»Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei« Die Lutherbibel und andere deutsche Bibelübersetzungen Beiträge der Rostocker Konferenz 2013 Herausgegeben von Melanie Lange und Martin Rösel
Deutsche Bibelgesellschaft
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ............................................................................................................ 9
Die Lutherbibel in Kirche und Gesellschaft Nikolaus Schneider Luthers Arbeit an der Bibelübersetzung Ein Beispiel reformatorischen Theologie-Treibens ........................................ 11 Matthias Kamann Die Lutherbibel in der Gesellschaft ................................................................ 27 Alexander Deeg Lutherbibel und Perikopenrevision ................................................................ 39
Die Lutherbibel und ihre Geschichte Melanie Lange Zwischen Philologie und Theologie Zum Übersetzungsverständnis von Sebastian Münster und Martin Luther .... 59 Stefan Michel Die Revision der Lutherbibel zwischen 1531 und 1545 Beobachtungen in den Protokollen von Georg Rörer ..................................... 83 Heinrich Assel Gottesnamen und Kernstellen in Luthers Bibelübersetzung 1545 Eine systematisch-theologische Perspektive ................................................ 107 Helmut Roscher Johannes Diecmann und seine Stader Bibel(n) ............................................ 137 Ursula Götz »In jahrzehntelangem Ringen mit dem Urtext der Bibel« Luthers Arbeit an seiner Bibelübersetzung aus sprachhistorischer Perspektive ..................................................................... 147
Die aktuelle Durchsicht der Lutherbibel Christoph Kähler Erneute Durchsicht der Lutherbibel Probleme, Grundsätze, Ergebnisse und offene Fragen ................................. 165 Walter Klaiber Denkmalpflege versus Benutzerfreundlichkeit Überlegungen zur aktuellen Durchsicht der Lutherübersetzung .................. 183 Christoph Levin Die Durchsicht 2017 des Alten Testaments der Lutherbibel ........................ 189 Hermann Spieckermann Antwort auf die ersten Ergebnisse der Durchsicht des Alten Testaments ..... 213 Martin Karrer Die Durchsicht des Neuen Testaments in der Lutherbibel ........................... 221 Klaus Haacker Protestantisch gleich pedantisch? ................................................................. 241 Martin Rösel Die Durchsicht der Apokryphen in der Lutherbibel 2017 ............................ 247 Anhang: Bericht über die Tätigkeit der Apokryphenkommission 1964–1970 .......................................................................... 267 Markus Witte »Es hat nämlich nicht die gleiche Kraft, wenn etwas in der eigenen Sprache auf Hebräisch gesagt wird und wenn es in eine andere Sprache übersetzt wird« (SirProl 21f.) Anmerkungen zur Übersetzung der Apokryphen in der Revision der Lutherbibel 2017 .................................................................................... 273
Die Lutherbibel und andere Bibelübersetzungen Klaus Wengst Blicke aus meiner Mitarbeit an der »Bibel in gerechter Sprache« auf die Lutherbibel und ihre Revisionen ...................................................... 291
Pieter Oussoren Naardense Bijbel Eine holländische Pfarrer-Übersetzung der Bibel, um predigen zu können ................................................................................ 307 Hannelore Jahr Die BasisBibel Herausforderungen einer Bibelübersetzung im digitalen Zeitalter ............... 315 Joachim Wanke Die Revision der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift von 1979 Ein Zwischenbericht (Stand Oktober 2013) ................................................. 331 Carl S. Ehrlich Die christlich-jüdische Tanach-Übersetzung des Verlags der Weltreligionen .......................................................................... 341
Verzeichnisse Die Autorinnen und Autoren ........................................................................ 355 Bibelstellenregister ....................................................................................... 359
Vorwort »Und was soll ich viel und lange sagen vom Dolmetschen? Sollt’ ich aller meiner Wort Ursachen und Gedanken anzeigen, ich müsste wohl ein Jahr dran zu schreiben haben. Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei, das hab ich wohl erfahren…« 1
Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers ist trotz – oder gerade wegen – ihres Alters von 520 Jahren die wichtigste deutschsprachige Bibelübersetzung. Überdies hat sie eine eminente Bedeutung für die Ausprägung der hochdeutschen Sprache. Da sich sowohl die Sprache weiterentwickelt, als auch die Theologie wichtige Erkenntnisfortschritte macht, wurde Luthers Übersetzung über die Jahrhunderte hinweg immer wieder überarbeitet und aktualisiert. Im Horizont des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine weitere gründliche Durchsicht der Lutherbibel in Auftrag gegeben. Der Text der Revision von 1984 soll an den Stellen überarbeitet werden, an denen sich inzwischen neue textkritische und exegetische Einsichten ergeben haben. Die Arbeiten an dieser Durchsicht werden durch eine Reihe von Tagungen begleitet, in denen verschiedene Aspekte der Lutherbibel und ihrer Revisionsund Wirkungsgeschichte behandelt werden. Der vorliegende Band dokumentiert die Referate einer Konferenz, die vom 17.–19. Oktober 2013 an der Universität Rostock stattgefunden hat. Unter der Überschrift »Was Dolmetschen für Kunst und Arbeit sei« wurden der Öffentlichkeit erste Ergebnisse der aktuellen Durchsicht der Lutherbibel vorgestellt. Dies geschah in Form eines Rede-Gegenrede-Modells: Die zuständigen Koordinatoren des LutherbibelProjekts präsentierten den aktuellen Stand der Arbeiten in ihrem Bereich, darauf antworteten dann Fachkollegen, die nicht an der Durchsicht beteiligt sind. Als Ergebnis der so angestoßenen Diskussionen kann festgehalten werden, dass sich die Grundprinzipien der Durchsicht im wissenschaftlichen Diskurs bewähren, wenn es auch bei der Bewertung von Einzelfragen zu unterschiedlichen Positionen kommt. Der Kompromisscharakter einer jeden Bibelübersetzung wurde im Rahmen der Rostocker Tagung auch dadurch deutlich, dass die aktuelle Arbeit an der Lutherbibel in den Kontext gegenwärtiger deutschsprachiger Bibelübersetzungen gestellt wurde. Namhafte Vertreter der jeweiligen Projekte brachten ihre Grundsätze und Verfahrensweisen der Bibelübersetzung vor und setzten sie in Beziehung zur Lutherbibel. Weitere Themenkreise waren zum einen die Bedeutung der Lutherbibel in Kirche und Gesellschaft; hier setzte der öffentliche Vortrag des Ratsvorsitzen___________ 1
WA 30/2, 639,24–27.
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Vorwort
den der EKD, Nikolaus Schneider, der Tagung ein Glanzlicht auf. Zum anderen ging es um die Bibelübersetzung Martin Luthers im engeren Sinne, um ihre theologischen und sprachlichen Besonderheiten und um ihre Revisions- und Rezeptionsgeschichte. Die hier vorliegende Publikation wurde um zwei weitere wichtige Facetten dieses Themenschwerpunktes erweitert: Sie beschäftigen sich mit Luthers Stellung zu Sebastian Münster, dem führenden Hebraisten seiner Zeit, und mit einer wichtigen Etappe der Vereinheitlichung des Textes der Lutherbibel vor den Revisionsbemühungen des 19. Jahrhunderts. Die wichtigsten kirchenhistorischen und systematisch-theologischen Aspekte der Lutherbibel sowie die vielfältigen germanistischen Fragestellungen waren bereits im Jahr 2012 auf einer Konferenz in Jena diskutiert worden; ihre Ergebnisse sind in dem Band »Anmut und Sprachgewalt – Zur Zukunft der Lutherbibel« (hg. von Corinna Dahlgrün und Jens Haustein, Stuttgart 2013) dokumentiert. Zum Gelingen der Rostocker Tagung bedurfte es der Beteiligung vieler: Zu danken ist zunächst der EKD für die Förderung der Konferenz und der vorliegenden Publikation. Namentlich seien an dieser Stelle Herr Pfarrer JürgenPeter Lesch und Frau Jessica Fischer wegen ihrer umfassenden Hilfe auf organisatorischer Ebene erwähnt. Der Förderverein der Theologischen Fakultät Rostock »Theophil e.V.« hat sich großzügig für das leibliche Wohl der Konferenzteilnehmer engagiert; das Kulturhistorische Museum Rostock stellte mit den historischen Räumen des »Klosters zum Heiligen Kreuz« ideale Bedingungen für die Tagung zur Verfügung. Besonders zu danken ist schließlich den studentischen Hilfskräften, allen voran Henrike Zimmermann und Christian Pieritz, für ihre unschätzbare Hilfe bei der Durchführung der Tagung und der Erstellung der Druckvorlage.
Rostock, im Mai 2014
Melanie Lange, Martin Rösel
Walter Klaiber
Denkmalpflege versus Benutzerfreundlichkeit Überlegungen zur aktuellen Durchsicht der Lutherübersetzung
Dass der Rat der EKD für die Lutherübersetzung keine umfassende Revision, sondern lediglich eine behutsame Durchsicht verordnet hat, wurde von A. Beutel als Zeichen »der Verantwortung für einen zugleich geschichtsbewussten und gegenwartsoffenen Denkmalschutz« bezeichnet. 1 Mit dem Stichwort Denkmalschutz ist das Dilemma, in dem sich das Bemühen, um den Erhalt der Lutherbibel für das Leben der Kirche befindet, sehr treffend umschrieben. Wie bei vielen historischen Denkmälern stellt sich die Frage: Hat die Bewahrung der historischen Substanz absolute Priorität oder kommt der Benutzbarkeit für heute ein ähnlich starkes oder vielleicht noch etwas stärkeres Gewicht zu? Soll man um der Treue zum ursprünglichen Zustand willen in Kauf nehmen, dass ein Gebäude nur noch als Museum benutzt werden kann, oder auch moderne Einbauten akzeptieren, um es bewohnbar zu halten? Die Situation bei der Lutherbibel ist freilich komplizierter: Es gibt neben der Treue zu Luther und der Verpflichtung auf Verständlichkeit für heute eine dritte, entscheidende Bezugsgröße, nämlich die Treue gegenüber dem Ursprungstext. Hier hat sich die EKD durch ihre Ablehnung einer Teilnahme an der Revision der Einheitsübersetzung unter Berufung auf das sola scriptura im Sinne von Urtexttreue klar positioniert. Ich befürchte aber, dass die gleichzeitig geforderte Bewahrung von Luthers Sprache und Theologie an einigen Stellen dieser Position widerspricht und eher dem katholischen Traditionsprinzip entspricht. Grundsätzlich scheint mir das mit dem Stichwort »Durchsicht ja, aber keine Revision« ins Auge gefasste Ziel realistisch zu sein. Für eine gründliche Revision gibt es weder klare Kriterien, noch eine unmittelbare Notwendigkeit. Die vielgeschmähte Revision des NT von 1975, an der ich selber beteiligt war, meinte, in den von Professor Fritz Tschirch erarbeiteten sprachlichen Leitlinien solche Kriterien zu haben. Aber es hat sich gezeigt, dass eine solche Modernisierung zu sehr an die Substanz des zu erhaltenden Denkmals geht. 2 Aller___________ 1
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A. Beutel: »Es ist mein testament und mein dolmetschung, und sol mein bleiben unnd sein«. Bemerkungen zur theologischen und sprachlichen Klassizität der Luther-Bibel, in: Anmut und Sprachgewalt. Zur Zukunft der Lutherbibel. Beiträge der Jenaer Tagung 2012, hg. von C. Dahlgrün und J. Haustein, Stuttgart 2013, 17–37: 34. Zur Diskussion um diesen Versuch vgl. S. Meurer (Hg.): Verrat an Luther? Bilanz einer Bibelrevision (BIDW 17), Stuttgart 1977.
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Walter Klaiber
dings sind die Grenzen zwischen bloßer Durchsicht und Revision fließend, wie das ja schon in dem Referat von Bischof Kähler deutlich wurde. Die Beurteilung der Frage, wo Veränderungen nötig sind, wird dadurch kompliziert, dass Luther erkannt hat, dass eine gute Übersetzung oft nicht einfach »wörtlich« sein kann, sondern die kommunikative Dimension der Sprache berücksichtigen muss. Das war freilich dann auch die Stelle, wo seine theologischen Erkenntnisse seine Übersetzung prägten und beeinflussten. Das berühmteste und umstrittenste Beispiel ist die Einfügung eines allein in die Aussagen zur Rechtfertigung durch den Glauben in Röm 3,28. Dass Luther hier sowohl aus sprachlichen als auch aus theologischen Gründen grundsätzlich Recht hatte, ist heute so allgemein anerkannt, dass dieses allein sogar im ersten Entwurf der Einheitsübersetzung stand. Sehr viel kritischer wäre ein zweites prominentes Beispiel einer »freien« Übersetzung zu beurteilen, nämlich die Übersetzung von δικαιοσύνη θεοῦ mit »Gerechtigkeit, die vor Gott gilt« in Röm 1,17; 3,21; 2 Kor 5,21 (nur in Röm 3,5 steht auch im Deutschen die Genitivverbindung »Gerechtigkeit Gottes«). Für Luther und seine Zeit signalisierte das einen entscheidenden Durchbruch im Verständnis dessen, was »Gerechtigkeit Gottes« bedeutet. Aber schon Luther spürte, dass damit nur eine Nuance des Gemeinten getroffen war und erwog, ob man nicht von der »Gerechtigkeit, die Gott macht« bzw. »wirkt« reden solle. 3 Aber angesichts dessen, was in den letzten Jahrzehnten vom Alten Testament aus über das Wesen der Heil schaffenden Gerechtigkeit Gottes erarbeitet worden ist, wird man gerade dann, wenn man Luthers Anliegen grundsätzlich teilt, seine Übersetzung kaum noch als adäquate Wiedergabe dessen ansehen können, was Paulus an dieser Stelle sagen wollte. Wer über diese Stelle predigt, wird auch in Kommentaren lutherischer Exegeten kaum noch eine Erläuterung der Übersetzung Luthers finden. Nur Peter Stuhlmacher geht auf die Diskrepanz zwischen Luthers Interpretation und heutiger exegetischer Erkenntnis ein: »Während Luther nach Trost für das angefochtene Gewissen des einzelnen Sünders suchte und sich ihm die Paradiespforten öffneten, als er in Röm 1,16f., die Botschaft von der den Glaubenden im Evangelium geschenkweise eröffneten ›Gerechtigkeit, die vor Gott gilt‹ fand, verfolgt Paulus gerade im Römerbrief das Ziel zu zeigen, wie Gott der Schöpfer und Richter für Juden und Heiden durch die Sendung seines Sohnes in die Welt Rettung wirkt«. 4 Nun hat nicht einmal die Revision von 1975 es gewagt, hier zu ändern; aber man hat in einer Anmerkung auf das Problem hingewiesen. Ich nenne das Beispiel, um das Dilemma aufzuzeigen, dem wir bei der Revision der Lutherübersetzung an manchen Stellen gegenüberstehen: Müssen wir Zeugnisse der Theo___________ 3 4
Vgl. das »Revisionsprotokoll« in WA DB 7, 1931,557. P. Stuhlmacher: Der Brief an die Römer (NTD 6), Göttingen 1989, 32.
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logie Luthers unter Denkmalschutz stellen, selbst wenn heute in Fortführung seines Ansatzes andere Formulierungen gewählt werden müssten, um das Evangelium, wie es in den Ausgangstexten verkündigt wurde, weiterzugeben? Mit dieser Frage im Hintergrund möchte ich zu den vom Leitungskreis entwickelten Kriterien anhand weniger Beispiele Stellung nehmen. Abgesehen von den von C. Kähler genannten Stellen kenne ich keine Einzelentscheidungen, die schon getroffen wurden; es könnte also sein, dass ich mit meinen Überlegungen offene Türen einrenne oder als einer fechte, »der in die Luft streichet« (1 Kor 9,26 Luther 1545).
1. Der Treue zum Urtext den Vorrang geben Das für mich auffallendste Beispiel, wo Luthers Text bis jetzt diesem Prinzip widerstreitet, steht in Micha 6,8. Bei Luther heißt es hier – und zwar im Prinzip seit 1545: »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.« Die Übersetzung gibt bei keiner der drei genannten Forderungen wirklich den hebräischen Text wieder. Dieser ist relativ eindeutig, und trotz Abweichungen im Detail stimmen die anderen Übersetzungen, einschließlich der Kommentare, mit dem Text der Zürcher Bibel überein: Gott fordert von seinem Volk, »Recht zu üben und Güte zu lieben und in Einsicht mit deinem Gott zu gehen«. Spannend ist, dass auch schon Luther gesehen hat, dass im Hebräischen nicht »Gottes Wort halten« steht, sondern – wie eine lateinische Randglosse der Ausgabe von 1545 sagt – Facere iudicium, also »Recht üben«. 5 Warum er dennoch so nicht übersetzt hat, kann man nur vermuten. Allerdings gehört Mi 6,8 in der Fassung Luthers zum traditionellen Spruchgut der evangelischen Kirche, und so wird hier wohl die von C. Kähler angeführte Regel greifen: »Je tiefer ein Text im Gedächtnis der Gemeinden verankert ist, desto weniger darf am Obertext geändert werden.« Oder wie es in den Revisionsregeln von 1928 heißt: »›Kernstellen‹ sind besonders pfleglich zu behandeln!« 6 Aber mit Verlaub gesagt: Damit wird das sola scriptura verlassen und einem Traditionsprinzip gehuldigt, das man den Katholiken bei der Ablehnung der Mitarbeit bei der Revision der Einheitsübersetzung vorgehalten hat. Zumindest eine Anmerkung mit der richtigen Übersetzung müsste hier stehen; bzw. wenn man dem genannten Grundprinzip treu bleiben möchte, müsste eigentlich Luthers Übersetzung in die Anmerkung. ___________ 5
Ich zitiere die Ausgabe von 1545 hier und im Folgenden nach der Faksimileausgabe, Stuttgart 21980, bzw. nach H. Volz (Hg.): D. Martin Luther, Die gantze Heilige Schrifft Deudsch, Wittenberg 1545, Darmstadt 1972. 6 Nach K. D. Fricke / S. Meurer (Hg.): Die Geschichte der Lutherbibelrevision von 1850– 1984 (AGWB 1), Stuttgart 2001, 352.
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Ein vergleichbarer Fall findet sich in Mt 5,9. Seit 1522 heißt diese Seligpreisung in Luthers Übersetzung: »Selig sind die Friedfertigen«. Dass damit das griechische εἰρηνοποιοί nicht angemessen wiedergegeben war, wusste Luther; darum erscheint in der Ausgabe von 1545 am Rand die Anmerkung: »Die Friedfertigen sind mehr denn Friedsamen, nämlich die den Friede machen, fördern und erhalten unter andern«. Offensichtlich stand Luther aber das Wort »Friedensstifter« noch nicht zur Verfügung. 7 Die Revision von 1975 änderte deshalb in: »Selig sind, die Frieden stiften«, während die von 1984 wieder zu Luther zurückkehrte, aber als Anmerkung schreibt: »andere Übersetzung: die Frieden stiften«, was eigentlich ein Euphemismus ist; es müsste heißen: richtige Übersetzung. Es ist mir unerklärlich, warum eine Übersetzung, die schon Luther als erklärungsbedürftig ansah, nicht geändert werden darf.
2. Missverständnisse vermeiden Missverständnisse zu vermeiden, ist nicht immer möglich. Die Revision von 1975 hat dem Vorbild von U. Wilckens folgend versucht, den äußerst missverständlichen Begriff »Fleisch« sachgerecht zu umschreiben. Das geht in einer Übersetzung dieses Typs nicht, zumal es sich dabei nicht um ein veraltetes Wort in Luthers Übersetzung handelt, sondern um einen zentralen biblischen Begriff. Wird er durch verschiedene Umschreibungen ersetzt, geht zu viel von dem verloren, was für das Netz an Bedeutungsnuancen dieses Begriffs charakteristisch ist. Man wird ihn erklären müssen. Ich bin auch damit einverstanden, dass bei einer Durchsicht oder Revision der Lutherbibel nicht die Frage: »Spricht man heute noch so?« leitend sein kann, sondern die Frage: »Versteht man es heute noch?« Aber ich denke, die Frage muss erweitert werden und lauten: »Versteht man es heute noch so, wie es ursprünglich gemeint war?« Denn es gibt genügend Begriffe aus Luthers Sprache, die man heute noch sehr gut versteht, aber ganz anders als zu Luthers Zeiten. Viele von ihnen sind im Laufe des Revisionsprozesses ersetzt worden (z. B. fromm, gemein oder Weib). Ich möchte zur Diskussion stellen, ob dies nicht auch für einen Begriff nötig ist, der für Luther sehr wichtig war, aber heute ganz anders verstanden wird. Wo immer mit dem griechischen Wortstamm σώζειν/σωτηρία Gottes endgültiges rettendes Handeln gemeint ist, hat er ihn mit »selig machen« bzw. im Passiv mit »selig werden« übersetzt. Ich habe drei Ausnahmen gefunden: In Joel 3,5 schreibt er »errettet werden«; aber wo diese Stelle im NT zitiert wird, heißt es »selig werden« (Act 2,21; Röm 10,13). In Röm 5,9 erforderte die Konstruktion eine andere Übersetzung: »behalten [1984: bewahrt] werden vor dem Zorn«; aber im folgenden Vers 10 steht dann wieder »selig werden«. Am ___________ 7
Grimms Wörterbuch nennt als frühesten Beleg Christian Felix Weißes (1726–1804) Kinderfreund, Band 7 (nach 1775).
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merkwürdigsten ist die Abweichung in 1 Tim 2,4, wo Luther schreibt: »Gott will, dass allen Menschen geholfen werde.« Scheute er davor zurück zu sagen: »Gott will, dass alle Menschen selig werden?« Luther arbeitet hier also sehr bewusst mit verschiedenen Begriffen; dennoch bleibt das Problem, dass heute »jemanden selig machen« etwas ganz anderes bedeutet als das, was Luther aussagen wollte. Die Revision von 1975 hat darum konsequent »retten« bzw. »gerettet« werden geschrieben und so die Konkretion und die Weite des zugrunde liegenden griechischen Begriffs bewahrt. Die Rückrevision von 1984 hat dies an nicht ganz der Hälfte der Stellen stehen lassen – wohl nicht, weil man noch etwas vom NT 1975 »retten« wollte, sondern weil an einigen Stellen die alte Formulierung zu merkwürdig klingt, so etwa in Mt 1,22 die Aussage, das Kind werde »sein Volk selig machen von seinen Sünden«, oder in Joh 3,17 Gott habe den Sohn gesandt, dass »die Welt durch ihn selig werde«, in Röm 8,24 »wir sind wohl selig«, oder in 1 Kor 9,22 vom Bemühen des Paulus, »jedermann allerlei« zu werden, »daß ich […] etliche selig mache«. Wäre es nicht konsequent, überall auf das viel verständlichere und dem Urtext nähere »retten« zurückzugreifen? Ich wage nicht zu hoffen, dass das unter dem Vorzeichen Durchsicht möglich ist. Aber als Prediger, der meist den Luthertext verwendet, finde ich es mühsam, dass man so oft zuerst die Übersetzung übersetzen muss, bevor man auslegen kann, was der Text sagt. Mit Verwunderung habe ich die Absicht zur Kenntnis genommen, in Ps 42,2 wieder zur Formulierung Luthers »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser« zurückzukehren. Dafür sind wohl weniger theologische als vielmehr ästhetische Gründe maßgebend. Das »Schreien« scheint von »elementarerer Wucht« (Kähler) zu sein als das »Lechzen«, zumal die Revision von 1964 im Nachsatz »schreien« stehen lassen hat. Allerdings schreiben alle Übersetzungen, die ich eingesehen habe, »lechzen«, und auch die neueren Lexika geben für ערגnur die Bedeutung »verlangen nach, lechzen« an, die auch in Joel 1,20, wo das Verb noch vorkommt, ganz eindeutig vorliegt. Entscheidend sollte aber folgende Überlegung sein: Nach allem, was ich über die Lautäußerung von Hirschen in Erfahrung gebracht habe, schreien sie nicht nach Wasser, auch nicht die Hirschkühe, und das eindrückliche Schreien der männlichen Tiere hat andere Ursachen. So eindrücklich Luthers Formulierung ist, sie gibt das vom Psalm gebrauchte Bild missverständlich wieder, ja ist in Gefahr, es lächerlich zu machen. 8 7F
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Zitat eines Försters nach einer Predigt, in der der Prediger das »Wie der Hirsch schreiet« sehr eindringlich am Röhren des Hirsches veranschaulicht hatte: »Wenn du wüsstest, wonach der schreit!«
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3. Inklusiv formulieren, wo erforderlich und möglich Ein kurzes Wort zu geschlechtergerechten Formulierungen. Einerseits ist das eine endlose Geschichte, und es ist Vorsicht geboten, nicht Anachronismen zum Opfer zu fallen. 9 Andererseits war Luther selbst sensibel für dieses Thema. Das zeigt sich etwa daran, dass er in der Regel υἱοὶ θεοῦ, wenn alle Christen gemeint sind, mit »Kinder Gottes« übersetzt hat (wobei wir heute »Söhne und Töchter« bevorzugen würden). Es scheint mir deshalb zwingend zu sein, in den Briefen die Anrede ἀδελφοί mit Brüder »und Schwestern« oder »Geschwister« wiederzugeben, denn erstens ist sprachlich eindeutig nachzuweisen, dass die grammatikalisch maskuline Form des Plural diese Bedeutung hat, und zweitens ist es an mehreren Stellen der Briefe evident, dass Paulus mit diesem Wort auch Frauen anredet (vgl. Phil 4,1–3). Ich muss schließen. Die Grundfrage ist: Kann die Lutherbibel als eine Art lebendiges Denkmal erhalten bleiben? Meiner Ansicht nach wird das nur gelingen, wenn die Denkmalpflege wirklich »gegenwartsoffen« agiert, wie Beutel das formuliert. Wer – wie das bei der Jenaer Tagung geschah – fordert, dass diese Übersetzung sachgemäß nur im Faksimile der Ausgabe von 1545 bewahrt werden kann, macht sie zum Museumsstück. 10 Soll sie die Grundlage gegenwärtiger Verkündigung bleiben, muss sie unter ständiger Kontrolle am Urtext und mit Blick auf heutige Verständlichkeit immer wieder sorgsam »durchgesehen« oder revidiert werden.
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Zur Auseinandersetzung mit dieser und anderen Grundsatzfragen der Bibelübersetzung vgl. W. Klaiber: (Bibel-)Übersetzen – eine unmögliche Aufgabe?, ThLZ 133 (2008), 467–492. 10 So T. Cramer: Wider die Verständlichkeit um jeden Preis, in: Dahlgrün / Haustein: Anmut und Sprachgewalt (Anm. 1), 123–130: 130; ähnlich H.-J. Schrader: Zwischen verbaler Aura und Umgangsdeutsch, ebd., 145–180: 180.