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NICHT DERTYPFUR

GOTT

Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Brunnen Verlag Gießen

Holly Ordway

Nicht der Typ für Gott Eine Skeptikerin entdeckT einen kompromisslosen Glauben 192 Seiten, Taschenbuch, 12 x 18,6 cm Erscheinungsdatum: 29.07.2011 ISBN: 978-3-7655-4134-6, Bestell-Nr.: 114134 EUR 9,99 (D) / SFr *15,60 / 10,30 (A) Titel der amerikanischen Originalausgabe: Not God’s Type, © 2010 Holly Ordway. Übersetzt und veröffentlicht mit Genehmigung von Moody Publishers, 820 N. LaSalle Blvd., Chicago, IL 60610. Übersetzung aus dem Englischen: Frank Grundmüller Lektorat: Renate Hübsch Bibelzitate folgen i. d. R. der Übersetzung Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.TM. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Alle weiteren Rechte weltweit vorbehalten. Übersetzt und herausgegeben durch: Brunnen Verlag Basel, Schweiz. Weitere verwendete Übersetzungen sind wie folgt gekennzeichnet: EÜ – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. © 1980 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart. L – Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984. ©1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. © 2011 Brunnen Verlag Gießen, www.brunnen-verlag.de Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Umschlagmotiv: Shutterstock, iStockphoto Satz: DTP Brunnen, Herstellung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

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INHALT

1. Anfänge

7

2. Ohne Glauben

10 19

Zwischenspiel 3. Allein in der Festung des Atheismus

22

4. Der Boden wird bereitet

30 36

Zwischenspiel 5. Wortloses Zeugnis

39

6. Gerechtigkeit oder Gnade

43 56

Zwischenspiel 7. Mut zur Wahrheit

60

8. Ein vernünftiger Glaube

65 76

Zwischenspiel 9. Auf der Suche nach der Quelle

79

10. Kein zahmer Löwe

86

11. Was, wenn es stimmt?

95

Zwischenspiel

102

12. Ergebnisse

105

13. Zwischen zwei Welten

109

14. Osterzeit

112

Zwischenspiel

116

15. Ein Wunder

118

16. Wer ist dieser Jesus?

126 5

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Zwischenspiel

136

17. Auf eine Entscheidung zu

140

18. Das Flugticket kaufen

145

Zwischenspiel

152

19. An Bord gehen

154

20. Der erste Tag

159

21. Zu Hause

165

22. Weiter

177

Verwendete Literatur

181

Dank

183

Anmerkungen

185

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1. ANFÄNGE Denn die herrlichste Zeile wird erst wahrhaft und in vollem Umfang herrlich durch die nachfolgenden Zeilen. C. S. Lewis, Jenseits des schweigenden Sterns1

ieses Buch hat sich eine Aufgabe gestellt, die schlicht erscheinen mag: Es soll von meinen Erfahrungen während einiger weniger Monate berichten, in denen ich mich vom Atheismus löste und zum christlichen Glauben fand. Klingt ganz einfach, oder? So einfach ist es aber gar nicht. Es ist nicht leicht, Gott zu begegnen, nachdem man sein Leben lang geleugnet hat, dass es ihn gibt. Ich habe mir wiederholt die Ereignisse jenes Frühlings und Sommers in Gedanken und im Gebet vor Augen geführt, um zu verstehen, wer Gott ist und wie er in meinem Leben handelt. Meine Hinwendung zu ihm war nur der Anfang. Ich kann zwar Tag, Stunde und Ort meiner Umkehr nennen, aber ich habe seitdem gemerkt, dass Gott mich jeden Tag neu zur Umkehr ruft. Als ich zu ihm fand, war ich zerbrochener, als mir bewusst war. In den folgenden Monaten wurde mir die Unordnung in meinem Leben klar und ich verstand, dass ich jede Beziehung, jeden Wunsch, wirklich alles in meinem Herzen in Gottes Hände legen musste. Ich erkannte, dass Gehorsam auch Vertrauen bedeutet: darauf, dass sein Wille der beste ist, ob ich ihn verstehe oder nicht – und dass der Gott, der sich mir ja zu erkennen gegeben hat, mich auch nie im Stich lassen oder hintergehen wird.

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Im Laufe meiner Umkehr zerbrach mein intellektueller Stolz und ich empfing im Gegenzug die Wahrheit, nach der ich gesucht hatte; und in den folgenden Monaten zerbrachen auch mein geistlicher und emotionaler Stolz, als ich mich damit konfrontiert sah, wie ich bin, in meinem Wesen − ein Sünder. Ich rede hier nicht von Sünde, um irgendwie dramatisch zu klingen. Nach den üblichen Maßstäben war Es ist nicht leicht, ich ein angenehmer Zeitgenosse, ja Gott zu begegnen, sogar ein guter Mensch. Als ich allernachdem man dings Gott begegnete, der die Quelsein Leben lang le alles Guten ist, verstand ich, dass geleugnet hat, meine Vorstellungen von „nett“ und dass es ihn gibt. „gut“ seiner Vollkommenheit in keiner Weise gerecht werden konnten. Seither habe ich begonnen zu sehen, wie zutiefst hässlich die Sünde ist, selbst wenn sie in einer Form daherkommt, wie sie üblich und gewöhnlich ist. Es war ernüchternd, mich, den Sünder, im Licht der Güte Gottes zu sehen; zugleich aber weckte es in mir das Verlangen nach einer soliden, tiefen Beziehung zu Christus, meinem Retter. Ich ersehnte seine Hilfe, damit ich zu dem Menschen werde, der ich nach seiner Vorstellung sein soll. Ich habe erlebt, wie Gott mein Leben in sein Licht stellte, ich habe meine früheren Wege bereut und meine Schuld bekannt. Und gerade darin begegnete mir zugleich die Gnade; und ich erlebe, wie segensreich Gott an mir handelt, heilend und heiligend, und auch weiterhin handeln will. Dieser Bericht kann keine detailgetreue Momentauf8 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


nahme sein: Ich habe nicht den Anspruch, ich könne genau beschreiben, wie sich alles verhielt, denn ich bin gar nicht mehr die Person, die ich damals war. Aber dennoch ist mir alles noch so gegenwärtig, dass ich mich erinnere, was ich fühlte und dachte. Andererseits ist mein Bericht auch mehr als eine Momentaufnahme meiner Reise. Erst beim Nachdenken über die letzten drei Jahre und im Gebet sind mir Dimensionen meiner Erfahrung bewusst geworden, die ich damals überhaupt nicht wahrnehmen konnte. Wenn Gott es schenkt, werde ich die Weise, wie er in mein Leben eintrat, in Zukunft noch tiefer und umfassender begreifen. Also dann. Die folgenden Seiten berichten davon, wie ich die Richtung wechselte: vom Tod zum Leben, von der Verneinung Gottes zu einer Übereignung an Christus, den Herrn und Erlöser. Es ist kein Bericht darüber, wie es kam, dass ich ihn lieben lernte: Das geschah erst später und auch um dieses Geschenk hatte ich mich ebenso wenig bemüht wie um das Geschenk, ihn zu kennen. Vor allem ist dies aber im Kern überhaupt nicht meine eigene Geschichte. Ich zeichne hier nur ein Bild von Gottes Wirken, ich singe ein Loblied auf seine Barmherzigkeit. Es ist eine Geschichte der Gnade, die in und durch Menschen am Werk war, aber stets von ihm ausging und mich zu ihm führen sollte.

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2. OHNE GLAUBEN Denn bei all meinem Wandern durch die ganze Welt, bei allem Suchen, das die Jahre aufgebraucht, schwand meine Hoffnung hin gleich einem Geist, unfähig, standzuhalten jener kessen Freude, die der Erfolg mir bringen würde; kaum wagt ich es nun, mein Herz zu tadeln für die Sprünge, die es machte, da ich vor dessen Weite scheitern musste. Robert Browning, „Junker Roland kam zum dunklen Turm“

er Ausdruck „Atheist“ leitet sich vom griechischen a-theos (wörtlich: „ohne Gott“) ab. Das beschreibt meine Erfahrung: Glaube jeglicher Art war mir fremd, soweit ich zurückdenken kann. Ich hatte nie in meinem Leben gebetet; war nie in einem Gottesdienst gewesen. Weihnachten bedeutete Geschenke und Ostern Schokohasen – mehr nicht. Ich erinnere mich an die erste Klasse: Die Lehrerin nannte uns Wörter, die wir an die Tafel schreiben sollten. Was Schreiben und Lesen anging, war ich frühreif, und schrieb deshalb mein Wort voller Überzeugung: „g o d“ – die allgemeine Bezeichnung für einen Gott. Aber der Junge neben mir erntete das Lob für die korrekte Schreibweise „G o d“. Ich kannte die griechischen und nordischen Göttergestalten aus meinen Büchern über die Mythen und deshalb verwirrte mich diese darin unübliche Großschreibung. Ich verstand nicht, dass Gott auch ein Name war, der Name des Herrn. Mein Desinteresse für dieses Gebiet hielt an und über-

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dauerte mein ganze Highschool- und College-Zeit. Auf der Highschool betrachtete ich jede Art von Religion als sonderbares, aber harmloses Bestreben; ich behandelte sie mit derselben gleichgültigen Geringschätzung, die ich für Aktivitäten wie etwa Golf oder Schachspielen übrighatte − sie interessierten mich nicht. Auf dem College machte ich mir die Vorstellung zu eigen, dass das Christentum eine geschichtliche Absonderlichkeit sei oder eine Schande für die moderne Zivilisation – vielleicht auch beides. Meine Collegekurse in naturwissenschaftlichen Fächern Jede Art von präsentierten Christen als ungebildete Religion erschien Feinde des Intellekts, die Darwin abmir als sonderbar, lehnten und so den Fortschritt der aber zumindest Erkenntnis bedrohten. In den Geharmlos. schichtskursen wurden Hinweise auf den Glauben historischer Persönlichkeiten übergangen oder heruntergespielt. So erfuhr ich beispielsweise erst viel später, dass Florence Nightingale Christin war. Ich erinnere mich an ein Seminar über Chaucers Canterbury-Erzählungen im Hauptstudium der englischen Literatur. Wir diskutierten eifrig darüber, wie das Buch Korruption und Heuchelei in der Kirche des Mittelalters kritisiert. Aber über den Glauben, der Menschen erst dazu brachte, so etwas wie eine Pilgerreise anzutreten, schwiegen wir. Man ließ mich in dem Glauben, Chaucer sei Atheist gewesen, dessen Denken seiner Zeit weit voraus war. Ich erfuhr nichts darüber, dass der gläubige Christ seinen Lesern empfiehlt, alles Gute, das sie in seinem Buch entdecken würden, „unserem Herrn Jesus 11 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Christus … von dem jegliches Verstehen und alle Güte ausgehen“ zuzuschreiben und ihm zu danken. Vermutlich gab es unter meinen Mitschülern und Dozenten auch Christen, aber selbst, wenn dem so war, lernte ich niemanden von ihnen näher kennen. Niemand auf dem Campus sprach über Glauben oder Christsein. In meinem ersten Semester gab es ein Mädchen in meinem Studentenwohnheim, das (wenn ich zurückdenke) wahrscheinlich Christ war; sie war jedenfalls dagegen, dass die dortigen Mentorinnen kostenlose Kondome verteilten und uns in Pflichtveranstaltungen instruierten, wie man Dinge sicher „tue“, von denen zumindest ich mir bislang nicht einmal vorgestellt hatte, dass Leute das überhaupt tun. Dieses Mädchen, das dagegen Einspruch erhob, war nett, aber ich verstand nicht, warum ihr das alles so wichtig war; sie zog dann vom Campusgelände weg und ich vergaß sie. Ich habe auch gesehen, wie Leute Traktate verteilten und davon sprachen, dass „Jesus dich liebt“, oder die bei Sportereignissen Schilder mir der Aufschrift „Johannes 3,16“ hochhielten, was mir überhaupt nichts sagte. (Ich hielt das für irgendeinen seltsamen Code.) Ich kannte den Ausdruck „Evangelist“ nur im Zusammenhang mit „Fernsehevangelisten“. Und um die ging es nur im Zusammenhang damit, dass wieder mal der eine oder andere dieser „Evangelisten“ in irgendeinen kläglichen Skandal verwickelt war. Ich wusste nichts über Christsein – wozu auch? Zwischen zwanzig und dreißig verfestigte sich dieser unreflektierte Atheismus allmählich zu schneidender Feindseligkeit. Ich studierte zwei Jahre an einem College 12 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


im Süden der USA, wo ich ziemlich unglücklich war. Zum Teil war der Kulturschock dafür verantwortlich: Mir als gebürtiger und so erzogener Nordstaatlerin ging das dortige Essen ebenso gegen den Strich wie das Wetter und der unverständliche Dialekt, den man dort sprach. Ich hatte zwar mehr Berührung mit dem Christentum – allerdings in einer Form, die mich abstieß. Ein Prediger kam regelmäßig während der Mittagszeit auf den Campus und übergoss uns Studenten mit Höllenfeuer und Verdammnis – dann floh ich tunlichst und verschlang Ich wusste nichts mein Sandwich in der deprimierenüber den Glauben – den Einsamkeit meiner Arbeitskabine wozu auch? in der Bibliothek. Einmal wurde ich auf dem Weg zu einem Seminar von einem eifrigen Traktateverteiler kaum verständlich angesprochen, „ob ich denn gerettet sei“. „Nein, und ich will es auch nicht werden!“, brüllte ich zurück, halb bestürzt und halb stolz auf meine harsche Antwort. Vielleicht hätte ich Menschen treffen können, die im Glauben lebten, aber ich war isoliert und allein – ich fand dort unten keine Freunde. Für meine Promotion zog es mich wieder in den Norden, zurück auf sicheren, vertrauten Boden. Meine rastalockigen Birkenstock-tragenden Nachbarn dort mochten zwar Haschisch rauchen, Räucherstäbchen abbrennen und verzückt von kosmischen Schwingungen und Heilsteinen faseln; ich konnte aber wenigstens sicher sein, dass niemand den Glauben – also tatsächlich ernst nahm. Ich wusste folglich so gut wie nichts über das Christsein und noch weniger kümmerte mich das, aber ich fing an, 13 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


Christen zu verspotten und ihren Glauben, ihre Intelligenz und ihren Charakter herabzusetzen. Mit 31 war ich eine atheistische College-Professorin – und ich gefiel mir darin, mich so zu sehen. Es gab mir einen Kick, eine Ungläubige zu sein; es fühlte sich gut an, mich als überlegen im Vergleich mit den unaufgeklärten, abergläubischen Massen zu betrachten und bissige Bemerkungen über Christen zu machen. Was bedeutet es, wenn man an diesem Punkt seines Lebens ankommt und völlig ohne Glauben ist? Vor allem bedeutete es, dass ich kein Interesse daran hatte, nach Gott zu suchen. Stellen Sie sich kurz vor, Sie würden morgen farbenblind. Selbst wenn Sie keine Hilfe suchen würden, um das Farbensehen wiederzuerlangen, wäre Ihnen bewusst, dass es so etwas wie „Farbe“ gibt. Ich war quasi von Geburt an „farbenblind“. Ich hatte nie Farben gesehen und so wusste ich gar nicht, was mir fehlte. So war mein Leben als Atheistin. Wenn ich heute zurückblicke auf die Zeit, bevor ich Christus kannte, kommt es mir vor, als habe ich „in Graustufen“ gelebt. Damals allerdings – ohne andere Erfahrungen – dachte ich, meine Leere sei erfüllt und meine Schatten Licht. Ich brauchte Gottes Gegenwart in meinem Leben bitter nötig, aber ich hätte glattwegs abgestritten, dass es dieses Bedürfnis überhaupt gab. Es hätte mir auch keineswegs geholfen, wenn ich in irgendeiner Predigt gehört hätte, dass Jesus mich liebe und retten wolle. Zunächst einmal glaubte ich nicht an Gott und die Bibel war für mich eine Sammlung von Volksmärchen und Mythen, so wie die Geschichten, die ich über Zeus und Thor, Aschenputtel und Dornröschen ge14 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


lesen hatte. Warum sollte ich mir die Mühe machen, die Bibel zu lesen oder gar ernst zu nehmen, was sie über diesen Jesus sagt? Ich war ganz sicher nicht der Meinung, dass ein Gott, der nur in der Fantasie existierte, einen realen Sohn haben könne. Und da ich nicht glaubte, dass ich eine unsterbliche Seele besäße, war ich auch nicht im Geringsten interessiert daran, wie es ihr etwa nach meinem Tode angeblich ergehen könnte. Kein Gott, kein Leben nach dem Tod, keine Hölle … kein Grund, das ganze Thema weiter zu diskutieren. Bevor ich Christus Die Schwierigkeit bestand nicht kannte,glaubteich, darin, dass ich zu wenig Gelegenheit meine Leere sei gehabt hätte, etwas über Gott zu höerfüllt und meine ren. Das Problem lag tiefer: Es lag an Schatten Licht. der Vorstellung, die ich vom Glauben hatte. Ich dachte, Glaube sei per Definition irrational – dass Glaube bedeute, irgendwelche Behauptungen ohne Begründung für wahr zu halten. Ich war nie auf den Gedanken gekommen, dass es einen Weg zum Glauben geben könnte, der über die Vernunft führt, dass es Argumente für die Existenz Gottes und Beweise für die Ansprüche des Christentums gab. Ich dachte, man müsse „eben einfach nur glauben“ – und diese ganze Vorstellung vom Glauben irritierte und erschreckte mich. Und dennoch gab es etwas an dieser Sache mit dem Glauben, das mich nicht losließ. Ich hatte keinen Glauben; ich wollte keinen Glauben; aber ich spürte das Bedürfnis, dafür einen guten Grund zu besitzen. Ich legte mir einen ausgeklügelten Vergleich zurecht, der – so dach15 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


te ich – eine befriedigende Erklärung dafür bot, warum „Glaube“ unmöglich sei. Meine Konstruktion sah ungefähr so aus: Stellen Sie sich vor, Sie sagten zu mir: „Wenn du glaubst, dass es ein unsichtbares rosanes Einhorn im Himmel gibt, bekommst du von mir einen neuen BMW.“ Ich sehe das Auto auf dem Parkplatz und Sie klimpern mit den Wagenschlüsseln. Wenn ich glaube, was Sie von mir verlangen, gehört Ich war nie auf mir der Wagen. Cool! Aber reine den Gedanken Zeitverschwendung: Ich weiß, dass es gekommen, dass da kein Einhorn gibt. Auch wenn ich es einen Weg zum den Wagen noch so sehr haben will, Glauben geben ich kann unmöglich etwas glauben, könnte,derüberdie das der Vernunft widerspricht, nur Vernunft führt. um an das Auto zu kommen. Etwas Unvernünftiges glauben, nur um eine Belohnung zu bekommen: Genau danach klang mir die Einladung: „Komm zu Jesus und du erhältst ewiges Leben!“ Hätte ich gedacht, dass mir das etwas einbringt, hätte ich natürlich so tun können, als glaubte ich: „O ja, ich glaube an Jesus!“ Aber ich hätte ja immer gewusst, dass es eine Lüge war, und somit dieser sogenannte Glaube absichtliche, widerliche Täuschung gewesen wäre. Die einzige andere Möglichkeit für den Glauben – wie ich es verstand – lag darin, mir selbst einzureden, dass ich glaube. Ich mochte in der Tat fähig sein, mich so in das Verlangen nach der angebotenen Belohnung hineinzusteigern, dass ich wohl eine gewisse Zeit glauben könnte, dass ich glaube. Das wäre aber nicht das Gleiche wie 16 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


wirklicher Glaube – und die Vorstellung, es auch nur zu versuchen, erschien mir scheußlich und unmoralisch. So wie ich es damals verstand, war Glaube bestenfalls eine Täuschung, schlimmstenfalls totale Heuchelei. Das war für mich das entscheidende Argument gegen den Glauben. Ich konnte nicht glauben, egal wie sehr ich es auch wollen würde; und wenn Gott tatsächlich existierte und mich für mein Nichtglauben bestrafen würde, nun, dann wäre das eben leider so. Ich war überzeugt, „Glaube“ sei ein leeres Wort, die sogenannten Gläubigen seien entweder Heuchler oder Dummköpfe, die sich selbst etwas vormachten, und es sei Zeitverschwendung, den kleinsten Anspruch auf Wahrheit, den Christen erhoben, auch nur in Erwägung zu ziehen. Hätte ich näher hingeschaut, hätte ich entdeckt, dass die Bibel nichts von dem war, wofür ich sie hielt. Ich hätte die unmissverständliche Erklärung des Paulus entdeckt, das Christentum beruhe auf den geschichtlichen, von Zeugen verbürgten Ereignissen des Sterbens und Auferstehens des Jesus von Nazareth, des Christus. Ich hätte entdeckt, dass Theologie und Philosophie nicht nur einen Appell, blind zu glauben, boten, sondern wirkliche Antworten auf meine Fragen. Ich hätte entdeckt, dass die Geschichte der Kirche nicht zu meinem Bild des christlichen Glaubens als einer selbstsüchtigen, politisch nützlichen Erfindung passte. Aber ich dachte, ich wüsste genau, was Glaube ist, und so lehnte ich es ab, genauer hinzusehen. Vielleicht hatte ich auch nur Angst, dass mehr dran war, als ich zuzugestehen bereit war – ich wollte mich damit nicht beschäftigen. Es war weitaus einfacher, ausschließlich Bücher von Atheisten zu lesen, die mir sagten, was 17 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011


ich hĂśren wollte: dass ich viel schlauer, moralisch Ăźberlegen und intellektuell redlicher sei als die armen verblendeten Christen. Ich hatte mir eine Festung des Atheismus gebaut und sie abgesichert gegen jeglichen Angriff durch irrationalen Glauben. Darin lebte ich. Allein.

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