Die Bibel Vorlesen Umbruch
26.10.2009
11:38 Uhr
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BRIGITTE MÜLLER
DieBibel vorlesen Hilfen für die Schriftlesung im Gottesdienst
Deutsche Bibelgesellschaft
Die Bibel vorlesen herausgegeben von Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Evangelischer Oberkirchenrat, Stuttgart
ISBN 978-3-438-06625-1 Š 2004 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart Illustrationen: Š Ivan Steiger Gestaltung und Satz: Schwarz Grafik & Satz, Stuttgart Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany www.dbg.de
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Vorwort In vielen Gemeinden ist es üblich, dass nicht allein Pfarrerinnen oder Pfarrer, sondern auch andere Personen wie Mitglieder des Kirchengemeinderats, eines Gottesdienstteams oder einer anderen Gemeindegruppe die Schriftlesung vortragen.
Das gedruckte Heft kann den lebendigen Austausch in der Gruppe der Vorleserinnen und Vorleser mit Pfarrer, Kirchenmusikerin, Sprecherzieherin oder Berufssprecher nicht ersetzen. Aber es kann anregen, auszuprobieren, zu üben, Vereinbarungen zu treffen. Nicht zuletzt zeigt es, wie wichtig es ist, dass die Person, die vorliest, die Chance einer gründlichen Vorbereitung hat, wenn die Lesung wirklich zu einem Höhepunkt im Gottesdienst werden soll.
Die Schriftlesung ist eine der wichtigsten Aufgaben im Gottesdienst. Die reformatorischen Kirchen betonen immer wieder, dass mit dem Lautwerden des Wortes Gottes ein (erster) Höhepunkt der Feier erreicht ist. Damit die Schriftlesung auch so empfunden wird, ist eine gründliche Vorbereitung nötig.
In diesem Heft werden diejenigen, die die Schriftlesung vortragen, im allgemein üblichen liturgischen Sprachgebrauch zumeist »Lektorinnen« bzw. »Lektoren« genannt. Damit sind alle gemeint, die Schriftlesungen vortragen. Gelegentlich ist dafür auch die Bezeichnung »Vorleserinnen« bzw. »Vorleser« verwendet. – Der Begriff »Lektorinnen« bzw. »Lektoren« bezeichnet in manchen Landeskirchen auch Personen, die in Vertretung von Pfarrerinnen und Pfarrern ehrenamtlich Gottesdienste feiern.
Dieses Heft soll allen, die im Gottesdienst vorlesen, Unterstützung bieten. Es enthält daher kurze liturgische Informationen und grundsätzliche Überlegungen zum Vortragen eines Textes. Dazu kommen konkrete Anregungen für die Praxis in der Vorbereitung und im Gottesdienst selbst, von der Auswahl der Bibelübersetzung bis hin zu einfachen Sprechübungen und Vortragsregeln.
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Der Dienst des Vorlesens ist, wie jedes Amt in der evangelischen Kirche, grundsätzlich für Männer und Frauen offen. Deshalb sind auch immer beide Geschlechter gemeint, wenn einmal nur von »Lektorinnen« oder nur von »Lektoren« die Rede ist. Dies geschieht lediglich, um allzu umständliche Formulierungen zu vermeiden und die Lesbarkeit zu erhöhen.
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Anfragen und vielleicht auch Anfeindungen –, ist auch allen Vorleserinnen und Vorlesern zu wünschen, besonders denen, die sich vielleicht noch etwas zaghaft an ihre Aufgabe herantasten: »Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt …« Oder sollen wir etwas freier übersetzen: »Eure Rede sei allezeit freundlich, aber mit Salz gewürzt, damit ihr wisst, wie ihr einem jeden Menschen gegenübertreten sollt.«
Was der Apostel den Christinnen und Christen in Kolossä (Kolosser 4,6) gewünscht hat – sicherlich im Blick auf
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Die Bibel hören – Zur Bedeutung des Vorlesens
I. Text und Klang
die primär über das Ohr wahrgenommen werden wollen. Lange bevor sie aufgeschrieben wurden, wurden sie von Mensch zu Mensch, von Generation zu Generation weitererzählt. »Der Glaube kommt aus dem Hören«, lautet die wörtliche Übersetzung des Pauluswortes in Römer 10,17. Und noch für Martin Luther ist es selbstverständlich, dass das Wesen des Wortes im Gehörtwerden besteht: »Natura verbi est audiri.« Darum ist seine Bibelübersetzung auch für den Vortrag angelegt. Sie ist ein Genuss für das Ohr, der sich einstellt, wenn man ihren Alliterationen und Lautmalereien folgt:
Nicht nur Kinder genießen es, wenn man ihnen vorliest. Zunehmend entdecken auch Erwachsene die Freude an einem gut vorgetragenen Text. Die Zahl der »Hörbücher« in den Buchhandlungen nimmt ständig zu. Und dabei sind es gar nicht immer aufwändige Hörspielfassungen, die angeboten werden. Manchmal trägt ein professioneller Sprecher Gedichte, Erzählungen oder einen Roman vor; manchmal liest eine Autorin selbst ihr Werk. Bis in die Neuzeit wurde bei den verschiedensten Zusammenkünften vorgelesen, in winterlichen Spinnstuben ebenso wie in bürgerlichen Wohnzimmern.
»Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.« Jesaja 40,31
Literarische Texte »klingen«, denn sie sind so formuliert, dass die Stimme eines Vorlesers ihnen Klanggestalt gibt. Biblische Texte sind solche Texte, 4
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Obwohl es Luther nie primär darauf angelegt hat, war es gerade seine Bibelübersetzung, »die eine ästhetische Sogwirkung ausgeübt hat, wie sie in der deutschen Literaturgeschichte vielleicht einzigartig geblieben ist, und
es war gerade der sich herausbildende Protestantismus, in dem die ästhetische Dimension der (wie Luther oft betonte) rezitierten Schrift von großer, ja identitätsstiftender Relevanz gewesen ist.«1
II. Kommunikation des Evangeliums
Die erste Voraussetzung ist, dass sie sich selbst von dem Text, den sie vortragen wollen, angesprochen fühlen. Das ist mehr, als die Sätze intellektuell nachvollziehen oder verstehen zu können. Wer das Wort Gottes vorliest, soll selbst davon betroffen und bewegt sein. Dem Vorlesen geht ein »innerer Dialog« mit dem Text, mit dem »Urheber« des Wortes voraus, ein Gebet im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Schönheit der Sprache und unser ästhetisches Empfinden öffnen uns zugleich für das Angesprochenwerden, die Kommunikation. Mit seinem Wort will Gott selbst den Menschen anreden, trösten, ermutigen, in Frage stellen und zu einer Antwort herausfordern. Diese und weitere Dimensionen der Kommunikation werden im Vorlesen und Zuhören vermittelt. Es ist daher keine leichte Aufgabe, die Lektoren und Lektorinnen im Gottesdienst übernehmen. Sie schlagen die Brücke über die Jahrhunderte: von der Offenbarung des Wortes bis in die Gegenwart. Sie verbinden die Welt zwischen den Buchdeckeln mit dem Alltag der Gemeinde.
Es kann sein, dass der Lektor sich zutiefst verstanden fühlt, wenn er den Lesungsabschnitt durchgeht; es kann aber auch sein, dass ein Text ihn völlig kalt lässt oder dass sich in ihm nur Widerspruch gegen die vorgegebenen Worte regt. Wo solche, möglicherweise noch kaum reflektierten Reaktionen wahrgenommen werden, hat der lebendige Austausch schon begonnen. 5
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Die Grundlage für ein überzeugendes, kommunikatives Lesen vor der Gottesdienstgemeinde ist gelegt. In der Vorbereitung der Schriftlesung arbeitet der Lektor mit dieser ersten Zustimmung oder Ablehnung.
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Zusammenhang, den ein Autor zur Sprache bringt, um Aneignung, um eigene Interpretation. Insofern ist das Vorlesen einerseits Verkündigung, die Interpretation der Guten Nachricht. Andererseits ist es auch eine Kunst, vergleichbar mit der Aufführung eines Musikstücks, das nicht als Notenblatt lebt, sondern erst durch den Vorgang des Musizierens, der es zum Erklingen bringt.
Es geht also nicht allein um technische oder »handwerkliche« Vorgänge wie Ablesen, Textgestaltung, deutliche Aussprache (Artikulation), sondern auch um das Einfühlen in einen
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Die Schriftlesung im Gottesdienst
I. Perikopen sind »Ausschnitte« Im Gottesdienst werden »Perikopen« (perikopein: griech. für »abschneiden, ausschneiden«), also Ausschnitte aus biblischen Büchern stückweise vorgetragen und ausgelegt.
texte in unseren Gottesdiensten zentral. Sie orientieren sich am Kirchenjahr und seinen Festen. Darüber hinaus enthalten sie einen Vorrat an Texten für die »festlose« Zeit nach dem Dreieinigkeitssonntag, die weitere wesentliche Themen des Glaubens zur Sprache bringen.
Schon die Alte Kirche hat zentrale Texte für diesen Zweck aus den Evangelien und den Briefen der Apostel ausgewählt, um die jungen christlichen Gemeinden damit bekannt zu machen und ihre Lehre zu begründen. Noch heute sind die »altkirchlichen Perikopen« als Lesungs- und Predigt-
Im 19. Jahrhundert kamen erstmals auch alttestamentliche Texte in den Blick. In der Mehrzahl sind sie den Texten der Sonn- und Festtage so zugeordnet, dass eine christologische Auslegung möglich ist. So ist z.B. dem Karfreitag mit seinen Kreuzigungstexten das alttestamentliche Gottesknechts6
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lied »Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen…« (Jesaja 52/53) zugeordnet.
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Deutschlands weitgehend gemeinsam. Die Texte sind in sechs Reihen aufgeteilt, sodass sich die Predigttexte alle sechs Jahre wiederholen. Die Württembergische Landeskirche hat eine weitere »württembergische Reihe« zusammengestellt.
Die für Schriftlesung und Predigt vorgeschlagenen biblischen Stücke haben die unierten und lutherischen Kirchen
II. Die Auswahl der Lesungen
der Heiligen Schrift bekannt. Sie erfordert daher mehr als nur ein »ordentliches« Vorlesen. Sie ist ein eigener liturgischer Akt.
In den lutherischen Kirchen werden neben dem Predigttext ein oder zwei Schriftlesungen vorgetragen.
Dies bedarf zum einen einer gründlichen Vorbereitung des Textes. Zum andern muss sich der Lektor oder die Lektorin entsprechend auf den Vortrag »einstimmen«. Der »Auftritt« zur Schriftlesung soll überlegt und geübt werden, damit im Gottesdienst keine Unsicherheit herrscht und die Gottesdienstteilnehmerinnen und -teilnehmer verwirrt.
In der Regel wählt der Prediger oder die Predigerin die Schriftlesung(en) aus. Sie folgen dabei den Ordnungen ihrer Kirche. Auch wenn die Orientierung an den Perikopenreihen die Auswahl erleichtern kann, dürfen sie (in Württemberg) auch andere Texte wählen, die in den Kontext des gesamten Gottesdienstes passen, eine Intention unterstreichen oder auch kontrastieren können. Die Schriftlesung kann auch ein Ort sein, an dem weniger bekannte Texte zu Gehör gebracht werden.
Altarbibel oder Lektionar sollen schon vor dem Gottesdienst an der richtigen Stelle aufgeschlagen sein; ein Lesebändchen kann im Handexemplar die entsprechende Seite markieren. Langes Blättern sollte vermieden werden.
III.Die Schriftlesung im liturgischen Zusammenhang
Im württembergischen Gottesdienst haben vor der Schriftlesung Eingangsgebet und Stilles Gebet ihren Platz. Gelegentlich singt ein Chor oder spielt
Die Schriftlesung macht die Gemeinde mit einem zusammenhängenden Stück 7