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Margitta Rosenbaum

Wie sich der Regenbogen spannt Anna von Weling – Grßnderin des Allianzhauses von Bad Blankenburg


7. Im Lazarett

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lbert rollte mit den Augen. „Schon wieder so eine feine Dame!“, flüsterte er seinem Bettnachbarn Heinz zu. Der stöhnte nur müde: „Das hatten wir doch schon.“ „Wollen wir wetten? Die kommt nur einmal. Ich setze drei zu eins.“ „Diese Wette gewinnst du. Von den noblen Fräuleins hat es noch keine lange hier ausgehalten“, entgegnete Heinz, um seine Aufmerksamkeit dann doch der jungen Frau zuzuwenden, die vom Stabsarzt durch das Lazarett geführt wurde. Sie war jung, blond und ihr Gesicht trug entschlossene, aber dabei freundliche Züge. „Die sollte sich lieber um ihre eigenen Kinder kümmern. So eine junge Frau gehört in ihre Familie“, zischten der etwas ältere Wilhelm dazwischen. Eigentlich lag er den ganzen Tag teilnahmslos in seinem Bett und versuchte, trotz seiner Schmerzen nicht zu stöhnen. Er hatte nur ein paar Gesprächsfetzen aufgefangen und sich dann doch aufzusetzen versucht, um am Geschehen teilzuhaben. Der ungewohnte Anblick ließ ihn für einen Moment die schmerzende Wunde am Oberschenkel vergessen. „Ob sie gar keinen Mann hat? Sie ist doch ganz ansehnlich“, dachte Albert laut weiter. Er und Heinz gehörten zu den wenigen, die mit wachen Augen das Geschehen im Krankensaal wahrnahmen. In diesem Haus wurde gelitten, gestöhnt und gestorben. 37


Die Husarenkaserne in Bonn war kurzfristig zum Lazarett gemacht worden. Napoleon III. hatte am 19. Juli 1870, von Bismarck herausgefordert, dem Norddeutschen Bund den Krieg erklärt. Das war der Beginn des Deutsch-Französischen Krieges. Unter der Führung des Königs von Preußen war bald die gesamte deutsche Heereskraft gegen den Nachbarn im Westen angetreten. Die französische Berufsarmee war trotz der monatelangen politischen Spannungen nicht genug auf diesen Krieg vorbereitet gewesen. Aber auch im deutschen Heer gab es viele Verwundete. Im Lazarett in der Husarenkaserne in Bonn lagen die Verletzten der Schlacht um Metz. Wie hatte das deutsche Volk gejubelt, als Bismarck auf dem Reichstag die französische Kriegserklärung verlesen hatte. Schick hatten die jungen Männer in ihren Uniformen ausgesehen und stolz waren sie in den Krieg gezogen. Nun waren sie um einige Erfahrungen reicher. Obwohl die Armee des Prinzen Friedrich Karl von Preußen und des Generalfeldmarschalls von Manteuffel nicht von der französischen Rheinarmee besiegt werden konnte, waren doch viele ihrer Kameraden gefallen. 40 000 gefallene Soldaten würde man am Ende des Krieges auf deutscher Seite zählen, mehr als 130 000 auf französischer Seite. Noch größer würde die Zahl der Verwundeten sein. Die Männer hier im Bonner Lazarett kamen direkt von der Front, hatten Kriegsgeschrei, Kanonendonner und Nahkampf erlebt. Tote und Verwundete hatten sie gesehen. Wer nicht gleich auf dem Schlachtfeld starb, der wurde zurück in 38


die Heimat gebracht. Güterwagen-Krankenhaus nannte man die Eisenbahnzüge, in denen die Verwundeten transportiert wurden. Es war eine Tortur. Doch die Hospitäler der Städte waren bald überfüllt. Es mangelte an Ärzten und Pflegepersonal. Als Folge wurden daher Lazarette provisorisch in Kasernen untergebracht. Entsprechend lückenhaft war die Ausstattung. Darum waren diese Pflegeeinrichtungen gefürchtet. Mancher tapfere Soldat versuchte der Pflege in der Kaserne zu entkommen. Doch wohin? Hier also wollte Anna helfen. Sie war im Frühjahr 33 Jahre alt geworden und lebte seit zehn Jahren mit ihrer Mutter in Bonn. Von der Welt hatte sie schon viel gesehen. Aber eine Kaserne betrat sie zum ersten Mal. Und dann gleich das Lazarett der „Welschnonnenkaserne“! Als sich die Tür zum Bettensaal öffnete, hielt sie die Luft an. Bisher hatte sie nie einen Bogen um die Nöte ihrer Umgebung gemacht, aber so viel Elend auf geringstem Raum! Der Geruch von Blut, Schweiß, Eiter und Urin stieg ihr in die Nase. Die meisten der Männer lagen teilnahmslos auf ihrem Bett. Manche stöhnten vor Schmerzen oder wälzten sich im Fieberwahn. Gelegentlich war auch ein Fluch zu hören. „Haltung bewahren“, diesen Satz hatte ihre Mutter ihr von klein auf eingeprägt. So kam es, dass Anna auch beim Anblick von so viel Bedürftigkeit nicht mit der Wimper zuckte. Stabsarzt Kummer beobachtete sie genau. Würde diese junge Frau tatsächlich hier mit anfassen können? Anna hatte sich sehr engagiert bei ihm vorgestellt. Sie hatte hohe Ziele. Sie habe sich schon viel mit Kranken39


pflege beschäftigt und könne gut zufassen. Das hatten ihm schon viele Frauen versichert. Aber bisher gab es nicht viele, die tatsächlich im Lazarett zu gebrauchen waren. Einige hatten sich bereit erklärt, für Sauberkeit und Ordnung zu sorgen. Neuerdings hörte man immer wieder von Wissenschaftlern, die Sauberkeit als Voraussetzung für die Heilung forderten. Aber wer sollte das in Kriegszeiten durchsetzen? Die geballte Menge von Männern und Wunden konnten viele Frauen nicht verkraften, am wenigsten die aus gutem Hause. Zu denen gehörte diese junge Dame ganz sicher. Sie war edel gekleidet, aber nicht pompös. Die meisten dieser Frauen waren nicht wiedergekommen. Zum Glück gab es einige, die sich um die Wäsche kümmerten und die Fußböden in Ordnung hielten. Andere hatten sich dann doch darauf beschränkt, ab und zu eine Lebensmittelspende zu senden. Auch in der Küche wurde Hilfe gebraucht. So war Dr. Kummer froh über jede helfende Hand. Eigentlich hatten Frauen ja nichts in der Kaserne zu suchen. Aber hier musste er seine Meinung zurückhalten und die Hilfe für die ihm Anvertrauten an die erste Stelle setzen. Das Fräulein Anna Thekla von Weling hatte er mit scharfem Blick gemustert. Sie hatte ihm gleich gesagt, dass sie nicht für Reinigungsarbeiten gekommen sei, sondern in der Pflege helfen wolle. Offensichtlich wusste sie, was sie wollte. Nun beobachtete er, wie sie die ersten Schritte in den Krankensaal tat. Anna war sich dessen bewusst. Wenn sie den Doktor jetzt nicht überzeugte, dann würde man sie nicht hier 40


arbeiten lassen. Sie hatte ihm klar und deutlich gesagt, dass es ihre christliche Pflicht sei zu helfen. Für diese Männer, die im Kampf für das Vaterland ihr Leben eingesetzt hatten, wollte sie all ihr Wissen und ihre Kraft einsetzen, um ihnen zur Genesung zu verhelfen. Mit dem Misstrauen der Männer musste sie rechnen. Aber sie würde es ihnen beweisen. Noch etwas aufrechter als sonst schritt sie an der Seite des Arztes durch die Krankensäle und ließ sich erklären, wie die Pflege hier organisiert war. Sie fragte nach der Art der Verletzungen und der verordneten Behandlung. Zumindest theoretisch schien sie doch einiges zu wissen, staunte der Militärarzt im Stillen. Verbände mussten gewechselt, Medikamente ausgeteilt, Fieber gekühlt, Flüssigkeit verabreicht werden. Leichte Arbeit war das nicht. Es war auch nicht besonders appetitlich, sich auf so viel Leid und gequälte Körper einzulassen. Aber der Gedanke, dass es zu schwer sei, passte nicht zu Anna. Was sie für richtig erkannt hatte, das zog sie durch. Beim Rundgang sah sie sich bestätigt: Es war ihre Christenpflicht, diesen armen, leidenden Männern zu dienen. „Sie können auf mich zählen. Am Montag um 7 Uhr bin ich hier. Teilen Sie mich zum Dienst ein“, sagte sie und reichte Dr. Kummer die Hand. Dann eilte sie nach Hause. Dort lag ihre alte Mutter im Krankenbett. Sie war in den letzten Wochen immer schwächer geworden. Anna ließ sie nicht gerne lange allein. Aber die beiden Frauen waren sich einig: Jetzt war Annas Einsatz im Lazarett gefragt. Anna hatte alles 41


so organisiert, dass ihre geliebte Mutter für ein paar Stunden täglich allein sein konnte. Obwohl sie viel und gerne reiste, blieb Anna nun lieber in Bonn, um für ihre Mutter da zu sein. Durch den frühen Tod ihres Vaters – er war ja gestorben, als Anna gerade vier Jahre alt war – hatte sie sich umso enger an ihre Mutter angeschlossen. Vom Vater wurde selten gesprochen. Anna hätte zu gerne gewusst, wie ihre Eltern sich kennengelernt hatten. Er musste ganz anders gewesen sein als ihre Mutter. Anna erinnerte sich nur noch an seine schwarzen, glänzenden Haare und die lebhaften Augen. Ihre dunklen Augenbrauen hatte sie wohl von ihm geerbt und auch das lebhafte Temperament, so sagte man jedenfalls. Er war ein Offizier und später Geschäftsmann gewesen. Aber ihre Mutter mochte nicht viel über diese Zeit sprechen. Viel lieber erzählte sie Anna von ihrer schottischen Heimat. Auch an diesem Abend erinnerte sich die alte Dame wieder an die vergangenen Zeiten. „Weißt du noch, wie das Leben in Edinburgh pulsiert? Wie schön die schottische Landschaft ist mit ihren wunderbaren grünen Hügeln? Mit dem braunen Sandstrand und den Fischerhäuschen? Je älter ich werde, umso mehr muss ich an meine Heimat denken“, schwärmte die alte Dame. Sie hielt zwar noch immer einen regen Briefwechsel mit der schottischen Verwandtschaft aufrecht, doch Anna bemerkte, wie ihr das Schreiben immer schwerer fiel. „Ja, Mama, auch ich war immer gerne mit dir in Schottland. Schon als kleines Mädchen hast du mich mit deiner Heimat bekannt gemacht und ich bin dir 42


dankbar dafür, dass du mir so den Blick für die große weite Welt geöffnet hast“, sagte Anna. Auch ihr Herz begann schneller zu schlagen, wenn sie an Schottland dachte. Das grüne Land im Norden der Insel hatte immer eine wichtige Rolle gespielt. Dort hatte sie die größte Freude und die tiefste Verletzung erfahren. Nachdem sie mit der Mutter zu Abend gegessen hatte, half sie ihr liebevoll beim Zubettgehen. Dann setzte sich Anna noch einmal an ihren Schreibtisch. Sie hatte noch zu tun. Mit feiner Schrift reihten sich die Worte aufs Papier. Wieder entstand eine Erzählung, die von einem Soldaten handelte, der in den Krieg gezogen war. Anna beschrieb seine Sehnsucht und seine Liebe zu seiner Frau, die zu Hause auf ihn wartete. Ob die Beziehung der langen Trennung standhalten würde? In ihren Geschichten konnte Anna ihre unerfüllten Träume von Liebe und Treue aufleben lassen. In der Zeitschrift „Daheim“ wurden regelmäßig Fortsetzungsromane von Hans Tharau abgedruckt. Anna konnte die Geschichten von Liebe, Sehnsucht und heiler Welt so gut schreiben, dass besonders Familien und auch die Männer im Krieg sie gerne lasen, weil sie ihr Herz anrührten. Erst spät löschte Anna ihre Lampe. Wie jeden Abend tat sie es nicht, ohne noch einen Abschnitt aus ihrer Bibel zu lesen. Diesmal folgte ein besonders langes Gebet. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Abend im Gespräch mit ihrem Heiland den Tag abzuschließen. Wer sonst konnte den Männern helfen, die mit so schweren Wunden im Lazarett lagen? Und sie würde auch viel Weisheit brauchen, um ihre Aufgaben 43


gut zu erfüllen. Aber sie war überzeugt, das Richtige zu tun. „Und gib Mama erträgliche Gesundheit. Du siehst, wie sie immer schwächer wird. Steh du ihr im Alter bei.“ Dieser Satz gehörte zu ihren täglichen Gebeten, war die Mutter doch der Mensch, der ihr am nächsten stand. Anna kniete am Bett von Wilhelm. Als sie den Verband löste, erschrak sie. Die Hälfte des Oberschenkels war von einem Geschoss aufgerissen worden. Bis auf den Knochen war das Fleisch zerfetzt. Eine riesige klaffende Wunde, die eiterte und stank. Wilhelm konnte sich nur noch mühsam erheben. Was musste dieser Mann für Schmerzen aushalten! Sie schaute ihm ins Gesicht. Wilhelm wich ihrem Blick aus. Es machte ihm Mühe, vor einer jungen Frau seine Schwäche zu zeigen. „Sie müssen ja furchtbare Schmerzen haben“, sagte Anna sorgenvoll. „Das halte ich jetzt schon drei Wochen aus und Sie werden mir auch nicht helfen können!“, presste der Mann die knappen Worte durch die Lippen. Er wollte seine Ruhe haben. Die Schmerzen waren schlimm genug. Noch schlimmer war der Gedanke an die Zukunft. Wie sollte er jemals wieder laufen können, mit diesem kaputten Bein? Da nutzten ihm auch keine gefühlvollen Worte! Anna legte geschickt einen neuen Verband an. Sie musste unbedingt Dr. Kummer fragen, was aus Wilhelm werden sollte. Dann ging sie ans nächste Bett. Der Soldat fieberte. Waren es die schrecklichen Bilder, die er 44


gesehen hatte, oder hatte das Fieber ihm den Verstand genommen? Er wälzte sich stöhnend und manchmal auch schreiend im Bett. Anna holte kaltes Wasser und legte ihm ein kühles Tuch auf die Stirn. Sie redete ihm gut zu, streichelte seinen Arm. Im Stillen sprach sie ein Gebet für ihn. Es dauerte lange, bis er endlich ruhiger wurde. Wer sollte nur all die Arbeit hier machen? Sie konnte sich ja immer nur um einen der Männer kümmern. Es gab wenig geschultes Pflegepersonal. Im Lazarett arbeiteten einige Soldaten, die nach ihrer Verwundung für den Einsatz im Feld nicht mehr tauglich waren. Sie gaben sich redlich Mühe, aber sie hatten keine Ahnung von Krankenpflege. Kein Wunder, dass sie nur die Handgriffe ausführten, die ihnen gezeigt worden waren. Aber auch dafür reichte die Zeit kaum. „Man müsste Zeit haben für die Kranken, um mit ihnen zu sprechen“, dachte Anna laut. Dr. Kummer war gerade ins Zimmer getreten. „Wir sind hier kein Kloster. Wenn Sie sich um die Gefühle der Männer kümmern wollen, dann sind Sie hier falsch“, warf er barsch ein. „Ja, Sie haben recht“, gab Anna überlegt zur Antwort. „Dennoch werde ich mich nicht mit allem abfinden. Man könnte manches anders organisieren“, redete sie weiter. Sie war ein wenig über sich selbst erschrocken. Obwohl sie kein Arzt war, sah sie doch, dass die medizinische Behandlung oft dem widersprach, was sie gelesen und gelernt hatte. „Soso, die junge Dame weiß es also besser“, fauchte 45


Dr. Kummer zurück, „das wird ja immer besser. Jetzt will sie mir schon sagen, was zu tun ist!“ Anna ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Herr Doktor, selbstverständlich bewundere ich Ihr medizinisches Wissen. Bitte glauben Sie mir, es geht mir nur um die Genesung der Verwundeten. Sie sollen doch bald wieder in den Krieg ziehen können. Ich erlaube mir, Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten. Zuwendung und Anteilnahme scheinen mir beinahe so wichtig wie gute Hygiene. Dafür will ich mir ab jetzt mehr Zeit nehmen. Und ich werde weitere Helfer mitbringen. Hier ist jeder gefragt, der die kleinste Handreichung tun kann“, fuhr sie bestimmt fort. Der Arzt wandte sich kopfschüttelnd ab. Morgen war ein Operationstag angesetzt. Man hätte auch von einem Großkampftag sprechen können. Chloroform stand schon bereit. Hoffentlich klappte es mit der Betäubung. Nach der Operation hatten die Kranken viel durchzustehen. Operation, das bedeutete meist, dass gleich ein ganzer Körperteil entfernt wurde. Wenn man feststellte, dass der Wundbrand nicht einzudämmen war, so war eine Amputation immer noch das Sicherste, um wenigstens das Leben zu retten. Anna hatte zunächst nur mit der Versorgung der Amputierten zu tun. Sie brachte ihnen Wasser. Wenn sie mit starken Schmerzen im Bett lagen, gab sie ihnen Milchbrei, damit sie wieder zu Kräften kamen. Und sie sprach mit ihnen. „Als ich hier eingeliefert wurde, da dachte ich noch, dass ich das Lazarett ertrage, weil ich hier geheilt werde. Aber jetzt bin ich Invali46


de. Was soll ich jetzt noch?“, vertraute ihr einer von ihnen an. Den meisten anderen ging es nicht besser. „Jetzt werde ich nie wieder arbeiten können. Wie soll ich nur meine Familie ernähren? Soll ich für immer auf andere angewiesen sein, ein Krüppel?“, fragte einer der Amputierten bitter. „Soll ich jetzt betteln gehen? Wenn es gut läuft, wird mich meine Familie im letzten Winkel des Hauses aufbewahren und irgendwie durchbringen. Ich werde ihnen eine Last sein“, sagte ein anderer. Nicht nur die Krankenzimmer waren wenig ausgeleuchtet – die ganze Zukunft erschien gleichermaßen düster. Anna versuchte mit guter Laune und kleinen Späßen die Stimmung aufzuhellen. Doch sie wusste, dass das nicht ausreichte. Viele konnten sich nicht darüber freuen, dass ihnen die Operation das Leben gerettet hatte. Es waren furchtbare Minuten, wenn der Arzt die Wunden ansah, um zu entscheiden, ob amputiert werden musste oder nicht. Anna schaute zunächst nur zu. Sollte sie den Stabsarzt schon wieder kritisieren? Warum konnte man nicht länger abwarten und es mit pflanzlichen Heilmitteln versuchen? Hier nahm man sich keine Zeit. Wenn die Wunden nicht durch Verbinden und Ruhe heilten, dann wurde eben amputiert. Von den Britischen Inseln hatte Anna von ganz anderen Behandlungsarten gehört. Schon seit vierzig Jahren ließ sich das britische Königshaus erfolgreich von Homöopathen behandeln. Anna hatte alle Bücher dazu studiert und die homöopathische Zeitschrift gehörte zu ihrer regelmäßigen Lektüre. Besonders interessierte sie sich schon immer 47


für die Anwendung von Kräutern und Pflanzen aus der Umgebung. Schon als Kind hatte sie in ihrer Heimatstadt Neuwied Dr. Hartlaub kennengelernt. Als homöopathischer Arzt hatte er der Familie oft geholfen. Anna maßte sich nicht an, die ganze Medizin zu beherrschen. Doch die Anwendung von Naturheilmitteln hatte sie immer bevorzugt. Beinwell und Ringelblume sollten bei solchen Verletzungen helfen. Und allein mit Wasser konnte man manche Wunden sauber halten und die Heilung fördern. Anna vertraute auf die Wirkung von Wasserumschlägen. Sollte sie den Stabsarzt danach fragen? Oder sollte sie lieber froh sein, dass man sie in den Krankenzimmern gewähren ließ?

8. Der Riese

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ie Situation spitzte sich zu, als es um Eduard Burkhardt ging. Dieser große, junge Mann hatte es Anna vom ersten Tag an angetan. Als Sohn eines armen Tagelöhners hatte er sich freiwillig für den Kriegsdienst beim Berliner Garderegiment gemeldet. Eigentlich war er viel zu jung dafür gewesen. Doch er wollte für sein Vaterland kämpfen. In der Schlacht von Mars-la-Tour wurde er schon wenige Wochen nach Kriegsbeginn schwer verwundet. Viel Blut war dort geflossen. Eduard Burkhardt hatte nicht nur einige kleinere Verletzungen davongetragen. Probleme machte ihm ein schwerer 48


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