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Susanne Niemeyer

AMEN sagt man am Ende, wenn alles gesagt ist. Ich sage es am Anfang. Könnte man ja mal versuchen: Amen zu allem, was kommt. Amen zu diesem Tag, Amen zum Leben, das manchmal ruckelig ist. Aber es ist mein Leben, und es ist das einzige. Ich hab es lieb, auch wenn es mich mit dunklen Augenringen ansieht. Wenn es ausschert, nicht auf mich hört und mal wieder überhaupt nicht tut, was ich will. Sogar dann, wenn es mir ein Bein stellt.

Es hat alles mitgemacht. Ist mit mir vom Klettergerüst gesprungen und hat Pfandflaschen geklaut. Hat im Stroh gelegen, obwohl es pikste, hat für den Jungen mit den Locken geschwärmt. Ist manchmal anders abgebogen als geplant. Auf dem Seitenstreifen hat es mit mir auf den ADAC gewartet.

Hat über Wahlergebnisse geflucht, sich nach Bullerbü gesehnt und mit mir Zimtschnecken gebacken. Hat den Alltag in Kartons gepackt, sich neue Straßennamen gemerkt, hat Träume begraben und neue geträumt. Hat mitgespielt. Darin ist mein Leben eine Meisterin. Es ist die treueste Seele, die ich kenne. Mein Leben bleibt bei mir, bis zum Schluss. Was immer auch geschieht. Es wohnt zwischen Herzkammer und Stammhirn. Es begleitet mich auf Schritt und Tritt. Wo ich hingehe, da wird es auch hingehen. Es bietet jedem Sturm die Stirn. Meine Stirn. Amen.

Neuer Tag Sonntagsfragen

„Guten Morgen“, sagt der Engel. Er sitzt schon am Frühstückstisch.

Sein Hemd ist gebügelt und das Obst ist frisch geschnitten.

Ich weiß auch nicht, wie er das immer schafft.

„Dies ist ein neuer Tag, und er wird schön!“

„Woher weißt du das?“, frage ich verschlafen.

„Ich nehme es mir vor.“

Er steckt mir eine Blume ins Knopfloch meines Pyjamas und schwebt davon.

Was würdest du jetzt tun, wenn du könntest, was du willst?

Was würde das Glück tun, wenn es könnte, was es will?

Würdet ihr euch treffen?

BROSAMEN

Brosamen müssen nicht aus Brot sein. Das ist ein Irrtum. Ich mag Brot nicht gern. Auch nicht in der Not, obwohl ich es da essen würde. Brosamen sind Zerriebenes, Zerbröseltes, Krümel. Alles, was unter den Tisch fällt. Eben der Rest vom Fest.

Bücher, die jemand auf die Straße stellt. Der Geruch einer Kerze, die eben noch brannte. Ein übrig gebliebenes Stück Käsesahne vom Kaffeekränzchen (zu dem ich nicht eingeladen war). Ein Lächeln, das auf dem Gesicht eines Fremden liegen geblieben ist und nicht mir galt. Löwenzahn, den niemand gesät hat. Die letzten Takte eines Liedes im Radio, das ich sofort erkenne. Auch Brosamen machen satt. Jedenfalls, wenn man sich nicht zu schade ist, sie aufzusammeln.

EinfacheSachen

Die Tage beginnen, einander zu ähneln. Das Zimmer wird zum Kloster. Die Abläufe setzen sich: Aufstehen. Tee trinken.

Briefe beantworten (es sind Mails, aber Briefe klingt besser). Gehen. Schreiben. Essen. Die Wäsche falten oder den Boden wischen.

Schreiben. Weiter gehen. Reden. Kochen. Den Tisch sorgfältig decken.

Genießen. Spielen oder Lesen oder Skypen. Schlafen. Nächster Tag.

Einfache Sachen. Ich übe, im Moment zu leben, das ordnet das Chaos. Meine Seele ist der Meinung, dass mir das guttut.

„Aber“, setze ich an. Auf dem Ohr ist sie taub: „Du kannst nichts ändern. Mach was draus.“ So denkt sie immer. Ich würde nicht sagen, dass sie eine übermäßige Optimistin ist, aber eine Pragmatikerin. Auf diese Weise ist sie sehr hilfreich. Sie hält die Angst in Schach, die Verklärung auch. Was sie mag: mein klopfendes Herz. Sie achtet auf meinen Atem. Er ist gleichmäßiger geworden. Sie sagt, das sei gesund. Wenn ich zu viel grübele, gibt sie mir etwas in die Hände: Putz die Schuhe.

Back einen Streuselkuchen. Bezieh das Bett. Ich habe mir angewöhnt, auf sie zu hören. Sie scheint weiser zu sein als ich.

Beim Aufwachen

zu lesen

Bitte gönn dir was das Konzert der Meisen

Milchschaumminuten

eine verlorene Uhr Plüschgedanken

Der Himmel ist ein Gemischtwarenladen

Er hat jetzt geöffnet für dich

Dreistigkeit siegt, sagen sie. Das ärgert mich. Aber charmante Dreistigkeit ist etwas ganz anderes. Manchmal muss man Tanten und Oberprediger ignorieren. Solche, die meinen, dass man sich hintenanstellen und das eigene Los klaglos hinnehmen möge. Manchmal muss man aufbegehren mit einem Witz und lachen über das, was schmerzt. Wer lacht, geht den ersten Schritt auf dem unsichtbaren Seil, das über den Abgrund führt. Chuzpe ist, sich bei Gott zu beschweren – auch ohne Termin. Weil mittwochs um halb elf das Wasser bis zum Hals steht und sonntags um zehn die Sintflut längst Hochwasser hätte.

Dann ist es höchste Zeit, Gott an seine Versprechen zu erinnern, von denen Untergang keines war. Und gleichzeitig vorausschauend Sonnencreme einzupacken, weil es gar nicht anders sein kann, als dass irgendwo in den Fluten eine rettende Insel wartet.

CHUZPE

Himmelblau

Und wenn die Welt voll Teufel wär’, würde ich lächeln gegen die Angst. Und dann würde ich zu reden beginnen, das Blaue vom Himmel erzählen. Die überzeugst du nicht, sagst du. Weiß ich, sage ich, aber mich –mich überzeuge ich.

Sofortgenuss

„Guten Morgen“, sagt der Engel. „Hast du mich vermisst?“

Er nimmt mir den Wind aus den Segeln. „Ich hatte Urlaub“, erklärt er leichtfüßig, als sei es das Normalste der Welt, und dann schnappt er sich eine Brötchenhälfte von meinem Teller. Die mit Sirup.

„He“, rufe ich, „die habe ich extra aufgehoben. Das Beste zum Schluss!“

„Pech gehabt“, nuschelt er kauend. „Hättest du sie lieber gleich gegessen. Das Beste sollte man immer sofort genießen. Wenn es sich anbietet.“

„Ich habe dir mein Brötchen nicht angeboten!“

„Nicht?“ Er schleckt sich den Sirup vom Finger. „Schon gut, ich schmiere dir eine neue Hälfte.“

„Es gibt keine mehr!“

„Ups. Siehst du? Hättest du sie besser sofort gegessen.“

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