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FRIEDRICH SCHORLEMMER

Klar sehen und doch hoffen


FRIEDRICH SCHORLEMMER

Klar sehen und doch hoffen Mein politisches Leben


Mit 41 Abbildungen

ISBN 978-3-351-02750-6 Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG 1. Auflage 2012 © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2012 Einbandgestaltung hißmann, heilmann, hamburg Satz und Reproduktion LVD GmbH, Berlin Duck und Binden CPI – Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany www.aufbau-verlag.de


rinenportal. Der Steinmetz hatte es über einem der Türsitze eingemeißelt mit einer Umschrift, die als ein Lebensmotto Luthers gilt: »Im Stillesein und Hoffen wird eure Stärke sein.« Stillesein bedeutet hier nicht, in sich gekrümmt die Klappe zu halten, aus Angst, ein falsches Wort zu sagen, sondern ganz konzentriert sein, genau hinschauen und ganz gelassen sein – so wird Stärke auf den Menschen zukommen. So wird Glauben zu einem der Zukunft geöffneten Dasein. In diesem Sinne habe ich versucht zu leben und zu widerstehen – bei allem Versagen und Verzagen, in Zeiten tiefer Müdigkeit, des Zweifelns, des Verzweifelns und der Selbstzweifel. Zu widerstehen galt es der Welt und mitunter auch mir selber. Der Weckruf meines Vaters hat mich geleitet und begleitet: »Friedrich, steh auf!« BLICK ZURÜCK OHNE ZORN – ERINNERUNGEN UND PERSPEKTIVEN Erinnerung erfindet. Denn die Vergangenheit legt sich nicht selber ab in einen Ordner, darin man das Gewesene, all das Wirkliche und Wahre nachschlagen kann. Wer sich an sein Leben erinnert, kann auf nichts Befestigtes, nunmehr Unantastbares zurückgreifen, er rekapituliert und fabuliert gleichermaßen, er steht somit unweigerlich zwischen Archäologie und kleiner Weltengründung. Noch im Denken an entfernteste biografische Einzelheiten hört die Selbstsuche im Gegenwärtigen nicht auf. Die Zeit haut nichts in Stein, das man sich von allen Seiten betrachten könnte. Alles steht nur gefiltert zur Verfügung – Daten und Fakten, Personen und Ereignisse. Zur Freude darüber, dass sich meine Erinnerungen mit Erfahrungen anderer Menschen decken, kommt das Glück, manch Aufgerufenes ergänzt, bereichert zu wissen durch fremde Wahrnehmungen. So paradox es klingen mag: Der 21


Blick zurück lebt von der Freiheit, offenzulassen, wie etwas wirklich geschah. Es handelt sich um jene Offenheit, die ins Heute zielt. Erinnern geht nicht der Frage nach, wie etwas war, sondern forscht mit dem Material des Vergangenen nach dem, was ist. Vergangenheit lebt. Aber dieser Satz widerspricht keinesfalls jenem Satz, der mir ebenso wichtig ist, vor allem in Bezug auf die Auseinandersetzung mit der DDR: Man muss Vergangenheit irgendwann auch Vergangenheit sein lassen. Warum können wir die DDR nicht endlich im Grabe lassen, statt sie permanent zu exhumieren? Alle Nachrufe sind inzwischen geschrieben. Kaum ein Staat der Welt wurde so gründlich analysiert wie dieses vierzig Jahre dauernde Staatsexperiment mit diktatorischen Mitteln. Das Sezieren begann bereits in dem Moment, da das System endlich verlosch. Was war, darf uns nicht beherrschen, indem unaufhörlich Feindbilder, ja sogar Hass aufrechterhalten oder reanimiert werden. Die seit 1990 dominierende Art der Aufarbeitung stand und steht weiterhin der Versöhnung entgegen. Ich fühlte und fühle mich dem verbunden, was Nelson Mandela nach 23 Jahren Kerker zusammen mit Bischof Tutu in beeindruckenden Ansätzen initiiert hat: Vergebung – nicht ohne Wahrheit; Wahrheit – nicht ohne Versöhnung. In diesem Buch steige ich selbst noch einmal hinab in den trockengelegten Brunnen DDR, weil ein Großteil meines Lebens dort stattfand und ich sehr wohl Argumente für eine Freiheit der Loslösung habe, die nichts zu tun hat mit Vergessen oder Verdrängen. Es ist die Freiheit des weiterführenden Gesprächs, das aus dem gestrigen Los Erkenntnismaterial schürft für morgige Lösungen. Keiner kann etwas Sicheres über die Zukunft sagen, aber wir kennen das Gelebte und können mit großer Sicherheit sagen, was wir nicht, was wir nie wieder wollen. Das ist unser Fundus, daraus ent22


stehen Entscheidungen, die vielleicht nicht weniger Irrtum befördern als frühere Taten. Aber ein paar Irrwege dürften vermeidbar sein! Klare, unverstellte Sicht auf die Welt bedeutet zuallererst Einsicht in die Tatsache, dass mit dem Wechsel der Zeiten die alten quälenden, existenziellen Probleme blieben: Hochrüstung, bipolares Denken, Fremdenfeindlichkeit, ideologische Verengung, Machtgier und Machtmissbrauch, Feindbildzimmern und Steinewerfen. Ich will einstigen Hoffnungen, Einsichten und Visionen nachsinnen und fragen, was davon unerledigt ist. Ohne eine Leitidee, die in Freiheit angenommen und von Freien gemeinsam getragen wird, hat eine Gesellschaft keine lebenswerte Zukunft. Deshalb lebe, denke, schreibe ich wieder und wieder gegen Gleichgültigkeit, Zynismus und Resignation. Die Frage, was Kirche Jesu Christi sein kann, hat mich mein ganzes Leben beschäftigt, und sie treibt mich heute um, zumal die gegenwärtige Kirche hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt und sich oft zeitgeistig, beliebig, eventgierig gibt. Was ich in der Evangelischen Kirche der DDR als einer geduldeten Gegenöffentlichkeit einzubringen versuchte, dokumentiere ich ebenso wie vieles, was ich als Prediger in der wilhelminischen Schlosskirche in Wittenberg habe anregen können. Jedem Menschen ist der Mut zu wünschen, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und nicht nur seinen Anteil an der Lösung eines Problems zu benennen, sondern auch zu erkennen, was er zu dessen Verursachung beigetragen hat. Solcher Mut ist möglich, wenn der Mensch um Gnade weiß. Dies ist eine der wertvollsten Gewissheiten. Ich jedenfalls wüsste nicht, wie ich anders leben sollte. Beglückt mache ich mir bewusst, wie oft ich in meinem Dasein Bewahrung, Behütung, gute Fügung erfuhr. Ich wundere mich, dass ich noch immer am Leben bin. Ich erschrecke, wie oft ich am Abgrund vorbeischlitterte. Längst gestorbene 23


Freunde und Lehrer ziehen an meinen Augen vorüber – wie eine »Wolke der Zeugen«. Auch Beziehungen, die abgebrochen wurden, erkaltet, erloschen sind oder sich im Wirbel wechselnder Zeiten, Orte und Umstände verloren, werden nun, da ich schreibend mein Leben bedenke, wieder lebendig. Was oder wer in diesem Buch keine Erwähnung findet, ist dennoch nicht aus meinen Gedanken und Gefühlen gelöscht. Privates soll privat, im Vertrauen Anvertrautes vertraulich bleiben. Wahrhaftigkeit setzt nicht die Kunst außer Recht, Vorhänge zu platzieren, wo ich sie für angemessen und anständig erachte. »Je mehr man über die faktische Wahrheit hinausgeht, desto spürbarer werden die Schwierigkeiten des Mitteilens und Verstehens«, schrieb Siegfried Lenz 1964. Spruch trifft auf Widerspruch. Lenz erinnert an die Weisheit der Kabbala: »In ihr ist die Wahrheit das, was sich geziemend widerspricht … Diese Wahrheit … liegt im Aufblitzen eines emporgerissenen Messers, in der pfeilschnellen Berührung der Schwalbe mit dem Wasser. Sie ist in einer einzigen Sekunde gewonnen und wieder verloren.«1 Worin besteht sie also, die Wahrheit eines Menschen? Wie viele gegensätzlich konturierte Bilder er doch in anderen erzeugt – auch wenn er selber zweifelsfrei meint, ganz klar und eindeutig zu sein. An jedem besseren Kleidungsstück findet man heute mindestens fünf Etiketten. Ich bin im Laufe der Jahre auf Dutzende Etiketten gekommen, mit denen man mich bedachte – sachlich, teilnahmsvoll, mitunter schmeichelhaft, aber auch heftig schmähend, mich missverstehend oder schroff bis gemein ablehnend. Die Stasi nannte mich stets »widersprüchlich«, das klingt im Arsenal der groben Schnüffel- und Denunziationsprosa fast wie eine Verirrung ins Milde. Ich musste mich mit den Jahren damit abfinden, dass meine Art polarisiert. Allen, die es nicht lassen können, 24


die Welt in Freunde und Feinde einzuteilen, biete ich eine willkommene Projektionsfläche, ohne es im Geringsten darauf anzulegen. Alpha braucht auf Anti-Alpha nicht lange zu warten. Wahrscheinlich wirke ich auf manche Menschen auch im Sitzen wie jemand, der gerade die Treppen zu einer Kanzel nimmt. Das ist wohl das Schicksal aller, die in der zugigen Öffentlichkeit tätig sind. Wer dort arbeitet, muss ertragen, dass sich andere an einem abarbeiten. Ertragen schließt für mich ein: offen austragen, was einem unerträglich ist. Ich – das ist immer ein anderer. Schrieb der Dichter Arthur Rimbaud. Was weiß ich von mir? Was wissen die anderen von mir? Und was wissen weder die anderen noch ich selbst von mir? Meine jüngste Schwester Ulrike, die aus privaten Gründen nach Westdeutschland ausgereist war, hatte mir 1978 in einem Brief ein Gedicht Wolfgang Borcherts beigelegt. Sie ahnte wohl, dass diese Zeilen mich seit meinem 16. Lebensjahr begleitet hatten. Das Blatt hängt bis heute über meinem Schreibtisch: »Was morgen ist, auch wenn es Sorge ist, ich sage: Ja!« Wieso sollte ich nicht Ja sagen, wo ich doch so viel weniger durchmachen musste als Wolfgang Borchert? Der Autor von »Draußen vor der Tür« sagt Ja, wissend, dass er sich beständig überforderte. Das freilich kenne ich nur zu gut. Ich teile seinen Wunsch, Leuchtturm für andere sein zu wollen, in Nacht und Wind und für jedes Boot ‒ »und bin doch selbst ein Schiff in Not«. Jeder ist in eine bestimmte Zeit gestellt. Denke ich über meinen Lebensweg nach, steht mir immer deutlicher vor Augen, dass ich von vielen Menschen umgeben bin, die mir zu Leuchttürmen geworden sind. Ihnen widme ich das, was ich an Erinnerungen notiert habe und was ich an Perspektiven skizziere. Solche Leuchttürme richten mich auf und lassen mich »nach oben« sehen. Wer zu Jesus aufschaut, empfängt einen Rückruf: Sieh hin, die Erde! 25


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