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Beat Moser

Von Bomben und Badehosen Unterhaltsame Beobachtungen eines Schweizer Konsuls

arteMedia


ISBN 978-3-905290-73-8 Alle Rechte vorbehalten © 2017 beim Verlag arteMedia, Lenzburg www.arte-media.ch Text: Viele Erlebnisse hat Beat Moser selber niedergeschrieben. Diverse weitere wurden von Stefanie Thoms anhand seiner Angaben verfasst und arrangiert; natürlich so weit möglich im Sprachstil von Beat Moser. Stefanie Thoms ist evangelische Theologin und Leiterin des kleinen Verlages arteMedia. Dank: Wir danken den vielen fleissigen Testlesern, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben, besonders Alex Nussbaumer für sein detailliertes Lektorat. Umschlaggestaltung: Stefanie Thoms unter Verwendung einer Grafik von © ilolab/Fotolia. Druck: Pustet, Regensburg. Gedruckt in Deutschland.


Vorbemerkung Die Inhalte dieses Buches beruhen auf meinen persönlichen Erlebnissen und meiner persönlichen Meinung. Meine Anschauungsweise entspricht nicht der offiziell vertretenen Ansicht des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA).

Lesbarkeit Zum Zwecke besserer Lesbarkeit wird auf die doppelte Erwähnung der jeweils männlichen und weiblichen Form einer Personenbezeichnung verzichtet.

Abkürzung Die oft verwendete Abkürzung «EDA» steht für «Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten».


Inhalt Vorwort: Könntet ihr Beat Moser doch erzählen hören... ............................................................9 Spionagedienste............................................. 11 Spionageabwehr............................................. 11 Informationsbeschaffung weltweit..................... 14 Die Schweiz von aussen.................................. 18 Griesgram.....................................................18 Die ganze Welt schaut nicht hin......................... 19 Das beste Land zum Leben?.............................20 Sparpotential nutzen.......................................21 Das Schweizer System für alle?.........................22 Schweizer Menschenrechte..............................23 Vom kleinen Dorf in die Welt hinaus .............. 26 Ein beschauliches Dorf ....................................26 Eine Segnung für mich und mein Umfeld ............29 Mein erstes Schnuppern von Weltluft................. 31 Stationen meiner Konsulatszeit......................34 Wie wird man Konsul?......................................34 Manchester (Grossbritannien, 1975–1976)..........35 Sydney (Australien, 1976–1980)........................36 Jakarta (Indonesien, 1979)...............................38 Nochmal Sydney (Australien, 1980)................... 42 Marseille (Frankreich, 1980–1983).....................43 London (Grossbritannien, 1983–1986)..................46 Strassburg (Frankreich, 1986–1988).................. 47 Khartum (Sudan, 1988–1991)...........................49 Melbourne (Australien, 1991–1994)....................52 Oslo (Norwegen, 1994–1997)............................53 Bern (Schweiz, 1997–2001)..............................55 Johannesburg (Südafrika, 2001–2003)................57 Pretoria (Südafrika, 2003–2005)........................60 Moskau (Russland, 2005–2008).........................63 Das Verlassen der jeweils neuen Heimat.............68


Schmiergeld................................................... 72 Schmiermittel................................................72 Kreative Druckmittel....................................... 74 Wo bleibt meine Ethik?....................................76 Keine Geschäfte mit korrupten Staaten.............. 76 Entwicklungshilfe mit Nebenwirkungen..........79 Humanitäre Hilfe in Afrika................................79 Wie unser Spendengeld zu Waffengeld wird........79 Lokalwährung................................................. 81 Dann lieber Materialspenden?...........................83 Warum die Elite die Masse arm halten will...........85 Privates Engagement der Konsuln.....................87 Anderer Umgang mit Materialien.......................89 Was funktionieren kann................................... 91 Spielregeln rund um die Welt..........................94 Internationale Geschäfte tätigen ......................94 Die Macht der Medien......................................97 Weltfrieden.................................................. 100 Schwarzafrika: Wer hat, der teilt..................... 100 Der Ball, der die Welt verbindet....................... 103 Freuen Sie sich auf Ihre Pensionierung?....... 106 Altes Eisen oder aktiver Pensionierter?............. 106 Meine Liebe zur Musik.................................... 108 Der grosse Einschnitt.................................... 111 Vom Schock zum Dank.................................. 112 Opfer der Umstände?.................................... 116 Wie viel wir zu danken haben.......................... 120 Rückschau................................................... 124 Anhang: Lebenslauf ..................................... 127


Vorwort: Könntet ihr Beat Moser doch erzählen hören... Wie gerne sitzt Beat Moser mit Freunden in einer gemütlichen Runde. Gespannt lauschen sie, wenn er Geschichten aus seinem Leben erzählt. Dreissig Jahre lang lebte er in verschiedensten Ländern: Sudan, Indonesien, Australien, Südafrika, Russland und vielen europäischen Ländern. Als Konsul kümmerte er sich um Schweizer Bürger und Firmen in fremden Ländern. Viele Schweizer Freunde ermutigten ihn: «Schreibe diese Geschichten doch auf, Beat. Das gäbe echt ein spannendes Buch». Jetzt, drei Jahre später, ist das Buch fertig. «Ist das aber ein Sammelsurium?!», meinen nun seine Bekannten. Aber anders lassen sich Beat Mosers Geschichten gar nicht erzählen. Er erlebte nicht nur einige spannende Jahre oder ein faszinierendes Projekt, das einen klaren roten Faden hätte. Aus seinem ganzen Leben gibt es lustige Storys und aufschlussreiche Erlebnisse, so bunt zusammengewürfelt wie seine Wohnorte über viele Länder verstreut waren. Einige der erstaunlichsten Erlebnisse mussten wir weglassen aufgrund von Datenschutz gegenüber Personen oder gegenüber dem Agieren des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten(EDA). Aber das Buch enthält genug andere Begebenheiten zum Schmunzeln und Nachdenken.


Auch wenn dies in grossen Teilen des Buches nicht erwähnt wird, so prägte der Glaube an den allmächtigen Gott Beat Moser. Der Glaube gab ihm eine christlich-ethische Richtschnur für sein Verhalten. Durch seine Krankheit im Pensionsalter entdeckte er, wie das Vertrauen in Gott auch mehr sein kann als Richtschnur. Ich wünsche euch, liebe Leser, dass ihr in diesem Buch Beat Moser erzählen hört. Dass ihr euch vorstellen könnt, ihm gegenüber zu sitzen, wenn er genüsslich und lebhaft seine Geschichten zum Besten gibt. Lustig, nachdenklich, Mut machend, bedrückend, belehrend, ehrlich und provokativ; all das werdet ihr in diesem Buch finden.

Stefanie Thoms, Verlegerin arteMedia

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Spionagedienste Spionageabwehr Der 1. Oktober 1974 war der Startschuss zu meinem neuen Leben. Mit über zwanzig Kolleginnen und Kollegen, die die Prüfung bestanden hatten, wurden wir in unseren neuen Beruf eingeführt. Bei einem Thema hörten alle besonders gespannt zu. «Meine Damen und Herren, die grösste Gefährdung im konsularischen und diplomatischen Dienst ist die Spionage. Ihr wisst Sachen, die andere gerne wissen würden. Um an diese Informationen zu kommen, werden die verschiedensten Tricks angewendet.» Wir wurden eher in der Spionageabwehr geschult als im Spionieren. Es wurde uns erklärt, wie vorgegangen wird. Ausländische Geheimdienste versuchen mit allen Mitteln, diplomatische und konsularische Mitarbeiter, die in besagtes Land kommen, als Informanten zu bekommen. «Rekrutiert» wird besonders gern, wer etwas Illegales oder Unmoralisches tut, das nicht bekannt werden soll. Da kann man sie unter Druck setzen. Oft wird versucht, sogar absichtlich eine Begebenheit herbeizuführen, von der der Betreffende nicht will, dass sie publik wird. Man droht dann, dass man das Head Office oder die Ehefrau informiert – je nachdem. So kommen die Spionagedienste zu ihren Informationen, die persönlich oder auch politisch sein können. Zu unkonkret? Man wird zum Beispiel zum Essen eingeladen, man trinkt und 10


lacht viel und spricht über Nichtsagendes. Bald kommt schon die nächste Einladung, dann aber mit hübschen Frauen, die Freude an einem zu haben scheinen. Jetzt bereits muss man aufpassen. Denen darf man ja nicht zu nahe kommen. Das könnte fatal sein, besonders wenn Fotos gemacht werden, die den Ehepartnern gezeigt werden könnten. Wir wurden also geschult: Bei bestimmten Personen verschiedenster Nationen nimmt man maximal zwei Einladungen an, und man macht keine Gegeneinladung. An den verschiedenen Anlässen ­grüsst man sich freundlich, bleibt aber auf Distanz. In vielen Ländern sind Botschaften und Generalkonsulate verwanzt. In gewissen Ländern wird konsequent abgehört. Abgehört werden auch die Telefongespräche. Und bei denen sind viele Anrufer unvorsichtig. Sie rufen bei uns an und stellen Fragen über die Eröffnung von Bankkonti oder Überweisungen von Geld in die Schweiz. Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für die Abhördienste. Sie können dies unter anderem ihren Steuerbehörden weitermelden. Informanten gibt es nicht nur in den Botschaften selbst. Ich kann mir vorstellen, dass beispielsweise französische Staatsangehörige, die bei einer Schweizer Bank in Genf arbeiten, dazu angeworben werden, Informationen von Kontoinhabern an ihren Heimatstaat zu geben. Weltweit sind einige Millionen Menschen für Spionage und Spionageabwehr tätig. An einigen ausländischen Botschaften gibt es mehr Spione als normales Personal, natürlich getarnt als Visamitarbeiter oder in der Kultursektion tätig. Spionagedienste von befreundeten Ländern geben uns vie11


le Hinweise. Man hört oder liest ja auch fast täglich, dass Tipps von ausländischen Spionagediensten zur Festnahme von X oder Y geführt haben. Je nach Land ist die Abhörung und Verwanzung der Büros unterschiedlich umfassend. In Moskau war sie besonders ausgeprägt. Wir hatten einen Mitarbeiter, der Rumantsch sprach. Sobald er bei einem Telefonat in die Heimat mit jemandem Rumantsch sprach, wurde die Leitung unterbrochen. Denn dazu hatten die Abhördienste in Russland keinen Dolmetscher. Auch mit dem Entsorgen von Entwürfen für unsere Berichte mussten wir vorsichtig sein. Warf man seinen Entwurf bloss zerrissen in den Papierkorb, hatte die lokale Putzfrau, die mit grosser Wahrscheinlichkeit auch dem russischen Geheimdienst angehörte, ein leichtes Spiel, um ihn wieder zusammenzusetzen. So wurden wir also mehr in der Spionageabwehr geschult als im Spionieren. Aber das eigene «Spionieren» kam auch nicht zu kurz. Wir sollten ja herausfinden, was in einzelnen politischen Fragen die inoffizielle Meinung des Gaststaates war. Diese Aufgabe hatten besonders die Diplomaten in höheren Stellungen.

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Informationsbeschaffung weltweit Wie also kann sich ein diplomatischer Mitarbeiter diese inoffiziellen Informationen über das Gastland beschaffen? Wir unterhalten uns an den verschiedensten Cocktails und Veranstaltungen mit anderen Diplomaten, Geschäftsleuten, Professoren etc. Es gibt meist ein Thema: unser Gastland. Was steckt wirklich hinter einem Regierungsentscheid? Wer profitiert am meisten? Ist es nur Augenwischerei? Wie wird das eigene Volk informiert? Welche Bilder von Vorkommnissen stimmen? Und was ist Falschinformation? Wir sprechen mit den Chefs von Wirtschaftsverbänden, um zu wissen, wie die Volkswirtschaft wirklich läuft. Da wird eigentlich recht ehrlich informiert. Die Bilder der Zustände werden häufig etwas schöner gemalt, als sie in Wirklichkeit sind. Sie sind aber nicht ganz falsch. Wir sprechen mit Regierungsvertretern. Da werden die Fakten je nach Land recht manipuliert. In gewissen Ländern wird uns erklärt, dass alles auf Kurs ist, oder dass man auf der richtigen Linie ist für ein erfolgreiches Projekt. Alles läuft nach Plan. Wer’s glaubt, zahlt einen Taler. Man kann grundsätzlich sagen: Je freier die Medien arbeiten können, desto genauer sind die offiziellen Informationen der Behörden, je totalitärer ein Staat ist, desto weniger entsprechen die Informationen der Wahrheit.

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Wir unterhalten uns auch mit kritischen lokalen Medienvertretern und mit unkritischen. Die haben natürlich je nach politischer Färbung andere Meinungen. Wir fragen Menschen auf der Strasse. Da erhalten wir ganz widersprüchliche Angaben. Das braucht dann viel Zeit zum Verarbeiten. Interessant sind besonders die Stellungnahmen der Opposition. Militärattachés haben sich vor allem mit den Streitkräften zu befassen. Wie viele Flugzeuge hat ein Land und wie viele davon sind flugtüchtig? Wie viele Panzer sind einsatzfähig und wo sind sie stationiert? In einem Land wie Russland, das sich über zehn Zeitzonen erstreckt (9’000 km Ost-West-Ausdehnung), ist es wichtig, wo die Truppen und das Material stationiert sind. Was helfen 20’000 Panzer in Wladiwostok, wenn ein Krieg gegen Westeuropa geführt werden soll oder umgekehrt? Wie die meisten Länder fühlen sich auch die Russen von überall her bedroht. Ob die Bedrohung echt ist oder nicht, sie hilft bei der Erhöhung des Militärbudgets. Und ein – wenn auch fiktiver – ausländischer Feind hilft, von innenpolitischen oder wirtschaftlichen Problemen abzulenken Wir Botschaftsangestellten sind aber nicht nur an Cocktailpartys und anderen Veranstaltungen zugegen. Wir arbeiten auch. Die an Abendanlässen verbrachte Zeit kann nicht kompensiert werden. Um Mitternacht oder ein Uhr im Bett, um acht oder neun Uhr wieder im Büro.

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Es darf schon gesagt werden, dass man etwas stolz ist, wenn man Informationen kriegt, die andere nicht haben. Dafür hat man ein Wissen, das vertraulich nach «Bern» weitergeleitet wird – wenn es dem Chef der Botschaft als wichtig genug erscheint – aber sonst für sich behalten werden muss. Das ist auch nicht sehr amüsant, denn man muss ganz viele Geschichten mit ins Grab nehmen. Und was waren meine Aufgaben als Konsul? Was ist der Unterschied zwischen mir und einem Diplomaten? Ich war mehrheitlich im konsularischen Dienst und nicht als Diplomat tätig. Ein Diplomat bewegt sich auf dem politischen Parkett. Er führt und koordiniert zum Beispiel Verhandlungen über ein offizielles Handelsabkommen, oder er überbringt Mitteilungen von einer Regierung zur anderen. Ein Konsul ist mehr für die praktischen Belange von Schweizer Bürgern im Ausland oder für die Zusammenarbeit mit der Schweiz zuständig. Dazu gehört die Betreuung der ca. 700’000 Schweizer, die im Ausland wohnen, aber auch die Visaerteilung (z.B. 80’000 pro Jahr in Moskau) und die Verwaltung der Gebäude und lokalen Angestellten der Botschaften. Er kümmert sich um Schweizer Touristen, die ihren Pass verloren haben oder die in Not geraten sind. Oder er vermittelt Kontakte, wenn lokale Firmen neu mit Schweizer Firmen zusammenarbeiten wollen und umgekehrt. Fast überall gibt es Vereinigungen von Auslandschweizern. Daher gehörte es zu meinen Aufgaben, diese sogenannten Schweizerclubs zu besuchen, also Kontakt zu haben mit 15


Schweizern, die sich regelmässig treffen. Je weiter weg von der Heimat, desto intensiver werden die Beziehungen zur Schweiz. Da gibt es im fernen Australien zum Beispiel Gruppen von Alphornbläsern, Fahnenschwingern und Kegelspielern. Es gibt auch Schweizer Chöre im Ausland, die vor allem Lieder aus der Heimat singen. Eine wichtige Lektion ist auch, dass ich als Ausländer mein Gastland nicht kritisiere. Ich darf nur beobachten. Ich lerne das Gastland verstehen. Auch wenn ich nicht kritisiere, heisst das nicht, dass ich alles gutheisse.

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Nun gibt es einen Sprung in der Leseprobe. Hier kommt noch ein Text aus dem hinteren Teil des Buches: Der Bericht über meine Gefühlslage damals bei meiner Krebserkrankung.

Vom Schock zum Dank 365 Tage im Leben eines Krebskranken, verfasst im Sommer 2014: Mittwoch vor Pfingsten, 2013: Ich wachte auf und sah vor mir einen Mann mit weissem Kittel. Er war Gastroenterologe und sagte mir, dass ich Krebs habe. Ich wurde von meinem Hausarzt zu ihm verwiesen, weil ich nicht mehr gut schlucken konnte. Er machte eine Zeichnung des Tumors in meiner Speiseröhre. «Haben Sie noch Fragen?» Ich weinte und schüttelte den Kopf. «Dann können Sie sich anziehen und gehen.» Mit nassen Augen verliess ich die Praxis durch den Hinterausgang. Zu Hause angekommen schrieb ich eine Mail an meine Frau, an die Kinder und meine Brüder. Reden konnte ich nicht mehr. Um die Mittagszeit nahm ich Zug und Bus ins Ländli (ein christliches Erholungsheim in Oberägeri), wo ich mich für die Pfingsttage angemeldet hatte. Tränen auf der Fahrt, Tränen bei der Rezeption und Tränen im Zimmer. Während des Kurses nahm ich mich zusammen und erwähnte den Befund nicht. Nur bei der Verabschiedung sprach ich mit einer Diakonissin darüber und sagte ihr, dass ich mir 17


wie eine Heulsuse vorkomme. Sie versicherte mir, dass es normal sei, dass man nach so einer Nachricht so eine Reaktion zeige. Auch Jesus habe geweint. Das tat mir gut. Zurück zuhause mit viel Tränen. Dann der Einbau eines Ports (dauerhafter Katheter als Zugang zu einer Vene) im Unispital Zürich Ende Juni, der mit meiner Selbstentlassung wegen Spitalphobie endete. Es folgte der Beginn der Chemotherapie im Juli und der Radiologie im August. Ich vertrug die Behandlung sehr schlecht. Mir war immer übel, und ich musste viel weinen. Eigentlich wusste ich nicht, wieso ich so traurig war. Für mich war der Tod normal; ich glaubte an die Erlösung und ein Weiterleben im Himmel. War das ungelebte Trauer von früher? Der Tod meines Vaters, meiner Mutter und meiner Schwester? Das ständige Umherziehen auf der Welt und das Abschiednehmen so alle drei Jahre? Während dieser tränenvollen Monate hatte ich Freunde und Bekannte gebeten, mich nicht zu besuchen und mich nicht anzurufen. Alle haben dies befolgt. Herzlichen Dank. Ich war damals nicht in der Lage zu sprechen; ich musste immer weinen. Es war Gottes Gnade, dass mich ab Juli ein älterer und weiser biblisch-therapeutischer Seelsorger betreute. Ich erzählte ihm von meiner Aussichtslosigkeit, meiner Spitalphobie, meiner ständigen Trauer. Und er hatte darauf nur eine Antwort. Jeden Tag unzählige Male beten: «Danke, Vater, dass du mich trägst.» 112


Im August ging ich wieder zu meinem Seelsorger, nachdem ich von der Chemotherapie und der Radiologie sehr litt. Und ich bekam zur Antwort, dass ich täglich unzählige Male beten soll: «Danke, Vater, dass Du mich trägst.» Im September und Oktober ging ich wieder hin und bekam die gleiche Antwort. Und ich tat, was er mir empfohlen hatte. Jeden Tag unzählige Male – vor einem Bild, das er mir geschenkt hatte mit zwei Händen, die eine Sanduhr halten. Gott trägt dich in deinem zeitlich begrenzten Leben auf Erden. Es kam der November und ein weiterer Termin beim Chirurgen. Dank Gottes Hilfe wurde der Termin für die Operation von Dezember 2013 auf Januar 2014 verschoben. Ich konnte mich vor dem grossen Eingriff etwas erholen von der Chemotherapie – auch eine Woche im Ländli, wo ich besinnliche Adventstage erleben durfte. Die Festtage durfte ich im Kreise meiner engsten Familie feiern. Alle zeigten mir ihre Liebe und ihren Wunsch, dass ich wieder gesund werde. Am 7. Januar ging ich ins Unispital, am 8. Januar fand die achtstündige Operation statt. Meine Frau war bei mir beim Aufwachen auf der Intensivstation. Mein Sohn wartete den ganzen Tag im Spital. Die anderen Kinder und viele Menschen in der Schweiz und weltweit beteten für mein Wohlergehen.

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Es verlief alles gut. Ich erwachte mit viel technischem Material um mich. Mir war die Speiseröhre entfernt und der Magen hochgezogen worden – eine heikle Operation. Und ich betete: «Danke, Vater, dass du mich trägst.» Ich hatte Durst, bekam aber nichts zu trinken. Ansonsten ging es mir gut. Nach zwei Wochen kam die Verlegung in die Reha, wo ich während drei Wochen wieder essen (wenig und häufig) und mich bewegen lernte. Nach der Entlassung hatte ich leider einen Magenvirus aufgelesen und musste weitere acht Tage im Unispital verbringen. Die Phase der monatelangen Erholung zuhause war für meine Familie und mich nicht einfach. Ich war nicht gern Patient. Aber ich wurde liebevoll behütet. Heute, ein halbes Jahr nach der Operation, geht es mir erstaunlicherweise gut. Ich kann wohl wenig, aber fast alles essen. Ich kann das Gewicht halten (10 kg weniger als vor der Krankheit). Die letzten Untersuchungen haben gezeigt, dass ich keine Ableger habe. Ich beginne wieder, Pläne zu schmieden. Mein Leben ein Jahr nach dem Befund hat sich aber grundsätzlich geändert. Ich habe in unserem Gott einen engen Vertrauten gefunden. Beim täglichen Bibellesen und Beten bin ich dem Allmächtigen ganz nahe gekommen. Während der Monate des Unwohlseins und der Trauer konnte ich im Stillen meine vielen Sünden bekennen und um Vergebung bitten. Heute bin ich ein ganz anderer Mensch, ein glückseliger Mensch (Bedeutung meines Vornamens). Wenn ich noch Tränen habe, sind die aus Dank und Freude. Gott hat 114


mich beschenkt mit einer Krankheit, damit ich mein Leben und meine Beziehung zu Ihm in Ordnung bringen kann. Heute danke ich in meinem Innersten für das Leid, das ich ertragen musste und vor allem für die Hilfe, die ich von meinem Schöpfer erhielt. Auch heute bete ich täglich viele Male: «Danke, Vater, dass Du mich trägst.»

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