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Geschichten unterm Weihnachtsbaum

g herausgegeben von Dorothee Dziewas


Die goldene Kette Verfasser unbekannt

Hallo! Ich hoffe, ihr habt ein wenig Zeit, denn ich möchte euch eine Geschichte erzählen, die ich selbst erlebt habe. Das ist zwar jetzt einige Jahre her, aber dafür ist alles wirklich so passiert. Es fing damit an, dass ich eine Einladung bekam. Eine entfernte Verwandte, die schon seit Langem in einem anderen Land lebte, erwartete ein Kind. Zum Fest der Geburt war ich eingeladen, ebenso zwei meiner Freunde. Und weil wir noch nie in dem fremden Land gewesen waren und überhaupt noch nie eine so weite Reise gemacht hatten, beschlossen wir voller Abenteuerlust, uns auf den Weg zu machen. Damals, das müsst ihr wissen, gab es noch keine Flugzeuge oder Autobahnen. Daher mussten wir viel Zeit für unsere Reise einplanen. Aber das war kein Problem, wir freuten uns sogar darauf. Denn so bot sich uns die Gelegenheit, unterwegs neue Länder kennenzulernen. Aber etwas anderes beschäftigte uns sehr: Wir machten uns Gedanken darüber, was wir wohl als Geschenk mitnehmen könnten. Meine beiden Freunde hatten sofort eine gute Idee, aber ich überlegte lange. Zu groß und zu schwer darf ein Geschenk nicht sein, das man auf einer so weiten Reise mit sich tragen will. Da fiel mir nach einigem Überlegen die goldene Kette ein, die schon seit Jahren in unserer Familie immer dem äl49


testen Sohn gehört. Eine ganz wertvolle goldene Kette aus kostbaren, großen Kettengliedern mit einem seltsamen Schmuckstück dran. Das Schmuckstück sah aus wie zwei gekreuzte Stäbe und war auch aus Gold. Ein Kreuz sozusagen! Keiner aus unserer Familie konnte sich erklären, was das zu bedeuten hatte, denn in unserem Land sah der Schmuck eigentlich ganz anders aus: Wir hatten Herzen, Sterne, ineinander verschlungene Kreise und kleine Tiere aus Gold. Besonders die Tiere fand ich damals schön. Aber ein einfaches Kreuz? Ich wusste nicht, ob das Kind sich darüber freuen würde. Aber immerhin war es aus Gold, und so war es schon ein richtiger Schatz. Ich hängte mir die Kette um den Hals, und gemeinsam machten wir uns auf den Weg. Durch viele fremde Länder sind wir gereist. Manchmal mussten wir auf freiem Feld übernachten; einmal sind wir sogar zwei Tage in einer Höhle geblieben, weil es in Strömen regnete und wir auf dem aufgeweichten Boden nicht weitergehen konnten. Viele kleine und große Abenteuer haben wir auf der Reise erlebt, aber das aufregendste war die Geschichte mit der Kette. Alles begann sehr merkwürdig … Ein kleines Kind stand plötzlich mitten im Weg und bat mich um eine Gabe. Es war ganz abgemagert und hatte sicher schon seit Wochen nicht mehr richtig gegessen. Leider haben wir solche armen Menschen oft getroffen, denn es gab zu der Zeit viel Not und Elend. Doch diesmal merkte ich, wie sich die Kette um meinen Hals löste. Mit der einen Hand konnte ich sie gerade noch fassen, mit der anderen Hand fing ich ein einzelnes Kettenglied auf. Ihr könnt 50


euch vorstellen, was für große Augen das Kind bekam, als es in meiner Hand den goldenen Ring sah. Es dachte wohl, dass ich ihn verschenken wollte, daher strahlte es über das ganze Gesicht, begann vor Freude zu hüpfen und umarmte mich. Als ich den kleinen, ausgemergelten Körper des Kindes in meinen Armen spürte, konnte ich nicht mehr anders. Ich habe ihm das Kettenglied wirklich geschenkt und zugesehen, dass ich schnell weiterkam. Natürlich war die Kette jetzt zu klein, um sie weiter um den Hals zu tragen. Aber ein neugeborenes Kind hat nicht so einen dicken Hals wie ich, nicht wahr? Die Kette würde schon noch passen. Aber ein paar Tage später sah ich auf unserem Weg eine Gruppe von Waldarbeitern, die Bäume fällten und zu Brennholz machten. Als wir vorbeizogen, fiel einer der Holzfäller vor Erschöpfung zu Boden. Sofort kam der Vorarbeiter mit einer Peitsche in der Hand und schlug auf den armen Mann ein. Meine Hand, in der ich die goldene Kette jetzt trug, steckte in der Manteltasche. Da spürte ich, wie sich auf einmal zwei Glieder der Kette lösten. Ohne zu zögern, gab ich das eine Kettenglied dem Vorarbeiter und kaufte den armen, erschöpften Mann frei. Das andere drückte ich ihm in seine schwieligen Hände. Er starrte mich fassungslos an. „Danke“, stammelte er. „Wenn er das goldene Glied verkauft“, dachte ich, „hat er sicher genug Geld, um ein Jahr gut zu leben. Vielleicht kann er sogar noch seine Familie ernähren, so er denn eine hat.“ Aber ich habe nicht gefragt, sondern bin weitergezogen, bevor jemand unangenehme Fragen stellen konnte. Die Kette war jetzt eigentlich keine Halskette mehr. 51


Aber vielleicht konnte das Kind, dem ich sie schenken wollte, die Kette wie ein Armband um das Handgelenk tragen? Aber schon wieder kam mir etwas in die Quere. Eine heruntergekommene Räuberbande lauerte uns auf und umstellte uns, noch bevor wir begriffen hatten, was geschah. Meine beiden Freunde wollten schon zu ihren Waffen greifen und sich zur Wehr setzen, als sich plötzlich die restlichen Kettenglieder alle auf einmal lösten und mir in meine offene Hand kullerten. „Was!?“, dachte ich, „Verbrecher und Lumpenpack soll ich damit beschenken?“ Aber die Kette hatte wohl ihren eigenen Willen, und so bot ich den Räubern an, dass jeder von ihnen ein Stück des Goldes bekommen würde, wenn sie uns gehen ließen. Nun, offensichtlich hatte keiner von ihnen Lust zu kämpfen. So stimmten sie schnell zu und ließen uns in Frieden ziehen, jetzt um eine beträchtliche Summe reicher als zuvor. Aber mir war gar nicht wohl zumute. Die wertvolle Kette war verloren, mir blieb als Geschenk nur noch dieses seltsame Kreuz. Ohne Kette sah es einfach nach gar nichts aus. Sollte ich es überhaupt verschenken? Alle würden vermutlich lachen, denn wer hat schon jemals ein so langweiliges Schmuckstück gesehen? So kamen wir schließlich an unser Ziel. Durch unsere Abenteuer waren wir nicht rechtzeitig zur Geburt gekommen, aber das war nicht schlimm; es war schön, überhaupt angekommen zu sein. Als ich die ärmliche Unterkunft sah, in der der Vater, die Mutter und das Kind hausten, tat es mir leid um die wertvolle Kette. Die drei hätten das Gold 52


wirklich gebrauchen können: In einem einfachen Stall war das Kind zur Welt gekommen, ganz in der Nähe von Bethlehem. Schon viele andere Menschen – hauptsächlich arme Leute, Hirten und Bauern – waren der Einladung gefolgt und hatten das Neugeborene besucht. Meine beiden Freunde knieten ebenfalls vor dem Kind nieder. Der eine schenkte ihm eine Kiste mit Weihrauch, ein ganz seltener und kostbarer Schatz; mein zweiter Reisegefährte gab seine wertvollsten Salben und Düfte her: Myrrhe, Aloe und Kassia. Nur ich stand etwas verlegen vor dem Kind. Meine Kette war ja verloren. Sollte ich nun wirklich das unscheinbare Kreuz hergeben? Immerhin, es war aus reinem Gold, und wenn es auch zusammen mit der Kette mehr wert gewesen war, so war es doch auch jetzt noch wertvoll für die armen Leute. Da beugte auch ich meine Knie und gab dem Kind das goldene Kreuz. Ihr glaubt gar nicht, was da geschah: Plötzlich sah ich die Welt voller Licht; Musik erfüllte den Stall von so wunderbarer Reinheit, wie ich sie nie wieder vernommen habe. Und dann hörte ich das Kind sprechen. Ja, der kleine, neugeborene Sohn sprach zu mir! Ich hörte seine Stimme in meinen Ohren, auch wenn der Kleine seinen Mund nicht bewegte. „Danke!“, sagte er zu mir und strahlte mich an. „Ach!“, gab ich leise zurück, und wurde ein wenig verlegen: „Eigentlich gehört noch eine Kette dazu, aber die habe ich auf der Reise verloren.“ „Nein“, sagte das Kind und lächelte, „nichts hast du verloren. Du hast deine Kette aus Gold nur eingetauscht in eine unendlich wertvollere Kette.“ Es schaute an mir 53


vorbei. Da wendete ich mich um und mir kamen die Tränen: Ich sah, dass alle, denen ich ein Glied der Kette geschenkt hatte, mir heimlich gefolgt waren und nun das Neugeborene anbeteten. Das abgemagerte Kind war mit seiner ganzen Familie und allen seinen Freunden dort und schaute im Gebet versunken auf die Krippe. Der gemeine Vorarbeiter sah gar nicht mehr so gemein aus und betete genauso wie der arme Holzfäller. Sogar die Räuberbande kniete hinter mir und blickte andächtig auf das Kind. Frieden erfüllte ihre Gesichter. „Mit den Menschen, die du mir geschenkt hast, werde ich eine Kette durch alle Zeiten bauen“, meinte das kleine Kind. „Und hiermit“, fuhr es ernst fort und hielt mit beiden Händen das goldene Kreuz fest, „hiermit werde ich dafür sorgen, dass diese Kette bis in den Himmel reicht.“

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