LESEPROBE
Ulrike Strätling
Heut machen wir ein Picknick Wie-geht-was-Geschichten zum Vorlesen für Demenzktranke 144 Seiten, Taschenbuch € 8,99 (D) / SFr *13,50 / € 9,30 (A) ISBN 978-3-7655-4196-4, Bestell-Nr. 114196 © Brunnen Verlag GmbH, Gießen *) unverbindliche Preisempfehlung
Zu diesem Buch Demenzkranke vergessen früher oder später wichtige Bewegungsabläufe, die für das selbstständige Leben unverzichtbar sind. Wie viele es davon gibt, wurde mir erst klar, als meine Mutter sie nach und nach nicht mehr ausüben konnte. Eines Morgens wusste sie nicht mehr, wie man sich wäscht – und dass die Seife zum Händewaschen da ist und nicht zum Reinbeißen. Ein anderes Mal brachte sie die Reihenfolge beim Ankleiden durcheinander. Und sich ein Butterbrot zu schmieren, war für sie plötzlich unmöglich. Daraufhin zog meine Mutter sich häufig zurück, weil sie den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen war. Manchmal neigte sie aber auch zu Aggressionen, weil sie sich überfordert und provoziert fühlte. So erfand ich kleine lustige Episoden, die sie an das Verlorengegangene erinnern sollten. Und siehe da – es funktionierte. Da sie nicht direkt auf ihr Missgeschick hingewiesen wurde, da also keine plumpe „Belehrung“ stattfand, konnte sie meine Worte annehmen. Das Zuhören machte ihr Spaß. Durch diese „sanfte“ Art, das Thema anzusprechen, vermieden wir Aggressionen und Depressionen. Meine Mutter fühlte sich wohl und war glücklich in ihrer Welt, in der sie ohne Hilfe auch heute noch hilflos ist. Um die Lebensqualität eines Demenzkranken zu erhalten, ist es wichtig, dass er ernst genommen wird und positive Erlebnisse hat. Dazu zählen zum Beispiel Dinge 9
wie die selbstständige Körperpflege, das Essen mit dem richtigen Besteck, ein liebgewordenes Hobby und nicht zuletzt der Glaube an Gott und das Gebet – denn das Vergessen macht auch vor dem Glauben nicht halt. Es tut dem Demenzkranken gut, wenn diese Erinnerung wieder auflebt, darum habe ich auch einige kurze Gebete ins Buch aufgenommen. Ulrike Strätling
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Bewegungsablaufe im Alltag Heut machen wir ein Picknick Es war ein schöner Sommertag. Kein Wölkchen war am Himmel zu sehen. Die Sonne schien herrlich warm und im Garten blühten und dufteten die Blumen. Da sagte Brunhilde zu ihrem Mann: „Das Wetter ist so schön heute. Da wäre es schade, im Haus zu sitzen. Wollen wir nicht ein Picknick im Garten machen?“ Ludwig war begeistert von dem Vorschlag und sagte: „Eine tolle Idee. Ich bereite schon mal draußen alles vor.“ „Das ist lieb von dir. Ich mache uns leckere Brote“, sagte Brunhilde und freute sich schon riesig. Während Ludwig draußen auf der Wiese eine Decke ausbreitete, machte sich Brunhilde in der Küche zu schaffen. Emsig suchte sie alles zusammen und pfiff dabei ein Liedchen. Es sollten ganz besonders leckere Picknickbrote werden. Als auf dem Küchentisch alles bereitstand, konnte sie anfangen. Brunhilde legte eine Scheibe Brot auf das Küchenbrettchen. Mit einem Messer strich sie gute Butter auf die Brotscheibe. Heute darf es ruhig mal etwas mehr sein, dachte sie und verteilte die Butter großzügig auf dem Brot. Als sie mit dem Ergebnis zufrieden war, nahm sie eine Scheibe Edamer Käse und legte die auf die Butterstulle. Dann schnitt sie das Brot in vier Teile und 11 11
verzierte jedes Teil mit einem leckeren kleinen Gewürzgürkchen. Anschließend belegte sie noch ein weiteres Brot: zuerst mit Butter und dann mit magerem Kochschinken. Auf den Kochschinken kamen wieder Gewürzgürkchen. Auch die dritte Scheibe Brot bestrich sie erst wieder mit guter Butter, und darauf legte sie Fleischwurstscheiben. Auf jede Fleischwurstscheibe kam ein Gewürzgürkchen. In vier Teile geschnitten – fertig! So kleine Häppchen lassen sich besser essen, dachte Brunhilde. Alle Brote wurden schön auf einem Teller angerichtet, dann ging sie zu Ludwig in den Garten. Brunhilde stellte den Teller auf die Picknickdecke. Ludwig sah begierig auf die leckeren Häppchen und sagte: „Eine tolle Idee.“ Dann stibitzte er sich schon mal ein Gürkchen. „Ach, Ludwig!“, rief Brunhilde. „Wir haben die Limonade und die Gläser vergessen. Gehen wir eben gemeinsam?“ Ludwig sagte: „Eine tolle Idee, dann geht es auch schneller. Ich habe nämlich großen Hunger.“ „Ja, Ludwig, gleich können wir essen. Trag du bitte die Saftkanne, ich nehme die Gläser“, sagte Brunhilde und beide gingen wieder zurück zu ihrer Picknickdecke. Plötzlich blieb Brunhilde wie angewurzelt stehen. „Ludwig, sieh doch!“, rief sie aufgeregt. „Da laufen unsere Brote weg!“ „Tatsächlich“, sagte Ludwig staunend. Es sah wirklich so aus, als wenn die Brote Füße bekommen hätten 12
und sich nun davonstehlen wollten. Er lachte und meinte: „Die wollen nicht von uns verspeist werden.“ Brunhilde hockte sich auf die Wiese und sah genauer hin. „Sieh mal, das sind unternehmungslustige Ameisen, die unsere Brote wegschleppen.“ Fünf kleine Brotstücke waren auf dem Weg ins Ameisenzuhause. Es sah zu witzig aus. „Na, die haben auch tolle Ideen“, meinte Ludwig. „Eher Hunger, so wie wir“, sagte Brunhilde. „Komm, Ludwig, setz dich. Es sind ja noch ein paar Häppchen übrig.“ „Eine tolle Idee“, meinte Ludwig und nahm sich ein Käsebrot mit einem Gewürzgürkchen. „Guten Appetit“, meinte Brunhilde und biss in ein Fleischwurstbrot.
Das Schaumbad Herr Hagel schaute sehr viel Fernsehen. Ganz besonders gern sah er sich die Werbung an. Da gab es so viele neue Sachen, zum Beispiel für die Gesundheit oder für den Haushalt, für das Auto und für den Garten. Am liebsten hätte sich Herr Hagel alles gekauft, es war ja so verlockend. Aber es kostete auch alles Geld – und so reich war Herr Hagel nicht. Es war an einem Donnerstagabend, als im Werbe13 13
fernsehen ein Schaumbad angepriesen wurde. Es sollte entspannend wirken und glücklich machen. Herr Hagel fand, das wäre genau das Richtige für ihn. Und so beschloss er, sich das Schaumbad gleich am Freitag zu kaufen. Er wollte auch entspannt und glücklich sein. Gesagt, getan! Eigentlich badete Herr Hagel immer am Samstag. Doch als er das Schaumbad gekauft hatte, konnte er es gar nicht mehr abwarten. Es war zu verlockend, darin zu baden. Sogleich ließ er sich Wasser in die Badewanne. Er schraubte den Verschluss von der Flasche und schnupperte. „Mmmh, das riecht aber gut“, meinte er und gab einen Schuss davon ins Badewasser. „Oh, wie das duftet“, meinte er und goss gleich noch etwas hinzu. „Ach was, wenn schon, denn schon“, murmelte er und goss den gesamten Inhalt der Flasche in die Wanne. Es plätscherte und blubberte und ergab einen schönen weißen Schaum. Dann lief Herr Hagel ins Schlafzimmer, um sich auszuziehen. Die Hausschuhe stellte er vor das Bett, Hose, Hemd, Unterwäsche und Socken legte er sorgfältig auf die Bettdecke. Nun aber zurück zur Wanne, dachte er und öffnete geschwind die Badezimmertür. Herr Hagel stockte der Atem und er schnappte nach Luft, als er den vielen Schaum sah. Überall Schaum, viel zu viel Schaum, wie steifer Eierschnee! Dicke weiße Schaumflocken flogen wild durch das Badezimmer. 14
Es schäumte und schäumte, fast bis an die Zimmerdecke. Das war zu viel! Nein, so konnte er nicht entspannt und glücklich werden. Herr Hagel musste alles wieder trockenputzen. Am nächsten Tag, es war Samstag, kaufte er eine neue Flasche Schaumbad. Zu Hause ließ er sich Wasser in die Badewanne ein. Aber diesmal passte er genau auf, dass er nicht zu viel nahm. Ein guter Schuss reichte. Als Herr Hagel in der Wanne lag, war er wirklich entspannt und glücklich. Erst später wusch er sich das Gesicht, den Hals, die Hände, den Bauch, den Po und die Füße. Und er war immer noch glücklich. Ja, was zu viel ist, ist zu viel. Und weniger ist manchmal mehr. Ab sofort wollte Herr Hagel immer auf die richtige Menge achten. Meistens steht das ja auch auf der Verpackung.
Zehn Dosen Erbsensuppe Einkaufen war Frau Wollermanns Leidenschaft. Jeden Tag ging sie in die Geschäfte und kaufte alles, was billig war. Sie konnte nicht anders. Sie ging so gerne einkaufen. Frau Wollermann liebte es, wenn der Kühlschrank voll mit Lebensmitteln war und die Vorratskammer schon aus allen Nähten platze. Sie hamsterte alles, was 15
sie kriegen konnte und kaufte jedes Sonderangebot. Wenn es irgendwo billige Wurst gab, kaufte sie gleich mehrere Pfunde davon. Schließlich wollte sie in schlechten Zeiten nicht hungern müssen. Aber Frau Wollermann konnte das alles gar nicht alleine aufessen. Manchmal fing die Wurst schon an zu stinken und einmal waren zehn Tüten Milch sauer geworden. Acht Pakete Butter wurden ranzig und vier Pfund Käse verschimmelte. Das war ärgerlich! Aber Frau Wollermann hatte immer noch nicht genug. Nein, sie kaufte noch zehn Dosen Erbsensuppe und zehn Dosen Linsensuppe mit Wurst. Die waren gerade das Angebot der Woche. Daran konnte man doch nicht vorbeigehen. So kam es, dass ihre Geldbörse an diesem Tag ganz leer war. Jetzt hatte Frau Wollermann kein Geld mehr. Gezwungenermaßen musste sie nun ihre Vorräte aufessen. Tag für Tag und Woche für Woche, bis die Vorratskammer wieder fast leer war. In dieser Zeit hatte Frau Wollermann gründlich nachgedacht. Die Sache mit der leeren Geldbörse sollte ihr nicht noch einmal passieren. Und außerdem brauchte man doch gar keine Lebensmittel zu horten. So schlechte Zeiten wie damals würde es nie wieder geben. Ab sofort wollte sie nur noch das einkaufen, was sie brauchte und in wenigen Tagen aufessen konnte. Dann hätte sie auch Geld für andere schöne Dinge übrig. Von da an schrieb Frau Wollermann sich immer einen Einkaufszettel, wenn sie ins Geschäft ging. Sie hielt sich 16
streng an das, was auf dem Zettel stand, und kaufte kein unnützes Teil mehr ein. Am Mittwoch stand auf ihrem Einkaufszettel: 1 Stück Bratenfleisch 1 Liter Milch 2 Joghurts ein Viertelpfund Aufschnitt 3 Scheiben Holländer Käse Das hatte sie in drei Tagen alles aufgegessen und deshalb wurde nichts mehr schimmlig. So gefiel es Frau Wollermann, und als sie nach vier Wochen noch Geld übrig hatte, kaufte sie sich eine schicke Bluse.
Kennen Sie die Redewendungen? Aus Schaden wird man klug. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Wer nicht hören will, muss fühlen.
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