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Harald Eckert
Gottes Weg mit Israel Von Abraham bis zur Offenbarung
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Copyright © 2005 by Asaph Verlag, D-Lüdenscheid 1. Auflage 2005 Als Bibelübersetzung wurde, soweit nicht anders vermerkt, die Revidierte Elberfelder Übersetzung von 1994, © 1985 R. Brockhaus Verlag Wuppertal und Zürich, verwendet. Bibelstellen, die mit „Luther“ kenntlich gemacht sind, haben die revidierte Lutherbibel von 1984 © Deutsche Bibelgesellschaft 1985, zur Grundlage. ISBN 3-935703-55-4 Bestellnummer 147355 Umschlaggestaltung: Danny Zabel, IMAGE Grafik Design, D-Landsberg Umschlag-Illustrationen: Gerhard Heitzer Satz: ASAPH, Jens Wirth, D-Lüdenscheid Druck: Breklumer Druckerei M. Siegel, D-Breklum Printed in the EU Für kostenlose Informationen über unser umfangreiches Lieferprogramm an christlicher Literatur, Musik und vielem mehr wenden Sie sich bitte an: ASAPH, D-58478 Lüdenscheid E-Mail: asaph@asaph.net – www.asaph.net
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Inhalt Vorwort ...........................................................................................7 Einführung ......................................................................................9
Teil 1 Der biblische Rahmen.................................................................11 Kapitel 1 Zeiten der Wiederherstellung ........................................................13 Kapitel 2 Geliebte um der Väter willen ........................................................23
Teil 2 Die sieben Meilensteine...............................................................31 Kapitel 3 Der Abrahambund – der erste Meilenstein ...................................33 Kapitel 4 Der Sinaibund – der zweite Meilenstein .......................................45 Kapitel 5 Der Davidbund – der dritte Meilenstein .......................................59
6 / GOTTES WEG MIT ISRAEL Kapitel 6 Das neutestamentliche Zeitalter – der vierte Meilenstein .............67 Kapitel 7 Die Geburt des messianischen Zeitalters – der fünfte und sechste Meilenstein ...............................................83 Kapitel 8 Das neue Jerusalem – der siebte Meilenstein ...............................97 Schlussbemerkungen...................................................................100
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Vorwort Ich denke, in jedem Haushalt gibt es sie: die Lieblingstöpfe, die man immer und immer wieder benutzt, obwohl sie schon ziemlich alt sind. Man muss schon kräftig scheuern, um über die Jahre festgebrannte Reste im Topf zu entfernen. Mindestens ebenso kräftig muss theologische Reinigungsarbeit geleistet werden, wenn es um das Verhältnis zwischen Christen und Juden geht. Wie viele irreführende Lehren halten sich wie festgebrannte Reste wacker über Jahre und Jahrzehnte, etwa nach dem Motto: Was früher nicht geschadet hat, wird auch heute nicht schaden. Wer aber sagt denn, dass uns die mangelnde biblische Sicht in diesen Sachen nicht geschadet habe? Man denke in diesem Zusammenhang nur an die tragischen Entwicklungen zur Zeit des Hitler-Regimes oder auch an das alarmierende neue Aufkeimen antijudaistischer Parolen in unserem Land. Ich bin in einer lebendigen kleinen, pietistisch geprägten Freikirche aufgewachsen. Dort herrschte wie fast überall in den freikirchlichen Gemeinden die Sicht vor, dass wir als Gemeinde Jesu nun alle Verheißungen des Volkes Israel geerbt hätten und somit auch das neue Volk Gottes wären. – Damals wusste ich noch nichts von einer so genannten Ersatz- bzw. Substitutionstheologie, aber ich hatte sie unreflektiert übernommen. Auch in meinem Theologiestudium spielte das Thema Israel meines Erachtens nicht die große Rolle. Erst in meinem ersten Gemeindedienst wurde ich mit der Frage neu konfrontiert, als einige Bibelkenner mich immer und immer wieder darauf hinwiesen, dass es hier noch viel zu lernen gebe, gerade, wenn man etwa die wichtigen Kapitel 9-11 des Römerbriefes studierte. Zunehmend wurde mir die hohe Bedeutung des ewigen Treuebundes Gottes mit seinem Volk Israel deutlich. Ich erkannte, dass es mindestens drei wesentliche
8 / GOTTES WEG MIT ISRAEL Segensquellen in der geistlichen Erneuerung einer Gemeinde gibt: die Treue zum biblischen Wort Gottes, die Öffnung für alle Wirkungen des Heiligen Geistes und die Erkenntnis unserer Schicksalsgemeinschaft mit dem Volk Israel. In vielfacher Weise habe ich erkannt, dass wer Israel segnet, auch selber Segen empfängt. – Natürlich gab und gibt es auch immer wieder Israelfreunde, die aufgrund einer mangelnden Klärung des Verhältnisses zwischen dem Volk Israel, dem Land Israel und dem Staat Israel zu einer überzogenen Euphorie neigen. Umso wichtiger ist diesbezüglich die biblisch-theologische Orientierung. Harald Eckert hat sich über viele Jahre und Jahrzehnte ausführlich mit der Thematik befasst und mit diesem Buch einen wertvollen und gut verständlichen Beitrag gegeben. Es ist mein Wunsch, dass dieses Buch mit dazu beiträgt, dass „alte, festgebrannte“ Restlehren einer guten biblischen Lehre weichen. Dr. Heinrich Christian Rust Pastor der Braunschweiger Friedenskirche 15. Februar 2005
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Einführung Das Thema „Israel“ zählt sowohl innerhalb der christlichen Gemeinde als auch in Politik und Gesellschaft zu den brisantesten und umstrittensten Themen unserer Zeit. Auch mit Blick in die Vergangenheit stellen wir fest, dass die Geschichte des jüdischen Volkes – und unsere Beziehung als christliche Gemeinde und als nichtjüdische Völker zu ihm – von mancherlei Extremen gekennzeichnet war: Die Beziehung von Christen und Juden zueinander stellt das mit Abstand dunkelste Kapitel der Kirchengeschichte dar. Und der Holocaust während des Dritten Reichs ist der Tiefpunkt der „christlich-abendländischen“ Kulturnation Deutschland, wenn nicht der Menschheitsgeschichte insgesamt. Tatsache ist: Wenn es um Juden und Israel geht, kann man nicht neutral bleiben. Entweder neigt man intuitiv zu Anerkennung, Respekt und Wertschätzung, manchmal sogar bis hin zu Bewunderung, ungesundem Überschwang und Euphorie, oder man wird mit Misstrauen, Vorbehalten und diffusen, subtilen Ängsten konfrontiert, bis hin zu Unmut, Ablehnung und offenem Hass. Es ist sehr schwer, wenn nicht unmöglich, sich dem Thema zu entziehen – selbst wenn man es sich wünschte. Besonders wir als Christen, die wir durch den Juden Jesus, unseren Erlöser, in besonderer Weise mit dem jüdischen Volk verbunden sind (ob uns das passt oder nicht), können uns den mit Israel verbundenen Fragen und Herausforderungen nicht entziehen. Wir müssen eine eigenständige, vor Gott, vor unserem Gewissen und vor anderen Menschen verantwortbare Position zu diesem Thema finden. Mehr noch: Es genügt nicht (und ist auf Dauer auch nicht möglich), nur eine intellektuelle, „politisch korrekte“ Haltung einzunehmen. Hier sind wir mit unserem Herzen und unserer ganzen Person gefragt. Unser Verstand, unser Herz und unser tagtäglicher Lebensstil als Christ und
10 / GOTTES WEG MIT ISRAEL christliche Gemeinde muss zu dieser überzeugten und überzeugenden Haltung finden – auch und gerade, wenn dies bedeutet, gegen den breiten Strom zu schwimmen. Aber was kann wirklich hilfreich sein in diesem Wust tragischer Ereignisse, widerstreitender Prägungen und verwirrender Meinungen? Aus Dutzenden von Seminar- und Vortragsveranstaltungen und unzähligen Gesprächen und Erlebnissen in den letzten Jahren bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass für ernsthafte Christen ein tieferes, ausgewogenes Verständnis der Bibel zu diesem Themenkomplex unerlässlich ist. Die Bibel enthüllt uns Gottes tiefste Gedanken und Absichten in Bezug auf Israel und das jüdische Volk. Die Bibel gibt schlüssige Antworten auf brisante Fragen. Sie enthält Gottes Lösungen für die verworrensten menschlichen Probleme und historischen Abgründe. Das Wort Gottes, und nur das Wort Gottes vermag „Geistliches von Seelischem“ und „gesundes Mark von totem Gebein“ zu unterscheiden (nach Heb. 4,12). Mir geht es in diesem Buch darum, dass einige der wesentlichen biblischen Aussagen zum Thema Israel in verständlicher und nachvollziehbarer Weise und ohne viel Beiwerk für sich selbst sprechen können. Dahinter steht der Wunsch, dass der rote Faden von Gottes Gedanken und Absichten mit Israel – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – für viele ernsthafte Christen mit wachsender Klarheit erkennbar wird. In diesem Sinne ist es mein Gebet und meine aufrichtige Hoffnung, dass der Leser in vielfältiger Weise von den folgenden Seiten profitieren wird. Harald Eckert Hebertshausen bei Dachau Ostern 2005
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Teil 1
Der biblische Rahmen
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Kapitel 1
Zeiten der Wiederherstellung „DEN [JESUS] MUSS FREILICH DER HIMMEL AUFNEHMEN BIS ZU DEN ZEITEN DER WIEDERHERSTELLUNG ALLER DINGE, VON DENEN GOTT DURCH DEN MUND SEINER HEILIGEN PROPHETEN VON JEHER GEREDET HAT.“ (APG. 3,21) „WENN WIR UNSEREN WILLEN MIT DEM WILLEN GOTTES IN EINKLANG BRINGEN, WENN WIR DIE ZIELE GOTTES ZU UNSEREN ZIELEN MACHEN, SIND WIR GENAUSO UNERSCHÜTTERLICH UND UNBESIEGBAR WIE DER WILLE GOTTES SELBST.“ (DEREK PRINCE, BIBELLEHRER1) Ehe wir unsere Reise durch die Bibel beginnen, um Gottes Weg mit Israel durch die Zeiten hindurch näher kennen zu lernen, wollen wir zunächst einige Rahmenbedingungen betrachten, die uns helfen, diesen Strang biblischer Offenbarung2 richtig einordnen zu können. Diese Rahmenbedingungen finden wir im Neuen Testament durch Petrus eindrucksvoll beschrieben. In Apostelgeschichte, Kapitel 3, ist die zweite große Predigt des Petrus aufgezeichnet. Die erste finden wir in Kapitel 2 – es handelte sich dabei um die Pfingstpredigt, durch welche die Gemeinde Jesu geboren wurde. Beide Predigten stehen in einem tiefen inneren Zusammenhang und sind als solche grundlegend für die junge christliche Gemeinde in Jerusalem. In Apg. 3,17-21 lesen wir:
14 / GOTTES WEG MIT ISRAEL „Und jetzt, Brüder, ich weiß, dass ihr in Unwissenheit gehandelt habt, wie auch eure Obersten. Gott aber hat so erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten vorher verkündigt hat, dass sein Christus leiden sollte. So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn und er den euch vorausbestimmten Jesus Christus sende! Den muss freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.“ Der Hintergrund: Durch Petrus und Johannes wurde ein von Geburt an lahmer Mann, der sich zum Betteln im Tempelbezirk aufhielt, geheilt. Die gerade anwesenden frommen Juden waren in Aufruhr. Etwas Außergewöhnliches war geschehen, aber: durch wen, durch welche Kraft und in welcher Vollmacht? An dieser Stelle setzte Petrus an. Er konfrontierte seine jüdischen Zuhörer mit der Tatsache, dass dieses Wunder durch den Namen dessen geschah, den sie nur wenige Wochen zuvor den römischen Autoritäten zur Hinrichtung ausgeliefert hatten: durch den Namen Jesus. Unter der überführenden Kraft des Heiligen Geistes und angesichts dieser Krafthandlung Gottes erkannten viele der anwesenden Juden – wie schon zu Pfingsten – mit großer Erschütterung: Auch sie waren schuldig, dass sie Jesus, den Messias,3 von dem die Propheten gesprochen und auf den sie Jahrhunderte lang gewartet und gehofft hatten und der gekommen war – nicht erkannt hatten! Und hier sagt ihnen Petrus: „Liebe Brüder, all dies musste so geschehen, weil es die Propheten vorhergesagt haben. Tut Buße und euch wird Vergebung zuteil werden.“ Aber dabei bleibt Petrus nicht stehen, sondern fährt sinngemäß fort: Jesus ist von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgenommen – und er wird wiederkommen! Doch so, wie ein Teil biblischer Prophetie sich im ersten Kommen, im Sterben und in der Auferstehung Jesu erfüllt hat, müssen sich vor seinem zweiten Kommen noch weitere Teile biblischer Prophetie erfüllen. In Petrus’ Worten: Der Himmel müsse ihn aufnehmen „… bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat.4“
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Drei Phasen biblischer Prophetie in Bezug auf Jesus Fassen wir die Verse 17-21 unter dem Gesichtspunkt der Erfüllung biblischer Prophetie in zeitlicher Hinsicht zusammen, stellen wir fest, dass Petrus in Bezug auf Jesus drei Phasen unterscheidet: 1. Eine erste Phase prophetischer Verheißungen des Alten Testaments hat sich gemäß V. 17 in Jesu Kommen, seinem Sterben, seiner Auferstehung und Himmelfahrt erfüllt.5 Jesus selbst hat den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus gesagt: „Warum begreift und glaubt ihr nicht, was die Propheten vorhergesagt haben? Musste Christus nicht all dies erleiden, bevor Gott ihn zum Herrn über alles einsetzt?“ 2. Eine zweite Phase prophetischer Verheißungen erfüllt sich zwischen dem ersten und zweiten Kommen Jesu – das sind die „Zeiten der Wiederherstellung“, von denen in V. 21 die Rede ist. 3. Eine dritte Phase prophetischer Verheißungen wird sich mit und nach dem zweiten Kommen Jesu erfüllen – also mit dem Anbruch der „Zeiten der Erquickung“, die Petrus in V. 20 erwähnt. Es ist von weit reichender Bedeutung, dass wir diese Unterscheidung verstehen und ernst nehmen, insbesondere auch die Realität der zweiten Kategorie! Etwas vereinfacht gesagt ist zu beobachten, dass liberale Theologen dazu neigen, möglichst viele prophetischen Aussagen des Alten Testaments als schon im Alten Testament erfüllt anzusehen – und zwar vor der Zeit ihrer Abfassung. Mit anderen Worten: Alttestamentliche Prophetie sei nur ein literarisches Stilmittel, um geschichtliche Ereignisse aus dem Blickwinkel des Glaubens zu interpretieren. Manche evangelikale Theologen neigen andererseits dazu, das Pendel zu weit in die andere Richtung ausschlagen zu lassen: Sie tendieren zu der Sicht, dass ein möglichst großer Anteil prophetischer Aussagen der Bibel erst in der Zeit nach dem zweiten Kommen Jesu in Erfüllung gehen wird. Sie glauben sehr wohl, dass Gott durch sein Wort konkret prophetisch redet – aber tun sich oft schwer damit anzuerkennen, dass manche prophetischen Aussagen einen konkreten Bezug zum jetzigen Zeitalter haben – zwischen dem ersten und zweiten Kommen Jesu.6
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Die drei endzeitlichen Ziele Gottes Doch die Bibel lässt daran keinen Zweifel. Es gibt eine Reihe prophetischer Aussagen im Alten und im Neuen Testament, die sich auf dieses Zeitalter, auf die „Zeiten der Wiederherstellung“, beziehen. Petrus selbst sagt dies unmissverständlich. Bestimmte Dinge, „von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat“, müssen erfüllt werden, ehe Jesus zum zweiten Mal kommen wird. Welche Dinge zum Beispiel? Ich stimme aufgrund meines eigenen Studiums der Bibel über die letzten 25 Jahre der Aussage des ehemaligen Philosophieprofessors der Cambridge-Universität und mittlerweile weltweit bekannten Bibellehrers Derek Prince zu, der von drei Hauptsträngen biblischer Prophetie zwischen dem ersten und zweiten Kommen Jesu spricht. Diese sind: 1. Die Erfüllung des Missionsbefehls 2. Die Zubereitung der („Braut“-)Gemeinde Jesu 3. Die physische und geistliche Wiederherstellung Israels Jede dieser drei inhaltlichen Grundlinien biblischer Prophetie könnte ausführlich mit einer Reihe biblischer Aussagen begründet und erhärtet werden. Für den dritten Strang, die physische und geistliche Wiederherstellung Israels, werden wir dies im Laufe der folgenden Kapitel eingehender vornehmen. Für die Absicht dieses Kapitels möchte ich jedoch jeweils nur auf ein oder zwei Stellen im Wort Gottes hinweisen. Über die Erfüllung des Missionsbefehls spricht Jesus selbst in seiner Funktion als Prophet7 in seinen so genannten „Endzeitreden“, indem er vorhersagt (Mt. 24,14): „Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.“ Mit anderen Worten: Die Endzeitwehen werden nicht zum Abschluss kommen, das messianische Königreich, das sichtbare Reich Gottes, wird nicht anbrechen, Jesus wird nicht zum zweiten Mal kommen, ehe nicht das Evangelium vom Reich Gottes unter allen Völkern verkündet worden ist.
ZEITEN DER WIEDERHERSTELLUNG / 17 In Bezug auf die Gemeinde Jesu spricht Paulus im Epheserbrief deutlich aus, in welchem Zustand diese sein wird, wenn Jesus wieder auf die Erde zurückkehrt. Ich greife zwei Aussagen heraus, die beide in die gleiche Richtung weisen: „… bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zur vollen Mannesreife, zum Vollmaß des Wuchses der Fülle Christi“ (Eph. 4,13); „… damit er die Gemeinde sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei“ (Eph. 5,27). Verbinden wir diese Aussagen mit der Beschreibung des so genannten „Hochzeitsmahls des Lammes“ – also der Vereinigung von Jesus mit seiner Gemeinde – im Buch der Offenbarung. In Kapitel 19, Vers 7, lesen wir zum Beispiel: „Wir wollen uns darüber freuen, jubeln und Gott ehren. Jetzt ist der große Hochzeitstag des Lammes gekommen; seine Braut ist bereit!“ Anders ausgedrückt: Die „Braut“, die Gemeinde Jesu, muss ein bestimmtes Maß an Reife, an Reinheit, an geistlicher Schönheit widerspiegeln, ehe Jesus, der Bräutigam, bereit und willens ist, zurückzukehren und sich mit ihr zu vermählen. Und was den dritten Strang biblischer Prophetie in den „Zeiten der Wiederherstellung“ betrifft, die physische und geistliche Wiederherstellung Israels, greife ich nur eine Aussage Jesu – ebenfalls aus den Endzeitreden – heraus (Mt. 23,38f): „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Jesus spricht hier zu den Bewohnern Jerusalems und damit stellvertretend zum jüdischen Volk als Ganzes. Wir werden später noch näher auf diese Stelle eingehen. Nur ein Hinweis sei an dieser Stelle schon erlaubt: Jesus wird nicht zum zweiten Mal nach Jerusalem kommen, ehe nicht – erstens – Jerusalem wieder die Heimat jüdischer Menschen ist und – zweitens – das jüdische Volk ihn mit dem messianischen Segenswort als Messias willkommen heißt: „Baruch haba beschem adonai“ – „Gesegnet ist, der da kommt im Namen des Herrn“.8 Also: Das jüdische Volk kommt zum Glauben an Jesus als seinen Messias, ehe Jesus wiederkommt. Wie und unter welchen Umständen – das werden wir später sehen.
18 / GOTTES WEG MIT ISRAEL Wir fassen zusammen: Die Bibel spricht von „Zeiten der Wiederherstellung“ als von einem Zeitabschnitt der Erfüllung biblischer Prophetie zwischen dem ersten und zweiten Kommen Jesu. Die drei Hauptstränge biblischer Prophetie für diesen Zeitabschnitt haben die Erfüllung des Missionsbefehls, die Zubereitung der Brautgemeinde und die physische und geistliche Wiederherstellung Israels zum Thema. Allen drei Strängen gemeinsam ist das Merkmal, dass ihre Erfüllung vor dem zweiten Kommen Jesu liegt. Soweit der biblische Befund. Ich möchte diesen einleitenden Gedankengang mit einigen persönlichen Beobachtungen und Kommentaren schließen. Je näher wir der Wiederkunft Jesu kommen, desto intensiver wird das Handeln Gottes in allen drei Bereichen. Das ergibt sich schon aus dem treffenden Bild Jesu von den „Endzeitwehen“ in Matthäus, Kapitel 24. Diese Wahrheit bestätigt sich in den drei genannten Bereichen, Mission, Erweckung/Gemeinde und Israel: Im 20. Jahrhundert haben sich in diesen drei Bereichen mehr biblische Verheißungen erfüllt als in den vorausgegangenen achtzehn Jahrhunderten zusammen. Darum glaube ich, dass wir nicht nur allgemein, sondern im engeren Sinn des Wortes in der Endzeit leben.9 Allen drei Strängen ist neben der Zielrichtung der Wiederkunft Jesu noch gemeinsam, dass sie gleichermaßen Zeugnis ablegen vom anbetungswürdigen Charakter Gottes und von der unbedingten Glaubwürdigkeit des Wortes Gottes. In diesem gewaltigen dreifachen Zeugnis wird vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt bekannt: „Gott ist gut. Gott ist treu. Er ist der König Israels und das Haupt der Gemeinde. Er ist der Herr der Geschichte, Alpha und Omega. Was er vorhersagt, wird geschehen. Ihm allein gebührt alle Ehre und Anbetung!“ Schließlich möchte ich darauf hinweisen, dass diese drei prophetischen Linien und ihre schrittweise Erfüllung in unserer Zeit geistlich und praktisch auf das Engste miteinander verwoben sind. „Gemeinde“, „Mission“ und „Israel“ sind in Gottes Herzen, in Gottes Wort und in Gottes endzeitlichem Handeln untrennbar. Wir werden später noch Beispiele dafür sehen. Was mich persönlich jedoch immer wieder betroffen macht, ist die Beobachtung, dass das, was bei Gott zusammengehört, bei uns Menschen oft auseinander gerissen, ja, fast in einen Gegensatz zueinander gebracht wird.
ZEITEN DER WIEDERHERSTELLUNG / 19 Ich spreche hier aus Erfahrungen und Beobachtungen, die ich in mehr als 20 Jahren in verschiedenen Gemeinden, geistlichen Strömungen und Bewegungen in Deutschland und andernorts gemacht habe. Da gibt es Gruppen, die geben der Gemeinde einen allerhöchsten Stellenwert, haben jedoch kaum eine Sicht für Mission und viel weniger noch für Israel. Da gibt es ehrenwerte Missionsbewegungen, die jedoch große Mühe mit ihrem Verständnis von Gemeinde und ihrer Beziehung zu ihr haben. Und in gleicher Weise gibt es Kreise, die eine brennende Liebe zu Israel haben, aber das größere Ganze des Reiches Gottes einschließlich Gemeinde und Mission nicht wahrhaben können oder wollen. Diese Zerrissenheit des Leibes ist kein Werk des Heiligen Geistes – ich betrachte sie als eine sehr wirkungsvolle und zerstörerische Strategie Satans und seines Reiches. Aus dieser Zerrissenheit entspringen Verletzungen, Spaltungen, mannigfaltige seelsorgerliche Nöte und jeweils ganz unterschiedlich gelagerte Defizite, welche der Gemeinde Jesu bis heute massiv schaden und sie lähmen. Es gibt sehr wohl unterschiedliche Berufungen – Beauftragungen, die mehr dem gemeindlichen Leben, mehr dem Missionsauftrag oder mehr dem Anliegen „Israel“ zugerechnet werden können. Aber unabhängig davon, was unsere Berufung im Einzelnen sein mag: Wir alle sind herausgefordert, aus der Verbundenheit mit Gott und seinem Wort heraus einen Blick für das größere Ganze, für sein Reich, seine umfassenden Pläne und sein umfassendes Handeln in unserer Zeit zu entwickeln und zu pflegen. Daraus entspringt Respekt und Hochachtung für die jeweils anderen Berufungen, die Erkenntnis der eigenen Ergänzungsbedürftigkeit und auch die Freiheit, die eigene Berufung mit großer Hingabe zu leben. Und das nicht in Konkurrenz zu anderen Berufungen, sondern vielmehr in einer dienenden, demütigen Grundhaltung und in dem Bewusstsein, dass unser „Erkennen nur Stückwerk“ ist10 und wir die Perspektive des anderen brauchen, um nicht engstirnig und einseitig zu werden. Ich möchte uns alle ermutigen und herausfordern, unabhängig davon, was unsere persönliche Berufung und unser derzeitiger Aufgabenschwerpunkt ist: Streben wir danach, dass das, was in Gottes Herzen, in seinem Wort und in seinem Handeln zusammengehört – Mission, Gemeinde, Israel –, auch in unserem Leben in unseren Gemeinden und in unserer „Reichgottesarbeit“ Raum hat. Das wird
20 / GOTTES WEG MIT ISRAEL unserem Leben Ausgewogenheit und unseren Gemeinden Kraft geben. Unser Zeugnis in der Welt wird gefördert und wir werden zum Segen für Israel. Und ganz gewiss wird Gott dadurch geehrt werden.
Anmerkungen 1 Derek Prince, Die drei endzeitlichen Ziele Gottes, Serie „Nachfolge konkret“, Trostberg: Internationaler Bibellehrdienst, 2. Aufl. 1997, S. 7. 2 Eine kleine Vorbemerkung zu Beginn, gewissermaßen die Prämisse, unter der dieses Buch geschrieben wurde. Der Autor geht davon aus, dass die ganze Bibel, bis ins Detail hinein, Gottes Reden zu uns Menschen darstellt, gemäß dem biblischen Selbstzeugnis: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt“ (2. Tim. 3,16-17). Dies gilt auch und insbesondere für die prophetischen Teile des Wortes Gottes. Dass Gott – der Gott der Bibel – konkret prophetisch spricht und seine Vorhersagen historisch verifizierbar sind, ist ohne Vergleich zu jeder anderen Religion oder Philosophie. Dies ist das Selbstzeugnis der Bibel: „Gedenket des Früheren von der Urzeit her, dass ich Gott bin. Es gibt keinen sonst, keinen Gott gleich mir, der ich von Anfang an den Ausgang verkünde und von alters her, was noch nicht geschehen ist, – der ich spreche: Mein Ratschluss soll zustande kommen, und alles, was mir gefällt, führe ich aus“ (Jes. 46,9-10). Deshalb ist die Bibel und der Gott der Bibel in so unvergleichlicher Weise vertrauenswürdig. Möge dieses Buch dieses Vertrauen wecken und stärken. 3 Das hebräische Wort „Messias“ entspricht dem griechischen Wort „Christus“. Jesus Christus heißt demnach nichts anderes als „Jesus, der Messias“. 4 Das in dieser Passage (V. 20 und 21) verwendete griechische Wort für „Zeit“ ist bedeutsam. Im Griechischen gibt es zwei Wörter für das Konzept von „Zeit“ – chronos und kairos. Chronos beschreibt einen langanhaltenden, eher gleichmäßig verlaufenden Zeitraum, kairos eher punktuelle, oft überraschende, dramatische Ereignisse. Bei „Zeiten der Erquickung“ wird das Wort kairos verwendet – einer von mehreren Hinweisen darauf, dass damit die Zeit gemeint ist, die mit der plötzlichen, überraschenden Wiederkehr Jesu anbricht. Die „Zeiten der Erquickung“ sind damit gleichzusetzen mit dem prophetisch angekündigten messianischen Zeitalter (nach Jesu Wiederkunft). Bei „Zeiten der Wiederherstellung“ wird für „Zeit“ das Wort chronos verwendet – beschreibt also einen eher längeren, kontinuierlichen Prozess vor dem zweiten Kommen Jesu, einen Prozess der Erfüllung prophetischer Verheißungen.
ZEITEN DER WIEDERHERSTELLUNG / 21 5 In Das jüdische Neue Testament von David H. Stern (Holzgerlingen, Hänssler, 2. Aufl., 2000, XXIX-XXXIII) zählt der Autor 80 alttestamentliche Schriftstellen auf, die 52 verschiedene Aspekte im Zusammenhang mit Jesu erstem Kommen prophetisch vorhergesagt haben. 6 Das Hauptproblem gläubiger jüdischer Menschen in Bezug auf Jesus als Messias war (schon zu Jesu Zeiten) und ist bis heute, dass sie nicht verstehen können, dass sich die AT-Verheißungen auf den Messias hin nicht alle auf einmal erfüllen. Jesus kam das erste Mal, um unsere Herzen zu verändern. Er kommt zum zweiten Mal, um die Welt zu verändern. Die meisten gläubigen Juden denken, der Messias müsse beides gleichzeitig tun. Doch dies ist nicht möglich, weil sich unser, durch den Messias im Heiligen Geist verändertes, Herz und unsere darauf gegründete Gottesbeziehung ja gerade in einer gefallenen, widrigen Welt bewähren müssen. 7 Petrus selbst nennt Jesus in Apg. 3,22 (also direkt im Anschluss an die Stelle, die wir oben näher betrachteten) unter Bezug auf Mose einen Propheten. Die ausführlichsten prophetischen Aussagen Jesu sind in seinen „Endzeitreden“ auf jeweils unterschiedliche Weise durch die sog. Synoptiker – Matthäus, Markus und Lukas – überliefert. Wenn man die endzeitlichen Gleichnisse Jesu mit einbezieht – was m. E. sachgemäß ist –, sind dies allein bei Matthäus mehr als zwei Kapitel: 23,37 bis 25,46. 8 Diese messianische Grußformel stammt aus Psalm 118,26 und war weithin als solche bekannt. Sie wurde zum Beispiel beim Einzug Jesu am Palmsonntag auf ihn hin angewandt (Mt. 21,9 und Joh. 12,3) – wenn auch nur vorübergehend. 9 In gewisser Hinsicht leben wir gemäß der Bibel seit Pfingsten in der „Endzeit“. Doch gibt es auch innerhalb der weiter gefassten Endzeit, wie wir zum Beispiel aus dem Bild Jesu von den Wehen erkennen können, verschiedene Etappen. Derek Prince hat den Anfang des 20. Jahrhunderts als die entscheidende Zäsur von der Endzeit im allgemeinen zur Endzeit im engeren Sinn des Wortes bezeichnet. Er bezog sich dabei auf das parallele Geschehen der Anfänge einer einzigartigen weltweiten Ausgießung des Heiligen Geistes in Los Angeles, Wales und an vielen anderen Orten, völlig unabhängig voneinander, sowie auf den ähnlich überraschenden und unvorhergesehenen Durchbruch der zionistischen Bewegung, welche die Gründung des modernen Staates Israel einleitete. Quelle: Artikel „Parallele Wiederherstellung“ in der Zeitschrift „Wiederherstellung“, Herausgeber: Agape-Gemeinschaft, München, 1. Jahrgang, 3. Ausg., 1983. 10 Siehe 1. Kor. 13,12