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Albrecht Kaul
Bambus im Wind Von einer mutigen Frau in Maos Reich Inspiriert vom Schicksal chinesischer Christen
BRUNNEN VERLAG Gießen Albrecht Kaul
Bambus im Wind Von einer mutigen Frau in Maos Reich Inspiriert vom Schicksal chinesischer Christen 432 Seiten, Taschenbuch 12 x 18,6 Erscheinungsdatum: 2.8.2012 ISBN: 978-3-7655-4165-0 Bestell-Nr.: 114165 EUR (D) 12,99 / SFr 19,50 / 13,40 (A)
Die Personen und manche Orte der Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig.
© 2012 Brunnen Verlag Gießen www.brunnen-verlag.de Umschlagfoto: Getty Images/Shutterstock Umschlaggestaltung: Ralf Simon Satz: DTP Brunnen Druck: CPI – Ebner und Spiegel, Ulm
Das Leise hat eine starke Stimme. Chinesische Weisheit
Inhalt Die Idylle trügt
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Der Lange Marsch erreicht das Dorf
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Chenxi – Hoffnung wie das erste Sonnenlicht am Morgen
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Geiselnahme
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Das Königreich Zion am Dang-Shui-Fluss
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Ein chinesischer Prophet
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Liebe auf dem Gelben Meer
75
Die Flut
92
Im roten Kloster
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Im Dienst der Kommunisten
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Am großen Tag in Beijing
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Bitterer Abschied
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Schwere Entscheidung
179
Licht und Dunkel über der Stadt
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Unsanftes Erwachen
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Die große Angst
226
Chenxi in „Frühlingszweig“
269
„Lasst hundert Blumen blühen“
282
Versuchskolchose für biologische Waffen
291
Unter Beobachtung
321
Chan, der freundliche Vikar
341
Schrecken der Kulturrevolution
353
Wieder frei
377
Chenxi wieder in Sichuan
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Neue große Aufgabe
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Eisige Böen und Frühlingswind
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Zeittafel
425
Namensliste In China steht der Familienname immer an erster Stelle. Die Reihenfolge der Namen richtet sich danach, wie sie im Roman vorkommen. Mo A Ming – Fährmann Li Hong Yang – Dorfbewohner, der in die Stadt geht Wang Ying – zahnlose Dorfbewohnerin, Geisel Lui Lan – Hebamme und zweite Mutter von Chenxi Mao Zedong – „großer Steuermann“, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas (1893–1976) Jiang Qing – vierte Frau von Mao Zedong, Schauspielerin und Politikerin (1914–1991) Chiang Kai-schek – Befehlshaber der Kuomintang, der Chinesischen Nationalpartei, die gegen die Kommunistische Partei kämpfte; ging nach der Niederlage gegen die KP nach Taiwan (1887–1975) Hao – Dorfältester Zou Qi – kommunistischer Offizier, Vater von Chenxi Chiao – kommunistische Kämpferin auf dem Langen Marsch, Mutter von Chenxi Chenxi – „Hoffnung wie das erste Sonnenlicht am Morgen“, Hauptfigur des Romans Hua – elfjähriges Mädchen 9
Ewald und Henriette Burker – deutsche Missionare auf der Missionsstation Zion am Dang Shui („Tigerfluss“) in Sichuan He Han – betagter Christ mit prophetischen Gaben, eigentlicher Gründer der Missionsstation Zion Heng Xin – Spitzel, später Vorsitzender der Provinzregierung Sichuan, „Glatzkopf“ Ai Lin – Köchin auf der Missionsstation Zion Mama Yu Ji – Vormund für Chenxi im ehemaligen Kloster, dem Stützpunkt der regionalen kommunistischen Partei, Provinz Sichuan Lee Shun – Gefangener im „Kloster“, später Pastor in Beijing Eric Millison – englischer Missionar Xiao Chan, später Millison Chan – junger Mann aus Erics Gemeinde, später Praktikant und Pastor von Xicheng Lui Cuan – Gemeindeleiter in Wanyuan, Provinz Shaanxi alte Wong – gläubige Frau aus Wanyuan Zhou Yong – Händler und Leiter einer Hausgemeinde in Wanyuan Zhou En-lai – chinesischer Ministerpräsident (1898–1976) Cai Cui – kommunistischer Kader, Reisebegleiter nach Beijing Lui Shan – junger CVJM-Mitarbeiter in Beijing Liao Wu – erster Pastor in Xicheng, Provinz Shanxi, Märtyrer Lee Yi – Schweinehirt
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langer Jingtan, starker Zou und geschickte Linan – Abgesandte des „Klosters“ Sen Ying – alte Melkerin im Dorf Frühlingszweig/Rote Bastion in der Provinz Sichuan Lihua – junge Frau in der Versuchskolchose in Sichuan Cai Feng – Pastor der Gemeinde in Xicheng Lui Lin – Hauskreisleiter in Xicheng, Provinz Shanxi Shao – siebzehnjähriger Täufling Wang Wei – Pastor im Umerziehungslager Deng Xiaoping – Mitstreiter und Kritiker von Mao Zedong (1904–1997), 1979–1990 Führer der KP Chinas, Reformer und faktischer Nachfolger Maos
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Die Idylle trügt
Es geschieht im Frühjahr 1934. Die Sonne, die über den
Ostbergen aufgeht, malt eine neue Bergkette aus Schatten auf die steilen westlichen Hänge des Flusstales. An diesem Morgen ist die Luft klar, die Wiesen sind voller Blumen und der zarte Nachtnebel spielt mit den Bergspitzen, als wolle er das seidene Nachtgewand ablegen. Der weiße Muschelfluss ist im Frühsommer nicht so reißend wie zur Schneeschmelze oder wenn die Herbstregen das Gebirge unpassierbar machen. Doch der Fährmann Mo A Ming braucht dennoch seine ganze Kraft und viel Geschick, um das Boot von einem Ufer zum anderen zu bringen. Man hat ihn sogar heute Nacht aus dem Schlaf geholt. Unter Androhung des Todes hat man ihm gesagt, er solle schweigen und niemandem etwas von dieser nächtlichen Fahrt sagen. Blass sieht er aus – nicht nur, weil ihm einige Stunden Nachtschlaf fehlen. Er hat seine Frau am frühen Morgen mit dem Jungen in die bewaldeten Berge geschickt, obwohl die Waldbeeren noch nicht reif sind. Die meisten im Dorf haben schlecht geschlafen. Seit Tagen überfliegen schwere Propellermaschinen das Gebirge und drehen oft über dem Dorf bei. Von weit her hört man Detonationen und das bedeutet nichts Gutes. Es heißt, dass die Nationalen, die Kuomintang, die Kommunisten jagen. Li Hong Yang brachte aus der Stadt die Nachricht mit, dass sich die Kommunisten auf ihrer Flucht vor Chiang Kai-schek auf ihr Gebiet zubewegen. Es sollen mehrere Zehntausend sein. Li Hong Yang geht einmal im Monat in die Stadt, um Einkäufe für das Dorf zu machen. Bei ihm kann man Schreibpapier, Nähnadeln, Kerzen und Seife bestellen. Zehn Stunden ist er jeweils unterwegs, am Fluss entlang und über die Hügelkette der 13
Affenberge bis in die Ebene, in der man die laute und schmutzige Stadt findet. Für mehrere Tage ist er immer weg, wobei er die meiste Zeit damit verbringt, Zeitungen zu lesen. Er ist stolz darauf, einer der wenigen im Dorf zu sein, der Zeitung lesen kann. Und so brachte er auch die Nachricht mit, dass die Kommunisten grausam mit allen umgehen, die sich ihnen in den Weg stellen. Aber hinter vorgehaltener Hand erzählt man sich in der Stadt, dass sie längst nicht so grausam sind wie die Soldaten der Kuomintang. „Schweinekrieg, es riecht nach Schweinekrieg“, seufzt die alte, zahnlose Wang Ying vor sich hin, als sie zum Fluss geht. Man solle sie nur in Ruhe ihre Wäsche schlagen lassen. Sie hat ihren Mann vor vierunddreißig Jahren bei den Boxeraufständen verloren. Damals im fernen Shanghai. Warum musste er auch als Soldat in die Stadt gehen? Doch er hatte keine andere Wahl. Die Ernte war schlecht, die Kinder hungrig – man musste irgendwo Geld verdienen. Ach ja, die Kinder … Der Sohn ist ebenfalls Soldat, sie hat schon seit Jahren keine Nachricht von ihm. Sicher ist er auch irgendwo beim Kampf umgekommen – Schweinekrieg. Die Tochter hat geheiratet, ist weggezogen in die Stadt. Es war keine schlechte Heirat. Die Hochzeit war üppig, das ganze Dorf hat mitgefeiert und der Brautpreis war immerhin so gut, dass Wang Ying jetzt ein Steinhaus besitzt, dazu drei Ziegen und einen Wasserbüffel. Den benötigt sie selbst nicht, aber sie kann ihn verleihen und bekommt von den Bauern Mais, Reis und Brennholz dafür geliefert. Kohl, Bohnen und Süßkartoffeln baut sie selbst an – es reicht zum Leben. Dass die Tochter so selten zu Besuch kommt, ist schlechtes Benehmen, aber damit müssen alle Mütter leben. Manchmal bringt Li Hong Yang eine Nachricht von der Tochter oder ein kleines Päckchen „städtische Lebensmittel“ mit, die die Alte ihm gleich als Transportpreis überlässt. Er isst 14
ja solches neumodische Zeug, wie süße Waffeln und getrocknete Kartoffelscheiben. Söhne sind besser als Töchter, so sie noch leben und ihre Mutter nicht ganz vergessen haben – böser Schweinekrieg. Als sie am Fluss ankommt, schlagen schon zwei andere Frauen ihre Wäsche auf die glatten Steine. „Shi Hai, schon so früh draußen?“, ruft sie einer überaus dürren Frau um die vierzig zu. „Dein Alter hat dich wohl an die Luft gesetzt, damit er heimlich seine Opiumpfeife anstecken kann?“ „Du traust auch allen zu, was du selbst gern machen würdest. Nein, mein Mann ist heute zeitig in die Berge, er will im Kohlfeld oben Unkraut ausreißen.“ Lui Lan ist die andere Frau an den glatten Steinen. Sie ist die Hebamme. Sie hatte in der Nacht wieder eine Geburt. Deshalb plagt sie sich nun mit blutverschmierter Wäsche herum. Bei den armen Leuten hat sie sich angewöhnt, lieber selbst saubere Tücher mitzunehmen. Oftmals ist in den Lehmkaten nicht einmal ein halbwegs sauberes Handtuch zu bekommen. Nicht selten kommt es vor, dass das Neugeborene mit Stroh abgerieben wird. Heute Nacht war es ein strammer Junge. Die glücklichen Eltern haben sie reichlich belohnt. Nun wissen sie, dass ihr Alter gesichert ist. Der Sohn wird viel Liebe erfahren, wird vielleicht eine gute Ausbildung bekommen, und wenn er dann selbst eine Familie hat, wird er seine Eltern zu sich nehmen, wird sie versorgen, pflegen, begraben und ihnen das Opfer bringen, damit sie im Totenreich weiterhin gut leben können. Ein Sohn ist gutes Schicksal, ist Altersversorgung und Anerkennung zugleich – so ist das von Konfuzius bestimmt und das wird sich auch in der Neuzeit nicht ändern. Oder der Krieg holt wieder einmal die Männer aus dem Dorf. Anders mit den Mädchen. Ein Sprichwort sagt: „Bekommst du ein Mädchen, dann gieße einen Eimer Wasser aus – es 15
kommt auf das Gleiche heraus.“ Lui Lan erinnert sich mit Schaudern: Erst vor wenigen Tagen ist hinten im Tal, in der ärmlichen Kate der Flussfischer, das dritte Mädchen geboren worden. Der Vater war so erbost, dass er seine Frau geschlagen hat, noch ehe die Nachgeburt kam. Nur mit Mühe konnte sie ihn von der weinenden Mutter abdrängen. Er hat dann das kleine schreiende Mädchen selbst mit der Feldhacke draußen erschlagen und vergraben. Noch furchtbarer ist es für die Hebamme, wenn sie die Mädchen töten muss. Nach altem Ritus ist es die Aufgabe der Hebammen, unerwünschte Mädchen zu ertränken. Wenn sie in ein Haus gerufen wird und neben der Matte der Gebärenden steht schon der Wassereimer, weiß sie, was auf sie zukommt, falls es ein Mädchen ist. Doch häufig kommt das nicht mehr vor. Seit jeder im Dorf bei der Versorgung auf sich selbst gestellt ist, braucht es viele Hände beim Bestellen und Pflegen der Felder. Da müssen auch Kinder schon mit auf die Felder hinaus – egal, ob Junge oder Mädchen. Das Wasser ist sauber, fast türkisblau. In der Mitte des Flusses beeilt sich das Wasser, in schnellen Wellen der Felsenlandschaft zu entkommen, aber am Ufer bleibt der Fluss träge und ruhig. Hier wird die Wäsche wunderbar sauber. Wenn der Schmutz gar zu hartnäckig ist, nimmt man etwas Holzasche und reibt die Flecken kräftig ein. Blutige Tücher reinigen sich mit kaltem Wasser am besten. Inzwischen ist die Sonne über die Ostberge gestiegen und erwärmt den Uferstreifen mit den Wäscherinnen. Lui Lan wirft die Jacke ins Gras, streift sich ihr Kleid ab und steigt ins kalte Wasser. Gern überlässt sie sich dem prickelnden Element, schwimmt einige Züge gegen den Strom und lässt sich dann treiben – immer bedacht, dass sie nicht in die Mitte des Stro16
mes gezogen wird. Sie hat in der Missions-Hebammenschule schwimmen gelernt. Besonders gern nach einer nächtlichen Geburt lässt sie sich von den kalten Fluten umspülen. Irgendwie reinigt sie das von außen und innen. Nur wenn Männer in der Nähe sind, versagt sie sich das Vergnügen. Heute ist niemand in Sichtweite, außer den beiden anderen Wäscherinnen. Im Dorf wird sie wegen des Schwimmens die Wasserhexe genannt, aber das sagt man ihr nicht ins Gesicht. Einige bewundern sie, andere halten sie für krank, sie muss ein falsches Qi haben. Aber weil sie Zutritt in jedes Haus hat und nun schon seit zwölf Jahren Kindern ins Leben hilft, wird sie von allen geachtet. Inzwischen werden ihr die Zehen, die Finger und die Brust kalt. Sie will schon auf das Ufer zusteuern, da treibt der Fluss ein Stoffbündel an ihr vorbei. Aber das ist kein Packen Kleidung – das ist ein Mensch. Eine schwimmende Leiche mit eingeschlagenem Schädel! Blutverkrustet und entstellt. Weiter drüben, im schneller fließenden Wasser, wiegen die Wellen zwei weitere Leichen. Eine ohne Kopf, die andere grausam aufgeschlitzt, die Därme ziehen den Leichnam hinter sich her. Jetzt treibt die Hebamme neben dem kalten Wasser das eisige Entsetzen aus dem Fluss. Nichts wie raus in die Sonne! Da ist auch das Brummen in der Ferne wieder zu hören. Irgendwo fliegt die Armee und sucht die Kommunisten. Während Lui Lan sich von der Sonne trocknen und wärmen lässt, wird ihr bewusst, dass sie hier verschont sind von Krieg und Truppenbewegungen, von Überfällen und Strafexekutionen. Weiter oben im Gebirge müssen aber die Truppen aufeinandergetroffen sein. Da scheint es Kämpfe und Tote zu geben. Die Erschlagenen und Erschossenen wirft man dann einfach in den Fluss. Die Toten scheinen keine Soldaten der Kommunisten zu sein. Sie hatten so etwas wie Uniformen an – eine vornehm aussehende blaue Jacke. Also solche 17
Kuomintang-Leute. Aber wer hat sie erschlagen und in den Fluss geworfen? Ihr Dorf liegt glücklicherweise weitab, und unzugänglich ist es auch. Versteckt zwischen den Bergen, wie eine Bambussprosse im Dickicht. Lediglich den Fluss könnten sie heraufkommen, aber da müssten sie weiter unten beim Mandarin vorbei und der ist mit hundert Soldaten bewaffnet. Er soll sich sogar zwei Kanonen angeschafft haben, die auf den Fluss zielen. Der wird die Kommunisten nicht durchlassen. Mit der Kuomintang wird er eher zusammenarbeiten, wenn sie sich einmal hierher verirren sollte. Die Reichen wissen, dass sie bei den Kommunisten keine Zukunft hätten. Dort unten im Haus des Mandarins war Lui Lan auch schon öfters. Zweimal bei seiner Frau, einmal bei der Lieblingskonkubine. Die anderen Konkubinen mussten ohne ihre Hilfe entbinden. Eine hübsche, dunkelhäutige Konkubine ist voriges Jahr bei der Geburt elendiglich gestorben, verblutet. Das Kind ist nicht durchgekommen. Lui Lan hätte ihr vielleicht helfen können – aber wenn nicht, dann hätte sie sicher die harte Strafe des Mandarins zu spüren bekommen. Schicksal – es ist alles Joss. Auch mit den Kommunisten ist es Joss. Sie wollen an die Macht, aber die Nationalisten wollen mit allen Mitteln eine einheitliche politische Führung Chinas aufbauen. Chiang Kaischek kämpft um die Macht, doch er hat keine gefolgstreuen Soldaten. Es sind junge Männer, die man zum Kriegsdienst gezwungen hat, arbeitslose Bauern und allerlei Kriminelle. Sie wollen nur ihren Sold, sind brutal, quälen das Volk, verwüsten die Felder und hinterlassen verbrannte Erde und geschändete Frauen. Es gibt keine Gerechtigkeit, es ist wie schon immer in China. Sie werden von grausamen Herrschern regiert und die arme Landbevölkerung muss den Reichtum der Städte erbringen. Den Bauern auf dem Land geht es schlecht, wie zu allen 18
Zeiten. Die Kommunisten wollen das ändern, aber sie fliehen seit vielen Monaten quer durch China. In Ruijin im Südosten hatten sie eine chinesische Sowjetrepublik gegründet, sind dann aber von Chiang Kai-schek und seiner Armee aufgespürt und umzingelt worden. Schließlich hat ihr Führer Mao Zedong mit sechsundachtzigtausend Mann den Belagerungsring durchbrochen und ist mit ihnen in die Berge geflohen. Die anderen weit über hunderttausend Anhänger wurden abgeschlachtet, erschlagen oder erschossen. Seitdem jagt Chiang die Flüchtenden, aber es gelingt ihm nicht, sie zu stellen. Die Führung der Kommunisten wählt auf ihrer Flucht das bergige Gelände und das macht eine Verfolgung schwierig. Außerdem teilt sich die Gruppe der Kommunisten immer wieder, vereint sich erneut und schlägt mitunter auch zurück, wenn die Verfolger in eine Falle geraten sind. Diese direkten Kämpfe sind für sie nötig, weil die Kommunisten dadurch an Waffen und Munition kommen. Gefangene werden nicht gemacht, entweder die Soldaten kämpfen jetzt für die Kommunisten oder sie werden erschossen. Umgedreht wird genauso verfahren. Tausende sollen bereits auf beiden Seiten umgekommen sein, aber – so heißt es – die Roten Kämpfer füllen die Reihen der Kommunisten zusätzlich immer wieder mit jungen Männern und auch Frauen aus der Landbevölkerung auf. Doch es wird viel erzählt, Genaueres kriegen sie hier im Dorf nicht mit. Krieg ist immer schlechtes Joss. Noch einmal schaut Lui Lan ängstlich auf den Fluss hinaus, aber sie entdeckt keine weiteren Leichen. Die nächsten Tage wird sie hier nicht mehr schwimmen gehen.
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