Copyright Brunnen Verlag GieĂ&#x;en 2011
Brunnen Verlag Gießen
Helen Berhane / Emma Newrick
Mein Lied klingt aus der Nacht Die Geschichte einer mutigen Frau 160 Seiten, Taschenbuch, 12 x 18,6 cm Erscheinungsdatum: 30.05.2011 ISBN: 978-3-7655-4129-2, Bestell-Nr.: 114129 EUR 7,99 (D) / SFr *13,50 / 8,30 (A) Die englische Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel „Song of a nightingale – One woman’s dramatic story of faith and persecution in Eritrea“ bei Authentic Media Limited, Milton Keynes, Großbritannien Copyright © 2009 Helen Berhane Deutsch von Brigitte Hahn © der deutschen Ausgabe Brunnen Verlag Gießen 2011 www.brunnen-verlag.de Umschlagfotos: IDTV/DOCS productions, Niederlande/ Foto: Jelle Ode (oben); Open Doors (unten) Umschlaggestaltung: Sabine Schweda Satz: DTP Brunnen Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
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Inhalt Eine mutige Stimme – Geleitwort von Volker Kauder
7
Vorwort
9
In der Nacht
11
Wie alles begann
15
Vor der Kathedrale
26
Der Druck nimmt zu
35
Gefängnis
45
Im Container
56
„Christen sind Schmarotzer“
68
Einzelhaft
83
Wir waren für sie keine Menschen
91
Wie ein Opferlamm
107
„Was hat er mit Ihnen gemacht?“
121
Entlassung
134
Endlich frei!
141
Nachwort
149
Über die Arbeit von HMK-Hilfe für verfolgte Christen
155
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Eine mutige Stimme Geleitwort von Volker Kauder
N
icht viele Nachrichten dringen aus Eritrea in die Welt. Das Wenige, was uns in Deutschland erreicht, sind häufig schlechte Nachrichten. Menschenrechtsorganisationen berichten über ein Klima der Angst. Staatliche Gewalt ist an der Tagesordnung. Rechtsstaatlichkeit ist nicht gegeben; Grundrechte werden nicht gewährt. Immer wieder kommt es zu willkürlichen Verhaftungen und Inhaftierungen ohne richterliche Anhörung. Die Pressefreiheit ist so stark eingeschränkt, dass unabhängige Berichterstattung unmöglich ist. Auch die Religionsfreiheit wird in Eritrea nicht gewährt. Christen berichten, dass ihre Andachten gestört und Kirchen geschlossen werden. Besonders schwer haben es in dieser Situation Gläubige, die sich nicht mit den willkürlichen Einschränkungen abfinden wollen. Viele von ihnen werden schikaniert, bedroht oder ins Gefängnis gesteckt. Zu den wenigen Stimmen, die uns in Deutschland erreichen, gehört die von Helen Berhane aus Eritrea. Sie ist klar und deutlich zu vernehmen. Auch Helen Berhane berichtet von den sozialen und politischen Missständen in ihrem Land, denn sie hat am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, in Eritrea die Stimme gegen das Unrecht zu erheben. Aber die Geschichte von Helen Berhane ist weit mehr: Sie bekundet auch, wie der Glaube an Gott Kraft in schweren Stunden gibt. Die lange Zeit in den berüchtigten Gefängnissen des Landes konnte sie auf diese Weise überstehen. 7 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Das Vertrauen in Jesus Christus hat Helen Berhane stark gemacht. Es hat ihr ermöglicht, auch anderen Menschen in Eritrea Mut zu machen. Und so zeigt ihr Bericht, dass Gewalt und Unrecht nicht alles übertönen: Ihr Lied klingt aus der Nacht. Diesem eindrucksvollen Buch sind viele Leser zu wünschen: Menschen, die sich anstecken lassen von dem Mut, dem Glauben und der Zuversicht, die das Leben Helen Berhanes prägen. Berlin, im Frühjahr 2011 Volker Kauder Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
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In der Nacht
D
as unruhige Flackern einer einzigen Kerze erhellt kaum die Dunkelheit um uns herum. Die Kerze brennt höchstens zwei Stunden lang, nachdem die Tür des Containers verschlossen wird. Denn der Sauerstoff im Inneren reicht nicht aus, um die Flamme noch länger am Leben zu erhalten. Sie wird bald ausgehen. Die Frau hinter mir bewegt sich unruhig im Schlaf. Ihre Knie drücken sich schmerzhaft in meinen Rücken. Ich versuche, von ihr wegzurutschen, damit sie mehr Platz hat, aber eine weitere schlafende Gestalt blockiert meinen Rückzug. Ich ziehe meine Decke bis zum Kinn und mache mich so klein wie möglich. Obwohl hier drin so viele Menschen zusammengedrängt sind, ist es bitter kalt. Vom Dach tropft Wasser. Wenn es mir die Wange herunterrinnt und die Lippen befeuchtet, schmeckt es nach Rost. Die Luft ist zum Schneiden, mit einem scharfen, metallischen Geruch und dem allgegenwärtigen Gestank nach dem Eimer in der Ecke und nach eng zusammengedrängten, ungewaschenen Körpern. Ich sehe mich suchend um, weil ich genau wissen will, wo sie ist, die Frau, die den Verstand verloren hat. An dem einzigen, grob in die Seite des Containers gehauenen Fenster steht eine dunkle Gestalt. Ich bin wie erstarrt vor Angst. Manchmal verstopft sie die kleine Öffnung mit ihrer Decke. Auf diese Art beraubt sie uns unserer einzigen Frischluftzufuhr. In anderen Nächten erschüttern ihre lauten Schreie den Container, sodass niemand von uns auch nur ein Auge zumachen kann. Ihr Zustand hat sich 11 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
verschlimmert, seitdem sich unsere Zahl vergrößert hat. Neunzehn Frauen leben zusammengepfercht auf engstem Raum. Heute Nacht ist es ruhig, doch diese Ruhe ist mir unheimlich. Aber ich bin entsetzlich müde. Deshalb zwinge ich meinen Körper, auf dem harten Boden auszuruhen. Plötzlich erlischt die Flamme der Kerze. Ich schließe die Augen und denke an meine Tochter. Oh Herr, bitte beschütze sie. Der Fußboden knarrt. Vielleicht steht eine von den anderen Frauen auf und stolpert über die Schlafenden zum Toiletteneimer. Ich versuche, meine Ohren vor dem Geräusch zu verschließen. Plötzlich, ohne Vorwarnung, legen sich Hände wie ein Schraubstock um meinen Hals. Erschrocken reiße ich die Augen auf. Aber es ist zu dunkel, ich kann nichts sehen. Dann höre ich ein tiefes Fauchen. Jetzt weiß ich, dass sie es ist, die Verrückte, deren Finger sich um meine Kehle schließen. Ich richte mich mühsam auf, aber ich bekomme keine Luft mehr. Ich kann weder um Hilfe schreien noch habe ich die Kraft, dieses verwirrte Wesen abzuschütteln. Mir bleibt nur noch eine Möglichkeit. Mit meiner freien Hand schlage ich verzweifelt an die Metallwand des Containers und wehre mich mit Fußtritten. Der Lärm weckt die anderen Frauen. Eine von ihnen versucht, mich von meiner Angreiferin wegzuziehen, aber die Wahnsinnige umklammert mit einer Hand meine Kehle und mit der anderen hat sie sich in meinem Haar festgekrallt. Sie zerrt so fest daran, dass mir der Schmerz die Tränen in die Augen treibt. Zitternd hole ich Luft. Schließlich entringt sich meiner Kehle ein mühsamer Schrei. Die anderen Gefangenen schreien ebenfalls laut und schlagen an die Wände des Containers. 12 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Endlich ertönen von draußen laute Rufe. Wir hören das Getrappel von Füßen. Mit einem hässlichen Quietschen gleiten die Riegel beiseite. Die kalte Luft dringt in den Container, während die Türen auffliegen. Mir brennen die Augen, als mich das grelle Licht einer Taschenlampe blendet. Dann reißt einer der Wachsoldaten die Frau von mir weg. Er schlägt mit seinem Gummiknüppel auf sie ein. Ich falle auf alle viere und ringe keuchend nach Luft. Die Wachen zerren meine Angreiferin aus dem Container und schlagen die Tür wieder zu. Die anderen Frauen drängen sich um das winzige Fenster. Es ist so klein, dass nur eine von ihnen nach draußen sehen kann. Eine Frau riskiert einen Blick. Sie flüstert: „Sie schlagen sie!“ Ihre Stimme ist so leise, dass die Wachen sie nicht hören können. Die Wachsoldaten mögen es nicht, wenn wir aus dem Fenster sehen. Wieder wirft sie einen Blick nach draußen. „Sie haben sie dort draußen gefesselt.“ Die anderen legen sich wieder hin, um noch ein paar Stunden schlafen zu können, bevor die Wachsoldaten wiederkommen und uns zur Latrine führen. Auch ich gehe wieder zu meinem Schlafplatz, aber meine Kopfhaut brennt wie Feuer. Ich weiß, dass ich heute Nacht kein Auge mehr zumachen werde. Manchmal kann ich es nicht fassen, dass sich mein Leben jetzt hier abspielt, in diesen vier Wänden aus Metall, mit anderen Frauen zusammengepfercht wie Vieh, mit Schmerzen, Hunger und Angst als meinen ständigen Begleitern. Ich bin hier wegen meines Glaubens an einen Gott, der von den Toten auferstanden ist. Dieser Gott fordert mich auf, anderen Menschen von diesem Glauben zu erzählen, Menschen, die ihn noch nicht kennen. Man hat mir verboten, diesen Gott anzubeten. 13 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Plötzlich denke ich an eine Frage, die man mir während meiner monatelangen Haft immer wieder gestellt hat. „Ist dein Glaube das alles wirklich wert, Helen?“ Während ich die abgestandene Luft einatme, mir über die brennende Kopfhaut streiche und die wütenden Schreie der Wahnsinnigen höre, flüstere ich die Antwort auf diese Frage: „Ja, er ist es wert.“
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Wie alles begann
I
ch wuchs in Asmara auf, der Hauptstadt von Eritrea. Wer mich als Kind gekannt hat, hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal im Gefängnis landen würde. Ich bin von Natur aus kein Rebell, war ein ruhiges Kind und ein ausgeglichener Teenager. Vielleicht lag es daran, dass ich schon in jungen Jahren zum Glauben an Jesus Christus gefunden hatte. Ich wurde 1974 geboren. Aufgewachsen bin ich im ersten Stock eines schönen Hauses, das von den Italienern gebaut worden war, in einer Zeit, als Eritrea noch eine italienische Kolonie war. Meine Eltern, die beide im großen Krankenhaus von Asmara in der Krankenpflege arbeiteten, gehörten zur orthodoxen Kirche. Deshalb war es nur natürlich, dass ich zusammen mit meiner Familie die Gottesdienste einer orthodoxen Gemeinde in unserer Nachbarschaft besuchte. Ich lernte die Bibel näher kennen. Als ich acht Jahre alt war, war mir klar, dass ich Christin war. Ich erinnere mich nicht an einen besonderen Augenblick, in dem ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden hätte. Für mich war dieser Weg etwas ganz Natürliches, weil ich an die Wahrheit der Bibel glaubte. Als meine kleine Schwester auf die Welt kam, zogen wir ans andere Ende der Stadt. Mein Vater hatte dort für uns ein größeres Haus gebaut. Ich schloss mich der katholischen Kirche an, weil sich in der Nähe unseres neuen Zuhauses deren Gotteshaus befand. Schon immer habe ich viel gesungen, auch als kleines Mädchen. Aber die Leute in der neuen Gemeinde förderten mein Talent. Bald sang und komponierte ich meine eigenen Lieder. Als ich vierzehn 15 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Jahre alt war, war mein Glaube an Jesus Christus noch tiefer geworden. Ich wusste, dass ich ganz für ihn und seine Sache leben wollte. In dieser Zeit freundete ich mich mit einem Mädchen an, das auch Helen hieß. Wir trafen uns regelmäßig, beteten und fasteten gemeinsam. Uns war bewusst, dass es mit Eritrea nicht zum Besten stand. Wir befanden uns in einem Konflikt mit Äthiopien, weil wir um unsere Unabhängigkeit kämpften. Meine Freundin und ich verbrachten viel Zeit mit Beten für unser Land, denn wir sehnten uns nach echter Veränderung. Ich wollte damals lieber sterben als ein untätiges Luxusleben führen, ohne in der Welt etwas zu bewirken. Singen gehörte für mich genauso zu meinem Dienst für Gott wie das Evangelium an meine Mitmenschen weiterzugeben. Mir lagen jedoch auch die Kranken in unserer nächsten Umgebung am Herzen. Deshalb verbrachte ich einen Großteil meiner Freizeit mit Besuchen bei diesen Menschen. In Eritrea sind viele Leute noch immer davon überzeugt, dass sie ihre Beschwerden loswerden, wenn sie sich bei einem Medizinmann behandeln lassen. Die Medizinmänner schreiben ein Gebet oder einen Fluch gegen die Feinde des Erkrankten auf ein Blatt Papier, das sie in ein kleines Stück Blech einwickeln und in einen Lederbeutel legen. Den hängen sie dann dem Kranken um den Hals, mit der eindringlichen Anweisung, ihn auf keinen Fall abzulegen. Viele der Kranken, die ich besuchte, trugen diese Amulette. Deshalb war es mir so wichtig, mit ihnen zu beten und ihnen vom Evangelium zu erzählen. Ich erlebte es oft, dass sie nach dem Gebet ihre Amulette ablegten und manchmal sogar vor meinen Augen ins Feuer warfen. Für 16 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
mich war das eine eindeutige Bestätigung. Gott gebrauchte mich, ich sah, wie er an Menschen wirkte. Es war ungefähr um diese Zeit, als ich mich taufen ließ, weil ich zeigen wollte, dass es mir ernst war mit meinem Glauben. Ich wollte weiter wie bisher für Gott tätig sein, aber ich war auch gespannt auf neue Herausforderungen, die er für mich bereithielt. Es war 1990, kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag. Als ich von der Schule nach Hause kam, hatte ich es eilig. Ich wollte unbedingt ein Lied für den Sonntagsgottesdienst fertig komponieren. Auf der Veranda kam mir unsere Haushaltshilfe Ruth mit einem Wäschekorb im Arm entgegen. „Helen, deine Mutter möchte mit dir sprechen.“ Meine Mutter war gerade in der Küche und kochte. Als ich hereinkam, blickte sie lächelnd von ihrer Arbeit auf. „Helen, wir haben für dich eine kleine Reise organisiert. Du fährst nach Äthiopien, und zwar nach Addis Abeba.“ Ich war furchtbar aufgeregt. Das war meine erste größere Reise. Ich war noch nie aus Eritrea herausgekommen. In Addis Abeba sollte ich bei Freunden unserer Familie übernachten, fremde Menschen und eine fremde Stadt kennenlernen! Zuerst musste ich mir überlegen, was ich auf meine Reise mitnehmen sollte, aber dann wollte ich mein Lied zu Ende komponieren. Meine Mutter sah plötzlich etwas ängstlich und besorgt aus, aber das lag bestimmt daran, dass ich zum ersten Mal allein verreiste. Am Tag meiner Abreise waren meine Eltern zu Hause, um mich zu verabschieden. Mein Vater bedachte mich mit einem wohlwollenden Kopfnicken und meine Mutter schenkte mir ein unsicheres Lächeln. Sie warfen sich einen Blick zu. 17 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Dann nahm meine Mutter mich in den Arm. Sie strich mir zärtlich übers Haar. „Helen, ich hoffe, dass es dir in Addis Abeba gefällt. Du wirst dort einen guten Freund unserer Familie kennenlernen. Dieser Mann wird auch in deinem Leben eine wichtige Rolle spielen.“ Dann sagte sie mir, dass der eigentliche Zweck meiner Reise nach Äthiopien meine Verlobung sei. Mein zukünftiger Mann sei schon etwas älter. Unsere Heirat solle die gute Verbindung zwischen unserer und seiner Familie vertiefen. Auf dem Weg nach Äthiopien musste ich viel über die Worte meiner Eltern nachdenken. In Eritrea werden Ehen noch ziemlich häufig arrangiert, besonders in ländlichen Gebieten. Deshalb war die Entscheidung meiner Eltern nicht ungewöhnlich. In unserem Kulturkreis haben Familienbande eine große Bedeutung. Eine Heirat dient oft dazu, eine Beziehung zwischen zwei Familien zu knüpfen oder aufrechtzuerhalten. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es wohl sein würde, wenn ich verheiratet wäre. Als ich in Addis Abeba ankam, hatte ich beschlossen, die Wünsche meiner Eltern zu respektieren, obwohl ich eine Weile brauchen würde, um mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Meine größte Sorge war der Altersunterschied zwischen uns beiden. Mein zukünftiger Mann war schon sechsunddreißig Jahre alt, und ich war doch gerade erst sechzehn geworden. Ich hatte Bedenken, ob wir überhaupt etwas gemeinsam haben würden. In Addis Abeba holten mich unsere Freunde ab und auch sie wussten schon von meiner bevorstehenden Verlobung. Ich hatte mich gerade erst an den Gedanken gewöhnt und genoss den Aufenthalt in der neuen Umgebung, als 18 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
uns meine Eltern überraschend besuchten. Zwar freute ich mich, sie zu sehen, aber ich konnte nicht verstehen, warum sie die Reise auf sich genommen hatten. Natürlich hatte ich sie vermisst, aber ich war doch schon alt genug, um allein zu verreisen. Schließlich sollte ich ja bald heiraten. „Ihr hättet doch nicht extra kommen müssen“, meinte ich lächelnd. „In ein paar Wochen bin ich sowieso wieder zu Hause.“ Meine Mutter schüttelte den Kopf. „Helen, wir kommen zu deiner Hochzeit.“ Zunächst verstand ich den Sinn dieser Worte nicht, bis meine Mutter hinzufügte: „Du wirst schon hier heiraten.“ Sie erklärte mir, dass ich nicht mit ihnen zusammen nach Eritrea und an die Schule zurückkehren sollte, sondern mit meinem Ehemann hier in Addis Abeba wohnen würde. Ich nickte zustimmend, obwohl mir dieser Gedanke Angst machte. Aber ich wollte eine pflichtbewusste Tochter sein. Deshalb schluckte ich meine Furcht zusammen mit dem dicken Kloß im Hals herunter und bereitete mich auf meine Hochzeit vor. Trotzdem tat es mir leid, dass ich mich nicht mehr von meinen Schulfreundinnen verabschieden konnte. Nach unserer Hochzeit zogen mein Mann und ich in Addis Abeba in ein Haus, in dem wir ein Jahr lang wohnten. Danach entschlossen wir uns zum Umzug nach Asmara. Dort wurde 1994 unsere Tochter Eva geboren. In Eritrea hatte sich seit meiner Hochzeit vieles verändert. Regiert wurde das inzwischen unabhängige Land jetzt von der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF), die drei Jahrzehnte lang um die Macht gekämpft hatte. Die Menschen im Land blickten voller Optimismus in die Zukunft. 19 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Auch ich wollte optimistisch sein, aber es fiel mir schwer. Meine Ehe war nicht glücklich. Mein Mann, der meinen Glauben nicht teilte, hatte vor unserer Heirat eine Zeit lang in Schweden gelebt. Ich ging davon aus, dass er jetzt bei uns in Eritrea bleiben würde. Aber unsere Tochter war erst ein halbes Jahr alt, als er sich entschloss, wieder nach Schweden zu gehen. Zunächst machte ich mir keine Gedanken darüber. Meine Eltern kümmerten sich gemeinsam mit mir um Eva, und mein Mann besuchte uns häufig und blieb ein paar Monate. Aber die Abstände zwischen seinen Besuchen wurden größer, bis er schließlich über ein Jahr lang wegblieb. Als er endlich zurückkam, ging er sofort zu meinem Vater und reichte ihm einen Briefumschlag. Als mein Vater den Brief öffnete, fand er darin die Papiere für die Scheidung. Ich war traurig, weil ich der festen Überzeugung war, dass die Ehe in den Augen Gottes etwas Heiliges ist. Aber ich hatte keine andere Wahl. Ich wusste, dass mein Mann genau wie ich mehr oder weniger zu dieser Ehe gezwungen worden war. Wir waren beide nicht glücklich gewesen. Trotzdem bereute ich diese Heirat nicht, weil mir dadurch meine geliebte Tochter geschenkt wurde. Als die Scheidung rechtskräftig war, gab mir mein Mann einen größeren Geldbetrag, damit Eva und ich versorgt waren. Ich wusste bereits, was ich mit einem Teil dieser Summe machen wollte. Als ich eine Freundin in einem Stadtviertel besuchte, in dem viele wohlhabende Leute lebten, sah ich, dass dort ein Kosmetiksalon zum Verkauf stand. Der Umgang mit Menschen machte mir Freude, und ein angenehmes Äußeres gibt vielen Frauen mehr Selbstvertrauen. Mit einem Teil meines Verdienstes könnte ich 20 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Hilfsprojekte in der näheren Umgebung unterstützen und im Salon könnte ich mit meinen Kundinnen über meinen Glauben sprechen. Ich gehörte wieder zur orthodoxen Kirche und engagierte mich dort in der Erneuerungsbewegung. Natürlich wollte ich das weiterhin tun, obwohl ich wusste, dass manche Leute in der Gemeinde schlecht über mich reden würden. In unserem Kulturkreis ist die Ehescheidung noch immer verpönt. Am nächsten Sonntag kam ich in die Kirche. Wie immer begrüßte ich gute Bekannte mit einem Lächeln, aber die Frauen erwiderten meinen Gruß nicht. Eine drehte mir sogar den Rücken zu. Als ich mich auf meinen Platz setzte, fühlte ich mich verwirrt und verletzt. Schließlich hatte ich weder den Entschluss gefasst zu heiraten noch die Scheidung gewollt. Niemand setzte sich neben mich. Ich verließ die Kirche sofort nach dem Gottesdienst. Am darauffolgenden Sonntag musste ich feststellen, dass am Mittwoch eine Gebetsstunde stattgefunden hatte. Niemand hatte mich eingeladen. Ich hörte, wie ein paar Frauen sich etwas über das nächste Treffen zuflüsterten, aber sie unterbrachen ihr Gespräch, als ich näher kam. Ihre offene Missbilligung vergiftete die Atmosphäre. Obwohl ich versuchte, ihnen alles zu erklären und dann ihr Verhalten einfach nicht zu beachten, merkte ich, dass ich in dieser Gemeinde nicht mehr willkommen war. Viele Gemeindemitglieder redeten mich nicht mehr mit meinem Namen an, sondern nannten mich bloß noch „die Geschiedene“. „Da kommt sie ja“, sagten sie. „Die Geschiedene. Was will die denn noch hier?“ Ich wurde von Zusammenkünften der Gemeinde aus21 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
geschlossen. Schließlich traten ein paar Gemeindemitglieder an mich heran und baten mich, die Gottesdienste nicht mehr mitzugestalten. Ich dürfe nicht mehr singen und predigen und mich auch sonst nicht mehr in der Kirchengemeinde engagieren. Sie sagten mir klipp und klar: „Eine Geschiedene hat in der Kirche keinen Platz.“ Zutiefst verletzt ging ich nach Hause. Ich besuchte die Gottesdienste nicht mehr, sondern blieb zu Hause und betete allein in meinem Zimmer, oft die ganze Nacht. Mir fehlte die Gemeinschaft mit anderen Christen und eine Zeit lang fühlte ich mich sehr einsam. Aber dann schenkte mir Gott die Worte eines Liedes: „Auch wenn ich mich allein fühle, begleitet Jesus mich auf meinem Weg. Auch wenn mich andere Menschen ablehnen, wird Gott mich nie verlassen.“ Ich beschäftigte mich noch ernsthafter mit meinem Glauben und las mir in der Bibel immer wieder den Bericht über den Apostel Paulus durch. Vielleicht musste ich mich als Christin auf noch größeres Leid gefasst machen. Damals las ich das Buch Gefoltert für Christus von Richard Wurmbrand. Ich war mir sicher, dass Gott mich darauf vorbereitete, um seinetwillen zu leiden. Ihm wollte ich dienen, selbst wenn ich dabei mein Leben lassen müsste. Die Zeit verging. Mein Kosmetiksalon lief gut und ich begann, mein neues Leben zu genießen. Mit meinen Kundinnen sprach ich über meinen Glauben, während ich ihr Haar zu Zöpfen flocht oder mit ruhigen Pinselstrichen Make-up auftrug. Ich freute mich jedes Mal, wenn junge Bräute lächelnd ihr Spiegelbild betrachteten. Dann gab ich mir besondere Mühe, damit sie an ihrem Hochzeitstag wunderschön aussahen. Ich war auch dankbar, wenn sich mir durch die Einnahmen in meinem eigenen Geschäft 22 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Gelegenheiten boten, anderen Menschen zu helfen. Bei einem städtischen Hilfsprogramm, das ich mit Spenden unterstützte, lernte ich eine Frau kennen, die ebenfalls geschieden und eine Außenseiterin war wie ich. Allerdings war sie HIV-positiv. Sie verdiente ihren Lebensunterhalt mit Wäschewaschen. Im Vergleich zu dieser Frau ging es mir wirklich gut. Ich war dankbar, dass ich ihr und anderen alleinerziehenden Müttern helfen konnte. Die friedliche Zukunft, die wir uns erhofft und für die wir gebetet hatten, ließ leider auf sich warten. Noch immer schwelte ein Grenzkonflikt zwischen Eritrea und Äthiopien. Unsere Regierung hatte von ihrer Vorgängerin das Militärprogramm übernommen und ausgeweitet. Es lag eine gewisse Spannung und Unsicherheit in der Luft. Ich spürte, dass uns eine Zeit der Prüfung bevorstand. Im Jahr 1998, als Eva vier Jahre alt wurde, eskalierte ein Streit um ein Grenzdorf und es kam zu militärischen Auseinandersetzungen. In den zwei Jahren, die dieser Krieg andauerte, verlor ich viele gute Freunde. Ich war dankbar, dass Eva noch ein Kind war und deshalb nicht zum Militärdienst eingezogen werden konnte. Natürlich liebte ich mein Land und ich hatte auch Verständnis für diesen Kampf meines Volkes. Aber als die Zahl der Todesopfer anstieg, fragte ich allmählich nach dem Sinn dieses schrecklichen Blutvergießens. Von meinen Landsleuten waren mehr als neunzehntausend gestorben. Das ist für ein kleines Land wie Eritrea mit etwa fünf Millionen Einwohnern eine erschreckend hohe Zahl. Mir kam es manchmal so vor, als ob jeden Tag jemand aus meinem Bekanntenkreis ums Leben kam. Das Herz tat mir weh, wenn ich an die Toten und Verletzten 23 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
auf beiden Seiten dachte. Gott hatte sicherlich mit uns Eritreern und auch mit den Menschen in Äthiopien etwas viel Besseres im Sinn. Während des Krieges konzentrierte ich mich weiter auf mein Wirken für Gott, weil ich wusste, dass er das von mir erwartete. In meiner Nähe befand sich ein Ausbildungszentrum der „Kirche des vollen Evangeliums“ („Full Gospel Church“, eine Pfingstkirche; d. Übers.), und so nahm ich in meiner Freizeit an einem theologischen Kurs teil. Außerdem war ich oft in kleineren Städten und in der ländlichen Region um Asmara herum unterwegs. In kleinen Kirchengemeinden hielt ich Vorträge und sang. Menschen, denen ich auf der Straße begegnete, und meinen Kundinnen im Kosmetiksalon erzählte ich von meinem Glauben. Allmählich wurde ich als Sängerin bekannt und viele Kirchengemeinden luden mich ein. Ich war dankbar, dass Gott mich zu seinem Werkzeug gemacht hatte. Bald darauf lernte ich einen christlichen Sänger namens Jonas Hail kennen. Wir wurden gute Freunde. Er war gerade dabei, einen evangelistischen Film zu drehen, der in ganz Eritrea verbreitet werden sollte. Ich freute mich, dass er mir darin eine Rolle anbot. Die Dreharbeiten waren für Jonas gefährlich, weil er dafür immer wieder aus der Armee desertierte. Meistens wurde er aufgegriffen und verhaftet, aber jedes Mal konnte er wieder fliehen. Dann lebte er in einem Versteck. Auf dem Weg zu dem Haus, in dem wir für die Dreharbeiten probten, achtete er immer darauf, dass ihn niemand kommen und gehen sah. Wir gaben dem Film den Titel Das Evangelium ist die Heilung für unser Land. Es ging darin um den Weg eines jungen Mannes zum Glauben an Jesus 24 Copyright Brunnen Verlag Gießen 2011
Christus. Der Film spielte in Eritrea. Wir hofften, dass viele Menschen durch diesen Film das Evangelium kennenlernen und unser Land tatsächlich eine Heilung erleben würde. Es dauerte nicht lange, bis der Film bei jungen Christen in Eritrea sehr beliebt war. Viele verwendeten ihn für die Jugendarbeit, und das machte uns Mut. Damals ahnte ich noch nicht, dass es in meinem Leben bald zu großen Veränderungen kommen sollte.
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