Leseprobe Heike Wendler Das Haus am Zitronenhain Roman 192 Seiten, 12,5 x 19,5 cm, gebunden ISBN 9783746270104
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Heike Wendler Das Haus am Zitronenhain
HEIKE WENDLER
Haus am Z itronen hain Das
ROMAN
Inhalt Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Besuchen Sie uns im Internet: www.st-benno.de Gern informieren wir Sie unverbindlich und aktuell auch in unserem Newsletter zum Verlagsprogramm, zu Neuerscheinungen und Aktionen. Einfach anmelden unter www.vivat.de. ISBN 978-3-7462-7010-4 © 2026 St. Benno Verlag GmbH, Stammerstr. 9–11, 04159 Leipzig, service@st-benno.de Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden. Die Nutzung der Inhalte dieses Werkes für Text- und Data- Mining im Sinne des § 44b UrhG ist ausdrücklich vorbehalten (§ 44b Abs. 3 UrhG) und daher verboten. Die Inhalte dieses Werkes dürfen auch nicht zur Entwicklung, zum Training und/ oder zur Anreicherung von KI-Systemen, insbesondere von generativen KI-Systemen, verwendet werden. Cover: © baza178/Shutterstock.com; Illustration innen: © stock.adobe.com/ Umschlaggestaltung: Ulrike Vetter, Leipzig Gesamtherstellung und Layout: Arnold & Domnick, Leipzig (A)
Ein Brief aus Italien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Nach Süden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Ciao Limoneto. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 Ein Mann , schroff wie Fels. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Erinnerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Die Zeit schläft nicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 Alte Stimmen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 Padre Paolo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 Im neuen Licht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Schatten der Vergangenheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Nächtliche Geständnisse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Ein himmlischer Hilferuf. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116 Gemeinsame Vision. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 Ungeahnte Konkurrenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Zwischen Sturm und Vertrauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Ein Geschenk des Himmels. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Unerwarteter Besuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Sagra del Limone. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Aus Teresas Rezeptbuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
ls Juliane aus der Kanzlei zurück auf die Straße trat, schien ihr die Luft wärmer als noch am Vormittag. Verona lag um sie herum wie eine Kulisse, in der alles einen Tick zu schön wirkte, um ganz wahr zu sein: die ockerfarbenen Fassaden, das Glitzern des Flusses, das Stimmengewirr aus den Cafés. In ihrer Hand hielt sie die Mappe mit Dokumenten und einen schweren Schlüsselbund. Luca Santini hatte ihr alles ruhig und sachlich erklärt. Der Mann war Mitte vierzig, schätzte sie, mit dunklen, wachen Augen und einer ruhigen Art, die ihr gefiel. Kein übertriebener Charme, kein Theater, nur Respekt und Espresso, der extrem gut war. „Also“, hatte er gesagt, „Signora Moretti hat Sie zur Alleinerbin eingesetzt. Das umfasst das Haus in Limoneto samt Grundstück. Außerdem hat sie einen Fonds angelegt, einen Aktienfonds, dessen Erträge und Kapital zunächst für die cura della casa verwendet werden sollen.“ Er hatte das italienische Wort mit einem leichten Lächeln betont, als wisse er, dass es mehr meinte als nur „Instandhaltung“, sondern auch Sorge, Pflege, Zuwendung. „Rechtlich sind Sie frei“, fuhr er fort. „Sie könnten das Geld auch anders einsetzen, es ist keine Bedingung, sondern ein Wunsch. Aber sie hat ihn sehr deutlich formuliert.“ „Und wenn ich das Erbe nicht annehme?“ fragte Juliane. „Sie hatte doch noch Familie?“ „Signora Moretti hatte noch Familie, das ist richtig, eine Schwägerin und deren Kinder. Sie hat sich auch meines
Wissens nicht mit ihnen überworfen. Es gibt Verfügungen im Testament, dass sie auch bedacht wurden, das ist bereits geschehen. Aber sie hat sich letztendlich entschieden, das, was ihr am meisten am Herzen lag, Ihnen zu vererben. Schlagen Sie aus, fällt der Nachlass zum Teil an eine Stiftung, zum Teil an die Verwandten.“ „Obwohl sie mich seit mehr als dreißig Jahren nicht mehr gesehen hat?“, fragte Juliane. Er nickte langsam. „Manche Menschen treffen in ihrem Testament überraschende Entscheidungen.“ Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, also schwieg sie. Stattdessen betrachtete sie sein ruhiges Gesicht, seine Hände, die die Blätter ordneten. Es war eine Sache, einen Brief zu lesen, der von einem Erbe sprach. Es war eine andere, jemanden sagen zu hören, dass eine fremde, fast vergessene Frau nach Jahrzehnten an sie gedacht hatte. „Sie müssen heute nichts unterschreiben“, fügte er hinzu. „Sie können sich alles vor Ort anschauen, sich Zeit nehmen. Ich stehe Ihnen zur Verfügung, wenn Sie Fragen haben.“ „Grazie“, sagte sie. „Ich glaube, das werde ich brauchen.“ Jetzt, draußen auf der Straße, atmete sie tief durch. Sie war nicht mehr einfach nur Touristin, nicht mehr die Frau, die „mal wieder in Italien Urlaub machte“. Sie war Erbin eines Hauses, an das sie sich nicht erinnerte, und eines Gartens, der nach ihr zu rufen schien. Sie stieg ins Auto, legte die Mappe auf den Beifahrersitz, den Schlüsselbund obendrauf. Als sie den Motor startete, fühlte es sich an, als würde sie mehr in Bewegung setzen als nur den Wagen. Die Straße Richtung Gardasee führte zunächst breit und gut ausgebaut aus der Stadt hi naus. Schilder nach Peschiera, dann Lazise, Garda. Der See lag noch versteckt hinter Hügeln und Bäumen, angekün-
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Ciao Limoneto
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digt nur durch Werbetafeln für Campingplätze und Hotels. Juliane fuhr an der Ostseite des Sees entlang, die Wasserfläche rechter Hand, manchmal nur als schmaler Streifen zwischen Häusern und Ufermauer sichtbar. Das Licht auf dem Wasser war anders als alles, was sie in den letzten Jahren gesehen hatte. Es flimmerte, als hätte jemand ein Netz aus silbernen Fäden darübergelegt. Irgendwo hinter Torri del Benaco, nach einer langen Kurve, erschien ein unscheinbares Schild am Straßenrand: „Limoneto 4 km“. Ein Pfeil zeigte nach links den Berg hinauf. Sie setzte den Blinker, bog ab. Die Straße wurde sofort schmaler. Sie wand sich in engen Kurven den Hang hinauf, flankiert von Steinmauern und Olivenbäumen. Hier und da lugten Terrassen mit Reben hervor, und dann sah sie es zum ersten Mal: ein kleines Feld von Zitronenbäumen, deren dunkelgrüne Blätter in der Sonne glänzten. Zwischen dem Laub schimmerten hellgelbe Früchte und weiße Blüten. Juliane atmete, den Mund leicht geöffnet, als könnte sie so mehr von der Luft aufnehmen. Es roch nach Erde, nach Holz, nach etwas Hellem, Frischem, das sie sich nicht mehr nur einbildete. Nach ein paar weiteren Kurven öffnete sich der Blick. Der See lag jetzt sichtbar unter ihr, flach und weit, die andere Uferseite in einem leichten Dunst, der die Konturen milder machte. Boote zogen kleine L inien über die Oberfläche. In der Ferne machte sie etwas aus, das wie ein winziger Campingplatz aussah, sicher war sie sich jedoch nicht. Dazu hätte sie anhalten und genauer hinsehen müssen. Die Aussicht hätte sich gelohnt, doch innerlich fühlte sie sich auf einmal angetrieben. Sie wollte ankommen, diesen Ort mit eigenen Augen sehen, jede weitere Verzögerung war ihr nun unangenehm. Innerlich war sie angespannt wie seit Jahren nicht mehr. Sie hatte ein Haus geerbt, unfass-
bar! Und einen ganzen, eigenen Zitronenhain! Juliane lächelte und stellte sich für einen Moment vor, was Hanne dazu gesagt hätte. Wahrscheinlich so etwas wie „Da kannst du eine Menge Marmelade kochen“. Hanne war weit weg, die Arbeit in der Manufaktur auch. Und schlagartig fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, Ulla anzurufen. Doch die Anspannung, die sie antrieb, verdrängte das aufkommende Schuldbewusstsein. Sie würde Ulla anrufen und sich entschuldigen. Aber nicht jetzt, später, wenn sie angekommen war. Das musste reichen. Hinter der nächsten Biegung war es so weit – Limoneto lag vor ihr. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Limoneto war noch kleiner, als sie es sich vorgestellt hatte. Eine Handvoll Gebäude schmiegte sich an den Hang um einen zentralen Platz herum, der kaum größer war als ein Fußballstadion. Die Kirche dominierte das Bild, schlicht, mit hellem Putz und einem niedrigen Glockenturm. Ein paar Bänke, ein Brunnen mit einem steinernen Becken, zwei Bäume, die gerade zu blühen begannen. Die Straße führte direkt durch den Ort, verengte sich zu einer einzigen Spur, sodass man sich mit entgegenkommenden Autos unweigerlich arrangieren musste. Heute brauchte sie das nicht, es waren keine Autos zu sehen. Stattdessen füllten Menschen die Straße. Viele Menschen, mehr als dieser Ort Einwohner haben konnte. Sie bremste automatisch ab. Sie sah einen Mann, der ein Holzkreuz trug, dahinter ein kleiner Chor aus Kindern in weißen Hemden, einige mit Kerzen in der Hand, andere mit kleinen Blumensträußen. Es folgten Frauen mit Tüchern über den Schultern, Männer in sauberen Hemden, manche mit Jackett, als wäre Sonntag. Auf einer Trage wurde eine Statue getragen – Maria mit Kind, umringt von weißen und gelben Blumen. Juliane war mitten in eine Prozession geraten. Glocken läu-
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teten von der Kirche her. Nicht laut, aber eindringlich. Dazwischen mischten sich leise gesprochene Gebete, gelegentlich ein gemeinsames „Amen“. Juliane fuhr ganz langsam, bis ein älterer Mann ihr ein Zeichen gab anzuhalten und den Wagen an die Seite zu setzen. Es gab ohnehin kaum Platz. Sie manövrierte in eine kleine Ausbuchtung vor einem Haus, stellte den Motor ab und fühlte sich plötzlich, als wäre sie Zuschauerin eines Films, der ohne sie angefangen hatte. Sie blieb einen Moment sitzen, beobachtete durch die Scheibe die Menschen, die an ihr vorbeizogen. Die Gesichter waren unterschiedlich, alt, jung, lachend, ernst, aber alle trugen diese besondere Konzentration in sich, die religiöse Rituale oft begleitete. Wenn das Leben dir eine Prozession in den Weg stellte, dachte sie, dann steigst du aus. Alles andere wäre unhöflich. Sie öffnete die Tür, trat auf das Pflaster und war sofort in einen Geruchscocktail eingetaucht: Weihrauch, Rosenwasser, warmes Steinmehl, das in der Sonne staubte, und irgendwo im Hintergrund der feine, helle Duft von Zitronenschalen. „Scusi“, sagte eine Frau, die mit einem Tablett voller kleiner Gebäckstücke an ihr vorbeiging, und lächelte entschuldigend. „Nessun problema“, antwortete Juliane. „Ich bleibe eh ein bisschen stehen.“ Die Frau sah sie prüfend an. „Sie sind nicht von hier, vero?“ „No, vengo dalla Germania.“ „Aber Sie sprechen gut. Brava.“ Die Frau nickte anerkennend und zog weiter. Und Juliane ließ sich mitreißen. Die Prozession machte einen Rundgang durch den Ort. Vor der Kirche wurde ein kleiner Altar aufgebaut: eine weiße Tischdecke, Kerzen, ein Kreuz, Blumen. Der Priester,
ein Mann mit grauem Haar und freundlichem Gesicht, trat davor, hob die Hände und begann zu sprechen. Er bat um Segen für das Dorf, für die Familien, für die Kinder und Alten, für die Gärten, die jetzt in die Blüte gingen. Besonders erwähnte er die „limoni del Limoneto“, die Zitronen von Limoneto, die seit Generationen hier gewachsen waren und das Land ernährt hatten, direkt oder indirekt, durch Verkauf, Besucher, Geschichten. Er sprach von Schutz vor Unwettern, vor Hagel, vor den falschen Entscheidungen der Menschen. Und irgendwo dazwischen fiel ein Satz, bei dem Juliane kurz die Luft anhielt: eine Bitte um Frieden für alle, die das Dorf verlassen hatten und doch immer ein Stück davon in sich trugen. Sie wusste nicht, warum gerade dieser Satz sie aufhorchen ließ. Vielleicht, weil sie sich angesprochen fühlte, obwohl niemand ihren Namen kannte. Nach dem „Amen“ löste sich die Prozession auf. Doch statt nach Hause zu gehen, blieben die Menschen. Aus offenen Türen wurden Tische getragen, darauf Schüsseln, Flaschen, Körbe. Die kleine Piazza verwandelte sich in eine Art Volksfest. An einem Tisch wurden „frittelle di limone“ gereicht – kleine, in Öl ausgebackene Teigbällchen mit Zitronenschale im Teig, bestäubt mit Zucker. An einem anderen Tisch schenkte jemand Weißwein ein, leicht, frisch, perfekt für den Nachmittag. Kinder bekamen Limonade, ältere Frauen setzten sich auf die Bank und kommentierten alles, was sich bewegte. „Signorina, probieren Sie!“ Eine Hand hielt ihr eine Serviette hin, auf der zwei der runden Frittelle lagen. Juliane nahm eine. „Grazie.“ Sie biss hinein. Es war knusprig und schmeckte nach Teig, Zucker und Zitrone, nicht zu dominant, eher wie ein warmes, freundliches Echo. Sie schloss kurz die Augen.
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„È buona, no?“, fragte der Mann, der vor ihr stand. Er war vielleicht Mitte fünfzig, trug ein kariertes Hemd, seine Haut war von der Sonne gezeichnet, seine Augen lachten. „Buonissima“, antwortete sie. „Besser als jedes Dessert im Hotel.“ Er lachte laut. „Allora, willkommen in Limoneto!“ Niemand fragte sie, warum sie da war. Niemand drängte sich auf. Es reichte zu sagen, dass sie aus Deutschland kam, dass sie „una storia un po’ complicata – eine etwas komplizierte Geschichte“ hinter sich habe und hier etwas regeln müsse. Die Leute nickten, als wüssten sie, dass das Leben selten anders war als „ein bisschen kompliziert“. Juliane entspannte sich, trank ein kleines Glas Wein, unterhielt sich mit einer älteren Dame, ließ sich erklären, dass diese Prozession jedes Jahr kurz vor der vollen Zitronenblüte stattfand. Man bat um eine gute Saison, nicht nur für die Ernte, sondern auch für alles, was wachsen sollte im Dorf: Kinder, Geschäfte, Hoffnungen und Liebe. Irgendwann wurde ihr klar, dass sie sich drückte, etwas vor sich herschob, ganz so, wie es ihre Art war. Wenn sie jetzt aufstand, musste sie sich der Realität stellen. Das Haus besichtigen, mit Enttäuschungen zurechtkommen oder Überraschungen, je nachdem, was sie dort erwartete. Also verabschiedete sie sich, ging zurück zum Auto, setzte sich hinter das Steuer und fuhr die Straße weiter hinauf. Ein schmaler Weg führte vom Ortskern aus zu den verstreuten Häusern am Hang. „Via del Limone“ stand auf einem Schild. Juliane musste lächeln. Der Name war beinahe zu poetisch, um wahr zu sein, aber hier schien niemand Hemmungen zu haben, Dinge beim schönsten Namen zu nennen. Die Auffahrt zum Grundstück war mit Gras überwachsen. Eine niedrige Steinmauer markierte die Grenze,
dahinter begannen die Terrassen des Gartens. Sie parkte an der Seite, stieg aus und blieb erst einmal stehen. Das Haus lag halb im Schatten eines alten Olivenbaums, der davorstand. Es war größer, als sie erwartet hatte. Zwei Stockwerke, verputzte Fassade, deren ursprüngliches Gelb nur noch in Flecken sichtbar war, dazwischen abgeplatzter Putz, grauer Untergrund. Die Fensterläden waren grün, an manchen Stellen war das Holz dunkel geworden. Die Dachziegel wirkten unordentlich, als hätte jemand sie bei einem Sturm durch einandergerüttelt und nie wieder ganz in Form gebracht. Und doch war da vieles, das sofort stimmte: die Proportionen, der Sitz des Hauses im Hang, der Blick, wenn man sich ein wenig zur Seite drehte, auf den See. Es war, als hätte sich das Haus genau den richtigen Platz gesucht. Unterhalb des Hauses begannen die Terrassen mit den Zitronenbäumen. In Stufen angelegt, von bröckeligen Steinmauern gehalten, standen Bäume mit dichten, glänzenden Blättern und einem Durcheinander aus Blüten und Früchten. Manche Zitronen waren noch klein und grün, andere groß und fast reif. Die Blüten strahlten weiß in der Sonne. Der Duft war überwältigend. Süß, klar, ein bisschen betäubend. Er mischte sich mit dem Geruch von feuchter Erde und Stein. Juliane ging langsam die ersten Stufen hinunter. Ihre Schuhe knirschten auf dem Kies. Sie strich an einem Ast vorbei und berührte aus Versehen mit der Hand eine Frucht. Die Schale fühlte sich warm an, ein wenig rau. Mit einem Mal war sie wieder fünf. Ein kurzes Fragment tauchte vor ihrem inneren Auge auf: sie, barfuß auf einer dieser Stufen, eine Hand, die ihre hielt, eine Stimme, die sagte: „Piano, piccola, die Steine sind uneben.“ Das Licht, das durch Blätter fiel. Ein Glas mit etwas Kaltem in der Hand, das süß und gleichzeitig sauer schmeckte. Lachen im
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Hintergrund. Und der Geruch, dieser gleiche Geruch. Sie blinzelte, und das Bild zerfiel wie ein Traum, an den man sich nur zur Hälfte erinnert. Sie ging zurück zur Haustür, holte den Schlüssel hervor. Das Schloss klemmte ein wenig, gab dann nach. Innen war es kühl und roch nach Staub, altem Holz, einem Hauch von Kräutern. Der Flur war schmal, links ging es in eine Küche, rechts in ein Wohnzimmer. Die Möbel waren alt, aber nicht hässlich. Tisch, Stühle, ein Sofa mit geblümtem Bezug, der an einigen Stellen abgewetzt war. An den Wänden hingen Bilder: Heiligenbilder, ein paar Landschaften, ein altes Foto von einer Frau vor genau diesem Haus. Teresa, vermutete Juliane. Die Küche war alt, sehr alt wahrscheinlich, aber nicht ohne Charme. Ein Gasherd mit vier Flammen, emailliert, die Knöpfe leicht verfärbt. Ein Spülbecken mit einem Hahn, aus dem Wasser kam, als sie ihn aufdrehte, gelblich am Anfang, dann klarer. An einer Wand war der Putz beschädigt. Die Fugen der Fliesen wirkten müde. Im Obergeschoss fand sie zwei Schlafzimmer. Eins mit einem Doppelbett, eins mit zwei schmalen Einzelbetten. Die Matratzen waren durchgelegen, die Bettdecken alt, die Kissen zu flach, um sich gemütlich hineinkuscheln zu können. Aber durch eines der Fenster hatte man einen Blick, der jede Unvollkommenheit wettmachte: der See, ein Stück Himmel, die Spitzen der Zitronenbäume. Juliane stand lange am Fenster wie festgewachsen. Alles in ihr schwankte zwischen „Verkauf das“ und „Du spinnst, wenn du das weggibst“. Sie dachte an das Geld, das Teresa für sie zurückgelegt hatte. An die Liste der möglichen Renovierungsmaßnahmen, die der Notar angedeutet h atte: Dach prüfen, undichte Stellen sanieren, Gasleitungen erneuern, Fenster abdichten, vielleicht eine moderne Hei-
zung. Dazu die Gartenarbeit, die man nicht mal eben an einem Wochenende erledigte, noch dazu, wenn man damit keine Erfahrungen hatte. Juliane hatte nie im Leben einen Garten besessen oder in einem Haus gewohnt, zu dem ein Garten gehörte, um den man sich kümmern musste. Nun blickte sie auf ihren eigenen Garten. Um den man sich würde kümmern müssen. Nicht „man“, sondern sie. Denn es war ja nun ihr Haus und ihr Garten. Die Gedanken schlugen Purzelbäume. Luca Santini hatte Matteo Bianchi erwähnt, ein Handwerker aus der Gegend, ein guter Mann, der Teresa immer wieder geholfen hatte und zudem ein Neffe von ihr war. Er würde ihr sicher zur Verfügung stehen, hatte der Notar gesagt. Er könne sich vorstellen, dass der bereit sei, weiter mit dem Haus verbunden zu bleiben, da er ja aus der Familie stammte. Eben jener Familie, sinnierte Juliane, die zumindest teilweise erben würde, wenn sie ausschlug. Doch ans Ausschlagen dachte sie seit ihrer Ankunft in Limoneto schon gar nicht mehr. Viel eher daran herauszufinden, warum sie Teresa so viel bedeutet hatte, dass diese ihr das alles hier vererbt hatte. Langsam stieg Juliane die knarrende Treppe w ieder hinab und setzte sich auf die Stufe vor der Haustür, die Hände zwischen die Knie geklemmt, und starrte auf den Hang h inunter. Sie konnte Hotelabläufe optimieren, wusste, wie man mit schwierigen Gästen umging, k onnte in drei Sprachen Charme verteilen und gleichzeitig Reklamationen bearbeiten. Sie hatte in Rom gelernt, wie man sich in der L obby bewegt, als gehöre sie einem selbst. In Neapel hatte sie Krisen gemanagt, die man in keinem Handbuch fand. Aber sie hatte noch nie ein Haus renoviert. Noch nie Bauunternehmen beauftragt, Kostenvoran-
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schläge für Dinge verglichen, deren Bezeichnung sie nicht kannte, egal in welcher Sprache. Noch nie entschieden, ob eine Wand abgerissen oder stehen gelassen werden sollte. Noch nie einen Zitronenbaum geschnitten. „Ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll“, seufzte sie ratlos. Der Wind rauschte durch die Blätter, als würde er flüsternd antworten. Sie wusste nur zwei Dinge. Erstens: dass Teresa dieses Haus bewusst für sie aufgehoben hatte zusammen mit dem Geld, das ihr den Anfang erleichtern sollte. Es war ein Angebot. Und gleichzeitig ihr Vermächtnis. Hier hatte Teresa gelebt, geliebt, gelacht, vermutlich ihr ganzes Leben verbracht. Und zweitens: dass sie es sich nie verzeihen würde, wenn sie dieses Angebot nicht wenigstens ernsthaft prüfte. Entschlossen griff sie nach ihrem Handy und stornierte die gebuchte Pension. Sie hatte ein Haus, es war bewohnbar. Warum es nicht sofort in Besitz nehmen? Ihr Pragmatismus riet ihr, keine weitere Verzögerung zu provozieren. Sie musste eine Entscheidung treffen und dies würde ihr nicht gelingen, wenn sie sofort wieder ins Auto stieg und weiterfuhr. Nachdem das erledigt war, fühlte sie sich besser. Sie stand auf, drehte sich einmal im Kreis, sah das Haus, den Garten, den See. „Also gut“, murmelte sie. „Du wolltest mich hier haben, Teresa. Jetzt hast du mich.“ Und in einem flüchtigen Moment hatte sie das Gefühl, als säße irgendwo in einem der Zimmer eine ältere Frau mit dunklen Augen, die zufrieden nickte und lächelte. Vielleicht war das Einbildung. Vielleicht war es der Zitronenduft. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich das Unbekannte nicht wie eine Bedrohung an, sondern wie ein Versprechen.
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m nächsten Morgen erwachte Juliane früh, obwohl sie schlecht geschlafen hatte. Das große Bett im Schlafzimmer war doch stärker durchgelegen, als es auf den ersten Blick schien. Die Matratze federte bei jeder Bewegung, und die Luft roch nach Staub und altem Holz. Zudem war es merklich abgekühlt in der Nacht. Also hatte sie sich in eine der Decken gewickelt, die sie im Schrank gefunden hatte, und das Fenster einen Spalt offen gelassen. Die halbe Nacht hatte sie wach gelegen. Sie lauschte dem Haus, das voller fremder Geräusche war. Es knarrte und seufzte, als würde es sich langsam an ihre Anwesenheit gewöhnen. Gedanken wirbelten durch ihren Kopf: Was machst du hier eigentlich? Ein Haus renovieren, das du nicht kennst? Mit Geld, das nicht deins ist? Und dieser Matteo Bianchi – wer ist der überhaupt? Warum fühlt sich alles so vertraut und falsch zugleich an? Irgendwann war sie aufgestanden, ans Fenster getreten und hatte in den Garten gestarrt, wo der Mond die Zitronenblätter silbern glänzen ließ. Wie zu Hause fühlte es sich nicht an, aber auch nicht völlig fremd. Sie legte sich wieder hin und starrte in die Dunkelheit. Das Rascheln der Blätter im Wind erinnerte sie an windige Nächte in Neapel, in denen sie in ihrem Schlafzimmer bei offenem Fenster das Meer hatte rauschen hören. Als sie dann doch endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, waren wilde Träume über sie hergefallen. Bruchstücke von Kindheitsszenen, Z itronenduft, Stimmen, die sie nicht zuordnen konnte, dann tauchte immer wieder Ulla auf und 43
Es war kein kitschiger Satz, keine geschwollene Rede, die er einstudiert hatte. Es war schlicht und ehrlich. Und genau deshalb traf er sie mitten ins Herz. „Ich bleibe gern hier, bei dir“, sagte sie leise. „Sehr gut“, antwortete er. „Denn ohne dich wäre Limoneto nur halb so hell.“ Als sie zurückkehrten, waren die Gespräche noch in vollem Gange. Und nur Elena fragte, wohin sie verschwunden waren. „Wir mussten nur ein wichtiges Detail klären“, antwortete Matteo vielsagend. „Juliane hat beschlossen hierzubleiben.“ Bei diesen Worten legte er seinen Arm um Juliane und zog sie zu sich heran. Sie küssten sich, während um sie herum Gläser klirrten, jemand „Bravo!“ rief, Kinder klatschten und Ulla neben ihnen halblaut murmelte: „Dann ist es also beschlossen. Adé Leipzig, ciao Limoneto!“
Aus Teresas Rezeptbuch
Frittelle di limone (Zitronen-Frittelle) (Kapitel 3) Zutaten: • 250 g Weizenmehl (Type 405/550) • 50 g Zucker (+ extra zum Wälzen) • 1 Pck. Vanillezucker (optional) • 1 Pck. Backpulver (ca. 16 g) oder 1 TL Natron • 1 Prise Salz • Abrieb von 1 Bio-Zitrone • 2 Eier • 200 ml Milch (oder 150 ml Milch + 50 g Joghurt für mehr Saftigkeit) • 2 EL geschmolzene Butter oder neutrales Öl • 1–2 EL Zitronensaft (nach Geschmack) • 1 l neutrales Öl zum Frittieren (z. B. Sonnenblumen-/ Rapsöl) • Puderzucker oder Zucker zum Bestäuben/Wälzen Zubereitung: Mehl, Zucker, Vanillezucker, Backpulver/Natron, Salz und Zitronenabrieb mischen. Eier, Milch und Butter/Öl verrühren, zu den trockenen Zutaten geben und kurz zu einem glatten, zäh fließenden Teig rühren (nicht zu lange, sonst werden sie zäh). Zitronensaft einrühren.
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