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Bibel und Bild


Sonja Poppe

Bibel und Bild

Die Cranachschule als Malwerkstatt der Reformation


Inhalt

Sonja Poppe, Jahrgang 1980, studierte Evangelische Theologie, Religionspädagogik und

Deutsch für das Lehramt an Gymnasien. Seit abgeschlossenem Referendariat arbeitet sie als freiberufliche Lektorin, Autorin und Kolumnistin für verschiedene Buchverlage und Zeitungen. Außerdem schreibt sie für das Internetportal »evangelisch.de« und betreut Social-Media-Projekte. Ihre thematischen Schwerpunkte liegen im kulturellen, kirchlichen und religiösen Bereich. Sonja Poppe lebt und arbeitet nahe Osnabrück.

Vorwort

7

1 Einleitung 1.1

Wie Lucas Moller aus Kronach an den sächsischen Hof kam  9

1.2 In sächsischen Diensten  11 1.3 Die Zeiten ändern sich  15 Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2014 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig Printed in Germany · H 7751 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheber­rechts­gesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Das Buch wurde auf alterungsbeständigem Papier gedruckt.

Coverbild: Schöpfungsbild von Cranach, © Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek Gestaltung: Thomas Puschmann · fruehbeetgrafik.de, Leipzig Druck und Binden: GRASPO CZ a. S., Zlin ISBN 978-3-374-03795-7 · www.eva-leipzig.de ISBN 978-3-438-06237-6 · www.dbg.de

Adam und Eva im Paradies

40

2.3 Eigenwillige Schönheit und unterschwellige Erotik  42

David und Batseba  46 2.4 Zwischen Ermahnung und Verführung  48 Simson und Delila  50 2.5 Die Macht der Frauen  52

1.4 Kunst im Schnellverfahren  18 1.5 Freundschaftsbande  22 1.6 Wie der Vater, so der Sohn?  25

3 Neues Testament

Christus segnet die Kinder

56

3.1 Wehret ihnen nicht  57

2 Altes Testament Die Schöpfung  30 2.1 Bilder zur Bibel  32 Paradies  34 2.2 Paradiesische Harmonie  36

Christus und die Samariterin am Jakobsbrunnen  60

3.2 Vom richtigen Glauben  62

Christus und die Ehebrecherin

3.3 Wie malt man Gnade?  67

66


Das Abendmahl

70

Nachwort

Vorwort Vorwort

111

3.4 Protestantische Fürsten in Szene gesetzt  71

5 Anhang Christus am Kreuz  74 3.5 Glaubensbekenntnis und Würdigung des Vaters  75

Biografische Eckdaten  115

Literatur  117

4 Reformation

Die Lutherporträts

81

4.1 Cranach gibt der Reformation ein Gesicht  81 Polemische Holzschnitte  87 4.2 Konfessionelle Kampfansage in Bildern  87

Madonna mit Kind unter dem Apfelbaum  92

4.3 Maria evangelisch betrachtet  94 Gesetz und Gnade  96 4.4 Ein reformatorisches Lehrbild  97

Wittenberger Reformationsaltar

102

4.5 Vom Wesen der Kirche  103

Zitate  116

Bildnachweis  118

Können Sie sich eine Welt ohne Bilder vorstellen? Was wäre mit dem Kunstdruck über dem Bett, der Fototapete in der Küche und den fröhlichen Teddys auf der Cornflakes-Packung? Was mit den bunten Reklametafeln an der Bushaltestelle, der Pinnwand voller Urlaubskarten im Büro? Und – ja, ein Computer ohne Bilder lässt sich auch kaum vorstellen. Was, wenn in Zeitschriften plötzlich nur noch Buchstaben zu sehen wären und der Abend keinen Fernseher mehr hätte? Bilder lassen sich aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegdenken. Handys können inzwischen fotografieren und den Schnappschuss zeitgleich ins Internet stellen, noch einen kurzen Dreiwortsatz dazu und weiter geht’s. Ganze Konzerne leben davon. Bilder strukturieren unsere Welt. Wir kommunizieren über Bilder, immer schneller und vor lauter Überfluss auch immer oberflächlicher. Ihren Anfang nahm diese rasante Entwicklung vor mehr als 500 Jahren, als sich durch den optimierten Buchdruck nie dagewesene Möglichkeiten zur schnellen Verbreitung von Text und Bild boten. Zwei Menschen aus dem auch damals eher kleinen Wittenberg gehörten zu denjenigen, die das Potential, das dahintersteckte, erkannten und für ihre Zwecke zu nutzen wussten: Martin Luther, dessen Bibelübersetzung in allgemeinverständlichem Deutsch sich durch den Buchdruck schnell in Umlauf bringen ließ und zum Bestseller wurde sowie Lucas Cranach, der die Schriften Martin Luthers – auch die Bibel – illustrierte und dem Reformator durch massenhaft angefertigte Porträts sein bis heute überall bekanntes Gesicht gab.

Während andere Reformatoren nicht nur den altgläubigen Umgang mit Heiligenbildern, sondern religiöse Bilder an sich ablehnten, hielt Luther Bilder zu Lehrzwecken durchaus für berechtigt. Gemeinsam mit Lucas Cranach entwickelte er eine neue Bildsprache, mit der sich seine reformatorischen Überzeugungen selbst leseunkundigen Menschen vermitteln ließen. Anlässlich des 500. Geburtstags Lucas Cranachs des Jüngeren, des Sohnes, Mitarbeiters und Nachfolgers des älteren Cranachs, erinnert das Themenjahr »Reformation – Bild und Bibel« im Jahr 2015 an das gemeinsame Schaffen von Vater und Sohn. Die Bilder aus ihrer Werkstatt laden in ihrer Detailfülle und Farbigkeit noch heute zum Betrachten ein – mit einem kurzen Blick zu erfassen, wie wir es inzwischen gewohnt sind, sind sie jedoch nicht. Dieses Buch soll Lust machen, etwas genauer hinzusehen und eine Zeit des Umbruchs kennenzulernen, in der Bilder gerade erst begannen, ihren Siegeszug als Kommunikationsmedium anzutreten. Holzhausen, im Juni 2014 Sonja Poppe

Zitate wurden behutsam der aktuellen deutschen Sprache und Rechtschreibung angepasst. Weitere Infos und Lesungstermine unter: www.cranachbild-und-bibel.de 7


1/

Einleitung

1.1 Wie Lucas Moller aus Kronach an den sächsischen Hof kam Das Mittelalter ging in den Jahren um 1500 seinem Ende entgegen und machte der Neuzeit Platz. Renaissance und Humanismus brachten eine Rückbesinnung auf die Kultur der Antike und die Entdeckung der menschlichen Individualität. Der um 1450 von Johannes Gutenberg erfundene Buchdruck hatte bereits Verbreitung gefunden, 1492 erweiterte die Entdeckung Amerikas den menschlichen Vorstellungshorizont. Das städtische Bürgertum gewann an Macht und Einfluss; der Kirche dagegen mangelte es an charismatischer Leitung, kritische Stimmen mehrten sich. All das schlug sich auch in der Kunst nieder. Von neuen Auftraggebern bezahlt, konnten die Künstler beginnen, neben den kirchlichen auch andere Themenfelder für sich zu erschließen.

Lucas Cranach d. Ä. »Selbstbildnis« Öl auf Holz von 1531 Schloss Stolzenfeld, Koblenz

In dieser Zeit des Umbruchs kam um das Jahr 1472 herum im fränkischen Kronach östlich von Coburg der erste Sohn des dort ansässigen Malers Hans Moller und seiner Frau Barbara zur Welt. Die Eltern gaben ihm den Namen Lucas – der Evangelist Lukas galt als Patron der Maler. Vielleicht hoffte der Vater schon damals, dass sein Sohn einmal in seine Fußstapfen treten und ebenfalls Maler werden würde. Nur sehr wenig ist bekannt über Lucas’ Kindheit und Jugend. Von seinen vermutlich sieben Geschwistern starben

drei schon im Kindesalter. Seine Ausbildung erhielt Lucas in der väterlichen Werkstatt. Auch eine Lateinschule wird er besucht haben. Das jedenfalls deutete viele Jahre später sein Cousin Matthias Gunderam in einem kurzen Lebenslauf des inzwischen berühmten Malers an. Während sein Vater wohl vor allem als Handwerksmeister tätig war, muss Lucas sich schon früh auch für die künstlerischen Aspekte des Malerberufes interessiert haben. Als seine Mutter Anfang der 90er Jahre des 15. Jahrhunderts starb, hatte Lucas seine Lehrzeit und die ersten Wanderjahre sicher schon hinter sich. Anschließend unterstützte er seinen Vater in der Werkstatt. In diesen Jahren kam es wegen eines Nachbarschaftsstreits, in den Lucas und seine Geschwister verwickelt waren, zu einem Prozess, bei dem letztlich beide Streitparteien zu einer Geldstrafe verurteilt wurden. Aus den entsprechenden Akten erfährt man, dass der inzwischen 25-jährige Lucas im elterlichen Haus ein eigenes Zimmer bewohnt haben muss und sich 1498 für einige Zeit nicht in Kronach aufhielt – vielleicht arbeitete er schon damals an größeren Aufträgen außerhalb der Werkstatt. Aus dieser frühen Zeit ist allerdings kein einziges Werk erhalten geblieben, so dass sich auch hier nur Vermutungen anstellen lassen.

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Um 1500 verließ er dann endgültig seine Geburtsstadt und begab sich erneut auf Wanderschaft.

Ausdrucksstarke Frühwerke Über Nürnberg und Coburg gelangte der nicht mehr ganz junge Maler, der sich nach seiner Heimatstadt Lucas Cranach nannte, um 1502 schließlich nach Wien. Was ihn dort hinzog, ist nicht bekannt. Schnell knüpfte er jedoch Kontakte zu Conrad Celtis und anderen Humanisten der Universität. Künstlerisch waren Cranachs Interessen in diesen Jahren breit gefächert. Er zeichnete, malte und fertigte für den Wiener Buchdrucker und Verleger Johannes Winterburger zahlreiche Holzschnitte an. Auch thematisch war er nicht festgelegt. Er beschäftigte sich mit mythologischen Themen, fertigte Altarbilder und für die neue zahlungskräftige Bürgerschaft auch private Andachtsbilder und Porträts. Das Doppelporträt des Dr. Cuspinian und seiner Frau, das Cranach 1502/03 anlässlich der Hochzeit des Humanisten mit seiner 18-jährigen Frau Anna anfertigte, gehört zu den frühesten heute bekannten Werken Cranachs überhaupt. Liebevoll und ausdrucksstark stellt Cranach das junge Paar auf zwei Tafeln vor einer detailreich wiedergegebenen Landschaft dar. Die beiden schauen sich nicht an, sind aber durch ihre zugewandte Haltung als zusammengehörig zu erkennen. Sichtlich bemühte sich Cranach um die Herausbildung einer eigenen Bildsprache. Immer wieder griff er auch bekannte Themen auf und versuchte, sie neu auszugestalten. Auffällig dabei sind vor allem die aufwändig ausgearbeiteten, heimatlich anmutenden Landschaften, aus denen sich seine genaue Beobachtungsgabe ablesen lässt. Auch die perspektivisch richtige Darstellungsweise, die in der italieni10

schen Renaissance ihren Ursprung hatte, beherrschte er bereits, obwohl er selbst nie in Italien war. Vor dem Hintergrund dieser Landschaften sind mal ein büßender Hieronymus, mal eine Kreuzigungsszene in eigenwilliger Anordnung der drei Kreuze oder auch die Heilige Familie zu sehen. Die idyllisch-ausdrucksstarken Gemälde seiner Frühzeit in warm leuchtenden Farben und expressiver Linienführung machten ihn zu einem Vorreiter der später so genannten Donauschule – einer Stilrichtung der deutschen Malerei, die unter anderem Landschaft und Lichteinfall als eigenständige Stimmungsträger für sich entdeckte. Cranachs Gemälde »Ruhe auf der Flucht nach Ägypten«, das die heilige Familie, begleitet von einer Engelsschar, bei der Rast in einem urigen Wäldchen zeigt, gilt vielen bis heute als sein schönstes Bild überhaupt. Der Kunsthistoriker und Cranach-Biograf Richard Muther, der Cranachs frühe Werke insgesamt höher schätzte als die späteren, urteilte zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Cranach »malt die Ruhe der heiligen Familie auf der Flucht nach Ägypten, nur um das wohlige Gefühl zu schildern, das ein müder Wanderer hat, der in einer lauschigen, stillen Wald­ecke Rast macht«. Das war durchaus anerkennend gemeint, denn so stellte Muther außerdem fest: »Gerade dieser Sinn für das Waldleben macht uns Cranach so lieb. Weil er als erster – lange bevor Tieck das Wort geprägt – den Zauber der Waldeinsamkeit malte, wecken seine Bilder Empfindungen, die uns weder Jan van Eycks noch Burgkmairs oder Grünewalds Werke geben.«

Berufung nach Wittenberg Während Cranach sich noch in Wien aufhielt, setzte der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise die Umgestaltung

Wittenbergs zur angesehenen Residenzstadt fort. An der Stelle des abgerissenen ehemaligen Askanierschlosses hatte Friedrich bereits ein neues Schloss errichten lassen. Dabei handelte es sich nicht mehr, wie bisher üblich, um eine wehrhafte Burganlage, sondern um ein repräsentatives Wohnschloss. 1502 gründete Friedrich der Weise die Universität Wittenberg. Schnell entwickelte sie sich zu einem Zentrum humanistisch geprägter Bildung, das Gelehrte und Studenten anzog. Sie prägten das kulturelle Leben am Hof und in der Stadt von nun an mit und bescherten Wittenberg auch wirtschaftlich einen enormen Aufschwung. Der Kurfürst zeigte großes Interesse an Kunst und Kultur und entwickelte einen gewissen Ehrgeiz, die besten Männer seiner Zeit an seinen Hof zu holen. Schließlich galt es, das neue Schloss und auch die Residenzen in Torgau, Weimar und Lochau angemessen ausstatten zu lassen. Stück für Stück entwickelte sich sein Hof auf diese Weise zu einem der prunkvollsten der Zeit neben dem des Kaisers Maximilian I. An der Ausstattung des Schlosses mitgearbeitet haben so bekannte Künstler wie Albrecht Dürer, Hans Burgkmair,

Tilman Riemenschneider, Jacopo de’ Barbari und schließlich auch dessen Nachfolger im Amt des Hofmalers, Lucas Cranach. Wie es dazu kam, dass ausgerechnet Cranach im Jahr 1504 an den sächsischen Hof berufen wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Vermutlich hatte sich Friedrich der Weise auch um Albrecht Dürer bemüht, der schon häufiger für ihn gearbeitet hatte. Der scheint aber bereits in Nürnberg gebunden gewesen zu sein. Dass der Kurfürst dann auf Lucas Cranach kam, zeigt an, dass der Künstler unter seinen Zeitgenossen bereits durchaus bekannt und hoch geschätzt war. Für Cranach selbst werden die mehr als gute Bezahlung und die Aussicht auf eine auf lange Jahre hin gesicherte Stelle den Ausschlag gegeben haben, der Berufung zu folgen. Zudem bot die Anstellung als Hofmaler auch einige Freiheiten, denn die sonst üblichen Einschränkungen durch Zunftregeln galten hier nicht. So brach der inzwischen 33-jährige, noch unverheiratete Lucas Cranach seine Zelte in Wien wieder ab und eröffnete 1505 seine Werkstatt in Wittenberg.

1.2 In sächsischen Diensten 1506 erfolgte die Grundsteinlegung der Peterskirche in Rom, ein Jahr später schrieb Papst Julius II. zugunsten des Neubaus einen Ablass aus. Während die Kirche auf Abweichler mit verstärktem Einsatz der Inquisition reagierte, wurde die Kritik an der Geldpolitik der römischen Kurie immer lauter. Der Volksfrömmigkeit tat das keinen Abbruch. Man suchte nach dem persönlichen Seelenheil, fand Trost bei Maria und den Heiligen und be-

geisterte sich für Reliquien und Wallfahrten. 1508 kam Martin Luther zum Studium erstmals für etwa ein Jahr nach Wittenberg. Nach seiner Romreise, die ihm zwiespältige Erfahrungen einbrachte, zog er 1511 endgültig in die kleine Stadt an der Elbe. Wittenberg hatte damals nur etwa 2000 Einwohner, es gab 400 Häuser.

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In den Jahren 1505 bis 1512 arbeitete Lucas Cranach ausschließlich im Dienst des Kurfürsten. Die Vielfalt seiner Aufgaben reichte schon in dieser Zeit weit über das hinaus, was man sich heute unter dem Betätigungsfeld eines Kunstmalers vorstellen würde. Rechnungen belegen: Cranach hatte nicht nur Buchillustrationen und Gemälde für den privaten, repräsentativen und religiösen Bereich zu liefern, sondern war auch mit der Ausstattung und Umgestaltung der Schlösser in Wittenberg, Coburg, Lochau, Torgau und Altenburg betraut. Dort bemalte er Wände und Decken – leider sind diese Wandmalereien heute nicht mehr erhalten. Er verzierte Möbel, Turnierdecken und Kutschen. Außerdem entwarf er die Dekoration für Jagdveranstaltungen und Feierlichkeiten, kreierte Hofgewänder und Karnevalskostüme, gestaltete Wappen und Münzen. Daneben übernahm er auch ganz handwerkliche Malerarbeiten und sorgte für den Anstrich von Zäunen, Häusern und Schlitten. Unterstützt wurde er dabei zunächst von einem Lehrling, später von mehreren Lehrlingen und Gesellen. Zusätzlich begleitete der Maler den Kurfürsten unter anderem bei seinen Jagdveranstaltungen und begab sich auf diplomatische Reisen. Ein so breit gefächertes Betätigungsfeld war für einen Hofmaler auch damals nicht üblich. Friedrich der Weise muss dem unermüdlichen Künstler vertraut und ihn sehr geschätzt haben. Das äußerte sich auch in der mehr als guten Bezahlung: Lucas Cranach erhielt mit 100 Gulden die gleiche Entlohnung wie ein Wittenberger Universitätsprofessor. Materialien und fertige Werke wurden extra bezahlt. Jährlich erhielt er ein Sommer- und ein Wintergewand. Auch das Futter für sein Pferd wurde vom Hof bereitgestellt. Verpflegt wurden Cranach und seine Malerjungen aus der Wittenberger Schlossküche. 12

Untergekommen war Lucas Cranach in der Malerstube im Schloss, wo er wohl mindestens bis 1510 wohnte – was Rechnungen über den Austausch eines Türschlosses und einen neu gesetzten Kachelofen andeuten. In den folgenden Jahren erst weisen Rechnungen über geliefertes Baumaterial darauf hin, dass er nun begann, ein eigenes Heim einzu­ richten.

Kurfürstliche Jagden und Liebe zur Tierwelt »Sooft die Fürsten Dich mit zur Jagd nehmen, führst Du eine Tafel mit Dir, auf der Du inmitten der Jagd darstellst, wie Friedrich einen Hirsch aufspürt oder Johann einen Eber verfolgt«, schrieb der Jurist und Rektor der Wittenberger Universität Christoph Scheurl 1508 in einem Widmungsbrief über Lucas Cranach. Die kurfürstlichen Jagden scheinen nicht nur den Fürsten, sondern auch dem Maler Vergnügen bereitet zu haben. 1506 begleitete Cranach seinen Kurfürsten Friedrich den Weisen und Herzog Johann den Beständigen nach Coburg zu einem halbjährigen Jagdlager. Cranach wurde nicht wie andere Bedienstete in der Stadt untergebracht, sondern wohnte zusammen mit den Fürsten auf der Veste, wo er Wandmalereien anzufertigen hatte. Außerdem begleitete er die Fürsten auf ihren Jagdzügen. Mit viel Liebe zum Detail hielt er dramatische Jagdszenen in Gemälden fest. Die Begeisterung am Darstellen der Tierwelt blieb dem Maler erhalten und lässt sich auch in späteren Werken immer wieder ausmachen.

Das Wittenberger Heiltumsbuch

Suche nach einem neuen Stil

Kurfürst Friedrich war ein frommer Mensch – bereits 1493 hatte er eine Pilgerreise nach Palästina unternommen. Außerdem war er Reliquienfan. Von seiner Pilgerreise soll er so viele neue Stücke mit in die Heimat gebracht haben, dass die gerade im Bau befindliche Wittenberger Schlosskirche noch erweitert werden musste, um auch die Neuerwerbungen unterbringen zu können. Die Sammlung aus geerbten und angekauften Stücken galt als die größte Sammlung dieser Art unter den deutschen Fürsten. Als besonders wertvoll galten zum Beispiel ein blutgefärbter Dorn aus der Dornenkrone Christi, ein Kreuzsplitter, ein Stück der Windel des Jesuskindes oder Stroh aus seiner Krippe. Aufbewahrt wurden diese Reliquien in reich verzierten Gefäßen, den Reliquiaren. Einmal im Jahr wurden sie öffentlich vorgeführt. Wer an den Vorführungen teilnahm, so glaubte man, erwirkte für sich einen Ablass. Die im 15. Jahrhundert populär gewordenen Heiltumsbücher gaben detaillierte Auskunft über Aussehen, Bestandteile und Wert der Reliquie und über die durch sie zu erlangenden Ablässe. 1509 illustrierte Lucas Cranach ein solches Heiltumsbuch für Friedrich den Weisen. Das Wittenberger Heiltumsbuch katalogisierte alle 5005 in der Wittenberger Schlosskirche aufbewahrten Stücke des Kurfürsten. Cranach lieferte 117 Darstellungen der Reliquiare im Holzschnitt zur Bebilderung des Buches, das vor allem dazu diente, Friedrich den Weisen als religiösen Herrscher und Besitzer eines großen Schatzes darzustellen. Denn nach damaligem Glauben hatte Friedrichs Reliquiensammlung immerhin einen Gegenwert von zwei Millionen Jahren Erlass an Fegefeuerqualen.

1508 sandte Friedrich der Weise Cranach in diplomatischer Mission in die Niederlande. Hier hatte der Maler nicht nur über eine offenbar geplante politische Hochzeit seines Kurfürsten und andere politische Themen zu verhandeln, sondern nutzte die Gelegenheit auch, um unter anderem in Antwerpen und Mechelen als Künstler neue Eindrücke zu sammeln. Die verstärkte Aufnahme renaissancehafter Elemente, besonders bei der Wiedergabe von Architektur, und eine neue Hinwendung zum Porträt zeugen in den folgenden Jahren davon. Auf dieser Reise traf Cranach auch auf den achtjährigen Erzherzog und späteren Kaiser Karl V., den er porträtierte. Die Anfertigung repräsentativer Porträts wurde ein wichtiger Bestandteil seines Repertoires, das er nun auch um die am Hof beliebten antik-mythologischen Themen erweiterte. Seine Gemälde zum Goldenen und Silbernen Zeitalter, zum Parisurteil, zu Venus und Amor sowie die Darstellungen der Lucretia oder ruhender Quellnymphen erfreuten sich großer Beliebtheit. Trotz Cranachs Offenheit für Neues bemängelt Richard Muther, der vom Frühwerk des Malers noch beeindruckt war, seine Kunst habe sich in Wittenberg zu einem »Spiegelbild dieses kleinstädtisch dumpfen, betriebsam nüchternen, pastorenhaft biederen Geistes«, der dort geherrscht haben soll, entwickelt. Und tatsächlich: Cranachs Wittenberger Werke haben im Vergleich zu den Frühwerken deutlich an Eigenwilligkeit und Ausdruckskraft verloren. Die Farben wirken gedeckter, die Linienführung ruhiger, manchmal gar vorsichtig tastend. Doch es war keine plötzliche Unfähigkeit, die dazu führte. Cranach versuchte, sich den Wünschen seiner Auf13


traggeber anzupassen und war auf der Suche nach einem höfisch-repräsentativen, weniger expressiven Stil. An Eigenständigkeit gewannen seine Gemälde erst wieder, als er begann, Aufträge auch außerhalb des kurfürstlichen Hofes anzunehmen. Richard Muther hat also nicht ganz unrecht, wenn er zusammenfassend feststellt: »Was seine Schwäche zu sein scheint, wird zum Vorzug, wenn man sich endlich entschließt, jeden Vergleich mit fremder Kunst zu lassen, wenn man ihn lediglich als Produkt unserer heimatlichen Erde auffasst.«

Erfolg und Anerkennung Dennoch oder gerade deswegen vermochte Cranach seine Zeitgenossen, allen voran seinen Kurfürsten, offensichtlich auf ganzer Linie zu überzeugen. Schon Anfang 1508 verlieh Friedrich der Weise seinem Hofmaler einen Wappenbrief. Darin heißt es: »Wir Friedrich Herzog zu Sachsen, des heiligen Römischen Reiches Erzmarschall und Kurfürst […] Als haben wir angesehen unseres Dieners und lieben Getreuen Lucas von Cranach Ehrbarkeit, Kunst und Redlichkeit, auch die angenehmen und gefälligen Dienste, so er uns oftmals williglich getan, […] [verleihen] mit wohlbedachtem Mut und gutem Rat demselben Lucas von Cranach dieses nachbenannte Kleinod und Wappen, mit Namen ein gelen [hellgelbes] Schild, darinnen eine schwarze Schlange, habend in der Mitte zwei schwarze Fledermausflügel, auf dem Haupt eine rote Krone und in dem Mund ein gülden Ringlein, darinnen ein Rubinsteinlein, und auf dem Schild einen Helm ein gelber Pausch, von Dornen gewunden, darauf aber eine Schlange […] also, dass er und seine ehelichen Leibeserben und derselben Erbeserben für und für in ewige Zeit dasselbe 14

Kleinod und Wappen haben […] gebrauchen und genießen mögen.« Die Schlange mit dem Ring im Maul nutzte Cranach von nun an auch als Signatur. Die Verleihung eines Wappens war eine große Auszeichnung. Friedrich der Weise muss mit seinem neuen Hofmaler rundum zufrieden gewesen sein. Dem Maler bescherte das Wappen das Privileg, künftig frei von allen Zunftregeln arbeiten zu können. Cranach, geschäftstüchtig und mit Stillstand nie zufrieden, wusste das für sich zu nutzen. In den folgenden Jahren baute er seine Werkstatt immer weiter aus und dominierte mit seinem durchorganisierten Betrieb schon bald das Kunstschaffen in der ganzen Region, was ihn zu einem der reichsten Männer Wittenbergs machte. Auch von anderen Seiten wurde Cranach Anerkennung zuteil. Man war beeindruckt von den naturgetreuen Darstellungen und seinem Arbeitseifer. Christoph Scheurl hob Cranachs Talent in seinem Widmungsbrief mit ganz persönlichen Worten hervor: »Als unsere Fürsten Dich vorigen

Cranachs Wappen, das er 1508 von Friedrich dem Weisen verliehen bekam

Sommer nach den Niederlanden schickten, um mit Deinem Talent zu prunken, bist Du wie Antron angelangt und hast gleich beim Eintritt ins Gasthaus mit einer vom Kohlenbecken genommenen erloschenen Kohle das Bildnis seiner Majestät des Kaisers Maximilian so auf die Wand gezeichnet, dass es von allen erkannt und bewundert wurde. […] Unseren vortrefflichen Fürsten Johannes hast Du aber so getreu

gemalt, dass nicht einmal, sondern wiederholt die Einwohner von Lochau, wenn sie zum Schloss kamen und durch das Fenster den oberen Teil des Bildes erblickten, mit entblößtem Haupt – wie es Sitte ist – betroffen die Knie beugten. Soviel ich sehe, bist Du, ich will nicht sagen keinen Tag, sondern vielmehr nicht eine Stunde müßig; immer ist der Pinsel geschäftig.«

1.3 Die Zeiten ändern sich 1512 promovierte Martin Luther zum Doktor der Theologie und übernahm den Biblischen Lehrstuhl in Wittenberg. 1514 wurde Albrecht II. Erzbischof und Kurfürst von Mainz, 1518 wurde er zum Kardinal ernannt. Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Der 19-jährige Karl V. wurde 1519 zum Kaiser gewählt, 1520 gekrönt. Vor dem Wormser Reichstag 1521 weigerte sich Luther, seine Ansichten zu widerrufen. Über ihn wurde die Reichsacht verhängt. Friedrich der Weise ließ ihn in Schutzhaft nehmen. Bis Anfang 1522 kam Luther, getarnt als »Junker Jörg«, auf der Wartburg unter, wo er in nur elf Wochen das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte.

und im Laufe der Jahre noch weiter ausbauen ließ, wurde später zum Hauptsitz der Familie. Die Häuser dienten nicht nur als Wohn- und Geschäftsräume, sondern auch als Geldanlage. Denn in den ersten fünf Jahren nach einem Hauskauf war man von der Steuer befreit. Als Cranach zum ersten Mal Steuern zahlte, galt sein Haus an der Schlossstraße mit 5 Gulden und 15 Groschen als das am höchsten besteuerte Haus der Stadt. Hinzu kamen noch weitere Häuser in Wittenberg, eines in Gotha und außerdem Ländereien. Nicht alles diente dem Eigenbedarf und den Mieteinnahmen. Cranach kaufte und verkaufte die Gebäude – der gewiefte Unternehmer spekulierte mit seinem Besitz.

Die Jahre zwischen 1510 und 1520 brachten für Lucas Cranach sowohl beruflich als auch privat einschneidende Veränderungen mit sich. Wahrscheinlich hatte er schon seit einigen Jahren ein kleines Haus in Wittenberg besessen. Im Jahr 1512 gehörten ihm dann bereits zwei Häuser am Markt, in denen nach einigen Renovierungsarbeiten von nun an auch seine Werkstatt untergebracht war. Das repräsentative Eckhaus an der Schlossstraße 1, das Cranach 1518 erwarb

Barbara Cranach – Die Frau im Hintergrund Doch die Finanzen waren nicht der einzige Grund, aus dem sich der 40-Jährige entschlossen hatte, seine Unterkunft im Schloss gegen ein eigenes Heim einzutauschen. Lucas Cranach hatte inzwischen geheiratet – wann genau in den Jahren zwischen 1510 und 1512 ist allerdings unbekannt. 15


Wie sich das Paar kennenlernte, lässt sich ebenfalls nur vermuten. Die etwa 25-jährige Barbara Brengebier war die Tochter des Gothaer Ratsherrn Jobst Brengebier und seiner Frau Katharina. Barbara hatte Verwandte in Wittenberg, Cranach besuchte des Öfteren seinen Bekannten, den Humanisten Konrad Mutian, in Gotha. So werden sie sich in Wittenberg oder Gotha wohl irgendwann über den Weg gelaufen sein. Der angesehene und inzwischen vermögende Künstler war trotz seines fortgeschrittenen Alters eine gute Partie für die Ratsherrentochter, die sicher nicht geringe Ansprüche stellte – finanzielle Sorgen hatte sie zeit ihres Lebens nicht. Von der Wittenberger Gesellschaft scheint sich Barbara weder im positiven noch im negativen Sinne besonders abge­ hoben zu haben. Es existieren jedenfalls kaum Berichte über sie. Mehrfach findet man allerdings Notizen darüber, dass Bar­ bara recht hohe Geldbeträge für wohltätige Zwecke spendete. Vermutlich hatte sie alle Hände voll zu tun, um den großen Cranach’schen Haushalt zu organisieren. Außerdem waren die Geschäfte zu beaufsichtigen, während ihr Mann abwesend war. Da galt es für Kleidung und Wäsche zu sorgen, die Bediensteten zu instruieren und nicht nur die Familie, sondern auch Mitarbeiter und Gäste zu bewirten. So wohnte und arbeitete zum Beispiel Cranachs jüngerer Bruder Matthias um 1512 für einige Zeit bei ihnen in Wittenberg. Später nahmen sie die entlaufene Nonne Katharina von Bora bei sich auf, die wahrscheinlich bei Barbara gelernt hat, wie man einen städtischen Haushalt führt. Und sogar der aus Dänemark vertriebene König Christian II., der mit Friedrich dem Weisen verschwägert war, kam für einige Tage bei den Cranachs unter. Keine leichte Aufgabe, da immer den Überblick zu behalten, zumal Barbara ja auch noch ihre fünf Kinder zu versorgen hatte. Zwei Söhne und drei Töchter be16

kam sie mit Lucas. Hans und Lucas d. J. waren die ersten, es folgten Ursula, Barbara und schließlich mit größerem Abstand die jüngste Tochter Anna. Ein wenig verwundert es dann doch, dass kaum etwas Persönliches über die Frau des berühmten Malers überliefert ist. Nicht einmal ein Porträt von ihr scheint zu existieren, obwohl ihr Mann unzählige andere Frauenporträts schuf. War Barbara zu zurückhaltend, um sich auf einem Bild verewigen zu lassen oder einfach nicht schön genug, wie manchmal vermutet wird? Wir wissen es nicht. Als sie 1540 starb, ließ Lucas Cranach ein Trauergedicht verfassen, doch auch dort begegnen einem eher hölzerne Formulierungen: »Du warst der Mittelpunkt ihres Herzens, wie sie ein Teil deines Lebens war«, heißt es da zum Beispiel. Barbara Cranach bleibt die Frau im Hintergrund.

Die Söhne Auch über das Leben des erstgeborenen Cranach-Sohnes ist nicht viel bekannt. Genau wie sein jüngerer Bruder Lucas begann der um 1513 geborene Hans im Alter von etwa 14 Jahren eine Lehre in der väterlichen Werkstatt. Ob dies von Anfang an so vorgesehen war, ist nicht sicher. Denn 1517 hatten seine Eltern ihn, wie damals üblich, vorzeitig an der Universität Wittenberg einschreiben lassen. Vielleicht zeigte Hans dann aber doch so viel Interesse und Begabung für die Arbeit des Vaters, dass dieser ihn stattdessen in die Lehre nahm. Nachgesagt wurden ihm jedenfalls Talent und Schaffenskraft; an den wenigen, ihm sicher zuweisbaren Werken lässt sich das aber nicht unbedingt ablesen. 1537 trat Hans eine Studienreise nach Italien an. Das Skizzenbuch, das er auf dieser Reise mit sich führte, ist überlie-

fert. Es gibt einen sehr persönlichen Einblick in seine Er­­leb­nisse. In ungeordneter Form finden sich darin Landschaftsskizzen, Porträts, Sinnsprüche und andere Aufzeich­­­ nungen. Das Büchlein zeigt die Eindrücke eines jungen, in der väterlichen Kunst sorgfältig geschulten Mannes, der seine innere Festigkeit jedoch noch nicht gefunden hatte. Hans Cranach sollte nie nach Hause zurückkehren. Am 10. Oktober desselben Jahres starb er in Bologna an einer fiebrigen Erkrankung. Der Tod des ältesten Kindes, das zuvor schon recht selbstständig in der Werkstatt mitgearbeitete hatte, war ein schwerer Schicksalsschlag für die Cranachs und ihren ganzen Betrieb. In diesem Jahr änderte sich auch die in der Werkstatt verwendete Signatur: Die Schlange mit ihren ehemals nach oben ragenden Fledermausflügeln bekam nun eher liegende Vogelflügel. Ob dies auf die nun verstärkte Mitarbeit Lucas des Jüngeren schließen lässt, oder aus Trauer um den toten Sohn geschah, ist strittig. Sicher scheint, das Jahr 1537 sollte der Familie einen tiefen Einschnitt bescheren. Der zweite Sohn der Cranachs kam am 4. Oktober 1515 zur Welt und erhielt den gleichen Namen wie der Vater. Auch er lernte früh in dessen Betrieb. Anders als sein Bruder, in dessen wenigen erhaltenen Werken auch individuelle Züge zu erkennen sind, passte sich Lucas der Jüngere dem väterlichen Werkstattstil so perfekt an, dass es heute schwierig ist, seinen Anteil an den Cranach’schen Werken der gemeinsamen Schaffenszeit auszumachen. Nach dem Tod seines Bruders, war er es, der den Vater vertrat, wenn er abwesend war, und der die Werkstatt einmal übernehmen sollte.

Im Zentrum des Geschehens Während Lucas Cranach noch mit seiner Familiengründung und dem Ausbau seines Betriebes beschäftigt war – in diesen Jahren begann er, auch Aufträge außerhalb des kurfürstlichen Hofes anzunehmen –, wurde das kleine Wittenberg zum Zentrum religiöser Umbrüche. Auslöser war Martin Luthers Kritik am ausufernden Ablasshandel. Nachdem ein Mensch in der Beichte die Vergebung seiner Sünden zugesagt bekommen hat, erwartete ihn nach katholischer Vorstellung nach seinem Tod zwar nicht die Hölle, aber zeitlich befristete Sündenstrafen im Fegefeuer drohten ihm trotzdem. Diese Strafzeit ließ sich jedoch durch von der Kirche vergebene Ablässe verkürzen. Um einen Ablass zu erhalten, mussten meist fromme Werke, beispielsweise eine Wallfahrt oder bestimmte Gebete, vollbracht werden. Ist alles ordentlich vonstatten gegangen, konnte die Kirche den erhaltenen Ablass in einem Ablassbrief bestätigen. Seit dem Spätmittelalter hatte sich die Unsitte ausgebreitet, solche Ablassbriefe gegen eine »Geldspende« zu verteilen. Mit der Angst der Menschen vor dem Fegefeuer ließ sich einiges verdienen. Ungeheure Geldmengen wurden nach Rom gelenkt, unter anderem zum Bau des Petersdoms. Aber auch deutsche Kardinäle finanzierten damit ihren ausschweifenden Lebensstil. Kardinal Albrecht von Brandenburg beispielsweise waren vom Papst gegen das Kirchenrecht mehrere Bistümer verliehen worden. Dafür musste er hohe Strafsummen zahlen. Kurzerhand wurde also der Dominikanermönch Johann Tetzel mit dem Ablasshandel beauftragt. Die Hälfte der Einnahmen ging nach Rom, mit der anderen Hälfte tilgte der Kardinal seine Schulden. Diese Ablasspraxis kritisierte Luther in seinen 95 Thesen. Auf seiner Romreise 1510 hatte er erlebt, für welchen Prunk 17


1527 malte Lucas Cranach d. Ä. Kardinal Albrecht von Brandenburg als Heiligen Hieronymus

das über die Ablässe eingenommene Geld ausgegeben wurde. Außerdem war er inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass man Gott nicht erst mit guten Werken bestechen müsse, damit er Gnade walten lasse. Cranach kannte Luther schon seit einigen Jahren und wird die Geschehnisse gebannt mitverfolgt haben. Nicht nur, weil er mit Luther befreundet war, sondern auch, weil sich für seine Karriere ganz neue Möglichkeiten auftaten, als Wittenberg plötzlich zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses wurde. Schnell stand er der Sache Luthers mit seinem Betrieb zur Seite. Er lieferte Illustrationen zur Bibelübersetzung Luthers, reformatorische Flugblätter, Luther­porträts und protestantische Lehrbilder und war später sogar Inhaber einer Druckerei, in der Luthers Schriften gedruckt wurden. Ob Barbara seine Entscheidung, Luthers Ideen zu unterstützen, sofort mitgetragen hat, oder ob sie sich um mögliche Konsequenzen sorgte, lässt sich nicht sagen. Nur wenig später jedenfalls scheint die ganze Familie Cranach schon fest im protestantischen Glauben verwurzelt, was Lucas jedoch nicht davon abhielt, weiterhin auch Aufträge von katholischer Seite anzunehmen.

1.4 Kunst im Schnellverfahren 1522 kam es in Wittenberg zu heftigen Unruhen, die im von Andreas Karlstadt angezettelten Bildersturm endeten. Luther kehrte nach Wittenberg zurück und rief mit seinen Invokavitpredigten zur Ordnung auf. Karlstadt verließ Wittenberg in Richtung Schweiz. Kurfürst Friedrich der Weise starb 1525, sein Nachfolger Johann der Beständige übernahm Cranach als Hofmaler. Im gleichen Jahr erschütterte der Bauernkrieg das Land von Öster18

reich bis nach Sachsen. Luther sprach den Bauern das Recht ab, sich in ihren Anliegen auf die Bibel zu berufen. In der Entscheidungsschlacht bei Frankenhausen starben 6000 Aufständische. Im Juni heiratete Luther die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Für den von Kaiser Karl V. geleiteten Augsburger Reichstag verfasste Philipp Melanchthon 1530 als Rechtfertigungsschrift das »Augsburger Bekenntnis«.

Ob Lucas Cranach wohl Zeit hatte, seine Kinder aufwachsen zu sehen, ihnen persönlich etwas beizubringen? Oder hat er die Erziehung und Ausbildung vor allem Barbara und seinen Mitarbeitern überlassen? Die unzähligen Tätigkeiten, denen Cranach neben der Malerei noch nachging, lassen zumindest vermuten, dass für Müßiggang in dieser Familie nur selten Zeit war. In den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts verschaffte Cranach nicht nur seiner Werkstatt eine Monopolstellung weit über Wittenberg hinaus, sondern zeigte sich auch auf anderen Gebieten als äußerst erfolgreicher Geschäftsmann und Bürger der Stadt. Mit dem Kauf eines seiner Wittenberger Häuser war das Recht, eine Apotheke führen zu dürfen, auf Lucas Cranach übergegangen. Auch ein Schankrecht für Wein gehörte dazu. 1520 ließ er sich dies noch einmal bestätigen und führte fortan die einzige Apotheke der Stadt. Völlig abwegig war das nicht, denn Künstler stellten ihre Farben damals selbst her, was vom Mischen von Arzneien oder der Herstellung von Tinte, Siegelwachs und Ölen, die damals ebenso in Apotheken vertrieben wurden wie Gewürze und Zucker, nicht so weit entfernt war. Die an die Apotheke angeschlossene Weinschenke war nach dem Ratskeller die zweitgrößte Schenke in Wittenberg und belieferte auch den kurfürstlichen Hof. Als Leipzig aufgrund des Verbots der Verbreitung lutherischer Schriften als Druckort ausfiel, witterte Cranach ein neues Geschäft und gründete gemeinsam mit dem Goldschmied Christian Döring eine Druckerei in Wittenberg. Im Verlag der beiden erschien im September 1522 Luthers Übersetzung des neuen Testaments. Die Druckerei erwies sich allerdings als nicht besonders lukrativ, so dass Cranach seine Anteile bald an Christan Döring abtrat. Daneben betrieb Cranach bis 1533 einen Buchhandel, der

auch das Geschäft mit Papier einschloss. Cranach lieferte Bücher nicht nur an den Wittenberger Hof, sondern auch an den Herzog von Preußen nach Königsberg. Seit 1519 hatte der erfolgreiche Geschäftsmann, der bei der Steuererhebung 1528 als reichster Grundbesitzer der Stadt galt, auch politische Ämter inne. Mehrfach war er Ratsherr und Kämmerer, ab 1537 wurde er dreimal zum Bürgermeister gewählt, später dreimal zum Altbürgermeister ernannt.

Lob der Schnelligkeit Trotz der zahlreichen Betätigungsfelder erstaunte Cranach seine Zeitgenossen immer wieder durch die Schnelligkeit, mit der seine Werkstatt auf Aufträge reagieren konnte. »Nicht übergehen kann ich jedoch, dass […] Dich jedermann wegen der wunderbaren Schnelligkeit lobt, mit der Du malst und durch die Du nicht nur dem Nicomachus oder Marcia, sondern allen Malern überlegen bist; welche Schnelligkeit Du nach meinem Dafürhalten, durch fortwährendes Studium und beständigen Fleiß Dir erworben hast«, schrieb Christoph Scheurl schon 1509 in seinem Widmungsbrief. Diese Produktivität hat nie nachgelassen. Cranach arbeitete inzwischen auch für Wittenberger Bürger und benachbarte Fürsten. Zu seiner Zeit war eine solche Monopolstellung einzigartig. Mehr als 5000 Gemälde sollen die Werkstatt insgesamt verlassen haben; zirka 1000 sind heute noch erhalten. Allein die Menge an Lutherporträts, die dort entstanden sein muss, ist beachtlich. Auch sein routiniert-bewegter Zeichenstil zeugt davon, dass Cranach wohl kein Mann war, der sich gerne lange mit Einzelheiten aufgehalten hat. Selten scheint er geruht zu haben, immer schon mit den nächsten Ideen und Optimierungsmöglichkeiten beschäftigt. 19


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