Bruno SpieĂ&#x;winkel Rendezvous mit Gott
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Bruno SpieĂ&#x;winkel
Rendezvous mit Gott Geschichte(n) um den Gottesdienst
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Copyright © 2006 by Asaph Verlag, D-Lüdenscheid 1. Auflage 2006 Umschlaggestaltung: joussenkarliczek, D-Uhingen Satz/DTP: Jens Wirth/ASAPH, D-Lüdenscheid Illustrationen von Bruno Spießwinkel Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in the EU ISBN-10: 3-935703-79-1 ISBN-13: 978-3-935703-79-6 Bestellnummer 147379 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH – D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net – www.asaph.net
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Inhalt Geleitwort von Dr. theol. Dieter Müller Gottesdienste
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1. Eine Passionsandacht und zweimal Abendmahl
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2. Zwei Gottesdienste in Italien und andere geistliche Erfahrungen
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3. Mein Name ist Klaus …
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4. Einmal Advent und zweimal Weihnachten
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5. Kingswood, Dessau, Hamburg und Berlin
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6. Renate, Rüdiger, Cornelia und Oluf erzählen
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7. Geschichte und Gegenwart
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8. Carola, Werner, Karin und Anna schreiben
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9. Ein Inder predigt, eine Rumänin erzählt und Karsten erinnert sich
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10. Aus China und Norwegen Schlusswort
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Geleitwort Nur 4 % der Kirchensteuerzahler in den evangelischen „Volkskirchen“ besuchen den Gottesdienst. In der Kirche eines kleinen thüringischen Dorfes feierte ich im Urlaub mit sechs Christen den Gott, der aus Liebe zu den Menschen Mensch wurde. Vier Prozent – das ist zweifellos Symptom einer Gottesdienstkrise mit tief greifenden Folgen für Mensch und Gesellschaft. Bruno Spießwinkels schlicht erzählendes Büchlein ist eine – zugegeben naive – Einladung, gemeinsam Wege aus der Krise zu gehen. Er gründet keine Gottesdienstwerkstatt, er entwickelt nicht Modelle für Gottesdienste in neuer, zeitgemäßer Gestalt, er weist geradezu einfältig auf die vitale Mitte jedes bibelgerechten Gottesdienstes, und die ist der drei-eine Gott, und der erschließt sich in Jesus Christus als leidenschaftlich kommunizierende Liebe. Was liegt näher, als ihn in der Kraft des Heiligen Geistes zu feiern? Die Gottesdienste, von denen Bruno Spießwinkel erzählt, sind nicht Renommiermodelle des menschlichen Geistes. Manche folgen ganz normal den gewöhnlichen Gottesdienstordnungen der Kirchen, in denen sie sich ereignen. Sie wirken nicht effekt- und eindrucksvoll, weil sie professionell geplante und kreativ durchgestylte Events wären. Sie sind nicht machbar. Nein, sie leben von der ebenso heiligen wie barmherzigen Gegenwart Gottes. Diese wird nicht dogmatisch behauptet, sondern ihr vertrauen sich Menschen mit Leib, Geist und Seele an. Solche Gottesdienste sind Kunstwerke des Glaubens, den Gottes Geist 7
da schafft, wo Menschen ihm die Gottesdienste, aber vor allem ihr Leben öffnen. Bruno Spießwinkel berichtet von Gottesdiensten, in denen sich für Menschen der Himmel öffnet. Es sind Feiern, in denen Jesus den Raum ausfüllt und Menschen Wunder erleben. Sie erfahren, dass Gott hingegebene kreative Liebe ist, und beginnen, Gott hingerissen zu loben und zu preisen. Solche Gottesdienste finden statt in lutherischen, katholischen, orthodoxen oder freien Kirchen. Jesus ist kein Konfessionalist. Die Menschen, die sich in diesen Gottesdiensten um Jesus sammeln, gehören kaum zu den gesellschaftlichen Eliten. Aber sie haben Hunger und Durst nach Gott. Und nicht selten gleicht ihr Leben zur Zeit der persönlichen Gottes-Erfahrung einem Tanz auf dünnem Eis, das zu brechen droht. In solchen Gottesdiensten wächst die Gemeinschaft, die es erlaubt, die Lasten des Lebens und die Erfahrungen der Güte Gottes zu teilen. Hier entwickelt sich das Vertrauen, dass Jesu Hand zu halten vermag, wie tief auch immer die Abgründe sind, über die der Glaubende hinweg muss. In den Erinnerungen, die Bruno Spießwinkel aufschreibt, kommt der hochreale Gott der Bibel auf den Leser zu. Dieser Gott ist alles andere als der „liebe Gott“, der in weiten Teilen der „Volkskirche“ sein Unwesen treibt. Beim Abendmahl am Gründonnerstag zwingt die Heiligkeit Gottes Bruno Spießwinkel buchstäblich aus der Kirche: „Wie kannst du Sünder es wagen …“ Aber schon an der Tür verwandelt sich der Gott, der da kommt, zu richten die Lebenden und die Toten, in das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt, und der spätere Pastor hört Jesu Wort „Komm“. Und 8
als er dann Leib und Blut Christi empfängt, da durchströmt ihn ein Glücksgefühl wie nie zuvor, und alles in ihm betet Gott an. Als ich das las, wuchs in mir die Sehnsucht nach der Abendmahls-Erfahrung „Gott und Mensch an einem Tisch vereint“. An diesem Tisch in Brot und Wein begegnet der Mensch nicht nur dem vergebenden, dem tröstenden, dem ermutigenden Gott, sondern auch dem heilenden Jesus. Bruno Spießwinkel erzählt erstaunliche Erfahrungen mit der in Brot und Wein gehüllten Liebe Jesu, der selbst da zu heilen die Macht hat, wo Ärzte den Kranken aufgegeben hatten. In den Zeugnissen dieses Büchleins zeigt sich, dass Jesu begeisternde Kreativität im Gottesdienst nicht auf rituelle Gleichschaltung zielt – die ist tödlich –, auch nicht zuerst auf die Schönheit bewährter Formen – die sind gewiss kostbar –, nein, Jesus sucht den Menschen, der ihn braucht. Der Gottesdienst ist für den Menschen da. Jesus will ihn in die Arme nehmen wie der Vater im Gleichnis den verlorenen Sohn. Er will ihn zum Bürger des Himmels machen, wo die Liebe Gottes den Menschen zur Anbetung hinreißt. Oft lockt Jesus im Gottesdienst Einzelne aus der Gemeinschaft des gemeinsamen Betens, Lobens und Hörens heraus zum intimen Rendezvous. Und sie erfahren sehr intim die Seelund Leibsorge Gottes. Und wo Christen sensibilisiert für die Liebe Jesu und die Not von Menschen Gott feiern, da ist auch Raum für Tränenfluten, die nicht selten belastende und blockierende Verletzungsgeschichten aus Menschen herausschwemmen. Wo Gottesdienste durch Gottes Geist vitalisiert werden, da ist das nicht mehr peinlich, selbst wenn es in der Kathedrale und in Gegenwart eines Bischofs geschieht. 9
Gefesselt hat mich die Erinnerung an Felix Paulsen, Pastor, Nachfolger Jesu Christi und Chinamissionar. Dieser Liebhaber Jesu und der Chinesen hatte zwei Jahre lang die kommunistische Hölle des Massenmörders Mao Zedong durchlebt. Während er in den 50er-Jahren nach seiner Freilassung in Hamburg auf der Kanzel steht, ein kleiner, zittriger, geschlagener Mann, da ist das erste Wort, das er spricht, und das Bruno Spießwinkel überwältigt: „Jesus“. Als Felix Paulsen diesen Namen ausspricht, füllt sich in Bruno Spießwinkels Wahrnehmung die Kirche randvoll mit Gottes Liebe, die stärker ist als der Tod. Aus dem Namen Jesus strömt das versöhnende Erbarmen des Gottes, der sich am Kreuz auf der Müllhalde vor Jerusalem verzweifelt nach den Menschen ausstreckt: nach der mordlüsternen Soldateska, den dämonisierten Gaffern, den kühl kalkulierenden Machthabern, den blutsaugenden Geschäftemachern aller Zeiten, aber wohl kaum weniger nach Ihnen und nach mir. Bruno Spießwinkel erinnert sich, dass er von der Predigt kein Wort mehr aufnahm. „Jesus“, der Name, war mehr als genug: „Ein Segen überflutete mich, der meine arme Fassungsmöglichkeit weit überstieg.“ Bruno Spießwinkels Erinnerungen bezeugen: Hier liegt das Geheimnis, aus dem geistvoller Gottesdienst lebt. Bruno Spießwinkel hat ein inspirierendes Büchlein geschrieben, das es in sich hat. Ganz nebenbei macht es Lust zu Gottesdiensten, in denen ärgerliche Langeweile knisternder Spannung weicht und sterbende Kirchen lebendig werden. Ohne Gottes Geist kann es allerdings nicht geschehen. Dr. theol. Dieter Müller 10
Gottesdienste Als die ersten Gesandten des Evangeliums mit ihrer Botschaft in alle Welt hinauszogen, wie ihr Meister es ihnen gesagt hatte, waren sie wie er selber Juden und gingen selbstverständlich als Erstes in ihre Synagogen, in die „Schulen“ und „Lehrhäuser“ ihres Volkes. Dort wurden die heiligen Schriften aufbewahrt: die fünf Bücher Mose in der Rolle der Thora, der Weisung, sowie die Rollen der Propheten und der Weisheitsschriften. Sie wurden nicht nur aufbewahrt, sondern auch an jedem Schabbat gelesen. Gerade sie waren für das Zeugnis von Jesus unerlässlich. An ihnen konnten die Boten Christi ihre wunderbare Nachricht als schon längst von Gott vorausgesagt beweisen. Das hatte schon ihr Herr selber getan, als er in der Synagoge von Nazareth über Jesaja 61 predigte (Lk. 4,16-22). Für die Versammlungen in den Synagogen hatten sich im Laufe der Zeit natürlich bestimmte Formen ausgebildet. Die Lesungen waren von Psalmgesängen umrahmt, ein Vorbeter sprach festgelegte Gebete und alles besaß eine gewisse Ordnung. So ist es nur verständlich, dass die jungen Gemeinden aus Juden und Heiden für ihre Zusammenkünfte vieles aus der Synagoge übernahmen. Von Anfang an aber war zu den Lesungen und der Schriftauslegung eines dazugekommen: die Feier des später so genannten „Abendmahls“. Aber bald folgten auch eigene Gesänge; einige von ihnen haben wir noch heute im Neuen Testament (z. B. Phil. 2,6-11, Kol. 1,15-20, Eph. 5,14). Im Laufe 11
der Kirchengeschichte haben sich dann daraus vielfältige Gottesdienstformen und Liturgien entwickelt: die orthodoxen, die römisch-katholischen, die reformierten oder freikirchlichen. Die Grundform ist aber fast in allen bis heute erhalten: Gebet, Schriftlesung, Auslegung, Lobgesang und das Abendmahl. Dabei erscheint mir bemerkenswert, dass es weder im Alten noch im Neuen Testament ein Wort gibt, das mit unserem Wort „Gottesdienst“ richtig übersetzt ist. Die meisten Übersetzungen, die „Gottesdienst“ lesen, geben damit Begriffe wieder, die genau genommen „Amt“, „Dienst“, „Zusammenkunft“ oder „Versammlung“ bedeuten. Wie eine Skizze eines urchristlichen Gottesdienstes können wir 1. Kor. 14,25 lesen: „So oft ihr euch versammelt, hat ein jeder etwas in Bereitschaft: ein geistliches Lied, einen belehrenden Vortrag, eine Offenbarung, eine Zungenrede, eine Auslegung; – das alles lasst zur Erbauung der Gemeinde dienen“ (nach Menge). Doch eben davor schreibt der Apostel, dass ein Uneingeweihter in der Versammlung erkennen müsste, dass hier Gott selber anwesend ist. Und eben dies entspricht in etwa dem, was Israel mit seinen Worten für Gottesdienst meinte, nämlich: Begegnung mit der Gnade Gottes.
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Kapitel 1
Eine Passionsandacht und zweimal Abendmahl So leer und kalt unsere gewöhnlichen Gottesdienste uns auch oft erscheinen mögen, so nichtssagend und bedeutungslos unzählig viele Predigten an unsern tiefsten Fragen und Sehnsüchten vorbeireden können, der dreimal Heilige vermag sich dennoch in ihnen und durch sie zu offenbaren. In unseren kümmerlichen Versuchen, Gottesdienst zu feiern, ist es ihm möglich, uns so zu begegnen, dass wir es nie vergessen. Ich war noch kein ganzes Jahr zum lebendigen Glauben erweckt worden, als ich das zum ersten Mal bei einer Passionsandacht und acht Tage später im Gründonnerstag-Abendmahl erlebte. Als wäre es gestern gewesen, so steht es mir heute nach über fünfzig Jahren vor der Seele: Zur Predigt war in der geräumigen, nur wenig besuchten Kirche alles Licht ausgeschaltet. Nur die beiden großen Kerzen auf dem Altar brannten. Der Pastor predigte darüber, wie die Menschen für Barrabas Freiheit und für Jesus Verurteilung forderten. Und er gebrauchte dazu seine bekannte Rednergabe in eindrucksvoller und packender Weise: „Barrabas saß in seiner Zelle, dann stand er an dem kleinen vergitterten Fenster. Er hörte, dass die Menschenmenge draußen immer wieder seinen Namen brüllte. Durch die Gitterstäbe sah er die vielen Füße. Es 13
wurde still. Dann stampften hallende Soldatenstiefel auf dem Gang zu seiner Zelle. Der Schlüssel knarrte im Schloss. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Die Tür flog auf, eine raue Soldatenhand schlug ihm schwer auf die Schulter: ‚Mensch, hau ab!‘“ – Da erhob sich sein Kollege, der Nachbarpastor, leise aus seiner Bank und verließ in stillem Protest die dunkle Kirche. Welch ein wortgewaltiges Einmann-Theater in einer Passionsandacht! – Aber dann geschah es nur acht Tage später in derselben Kirche, derselbe Pastor hielt den Abendmahlsgottesdienst zum Gründonnerstag. Die Kirche war voller. Von der damaligen Predigt weiß ich nichts mehr. Aber bei der dann folgenden Einladung zum Tisch des Herrn, ganz unerwartet, war er da. Mit vielen anderen erhob ich mich, um die Kirche zu verlassen. Wer war ich, dass ich es wagen könnte, in seine Nähe, an seinen Tisch zu treten? Irgendwie schien mich etwas von seiner Heiligkeit angerührt zu haben. Ich kam bis zur Tür. Da durchfuhr es mich noch heftiger: Ja, wer war denn ich, dass ich es mir herausnehmen wollte, Gottes Einladung den Rücken zu kehren? Ich stand wie angewurzelt, während andere an mir vorüber ins Freie traten. Nie zuvor verspürte ich diesen Gegensatz unseres menschlichen Wesens zu unserem Schöpfer so erschütternd, so bis ins Körperliche hinein, und ich wüsste nicht, wann je danach. Dort in der Kirchentüre wurde mir bis in die tiefste Tiefe meines Wesens bewusst, bewusst in unglaublicher Klarheit: Unwürdig bist du vor diesem Gott, so oder so, sündig immer, ob du weitergehst oder umkehrst. Du kannst nicht zu seinem Tisch, aber noch weniger kannst du jetzt weggehen. Du 14
hast die Einladung gehört. Es war so furchtbar, dass ich das Unmögliche tat: Ich drehte mich um und ging wieder zurück, hinein in die Kirche, hin zum Altar. Und ich wusste, was du jetzt tust, das kannst du gar nicht! Wie darfst du es wagen? Nur wäre das Weggehen noch unmöglicher gewesen. Und als ich dann dastand mit den anderen im Kreis und den Leib und das Blut Jesu Christi empfing, durchströmte mich plötzlich ein solches Glücksgefühl, wie ich es vorher nie für überhaupt möglich gehalten hätte. Welch eine Liebe! Ich weiß nur noch, alles in mir war Anbetung, als ich wie benommen die Kirche verließ. Viele Jahre später fragte ich in Lübeck eine junge Frau, wann sie das letzte Mal in einem Gottesdienst gewesen sei. Sie antwortete richtig amüsiert: „Gottesdienst? Was soll ich denn da? Was höre ich denn dort? Dieses Blabla, dieser Schmu – besten Dank!“ Ich konnte sie so gut verstehen. Hätte sie dort jemals IHN, Gott, der uns dienen wollte, gehört, so hätte sie das nicht sagen können. Was mag das für ein Gottesdienst gewesen sein, damals im Jahre 736 vor Christus, in dem Jahr, als der jüdische König Usia starb und Jesaja im Tempel plötzlich den Herrn auf einem hohen und erhabenen Thron sitzen sah, als er zum Propheten berufen wurde und all die anderen im Tempel, die Priester und Leviten und die Opfernden, es nicht sahen und die Stimme des Herrn nicht hörten. Sie feierten ihren Gottesdienst wie immer und mussten dann später von Jesaja hören, dass Gott ihre Opfer und Gottesdienste, ihre Psalmen und Gebete so gar nicht haben wollte. Doch gerade in solch einem Gottesdienst, wie ihn der dreimal Heilige nicht wollte, berief er seinen Bo15
ten. Es kann doch sein, dass jene Lübeckerin in Kirchen nur „Blabla und Schmu“ gehört hat, und trotzdem, und trotzdem hätte sie da den Höchsten hören können. Nun bin ich selbst ein Pastor. Wie viele Abendmahlsfeiern habe ich in all den Jahren gehalten in Kirchen und an Krankenbetten, hoch liturgisch und allereinfachst nur mit den Einsetzungsworten. In diesem Jahr aber, 2005, durfte ich eine mitfeiern, durch die ich und gewiss auch andere in ganz besonderer Weise gesegnet wurden. Wir feierten den Gottesdienst in Israel am See Genezareth. Mit einer kleinen Reisegruppe waren wir für ein paar Tage als Gäste in den Kibbuz Ma-Agaan, direkt am See, eingezogen. Abends spät waren wir angekommen und nun war es Palmsonntag. Wohin also zum Gottesdienst? In der wunderschönen Kirche der Benediktiner in Tabhga, in der sogenannten Brotvermehrungskapelle, sollte heute eine Messe gefeiert werden. (Von einem evangelischen Gottesdienst irgendwo in der Nähe wusste niemand etwas.) Wir machten uns rechtzeitig auf den Weg. Dort angekommen, mussten wir feststellen, dass die Kirche abgeschlossen war. Als wir noch ratlos davor standen, hörten wir von ferne ein Singen, das vom Kloster her langsam näher kam. Wir gingen dem Gesang entgegen. Da sahen wir auch schon zwischen den Olivenbäumen die Prozession herankommen, vorweg die Priester, dann Mönche und schließlich Gäste des Klosters. Alle trugen Palmenzweige und sangen aus Liederbüchern. Plötzlich löste sich eine Frau aus dem Zug, trat auf mich zu, nannte meinen Namen, umarmte mich und sagte: „Sie schickt der Himmel! Wie schön, dass ihr hier seid!“ Jene Frau, 16
so stellte sich heraus, kannte mich von den sogenannten Breklumer Tagungen. Sie war für kurze Zeit als eine Volontärin im Gästehaus dieses Klosters deutscher Benediktiner tätig und steckte gerade in einem seelischen Tief, einer Art Glaubenskrise, so dass nun allein unsere Anwesenheit für sie Stärke und Trost zugleich bedeutete. Welche Führung!
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Gemeinsam zogen wir in die bescheidene, schmucklose und zugleich wunderschöne Kirche in romanischem Stil. Vor dem Altar war das berühmte byzantinische Mosaik des Korbes mit den fünf Broten und den zwei Fischen in den Fußboden eingelassen. Es soll an Jesu Speisung der Fünftausend erinnern. Der Gottesdienst begann; er war anders, als man eine römisch-katholische Messe erwarten würde. Ein Priester, ein Mönch und zwei Laien lasen wie mit verteilten Rollen die ganze Passionsgeschichte nach Lukas, vom Einzug in Jerusalem bis zur Grablegung am Karfreitag. Dreimal wurde die Lesung durch Choräle unterbrochen. Dann folgte das Sakrament. Präfation, Gloria, Sanktus und die Konsekration mit dem Agnus Dei wie in jeder katholischen Messe, dann aber sagte der Priester, was wohl noch nie in einer Liturgie zu hören war, er sagte, und ich traute meinen Ohren nicht: „Alle, die Jesus lieb haben, sind herzlich zur Kommunion eingeladen.“ Natürlich gingen also auch wir zum Altar, und es folgte das zweite große Erstaunen: Wir erhielten das heilige Sakrament in beiderlei Gestalt, in Brot und Wein. Der eine Priester reichte die Oblaten, der andere den Kelch. Welch ein Geschenk! Als gäbe es keine Grenzen mehr zwischen den Konfessionen. Wir waren tief berührt. Der Gottesdienst schloss mit dem Segen. Einige Geschwister bewunderten noch die Mosaiken an der Nordwand der Kirche, als ich norwegische Worte hörte. Sofort ging ich zu der kleinen Gruppe, die in der Mitte des Ganges zusammenstand. Und tatsächlich, fünf Christen aus Norwegen hatten an diesem Gottesdienst teilgenommen. Zwei von ihnen waren Pastoren, die zur charismatischen 18
Erneuerung in der norwegischen lutherischen Kirche, der Oase-Bewegung, gehörten. Und zudem hatten wir auch noch gemeinsame Bekannte. Gott ist gegenwärtig. Noch immer segnet er sein Volk. So wie das heilige Abendmahl als Höhepunkt eines Gottesdienstes angesehen werden kann, weil in ihm die Gemeinschaft der Christen untereinander und zugleich die mit ihrem erhöhten Herrn besonders sinnfällig wird, so geschieht es auch immer wieder, dass sich in seiner Feier die segnende und heilende Kraft des Auferstandenen offenbart. Bischof Leich erzählt in seinen Erinnerungen, wie er zweimal erlebte, dass die Schwerkranken, als er mit dem Sakrament an Sterbebetten gerufen wurde, unmittelbar nach dem Abendmahl, ja, sogar während sie es empfingen, gesundeten und danach noch jahrelang lebten, einmal in seiner Amtszeit, einmal, als er bereits pensioniert war. Im ersten Fall war er noch junger Pfarrer und hatte das Krankenabendmahl in einem Wohnhaus in der Gemeinde zu halten, und im zweiten musste er dringend ins Hospital, der Patient sollte nur noch höchstens zwei Stunden vor sich haben. Die Ärzte sagten hinterher, es wäre ein für sie unerklärbares Wunder geschehen. Ich selber erlebte, wie eine ältere Dame, die auf zwei Krücken mühsam in die Kirche gekommen war und sich zum Empfang des Sakramentes nicht einmal von ihrem Platz hatte erheben können, plötzlich, kaum hatte sie es erhalten, aufsprang, laut in die Gemeinde hineinrief, dass sie keine Schmerzen mehr habe, und sich vor dem Altar mit Tanzschritten drehte. Erst kürzlich höre ich von einer Frau, die als ein lebendiges Gemeindeglied nicht nur im 19
Chor singt, sondern auch in der Arbeit an den Kindern mithilft, wo sie nur kann, dass sie in ihrem Leben schon zweimal gespürt habe, wie körperliche Schmerzen bei der Feier des Abendmahls verschwanden. Niemand sage mir nun, dass ich mit solchen Geschichten einem magischen Missverständnis des Sakramentes Vorschub leistete. Es handelte sich hier doch nicht um Schamanen, sondern um kirchlich ordinierte Pastoren. Hier geschah nichts in Trance oder geheimnisvoller Beschwörung. Es wurde die Abendmahlsliturgie gesprochen oder gesungen. Zudem wird durch alle Jahrhunderte hindurch und aus allen Erdteilen bezeugt, dass es Jesus Christus selber ist, der durch und an Menschen wunderbar wirken kann. Ein Pastor aus Angeln erzählt: „Die Nachricht traf uns hart: Krebs. Das durfte eigentlich nicht sein, nicht bei Claus, den wir alle als treuen Beter und biblisch tief gegründeten Mitchristen kannten. Aber es blieb dabei, man hatte einen schnell wachsenden Krebs im Bauchraum festgestellt, der bereits so eng mit den inneren Organen verwachsen war, dass er sich trotz großer Operation nicht mehr vollständig entfernen ließ. Nach Auskunft der Ärzte blieben nur noch wenige Wochen zu leben. Besuche am Krankenbett, gemeinsame Gebete, gemeinsame Tränen – und darin immer wieder die Erfahrung, dass Gott hindurchträgt, dass die Hoffnung auf eine Ewigkeit mit Jesus vieles von dem aufwiegt, was wir hier erleiden müssen. Schließlich der Gedanke, noch einmal Abendmahl zu feiern. In aller Eile wurde die Familie zusammengerufen – zusammen mit Kindern, Enkeln und engen Freunden 20
waren es gut fünfzig Personen, die sich in der Krankenhauskapelle versammelten. Es sollte keine vorgezogene Trauerfeier werden, darin waren wir uns einig. Wir wollten uns stärken lassen für den schweren Weg, der vor uns lag – und es tat gut, auf diese Weise miteinander zu singen, zu beten und auf Jesus zu sehen, der uns in Brot und Wein und in der Gemeinschaft begegnete. Claus hatte sich geweigert, im Krankenbett in die Kapelle geschoben zu werden; gegen den Rat der Ärzte saß er in einem Rollstuhl. Es sah so aus, als ob er für diese Abendmahlsfeier seine letzten Kräfte geopfert hätte, und so war eigentlich zu erwarten, dass es in den kommenden Tagen mit ihm rapide bergab gehen würde. Wunderbarerweise geschah genau das Gegenteil: Claus erholte sich zusehends, zwei Tage später wurden die letzten Schläuche gezogen, zwei Wochen später wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Kommentar des Chefarztes gegenüber seinen Kollegen: ‚Dies ist medizinisch nicht zu erklären. Wir haben hier einen Patienten, für den viel gebetet worden ist.‘ Zwei Jahre wurden ihm und seiner Familie geschenkt. Gnadenzeit.“
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Kapitel 2
Zwei Gottesdienste in Italien und andere geistliche Erfahrungen In der Osternacht des Jahres 387 feierte die Gemeinde im Mailänder Dom unter der Leitung ihres Bischofs, Bischof Ambrosius, einen Gottesdienst, der zu einem ganz besonderen werden sollte. Erst vor noch nicht ganz einem Jahr hatte der Lehrer der Beredsamkeit, Aurelius Augustinus, 32 Jahre alt, zum christlichen Glauben gefunden. Nun wollte er mit seinem Sohn und einem Freunde die heilige Taufe empfangen. In seinen „Bekenntnissen“ schreibt er als Bischof später: „Nicht satt werden konnte ich in jenen Tagen an dem wunderbaren süßen Genuss, die Tiefe deines Ratschlusses, o Gott, zu bedenken, den du zum Heil der Menschheit gefasst. Wie habe ich geweint bei deinen Hymnen und Gesängen, wie war ich innerlich bewegt, wenn deine Kirche von den Stimmen der Gläubigen lieblich widerhallte! Jene Klänge flossen in meine Ohren, Wahrheit träufelte in mein Herz, fromme Empfindungen wallten auf, die Tränen liefen …“ (Diese Art gemeinsamen Singens war erst vor ganz kurzer Zeit in der Mailänder Gemeinde eingeführt worden.) Und dann geschah es, dass eben nachdem Augustinus getauft worden war, spontan ein neues Lied entstand. Voller Anbetung begann Ambrosius: „Großer Gott, wir loben dich!“, und Augustinus setzte im Heiligen Geist fort: „Herr, wir preisen deine Stärke!“ So 22