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Tom Doyle/Greg Webster

Träume und Visionen Wie Muslime heute Jesus erfahren


Der Imam und die Pistole Was meinen Sie: Welche Muslime sind am schwierigsten mit dem Evangelium zu erreichen? Vielleicht Islamisten? Wer bereit ist, sich selbst in die Luft zu sprengen, um „Ungläubige“ zu töten, muss doch wohl fanatisch sein, oder? Das klingt plausibel, aber ich kenne in jedem Land des Nahen Ostens ehemalige Terroristen, die heute Jesus nachfolgen. Mit vielen von ihnen arbeiten wir zusammen, um andere Muslime mit dem Evangelium zu erreichen. Es sind Jünger von Jesus, deren Herzen radikal verändert wurden. Der Heilige Geist wirkt so stark in ihrem Leben, dass Sie, wenn Sie sie sehen könnten, absolut nichts von ihrer dunklen Vergangenheit ahnen würden. Sie sind anschauliche Beweise der Macht Christi, Menschenherzen regelrecht umzukrempeln. In der Tat, Selbstmordattentäter sind „harte Nüsse“ für das Evangelium. Aber die allerschwierigsten Fälle sind meines Erachtens die Imame. Ein Imam ist sozusagen der „Pastor“ einer Moschee, dessen Aufgabe darin besteht, seine „Schafe“ bei der Stange zu halten. Von Kopf bis Fuß von der muslimischen Lehre und Propaganda geprägt, verstehen sich die Imame als die Wächter ihrer Religion, die sie um jeden Preis zu verteidigen haben. Immer wieder ist dieser Preis das Leben eines „Unglücklichen“, der es gewagt hat, Christ zu werden und dafür bezahlen muss. Viele Imame, mit denen man über Christus zu reden versucht, reagieren aggressiv und arrogant. Natürlich gibt es auch umgänglichere Imame, doch die meisten kultivieren 50


jene harsche Strenge, die nötig ist, um ihre muslimischen Gläubigen gefügig zu halten. Die meisten Imame werden gefürchtet wegen der großen Macht, die sie in der Gesellschaft haben. In Ländern, wo die Scharia herrscht, liegt die Vollzugsgewalt in den Händen der Religionspolizei und der Imame. Muslime, die zum Glauben an Christus gekommen sind, vergleichen die Imame oft mit den Pharisäern zur Zeit Jesu. Falls Sie nicht recht wissen, wie Sie sich einen Imam vorstellen sollen, denken Sie einfach an einen Pharisäer mit einem Koran in der Hand. In Ägypten trifft man schier an jeder Straßenecke auf einen Imam, und das hat seine Gründe. Ägypten ist das intellektuelle Zentrum des Islam. Ein Imam, der an der Al-Azhar-Universität studiert hat, ist in der ganzen islamischen Welt hochgeachtet. Die Al-Azhar wurde 970 gegründet und versteht sich als das weltweite Zentrum der arabischen Literatur und sunnitischen Gelehrsamkeit. Mag Saudi-Arabien mit Mekka und Medina die beiden heiligsten Stätten des Islams haben – was dieser Religion ihre Gestalt gibt, ist Ägypten. Saudi-Arabien ist das Herz des Islams, aber Ägypten ist sein Kopf. Es ist genau der richtige Ort für einen Besuch von Jesus!

Nächtlicher Überfall Hassan schreckte hoch. Eine Hand presste sich grob auf seinen Mund. Was war das Kalte an seiner rechten Schläfe? Die Mündung einer Pistole. Sein Herz begann zu rasen. 51


„Still, kein Mucks!“, flüsterte der Unbekannte im Dunkeln. „Steh auf und komm mit.“ Mehrere Minuten lang rieb Hassan sich den Schlaf aus den Augen, während sein Kidnapper ihn durch die dunklen Straßen der Kairoer Altstadt schob. Jetzt war es also so weit. Hassan hatte sich jede Mühe gegeben, beim Evangelisieren vorsichtig zu sein und die Leute nur einzeln anzusprechen. Aber jetzt war man ihm auf die Schliche gekommen. Für die Mission unter Muslimen ist Kairo einer der gefährlichsten Orte der Welt. Vor zwei Jahren war Hassan in dieses Viertel der Altstadt gezogen. Er hatte eine Gabe dafür, Gespräche mit muslimischen Freunden auf Jesus hin zu lenken, aber in diesem Viertel hatte er noch keine einzige Bekehrung erlebt, obwohl er sich täglich Mühe gab. Den Lauf der Pistole im Rücken, stolperte Hassan die menschenleeren Gassen entlang. Innerlich schrie er zu Gott: Ist keiner wach, der mir helfen kann? Aber zwei Stunden vor dem ersten Gebetsruf des Muezzin schlief Kairo noch. Und selbst, wenn nicht – wer hatte schon Mitleid mit einem Christen, der von einem Imam abgeführt wurde? Die Leute würden einfach denken (ähnlich wie Hassan gerade selbst), dass er auf dem Weg zu seiner wohlverdienten Hinrichtung war. Die grobe Hand an Hassans rechtem Arm trieb ihn unablässig an. Dann und wann zog sie ihn abrupt nach rechts oder links. Hassans Gedanken wanderten zu seiner Aufgabe hier in Kairo, die jetzt so schnell ihrem Ende entgegenging. Jahrelang hatte er den Islam studiert, hatte den Koran auswendig gelernt, die Hadithe (die meh52


rere Jahrhunderte nach Mohammeds Tod gesammelten Aussprüche des Propheten) und die Lehren der führenden islamischen Theologen – alles mit dem einen Ziel, die Feinde des Evangeliums verstehen zu lernen, die Gott hoffentlich zu seinen Brüdern und Schwestern in Christus machen würde. Gott hatte Hassan eine Leidenschaft für die Muslime ins Herz gegeben – aber was zählten all diese Vorbereitungen noch, jetzt, da er bald der nächste ägyptische Märtyrer sein würde? „Hier rauf.“ Die raue Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Wie waren sie ihm nur auf die Schliche gekommen? Hatte ihn jemand verraten? Das Blut pulsierte kräftig in seinen Adern – von der Angst und von den fünf Stockwerken, die er gerade mit seinem Entführer über die Hintertreppe eines alten Gemäuers hinaufgestiegen war. „Wir müssen von diesem Dach auf das da drüben springen, das ist der einzige Weg.“ Zum ersten Mal, seit sie seine Wohnung verlassen hatten, schaute Hassan direkt in das Gesicht seines Entführers. Erst jetzt merkte er, dass es geschwärzt war, um die Gesichtszüge zu kaschieren. Er schaute kurz zu dem gähnenden Abgrund hin, auf den der Lauf der Waffe wies, dann wieder in die durchdringenden Augen in dem geschwärzten Gesicht. „So weit springen kann ich nicht“, platzte es aus Hassan heraus. „Doch, das kannst du, wenn du Anlauf nimmst.“ Der Mann wies mit dem Pistolenlauf auf Hassan: „Du zuerst!“ 53


Was wäre schlimmer – eine Kugel oder fünf Stockwerke tief stürzen? Eines war klar: Dieser Mann würde bei der geringsten Provokation abdrücken, und der Sprung, selbst wenn er misslang, würde Hassans Leben wenigstens um ein paar Sekunden verlängern. Aber vielleicht gelang er ja – und vielleicht gab es dann noch Hoffnung … War es das Adrenalin in seinem Blut, war es ein Schutzengel? Hassan erreichte das andere Dach nicht knapp, sondern souverän, zwei Sekunden später gefolgt von seinem offenbar geübten Kidnapper mit der Pistole in der Hand. Der Mann packte wieder seinen rechten Arm und zog ihn zu einer Dachluke in dem Gebäude, das ein leer stehendes Lagerhaus zu sein schien. Bestimmt würde Hassan den Nachthimmel nie mehr sehen. „Jesus, in deine Hände befehle ich meinen Geist“, flüsterte er. Hassan sah, wie die Augen des Unbekannten auf sein leises Gebet hin fast unmerklich zuckten. Der Griff um seinen Arm wurde noch fester. „Öffne die Luke und steig schnell rein.“ Wieder unterstrich der Lauf der Waffe seine Worte. Hassan kam es vor, als ob nicht er, sondern ein fremder Schauspieler in einem Fernsehkrimi sich durch die Öffnung schob. Er hoffte, dass die Szene nicht zu schnell zu Ende wäre. Als er in dem Gebäude war, nahm das Geschehen eine dramatische Wendung. Doch hören wir ihn selbst: „Ich trat in einen düsteren Raum, der von einer einzigen Kerze schummrig erleuchtet wurde. Sicher würden 54


sie mich gleich hinrichten. Zehn Männer, offensichtlich Muslime, standen in einem Kreis. Sie befahlen mir, mich zu setzen. Ich gehorchte, und die Atmosphäre änderte sich abrupt. Die geheimnisvollen Männer lächelten mich an.“ Der Mann, der Hassan gebracht hatte, räusperte sich zuerst. „Wir sind Imame. Wir haben alle an der Al-Azhar studiert. Als wir dort waren, hatte jeder von uns einen Traum über Jesus, und wir sind alle heimlich, jeder für sich, seine Jünger geworden. Eine Zeit lang haben wir uns nicht getraut, irgendjemandem etwas davon zu sagen; es wäre unser Todesurteil gewesen. Aber schließlich konnten wir es nicht länger verheimlichen. Jeder von uns bat Jesus, ihm zu zeigen, was es heißt, sein Jünger zu sein. Jesus hat uns schließlich zusammengeführt, und du kannst dir vielleicht vorstellen, wie wir staunten, als der Heilige Geist uns zeigte, dass es noch andere Imame gibt, die Jesus gefunden haben. Jetzt treffen wir uns hier dreimal in der Woche nachts, um für unsere Familien und die Menschen in unseren Moscheen zu beten, damit auch sie Jesus finden. Wir wissen, dass du auch Christus nachfolgst; er hat uns zu dir geführt.“ Hassan erinnert sich: „Ich war einfach sprachlos. Aber dann so erleichtert, dass ich minutenlang lachte, während mich die anderen lächelnd anschauten.“ Und dann erklärte sein Entführer ihm den Grund für dieses nächtliche Treffen. „Es tut mir sehr leid, dass ich dich so erschreckt habe mit der Farbe im Gesicht und der Pistole, aber anders hätte ich dich nicht hierher ge55


kriegt; alles andere wäre zu gefährlich gewesen. Bitte entschuldige. Aber jetzt unsere Frage: Kannst du uns in der Bibel unterrichten?“ (…)

„Kann ich im Badezimmer zu Jesus beten?“ Der erste Kontakt mit dieser anderen, faszinierenden Welt hatte drei Monate nach Beginn ihrer Internetausflüge begonnen, als sie zufällig auf eine Website „Biblische Reisen ins Heilige Land“ stieß. Ein paar Mausklicks und sie hatte den christlichen Glauben entdeckt – und ihre neue Internetleidenschaft begann. Auf christlichen Internetseiten las und studierte sie die Bibel. Sie vertiefte sich in Online-Bibelkommentare und verschlang Predigten von amerikanischen Pastoren. Obwohl die Flut der vielen neuen Gedanken sie manchmal verwirrte, begab sie sich in Chatrooms, wo sie sich mit Menschen austauschte, die ihre Fragen offensichtlich ernst nahmen. Eine Antwort nach der anderen sprach genau ihre Sehnsucht an und ließ sie noch tiefer bohren. Es war ein Schock für die muslimische Mutter, als sie das erste Mal mit einem wildfremden Mann chattete. Nach mehreren solcher Kontakte mit christlichen Männern war ihr Erstaunen noch größer, als sie merkte, dass sie gar keine Angst vor ihnen hatte. Was sie indes niemandem erzählte, war ihr Traum – bis sie Rima kennenlernte. 56


„Ich war früher auch Muslimin.“ Nasreen hatte die Worte in dem Chatroom-Fenster wortlos angestarrt, als Rima ihr verriet, warum sie ihren Kampf so gut verstand. Aus dem Keller eines christlichen Untergrundzentrums in Amman (Jordanien) chattete sie stundenlang mit Nasreen. Ihre Gespräche behandelten alles, von der Bibel bis zur Ehe. „Wie ist das in einer christlichen Ehe?“, fragte Nasreen. „Schlagen die Männer ihre Frauen noch, wenn sie Jesus nachfolgen?“ Nichts war tabu in ihren täglichen Chatsitzungen. Rima erzählte Nasreen alles über ihre Vergangenheit. Ihr Mann war meistens gut zu ihr gewesen. In ihrer 15-jährigen Ehe war er nur dem Namen nach ein Muslim gewesen, aber als Rima sich Jesus Christus zuwandte, wurde alles anders. „Ismail war kein praktizierender Muslim“, berichtete Rima ihr online. „Unsere Religion war ihm egal. Ich war diejenige, die den Islam in unserer Familie lebendig hielt. Er ging nur dann zum Freitagsgebet, wenn seine Eltern uns besuchten; ansonsten bedeutete ihm ein Besuch in der Moschee absolut nichts. Aber als er herausfand, dass ich mich mit einer Freundin traf, die Jesus nachfolgte, wurde er über Nacht zum Fanatiker. Er begann, den Koran zu lesen; unsere Kinder mussten ganze Suren auswendig lernen. Er fing sogar das Morgengebet an, was ich nie für möglich gehalten hätte. Sein Hass auf mich und meinen Glauben an Jesus wurde immer größer; schließlich verstieß er mich. Ich vermisse meine Kinder, aber jetzt habe ich Jesus.“ 57


Aus den anonymen Chats zwischen Rima und Nasreen wurde ausgedehnte Video-Telefonate über das Internet. „Dir erzähle ich Sachen, die ich noch niemandem gesagt habe, nicht einmal meiner Mutter oder meinen Schwestern und schon gar nicht meinem Mann“, gestand Nasreen Rima. Schließlich nahm sie ihren Mut zusammen und erzählte ihrer Internetfreundin von ihren Träumen. Als sie die christlichen Chatrooms entdeckt hatte, hatte Nasreen auch ihren ersten Traum von Jesus (der im Koran Isa heißt). Für eine Weile kam er auf diese Weise regelmäßig zu ihr. Sie war so fasziniert davon, dass sie anschließend jedes Mal zu dem einzigen Gott betete, den sie kannte: „Oh, Allah, sende mir morgen Abend wieder deinen Propheten Isa, damit er mich lehrt.“ Aber als sie Rima besser kennenlernte, hörten die Träume auf, und so sehr Nasreen ihre jordanische Freundin liebte, sie vermisste den geheimnisvollen Propheten. 3.13 Uhr Ahmad war auf die Minute pünktlich nach Hause gekommen, und der Abend war ruhig verlaufen. Wie üblich hatte der Mann von seiner Frau und den Kindern kaum Notiz genommen. Als das Hausmädchen gegangen war, brachte Nasreen die Kleinen ins Bett; das lenkte sie etwas von der Angst ab, dass Ahmad einen noch nicht gelöschten Eintrag in ihrer Internetchronik entdecken könnte. Doch seine Zeit am Computer verlief ohne Zwischenfälle, und jetzt lag er neben ihr und schlief fest. Nasreen lag stocksteif da und versuchte, wieder ru58


higer zu atmen. Wie gut, dass Ahmad im Schlaf nicht reagiert hatte, als sie „Jesus!“ gerufen hatte. Nur einen Augenblick war der starke, freundliche Mann heute in ihrem Traum erschienen – er war also zurückgekommen! Seine Liebe hatte sie wieder eingehüllt. Sie schaute auf ihren Wecker. Er zeigte 3.13 Uhr. Das muss ich Rima erzählen, noch heute … Der Friede, den Nasreen nach dem Traum spürte, war so wunderbar, dass sie keine Lust hatte, wieder einzuschlafen. Fast eine Stunde lag sie still da und hing den Erinnerungen an die früheren nächtlichen Begegnungen mit Isa nach. „Nasreen, ich bete für dich, dass du wieder diese Jesusträume hast.“ Rimas Kopf flimmerte etwas auf dem Bildschirm. Früh am Nachmittag konnten sich die beiden wieder austauschen. „Jeden Abend stelle ich meinen Handy-Wecker, damit ich aufwache und beten kann, dass Jesus wieder zu dir kommt.“ Nasreen schaute nachdenklich auf den Computerbildschirm. „Und auf wann hast du den Wecker letzte Nacht gestellt, Rima?“ „Das ist ein bisschen komisch. Meist stelle ich ihn auf 3 oder 4 Uhr, aber gestern Abend musste ich dauernd an 3.13 Uhr denken.“ Rima unterbrach sich und beugte sich näher zum Bildschirm, weil Nasreen plötzlich Tränen in den Augen hatte. „Ist was mit dir?“ Nasreen rang nach Luft. „Um 3.13 Uhr hab ich heute Morgen Jesus gesehen.“ Rima schaute auf ihre Tastatur, dann direkt in die Kamera. Ihr Finger ging nach vorne. „‚Wohl dem Men59


schen, der Weisheit erlangt, und dem Menschen, der Einsicht gewinnt!‘“ (Sprüche 3,13). „Wie, bitte?“ „‚Wohl dem Menschen, der Weisheit erlangt, und dem Menschen, der Einsicht gewinnt.‘ Das ist ein Spruch, den ich letzte Woche auswendig gelernt habe.“ „Aus der Bibel?“ „Ja, Nasreen. Und der ist für dich.“ „Wie willst du das wissen?“ „Na, die Bibelstelle. Sprüche 3,13. Jesus ist gekommen, um dich mit Weisheit von ihm und mit Einsicht in seinen Willen für dein Leben zu segnen.“ Nasreen schloss die Augen, senkte den Kopf und legte die rechte Hand auf ihren Mund. Ihre Schultern bebten fast unmerklich. Jetzt ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Mehrere Minuten saßen die beiden schweigend da. Was Nasreens erneute Jesusträume und dieses Bibelwort bedeuteten, begriff Rima sofort. Sie wusste: Die Träume ihrer Freundin waren nicht immer segensreich gewesen. Vielleicht bedeutete dieser erneute Traum mit Jesus, dass das Gute dabei war, das Böse zu besiegen. Denn Jesus war nicht der Einzige, der nachts zu Nasreen gekommen war.

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