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/ 1 Walter Heidenreich Wenn Tr채ume wahr werden


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Copyright © 2006 by Asaph Verlag, D-Lüdenscheid 1. Auflage 2006 Bibelstellen wurden aus der Luther-Bibel, revidierte Fassung von 1984, bzw. aus „Gute Nachricht, Die Bibel in heutigem Deutsch“, jeweils Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart, 1991, zitiert. Umschlaggestaltung: Thomas Tetzlaff, D-Lüdenscheid Satz/DTP: Jens Wirth/ASAPH, D-Lüdenscheid Coverfoto: Nicole Bendig, D-Münster Druck: GGP Media, D-Pößneck Printed in the EU ISBN-10: 3-935703-73-2 ISBN-13: 978-3-935703-73-4 Bestellnummer 147373 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid eMail: asaph@asaph.net – Internet: www.asaph.net


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Die Bibel

„Auch Erfahrene lernen aus diesem Buch noch dazu und machen Fortschritte in der Kunst, die Aufgaben des Lebens zu bewältigen. Den Herrn ernst nehmen ist der Anfang aller Erkenntnis. Wer ihn missachtet, verachtet auch Weisheit und Lebensklugheit“ (nach Sprüche 1,5-7).


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Widmung

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ieses Buch ist allen denen gewidmet, die schon ßber Jahrzehnte hinweg Schulter an Schulter mit mir auf dem Weg sind. Im Besonderen denke ich dabei an die Ältesten und ihre Frauen: Bernd und Susanne Mette, Martin und Gila Rohsmann, Helmut und Ulrike Diefenbach und Axel und Angela Wendt. Und ich denke an Sylvia Stier, verwitwete Nesovic, eine gute Freundin, die viele Jahre lang Teil dieses Schulterschlusses war, aber auch an alle anderen treuen und hingegebenen Mithelfer in der FCJG, bei HELP-International und in Foundry: Freunde, die mein Leben um so vieles reicher gemacht haben. Ihr Lieben, ihr wisst, dass ihr gemeint seid, wenn ihr diese Worte lest. Ein ganz besonderer Platz in meinem Herzen ist fßr Nikola Nesovic reserviert, er wird mir immer unvergessen bleiben.


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Dank

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ein Dank geht an Rudi Pinke, der sich die Zeit genommen hat, mit mir eine Woche in der Versenkung zu verschwinden, um die Basis für dieses Buch zu legen.

Und mein Dank geht an meine Frau Irene, die sich in wochenlanger Kleinarbeit an die Ausarbeitung dieses Buches gemacht hat. Ohne ihre Kreativität und Phantasie wären weder das erste Buch, „Help – I need somebody“, noch dieses Buch geschrieben worden.


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Erklärung

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ch habe mich bemüht, die Ereignisse der letzten Jahrzehnte so wiederzugeben, wie ich sie in der jeweiligen Situation erlebt und empfunden habe. Dabei erhebe ich nicht den Anspruch auf eine chronologisch exakte Reihenfolge. Vielmehr war es mein Anliegen, dem Leser einen Einblick in die Höhen und Tiefen meines Lebens mit Jesus zu geben. Hoffentlich viel Spaß und Inspiration beim Lesen!


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Inhalt

Fang mich, befrei mich, gebrauch mich

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An irgendeinem Tag im September 1977

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Auf zu neuen Ufern

65

90 heiße Tage und viel mehr

83

Vom Westen bis zum Osten

101

Bis an die Enden der Erde

117

Die Fackel der Weltmission

127

„Marsch für Jesus“ um den Globus

149

„Jetzt bist du mein Bruder!“

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„In deiner Gegenwart“ und die „Sommer der Liebe“

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Träume sind keine Schäume

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Vorwort von Volkhard Spitzer

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er die letzten Sätze der Apostelgeschichte liest, fühlt, als sei ein Film gerissen. Gerade noch ist man zutiefst bewegt von den großen Taten der Apostel, vom mächtigen Wirken des Geistes Gottes in der Urkirche, da bricht der Bericht des Lukas jäh ab. Dem bewegten, aber unbefriedigten Leser drängt sich die Frage auf: Wie ging diese Geschichte eigentlich weiter? Mir scheint, als sei es die Absicht des Autors gewesen, uns mit den letzten Worten des Völkerapostels Paulus die göttliche Vision und damit zugleich ein Mandat zu hinterlassen: „Gott hat dieses Heil jetzt den Völkern der Welt angeboten … und die werden hören“ (Apostelgeschichte 28,28).

Die Geschichte der Kirche Jesu hat mit dem Ende des letzten Kapitels der Apostelgeschichte eben nicht aufgehört, sondern gerade erst begonnen. Täglich fügt der Heilige Geist neue Kapitel hinzu. Gott schreibt seine Geschichte mit den Menschen unaufhaltsam weiter – auch im High-Tech-Zeitalter des 21. Jahrhunderts. Die Kirche Jesu Christi lebt, sie wächst und


16 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN gedeiht, besonders in Ländern, die der Frohen Botschaft bisher verschlossen geblieben waren – und noch immer gebraucht Gott Menschen. Einer, der den Ruf Gottes wahr- und ernst genommen hat, ist Walter Heidenreich, ein Mann, der aus der Drogenszene kam und mit seiner unkonventionellen Art heute in großer Kühnheit und Freiheit, in der Kraft des Heiligen Geistes international tätig ist. Seine ehrliche Biographie wird jeden unvoreingenommenen Leser – unabhängig von seiner Herkunft – inspirieren können, sich Gott zur Verfügung zu stellen und Großes von ihm zu erwarten. Ich hatte das Vorrecht, die Glaubensanfänge Walters ein Stück weit zu begleiten und seine geistliche Entwicklung und deren gottgewirkte Resultate interessiert verfolgen zu können: Walter Heidenreich ist heute in großer Bescheidenheit einer der führenden geistlichen Leiter unseres Landes – die Apostelgeschichte geht weiter.

Volkhard Spitzer, Pastor


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Vorwort von Geri Keller

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uch Gott hat einen Traum: dass sein Vaterhaus brechend voll wird mit Menschen aller Sprachen, Rassen und Nationen. Ja, mehr noch: Dass wir schon auf dieser Erde verwandelt werden in den Charakter und das Bild seines Sohnes. In Walters Leben ist dieses Vorher und Nachher mit Händen zu greifen. So oft ich an ihn denke, sehe ich sein Gesicht vor mir. Und dieses Gesicht spricht lauter als tausend Worte. In ihm spiegeln sich das Wesen und die Menschenfreundlichkeit Christi, der Friede und die Freude des Reiches Gottes. Was für eine Urgewalt der Liebe Jesu, dass er aus kaputten, abgelebten Egoisten und Wracks brandneue Menschen schafft, die wieder echte Reinheit, Schönheit und Heiligkeit ausstrahlen – trotz aller Ecken und Kanten, die uns immer noch anhaften.

Und das Zweite, woran ich denken muss: Walters Kindertraum, einmal dorthin zu kommen, wo die Sonne untergeht, ist längst in Erfüllung gegangen. Im Wettlauf mit der Sonne jettet er als ein Gesandter für Christus rund um den Globus bis an die


18 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Enden der Erde. Aber dieses so genannt Große geht bei ihm nie auf Kosten des Kleinen. Da wäre zuerst seine Ehe mit Irene zu erwähnen. Ihr kleines Häuschen auf der Wislade birgt wie eine Schatulle den verborgenen Schatz dieser Beziehung, die nie Schlagzeilen machte, aber deren Geschichte im Himmel aufgeschrieben ist. Dasselbe gilt für die vielen Freundschaften. Es ist eines, in riesigen Stadien zu sprechen, und es ist ein anderes, mit seinen Freunden auch mal rumzuhängen und sie mit unzähligen SMS und Ansichtskarten aus aller Herren Länder zu ermutigen, wie es Walter tut. In solch verborgener Treue im Kleinen liegt ein wesentlicher Schlüssel für die „Erfolgsgeschichte“ dieses Buches. Dazu ein Beispiel. Vor ein paar Jahren meldet sich Walter am Telefon: „Hallo, wir sind grad auf der Durchfahrt. Können wir bei euch reinschauen?“ Wenig später standen sie da: Walter, Helmut und Martin, alle in schwarzen Lederjacken. Und dann legten sie los und beteten und brüllten an gegen die Berge, vor denen wir damals standen. Nachdem sie gegangen waren, war die Luft wieder rein und ich kam mir vor wie Abraham, zu dem einmal drei Männer zu Besuch kamen, um ihm die Geburt eines Sohnes anzukünden. Es war meine erste, so konkrete Begegnung mit dem dreieinigen Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist in schwarzen Lederjacken. Wie singt doch Johnny Cash: „Lord, help me walk another mile, just one more mile; I’m tired of walkin’ all alone. Lord, help me smile another smile, just one more smile; you know I just can’t make it on my own.“ Dieses Buch wird dir helfen, wieder einen Schritt weiter und tiefer zu gehen in der Erfüllung deiner Träume, und es wird dich mit einem neuen Lachen der Hoffnung beschenken.

Geri Keller


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Einführung

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m Grunde geht es in diesem Buch um die Bestimmung des Menschen, um die des Gotteskindes im Besonderen. Es geht um das Erkennen der eigenen Berufung, um das Leben mit und in dieser Berufung und um das notwendige Ausharren nach dem Motto: „Never give up!“ Es geht darum, ob das eigene Leben ein erfülltes Leben ist, und um den ganz großen Wunsch, Gottes Herzen mit diesem Dasein zu erfreuen. Es geht um göttliche Perspektive im menschlichen Sein. Dazu fällt mir eine kleine Geschichte ein. Ich wurde eingeladen, in einer Sendung bei „Focus Gesundheit TV“ meine Lebensgeschichte zu erzählen. Die Macher dieser Sendung hatten im Internet nach jemandem recherchiert, dessen Leben zerbrochen gewesen war und der mit Gottes Hilfe wieder neu hatte anfangen können. Dabei waren sie irgendwie auf mich gekommen. Mit erheblicher Skepsis fuhr ich nach Köln, wo die Sendung produziert wird. Dort angekommen, durfte ich auf einer Couch im Studio Platz nehmen, und die Moderatorin begann mich interessiert zu interviewen. Ihren Fokus richtete sie dabei hauptsächlich auf meine erste einschneidende Gottesbegegnung.


20 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Von der intensiven Beschreibung meiner Vergangenheit und meines ersten Gebets zeigte sich die Zuhörerschaft recht beeindruckt. Besonders die gelangweilten Techniker im Senderaum spitzten die Ohren. Die Tatsache, dass ein kaputtes Leben durch nur ein einziges schlichtes Gebet des Herzens in einem Moment, sozusagen von jetzt auf gleich, total verändert werden kann, war selbst für die Moderatorin offensichtlich schwer zu fassen. Dieses Gebet lautete ungefähr so: „Lieber Gott, wenn es dich gibt, dann brauche ich dich jetzt. Nicht morgen oder übermorgen, sondern jetzt, in diesem Moment. Hilf mir.“ Das war’s. Was ich damals noch nicht wusste: Es gibt einen wunderbaren Bibelvers für diesen speziellen, von Gott geschenkten Moment, die so genannte Telefonnummer Gottes, die einmalige Leitung, die immer frei ist: „Rufe mich an in der Not und ich will dich erretten und du sollst mich preisen“ (Psalm 50,15). Dieser einzigartige Gott der Liebe kommt so dem suchenden Menschen plötzlich ganz nahe. Er streckt ihm voller Leidenschaft seine Hände entgegen und verspricht, ihn zu lieben und zu gebrauchen. Seit ich dieses erste Gebet zum Himmel geschickt habe, sind über drei Jahrzehnte vergangen. Rückblickend kann ich sagen, es lohnt sich definitiv, mit dem Gott der Bibel in einer persönlichen Beziehung zu leben. Damals hätte ich mir in meinen tollkühnsten Phantasien nicht ausmalen können, wie sehr aufregend und erfüllend das Leben mit Gott sein kann. Heute weiß ich, mit ihm und für ihn ist einfach alles möglich. Ein einfaches Gebet, gesprochen Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, veränderte alles für mich.


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Fang mich, befrei mich, gebrauch mich

I

ch war christlich aufgewachsen und erzogen worden. Kaum vierzehn Jahre alt, löste ich mich bewusst von den Erwartungen meiner Eltern und verabschiedete mich aus der Welt des christlichen Glaubens. Meine großspurige Devise lautete: „Gott, wenn es dich wirklich geben sollte, was ich aber nicht glaube, dann fang mich, wenn du kannst.“ Falls er wider Erwarten doch existieren sollte, würde ich ihn schon austricksen, und ich war so und so flinker als er. Ich rannte dann etwa zehn Jahre, nur um am Ende doch von ihm eingefangen zu werden und zu begreifen: Es gibt ihn wirklich! Gott sei Dank! Sollte es möglich sein, schon als großer Träumer geboren zu werden, dann wäre ich das beste Beispiel dafür. Ich wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf, als typisches Nachkriegskind im Nachkriegs-Deutschland. Meine Eltern und ich bewohnten eine nagelneue Zweizimmerwohnung von gut 35 Quadratmetern


22 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN in einem dreigeschossigen Sechsfamilienhaus. Keine Heizung, kein Badezimmer – gebadet wurde einmal wöchentlich in der Zinkbadewanne in der Waschküche. Dabei ging es uns, was den Lebensraum betraf, noch relativ gut, da ich das einzige Kind meiner Eltern war. Die anderen Familien hatten alle mehrere Kinder und dazu nicht selten noch Omas, Tanten oder andere Familienangehörige bei sich wohnen. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie sehr mich Sonnenuntergänge faszinierten. Oft stand ich abends am Fenster und starrte in die Ferne, dabei ragte am Anfang meine Nasenspitze kaum über die Fensterbank. Mit den Jahren wuchs nicht nur ich, sondern auch meine Träume. Ich phantasierte davon, dahin reisen zu dürfen, wo die Sonne untergeht, und von den Abenteuern, die mich dort wohl erwarten würden. So entwickelten sich in mir über die Jahre hinweg ein heftiges Fernweh und der Wunsch, die ganze Welt der Wunder erkunden zu wollen. Koste es, was es wolle. Ein weiterer Traum drehte sich um das Miteinander in einer großen Familie. Ich vermisste Geschwister. Die kinderreichen Familien in der Nachbarschaft zogen mich wie magnetisch an. Da war immer was los. Selbst das gemeinsame Essen wurde zum Abenteuer. Bei Erbsensuppe mit riesiger Schwarte – für Bockwurst reichte das Geld nicht – wurde gelacht, geschimpft, wurden die alltäglichen Banalitäten rauf- und runterbewegt. Das schlimme Ende kam immer abends, dann musste ich in die „Einzelhaft“ zurück, in die leere elterliche Wohnung. Hier umgab mich die Einsamkeit und ich hatte den leidigen Freiraum, vom turbulenten Leben in einer Großfamilie zu träumen. Auch die US-amerikanischen und kanadischen Besatzungssoldaten prägten meine Kindheit. Verständlicherweise hatten die deutschen Erwachsenen zu den einst so verhassten Feinden ein noch recht gespanntes Verhältnis. Und genau das vermittelten sie auch uns Kindern. Allerdings bildete ich mir mein eigenes


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 23 Urteil. Zu mir waren die Männer in den fremden Uniformen mit der rollenden Sprache immer sehr nett und freundlich. Ich bekam Kaugummi und Kommissbrot geschenkt und manchmal durfte ich sogar auf einem der Panzer mitfahren. Sie waren irgendwie so locker. Ich mochte ihre unkomplizierte Art und Witzigkeit, sie brachten mich zum Lachen. Und sie machten mich neugierig auf Amerika und wieder träumte ich. Dazu kam noch, dass mein Vater mir die ersten Karl-May-Bücher kaufte. Die Träume wurden immer bunter.

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Mit zunehmendem Alter kamen dann ernstere Träume hinzu. Ich war in eine Welt voller Ungerechtigkeit hineingeboren worden. Ich sah den großen Gegensatz zwischen Arm und Reich, sah die Kriege und das verzweifelte Ringen um Frieden. Der Gedanke des Kommunismus, die Thesen von Che Guevara und Mao Tse-tung ließen mich träumen. Mehr und mehr wuchs in mir der Wunsch, diese Welt um jeden Preis zu verändern – und zwar zum Besseren. Der Versuch, diese Ziele zu erreichen, heiligte die Mittel. Die manchmal sehr gewalttätigen Demonstrationen standen im krassen Gegensatz zu meinen Idealen, aber das merkte ich nicht. Schließlich entdeckte ich noch eine interessante Ader in mir, nämlich die des Missionars. Für alles, was mich irgendwie interessierte, ob Musik oder eine ideologische Richtung, ein neues Restaurant, ein sehenswerter Film oder ein spannendes Buch – eben alles, was meiner Meinung nach der Menschheit von Nutzen sein konnte –, lohnte es zu missionieren. Es fiel mir anscheinend in den Schoß, meine Begeisterung mit Menschen zu teilen.


24 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Überhaupt habe ich immer schon gerne mit Menschen zu tun gehabt. Mit vierzehn musste ich eine Werkzeugmacherlehre anfangen, die mich in ein düsteres Fabrikgebäude zwang. Das war so ungefähr das Allerverkehrteste für mich. Hätte es damals schon den Beruf des Sozialarbeiters gegeben, dann wäre er sicher richtig für mich gewesen. Meine Parole hieß immer: Menschen müssen sich um Menschen kümmern.

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Dann formierte sich der heute unter dem Begriff „Achtundsechziger-Aufbruch“ bekannte Aufstand der Jugendlichen, im Gefolge die so genannte Hippie-Bewegung. Mit ihr kam die Erfüllung aller meiner Träume, so meinte ich. „Make love, not war“, so tönte es weltweit aus unzähligen Mündern. Der bekannte Slogan versprach das Zeitalter vom Himmel auf Erden. Die Hippies waren ein wanderndes, fahrendes Volk mit bunten Träumen und blumigen Ideen. Und anfangs sah es wirklich so aus, als wenn es die Generation wäre, die das Paradies wieder auf die Erde zurückbringen könnte. Also schloss ich mich an. Diese Bewegung propagierte unter anderem auch das Leben in Großfamilien. Genau das wollte ich. Hippiezeit und Rockmusik gehörten untrennbar zusammen. Der Klangteppich für mein ausgeflipptes Leben wurde bereits in den fünfziger Jahren gelegt, als ich zum ersten Mal Musik von Elvis Presley hörte. Ich knallte emotional völlig durch. Er wurde abgelöst durch die Beatles, die Rolling Stones und andere Bands aus England. Ich war Dauergast bei allen namhaften Festivals und besuchte Konzerte en masse. Auch rein äußerlich orientierte ich mich ausnahmslos an meinen Idolen. Irgendwie gehörte das Provozieren durch aggressives Auftreten und herausforderndes Äußeres zum normalen Alltag.


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 25 Selbstverständlich wirkte sich diese Lebenseinstellung auch auf das Verhältnis zu meinen Eltern aus. Meine Mutter hielt immer zu mir. Sie korrigierte mich niemals und liebte mich 150-prozentig. Die Beziehung zu meinem Vater dagegen wurde zunehmend angespannter. Ihm war der Lebensstil, den ich entwickelte, ein Gräuel. Es gab ständig Zoff wegen meiner langen Haare und meines Gesamt-Outfits. So empfand ich mein Elternhaus als ein Wechselbad der Gefühle. Mal schien alles wie heiterer Sonnenschein, im nächsten Moment erwischte es mich eiskalt. Eine Begebenheit habe ich noch sehr lebhaft vor Augen. Nach einem Streit mit meinem Vater rannte ich wütend aus der elterlichen Wohnung, knallte die Türen hinter mir zu und stürmte auf die Straße. Eine Nachbarin, die neugierig aus einem der unteren Fenster guckte, konnte es sich nicht verkneifen, zu dem Streit ihren Senf dazuzugeben. Sie schaffte es, die ohnehin schon hoch explosive Atmosphäre noch zu verschärfen. Keifend gaffte sie hinter mir her und ließ so intelligente Kommentare los wie: „Im Dritten Reich hätten sie Jugendliche wie dich ins Arbeitslager gesteckt.“ Ich platzte fast vor Wut, hatte aber keine Chance mehr, mich mit ihr anzulegen. Mein Vater war nämlich schneller als ich. Er hatte ihr Gekreische gehört und trat sofort in Aktion. Als er mit ihr fertig war, konnte sie auf Stelzen unterm Teppich hergehen. Er hatte sich hundertprozentig hinter mich gestellt und mich verteidigt und geschützt. Das war mein Pa. Wenn es darauf ankam, dann stand er hinter mir. Ich war auf einmal wieder so stolz auf ihn und plötzlich schien für mich wieder die Sonne. Nach meiner Bekehrung wurde unser Verhältnis wieder sehr gut. Im Zuge von Buße und Wiedergutmachung schenkte uns der Geist Gottes eine ganz besondere Zeit der Wiederherstellung und Versöhnung. Wir fanden uns alle drei auf den Knien wieder: meine Mutter, mein Vater und ich. Für mich ging es in allererster Linie darum, meine eigene Schuld zu bekennen und meine Eltern für das um Vergebung zu bitten, womit ich sie verletzt hatte und womit ich an ihnen schuldig geworden war.


26 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Sie überschütteten mich daraufhin förmlich mit Gnade und Barmherzigkeit. Es schien ihnen leicht zu fallen, mir zu vergeben. Mir jedenfalls ging es so, ich konnte ihnen ganz leicht vergeben. Mit diesem Erlebnis veränderte sich unsere Beziehung und verbesserte sich täglich. Und das gab mir Stärke für mein Leben. Das Wort bewahrheitete sich: „‚Ehre Vater und Mutter‘, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: ‚auf dass dir’s wohl gehe und du lange lebest auf Erden‘“ (Epheser 6,2-3). Mein Vater starb 1996, im gesegneten Alter von 90 Jahren. Sein Tod schmerzte mich sehr und war ein großer Verlust für mich. Er war zeitlebens mein treuester Beter gewesen.

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Genau wie heiße Rockmusik gehörten auch Mädchen zum Hippieleben. Mein Start in das Beziehungs-Karussell begann recht früh und endete mit Absturz und einer schmerzhaften Bauchlandung. Die junge Dame saß im Büro meiner Lehrfirma, und ich verliebte mich unsterblich in sie. Wir unternahmen ein paar Mal was miteinander, dann ließ sie mich sitzen. Für mich ging die Welt unter. Ich wollte nicht mehr leben und wurde sogar von Selbstmordgedanken attackiert, war völlig unfähig, mit solch einer erschütternden Enttäuschung fertig zu werden. Rachegefühle machten sich in mir breit. Die Entscheidung, die ich dann für mein weiteres Leben traf, beeinflusste meine Beziehung zum anderen Geschlecht nachhaltig: In Zukunft sollte mich kein Mädchen je wieder verlassen. Das würde ich in jedem Fall als mein ausschließliches Recht ansehen. Ich wollte entscheiden, ob und wann etwas beginnen und wann und wie es zu Ende gehen sollte. Und genau nach diesem Prinzip habe ich dann gelebt.


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 27 Als ich einige Zeit später noch einmal in dieselbe emotionale Falle der unglücklichen Liebe tappte, verfestigte sich dieser Entschluss nur umso mehr. Ich kämpfte mich wieder aus ihr heraus und wurde noch rücksichtsloser und gemeiner. Bei dieser lieblosen Einstellung blieb es natürlich nicht aus, dass ich etliche Mädchen bitter enttäuschte und verletzte. Erst als ich einige Jahre später Irene traf, wagte ich noch einmal, mich für einen anderen Menschen zu öffnen. Allerdings blieb mir auch nicht viel anderes übrig. Sie schlug nämlich bei mir ein wie eine Bombe und zersprengte jegliche harte Schale. Dass es dann mit uns so gut funktionierte, habe ich allein Gottes Eingreifen zu verdanken, das weiß ich heute. Auch was andere Beziehungen betraf, machte ich so meine Erfahrungen. Meistens fing alles sehr verheißungsvoll an. Überall fand man seinesgleichen. Hippies wurden sehr schnell ein Herz und eine Seele, auch wenn sie sich gar nicht kannten. Das war einfach so. Einmal fuhr ich mit einem Freund nach Oberhausen. Wir waren beide leicht zu identifizieren, in Outfit und Verhalten unverkennbar echte Hippies. So gehörten wir auf jeden Fall zu einer exotischen Spezies in der Gesellschaft. Irgendwann sahen wir auf der anderen Straßenseite einen anderen Hippie. Wir winkten ihm zu, er kam zu uns, wir tauschten ein paar Sätze aus und schon wenige Minuten später saßen wir gemeinsam in einer Kneipe bei einem Bier. Schließlich verbrachten wir das ganze Wochenende zusammen – wie ganz enge und vertraute Verwandte. Ein anderes Mal fuhren wir mit dem Zug nach Amsterdam. Bewaffnet mit unseren Schlafsäcken, bahnten wir uns einen Weg durch den Bahnhof und trauten dabei unseren Augen nicht. In der ganzen Halle wimmelte es nur so von langhaarigen Typen und super aussehenden Girls. Man begrüßte uns grölend, behandelte uns wie lang erwartete Staatsgäste und besorgte uns anstandslos eine Wohnung in einem der besetzten Häuser an den Grachten.


28 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Am nächsten Morgen standen ein paar Leute strahlend vor unserer Tür, beladen mit Brötchen und Milch, alles Diebesgut, gestohlen von den Haustüren der „Normalos“. Und so hingen mein Freund und ich den ganzen Tag sorgenfrei in der Stadt am Dam herum, ließen uns die Sonne auf den Pelz scheinen, hörten und machten Musik, kifften und palaverten und ließen den lieben Gott einen guten Mann sein. Überhaupt entstanden damals mehr und mehr Hippie-Kommunen. Größtenteils konnte man sie auf dem Land finden, eingebettet in Natur, abgetaucht in psychedelische Klänge und umgeben von Haschischschwaden. Aber auch in den Städten rund um den ganzen Globus formierten sie sich. Aber Träume zu träumen und in verbalen Ergüssen zu beschreiben oder Träume lebbare Realität werden zu lassen sind zwei paar völlig unterschiedliche Paar Schuhe. Im Lauf der Jahre ruinierten wir uns alle selbst durch Drogen, Kriminalität, Egoismus und ausschweifendes Leben auf allen Ebenen. Träumereien und Ideologien zerplatzten wie Seifenblasen. Sie waren nur durch noch mehr Drogen eine Zeit lang aufrechtzuerhalten. Auch meine persönliche Traumvorstellung vom Leben in einer Großfamilie wurde auf eine sehr harte Probe gestellt und wich im Laufe der Zeit mehr und mehr der Erkenntnis, dass der Mensch immer sich selbst der Nächste ist. So pilgerte ich von Hippie-Kommune zu Hippie-Kommune. Zwischendurch ließ ich mich ab und zu bei meinen Eltern blicken, um die Wäsche gewaschen zu bekommen, gute Hausmannskost zu genießen und etwas Geld zu schnorren. Frisch ausgerüstet, tauchte ich dann wieder ins Hippie-Umfeld ab. Mein Freundeskreis setzte sich aus jungen Leuten aus aller Welt zusammen. Man wusste eigentlich immer, wo gerade was los war. Auch ohne Handy und Computer war man gut vernetzt. Spontaneität war einer der Schlüssel. Man lebte sorglos, und


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 29 Distanzen spielten überhaupt keine Rolle. Es gab immer jemanden, der wusste, wo es lang ging. Und die Nacht verbrachte man notfalls in einer Gartenlaube. Natürlich geriet ich auch mit der Polizei in Konflikt. Meistens sperrten sie mich wegen Landstreicherei ein. Das war zwar nicht so angenehm, gehörte aber zu meiner Lebensphilosophie: Keine wirkliche Freiheit, ohne an die Grenzen von Unfreiheit zu stoßen, und Freiheit muss man sich nehmen. Meine Generation war ohnehin von Hass auf alles Autoritäre infiltriert. Mit dem Dritten Reich und allen damit einhergehenden Ungerechtigkeiten wussten wir nicht umzugehen, geschweige denn das Unfassbare zu verstehen oder sogar zu verarbeiten. Für die „Spießer“ der damaligen Zeit war der Lebensstil der Freaks ein verantwortungsloser, fauler und wenig zukunftsorientierter Albtraum. Mit Zukunft meinte die Mehrheit der Gesellschaft in erster Linie die Rente als letzte Sicherheit. Als Gegenreaktion entwarfen die selbst ernannten Aussteiger den Slogan: „Besser bis dreißig alles erlebt und tot als sechzig und nie richtig gelebt.“ Die ersten Opfer dieser Einstellung ließen dann auch nicht lange auf sich warten, vom berühmten Rockmusiker bis zum ganz durchschnittlichen Blumenkind. Die Liste der Todesopfer wurde immer länger. Sie wurden in Hotelzimmern und auf Bahnhofstoiletten aufgefunden, krepiert an Überdosen, mit dem goldenen Schuss noch im Arm oder am eigenen Erbrochenen erstickt. Sie begingen im LSD-Rausch Selbstmord oder ihre Körper machten einfach nicht mehr mit. Viele landeten in der Psychiatrie, wo manche von ihnen noch heute vor sich hinvegetieren.

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30 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Inmitten von alldem lebte ich mein Leben, desillusioniert und dennoch fragend: Ist das alles? Soll daraus mein ganzes Leben bestehen? Soll ich von einem Tag in den nächsten gehen, ohne zu wissen, warum und wohin? In mir nagten der Hunger nach mehr und der Durst nach Leben und Sinn. Aber wo und wie konnte ich dieses Verlangen gestillt bekommen? Die Existenz Gottes war für mich keine Frage mehr. Irgendwie hatte sich mit den Jahren dieser Widerstand in verflüchtigt. Aber konnte dieser megagroße Gott, der das riesige Getriebe Universum gestaltet hatte und überblickt, ein winziges Rädchen wie mich sehen und hatte er irgendeine Funktion für mich vorgesehen? Interessierte er sich für mich, einen kleinen, verirrten und suchenden jungen Menschen? Schließlich lebte ich nicht alleine auf der Erdkugel, da gab es noch annähernd 6 Milliarden andere Leute. Heute weiß ich: Gott startete damals die großartigste weltumfassende Erweckung aller Zeiten. Seit dem Aufbruch unter den ersten Christen hatte es in der gesamten Kirchengeschichte so etwas nicht mehr gegeben. Er erbarmte sich über die Verlorenheit und Verwirrtheit der Blumenkinder. Tausende und Abertausende machten sich auf die Suche und ließen sich von Gott finden. Er erweckte seine Kinder buchstäblich aus Steinen, genau wie es in Matthäus 3,9 beschrieben wird. Und ich war so ein Stein, war mir dessen nur nicht bewusst. Er veränderte mich von einem Gott leugnenden Zyniker zu einem Vertrauen fassenden Hoffnungsträger. Wie es dazu kam? Das weiß ich nicht. Es passierte einfach, ganz langsam, kaum wahrnehmbar. Am schwärzesten und tiefsten Punkt meines Leben – dem Zeitpunkt meiner Kapitulation – war die Existenz Gottes eine unumstößliche Tatsache für mich. Die Gedanken und Worte kamen von ganz alleine. Ich sprach mein erstes Gebet und gab so Gott mein Leben.


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 31 Zur gleichen Zeit ließen sich weltweit Hunderttausende Blumenkinder im Meer, in Badewannen und in Swimmingpools taufen. Sie pilgerten zu Treffen, um miteinander und füreinander zu beten und anzubeten. Verbunden waren sie durch dieses einmalige Gefühl der Gottesnähe. Die Jesus People-Bewegung war geboren und mit ihr der Wunsch, alles Alte hinter sich zu lassen und noch einmal ganz neu von vorne zu beginnen.

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Genau diese Hoffnung befähigte mich, aus meinem bisherigen Lebensstil auszusteigen. Zehn Jahre Davonlaufen waren einfach genug. Es gab nur ein Problem, ich hatte überhaupt keine Ahnung, was es bedeutete und wie es aussah, diesem Gott der Bibel zu folgen. Irene konnte mir auch nicht helfen, auch sie hatte keinen blassen Schimmer. Und wir kannten niemanden, an den wir uns hätten wenden können. Dennoch stiegen wir aus der Hippie-Kommune aus, in der wir gelebt hatten, und versuchten vernünftig zu werden. Das hieß ganz praktisch, erst einmal eine eigene Wohnung ohne andere Mitbewohner zu beziehen und einer geregelten Arbeit nachzugehen. Ein bisschen fühlte ich mich wie Abraham. Er war auf der Suche nach dem verheißenen Land in eine ihm völlig unbekannte Wüste ausgezogen, voller Vertrauen, dass Gott ihn schon richtig leiten würde. Angestachelt von einer unglaublich hohen Erwartung an Gott und seine Möglichkeiten, tastete auch ich mich in unbekanntes Terrain vor. Zunächst aber geschah fast gar nichts. Jedenfalls nichts, was ich als weltbewegend empfand. Die Bibel wurde mein ständiger Begleiter und ich liebte sie mit jedem Tag mehr. Andere Bücher waren out und Jesus faszinierte mich immer mehr. Oft unterhielt ich mich mit Irene


32 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN über die Wunder, die in der Bibel sehr provokativ beschrieben werden. Bibelstellen wie „Jesus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ oder „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ brachten uns zu der Auffassung, eigentlich müssten solche Wunder auch heute noch erfahrbar sein. Eine Herausforderung der besonderen Art, aber enorm spannend. Denn wie Jesus mit Menschen umging, wie er Krankheiten heilte oder dämonisierte Menschen befreite und wie er sie liebte, beeindruckte uns schon sehr. Und seine Liebesbeziehung zum Vater, der ihn auf die Welt gesandt hatte, war einfach genial. Ich wollte nur noch eins, ich wollte so werden wie er. Es war nur zu natürlich für mich, allen Bekannten von diesem mitreißenden Jesus zu erzählen. Meine missionarische Ader fing an, heftig zu pulsieren. Schließlich hatte er nicht nur Petrus und die anderen Apostel berufen, Menschenfischer zu sein, sondern auch mich, den einfachen Jünger. Nur war leider nicht ein einziger Fisch bereit, in mein Netz zu gehen. Viele meiner alten Freunde hielten mich für religiös völlig übergeschnappt. Sie hofften, ich würde mich schon bald wieder einkriegen und eines Besseren besinnen. Für sie hieß Besseres: zurück in die Drogen. Die Wende kam mit dem Bibelwort: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 33 nicht viel mehr als sie? Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt? Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen. Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat“ (Matthäus 6,24-34). Konkret hieß das: Hinterfrage dein Leben. Ist das Leben, das du zurzeit lebst, wirklich das Leben, das du leben solltest? Sind ein gottgefälliges und ein gutbürgerliches Leben identisch? Wo und wie lebe ich in dieser Ursprünglichkeit, die in dem Bibelwort so treffend beschrieben wird? Noch konkreter hieß das: Gib die Arbeit auf, sei vollzeitig für Gottes Belange tätig, hilf denen, die Hilfe brauchen, und vertraue darauf, dass Gott alles finanziert. Nach längerem Hin und Her entschloss ich mich der Aufforderung nachzukommen.

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34 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Nach etlichen inneren Kämpfen stieg ich also wieder aus. Irene tat sich leichter damit, Gott zu gehorchen – wie immer. Sie ist mir darin oft meilenweit voraus. Mir fiel es viel schwerer, Gott zu vertrauen. Er hatte versprochen, uns auf allen Ebenen des Lebens zu versorgen. Ich konnte mir bloß nicht im Entferntesten vorstellen, wie das funktionieren sollte. Also fing ich an, mir Sorgen zu machen. Ich tat genau das, wovor die Bibelstelle warnt. Ungefähr so musste sich Petrus gefühlt haben, als er seinen Fuß auf das Wasser stellte. Das wirklich Groteske daran war: Ohne Gott hatte ich mich nie um irgendetwas gesorgt. Letztendlich war das der etwas unrühmliche Startschuss. Es ging endlich los, das Leben mit und aus Gott. Nach und nach fingen meine ehemaligen Freunde und Bekannten dann doch an, über Jesus nachzudenken und ihm ihr Leben zu geben. Das war etwas ganz Neues, erfüllend und aufbauend. Ich erlebte, wie Gott selber in meiner Heimatstadt auf der Straße Erweckung inszenierte. Jesus war buchstäblich Stadtgespräch, und das nicht aufgrund eines evangelistischen Programms, sondern weil junge Leute die übernatürliche Kraft der Liebe Gottes erlebten, von Drogen frei wurden und sich veränderten. Das Ganze war kein frommes Strohfeuer, sondern über viele Monate hinweg ergaben sich fast jeden Tag Bekehrungen zu Jesus. Es passierten Heilungen und Zeichen und Wunder und es wurden neue Jesus-Wohngemeinschaften gegründet. Das war vielleicht das größte Wunder. Nach meinem letzten Auszug aus einer Hippie-Kommune hatte ich nie wieder mit vielen Leuten zusammenleben wollen. Aber man sollte niemals „nie“ sagen. Jetzt schneiten viele in unsere Wohnung, okkult Belastete, Heroinabhängige, Obdachlose. Menschen, mit denen ich mir nicht unbedingt ausgesucht hätte meine Zeit zu verbringen, geschweige denn mein Leben zu teilen. Das enge Zusammenleben brachte natürlich Spannungen und Probleme mit sich, und manchmal ging es wirklich an die


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 35 Grenzen des menschlich Erträglichen. Es gab Zeiten, da waren Irene und ich so schachmatt, dass wir unsere eigene Wohnung fluchtartig für einige Tage verlassen mussten, um bei anderen Jesus-Freunden auf dem Land auszuspannen. Mittlerweile hatte sich so etwas wie ein innerer Kern von Gläubigen gebildet. Ein Lebensstil der Versöhnung wurde in diesem aufregenden Miteinander geboren. Neben dem übernatürlichen Wirken Gottes reinigte sein Geist die Herzen. Und er befreite und heilte von Bitterkeit, Zorn und Hass. Fast täglich erlebten wir das Reden Gottes, und darauf musste reagiert werden. Wir taten Buße voreinander, gewährte und empfing Vergebung, setzte sich dem Wirken Gottes aus, bereinigte sein altes Leben, hörte auf zu rauchen – Drogen waren ja schon lange tabu – und, und, und … Rückblickend würde ich sagen, es war die intensivste, aber auch schönste Zeit in meiner jungen Beziehung zu Jesus. Genau so stellte ich mir das Leben der ersten Christen vor, voller neuer Dinge, niemals langweilig und absolut pulsierend. So wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte“ (Apostelgeschichte 4,32-35).

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36 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN Es war spannend, dieses Leben mit Gott. Besonders in Bezug auf die tägliche Versorgung. Jeder Tag bot die Möglichkeit, Dankbarkeit zu leben und mit den Gegebenheiten zufrieden zu sein. Alles war gut und richtig. Ich lernte „ja“ zu sagen zu den Umständen. Hatte ich Überfluss, dann war das gut, hatte ich Mangel, war das auch okay. Mehr und mehr entdeckte ich: Gott hat wirklich in allem die Kontrolle. Das ist kaum vorstellbar, besonders wenn keine große christliche Organisation, Gemeinde oder Kirche hinter einem steht. Wie sah sein Eingreifen konkret aus? Ganz simpel, er gebrauchte Menschen wie dich und mich. Was Gott von uns erwartet, ist, gebeten zu werden: „Bittet, so wird euch gegeben“ (Matthäus 7,7). Einmal gebrauchte er den Bürgermeister meiner Heimatstadt. Der hatte von den ausgeflippten Hippies und ihrem neu gewonnenen Glauben in der Zeitung gelesen. So besuchte er uns in der WG und bombardierte die Anwesenden neugierig und recht kritisch mit tausend Fragen. Wohl ziemlich zufrieden mit den Antworten, ließ er beim Abschied einen Geldbetrag da. Ein anderes Mal – die Gemeinschaft dankte Gott gerade aufrichtig für seine optimale Versorgung, trotz gähnender Leere auf dem Frühstückstisch – klopfte es an der Tür. Eine völlig fremde Frau stand mit zwei prall gefüllten Lebensmitteltüten da. Sie teilte ihr Frühstück mit uns und wir teilten das Evangelium mit ihr. Noch bevor das Geschirr vom Tisch geräumt war, hatte sie ihr Leben Jesus gegeben. Bei anderen Gelegenheiten fand ich Geld in einer Blumenvase und in meiner Bibel. Erst zwei Jahre später nahmen Irene und ich wieder Halbtagsjobs an, um unseren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Gott hatte uns in den zwei Jahren kein einziges Mal hängen lassen, er war immer treu gewesen.

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FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 37 In dieser Zeit lernte ich dann schließlich auch Christen aus anderen Gemeinden und Konfessionen kennen. Sie erkannten in mir und meinen Freunden sehr schnell den Hintergrund der Jesus People: Erst da wurde mir ganz deutlich klar, ich war ein kleines lebendiges Steinchen in einem weltweiten Aufbruch, in einem Aufbruch, der den ganzen Erdkreis erschütterte und in der Größe und Intensität einmalig war in der Kirchengeschichte, ausgenommen natürlich der ursprüngliche Start der ersten Christen. Eine friedliche Revolution der Liebe Gottes hatte sich Bahn gebrochen. Und dieser Putsch rüttelte an allem, was bis dahin kaum hinterfragt worden war. Überall in den bekehrten Hippiegruppen auf Gottes weitem Erdboden wurde nach neuen Möglichkeiten gesucht, den gefundenen Glauben sichtbarer zu leben und jedem Menschen verständlicher zu vermitteln – oft sehr naiv und fehlerhaft, aber mit aufrichtigem Herzen. Dabei spielte die Existenz anderer Christen erst einmal keine Rolle. Derer war man sich kaum bewusst, weder in den so genannten freien Konfessionen, viel weniger noch in den Großkirchen. Nun wurden meine Freunde und ich mit neuen Problemen konfrontiert. Ich verstand sehr schnell, dass wir nicht so wie andere Christen waren, und die ließen uns das auch ganz gut spüren. Wir wurden ausgefragt, hinterfragt, auf Herz und Nieren getestet, ob wir auch „richtig“ gläubig wären. Wir entsprachen einfach nicht dem landläufigen Bild eines netten Christen, sahen anders aus und verhielten uns anders. Besondere Mühe hatten sie mit unserer unbekümmerten Art, von Wundern und den Gaben des Geistes insgesamt zu reden. Das war in ihrem Alltag einfach nicht üblich. Sie berieten uns darin, wie vernünftige Christen aussehen sollten, was sie tragen, wie sie reden, was sie dürfen, was sie nicht dürfen sollten, und schon bald fühlte ich mich wie in eine Uniform gepresst. Die war so eng, mir blieb die Luft zum Atmen weg. Aber wir begegneten auch Menschen, die uns liebten, trotz oder gerade wegen unserer Andersartigkeit. Sie nahmen uns so


38 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN an, wie Jesus es auch tat. Für diese Geschwister bin ich Gott bis zum heutigen Tag ganz besonders dankbar. Sie ebneten mir den Weg zum Leib Christi. Jesus hatte ein enorm weites Herz. Man muss sich nur vorstellen, er sah Gedanken und Motivationen seiner Jünger, kannte ihre Schwachheiten und Sünden und erzog trotzdem nicht an ihnen herum. Er brachte ihnen das Reich Gottes näher und die Maßstäbe, die in diesem Reich gelten. Er überhäufte sie nicht mit Regeln und Ordnungen, sondern gab ihnen Freiräume, ihre eigene Herzenshärte zu entdecken und zu bereuen. Diese Weite machte selbst bei Judas nicht stopp. Judas wurde von Jesus in den engsten Kreis der Jünger berufen. Er war ein Dieb, so sagt die Bibel. Ob er das nur in seinem Herzen war oder ob er den Gedanken auch Taten folgen ließ, sagt sie nicht. Wahrscheinlich nahm Judas immer wieder etwas aus der gemeinsamen Reisekasse für sich selbst, und zwar nicht nur eine Woche lang, sondern während der ganzen drei Jahre, die er mit Jesus zusammen war. Das Erstaunliche an Jesus ist: Er manipulierte nicht an Judas herum und übte nicht massiv Druck aus an diesem Schwachpunkt. Er ließ ihn einfach in seiner Nähe leben und gab ihm mehrmals die Chance umzukehren und sich zu verändern. Hier wird sichtbar, mit welch großer Gnade Gott uns begegnet und wie sehr Gottes Charakter von Liebe und Akzeptanz durchdrungen ist. Letztendlich hat sich Judas selbst aus der Gegenwart Gottes herauskatapultiert. Ähnlich war es bei den anderen Jüngern. Jeder hatte so seine persönliche Schlagseite. Aber Jesus hat sie getragen und ertragen. Durch die Katastrophe von Golgatha – denn das war der Tod Jesu für seine Jünger – machte Jesus es möglich, dass eben diese Jünger den gewaltigsten Auftrag bekamen, der je von Gott an Menschen gegeben wurde. Nach seiner Auferstehung sollten sie die ganze Welt für Gott gewinnen.


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 39 Die größte Kraft im Universum ist die Liebe Gottes; und sie zu den Menschen zu bringen, in alle Kirchen und Kulturen, zu allen Völkern und Nationen – das ist die große Anweisung.

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Obwohl um uns herum so viel Tolles und Wunderbares geschah: Irene und ich wollten irgendwie mehr. Wir fingen verstärkt an für unsere Zukunft zu beten. Mein Traum war ein großes Haus, in dem wir heroinabhängige Freaks aufnehmen könnten, ein Haus, in dem ich mein Ideal vom gemeinsamen Leben intensiver ausleben könnte. Ich hatte den Wunsch, meinen Glauben zu expandieren, und das Ziel, Größeres für Gott zu vollbringen. Eines Tages kam der Pastor einer Freikirche auf Irene und mich zu und meinte, wir müssten eigentlich unsere Heimatstadt verlassen und in eine Großstadt wie Berlin umsiedeln. Mit meiner Vision für das Reich Gottes hätte ich dort einen viel umfangreicheren Wirkungskreis. Das klang in meinen Ohren wie betörende Musik. Irgendwie wurde mir schon seit längerem alles zu eng in der Kleinstadt. Mit zwei Adressen in der Jackentasche machten wir uns auf nach Berlin, die eine von einem Teen Challenge-Drogenzentrum am Nikolassee, die andere von der Gemeinde von Volkhard Spitzer am Nollendorfplatz. In Berlin angekommen, stellten wir uns zuerst bei Teen Challenge vor. Wir wurden sehr liebevoll aufgenommen und bekamen eine Rundführung durch die verschiedenen Arbeitsbereiche. Wie gerne wäre ich in diesen Dienst eingestiegen! Für diese Art von Leben brannte mein Herz. Doch das Abschlussgespräch setzte allen Phantasien ein Ende. Es war zwar sehr herzlich, aber mindestens genauso ernüchternd. Man hielt uns für noch nicht reif


40 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN genug, eine solche Arbeit zu leisten. Wir bräuchten noch eine intensivere Zeit der Wiederherstellung, und dafür sollten wir uns in eine Gemeinde integrieren. Total „abgelöscht“ durch diesen Dämpfer, konnten weder Irene noch ich den Mut aufbringen zu Volkhard Spitzer zu fahren. Völlig desillusioniert setzten wir uns ins Auto und fuhren die 500 Kilometer zurück nach Hause. Wir benötigten jeden einzelnen Kilometer, um den Frust auch nur einigermaßen zu verarbeiten. Volkhard Spitzer war übrigens mein absoluter Held. Ich hatte einige Predigt-Kassetten von ihm gehört, und mein innigster Wunsch war es, auch so vollmächtig wie er predigen zu können. Seine Art zu sprechen beeindruckte mich so sehr, dass ich seine Predigten kopierte und sie sonntags im Gottesdienst in unserer neu gegründeten Gemeinde wortwörtlich vortrug. Überhaupt war das Verlangen zu predigen tief in mir verankert. Natürlich hatte ich schon auf verschiedenen Gemeindeveranstaltungen gesprochen, und auch auf der Straße erlebte ich eine große Freiheit im Heiligen Geist. Manchmal sprach ich vierzig Minuten lang, und die Leute liefen nicht weg, sondern es strömten ganz im Gegenteil noch mehr Zuhörer hinzu. Aber auch hier wollte ich Größeres.

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Als das Düsseldorfer Jesus-Haus im Januar 1977 sein einjähriges Jubiläum feierte, besuchten meine Frau und ich die Veranstaltungen. Einer der Jubiläumssprecher war Volkhard Spitzer. Im Abendprogramm – wir hatten uns bis in die dritte Reihe nach vorne durchschmuggeln können – unterbrach er seine Predigt mittendrin und gab ein prophetisches Wort weiter. Es lautete ungefähr folgendermaßen: „Hier ist ein junger Mann, der


FANG MICH, BEFREI MICH, GEBRAUCH MICH / 41 aus ziemlich kaputten und zerbrochenen Verhältnissen gerettet worden ist. Er hat ein starkes Verlangen, Gott durch Predigen zu dienen. Ich will für ihn beten. Bitte steh auf.“ Mann, o Mann, das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich wusste genau, ich war gemeint. Aber da gab es so viele andere junge Männer und vielleicht war ja ein anderer mutig genug aufzustehen. Unsicher sah ich mich um, aber niemand stand auf. Inzwischen raste mein Herz und ich fing an zu schwitzen. Wieder hörte ich Volkhards Stimme: „Ich kann nicht fortfahren, es sei denn, der junge Mann steht auf.“ Mit schlotternden Knien erhob ich mich schließlich. Eigentlich war mir nach Weglaufen zumute, aber meine Beine hätten mir wahrscheinlich so und so nicht gehorcht. Und dann betete Volkhard Spitzer für mich: „Du sollst die Werke des Herrn verkündigen. Ich segne dich und du sollst ein Segen für viele sein. Gott wird dich bis an die Enden der Erde senden.“ Er ermutigte mich, nicht auf meine Schwachheiten zu schauen und mich nicht zu fürchten. Gott würde mich führen. Und dann segnete er meine Berufung zu diesem Dienst. So eine Erfahrung hatte ich bis dahin noch nie gemacht. Ich konnte fast keinen klaren Gedanken mehr denken, nur eine Frage blieb: „Kann das wahr sein? Will Gott wirklich einen Chaoten wie mich gebrauchen?“ Völlig aufgewühlt machte ich mich auf den Heimweg.

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Die Fragen bezüglich der Zukunft ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich ging alle Möglichkeiten mindestens zwanzigmal am Tag durch. Düsseldorf wäre noch eine Option. Die Gemeinde hatte Irene und mich sehr freundlich aufgenommen und in vielem unterstützt und gefördert. Dazu kamen noch die guten und


42 / WENN TRÄUME WAHR WERDEN freundschaftlichen Beziehungen, die wir zu Einzelnen hatten. Allerdings hatte die Gemeinde gerade ein riesiges Kino gekauft und musste sich so schwerpunktmäßig in Veranstaltungen investieren. Das war nun ganz und gar nicht mein Ding. Und es gab noch die Chance, auf eine Bibelschule zu gehen und sich ausbilden zu lassen. Sozusagen als allerletzten Strohhalm. In meiner Ratlosigkeit forderte ich die Aufnahmeformulare an, um sie dann prompt an einen Freund weiterzugeben. Ich bekam einfach keinen Frieden über die Möglichkeiten, meine Heimatstadt zu verlassen, aber Frieden, da zu bleiben, hatte ich auch nicht mehr. Ein wirkliches Dilemma. Es folgte eine intensive Zeit der Orientierung für die nächste Etappe mit Gott.


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An irgendeinem Tag im September 1977

W

as machen wir eigentlich hier? Sind wir blöd oder was?“ Stöhnend und schwitzend wuchtete ich den riesigen Ohrensessel vom LKW und schleppte ihn durch den Keller vier Treppen hinauf in den 1. Stock. Wohlgemerkt in zwei winzige Zimmer, nicht in die geräumige Wohnung, die man Irene und mir versprochen hatte. Die war inzwischen anderen Mitarbeitern gegeben worden. Zurück nach Iserlohn konnten wir nicht mehr, dort hatten wir alle Zelte abgebrochen. Unsere Jobs und die riesige Wohnung in einer tollen alten Villa waren gekündigt, sämtliche Verantwortlichkeiten in der Gemeinde niedergelegt, und der neue Pastor und die Ältesten hatten uns für den Dienst im Wiedenhof gesegnet. Sogar mein Vater und meine Schwiegereltern hatten uns zu diesem Schritt ermutigt und uns ihren Segen gegeben. So standen wir nun mit Sack und Pack und gigantischen Erwartungen im Flur vor den winzigen Zimmern mit der großen Frage: „Wohin mit all dem Zeug?“ Also wurde improvisiert. „Niemals zurück“ hieß die Devise.


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