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1 Anette Hug Wenn der Tag zur Nacht wird


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Anette Hug

Wenn der Tag zur Nacht wird Ausbruch aus dem Gefängnis der Depression


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Copyright © 2005 by Asaph Verlag, D-Lüdenscheid 1. Auflage 2005 Umschlaggestaltung: André Bégert, CH-Kreuzlingen Umschlagfoto: imagepoint.ch Satz/DTP: Jens Wirth/ASAPH, D-Lüdenscheid Druck: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum Printed in the EU ISBN 3-935703-66-X Bestellnummer 147366 Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH GmbH, D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net oder in der Schweiz an: ASAPH AG, CH-8280 Kreuzlingen E-Mail: info@asaph.net www.asaph.net


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Einleitung von Anette Hug 38 Jahre war ich alt, als ich seelisch in ein tiefschwarzes, scheinbar bodenloses Loch stürzte. Diagnose: schwere Erschöpfungsdepression. Es war für mich als Pastorenfrau sehr hart, den Weg in die Psychiatrie antreten zu müssen. Dem vorausgegangen waren etliche Jahre, in denen mich unsägliche, krampfartige Schmerzen im ganzen Körper quälten – die Ärzte konnten keine körperliche Ursache finden, alle Medikamente blieben ohne Wirkung. Es waren heftige psychosomatische Symptome, die lange Zeit nicht als solche erkannt und daher falsch behandelt worden waren. Viele Jahre hatte ich meinem Mann bei seinem Dienst als Pastor einer freien christlichen Gemeinde zur Seite gestanden. Wir sehnten uns stets nach geistlicher Erweckung und waren dabei vielleicht nicht wachsam genug. So kam es im Laufe der Jahre zu Turbulenzen in der Gemeinde, Spaltungen drohten. Meinungen und Ansichten, die wir nicht mehr mit der Bibel vereinbaren konnten, gewannen die Überhand. So kam es zu vielen zwischenmenschlichen Problemen und Missverständnissen; Freundschaften und Beziehungen gingen in die Brüche. Schließlich verließen wir die Gemeinde, um an einem anderen Ort wieder geistliche Aufgaben in einer Gemeinde zu übernehmen. So kamen wir 1994 nach Kreuzlingen. Und während neue Aufgaben und Herausforderungen auf mich warteten, belasteten die zurückliegenden Ereignisse meine Seele sehr schwer. So bekam ich im Mai 1994 erstmals starke Schmerzen in den Beinen, die schnell dazu führten, dass ich völlig arbeitsunfähig wurde. In der neuen Gemeinde


6 fühlte ich mich nicht heimisch und angenommen, sondern meinte abgelehnt zu werden. So begann ein Teufelskreis von Schmerzen und seelischem Leid, der sich ständig verstärkte und mich wie ein gewaltiger Strudel immer mehr in die Tiefe riss. Mehrere Male wollte ich meinem Leben ein Ende setzen – allein Gottes Gnade vereitelte meine Pläne und erhielt mich am Leben. In all den Jahren war ich kaum fähig, in der Bibel zu lesen. Krampfhaft hielt ich mich über die zehn Jahre währende Depressionsphase an Psalm 118 Vers 17 fest, wo steht: »Du sollst leben und des Herrn Wort verkündigen.«


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Lieber Erich, (…) Sicher weißt du noch, wie alles angefangen hat … So etwas kann man einfach nicht vergessen! Für mich waren die vergangenen Jahre wie ein schrecklicher Alptraum, ein unvorstellbares Horrorszenarium, und doch ist heute alles wieder weit weg. Unglaublich, ich als außerordentlich lebensfroher Mensch saß in unserem Auto, unterwegs nach Rorschach, um dort meinem Leben ein Ende zu setzen. »Bring dich um, egal wie!« – »Bring dich um! Tu es und die grässlichen Schmerzen werden verschwinden!« So jagten mich pausenlos diese unsagbar quälenden Gedanken, wie in einem Trancezustand. Verzweifelt wie eine Irre fuhr ich durch unsere alte Heimatstadt und konnte es einfach nicht fassen, dass unsere gemeinsame Lebensvision zerbrochen war. Weinend schrie ich zu Gott: »Warum, warum, warum geht es hier nicht weiter?« Ich konnte es einfach nicht begreifen. Nur noch ein Gedanke verfolgte mich: »Bring dich um!« So fuhr ich in einen nahe gelegenen Wald, von wo ich die ganze Stadt überblicken konnte. Tränen rollten mir die Wangen herunter. Ich wollte nicht mehr da sein! Du und ich hatten eine wunderbare Bezie-


8 hung, aber ich konnte nicht einmal an dich denken. Die Todesgedanken beherrschten mich vollkommen. Unter Tränen schrieb ich dir einen kurzen Abschiedsbrief und legte ihn ins Auto. Dann schluckte ich eine Handvoll Schlaf- und Schmerztabletten und trank zwei Flaschen Sekt in einem Zug. Ich wartete. Nichts geschah! Ich war maßlos enttäuscht. Voller Wut zerbrach ich eine Flasche, nahm eine scharfe Scherbe und versuchte mir die Pulsader aufzuschneiden. Während ich hantierte, rüttelte mich plötzlich eine innere Stimme auf, die immer wieder sagte: »Anette, geh nach Hause, zu deinem Mann!« Schnurstracks und entschlossen setzte ich mich hinter das Steuer und fuhr in meiner Verzweiflung zu dir. Es ist schon ein absolutes Wunder, dass ich in diesem Zustand heil in Kreuzlingen ankam. An deinem Arbeitsplatz ranntest du mir gerade entgegen und dann bin ich in deinen Armen zusammengebrochen. Ich war am Ende meiner Kräfte! Fertig, Schluss, ich wollte nicht mehr und schloss die Augen. Ahntest du, was passiert war? Plötzlich standen vier Polizisten um mich herum und quetschten dich aus. »Was ist hier los? Sofort eine Blutprobe entnehmen!«, hörte ich wie von weitem die Stimme eines Polizisten. Bei einer Gerichtsverhandlung musste ich mich später für mein ungehöriges Verhalten am Steuer verantworten. Die Folge war ein Bußgeld von 2500 Franken und ein Führerscheinentzug von drei Monaten. Nach diesem völligen körperlichen und psychischen Zusammenbruch brachte mich der Krankenwagen ins Krankenhaus. Dort musste ich widerliche Kohletabletten schlucken. Der Pfleger behandelte mich ruppig und verpasste mir, ohne mich zu fragen, eine Schmerz-


9 spritze. Nichts half. Ich quälte mich die ganze Nacht hindurch. Ich lebte immer noch – warum? Hatte Gott doch einen Plan mit meinem Leben? Ich wusste es nicht. Der Psychiater empfahl uns, mich schleunigst in die Psychiatrie einweisen zu lassen. Er diagnostizierte eine Erschöpfungsdepression. Bald war Ostern und du wolltest mich nach Hause nehmen. Sicher hast du mich damals nicht verstanden, aber ich wollte einfach mit diesen Schmerzen nicht mehr leben. Immer wieder fragte ich Gott: »Warum, Herr, zerbricht mein Glück?« Ich stand vor so vielen offenen Fragen. Ich hörte dich sagen: »Lern das Vertrauen, bei Gott hat alles einen Sinn. Einst wirst du staunend rückwärts schauen und sagen: Alles war Gewinn!« In der Dunkelheit, die mich damals umfing, konnten mich deine Worte nicht erreichen. Ich möchte dir meinen zweiten »Horrortrip« nochmals schildern. Er ereignete sich nur ein paar Wochen später. Damals schrie ich zu Gott: »Vergib mir, aber ich kann nicht anders!« Liebster Erich, niemals wollte ich dir wehtun, doch ich hatte absolut keinen Lebenswillen mehr. So nahm ich den laufenden Fön in die Badewanne, um endlich sterben zu können. Stromstöße durchfuhren immer wieder meinen Körper, doch nichts geschah. Ich weiß nicht, wie viele Minuten es dauerte. »Mach die Tür auf!«, hörte ich von draußen eine energische Stimme. Plötzlich standest du und die Putzfrau im Bad. Du hast das Fönkabel aus der Steckdose gerissen. »Warum tust du mir das an?« Jetzt führte an der Psychiatrie kein Weg mehr vorbei. Ich weinte und schrie: »Da will ich nicht hin!« Eine Pastorenfrau in einer Klinik! Was sagen und denken nur die Leute, unsere Nachbarn?


10 Ich weiß, dir hat es damals fast das Herz zerrissen beim Gedanken, deinen allerliebsten Menschen in die Psychiatrie abliefern zu müssen. Dort angekommen, wurde mir eine Infusion gelegt. Ich schlief tagelang. Erschöpft von den unaufhörlichen Schmerzen, nach zahllosen Untersuchungen, fand man endlich die richtige Diagnose: Erschöpfungsdepression. Die Klinik war eine Rettung für mein Leben. Abgeschottet in einer geschlossenen Abteilung, Türen und Fenster verschlossen mit Gitterstäben. Ich dachte, ich sei im Gefängnis. Da, wo ich nie hinwollte, war ich jetzt gelandet. Hatte der Teufel gesiegt? Nein, ich konnte endlich anfangen zu verarbeiten, nachdenken … Jesus hat versprochen, er ist jeden Tag bei mir, egal wo ich bin. Am Ende dieser Erde, am äußersten Meer, in der Wüste, er verlässt mich auch in der Psychiatrie nicht. (…)

In Liebe, deine Frau Anette

Mich umfingen die Fesseln des Todes, mich befielen die Ängste der Unterwelt, mich trafen Bedrängnis und Kummer. Da rief ich den Namen des Herrn an: »Ach Herr, rette mein Leben!« Psalm 116, Vs. 3 u. 4

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Mein liebes Kind, auch dein Leben ist nicht so verlaufen, wie du dir das vorgestellt hast! Deine Depressionskrise, deine Suizidversuche und deine unsagbaren Schmerzen waren eine harte Prüfung, die dir alles abverlangt hat. Deine Mutter hat dir einmal einen Bibelvers zukommen lassen, darin stand: »Du züchtigst mich wohl, aber ich gebe dich nicht dem Tode hin. Du sollst leben und des Herrn Wort verkündigen.« Kannst du dich noch daran erinnern? Vor Jahren hast du zu mir im Gebet geschrien: »Herr, verändere mich und nimm alles weg, was dir nicht gefällt.« Ich habe dein Gebet ernst genommen und erhört. Kannst du das verstehen? Dass du mit deinen unerträglichen Schmerzen und den vielen Veränderungen nicht mehr leben wolltest, kann ich sehr gut nachempfinden. Doch ich habe stets meine Hände über dir ausgebreitet, damit dein Leben nicht ausgelöscht werden konnte. Die Todesgedanken, die dich Tag und Nacht quälten, waren schrecklich. Anette, du bist nicht mehr dieselbe. Dein Leben hat sich sehr verändert. Heute kannst du jeden depressiven Menschen und alle, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen oder wollten, verstehen. Todesgedanken sind nicht von mir. Der Teufel will den Menschen vom wahren Leben wegbringen, ihn zerstören und umbringen. Du wirst für viele Menschen in großer Not eine wertvolle Hilfe sein. Beginn dein Leben mit meinen Augen zu sehen. Ich sehe dein Leben positiv. Auch deine Gedanken, ich hätte dich für immer verlassen, deine Gebete würden nur bis zur Decke reichen, sind mir wohl bekannt. Ein depressiver Mensch empfindet so,


12 und trotzdem habe ich dich keinen Augenblick alleine gelassen. Ich möchte, dass du lebst und nicht selbst aus dem Leben aussteigst. Ich bin der Herr über Leben und Tod! Deine Sünden und dein Versagen habe ich dir vergeben. Deine Minderwertigkeitsgefühle, deine Angst und dein oft verkehrtes Leistungsdenken sind in meiner Hand. Vertraue darauf, dass daraus etwas Gutes wird. Ich starb für dich, damit du neues Leben erhältst und ein ganz neuer Mensch wirst. Ich wollte, dass du lebst, und habe dich am Leben erhalten. Bedenke stets, was ich am Kreuz gelitten habe für die Menschen, verspottet, verlassen von allen Menschen, sogar von meinem Vater. Du hattest noch deinen Mann, der immer zu dir stand. Die Schmerzen, die ich erduldet habe, waren die Hölle auf Erden. Mein Kind, ich bin so froh, dass du in deinem Herzen keine Bitterkeit, keinen Groll gegen Menschen hast und auch nicht gegen mich. Ich habe diese Krise zugelassen, ähnlich wie bei Hiob. Du bist im Glauben und in der Liebe gereift, deine Hartnäckigkeit, deine Ausdauer sind gewachsen. Ich liebe dich, so wie du bist. Ich habe dir versprochen, dass du in deinem Leben nie mehr die Hilfe einer psychiatrischen Klinik benötigen und keine Antidepressiva mehr brauchen wirst. Dieses Versprechen halte ich, denn meine Worte sind wahr.

In Liebe, Jesus


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Liebe Jeannine, meine Tochter, (…) Jetzt möchte ich dir ein wenig von meiner Kindheit erzählen. Mittlerweile bist du schon selbst eine erwachsene Frau. Schon als Kind plagten mich viele Ängste. In meinem Kinderzimmer hingen Bilder von Schneewittchen, Max und Moritz und anderen. Nachts schrie ich und stammelte: »Angst, Angst, ich fall ins Wasser.« Die Nächte waren für meine Mutter ein Alptraum. Fast jede Nacht wanderte ich in der Wohnung herum, lief ins Schlafzimmer und schrie. Am anderen Morgen wusste ich von nichts. Ich war eine Schlafwandlerin! Ich traute mir wenig zu und mein Vater sagte immer wieder zu mir: »Stell dich nicht so dumm an!« Niemals wäre ich alleine am Tag über den Friedhof gelaufen. Mein Bruder und ich schliefen in einem Zimmer. Wenn es gewitterte, schlich ich mich in das Bett meines Bruders. Er ließ das mit den Worten zu: »Dann bleib doch, du blöde Kuh.« Ich klammerte mich fest an seinen Rücken. Auch in unserer Ehe gab es Momente, in denen ich fürchterliche Ängste hatte und mich dann an deinen Vater


14 klammerte. Dadurch wurde er manchmal eingeengt. Ich erinnere mich an Wanderungen. Ich dachte immer, ich stürze ab, und wir mussten öfter unsere Wandertouren abbrechen. Einmal fuhr ich mit dem Auto nach Deutschland. Bei Tempo 200 wurde es mir plötzlich schwarz vor Augen. Zum Glück konnte dein Vater das Lenkrad noch rechtzeitig auf den Pannenstreifen lenken. Viel später passierte mir dasselbe in St. Gallen im Tunnel. Ich war alleine. Mir wurde schwarz vor Augen und ich riss das Fenster auf, rang nach Luft und schrie: »Jesus, hilf mir!« In der Depressionsphase bekam ich ein Medikament, das bewirkte, dass sich meine Augen plötzlich nach oben verdrehten. Wie viele Ängste stand ich aus, besonders beim Autofahren. Das liegt jetzt schon zehn Jahre zurück. Erst jetzt konnte ich diese Ängste, meine Minderwertigkeitsgefühle und das Leistungsdenken überwinden. Gott half mir gewaltig in der Zeit meines Psychiatrieaufenthaltes bei meinen Ängsten. Letzte Woche fuhren wir, du, Svenja und ich nach Deutschland zu Omas Geburtstagsfest. Für mich war es ein absolutes Wunder. Ich hatte keinerlei Angst beim Autofahren und auch nicht, als es durch den Tunnel ging. Du hattest ja auch einen Autounfall gehabt und weißt um diese Angst. (…)

In Liebe, deine Mutti 


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Liebes Kind, weißt du, wie viele Menschen unter panischer Angst leiden, nachts nicht durchschlafen können? Auch wenn du durch diesen Tunnel der Angst hindurch musstest, ich habe dich nie verlassen und du kannst bezeugen, dass dir nie etwas passiert ist. Ich durchlitt Todesangst, besonders als ich den Weg des Kreuzes gehen musste. Ich schwitzte Blut im Garten Gethsemane und schrie zu meinem Vater: »Wenn es geht, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.« Doch Gott gab mir die Kraft, diesen Sterbensweg zu gehen, und ich war bereit auch deine Ängste ans Kreuz zu bringen. Heute bist du ein freier Mensch. Wenn du nur an deine panische Angst vor Hunden denkst! Heute hast du einen gesunden Respekt. Heute traust du dir Dinge zu, die du dir nie träumen ließest: mit Power zu predigen, Wohnungen zu vermieten, Berge zu besteigen. Verflogen ist auch deine Angst vor Gewittern, auch wenn du ganz alleine bist. Ist das nicht fantastisch, mein liebes Kind? Hinter jeder Angst steht die Angst vor dem Verlust der menschlichen Existenz, dem Tod. Du warst dem Tod schon ganz nah. Du hast diese Angst überwunden. Du hast während deiner Krankheit erfahren, dass dich nichts von meiner Liebe trennen kann, und du weißt sicher, dass deine himmlische Heimat bei mir ist.

Dein Heiland


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