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LESEPROBE

Monika Rausch

Norgefan94 Roman 160 Seiten, Taschenbuch € 8,99 (D) / SFr *13,50 / € 9,30 (A) ISBN 978-3-7655-4195-7, Bestell-Nr. 114195 © Brunnen Verlag GmbH, Gießen *) unverbindliche Preisempfehlung


Freitag, 13. 8., 18:00 Uhr in Vegusdal Es ist das erste Mal, dass er hier zu einer Fete eingeladen ist. Endlich mal was anderes, als ständig mit diesem Alten zusammen vor dem Fernseher zu hocken. Ganz abgesehen davon, dass er immer noch reichlich wenig versteht von dem norwegischen Kauderwelsch. Auf der anderen Seite ist das wohl nicht die schlechteste Alternative zu einem Erziehungsheim in Deutschland gewesen. Mike schlüpft in seine coolste Jeans und streift sich das schwarze Kapuzenshirt über. Er zupft am V-Ausschnitt und betrachtet sich im Spiegel. Kann oder soll man überhaupt den Stein sehen, den er selbst geschliffen und an einem Lederband befestigt hat? Was, wenn sie ihn deswegen auslachen? Er legt die Kette wieder ab und gleich Copyright darauf wieder an. Brunnen Verlag Gießen 2013 Mir doch egal, denkt er. Es ist das Einzige, auf das er stolz sein kann, seit er bei seinem Großonkel untergekommen ist. Der hat ihn schon mehrfach mitgenommen auf seinen Streifzügen durch Aust-Agder, ständig auf der Suche nach Mineralien. Onkel Hendriks Sammlung kann sich sehen lassen. Mike strebt einen ähnlich großen Schatz an. Mama würde sich vielleicht auch über so einen Stein freuen, geht es ihm durch den Sinn. Ob sie sich überhaupt noch an ihn erinnert? Ob sie ihn vermisst oder ob ihre Hirnzellen durch den Suff bereits alle im Eimer sind? Schon möglich, dass sie ihn inzwischen vergessen hat. Mike erinnert sich mit gemischten Gefühlen an zu Hause. Meist verdrängt er derartige Anwandlungen rasch

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wieder und macht irgendwas anderes. Aber jetzt ist es wieder da, dieses absolut blöde Gefühl von Sehnsucht oder so. „Mensch, bleib locker“, sagt er zu sich selbst. Wieso jetzt überhaupt an die Mutter denken? Das wird bestimmt ne geile Party und alles andere ist Schnee von gestern. Apropos Schnee. Wegen so ein paar Tabletten, die er im Auftrag für andere nur ein einziges Mal unter Mitschülern verkauft hatte und ausgerechnet dabei erwischt wurde, wollten sie ihn einlochen. Zum Glück war er dafür noch zu jung und hatte überdies keine Ahnung, was genau er da vertreiben sollte. Angeblich war das was, um bessere Noten zu schreiben. Aber er hatte irgendwie auch Schiss gehabt und das Zeug selbst nie genommen. Sein ehemaliger Betreuer Holger hat ihn auf den richtigen, den ordentlichen Weg geschubst. Als die Mutter Copyright abgeholt und mit nicht einmal Mitte vierzig ins PflegeBrunnen Verlag Gießen 2013 heim gebracht wurde, hieß es für Mike entweder Jugendhilfeeinrichtung oder zu Verwandten. Blöd war nur, dass es in Deutschland keine Verwandtschaft gab, nur hier den Onkel in Norwegen. Hendrik ist der Bruder von Vaters Mutter, also von Mikes Oma, die er allerdings nie kennengelernt hat. Sein Vater ist schon vor elf Jahren gestorben, als Mike noch keine fünf war. Die Großeltern mütterlicherseits hat er auch nicht kennengelernt. Oma und Opa sind schon lange tot, hieß es immer nur. Holger hat jedenfalls alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine Verbindung zu Mikes einzigem noch lebendem Verwandten herzustellen. Onkel Hendrik ist nie verheiratet gewesen, hat selbst keine Angehörigen und lebt schon seit vierzig Jahren in

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Norwegen – fast wie ein Einsiedler. Aber er hat einen guten Leumund, wie das Jugendamt herausfand. Bei der freiwilligen Feuerwehr engagierte er sich viele Jahre besonders für den Nachwuchs. So gesehen hat Mike Schwein gehabt. Der Onkel ist zwar wenig gesprächig, aber fürsorglich. Trotzdem, es wird Zeit, mal unter junge Leute zu kommen. Noch nicht mal zehn, der Grill ist schon kalt und das Bier neigt sich dem Ende zu. Einige mäkeln rum und überlegen, woanders weiterzufeiern. Während Mike beginnt, den Trubel zu genießen, finden auch die beiden Kolosse, wie er zwei der Gäste heimlich nennt, das Ganze wohl ziemlich öde. „Hey, wollen wir uns nicht verdrücken? Kommste mit?“, fragt der Größere der beiden. Copyright Mike schaut neben und hinter sich. Brunnen Verlag Gießen 2013 „Ja, du bist gemeint, Zwerg!“, meint der Typ und haut ihm auf die Schulter. Er ist zwei Köpfe größer als Mike und bringt, wie es aussieht, doppelt so viel auf die Waage. Auch wenn Mike ihn und seinen Kumpel nicht gerade sympathisch findet, ist er doch froh, überhaupt wahrgenommen zu werden. Also nickt er und folgt den beiden raus aus der provisorisch zu einer Bar umfunktionierten Scheune. „Deinen Roller kannste stehen lassen. Steig ein!“, bestimmt der Größere und hält ihm die Autotüre auf, klappt den Beifahrersitz nach vorne und befördert Mike mit Nachdruck auf die Rückbank. „Ich heiße Mike, und ihr?“, versucht er ein Gespräch anzufangen.

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„Aksel“, gibt der eine zurück. Der andere, nachdem Aksel ihm in die Rippen geboxt hat: „Roger.“ Heißt der wirklich Roger oder war das ein Scherz?, denkt Mike. Hoffentlich machen sie keinen Scheiß mit ihm. Schwul sehen sie aber nicht aus. Roger, der nicht ganz so massig ist wie sein Kumpel Aksel, hat vorne auf seinem Sweatshirt eine Blondine mit Megabrüsten. So was tragen Schwule doch nicht, oder? Mike traut sich nicht zu fragen, was die beiden jetzt vorhaben. Vielleicht fahren sie in irgendeine Disco. Also zwingt er sich zu Gelassenheit und schaut aus dem Fenster. Er überlegt, ob er diese Strecke schon kennt und kommt zu dem Ergebnis, eher nicht. Als Aksel von der Straße abbiegt und einen Waldweg voller Schlaglöcher nimmt, Copyright spürt Mike ein seltsames Flattern in der Magengegend. Brunnen Verlag Gießen 2013 Wenig später wird der Wagen abrupt abgebremst, der Zündschlüssel gezogen und beide Türen fliegen gleichzeitig auf. Während sich die Kolosse aus dem Auto wuchten, geben dessen Stoßdämpfer Geräusche von sich, als seien sie erleichtert. Beim Anblick einer angeleuchteten Bretterbude mit dem Hinweis „Ringens Pilsener“ gelingt es Mike, wieder normal zu atmen. Eine Disco ist das nicht, stattdessen wohl der Eingang zu einer Art Kneipe. „Gjesterom“ steht auf dem kleinen Schild über der Tür – Gastraum. Auf dem anscheinend dazugehörenden Campingplatz steht ein einzelnes Auto. Ansonsten ist hier tote Hose und nicht das, was Mike sich erhofft hat. Zu dritt betreten sie den Gastraum und Mike sieht, wie ein Mann mit Schürze

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die Regale auswischt. An einem der blanken Tische sitzt ein Camper vor einem Notebook. Der dreht sich um und sagt: „Hey“, wie kurz zuvor der Mann hinter dem Tresen. Dann wendet er sich wieder seinem Notebook zu. Aksel bestellt drei Flaschen Bier, während Roger sich in dem Raum umschaut und den jungen Mann am Tisch ungeniert begafft. Die drei Ankömmlinge lassen die Kronkorken springen und prosten sich wie eine eingeschworene Gemeinschaft zu. Der Tourist am Tisch greift zu seiner Cola und sagt freundlich in ihre Richtung: „Skål“ – „Prost“. Der scheint wenig Respekt vor den Kolossen zu haben, stellt Mike fest und nickt ihm zu. Die Spannung in seinen Nackenmuskeln lässt nach. Aksel und Roger hingegen tun so, als hätten sie die nette Geste gar nicht bemerkt. Copyright Der Camper, schätzungsweise nur wenig älter als Mike Brunnen Verlag Gießen 2013 selbst, schaut auf seinen Bildschirm und spricht kurz mit jemandem. Mike hört ihn in vertrautem Deutsch offenbar mit einem Freund telefonieren. Oder skypen, denkt Mike, der so was nur vom Hörensagen kennt. Aksel und Roger tauschen einige Blicke und lassen ein paar blöde Bemerkungen fallen. Dabei begutachten sie, was so alles in den Steckdosen steckt, bestellen und bezahlen dann noch ein Sixpack Dosenbier und verlassen ohne ein weiteres Wort den Raum. Mike sagt hastig auf Deutsch „Tschüss“, und folgt seinen Begleitern nach draußen. „Nun mach schon! Was hat er gesagt?“ Aksel krallt seine Pranke in Mikes Unterarm und sig-

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nalisiert, dass er keine Witze macht. Lust auf einen vergnüglichen Ausflug, auf eine Disco und auf neue Freunde war gestern. Das hier spielt wohl in einem anderen Film. Mike merkt, dass er es mit Leuten zu tun hat, mit denen er eigentlich nie wieder etwas zu tun haben wollte. Zu spät. Sein Roller steht schätzungsweise fünfzehn Kilometer von hier entfernt. „Er will um drei die Fähre ab Kristiansand nach Dänemark nehmen“, antwortet Mike in der wahnwitzigen Hoffnung, dass die baldige Abreise des Deutschen Aksel und Roger von irgendeinem Blödsinn abhalten wird. Während die Kolosse ein paar Meter von Mike entfernt in einem für ihn unverständlichen Norwegisch miteinander reden, überlegt er, wie er zurück zu seinem Roller kommt. „Nichts da, du bleibst!“, befiehlt Roger, als Mike fragt, Copyright ob sie ihn nicht zurückbringen könnten. „Ich muss morBrunnen Verlag Gießen 2013 gen ganz früh raus“, lügt er. Aksel drückt ihm eine Dose Bier in die Hand und entdeckt dabei die Kette. Mike zieht die Schultern hoch, um den Anhänger zu verbergen, doch die Hand des anderen ist schneller. Er nimmt den Stein zwischen seine fleischigen Finger und fragt grinsend: „Na, was haben wir denn da Schönes? Bist du ein Mädchen oder was?“ Mikes Ohren beginnen zu glühen, aber er erwidert beherzt: „Du hast wohl null Ahnung von Mineralien, was? Das ist ein Orchideencalcit. Hab ich selbst gefunden und geschliffen.“ Aksel nickt mit herabgezogenen Mundwinkeln, lässt den Stein los und legt ihn beinahe andächtig wieder an seinen Platz zurück.

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Es hat angefangen zu nieseln und Aksel, der Riese, schlägt vor, sich ins Auto zu setzen und Musik zu hören. Die nächste halbe Stunde sitzen sie da und leeren auch noch die übrigen Bierdosen. Aksel döst vor sich hin und Roger schaut dauernd aus dem Fenster. Als der Deutsche aus dem Haus kommt und zu den Sanitärräumen geht, stupst Roger Aksel an und deutet mit dem Kinn in Richtung des Campers. Und obwohl das Innere des Wagens eh schon einem Mülleimer gleicht, steigt Aksel aus und bringt die leeren Dosen ordnungsgemäß in den dafür vorgesehenen Abfallbehälter. Als der Camper sich umschaut, hebt Aksel wie zum Gruß die Hand und sagt beim Einsteigen: „Man sieht sich.“ Dann startet er den Wagen, steuert ihn die kurze Strecke den Berg hinunter und biegt dann nach rechts auf Copyright eine geteerte Straße. Nach wenigen Metern hält er in eiBrunnen Verlag Gießen 2013 ner Haltebucht wieder an, schaltet Motor und Licht aus und sucht vergeblich nach einem anderen Radiosender. „Scheiße“, meint er und lehnt sich zurück. Für eine Weile sieht es so aus, als seien die beiden Kolosse eingeschlafen. Auch Mike nickt immer wieder kurz ein. Als er zum wiederholten Male wach wird und das Gefühl hat, als seien Stunden vergangen, fragt er: „Worauf warten wir eigentlich?“ „Schnauze!“ „Ich will aber nach Hause“, versucht er es ein letztes Mal. Daraufhin greift Aksel rasend schnell nach hinten und dreht Mikes Arm mit einem plötzlichen Ruck so, dass es im Handgelenk knackt.

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„Keinen Mucks mehr, verstanden?“ Mike hält sich das schmerzende Gelenk und unterdrückt die Tränen.

Samstag, 14. 8., 0:30 Uhr Das Smartphone weckt Ben mit Jeremy Camps’ Lied King Jesus – Zeit zum Aufbruch. Das Zelt hat er schon am Abend verstaut und die letzten beiden Stunden im Auto geschlafen. Nur die Stiefel stehen noch im Waschraum. Mit Taschenlampe geht er die wenigen Schritte zum Sanitärgebäude, sucht die Toilette auf und schnappt sich dann die Wanderschuhe. Es ist halb eins, also Zeit genug für die geschätzte Fahrtzeit von einer Stunde bis zum HaCopyright fen. Die Fähre geht um drei. Lieber will er dort noch eine Brunnen Verlag Gießen 2013 Weile warten, als zu spät zu kommen. In dieser Gegend weiß man nie. Auch wenn er zu seinem großen Bedauern immer noch keinem Elch begegnet ist. In dieser Nacht muss ich das dann aber auch nicht mehr haben, denkt Ben gut gelaunt und startet den Motor. Nur wenige Minuten später, nachdem er eben erst auf die Straße Richtung Kristiansand gebogen ist, sieht er am Straßenrand ein Warndreieck stehen. Einige Meter weiter erkennt er das schwache Licht einer Warnblinkanlage, so als gäbe die Batterie jeden Moment ihren Geist auf. Ben drosselt die Geschwindigkeit und fährt langsam an die Unfallstelle heran. Das sind doch die Jungs aus der Gaststätte, stellt er

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fest, als sein Fernlicht die Szene anstrahlt. Was ist denn da passiert?, fragt er sich und sieht, dass der von Statur aus Kleinste und wohl auch der Jüngste von den dreien auf dem Boden liegt. Einer der anderen hockt bei ihm. Wie aus dem Nichts steht der Größte dieser Truppe plötzlich direkt neben Ben und klopft an die Scheibe: „Hey, du Handy?“ Ben nickt, greift nach seinem Smartphone und steigt aus, während der andere auf ihn einredet. Er faselt was von Drogen, Überdosis, Gefahr, von Krankenhaus und ob er mal mit Bens Handy telefonieren kann. Bevor Ben die 112 selbst anwählen kann, wird ihm das Gerät aus der Hand geschlagen.

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2013

Samstag, 12:00 Uhr in Deutschland

„Und dann bitte noch zwei Nackensteaks natur. Das ist es dann aber auch“, meint sie und wartet gespannt darauf, was die Metzgerin nun in die Kasse tippt. „Das wären dann achtundvierzig fünfzig. Grillparty?“, fügt sie lächelnd hinzu. „Wiedersehens- und gleichzeitig Abschiedsparty“, antwortet Christa, während sie die Fleischwaren in der Kühltasche verstaut. Auf dem Heimweg listet sie gedanklich noch einmal alles auf, was sie heute Abend anbieten wird. Seine Freunde sind informiert, aber für ihn soll es eine Überraschung werden. Er wird sicher gleich mitteilen, wann er ungefähr eintrudelt. Bis dahin habe ich noch Zeit genug, alles

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vorzubereiten, überlegt sie, als sie mit dem Rad in die Hofeinfahrt biegt. Während sie Tomaten, Gurken, Radieschen und noch einiges andere wäscht, in Stücke schneidet, Schalen oder Schüsseln damit füllt, schaut sie bei jedem Motorengeräusch zum Küchenfenster hinaus. Dabei weiß sie genau, dass sie ihren Fiesta sofort am Motorgeräusch erkennen würde. So langsam müsste er aber hier sein, denkt sie, wäscht sich die Hände und greift zu ihrem Handy. „Totschläger“, so nennen ihre Söhne das alte Ding, aber immerhin: Sie kann SMS schreiben und in Notfällen telefonieren. Für etwas anderes braucht sie das Teil nicht. „Hallo Ben, kannst du schon abschätzen, wann du ankommst? Gruß Mama“, tippt sie ein. Copyright Keine Antwort.

Brunnen Verlag Gießen 2013

18:00 Uhr Nachdem sie im Garten Tische und alles, worauf der Mensch sitzen kann, zusammengesucht und aufgestellt hat, greift sie zum wiederholten Male nach dem Handy. Immer noch keine Antwort. Sie geht ins Arbeitszimmer, schaltet den PC ein und schaut nach, ob er vielleicht gestern Abend noch einen weiteren Blogeintrag geschrieben hat. Nein, hat er nicht. Sie loggt sich bei Skype ein, um festzustellen, dass er – wie vermutet – nicht gerade online ist. Dann kramt sie in der Schreibtischschublade. Auf dem Fährplan ist die Verbindung von Freitag auf Sams-

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