Arni Klein Nichts zu verlieren
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Wenn du nichts hast, hast du nichts zu verlieren Bob Dylan
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Titel der englischen Originalausgabe: Nothing to Lose Copyright © 2003 Arni Klein Aus dem Englischen übersetzt von Tina Pompe Copyright © der deutschen Ausgabe 2006 Asaph-Verlag 1. Auflage 2006 Satz/DTP: Jens Wirth/ASAPH Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Printed in the EU ISBN-10: 3-935703-78-3 ISBN-13: 978-3-935703-78-9 Bestellnummer 147378 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net – Internet: www.asaph.net
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Ein Hinweis für meine Brüder und Schwestern in unserem Messias Jeschua Ich habe meine Geschichte ursprünglich für eine sehr spezielle Gruppe von Menschen aufgeschrieben, nämlich für alle, die sich irgendwo in ihrem Unterbewusstsein sehr wohl darüber im Klaren sind, dass es mehr im Leben geben muss, als man auf den ersten Blick meinen könnte, dass die sichtbare Welt um uns herum doch nicht alles sein kann. Dieses Büchlein soll eine Ermutigung für alle sein, die ehrlichen Herzens auf der Suche sind und die sich nach einer Wahrheit mit Ewigkeitswert ausstrecken. Ich habe die Erfahrung gemacht – und mit mir zahllose Menschen, denen ich in den letzten dreißig und mehr Jahren begegnet bin –, dass jeder Suchende die Wahrheit letzten Endes gefunden hat, vorausgesetzt, er war wirklich bereit, ihr ins Gesicht zu sehen. Obwohl die Ereignisse in diesem Heft alle stattfanden, ehe ich Jeschua kennen lernte, können auch die davon profitieren, die bereits wiedergeboren sind. Viele von uns, die bereits länger Christen sind, und da schließe ich mich selbst ein, waren lange Zeit der Meinung, dass wir nichts mehr von denen lernen können, die noch nicht in das Reich Gottes hereingekommen sind. Aber zu meiner eigenen großen Überraschung habe ich entdeckt, 5
dass der Zustand, in dem ich mich befand, ehe ich zum Glauben kam, in mir als Gläubigem eine tiefe, uneingestandene Eifersucht weckte. Wie Sie bei der Lektüre meiner Geschichte sehen werden, war mein Leben eine verzweifelte Suche, die nur in den Armen Gottes oder mit meinem Tod enden konnte. Damals war ich von einer solchen Leidenschaft getrieben, dass ich in einige recht merkwürdige Situationen geriet. Die Qual dieser Leere musste beendet und mein Hunger gestillt werden. Nachdem ich den Herrn kennen gelernt hatte, verschwand der Schmerz, und schon sehr bald hatte ich es mir in meinem neu gefundenen Leben sehr gut eingerichtet. Erst viele Jahre später begriff ich, dass ich das Feuer verloren hatte, das mich erfüllt hatte, als ich meinen Weg begann. Ich dachte: „Das kann doch nicht sein, dass den Herrn zu kennen ein weniger leidenschaftliches Leben mit sich bringen sollte, als verloren zu sein.“ Ich denke, Sie verstehen, worauf ich hinauswill. Ich bete, dass auch Sie auf Ihrer Reise diesen ewigen Schrei eines hungrigen Herzens finden … in Ihrem Innersten. Arni Klein
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Koste es, was es wolle, komme, was da wolle, Wahrheit ist das Einzige, was zählt.
Das ist ein Ruf und eine Reise, für die wir alles andere hinter uns lassen müssen.
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Ist es nicht bisweilen seltsam, wie wir oft durch unser Leben gehen, als wäre alles in bester Ordnung, aber dann wird mit einem Mal scheinbar ohne jeden ersichtlichen Grund unsere komplette Lebenseinstellung auf den Kopf gestellt? Das erinnert mich an ein Erlebnis, das ich einmal auf einem Highway im US-Staat New York hatte. Als ich aufschreckte, brach mir der kalte Schweiß aus. Ich war auf einem kurvenreichen Stück der Straße hinter dem Steuer eingenickt, während wir mit 80 Stundenkilometern unterwegs waren. Solange ich schlief, ging es mir gut, aber als mich im Erwachen die Erkenntnis überfiel, dass ich eingeschlafen war, zitterte ich am ganzen Körper.
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Vorab Die Revolution der sechziger Jahre war der Beginn von erdrutschartigen Veränderungen in der gesamten amerikanischen Gesellschaft. In vielen Menschen wurde zum ersten Mal das Bewusstsein für die Realität des inneren, geistigen Lebens geweckt. Ganz normale Durchschnittsbürger aus der Mittelschicht wurden fast über Nacht aus ihren geregelten Bahnen geworfen und machten sich auf die Suche. Einige experimentierten lediglich hier und da mit verschiedenen Lösungen, wobei sie Kostproben der unterschiedlichsten Gurus und Philosophien zu sich nahmen, die zu der damaligen Zeit gerade in Mode waren. Aber andere verkauften ihren gesamten Besitz, packten ihre Koffer und machten sich auf eine Reise, deren Ziel noch im Dunklen lag.
In unserer modernen Gesellschaft gibt es zahllose Menschen – aller Altersklassen in allen erdenklichen Lebensumständen –, die einen Punkt erreicht haben, 9
an dem die Spannung in ihrem Leben unerträglich wird. Der rapide zunehmende Werteverfall und fehlende Ideale haben das Fundament unseres Lebens ausgehöhlt, und wir müssen uns darüber klar werden, dass unser Haus lediglich auf Sand gebaut ist. Die Vorschriften und Prinzipien, die wir von unseren Eltern, Lehrern, religiösen Führern oder Mentoren übernommen haben, haben keinen Bestand mehr. Es gibt keinen Ersatz für persönliche Erfahrung oder Offenbarung. Wir müssen wissen, dass wir wissen, dass wir wissen. Das Einzige, das uns wirklich Frieden und Erfüllung bringen kann, ist die Wahrheit.
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Hallo . . . aufwachen! Ich war voll und ganz damit beschäftigt, die Karriereleiter als Werbemanager in meiner Firma zu erklimmen, als mich ganz unvermittelt die Realität ansprang. Ich war mit einem Mal völlig perplex, wie ich nur so lange hatte leben können, ohne mir jemals bestimmte Fragen gestellt zu haben:
Wer bin ich? Was bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist der Tod? Was ist richtig? Was ist falsch?
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Vom Augenblick unserer Geburt an gehen wir alle auf unser Grab zu. Wir sterben alle.
Kann es sein, dass unser Lohn darin besteht, dass wir einfach aufhören zu existieren, dass wir ins Grab gehen und nicht mehr sind, dass wir unser Bewusstsein verlieren und es uns nur noch in der Erinnerung eines anderen gibt? Wenn das wahr ist, macht es keinen großen Unterschied, ob man eins, vierzig oder hundertzwanzig wird. Aber was, wenn mit dem Grab nicht alles zu Ende ist, und wenn der Tod nur eine Türe darstellt? Was wäre, wenn das, was wir hier tun, einen Einfluss darauf hätte, was danach geschieht?
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In New York Der Sommer des Jahres 1969 war für mich der Anfang einer inneren Suche nach Sinn und Bedeutung. Oberflächlich betrachtet ging es mir ziemlich gut. Im Alter von 22 hatte ich bereits drei Jahre in der Werbeindustrie gearbeitet. Allmählich konnte ich sogar den Weg zu einem der begehrten Einzelbüros mit der herrlichen Aussicht erkennen, der sich vor meinem inneren Auge entfaltete. Natürlich war es noch eine beträchtliche Wegstrecke bis dahin, aber der Erfolg war bereits in Sicht. Meine Adresse erregte zumindest in bestimmten Kreisen einigen Neid. Meine Wohnung war auf der East Side von Manhattan gelegen, zehn Minuten Fußweg von meiner Arbeitsstelle entfernt. Nach außen machte die Arbeit in der Werbebranche Spaß und war herausfordernd. Es war eine ganz eigene Welt von Menschen, die kreative Texte schrieben, von Künstlern und Werbestrategen, die sich zusammengefunden hatten, um neue Wege zu entdecken, wie sie mehr Menschen mehr Dinge verkaufen konnten, obwohl diese ohnehin bereits mehr besaßen, als sie jemals nutzen konnten. Aber obwohl ich erst seit kurzer Zeit in dieser Sparte gearbeitet hatte, konnte ich bereits die oberflächliche Halsabschneiderei erkennen, die scheinbar die Grundlage für den gesamten Wirtschaftszweig bildete. Diese 13
Erkenntnis kam zu all dem hinzu, was ohnehin in der Welt geschah, und das machte mich zu einem sehr zornigen jungen Mann. Yonit lebte in Philadelphia, aber sie war für eine Zeit lang nach New York gekommen, um dort modernen Tanz zu studieren. Wir begegneten uns in einem Restaurant. Sie arbeitete als Kellnerin und ich war Gast. Meine Werbung um sie war sehr einfach. Zu unserer ersten Verabredung kam sie nach der Arbeit in meine Wohnung und ging nicht wieder weg. Mein geflochtener Schaukelstuhl hatte einfach ihr Herz gewonnen. Zwei Wochen später beschlossen wir zu heiraten. Wir waren sicher, dass alles gut werden würde, solange wir uns nur aneinander festhalten könnten, während die Welt um uns herum immer weiter im Wahnsinn versank. Nur wenige Tage nachdem wir beschlossen hatten zu heiraten, erhielt ich die Benachrichtigung, dass die US-Armee mich für würdig befunden hatte, den American Way of Life im Dschungel Südostasiens zu schützen. Das war aber nicht mein Krieg. Wenn man meine Abneigung gegen die oberflächliche, westliche Lebensart in Betracht zieht, ist es nur verständlich, dass Vietnam der letzte Ort war, wo ich hin wollte. Ich legte Einspruch gegen meine Einberufung und Einstufung als diensttauglich ein. Ich behauptete, für den Militärdienst psychisch untauglich zu sein; daher wurde ich zu einem Treffen mit einem Militärpsychologen gebeten, der feststellen sollte, ob die Armee ungeachtet meiner Behauptung nicht doch ein Plätzchen hätte, das ich ausfüllen könnte. Von dieser Begegnung hing sehr viel für uns ab. Wir hatten nämlich beschlossen, falls ich nicht als untauglich eingestuft werden sollte, die USA zu verlassen und uns der wachsenden Zahl von Wehrdienstverweigerern in Kanada anzuschließen. 14
Am Tag der Untersuchung stand ich früh auf, um mich auf meine Rolle einzustimmen. Ich hatte mir vorgenommen, jemanden darzustellen, der jeglichen Kontakt mit der normalen Außenwelt verloren hatte, zugeknallt mit Drogen und ohne Lust und Grund zu leben war. Dieser „Mensch“ war so neben der Spur, dass, ganz gleichgültig, was der Psychologe sagte oder wie er mit mir redete – irgendwann wurde er ziemlich wütend – meine Antwort stets die Gleiche war: Nichts. Einige Monate später erhielt ich einen Brief, der mich davon in Kenntnis setzte, dass ich für meine Darbietung als 4F eingestuft worden war, was eine bedingungslose, psychisch begründete Untauglichkeit bedeutete. Das Leben in diesen Tagen war von Demonstrationen, Märschen, Reden, Sit-Ins, Protesten und Straßenschlachten geprägt. So sehr wir uns auch mit den Anliegen dieser Bewegung identifizierten, war uns doch nicht an einem Umsturz in Amerika gelegen … 15
weder durch Gewalt noch auf sonstige Art und Weise. Für uns war freie Liebe wesentlich ansprechender. Wir sagten (nur halb) im Scherz, dass die Welt lediglich etwas LSD in der Trinkwasserversorgung bräuchte, damit die Menschen aus ihrem Laufrad und der Ellenbogengesellschaft aussteigen könnten und sich einfach lieben würden. Das mag heute vielleicht komisch klingen, aber wir waren nicht die Einzigen, die so dachten. Die Hippie-Szene war unser Leben. Anstatt mit Gewehren zu marschieren, marschierten wir mit Kerzen und Blumen. Wir zogen durch die Straßen New Yorks, um den Krieg zu beenden. Wir gingen nach Washington, um den Krieg zu beenden. Aber je mehr wir protestierten, je mehr wir marschierten, desto mehr erkannten wir, dass der Krieg in uns selbst tobte. Das Anliegen der Black Panther (eine schwarze Bürgerrechtsbewegung) sprach uns sehr an. Wir nahmen sogar an einigen Demonstrationen teil. Es gab ein Zitat von Black-Panther-Mitbegründer Eldridge Cleaver, das uns besonders bewegte: „Wenn ihr nicht Teil der Lösung seid, seid ihr ein Teil des Problems!“ Und wir wollten auf keinen Fall ein Teil des Problems sein.
Ein Zeichen am Himmel Eines Tages suchten wir eine Zweigstelle der Black Panther in der Nähe auf, um herauszufinden, wie sich zwei weiße Hippies an diesem ethnischen Freiheitskampf beteiligen konnten. Zu unserer großen Enttäuschung entdeckten wir, dass der selbstsüchtige Ehrgeiz und Streit dort ebenso groß war wie der, vor dem wir geflohen waren. 16
Inzwischen war ich so frustriert, dass ich nicht länger in dieser „Scheinwelt“ arbeiten konnte. Ich hatte kein Verlangen mehr, mein Leben zu investieren, um ein neues Auto oder ein Häuschen auf dem Land kaufen zu können. Der Inhaber der Werbeagentur, für die ich arbeitete, meinte ebenfalls, dass ich anderweitig wohl glücklicher wäre. Im darauf folgenden Jahr arbeitete Yonit als Sekretärin für einen Verlag, während ich Arbeitslosengeld bezog, auf Bäume stieg und versuchte, frei von mir selbst zu werden. Marihuana war zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens geworden. Wenn ich unter Drogen stand, hatte ich das Gefühl, mit fast allem fertig werden zu können. Ich hatte in mir selbst einen sicheren Zufluchtsort gefunden. Das einzige Problem bestand darin, dass ich diesen Platz nie wiederfinden konnte, sobald die Wirkung der Drogen nachließ. Eines Tages standen wir auf einer der Brücken, die über den Hudson führen, und blickten nach Süden in Richtung Manhattan. Eine große, dunkle Schmutzwolke hing über der ganzen Insel. Mit einem Mal hatten wir beide den gleichen Gedanken: „Wir müssen hier weg!“ Wir waren schon lange bereit, die ganze Welt des Materialismus hinter uns zu lassen. Kurz entschlossen packten wir unsere Koffer und machten uns auf die Reise in den kosmischen und übernatürlichen Bereich. Das Gedankengut, das aus Indien und dem Fernen Osten nach Amerika herüberschwappte, hatte es uns wirklich angetan. Das Versprechen der Lehren wie Yoga und anderer fernöstlicher Religionen klang uns wie Musik 17
in den Ohren: Sei frei! Setze dem Karma ein Ende! Spring ab von diesem Laufrad! Gib alles auf! Das Einzige, was uns unterdrückt, ist die Tatsache, dass wir an dieser Welt festhalten. Hier hatten wir mit einem Mal die Verheißung von sehr viel mehr als lediglich der physischen Freiheit – es ging um die ewige Freiheit von Seele und Geist. Wir verließen Manhattan, um nach Indien zu reisen … dabei kamen wir bis Philadelphia. Yonit hatte ein paar Jahre lang dort gelebt und hatte noch Verwandte in der Stadt. Wir beschlossen, einige Zeit hier zu bleiben, ehe wir unsere Reise nach Osten fortsetzen wollten. Aber nach und nach waren wir so in der New Age-Hippie-Gemeinschaft von Philadelphia eingebunden, dass wir schließlich eine Wohnung mieteten, einen gebrauchten VW-Bus kauften und einen schwunghaften Handel mit selbstgemachten Lampen aus buntem Glas aufzogen. Im Vergleich zu Manhattan war Philadelphia eine Kleinstadt. Die Gebäude waren nur wenige Stockwerke hoch und die Menschen begrüßten sich auf der Straße. Das Straßenbild in dem Stadtteil, in dem wir lebten, wurde von Kunstgewerbeläden, modernen Theater-Ensembles, Kaffeehäusern und kleinen Boutiquen geprägt. Die meisten Bewohner dieser Gegend waren schlecht bezahlte Afroamerikaner und Pilger auf ihrer spirituellen Suche, die sich von der etablierten Gesellschaft abgewandt hatten, um sich auf die Suche nach dem Weg zu einem höheren Bewusstsein und ewigem Frieden zu machen.
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Der geistliche Lehrer Der wichtigste Treffpunkt der ganzen Gegend war Toms Haus. Die Tür stand stets offen und dort war immer etwas los. Wir hatten eben erst über einen der vielen „Avatare“ in Indien gelesen (angeblich Gott in fleischlicher Form für das jeweilige Zeitalter), Satya Sai Baba, von dem man berichtete, dass er über die übernatürliche Fähigkeit verfügte, Dinge aus dem Nichts erschaffen zu können, und dem man beinahe schon Allwissenheit über weltweite Ereignisse zuschrieb, als Gil das Haus betrat. Äußerlich war er keine besonders auffallende Erscheinung, aber er besaß Charisma und vermittelte stets einen „wissenden“ Eindruck, sodass wir wie magisch von ihm angezogen wurden. Jemanden wie ihn hatten wir noch nie zuvor gesehen. Einer der Philosophen, von denen wir gelesen hatten, hatte behauptet, dass die Menschheit in dem Kreislauf gefangen war, stets einen Funken der Wahrheit zu erkennen, um dann wieder in den Schlaf des Vergessens abzugleiten. Wir brauchten jemanden, der uns wach halten würde … der uns dabei helfen würde, uns zu erinnern. Konnte es sein, dass ausgerechnet er uns lehren würde? Gil war soeben von einem zweijährigen Indienaufenthalt zurückgekehrt, den er zu den Füßen eben des Mannes verbracht hatte, über den wir gelesen hatten, Sai Baba. In den nächsten Wochen tauchte Gil überall dort auf, wo wir uns gerade aufhielten. Wo immer er war, zog er letzten Endes alle Aufmerksamkeit auf sich. Wir wollten nur noch da sein, wo er auch war. Mit seinem langen Haar, dem rötlichen Bart und dem gestreiften Overall war er der freieste und gelösteste Mensch, dem wir jemals begegnet waren. Seine Botschaft war einfach: „Lass los! Halte an nichts fest! Alles um uns herum ist nur ein Teil der ‚Illusion‘.“ 19
Eine seltsame Truppe Eines Nachmittags tauchte Ken in Toms Haus auf. Er war nach einem Nervenzusammenbruch gerade frisch aus dem Krankenhaus entlassen worden. Bereits nach wenigen Tagen war er einer von uns geworden. So zogen Gil, Ken, Yonit und ich gemeinsam von Haus zu Haus und predigten unser Evangelium der Loslösung von allen materiellen Gütern. „Lass los und lass Gott.“ Viele Menschen kamen, um uns zuzuhören. Manche öffneten uns auf ihrer Suche nach der versprochenen Freiheit sogar ihre Häuser. Aber die meisten hielten sich eine Weile in unserer Nähe auf und fanden uns dann doch ein wenig zu abgedreht. Wir machten einen wilden Eindruck, aber unser Leben wurde allein von der Suche bestimmt, Gott zu finden (was auch immer das sein mochte). Wir entwickelten unsere eigene Art der Anbetung. Unsere Gitarren waren auf keine spezielle Tonart gestimmt und wir sangen aus voller Kehle: „O Gott, o Gott, o Gott, o Gott, o Gott, o Gott, o Gott, o Gott, o Gott, o Gott!“ – immer und immer wieder. Da sowohl Ken als auch Gil und ich Juden waren, dachten wir, es müsste einen wirklichen Höhenflug für uns bedeuten, wenn wir derart „frei“ in einer Synagoge 20