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Ruth Glover Große Gefühle in weitem Land


Fßr meine Kinder – meine Freunde: Jeff, Holly und Lynn


Ruth Glover

Kanada: Leben für den Traum cd

Große Gefühle in weitem Land

Verlag Basel . Giessen


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Titel der im Amerikanischen erschienenen Originalausgabe: Bitter Thistle, Sweet Rose by Ruth Glover Published by Beacon Hill Press of Kansas City. A division of Nazarene Publishing House, Kansas City, Missouri 64109, USA. This edition published by arrangement with Nazarene Publishing House. All rights reserved. Übersetzung aus dem Amerikanischen: Anja Findeisen-MacKenzie, Neumünster Copyright der deutschen Ausgabe: 2013 by Brunnen Verlag Basel Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgçns Bild vordere Klappe: mrkornflakes/Shutterstock.com Bild hintere Klappe: Alexandr Kolupayev/Shutterstock.com Bild Umschlag: Dpaint, iofoto/Shutterstock.com Satz: Innoset AG, Justin Messmer, Basel Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany ISBN 978-3-7655-1534-7


Kapitel 1 Vorsichtig, ganz vorsichtig, ließ Linn Graham den verbeulten Eimer aus verzinktem Blech in die dunklen, eisigen Tiefen des Brunnens hinunter. Sie hatte die Reste des Abendessens darin untergebracht: Butter, die ranzig werden würde, wenn man sie die ganze Nacht in der Nähe des noch warmen Ofens ließe; Sahne für den Porridge am nächsten Morgen; Hüttenkäse, den sie selbst gemacht hatte; und gebratenes Hühnchen für das Mittagessen nach dem Gottesdienst am nächsten Tag. Ihre Aufmerksamkeit wurde von einer müden und besorgten Mutterhenne und deren übermütigem Spätsommer-Nachwuchs abgelenkt. Die lärmende Familie hopste auf Linns Füße hinauf und wieder herunter, breitete unfçrmige Flügel aus, flatterte, piepste und drängelte sich um die besten Plätze in der Nähe ihres Futterlieferanten. «Biddy, Biddy!», tadelte Linn in mildem Tonfall und konzentrierte sich auf den nach unten schwebenden Eimer in dem Bewusstsein, welches Chaos herrschen würde, wenn dessen Inhalt in das saubere Brunnenwasser dort unten purzelte. «Du solltest deinen Kindern bessere Manieren beibringen. Die Tage eurer Freiheit sind gezählt: Morgen kommt ihr zu den anderen in den Pferch. Das Leben ist schließlich kein Zuckerschlecken, weißt du!» Und doch: Wenn man den schweren und vertrauten Duft des Busches in der Wärme eines späten Herbstnachmittages einatmete, wenn man die Arbeit einer Woche fast ganz erledigt und einen der wenigen freien Abende vor sich hatte – dann war das Leben einfach nur schçn. Linns Bruder Judd stand an der niedrigen Tür der klei-

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nen, aus Holzbohlen gezimmerten Scheune und versuchte, das hysterische Geschrei zu Linns Füßen zu übertçnen: «Ich bin hier fast fertig. Gibt es warmes Wasser für ein Bad?» Linn, die nicht sicher war, ob er sie in dem Krawall über den ganzen Hof hinweg überhaupt verstehen konnte, nickte nur, und Judd verschwand wieder. Linn beugte sich über den Brunnenrand und schwang den Eimer am Ende des Seils, bis er sicher auf dem Brett gelandet war, das sich nur etwa einen Meter über der Wasseroberfläche befand. Auf dem Rückweg zerrte Linn eine Wanne aus dem Kornspeicher in die ans Haus angebaute Küche, schçpfte Wasser aus dem Vorratsbehälter des Ofens und goss es hinein, damit ihr Bruder baden konnte. «Ich werde sie abseihen», sagte sie, als Judd den randvollen Milcheimer auf den Küchentisch stellte. «Geh du nur und hol dir saubere Kleider.» Linn fühlte mit ihrem Bruder, der so hart und doch frçhlich arbeitete. Er hatte es verdient, sich auch einmal amüsieren zu dürfen. Und so hoffte sie, dass seine erste Verabredung mit Modesty Trimble gutgehen würde, nachdem er ihr monatelang «Kälberblicke» zugeworfen hatte, wie seine Mutter es nannte. Erst jetzt ließ Modestys Mutter die Zügel bei ihrem ältesten Kind etwas lockerer. «Man fragt sich ja, wie sie wohl selber als junges Mädchen war», hatte Judd düster sinniert, «wenn sie ihren eigenen Tçchtern derart misstraut.» Die Milch war abgeseiht, das Käseleinen und der Eimer mit Seifenwasser ausgewaschen und mit klarem Wasser nachgespült, als Judd wiederkam. Nachdem er sein verblichenes Hemd ausgezogen hatte, war sein Oberkçrper zu

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sehen, den die Sonne von den Ohren bis zur Hüfte so braun gebrannt hatte wie ein frisch gebackenes Weizenbrot. Nur über seinem Hosenbund war ein schmaler Streifen weiße Haut zu sehen, so hell wie das feinste Mehl. Bevor Linn sich umdrehte, damit Judd sich ausziehen und in die Badewanne steigen konnte, füllten sich ihre Augen plçtzlich mit Tränen. Judds schlanke Gestalt schien mit einem Mal so verletzlich, so jung … und so tapfer! Judd würde mich verspotten, wenn er das bemerkte!, dachte Linn reumütig, wrang den Spüllappen noch einmal aus und warf ihrem Bruder ein Stück parfümierte Seife zu, das sie aus dem Küchenschrank geholt hatte. «Sieh zu, dass du diesen Stallgeruch loswirst», neckte sie ihn. «Damit wirst du Modesty einen Gefallen tun! Oder wirst du ihr gar nicht so nahe kommen, dass sie es bemerkt?» «Nicht allzu nahe, schätze ich», gab Judd etwas verlegen zu. «Wenn ihre Mutter merkt, dass auch nur ein Haar auf ihrem Kopf am falschen Platz liegt, kann ich ihr den Abschiedskuss geben.» Als er den amüsierten Blick seiner Schwester sah, fügte er klagend hinzu: «Und dabei habe ich sie noch nicht ein einziges Mal geküsst.» Selbst zu jener Zeit, in der viele Konventionen das Leben einschränkten und Queen Victorias Einfluss bis in die entlegensten Gebiete des Hinterlandes zu spüren war, galten Dolly Trimbles Regeln als übermäßig streng. Zwar passte Charity, ihre zweite Tochter, nun wirklich nicht in die Kategorie einer «kleinen Lady»; doch Modesty immerhin machte der Bedeutung ihres Namens – «Anstand» – alle Ehre. Die Warnungen ihrer Mutter würden Judds Abend prägen und auch belasten. Dennoch war er ganz offensichtlich in der Stimmung, das zu feiern, was in seinen Augen ein Sieg war.

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«Es ist das erste Mal, dass Modesty mit einem Mann ausgeht», sagte er, während er sich in die Wanne zwängte und seine Schwester ihm diskret den Rücken zukehrte. «Ein Mann!», spottete Linn und duckte sich, als Judd die Finger ins Wasser tauchte und nach ihr spritzte. Linn warf ein verschlissenes, schneeweißes Handtuch nach ihm und ging, um sich für den geselligen Abend fertigzumachen. cd Nachdem Judd im blitzblank sauberen Buggy weggefahren war und seiner Mutter und Schwester, die ihn vom Fenster aus beobachteten, munter zugewinkt hatte, begab sich Celia Graham zu dem Schaukelstuhl neben dem gusseisernen Ofen, hinter dessen Glimmerscheibe ein kleines Feuer flackerte. «Nimm einen Mantel mit, Linnie», forderte sie ihre Tochter auf. «Es sieht nach Regen aus. Vielleicht solltest du auch die Laterne mitnehmen …» «Ich würde den Weg sogar mit zugebundenen Augen finden», erwiderte Linn. «Mach dir um mich keine Sorgen, Mama. Ich bekomme das schon hin.» Linn küsste das schmale Gesicht ihrer Mutter und warf noch einen Blick in den Spiegel über dem Büfett, der ihr ein Paar moosgrüne Augen und sonnengebleichtes, zerzaustes Haar zeigte. Dann nahm sie eine dicke Strickjacke, die an einem der Nägel hinter der Küchentür hing, und schlüpfte hinaus in die zunehmende Dämmerung. Schon nach wenigen Minuten hatte sie den Hof überquert, den nahe gelegenen Schulhof umrundet und war an der Landstraße angelangt. Am Himmel erscholl aus dem nahen Sumpf der bebende

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Ruf des Seetauchers und vermischte sich schrill klingend mit dem der kanadischen Wildgänse, die nach Süden flogen und den Waldgebieten und Flüssen einen letzten Abschiedsgruß zuriefen. Neben ihr raschelte es im Unterholz, wo offenbar irgendeine nächtliche Kreatur unterwegs war. Linns schlanke Beine, gerade erst der Kindheit entwachsen, liefen mit leichten Schritten den bekannten Weg entlang. Allmählich hatte sie die anmutige Gestalt einer jungen Frau angenommen, und wie in Vorfreude auf das Leben selbst ging sie mit stolz erhobenem Kopf. Sie schritt rasch voran, spürte die Müdigkeit des Arbeitstages nicht mehr, sondern war gespannt auf den Abend, der vor ihr lag. Am schçnsten an den Zusammenkünften – abgesehen vom Treffen mit den Freunden, die man während eines arbeitsreichen Sommers selten sah – war die Atempause, die sie zwischen langen Arbeitstagen boten. Tage, die bei Sonnenaufgang begannen und erst mit Einbruch der Dunkelheit endeten. Die Ernte auf den Feldern und Wiesen, im Garten und im Busch hatte Vorrang vor allem anderen, und dies galt sowohl für die Erwachsenen als auch für die Kinder; denn die Existenz aller hing vom Erfolg der Ernte ab. Doch an diesem Abend zog es die jungen Leute – trotz aller kçrperlichen Erschçpfung – voller Aufregung und mit bester Laune hinaus aus den umliegenden Farmhäusern wie Mäuse, die aus einem leergefegten Heuboden heraussausen. Linns Freunde und Bekannte bevçlkerten die engen Straßen und beeilten sich genau wie sie, um sich für ein paar Stunden von der harten Arbeit zu erholen, auch wenn sie dafür den notwendigen Schlaf opfern mussten. Und sie alle brauchten keinesfalls Laternen, um den Weg zu finden, hçchstens vielleicht in den allerdunkelsten

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Nächten. Ohnehin wäre es schwierig gewesen, von der Straße abzukommen, die auf beiden Seiten von dichtem Buschwerk umgeben war. Jenseits der Büsche warf ein mächtiger Hain von Pappeln, Birken und Weiden seine immer dünner werdenden Blätter ab. Und mittendrin – quer durch das fruchtbare Parkland, endlos verschlungen zwischen den Ausläufern des Saskatchewan-Flusses – kämpften die Sträucher von Haselnüssen und Felsenbirnen, Sauerkirschen und Stachelbeeren, Apfelbeeren und Himbeeren um Lebensraum. Der «Busch», so nannten die Leute diese Landschaft. Und viele fürchteten sich vor ihm. Er überwucherte die Landstraßen, umzingelte die Felder, und die Farmen waren nichts als kleine Inseln in einem grünen Meer. Der Busch hatte seinen ganz eigenen Duft: nach Gras, Getreide, getrockneten Beeren und einem Humusboden von gefallenem Laub, der von vielen Regenfällen gewaschen wurde. An diesem Abend trug der schwache Wind den Geruch von frisch abgeernteten Feldern und sonnenverbranntem Stroh mit sich. Linn atmete ihn ein und stellte fest, dass er genau so duftete, wie sie ihn seit achtzehn Jahren kannte. Durch die gestärkten Spitzengardinen des einstçckigen Blockhauses fiel Licht. Linn schlängelte sich gekonnt an den Kutschen vorbei, die am Zaun rund um das Pfarrhaus angebunden waren, und stieg die Treppe zur Veranda hinauf. Elva Victor, die stets auf die Erfüllung ihrer Pflichten als Pastorenfrau bedacht war, wartete bereits an der Tür. «Linn?» Mrs. Victor schwang die Tür weit auf und blickte über die junge Frau hinweg auf die Schatten im Hof. «Ist Judd nicht mitgekommen?» «Er kommt gerade an.» «Aha – wer ist denn da bei ihm?» Linn lächelte über den Versuch der kleinen Dame, ihre

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Neugier mit Anstand zu verbergen, und flüsterte in verschwçrerischem Tonfall: «Modesty.» «Modesty!» Mrs. Victor unterdrückte ein erschrockenes Schnappen nach Luft. Wie jeder in Donnybrook-Wildrose wusste auch die Frau des Pastors, dass Dolly Trimble über ihren beiden heranwachsenden Tçchtern wachte, als wären sie zwei preisgekrçnte Fohlen. Und die meisten Leute waren sich einig darüber, dass sie es übertrieb, denn Charity zumindest schien dagegen aufzubegehren. Gerade in diesem Moment hçrte Linn ein Kreischen, das nur von der wichtigtuerischen Sechzehnjährigen kommen konnte. «Ganz offensichtlich ist Dolly nicht hier!», bemerkte Linn trocken. «Um Himmels willen, nein! Und ich muss unbedingt wieder zurück!» Elva Victor lief rasch wieder hinein, ihr fülliges Gesicht von einem besorgten Stirnrunzeln zerfurcht, denn ohne Zweifel fühlte sie sich als Anstandsdame verantwortlich für die Tochter jenes strengen frommen Schäfchens aus der Herde ihres Mannes namens Dolly Trimble. Linn wurde herzlich empfangen und sah amüsiert zu, wie Judd und Modesty unter dem frechen Grinsen, Johlen und Pfeifen ihrer Freunde den Raum betraten. Charity begrüßte das junge Paar überschwänglich, beruhigte sich aber sofort wieder unter dem tadelnden Blick ihrer großen Schwester. Doch in Charitys Augen war Eifersucht zu lesen, dachte Linn, wenn auch gepaart mit Bewunderung. Die beiden Schwestern, die nur knapp zwei Jahre trennte, waren sich ihr ganzes Leben lang nahe gewesen. In allem. Bis jetzt. Marc Szarvas tauchte an Linns Seite auf. «Was sagst du dazu?», fragte er mit einem bewundernden Blick auf Judd. «Er hat es tatsächlich geschafft.»

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