . . . . . . . . . . . . 110 Kapitel 11 Zum Erfolg entschlossen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Kapitel 12 „Danke, dass Sie gekommen sind“ . . . . . . . . . . . . . . . . 134 Kapitel 13 Gottes „Resteverwertung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Kapitel 14 Leben werden verändert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155 Kapitel 15 Er stand mit ihnen in der Ebene . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Kapitel 16 Das Schöne an unseren Träumen . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 Kapitel 17 Ihre Herzenswünsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 Über den Autor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
6
Vorwort
W
ann immer ich die ersten Kapitel der Apostelgeschichte lese, verblüfft mich der außergewöhnliche Lebensstil der Gemeinde in Jerusalem. Diese frühen Christen wurden durch eine intensive Liebe zu Christus angetrieben, die ihren Ausdruck in unglaublichen Formen selbstloser Hingabe fand. Die Freude daran, verletzte Menschen zu segnen, überwand selbst heftige Verfolgung, und das Evangelium breitete sich explosionsartig aus, bis die ganze römische Welt davon durchdrungen war. Eine Gemeinde wurde so zum Saatkorn, das Millionen von Menschen veränderte. Auf allen meinen Reisen ist mir noch kein Ort und keine Gemeinschaft begegnet, die mich so sehr an die Gemeinde in Jerusalem erinnert hätte, wie das Dream Center, die Los Angeles International Church. Die Liebe Jesu bringt Veränderung in das Leben zahlloser verwundeter Menschen, wobei die Personen, denen diese Gemeinde mit viel Liebe dient, wohl zu den hoffnungslosesten und zerbrochensten gehören dürften, die man in unserer Gesellschaft findet. Durch Pastor Matthew Barnett und eine beständige Quelle der Liebe setzte Gott eine wahre Erweckung in Gang. Prostituierte, Drogensüchtige, Bandenmitglieder, Gestrandete aller Art werden geheilt und verändert. Tausende von kleinen Kindern werden angerührt und bekommen die Hoffnung, die sie brauchen, um sich über den Horizont der Hoffnungslosigkeit hinaus zu erheben. Das Dream Center ist ein Ort, der es Menschen ermög7
licht, aus dem Abgrund herauszukommen. Es wird von einer Vision getragen, die das Beste im Volk Gottes hervorbringen kann und die Tag für Tag den Beweis erbringt, dass die Gnade Gottes alle noch so verheerenden Auswirkungen von Sünde überwindet. Dieses Buch wird Ihr Leben verändern. Sie werden etwas von der Freude und Leidenschaft verspüren, die die frühen Christen bis an die Enden der Erde geführt hat, um Menschen für den Glauben zu gewinnen. Sie werden beginnen, die Ausgestoßenen der Gesellschaft in einem anderen Licht zu sehen. Sie werden anfangen, in Ihrem Herzen Liebe für die am wenigsten liebenswerten Menschen in Ihrem Umfeld zu entdecken. Hier liegt das Wunder des Dream Center, einer Gemeinde, die so von der Liebe Gottes durchdrungen ist, dass sie ihre Pforten Tag und Nacht geöffnet hat. Es ist ein lebendes Beispiel dessen, was im Johannes-Evangelium, Kapitel 3, Vers 16, bezeugt wird: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ Pastor Willie George Church on the Move Tulsa, Oklahoma
8
Einleitung
E
s war ein herrlicher Tag. Ein zwanzig Jahre alter Evangelist fuhr durch die Straßen von Los Angeles. Während er am historischen Angelus-Tempel vorbeifuhr und den Echo-Park passierte, schenkte ihm Gott die Vision, dass er eines Tages Pastor einer Gemeinde in Los Angeles sein würde. Das Ganze geschah vor Jahrzehnten und der Name des Evangelisten war Tommy Barnett. Dreißig Jahre später legte Gott dieselbe Vision auch in mein Herz. Es war ein heißer Sommerabend in Phoenix (Arizona). Ich war draußen und döste auf der Haube meines Wagens. Gott zeigte mir eine Landkarte der Vereinigten Staaten, auf der Los Angeles besonders hervorstach. Von diesem Tag an wusste ich, dass ich nach Los Angeles ziehen und dort eine Gemeinde gründen würde. Ich hatte keine Ahnung, wie das vonstatten gehen sollte, aber mir war klar, dass ich eines Tages nach Los Angeles ziehen würde. Fünf Jahre später wurde meine Vision Wirklichkeit. Auf Drängen der Assemblies of God fuhren mein Vater und ich nach Los Angeles. Mein Vater konnte eigentlich keine neue Beschäftigung gebrauchen. Er war bereits Pastor einer Gemeinde mit 14 000 Mitgliedern. Doch er ist ein Mensch, der Herausforderungen liebt. Ich war nie die erste Wahl für den Posten als Pastor in Los Angeles. Mein Vater hatte eine ganze Reihe von Leuten im Sinn, aber niemand wollte die Stelle antreten. Als er schließlich mich fragte, traute ich meinen Ohren nicht. Ich hatte noch nie zuvor als Pastor gearbeitet. Aber die Vision, die Gott mir geschenkt hatte, ging mir nicht aus dem Sinn. 9
So zog ich nach Los Angeles. Aber Gott hatte mir noch einen anderen Traum ins Herz gelegt: eine Kirche, die 24 Stunden am Tag geöffnet ist. Dieser Traum wurde später auch zur treibenden Kraft für den Erfolg des Dream Center. Träume lassen uns über uns selbst hinauswachsen. Ich fragte meinen Vater immer, warum Kaufhäuser, Supermärkte und Krankenhäuser rund um die Uhr geöffnet sind, Kirchen dagegen nur am Sonntag für ein paar Stunden. Was nun, wenn jemand mitten in der Nacht Hilfe braucht? Oder was ist, wenn jemand keinen Ort hat, an den er gehen kann, wenn er keinen Platz zum Schlafen findet oder wenn er nichts zu essen hat? Ich erkannte, dass auch Kirchen rund um die Uhr geöffnet sein sollten. Aber wie sollte so etwas realisiert werden? Wer wäre in der Lage, immer dort zu sein? Wo bekämen wir das Essen her, um die Hungrigen zu speisen? Wer würde genug Kleidung zur Verfügung stellen, um all die Bedürftigen zu versorgen? Die Arbeit in Los Angeles begann im alten Bethel Temple, der ersten Assembly of God-Gemeinde, die aus der Asuza Street-Erweckung zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden war. Diese Gemeinde war einst Mittelpunkt einer landesweiten Erweckungsbewegung gewesen, doch im Laufe der Zeit hatten Armut und Verelendung die Straßen der Innenstadt heimgesucht und ihren Tribut gefordert. Die Gemeinde konnte sich den veränderten Bedingungen nicht anpassen und büßte ihre einstmals führende Rolle ein. Gleich von Anfang an führten wir Straßeneinsätze durch. Es war schon immer Teil der Lebensphilosophie meines Vaters und von mir, die Nöte der Menschen zu erkennen und ihnen zu begegnen. Wir machten uns daran, Hungrige zu speisen, Kleidung zu verteilen, Niedergeschlagene zu trös10
ten, und begannen auf diese Weise, etwas zu verändern. Wir stellten schon bald fest, dass die Räumlichkeiten des Bethel Temple nicht ausreichten, um all die Leute zu fassen, die bei uns ein- und ausgingen, und um den vielfältigen Anforderungen einer Kirche gerecht zu werden, die rund um die Uhr geöffnet ist und die es sich zum Ziel gesetzt hat, zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Bedürfnisse der Menschen in ihrer Nachbarschaft da zu sein. Eines Tages erfuhr ich, dass die katholische Kirche das ehemalige Queen of Angels-Krankenhaus zum Verkauf anbot. In früherer Zeit war es eines der größten Krankenhäuser der Stadt gewesen, doch schon vor Jahren hatte man knapp zwei Kilometer entfernt einen neuen Gebäudekomplex bezogen. Ich zeigte meinem Vater die Räume und erinnerte ihn an meinen Traum von einer Kirche, die Tag und Nacht geöffnet ist. Das alte Krankenhaus befand sich jedoch in einem desolaten Zustand. Es war viel Arbeit notwendig, um das Gebäude auch nur teilweise nutzbar zu machen. Einige Bereiche standen knietief unter Wasser. Überall waren Fenster eingeschlagen, Wände verschmiert und alles lag voller Müll. Es bedurfte eines Wunders, um das baufällige Gebäude wieder herzurichten. Mein Vater stimmte zu und wollte versuchen, mit mir zusammen Gelder für den 40 000 Quadratmeter großen Komplex aufzutreiben. Auf unsere erste Anfrage hin nannte man uns einen Kaufpreis von 16 Millionen Dollar. Durch ein Wunder bekamen wir das ganze Anwesen für nur 3,9 Millionen Dollar und brauchten bei Vertragsabschluss sogar nur eine Anzahlung von 500 000 Dollar zu leisten. Viele Gemeinden und zahllose Einzelpersonen im ganzen Land und aus aller Welt ermöglichten das Wunder, dass 11
wir das Gebäude heute komplett abgezahlt haben und dabei sind, eine umfassende Renovierung vorzunehmen. Die ersten Monate brachten wir damit zu, die Räume zu reinigen. Bis heute sind wir dabei, Etage für Etage des fünfzehnstöckigen Gebäudes zu sanieren, um sie nach und nach für unsere Hilfsdienste in Betrieb zu nehmen. Wir haben ein Team von Leuten mit dieser gewaltigen Aufgabe betraut. Viele sind vollzeitliche freiwillige Helfer, die auf dem Campus leben und arbeiten und die ein Jahr ihres Lebens der Arbeit für Gott widmen. Andere sind ehemalige Abhängige in Rehabilitation, die wir im Rahmen dieser Arbeitseinsätze darauf vorbereiten, wieder ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen. Zur Los Angeles International Church, auch als Dream Center bekannt, gehören heute mehrere hundert Mitarbeiter. Wir haben etwa 200 Dienstzweige, mit denen wir den Notleidenden in unserer Nachbarschaft dienen, und Menschen aus aller Welt kommen als freiwillige Helfer zu uns. Mein Traum ist in der Tat Wirklichkeit geworden, das Dream Center ist immer geöffnet – rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Mitarbeiter und freiwillige Helfer versorgen Menschen mit Nahrung und Kleidung und bieten ihnen Jüngerschaftstraining. Sie gehen jeden Tag in die gefährlichen Straßen von Los Angeles, um die Botschaft von der Hoffnung und Liebe Jesu hinauszutragen. Die Liste unserer Dienstzweige ist lang:
12
•
Wir veranstalten jede Woche mehr als 40 Gottesdienste mit zehn fremdsprachlichen Gemeinden, die in ihren jeweiligen Sprachen Gottesdienst feiern.
•
Woche für Woche geben wir mit unserem Lastwagen mehr als 10 000 Mahlzeiten aus.
•
Jeden Monat werden von unserem Bekleidungsladen kostenlos mehr als 1 000 Kleidungsstücke an Bedürftige verteilt.
•
Über 100 Männer und Frauen wohnen während ihrer Reha von Drogen- und Alkoholsucht in unserem Jüngerschaftshaus und lernen, Gott zu dienen.
•
Das Teen Reach-Jugendheim ist rund um die Uhr für schwierige Jugendliche da.
•
Unser Dienstzweig Hope for Homeless Youth („Hoffnung für wohnsitzlose Jugendliche“) erreicht Tausende von Ausgestoßenen, die in verlassenen Häusern und auf der Straße leben: Vagabunden, Prostituierte, junge Leute, die nach Hollywood kamen, um einem Traum nachzujagen, und die nun ohne Hoffnung gestrandet sind.
•
Eine medizinische Poliklinik bietet rund um die Uhr kostenlose Behandlungen an.
•
In Kürze wird unser Heim für alleinstehende schwangere Frauen eröffnet.
Ich träume davon, so viele Dienste wie möglich ins Leben zu rufen und miteinander zu vernetzen, sodass das Dream Center zu einer Ausgangsbasis für verschiedenste Einsätze in der ganzen Stadt wird. Jeder unserer Dienste dient einem bestimmten Problem in der Stadt. Indem wir es den Menschen, die sich engagieren wollen, ermöglichen, hierher zu kommen und von hier aus zu operieren, erreichen wir eine Vielzahl von unterschiedlichen sozialen Gruppen in der Stadt, ob reich oder arm. 13
Mit Hilfe dieser vielfältigen Dienstangebote und einem Heer von engagierten Freiwilligen ist mein Traum Wirklichkeit geworden. Ich bin heute stolz darauf, in der Los Angeles International Church zu arbeiten, der Gemeinde, die niemals schläft.
14
Kapitel 1
Abende mit Hamburgern
E
s war gerade 18.45 Uhr und der Gottesdienst sollte gleich beginnen. Meine Mutter und ich bogen auf den riesigen Parkplatz ein. Ich – damals noch ein kleiner, überaus schüchterner Junge, ein regelrechter Angsthase – sprang aus dem Auto und lief auf das große Gebäude zu. Der Sonnenuntergang in Arizona war wirklich eindrucksvoll, und eine herrliche Kirche, umgeben von einer bezaubernden Bergkulisse, stand in ihrer ganzen Pracht vor mir, als ich zum Eingang hinüberging. Es war immer ein schöner Spaziergang vom Parkplatz zum Gemeindegebäude. Jeden Sonntagabend legte ich denselben Weg zurück, vorbei an gepflegten Rasenflächen, herrlichen Springbrunnen und dem bunten Glasfenster, auf dem Jesus abgebildet war, wie er mit einem Blick voller Erbarmen seine Hände ausstreckte. Dahinter stand ein üppiges Blumenarrangement. Ich betrat die Kirche, so wie ich es Hunderte von Malen zuvor getan hatte, und nahm die Pracht gar nicht mehr wahr, an der ich so lässig vorbeischlenderte. Es war keine normale Gemeinde, aber was wusste ich damals schon davon? Ich hatte mich daran gewöhnt. Ich setzte mich auf eine Bank in der Mitte der unteren Ebene und war mir des riesigen Baus und der vielen Tausend Besucher gar nicht bewusst, die Sonntag für Sonntag bei uns zusammenkamen. Ich wartete darauf, dass die Wasserfontäne wie ein Vorhang 15 Meter hoch emporschoss und ich dann in den Gesang des 15
dreihundertstimmigen Chores einstimmen würde. All das war Teil meines Lebens; hier war ich als Sohn des Pastors einer Megagemeinde aufgewachsen. Gegen 19.45 Uhr begann der Pastor mit seiner Predigt. Es war wieder einmal eine beeindruckende Botschaft. Danach rief er alle auf, nach vorne zu kommen, die Jesus persönlich als ihren Herrn und Erlöser annehmen wollten. Und wie jeden Sonntag machten sich Hunderte auf den Weg zum Altar, um Jesus in ihr Leben einzuladen. Reiche, Menschen mit mittlerem Einkommen, Wohnsitzlose – sie alle fühlten sich hier angenommen. Sie erlebten Gottes Liebe und das Gebet ihres Pastors vermittelte ihnen Hoffnung. Dann war der Gottesdienst vorüber und die Menschenmenge strömte den Ausgängen zu. Mein Vater stand noch bis ganz zum Schluss im Saal und sprach mit den letzten Besuchern. Ich wusste, dass er müde war. Ich konnte es an seinen Augen erkennen. Aber er versuchte, ein Lächeln zu bewahren und jedem Gesprächspartner seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Nur mir, als seinem Sohn, fiel es auf, dass er erschöpft war und nach Hause wollte, doch er hatte einen Auftrag: Menschen zu lieben und sich um ihre Nöte zu kümmern. Mein Vater und ich hatten eine kleine Tradition. Als ich noch ein Junge war, gingen wir jeden Sonntagabend nach dem Gottesdienst in ein Hamburger-Lokal und sprachen über das Leben. Obwohl er gerade mit einer schier endlosen Schlange von Menschen geredet hatte, brachte er immer die Energie auf, mir zuzuhören. Ich liebte meinen Vater aus vielerlei Gründen, die sonst niemand in der Gemeinde kannte. Wir redeten keineswegs nur über religiöse Dinge. Das taten wir eigentlich nur selten. Er war schlicht und einfach mein liebster Kumpel, der allerbeste Freund, den ich hatte. 16
Die Abende im Hamburger-Restaurant waren mein Jüngerschaftstraining und meine Quelle von Trost, wenn mich etwas bedrückte; sie legten die Grundlage für alles, was ich später brauchen würde. Mein Vater musste oft schmunzeln über die merkwürdigen Fragen, die ich ihm stellte. Doch es gab so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz zwischen uns, das besagte: „Was auch immer du wissen willst, frag einfach.“ Und ich fragte. Die Jahre vergingen und ich wurde ein Teenager. Doch auch jetzt noch hielten wir am Brauch unserer HamburgerAbende fest. Obwohl ich inzwischen mehr Wert auf Unabhängigkeit legte und viel mit meinen Freunden unternahm, von diesen Abenden mit meinem Vater konnte ich nie genug bekommen. Unsere Gespräche waren nun tiefschürfender. Wir sprachen über die Zukunft, über Träume und Ziele und was ich mit meinem Leben anfangen würde. Die Idee, Pastor zu werden, lag mir fern, und ich war darauf bedacht, dass sich daran auch nichts änderte. Der Grund dafür lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Furcht. Wer würde in die Fußstapfen eines Mannes treten wollen, der wohl als einer der großen Männer der Christenheit in die Geschichte eingehen wird? Es schien mir, als ob ich bei allem immer am Erfolg meines Vaters gemessen werden würde. So beschloss ich, dass ich etwas anderes mit meinem Leben anfangen wollte. Ich war mir durchaus bewusst, wie gut es mir ging. Ich rebellierte nicht dagegen, Sohn eines Pastors zu sein, indem ich mich mit Mädchen herumtrieb, mich betrank oder mit Drogen herumexperimentierte. Natürlich, niemand ist vollkommen, aber mich zog nichts in diese Richtung. Im Gegenteil, ich liebte Gott aus ganzem Herzen und kann mich nicht daran erinnern, jemals einen Sonntagsgottesdienst 17
verpasst zu haben, auch während der Höhen und Tiefen meiner Teenagerjahre. Viele Pastorensöhne können wahre Horrorgeschichten erzählen – von Vätern, die niemals Zeit für die Familie hatten, oder dem Druck, der auf ihnen lag, weil sie der Sohn des Pastors waren. Ich empfand dies nie so. Ich habe mein Los niemals als Belastung angesehen. Mir gefiel fast alles, was das Leben mir bot; es war eine angenehme und befriedigende Art aufzuwachsen. Gleichzeitig hatte ich aber auch schon immer das Gefühl, dass Gott etwas Besonderes mit mir vorhatte. Ich dachte nie, dass es eine Berufung zum geistlichen Dienst sein würde, aber ich wusste, dass etwas Großes geschehen würde, was mein Leben dauerhaft veränderte. Ist es Ihnen auch schon einmal so ergangen? Sie wussten, irgendwann würde irgendetwas passieren, was Sie auf eine dramatische Weise verändert. Eine innere Ahnung, dass etwas geschehen wird, was das Leben auf den Kopf stellt, was den Dingen eine völlig neue und aufregende Wendung geben wird?
Das Jugendlager, das mein Leben auf den Kopf stellte Es war Juni und wie immer Zeit für das Jugendlager unserer Gemeinde. Ich war damals gerade 15 Jahre alt. So packte auch ich meine Koffer und konnte es kaum erwarten, in die Berge von Colorado zu fahren. Meine Gedanken kreisten damals um viele Dinge. Die wenigsten davon – das muss ich ganz ehrlich gestehen – hatten etwas mit Gott zu tun. Ich dachte an meine Freunde, an die sportlichen Aktivitäten, an Wettkämpfe, die Freiheit von zu Hause – und natürlich an Mädchen. Mir gefiel eigentlich alles am Jugendlager, abgesehen von den Abendgottesdiensten, die ich einfach langwei18
lig fand. Wir sangen eine Stunde lang, dann hörten wir eine einstündige Predigt, danach weinten alle zwei Stunden am Altar, und schließlich gingen wir spät abends alle auf unsere Zimmer. Aber ich konnte damit leben, weil wir die übrige Zeit viel Spaß hatten. Nicht, dass mir Gott nichts bedeutet hätte, ich wollte einfach den Gemeindealltag für eine Weile hinter mir lassen. Die ersten beiden Abende waren nach dem gewohnten Schema abgelaufen: Singen, Predigt, danach eine Menge weinender Jugendlicher am Altar, die zu Gott riefen und ihr Leben mit ihm in Ordnung bringen wollten. Dieser Teil war beeindruckend. Einige, die immer ausgesprochen verhärtet und aufmüpfig gewesen waren, demütigten sich und gelobten Gott, von nun an den geraden und engen Weg einzuschlagen. Es war aber ein durchaus vertrauter Anblick; ich hatte die Kraft Gottes ja zu Hause auch schon oft in Aktion erlebt. Am dritten Abend beschloss ich, dem Gastredner wirklich zuzuhören. Ich kann mich nicht mehr im Einzelnen erinnern, worüber er sprach, aber ich glaube, es ging darum, welche Möglichkeiten sich uns eröffnen, wenn wir die Kraft Gottes in uns haben. Seine Botschaft war kurz, und als ich so zuhörte, wunderte ich mich über die Leidenschaft, mit der der Gastredner sprach. Das Feuer des Heiligen Geistes hatte ihn wirklich gepackt! Ich glaube, dieser Eifer für Gott war es, der mich zu Tränen bewegte, noch vor dem Aufruf, nach vorn zu kommen. Er rief all diejenigen zum Altar, die auch diese Kraft in ihrem Leben sehen wollten. Ich ging die Stuhlreihen entlang nach vorne, er betete für mich, ich fiel auf die Knie und stand die nächsten fünf Stunden nicht wieder auf. Ich erinnere mich nicht, ob an jenem Abend noch jemand für mich betete. Falls es so war, habe ich es 19
nicht gemerkt, so sehr befand ich mich in meiner eigenen Welt. Glaube durchströmte meine Seele, Liebe für andere Menschen kam über mich, und als ich gegen 2 Uhr morgens den Gottesdienstraum verließ, wusste ich, dass ein Kapitel meines Lebens abgeschlossen war; ein neuer Matthew Barnett war nun im Werden. Als ich aus der kleinen versteckten Bergkapelle heraustrat, schien alles verändert: die Sterne, die Bäume, das Leben überhaupt. An jenem Abend war etwas Besonderes mit mir geschehen. Mein Herz war nun von dem tiefen Wunsch durchdrungen, mich von Gott gebrauchen zu lassen. Ich hatte keine besondere Vision; ich hörte keine Worte, die mein Leben umgekrempelt hätten. Aber ich war nun bereit, alles zu tun, was er mir zeigen würde. Am liebsten wäre ich direkt nach Hause gefahren, um allen mitzuteilen, was Gott in meinem Leben getan hatte. Als ich schließlich wieder zu Hause war, berichtete ich meinem Vater an unserem nächsten Abend im HamburgerLokal über die Ereignisse. Er war überglücklich, denn es war offensichtlich, dass meine neue Leidenschaft für Jesus echt war. Im Gottesdienst saß ich nicht mehr hinten, ich setzte mich nun ganz nach vorne. Wenn mein Vater predigte, war ich innerlich voll dabei und ging mit. Das Feuer in mir zeigte sich auch in Taten. Sonntagabends ging ich immer in die Innenstadt von Phoenix, las Wohnsitzlose auf und brachte sie mit in die Gemeinde. Jeden Samstag besuchte ich Sozialwohnungssiedlungen und holte Kinder von Alleinerziehenden zur Kirche ab. Meine Arbeit für Gott füllte nun mein Leben aus, und ich genoss jede Minute von allem, was ich tat.
20
Gottes Plan für mein Leben An einem heißen Sommerabend lag ich auf der Motorhaube meines Autos. Mit 16 Jahren dachte ich viel über meine Zukunft nach. Plötzlich schenkte mir Gott ein Bild, in dem ich eine Stadt in Not sah. Gott ließ diese Stadt wieder und wieder vor meinem inneren Auge erscheinen. Es war Los Angeles. Wann immer ich zuvor an Los Angeles gedacht hatte, waren mir die üblichen Dinge eingefallen, an die man dabei eben denkt: Disneyland, die Universal-Filmstudios und Hollywood. Noch nie hatte ich an die Elendsviertel der Innenstadt gedacht. Ich hatte auch nie daran gedacht, mit Gangs, Prostituierten oder Leuten aus Armen-Ghettos zu arbeiten. So schloss ich, dass der Traum wohl von Gott sein müsste. Das Bild zeigte mir, dass ich eines Tages Pastor einer Gemeinde mitten in Los Angeles sein würde. Ich rang mit Gott, so wie Jakob es am Ufer des Jabbok getan hatte. Am Ende gewann Gott. Er gewinnt immer, und wenn er gewinnt, gewinnen im Grunde auch wir. An jenem Abend ordnete ich ihm meine Wünsche unter, und mir war klar, dass ich tun würde, was auch immer er mir auftrug. Ich sagte: „Gott, ich werde den Menschen von dir erzählen.“ Ich wusste nicht, wann ich nach Los Angeles kommen würde, aber ich sagte Gott, dass ich damit anfangen wolle, wo immer er mir Gelegenheiten geben würde, sei es in Gemeinden, in Jugendgruppen oder in anderen Diensten. Mit 17 Jahren fing ich an, in Gemeinden überall in Arizona zu sprechen. In kleinen Landgemeinden, an Raststätten und sogar in Indianerreservaten. Einmal fuhr ich vier Stunden mit dem Auto, um in Springerville (Arizona) vor einer Gemeinde mit zwölf Mitgliedern zu predigen. Dann eröffnete der Herr mir neue Möglichkeiten und ich 21
wurde auch in andere Bundesstaaten eingeladen. Ich flog im Land umher, sprach auf Evangelisationsveranstaltungen und Jugendkonferenzen. Es war ein Lebensstil, der mir sehr gefiel. Ich war jung, hatte ein erkleckliches Auskommen aus den Kollekten, die man für mich sammelte, und ich war für ein Jahr im Voraus ausgebucht. Ich schien die Richtung für mein Leben gefunden zu haben und machte das Beste daraus. Ich glaubte, dass dies meine Berufung sei, und der Gedanke an Los Angeles war weit weg. Während meiner Highschool-Jahre verbrachte ich die großen Sommerferien immer bei meiner Großmutter in Kansas City. Dort sprach ich in verschiedenen Gemeinden in der Umgebung, so wie sie es jeweils für mich arrangiert hatte. Morgens ging ich immer auf die kleine Koppel neben ihrem Haus, um zu beten. In meinem letzten Schuljahr wurde ich jedoch das ungute Gefühl nicht los, dass etwas Neues geschehen würde, so als würde ich die Dinge, die ich tat und die mir so lieb geworden waren, nicht mehr sehr lange tun. In den letzten Jahren hatte sich so vieles verändert, und es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass nun wiederum große Veränderungen bevorstanden. Ich war überhaupt nicht begeistert über diesen konstanten Fluss von Veränderungen; die Lust auf Neues war mir einfach vergangen. Wie gerne hätte ich mich auf das gefreut, was mir bevorstand, aber ich konnte es nicht. Schon bald schlossen sich die Türen zu meinem bisherigen Dienst, und ich machte keinerlei Anstrengungen, wieder daran zu klopfen und zu rütteln. Wollte Gott mich etwa ausschließen? War er mir vielleicht böse? Was auch immer es war, ich war sehr verwirrt und verunsichert. Monate gingen ins Land und mein Terminkalender blieb leer. Ich erhielt keine Einladungen mehr von Gemeinden, und 22
so verbrachte ich die Sonntage dort, wo ich all die Jahre immer gewesen war: in der ersten Reihe in der Gemeinde meines Vaters. Mir war merkwürdig zumute: Erst flog ich durch die Lande und fühlte mich wichtig und nützlich, und dann stand ich plötzlich wieder dort, wo ich als Junge gewesen war. Mit all der freien Zeit, die ich nun hatte, kamen mir eine Menge Fragen an meinen Vater, die wir wieder in unserem alten Lieblingslokal an der Bell Road besprachen. Er war immer geduldig und verständnisvoll und gab mir die Ermutigung und Bestätigung, die ich so dringend nötig hatte. Wenn auch meine Welt scheinbar aus den Fugen geriet, diese Abende mit meinem Vater blieben mir, das wurde mir in dieser Zeit wohltuend bewusst. Da auch er mich an seinen Höhen und Tiefen teilhaben ließ, lernte ich von ihm, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen. Wann immer ich mich niedergeschlagen fühlte, erzählte er mir von einem jungen Mann, dem es genauso ergangen war – ihm selbst. Zu jener Zeit wusste ich nicht, was mit mir los war, aber eines war klar: Gott hatte während meiner Teenager-Jahre etwas Besonderes getan. Was Gott in dieser neuen Phase wirkte, war noch nicht sichtbar. Heute weiß ich es. Er verband mich und meinen Vater nicht umsonst so fest miteinander. Die Zeit meines Reisedienstes war vorüber; es war nun Zeit für eine neue Jüngerschaftsphase mit meinem Vater dort im Restaurant. Fast alles andere in meinem Leben stand eine Zeit lang still, doch meine Beziehung zu meinem Vater vertiefte sich. Gott sei Dank, denn schon bald würde ich diese Beziehung brauchen! In meinem Leben ereigneten sich tief greifende Veränderungen.
23
Kapitel 2
Abschied von Phoenix
E
ines Tages erhielt mein Vater einen Anruf von einem hochrangigen Amtsträger der Assemblies of God (die größte pfingstliche Denomination in den USA). Er bat um ein Gespräch mit meinem Vater, weil er ihm eine sehr wichtige Anfrage unterbreiten wollte, und kam schließlich nach Phoenix – wie ein Agent in geheimer Mission, um seinen Plan im Detail zu erläutern. Sie müssen wissen, dass mein Vater zu jener Zeit im Grunde keine Zeit für ein neues Projekt hatte, hatte er doch eine der größten Gemeinden in Amerika aufgebaut, die damals 14 000 Mitglieder zählte. Das war dem Besucher sehr wohl bewusst, und doch muss er gedacht haben, dass es sich lohnen würde, seinem alten Studienkollegen die Sache zumindest anzutragen. Mein Vater war gerade 56 Jahre alt und hatte geplant, weiterhin seine Gemeinde zu leiten, ein schönes Haus in einer vornehmen Wohngegend außerhalb von Phoenix zu kaufen und sich dort niederzulassen. Das sagte er uns zumindest, geglaubt haben wir es ihm nie so recht. Er war immer mit Leib und Seele Pastor und ein Visionär, der Herausforderungen liebte. Der Mitarbeiter der Assemblies of God berichtete uns darüber, was aus den Gemeinden in den heruntergekommenen Stadtzentren Amerikas geworden war. Dabei gebrauchte er Los Angeles als Beispiel. Die meisten Gemeinden un24